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Mitglied der Fachhochschule Ostschweiz FHO www.fhsg.ch © FHS St.Gallen Kompass für wissenschaftliches Arbeiten Lerneinheit Wissenschaftliche Methoden Anleitung.

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1 Mitglied der Fachhochschule Ostschweiz FHO © FHS St.Gallen Kompass für wissenschaftliches Arbeiten Lerneinheit Wissenschaftliche Methoden Anleitung für den Fachbereich Gesundheit Start Zeitaufwand: ca. 20 Minuten

2 Wissenschaftliche Methoden Lernziele Nach dieser Lerneinheit –haben Sie das Basiswissen des wissenschaftlichen Vorgehens –kennen Sie die Grundbegriffe, die Ihnen beim wissenschaftlichen Arbeiten begegnen –sind Sie mit den wichtigsten quantitativen und qualitativen Forschungsansätze und deren Hintergründe vertraut –kennen Sie deren Anwendung anhand von konkreten Beispielen

3 Wissenschaftliche Methoden Inhalt Lernziele Methodologische Grundlagen Quantitativer Forschungsansatz Qualitativer Forschungsansatz Gegenüberstellung der Forschungsansätze Beispiele

4 Wissenschaftliche Methoden Methodologische Grundlagen Das wissenschaftliche Vorgehen wird als Methode bezeichnet. Unter "Methodologie" versteht man die Grundsätze und Ideen, auf denen ForscherInnen ihre Strategien aufbauen. Das konkrete methodische Vorgehen beruht auf wissenschaftstheoretischen Überlegungen. In der Forschung gibt es zwei grosse Ansätze: den quantitativen und den qualitativen Ansatz. In der empirischen Sozialforschung dominierte bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts der quantitative Ansatz. In den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften war traditionsgemäss zunächst der quantitative Ansatz vorherrschend. Mittlerweile hat sowohl der quantitative als auch der qualitative Ansatz seinen berechtigten Platz. Der Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung liegt nicht nur in der Art und Weise, wie Daten gesammelt, ausgewertet und interpretiert werden. Um den Unterschied zwischen qualitativer und quantitativer Forschung zu verstehen, muss man auch das dahinter liegende Wissenschaftsverständnis kennen - also den Denkansatz, der beiden Verfahren zu Grunde liegt.

5 Wissenschaftliche Methoden Quantitativer Forschungsansatz Die Wurzeln der quantitativen Forschung liegen im Positivismus und im kritischen Rationalismus. Sie beruht auf folgenden Vorstellungen: Menschen unterscheiden sich aufgrund biologischer, psychologischer und sozialer Merkmale. Diese Merkmale können unabhängig voneinander oder gleichzeitig von den ForscherInnen erfasst (gemessen, beobachtet etc.) werden. Man versucht "Ausschnitte" eines Menschen zu erfassen, man möchte ein möglichst unabhängiges Bild der Merkmale bekommen, die man erforschen will. Man versucht diese Merkmale einzeln zu betrachten, d. h. man beobachtet nichts als diese Merkmale. Auf diese Weise versucht man ein möglichst "reines" Bild von den Merkmalen zu gewinnen. Man geht davon aus, dass Wahrheit objektive Wirklichkeit ist, die mit den Sinnen erfasst und "gemessen" werden kann.

6 Wissenschaftliche Methoden Quantitativer Forschungsansatz Ziel der quantitativen Forschung ist es, theoretische Annahmen deduktiv zu überprüfen. Quantitative Forschung arbeitet mit objektiven Messungen und Beobachtungen. Zur Datengewinnung werden standardisierte Verfahren und Instrumente (z. B. physikalische Messmethoden, Skalen, Fragebögen etc.) eingesetzt. Die gewonnenen Daten werden dann ebenfalls mittels standardisierter Methoden (= statistischer Tests) ausgewertet. Man versucht die Daten zu berechnen, beispielsweise mithilfe der Statistik signifikante (= statistisch bedeutsame) Beziehungen nachzuweisen. Das Ziel der quantitativen Forschung ist es, allgemeine Aussagen zu machen und davon Gesetzmässigkeiten abzuleiten. Quantitative Forschung ist theoriegeleitet. Sie bedient sich standardisierter Erhebungsmethoden und verwendet statistische Techniken, um Daten auszuwerten. Ihr Ziel ist es, möglichst objektive (von den ForscherInnen unabhängige) numerische Daten (Zahlen) zu produzieren, diese miteinander in Verbindung zu bringen und daraus allgemein gültige Aussagen abzuleiten. Ein Beispiel für quantitative Forschung sehen Sie hier.hier.

7 Wissenschaftliche Methoden Qualitativer Forschungsansatz Hier wird der Mensch ganzheitlich betrachtet. Man geht davon aus, dass Menschen komplexe Wesen sind, die sich durch ihren persönlichen Ausdruck voneinander unterscheiden. Wahrheit ist hier nichts Objektives wie bei den Naturwissenschaften, sondern etwas Subjektives. Wahrheit ist das, was vom Einzelnen wahrgenommen und was von den ForscherInnen mitgeteilt wird. Da jeder Einzelne die Dinge anders wahrnimmt und anders interpretiert, kann es keine objektive Wahrheit geben, die für alle gleich ist. Wahrheit ist auch immer vom Kontext (= Zusammenhang) abhängig. Hier will man die Erfahrungen eines Menschen in seiner natürlichen Umgebung untersuchen und herausfinden, welche Bedeutung sie für ihn haben. Qualitative Forschung will menschliches Erleben aus der Perspektive der Betroffenen wahrnehmen und verstehen.

8 Wissenschaftliche Methoden Qualitativer Forschungsansatz Qualitative Forschung ist daher nicht theoriegeleitet (also nicht deduktiv), sondern beinhaltet ein induktives Vorgehen. Die Datenerhebung ist offen, die Erhebungsinstrumente sind halb- oder nicht standardisiert. "Objektivität" im Sinne der quantitativen (naturwissenschaftlichen) Forschung hat in der qualitativen Forschung keine Bedeutung (obwohl man sich natürlich auch hier bemüht, wissenschaftlich korrekt, d. h. systematisch, unvoreingenommen und reflektiert vorzugehen), weil hier immer die subjektive Sichtweise des Individuums im Vordergrund steht. Die Daten werden ausgewertet, indem man sie interpretiert (interpretative Auswertungsmethoden). Man erhält keine nummerischen Daten, sondern Beschreibungen. Man möchte auch nicht Gesetzmässigkeiten entwickeln und allgemein gültige Aussagen machen. Ziel ist die Entwicklung von Konzepten und Theorien, die vom subjektiven Empfinden ausgehen, die das individuelle Erleben beschreiben. Mit qualitativer Forschung will man Phänomene des menschlichen Erlebens möglichst ganzheitlich und von innen heraus ("subjektiv") erfahren und verstehen.

9 Wissenschaftliche Methoden Beispiel für quantitative Forschung Die FRZM (Fussreflexzonenmassage) wird sowohl zur Förderung des allgemeinen Wohlbefindens als auch zur Linderung und Behandlung von Leiden aller Art empfohlen. Es liegen jedoch keine klinischen Studien vor, die diese Wirkungsweisen überzeugend darstellen können. Annemarie Kesselring und andere wollten mit ihrer Studie diese theoretischen Aussagen über die Wirksamkeit der FRZM überprüfen. Sie gingen dabei deduktiv vor und formulierten folgende Forschungsfragen: Kann die Wirksamkeit von FRZM anhand von fünf Indikatoren (Befinden, Miktion, Stuhlgang, Schmerzzustand und Schlaffähigkeit) bei abdominal Operierten nachgewiesen werden? Gibt es Effekte, die ursprünglich nicht geplant, aber trotzdem vorhanden waren und von den Therapierten als wohltuend oder unangenehm empfunden wurden? Bei der Untersuchung wurden drei Gruppen von abdominal operierten Frauen miteinander verglichen (Gruppe 1 = FRZM, Gruppe 2 = Fussmassage, Gruppe 3 = Gespräch). Zur Messung der Wirksamkeit wurden standardisierte Verfahren eingesetzt. Die Ergebnisse wurden mithilfe der Statistik berechnet. (vgl. Kesselring et al. 1998) Die gestellten Forschungsfragen machen ein quantitatives Vorgehen nötig. Die Arbeit weist alle Kennzeichen einer quantitativen Studie auf: Sie ist theoriegeleitet und deduktiv, es geht darum, zu überprüfen, wie spezifische Interventionen wirken, zur Messung werden standardisierte Verfahren eingesetzt etc.

10 Wissenschaftliche Methoden Beispiel für qualitative Forschung Das Ziel dieser Arbeit war es, ein möglichst vollständiges und detailliertes Bild vom Alltag eines Pflegeheims zu erhalten und das Zusammenleben und Zusammenarbeiten in einem ganzheitlichen Sinne zu erfassen. Die Autorin selbst hat 15 Monate lang in einem Pflegeheim teilnehmende Beobachtungen durchgeführt. Über 50 Gedächtnisprotokolle wurden angelegt: Sie handeln von Arbeitsabläufen, Ereignissen, Gesprächssequenzen etc. Der Schwerpunkt lag auf dem zwischenmenschlichen Miteinander. Ergänzt wurden diese Beobachtungen durch Interviews und Tonbandaufzeichnungen der Schichtübergaben. Aus diesem Datenmaterial wurden Themenschwerpunkte herausgearbeitet und Kategorien gebildet. Immer wiederkehrenden Ereignisse wurden herausgelöst und analysiert. Die Zielsetzung dieser Arbeit verlangt ein induktives Vorgehen. Schon in der Fragestellung ist der qualitative Ansatz enthalten. Die Offenheit im Vorgehen und der Einsatz wenig strukturierter Methoden zur Datenerhebung (z. B. teilnehmende Beobachtung), die Arbeit direkt im Forschungsfeld und die Auswertung der Daten mit interpretativen Methoden sind charakteristisch für eine qualitative Forschungsarbeit. Quelle: Studie "Fremde Welt Pflegeheim von Koch-Straube 1997.

11 Wissenschaftliche Methoden Wichtige qualitative Methoden Phänomenologie Grounded Theory Ethnografie Historische Methode Sie werden im Folgenden im Überblick dargestellt.

12 Wissenschaftliche Methoden Phänomenologie Diese Methode hat ihren Ursprung in der Philosophie und baut vor allem auf die Werke von Edmund Husserl, Martin Heidegger und Jean-Paul Sartre auf. Phänomenologie kann übersetzt werden als die Lehre von den konkreten Erscheinungen. Hier werden die Dinge, die Phänomene so untersucht, wie sie erscheinen. Das Wesen der Dinge soll aufgedeckt werden. Das Ziel der Phänomenologie ist es, die Erfahrungen und Erlebnisse von Menschen in ihrer Eigenwelt zu verstehen. Dabei geht man der Frage nach: "Was bedeutet es, ein bestimmtes Erlebnis zu haben? Zum Beispiel: "Was heisst es, ein Patient zu sein, der Chemotherapie erhält?" "Wie erleben jugendliche Rheumakranke Schmerz?" (Phänomen = Erscheinung; das, was sich den Sinnen zeigt.)

13 Wissenschaftliche Methoden Grounded Theory Das Verfahren der Grounded Theory (= gegenstandsbezogene Theorie) wurde von Glaser und Strauss für die Sozialforschung entwickelt und basiert auf der Theorie des symbolischen Interaktionismus. Mit der Methode der Grounded Theory möchte man gesellschaftliche Prozesse (im Gegensatz zu Einzelphänomenen) aus der Perspektive der menschlichen Interaktion untersuchen. Ziel ist das Schaffen von erklärenden Theorien für das menschliche Verhalten und für soziale Prozesse. Diese Theorien sind dann eben "gegenstandsbezogen", weil sie direkt aus der Situation (dem Gegenstand), der Wirklichkeit heraus entwickelt werden. Das Besondere der Grounded Theory als Methode der qualitativen Forschung liegt in der Vorgangsweise, da Datensammlung und Datenauswertung nicht nacheinander vor sich gehen, sondern einander abwechseln. Für die Datenauswertung wurde ebenfalls ein spezielles Vorgehen, das diesem prozesshaften Aufbau entspricht, entwickelt (vgl. Strauss/Corbin 1996). Folgenden Fragen können beispielsweise mit der Grounded Theory bearbeitet werden: "Wie beschreiben Mütter von im Krankenhaus entbundenen Frühgeborenen ihr Verhältnis zu ihren Kindern im Zeitverlauf?" oder "Wie entsteht Vertrauen in der pflegerischen Beziehung?"

14 Wissenschaftliche Methoden Ethnografie Ziel der Ethnografie ist die Beschreibung kultureller Gruppen oder Lebenswelten. Der Begriff "Kultur" bedeutet hier eine fremde Lebenswelt. Das zentrale Anliegen von Ethnografie ist es, die Lebenswelt anderer aus deren Sichtweise (emische Perspektive) zu verstehen. Ethnografie stützt sich auf den Begriff "Kultur", d. h. man will Verhaltensweisen unter einem kulturellen Blickwinkel betrachten und analysieren. Das Forschungsfeld der Ethnografie ist also der Ort, wo der Mensch lebt, der erforscht werden soll - mit der Kultur, die dort vorherrscht. Man kann zum Beispiel folgenden Fragen nachgehen: "Wie gestalten Menschen, die zusammen in einer kulturellen Gemeinschaft leben, bewusst ihre Welt?" oder "Was bedeutet es für Frau X, an Krebs zu erkranken oder in einem Pflegeheim zu leben?

15 Wissenschaftliche Methoden Historische Forschung In der historischen Forschung wird sowohl quantitativ als auch qualitativ gearbeitet. Da die Daten jedoch vor allem in beschreibender Form (also qualitativ) bearbeitet werden, wird sie von einigen AutorInnen (z. B. LoBiondo-Wood/Haber 1996 oder Morse/Field 1998) den qualitativen Methoden zugeordnet. Im Mittelpunkt historischer Forschung stehen der Bericht über vergangene Ereignisse und die Interpretation dieser Ereignisse. Ziel historischer Forschung ist es, systematisch Daten zu sammeln, um Menschen, Ereignisse und Vorkommnisse aus der Vergangenheit zu beschreiben. Zum Beispiel: "Welche geschichtlichen Wurzeln hat die LehrerInnenausbildung in der Krankenpflege?" "Welche Bedeutung hat der Zweite Weltkrieg für die Entwicklung der Pflege im deutschsprachigen Raum? Im Folgenden werden die beiden Forschungsansätze - der qualitative und der quantitative - in einer Tabelle einander gegenübergestellt, damit die Besonderheiten und die Unterschiede deutlich werden.

16 Gegenüberstellung der Forschungsansätze Quantitativer AnsatzQualitativer Ansatz VorgehenDeduktiv, von Theorien ausgehend (= theoriegeleitet); Hypothesen werden geprüft. Induktiv, theoriebildend; offen, d.h. es werden keine Hypothesen vorab formuliert). InhalteDas Naheliegende, Sichtbare, was an der Oberfläche des Bewusstseins liegt. Untersucht wird ein begrenztes Spektrum, das für alle gleich ist. Tiefergehend, es gibt Spielraum für Subjektives. Individuell orientiert. DatensammlungStandardisiert, möglichst viele Daten sollen gesammelt werden. Die Teilnehmer werden i.d.R. zufällig ausgewählt. Halb oder nicht standardisiert; meist wird nur eine geringe Anzahl von Daten gesammelt. Die Teilnehmer werden gezielt ausgewählt. ForschungsfragenBeziehen sich hauptsächlich auf Kausalitäten, d.h. auf Ursache und Wirkung. Beziehen sich auf die Art der Erfahrung, des Erlebens etc.


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