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Soziologisches Institut Übersicht der Präsentationen P0 Einführungspräsentation P1 Der Wertbegriff in den empirischen Sozialwissenschaften P2 Werttheorie.

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Präsentation zum Thema: "Soziologisches Institut Übersicht der Präsentationen P0 Einführungspräsentation P1 Der Wertbegriff in den empirischen Sozialwissenschaften P2 Werttheorie."—  Präsentation transkript:

1 Soziologisches Institut Übersicht der Präsentationen P0 Einführungspräsentation P1 Der Wertbegriff in den empirischen Sozialwissenschaften P2 Werttheorie bei soziologischen Klassikern P3 Sozialwiss. Wertewandelstheorien I: Werteverfallsansatz P4 Sozialwiss. Wertewandelstheorien II: Postmodernisierungsansatz P5 Sozialwiss. Wertewandelstheorien III: Wertsynthese-Ansatz P6 Die Entwicklung eines Kreismodells menschlicher Werte P7 Arbeitswerte als meistuntersuchte Wertgruppe P8 Method. Herausforderungen und Alternativen der Wertforschung P9 Der Wert bei Luhmann und Habermas Begriffsklärung Statische Werttheorie Dynamische Werttheorie Methodologie Empirie Berührte Aspekte der Wertforschung

2 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas2 Niklas Luhmann ( ) Auseinandersetzung des zeitweiligen Parsons-Schülers Luhmann mit dem Wertphänomen unter anderem im Rahmen der Monografien "Zweckbegriff und Systemrationalität" (1968) und "Soziale Systeme" (1984); ferner in Beiträgen seiner "Soziologischen Aufklärung" (insbesondere Bände 3 und 6) Luhmanns "skeptische" Generation hat den Untergang des (nationalsozialistischen) Systems erlebt, in das sie hineinsozialisiert wurde, aber anschliessend auch das deutsche "Wirtschaftswunder". Über welche Verbindungen dieser Fakten mit Luhmanns Anerkennung von Systemfortbestand und fortschreitender Ausdifferenzierung als Selbstzwecken liesse sich diskutieren?

3 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas3 Luhmann: Theoretischer Vergleich mit Parsons geteilte Ansicht, dass Systemtheorien (mit ihrem Fokus auf sozialer Regelung und Stabilität statt auf sozialem Wandel) die fortschrittlicheren soziologischen Theorien sind (Luhmann 1973: 151) ABER: noch funktionalistischere Sichtweise auf soziale Phänomene Bedeutungsverminderung des Wertes (und damit eines Kultursystems) für die Funktionsfähigkeit sozialer Systeme Dynamischere Auffassung von Wertsystemen (unter dem Eindruck der 1960er Jahre kaum zu vermeiden) Eigenlogik sozialer Systeme ausser an Selbsterhalt (Umweltabgrenzung) interessiert an: - Komplexitätsreduktion (in Bezug auf die Umwelt) - fortschreitender Ausdifferenzierung (in Bezug auf sich selbst)

4 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas4 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Innovative Grundlagen der Abhandlung Analytischer Fokus auf der sozialen Mesoebene - entsprechend der steten Bedeutungszunahme organisationalen Handelns in modernen Gesellschaften Aufgegebene Vorstellung, dass grösstmögliche Harmonie individueller und kollektiver Zwecksetzungen ein Grunderfordernis für Leistungen sozialer Systeme sei - solche Harmonie ist vielmehr atypisch und weitgehend unerforderlich Auffassung eines in der Gegenwart überschätzten Zweck- oder Zielprinzips beim sozialen Handeln, welches Folge einer spezifischen Art des Kausaldenkens ist, an das sich der moderne Mensch allzu sehr gewöhnt hat (obwohl es gerade der Operationsweise komplexer Handlungssysteme wenig gerecht wird)

5 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas5 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Leistung und Leistungsgrenzen von Werten und Zwecken Auffassung von Zwecken als "vorgestellte wertvolle Wirkungen, deren Verwirklichung problematisch ist" Werte und Zwecke will Luhmann nicht erklären - er will verstehen, "was sie leisten" (= radikal funktionalistischer Zugang) Wichtigste Leistung von Werten und Zwecken: Reduktion von Unendlichkeit, Strukturierung des Handlungshorizontes Mit ihrer Reduktions- und Strukturierungsleistung können Werte und Zwecke die volle Sinnbedeutung eines Ereignisses jedoch nicht ausschöpfen und erfordern eine Kausalauffassung des Handelns moderne Kausalauffassung des Handelns (nach Luhmann): Handeln als Bewirken (einzelner, bestimmter) Wirkungen; Zweck der Handlung in der Zukunft antike Telos -Auffassung des Handelns (nach Luhmann): Handeln als Teil eines Kreislaufs; Zweck der Handlung in ihrem Vollzug

6 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas6 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Leistung und Leistungsgrenzen von Werten und Zwecken Werte erheben den Anspruch, unabhängig vom faktischen Ergebnis der durch sie motivierten Handlungen zu gelten, ermöglichen aber nur mittels zusätzlicher Entscheidungshilfen die Selektion einer Handlungsvariante gegenüber den Handlungsalternativen: Entscheidungshilfe Transitive Ordnung (Rangordnung der Werte untereinander) Bsp. 1. Freiheit 2. Gleicheit 3. Sicherheit... Unzulänglichkeit der Entscheidungshilfe: Rangordnung ändert sich abhängig vom Befriedigungsstand der Werte ständig! Entscheidungshilfe Zweck-Mittel-Schema (Unterscheidung von Zwecken und blossen Mitteln) Bsp. (Mittel:) (Zweck:) Einkommensgleichheit Sicherheit vor Kriminalität Sicherheit vor Kriminalität Freiheit von Angst... Unzulänglichkeit der Entscheidungshilfe: Strenge Zweck-Mittel-Unterscheidung unmöglich, d.h. in der Praxis ein Akt opportunistischer Willkür!

7 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas7 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Schlüsse aus den Defiziten moderner Zweckrationalität Realität einer 'alternierenden Wertbedienung' akzeptieren statt Suche nach allgemeiner Wertordnung: Elastizität des Handelns bewahren Vorstellung aufgeben, der Bestand sozialer Systeme sei nur 'Mittel' zu einem Systemzweck Zweck muss Variable, Programmform sowie das Produkt statt nur die Prämisse von Entscheidungsprozessen werden können Einfache Organisation (z.B. Verein) Komplexe Organisation (z.B. Grossbetrieb) Einzelner vorgegebener Systemzweck Vielzahl variabler Systemzwecke

8 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas8 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Die Organisation jenseits hergebrachter Zweckrationalität motiviert ihre Mitarbeiter mit Hilfe der Motivationspsychologie unabhängig von einem konstanten Wozu (= Zunehmende Differenzierung des Motivs vom Zweck) stellt Konsens oft leichter über 'Mittel' als über 'Endzwecke' her nutzt 'Endzwecke' als flexible Kompromissformeln der Koalition ist sich bewusst, dass exzessive Zweckloyalität ihrer Mitglieder deren Organisationsloyalität tangieren und den Systemzweck immobilisieren kann ist sich bewusst, dass zu viel Zweckreinheit im Handeln und im Ausdruck die Zweckerreichung hemmen kann [vgl. Max Webers 'wertrationales Handeln'!] versucht ihre Mitglieder auf eine Dienstideologie oder stark verallgemeinerte professionelle Ethik (die einen Konsens der Mittel fördert) zu verpflichten, um sich innere Differenzierungsfähigkeit und äussere Adaptivität zu sichern

9 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas9 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Verhältnis der Luhmannschen Abhandlung zum Opportunismus Luhmanns Abhandlung kehrt eingeschliffene Zuordnungsroutinen zu den Kategorien Zweck und Mittel in potenziell provokativer Weise um Luhmann weckt Zweifel, ob wir das, was wir auf Ebene einfacher Handlungssysteme als (zynischen) Opportunismus abzuurteilen gewohnt sind, auch auf Ebene komplexer Handlungssysteme noch so betrachten können Nach Luhmann ist der reine Opportunismus 'ein praktisch kaum zu erreichendes Ideal' - kaum zu erreichen, da er Anforderungen der Systembildung widerspricht (Umweltabgrenzung!) ' Bestandesformel' (reiner, in weitere Ausdifferenzierung mündender Fortbestand eines Systems ausreichender 'Endzweck' seines Operierens) ist komplexen Sozialsystemen adäquater als 'Zweckformel' (System soll einem bestimmten Fernziel zustreben)

10 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas10 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Verhältnis der Luhmannschen Abhandlung zum Opportunismus Die (komplexitätsreduzierende) Funktionalität der Werte und Zwecke wird nicht geleugnet, sondern sogar in mehrfache Unterfunktionen aufgeschlüsselt - aber auf Ebene der sozialen Systeme geht sie in der Bestandesfunktion auf (ähnlich wie bei Parsons) Systemtheoretische Arbeit mit der 'Bestandesformel' eröffnet Berührungsbereich zwischen der Soziologie und der Kybernetik Aus kybernetischer Sicht ist der Zweck ein Regelungsziel. Man stelle sich einen durstigen Wüstenwanderer vor, der sein ganzes Wasser schon aufgebraucht hat. Während er sich der rettenden Ortschaft nähert, erlebt er intensive Visionen extremen Getränkekonsums. Sie legen den Gedanken nahe, Getränke seien allgemein in grosser Menge zu konsumieren und eigneten sich als letzte Lebensziele, beziehungsweise höchste Werte. Tatsächlich erschöpft sich aber die Funktion der Visionen im möglichst rasch erreichten Regelungsziel eines bezüglich vielfältiger Parameter wieder 'eingemitteten' Organismus.

11 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas11 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Kritische Fragen (I): Bedeutungsauslagerungen Luhmanns zur grösstmöglichen Vermeidung eines sozial bedeutenden Wertbegriffs? WERT SINN ZWECK Typischer sozialwissenschaftl. Wertbegriff anerkennt 'weite' Bedeutungskomponenten der Stiftung von Identität und nachhaltiger Grundorientierung UND 'enge' Bedeutungs- komponenten der Stiftung spezifischer Handlungsziele analog dazu können Wertsysteme als weder beliebig wandelbar noch absolut festgefügt gelten Luhmanns Sinnbegriff: sehr universell, absorbiert viel Beunruhigungspotenzial weiter Wertbedeutungen Luhmanns Zweckbegriff: über weite Strecken als Ersatzbegriff bei der Abhandlung von Wert- problemen genutzt (begünstigt durch hohen Stellenwert des Zwecks in der deutschen Handlungs- soziologie seit Max Weber) Auslagerung weiter Wertbedeutungen Auslagerung enger Wertbedeutungen

12 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas12 Luhmann: Zweckbegriff und Systemrationalität (1968) Kritische Fragen (II): Könnte es auch als Teil eines kybernetischen Prozesses betrachtet werden, dass soziale Systeme nach Krisen wie dem weitgehenden Zusammenbruch in einem totalen Krieg Kohorten hervorbringen, die den reinen Fortbestand von Dingen mehr oder weniger bewusst als besonders hochrangigen, seiner Natur nach nicht konsumierbaren Wert verinnerlicht haben (und damit zum Wiederaufbau und seiner Konsolidierung beitragen)? Falls ja, hätte man es dabei eher mit einem hochentwickelten (früh reagierenden, antizipierenden) oder primitiven (spät reagierenden, rein reaktiven) Regelprozess zu tun? Aus der Verlagswerbung eines Frankfurter Nachkriegs-Romans: [...], als die Nazis noch in ihren Löchern steckten und die von den amerikanischen Besatzungssoldaten befohlene Demokratie sich auf den Kampf um´s Überleben beschränkte. "Leben - nur leben..." hieß die Parole.

13 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas13 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) Der Wert als eine von vier Erwartungen bündelnde Identitäten zunehmende Abstraktheit 1. Personen 4. Werte 3. Programme 2. Rollen

14 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas14 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) 1. Bündelung von Erwartungen: Personen [Anm.: altgriech. Prospón = Maske] Gesellschaft differenziert Personalität zur Bündelung von Erwartungszusammenhängen aus Personen binden mit Hilfe ihres psychischen Systems und ihres Körpers Selbst- und Fremderwartungen an sich je breiter das individualisierte Spektrum von Erwartungen, umso komplexer die Person Unterscheidung der Person vom psychischen System erlaubt der Soziologie Aussagen zu Aufrichtigkeit und Authentizität Persönlichkeitsmuster sind kopierbar - mit dennoch unverwechselbaren Resultaten, da ein Personmodell immer in ein schon einmaliges psychisches System kopiert wird

15 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas15 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) 2. Bündelung von Erwartungen: Rollen Rolle als bereits abstraktere Bündelung von Erwartungszusammenhängen im Vergleich zur Person Rolle ist dem Umfang nach auf das zugeschnitten, was ein Einzelmensch leisten kann, aber: - spezieller als die Person: es geht immer nur um einen Ausschnitt menschlichen Verhaltens - allgemeiner als die Person: der Verhaltensausschnitt kann von vielen auswechselbaren Menschen wahrgenommen werden (Beispiel Berufsrollen) Differenz Person-Rolle ist mit zunehmender Komplexität der Gesellschaft immer wichtiger geworden (besonders in formalen Organisationen, wo für optimale Wirkungen beide Kontaktnetze erforderlich sind)

16 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas16 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) 3. Bündelung von Erwartungen: Programme Programme sind noch abstraktere Bündelungen von Erwartungszusammenhängen als Rollen, indem sie nicht mehr an die Verhaltensmöglichkeiten eines einzelnen Menschen gebunden sind Programme sind ein Komplex von Bedingungen der Richtigkeit (sozialen Annehmbarkeit) des Verhaltens Die Programmebene verselbständigt sich gegenüber der Rollenebene, wenn das Verhalten von mehr als einer Person erwartbar gemacht werden muss

17 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas17 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) 4. Bündelung von Erwartungen: Werte Werte sind die abstrakteste Bündelung von Erwartungszusammenhängen: man muss bei ihnen auch noch auf Richtigkeitsfeststellungen für bestimmtes Verhalten verzichten Werte sind allgemeine, einzeln symbolisierte Gesichtspunkte des Vorziehens von Zuständen oder Ereignissen Um aus Werten Information über richtiges Verhalten zu gewinnen, muss man sie in eine Rangordnung bringen

18 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas18 Luhmann: Soziale Systeme - Struktur und Zeit (1984) Entwicklungstendenz bei den vier Erwartungsbündelungen (Werte sind somit beweglicher geworden, weil das Gewicht einer essentiellen Funktion für das Sozialsystem weniger auf ihnen lastet als auch schon.) 4. Werte 3. Programme Rollen und Programme tragen - mit ihrer hierfür nötigen mittleren Abstraktheit und besonderen Relevanz für Organisationen - immer mehr die Komplexität bezw. weitere Ausdifferenzierung der Gesellschaft. Das Persönliche wird immer freier für Individualisierung, Werte werden immer freier für Ideologisierung - und gemeinsam suchen sie neue Arten von Symbiosen, die in Wertewandel und Individualisierung sichtbar werden. An der grossen Bedeutung der Rollen und Programme in modernen Gesellschaften können sie dabei kaum etwas ändern. 1. Personen 2. Rollen

19 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas19 Jürgen Habermas (geb. 1929) Auseinandersetzung mit Werten, Normen, Handlung und Moral unter anderem im Rahmen seiner "Theorie des kommunikativen Handelns" (1981), seiner "Erläuterungen zur Diskursethik" (1991) und seiner rechtssoziologischen Monografie "Faktizität und Geltung" (1992) Habermas weicht von seinem grosstheoretischen 'Widersacher' Luhmann bezüglich Werten in der modernen Gesellschaft vor allem in dem Punkt ab, dass er die Funktionen (teleologisch verstandener) Wertrationalität aus einer normativen Perspektive begrenzen möchte während Luhmann aus einer deskriptiven Perspektive heraus eine solche Funktionsbegrenzung (zugunsten systemischer und organisationaler Imperative) eher nur konstatiert. Habermas distanziert sich von der Wertrationalität eher in Richtung verbindlichen Rechts, Luhmann eher in Richtung bewahrter Systemflexibilität.

20 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas20 Habermas zu Werten, Normen, Handlung und Moral Theoriegeschichtliche Wurzeln der Habermas'schen Position Philosophische Theorie: (Habermas 1992: 190; 1991: 81) Deontologische Tradition in der Moraltheorie, welche moralische Gebote von vornherein einer teleologischen Deutung entziehen möchte. griech. Deon = Pflichtgriech. Telos = Ziel, Sinn Wichtigster Inhalt: Immanuel Kants Kategorischer Imperativ Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könn[t]e. (Kant 1980 [1788]: 53) Soziologische Theorie: Auf Emile Durkheim rückführbare Tradition, die einen vom Wert relativ unabhängigen, eigenständigen sozialintegrativen Nutzen in der (moralischen) Norm oder Regel erblickt. (vgl. Durkheim 1967 [1893]: )

21 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas21 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) Vier Typen des Handelns: (1) Teleologisches Handeln setzt Beziehungen zwischen einem Handelnden und einer Welt existierender Sachverhalte voraus ('objektive Welt') der Handelnde versucht das, was in der Welt der Fall ist, mit seinen Wahrnehmungen und Meinungen in Übereinstimmung zu bringen - oder umgekehrt; seinen Erfolg dabei kann ein Dritter mit 'wahr' oder 'falsch', 'erzielt' oder 'verfehlt', d.h. Kriterien der Wahrheit und Wirksamkeit beurteilen der Handelnde verwirklicht einen Zweck oder bewirkt das Eintreten eines erwünschten Zustands durch Wahl und Anwendung der erfolgversprechenden Mittel der Handelnde entscheidet zwischen Handlungsalternativen teleologisches Handeln erweitert sich zu strategischem Handeln, wenn in das Erfolgskalkül des Handelnden die Erwartung von Entscheidungen mindestens eines weiteren zielgerichtet Handelnden eingeht

22 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas22 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) Vier Typen des Handelns: (2) Normenreguliertes Handeln setzt Beziehungen zwischen einem Handelnden und zwei Welten voraus: der objektiven und der sozialen Welt kan n auf normative Richtigkeit hin geprüft werden, soweit die betroffenen Normen in einer Situation Geltung haben, das heisst von den Normenadressaten anerkannt sind drückt in einer sozialen Gruppe bestehendes Einverständnis aus bedeutet die Erfüllung einer generalisierten Verhaltenserwartung ist nicht identisch mit an kulturellen Werten orientiertem Handeln, insofern diese für eine Verkörperung in geltenden Normen lediglich kandidieren, d.h. im Hinblick auf eine regelbedürftige Materie allgemeine Verbindlichkeit erst erlangen können liegt zum normativen Handlungsmodell generalisiert der soziologischen Rollentheorie zugrunde

23 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas23 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) Vier Typen des Handelns: (3) Dramaturgisches Handeln setzt Beziehungen zwischen einem Handelnden und zwei Welten voraus: der objektiven und der subjektiven Welt findet statt durch einen Einblick in seine Subjektivität gebenden Handelnden vor einem Publikum wirft die Frage nach der Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit oder Authentizität des Handelnden auf, insofern er versuchen kann, sein Publikum bezüglich seiner Innenwelt zu täuschen sitzt oft einer Struktur zielgerichteten Handelns 'parasitär' auf, z.B. wenn Arbeitende ihre Tätigkeit in 'stilisierter' Weise ausüben Erfordert das Sichverhalten eines Handelnden zu seiner eigenen subjektiven Welt Kritische Stellungnahme des Charles-Wright-Songs 'Express Yourself' zum dramaturgischen Handeln: "Its not what you look like when youre doing what youre doing; its what youre doing when youre doing what you look like youre doing..."

24 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas24 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) Vier Typen des Handelns: (4) Kommunikatives Handeln setzt Beziehungen zwischen mindestens zwei sprach- und handlungsfähigen Subjekten voraus bezieht sich gleichzeitg auf etwas in der objektiven, sozialen und subjektiven Welt hat den Anspruch einer Suche nach Verständigung der Handelnden über konsensfähige Situationsdefinitionen und die einvernehmliche Koordination von Handlungen setzt Sprache als ein Medium unverkürzter Verständigung voraus - im Gegensatz zur Sprache als reinem Einwirkungsmittel (teleologisches H.), als reinem Mittel zur Reproduktion eines bereits bestehenden Konsens (normenreguliertes H.) oder als reinem Mittel der Selbstinszenierung (dramaturgisches H.) ist im Verständnis Habermas' als einziger Handlungstyp nicht zweckrational bezw. erfolgsorientiert (d.h. das Ziel der Verständigung gilt ihm nicht als 'Zweck' oder 'Erfolg')

25 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas25 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns (1981) Vier Typen des Handelns: Kriterienunterschied zu Max Weber Max Weber nutzt als zentrales Kriterium seiner Typologie die Gründe, die das Handeln bestimmen, und hierarchisiert sie nach ihrem (von ihm wahrgenommenen) Gehalt an Rationalität. (Weber 1976 [1922]: 12-13) 1. zweckrationales 2. wertrationales3. affektuelles4. traditionales... Handeln Jürgen Habermas nutzt als zentrale Kriterien seiner Typologie die Welten, auf die sich das Handeln bezieht und die Geltungsansprüche, die sich aus diesen Bezügen ergeben. Er hierarchisiert die Handlungstypen (dichotom) nach ihrer Verständigungsorientierung und der Vielfältigkeit sowie Reflexivität ihres Weltbezugs. (Habermas 1988 [1981]: ) ZUNEHMENDE RATIONALITÄT Handlungsart teleologischnormenreguliertdramaturgisch kommunikativ Geltungsanspruch WahrheitRichtigkeitAufrichtigkeitVerständigung primär. Weltbezug objektive Weltsoziale Weltsubjektive Weltreflexiv auf alle 3 Welten

26 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas26 Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns Handlungstypen: von Weber abweichender Rationalitätsbefund (Habermas 1988 [1981]: ) Habermas' teleologisches Handeln entspricht am ehesten Webers zweck- rationalem Handeln, sein normenreguliertes am ehesten Webers wertrationalem Handeln. Bei Anwendung von Webers zentralem Hierarchisierungskriterium der Rationalität kommt Habermas jedoch zu einem umgekehrten Schluss: 1. zweckrationales 2. wertrationales... Handeln teleologischesnormenreguliertes... Handeln Stärkere Rationalitätsimplikationen normativen Handelns: Der Handelnde muss ausser zur objektiven Welt existierender Sachverhalte als rollenspielendes Subjekt zur sozialen Welt in Beziehung treten können die faktischen von den normativen Bestandteilen seiner Handlungssituation unterscheiden können sich an individuellen und gemeinsamen Werten orientieren können ZUNEHMENDE RATIONALITÄT "STÄRKERE RATIONALITÄTSIMPLIKATIONEN" < WEBER-TYPOLOGIE < HABERMAS-TYPOLOGIE

27 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas27 Habermas: Faktizität und Geltung (1992) Grundsätzliche Unterschiede zwischen Werten und Normen (Habermas 1992: 311) WerteNormen Handlungsbezugteleologisch (Was ist erstrebenswert für mich oder uns?) obligatorisch; deontologisch (Wozu haben wir uns im Interesse aller verpflichtet?) Codierung des Geltungsanspruchs graduell (Wert mehr oder weniger attraktiv) binär (Norm geltend oder nicht geltend) Verbindlichkeitrelativabsolut Kriterien des systemischen Zusammenhangs Konkurrenz um Vorrang; Bildung flexibler Konfigurationen im Wertsystem Widerspruchsfreiheit und Kohärenz im Normensystem (Recht)

28 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas28 Habermas: Faktizität und Geltung (1992) Verfassungsrechtliche Tendenzen westlicher Wohlfahrtsstaaten (Habermas 1992: 200, ) Verfassungsrecht = höchste normative Ebene moderner Rechtsstaaten allmähliche Ablösung liberaler Rechtsordnungen (primärer Schutz der Individuen vor Staatswillkür) durch soziale Rechtsordnungen (aktive staatliche Regulierung der Güterteilhabe sozialer Gruppen) im 20. Jh. Verlust eines selbstverständlich geteilten Orientierungswissens hinter den konkreten Rechtsinhalten aufgrund sichtbarer Koexistenz vonei- nander abweichender (insbes. liberaler vs. sozialer) Rechtsordnungen gewachsene Entscheidungsprobleme der Verfassungsgerichtsbarkeit zum Beispiel in den USA und Deutschland Reaktionsversuch durch zunehmenden Bezug der Verfassungsgerichte auf "Hintergrundnormen", respektive die Vorstellung vom Grundgesetz als einer "konkreten Wertordnung"

29 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas29 Habermas: Faktizität und Geltung (1992) Verfassungsrechtliche Tendenzen westlicher Wohlfahrtsstaaten (Habermas 1992: 200, ; vgl. 1991: 91, 103)) Verfassungsgerichte, die sich als Wertejudikatur begreifen, können beträchtliche Interpretationsspielräume nutzen und werden potenziell zu autoritären, mehrheitsoppostitionellen Instanzen Spielräume der Wertejudikatur werden typischerweise von Beharrungskräften zu nutzenabwägenden Urteilen im Rahmen einer materialen Güterethik und zu Verweisen auf Tradition oder eingebürgerte Gewohnheit genutzt Werte sind im Rahmen dieser Praxis "Ergründungshilfe dessen, was man ist und sein möchte", werden von einer historischen Gemeinschaft in der Bewusstwerdung ihrer authentischen Lebensweise bemüht und weisen primär in die Vergangenheit Demnach hat sich die zunehmende Überlagerung der liberalen Rechtsordnung mit der sozialen nicht nur "fortschrittlich" ausgewirkt. Beharrungskräften in der Justizelite haben sich über den Umweg einer beklagbaren entstandenen Rechtsunsicherheit erweiterte Handlungsspielräume eröffnet.

30 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas30 Habermas: Faktizität und Geltung (1992) Forderungen Habermas' an die Verfassungsgerichtsbarkeit (Habermas 1992: 200, ) Übersetzung eines dominanten kulturellen Wertmusters in konkrete, rechtsverbindliche Normen (wie von Parsons beschrieben) ist weder kompatibel mit dem Rechts- und Normbegriff, noch wünschenswert Rechte dürfen nicht an Werte assimiliert (angeglichen) werden, weshalb auch "Grundrechte" von "Grundwerten" zu trennen sind Auch höchste juristische Ebene sollte sich an der Norm orientieren, die ihre Gültigkeit einem (Minderheiten schützenden) Verallgemeinerungstest verdankt: könnten alle in der Gesellschaft ihre Befolgung wollen? Hauptaufgabe der Justizelite eine prozedurale: Überprüfung der Normentstehung unter den Bedingungen einer massenmedial vermachteten Öffentlichkeit

31 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas31 Habermas: Faktizität und Geltung (1992) Relevante Diskurse der Rechtsschöpfung (Habermas 1992: ; vgl. 1991: ) Für Habermas liegt der eigentliche Akt der Rechtsschöpfung im rationalen Diskurs. Der Unterschied Wert-Norm ist daher auch in einer Ordnung möglicher Diskurse und ihrer Fragen zu berücksichtigen: Pragmatische Diskurse (moralphilosoph. Tradition: Utilitarismus): Fragen geeigneter Mittelwahl bei gegebenen Zielen. Sie werden z.B. unter Gesichtspunkten der Effizienz entschieden. Ethische Diskurse (moralphilosoph. Tradition: aristotelische Ethik): Fragen, was auf lange Sicht gut für uns ist. Sie werden mittels überlieferungsgestützter Rekonstruktionen dessen, was wir sind und in Zukunft sein möchten, entschieden. Moralische Diskurse (moralphilosoph. Tradition: kantische Moraltheorie): Fragen, wie wir unser Zusammenleben im gleichmässigen Interesse aller regeln können. Sie werden unter dem Gesichtspunkt der Verallgemeinerungsfähigkeit entschieden und verbieten es kategorisch, Gerechtigkeit nur als Wert neben anderen Werten zu sehen. Für die juristische Praxis nachzuschalten: Anwendungsdiskurse : weil Fragen der Verallgemeinerungsfähigkeit bei moralischen Diskursen so schwer zu klären sind; Leitprinzip: Angemessenheit. Anwendungsdiskurse ergänzen jeweils Begründungsdiskurse. Juristische Diskurse : zur Prüfung neuen Rechts auf Kohärenz mit dem bestehenden

32 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas32 Habermas zu Werten, Normen, Handlung und Moral Kritikmöglichkeiten Vorrang des Rechts vor dem Wert fragwürdig, insofern - sich alles Recht auch aus Werten (Bsp.: Habermas' Verständigung), nicht aber jeder Wert aus geltendem Recht heraus erklären lässt - Recht eine Verfestigung von Wertvorstellungen darstellt und auf diese somit zu seiner Entstehung angewiesen ist Letztlich willkürliche, rein definitorische Abhebung von Verständigung und Gerechtigkeit von (anderen) Zwecken (durch Nichtbezeichnung als Zwecke, Ziele oder Erfolge) (vgl. Habermas 1988 [1981]: Fig. 14)

33 Soziologisches Institut Der Wert bei Luhmann und Habermas33 Quellenhinweise Durkheim, E. (1967 [1893]). De la division du travail social. Paris: Presses Universitaires de France. Habermas, J. (1988 [1981]). Theorie des Kommunikativen Handelns. Bd. 1: Handlungsrationalität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Habermas, J. (1991). Erläuterungen zur Diskursethik. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Habermas, J. (1992). Faktizität und Geltung: Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Kant, I. (1980 [1788]). Kritik der praktischen Vernunft. Stuttgart: Reclam. Luhmann, N. (1973 [1968]). Zweckbegriff und Systemrationalität. Frankfurt a.M.: Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. Luhmann, N. (1984). Soziale Systeme. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Weber, M. (1976 [1922]). Wirtschaft und Gesellschaft: Grundriss der verstehenden Soziologie. Tübingen: J.C.B. Mohr (Paul Siebeck).


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