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Fachtag am 4. Juni 2013 Karlshöher Kirche, Ostsaal Institut für Kriminologie Prof. Dr. Rüdiger Wulf Schwierige Schüler Früherkennung krimineller Gefährdung.

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1 Fachtag am 4. Juni 2013 Karlshöher Kirche, Ostsaal Institut für Kriminologie Prof. Dr. Rüdiger Wulf Schwierige Schüler Früherkennung krimineller Gefährdung Zusammenleben in der Schule Bedrohungsmanagement Jugendarrest und Jugendstrafe

2 Gliederung/Ablauf UhrzeitThema 09:00-09:30Vorstellungsrunde/Vorbemerkungen Früherkennung krimineller Gefährdung :50Kaffeepause 10:50-12:00Programme zum Zusammenleben in der Schule 12:00-13:30Mittagspause/Führung durch die Einrichtung 13:30-14:30Bedrohungsmanagement in der Schule :50Kaffeepause 14:50-16:00Jugendarrest/Jugendstrafe 16:00-16:15Abschlussbesprechung

3 Vorstellungsrunde Name Herkunftsort Tätigkeit Assoziation Schwierige Schüler Problemanzeige aus der Praxis Erwartungen an den Workshop

4 Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer. Sokrates

5 Ich wollte es gäbe kein Alter zwischen 10 und 23, oder die jungen Leute verschliefen die ganze Zeit, denn dazwischen ist nichts, als den Dirnen Kinder schaffen, die Alten ärgern, stehlen und balgen. William Shakespeare ( ): Ein Wintermärchen, 3. Akt 2. Szene/Ein Hirte

6 Jugend heute Interesse an Politik steigt wieder an. Mehr soziales Engagement und Verständnis für Ältere Globalisierung zumeist positiv bewertet Optimismus nimmt zu Bildung als Erfolgsfaktor für die Zukunft Alle sind im Internet Klimawandel als großes Problem Religion weiterhin im Abseits Werte: Pragmatisch, aber nicht angepasst Nicht ohne meine Familie

7 Thema 1 Früherkennung krimineller Gefährdung

8 Syndrome zur Früherkennung Quelle: Tübinger Jungtäter-Vergleichsuntersuchung (TJVU, ): Experimentalgruppe: 200 männliche Gefangene zwischen 20 und 30 Jahre in der JVA Rottenburg Kontrollgruppe: 200 Männer in Freiheit in den Landgerichtsbezirken Tübingen/Hechingen/Rottweil/Stuttgart (nicht: nicht vorbestraft) Syndrom familiärer Belastungen: Verhältnisbezogen Schulsyndrom: Verhaltensbezogen Leistungssyndrom: Verhaltensbezogen Freizeitsyndrom: Verhaltensbezogen Kontaktsyndrom: Verhaltensbezogen

9 Verhaltenssyndrom I Schulsyndrom/Sozio-scolares Syndrom: Hartnäckiges Schwänzen + Fälschungen + Herumstreunen + Deliktische Handlungen im Kindesalter. (TJVU: 15 % H, 0 % V)

10 Verhaltenssyndrom II Leistungssyndrom: Rascher Arbeitsplatzwechsel + Unregelmäßige Berufstätigkeit + Schlechtes/Wechselndes Arbeitsverhalten (TJVU: 43 % H, 0,5 % V)

11 Verhaltenssyndrom IV Kontaktsyndrom: Vorherrschen loser Kontakte, insbesondere Milieukontakte + Frühes Alter bei erstem GV + Häufige Wechsel der Sexualpartner. (TJVU: 60 % H, 1,5 % V)

12 Verhaltenssyndrom III Freizeitsyndrom: Ständige Ausweitung der Freizeit zulasten des Leistungsbereichs + Überwiegend Freizeitgestaltung mit völlig offenen Abläufen. (TJVU: 75 % H, 0,5 % V)

13 Verhältnissyndrom Syndrom familiärer Belastung: Lange Unterkunft in unzureichender Wohnung + Längere Zeit selbstverschuldet von Sozialhilfe lebend + Auffälligkeit einer Erziehungsperson + Keine ausreichende Kontrolle des Pb. (TJVU: 20 % H, 1 % V)

14 Dissoziale Persönlichkeitsstörung I ICD-10: Die ICD-10-Kriterien beschreiben neben sozialer Abweichung charakterologische Besonderheiten, insbesondere Egozentrik, mangelndes Einfühlungsvermögen und defizitäre Gewissensbildung. Kriminelle Handlungen sind also nicht zwingend erforderlich. Mindestens drei der in der ICD-10 genannten Merkmale müssen erfüllt sein. Hierzu gehören:Egozentrik Mangelnde Empathie und Gefühlskälte gegenüber anderen Missachtung sozialer Normen Beziehungsschwäche und Bindungsstörung Geringe Frustrationstoleranz und impulsiv-aggressives Verhalten Mangelndes Schulderleben und Unfähigkeit zu sozialem Lernen Vordergründige Erklärung für das eigene Verhalten und unberechtigte Beschuldigung anderer Anhaltende Reizbarkeit

15 Dissoziale Persönlichkeitsstörung I ICD-10: Die ICD-10-Kriterien beschreiben neben sozialer Abweichung charakterologische Besonderheiten, insbesondere Egozentrik, mangelndes Einfühlungsvermögen und defizitäre Gewissensbildung. Kriminelle Handlungen sind also nicht zwingend erforderlich. Mindestens drei der in der ICD-10 genannten Merkmale müssen erfüllt sein. Hierzu gehören:Egozentrik Mangelnde Empathie und Gefühlskälte gegenüber anderen Missachtung sozialer Normen Beziehungsschwäche und Bindungsstörung Geringe Frustrationstoleranz und impulsiv-aggressives Verhalten Mangelndes Schulderleben und Unfähigkeit zu sozialem Lernen Vordergründige Erklärung für das eigene Verhalten und unberechtigte Beschuldigung anderer Anhaltende Reizbarkeit

16 Dissoziale Persönlichkeitsstörung II DMS-IV: Es besteht ein tiefgreifendes Muster von Missachtung und Verletzung der Rechte anderer, das seit dem 15. Lebensjahr auftritt. Mindestens drei der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein: Versagen, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholtem Begehen von Handlungen äußert, die einen Grund für eine Festnahme darstellen Falschheit, die sich in wiederholtem Lügen, dem Gebrauch von Decknamen oder dem Betrügen anderer zum persönlichen Vorteil oder Vergnügen äußert Impulsivität oder Versagen, vorausschauend zu planen Reizbarkeit und Aggressivität, die sich in wiederholten Schlägereien oder Überfällen äußert Rücksichtslose Missachtung der eigenen Sicherheit bzw. der Sicherheit anderer Durchgängige Verantwortungslosigkeit, die sich im wiederholten Versagen zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen Fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rationalisierungen äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat. b) Die Person ist mindestens 18 Jahre alt. c) Eine Störung des Sozialverhaltens war bereits vor Vollendung des 15. Lebensjahres erkennbar. d) Das antisoziale Verhalten tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer Schizophrenie oder einer manischen Episode auf.Störung des Sozialverhaltens

17 Merkmale von Intensivtätern Syndrom sozialer Beziehungslosigkeit: Belastung: schwieriges Temperament, ADHS Familie: Straffälligkeit/Persönlichkeitsstörungen eines Elternteils, strukturelle Unvollständigkeit der Familie, Heimaufenthalte des Kindes Erziehung: inkonsequent, unzureichende Beaufsichtigung, Gewaltanwendung, wenig Wertschätzung Schule: Unbeliebtheit bei Mitschülern, Lernschwierigkeiten, störendes und auffälliges Verhalten, Fernbleiben vom Unterricht Freizeit: unstrukturiertes Freizeitverhalten, Einbindung in Gruppen mit antisozialen Einstellungen und Begehung von Straftaten

18 18 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen ICD-10: F.91: Um eine Diagnose nach dem ICD-10 stellen zu können, müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt. Das heißt, das Kind oder der Jugendliche muss über einen Zeitraum von sechs Monaten aufsässiges oder aggressives Verhalten zeigen. Leitsymptome der Störung sind: Deutliches Maß an Ungehorsam, Streiten oder Tyrannisieren Ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche Grausamkeit gegenüber anderen Menschen oder Tieren Erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum Zündeln; Stehlen Häufiges Lügen Schuleschwänzen Weglaufen von zu Hause Störung des Sozialverhaltens

19 Kriminovalente Konstellation Vernachlässigung des Leistungsbereichs, familiärer und sonstiger sozialer Pflichten + Fehlendes Verhältnis zu Geld und Eigentum + Unstrukturiertes Freizeitverhalten + Fehlende Lebensplanung (TJVU: 60,5 % H, 0 % V)

20 Sonstige K-Kriterien Inadäquat hohes Anspruchsniveau Mangelnder Realitätsbezug Geringe Belastbarkeit Paradoxe Anpassungserwartung Forderung nach Ungebundenheit Unkontrollierter, übermäßiger Alkoholkonsum

21 21 Kriminoresistente Konstellation Erfüllung der sozialen Pflichten + Adäquates Anspruchsniveau + Gebundenheit an Häuslichkeit und Familienleben + Reales Verhältnis zu Geld und Eigentum (TJVU: 3 % H, 79,5 % V)

22 22 Sonstige D-Kriterien Arbeitseinsatz und Befriedigung im Beruf Produktive Freizeitgestaltung Engagement für personale und Sachinteressen Anpassungsbereitschaft Tragende menschliche Bindungen Belastbarkeit und Ausdauer (Eigen)Verantwortung Realitätskontrolle Lebensplanung/Zielstrebigkeit

23 23 Stellung der Tat(en) im Lebensl ä ngsschnitt Kontinuierliche Hinentwicklung zur Straffälligkeit - Beginn ab früher Jugend - Beginn ab Erwachsenenalte Kriminalität im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung Krimineller Übersprung Kriminalität bei sonstiger sozialer Unauffälligkeit Kriminalität aus psychischer Auffälligkeit

24 24 Kontinuierliche Hinentwicklung mit Beginn in der Jugend K-typisches Verhalten im Lebenslängsschnitt Mehrere Lebensbereiche auffällig Kriminovalente Konstellation und K-Fakten im Lebensquerschnitt Charakteristische Relevanzbezüge, Orientierungslosigkeit, zweifelhafte Werte Soziale Auffälligkeiten führen folgerichtig zu Delikten Kein Ansprechen auf Sanktionen Kriminalprognose ungünstig, Out-aging möglich Spezialpräventive Reaktionen erforderlich (Sozialtherapie, soziales Training)

25 25 Kriminalit ä t im Rahmen der Pers ö nlichkeitsreifung Freizeit und Kontakte auffällig, Drogenkonsum feststellbar, Leistungsbereich nicht tangiert Straftaten: entwicklungsbedingte Episode, nicht Symptom für Persönlichkeitsstörung Kriminalprognose tendenziell günstig Aber: Erzieherische Maßnahmen geboten ambulant (Weisungen, Auflagen) teilstationär (Jugendarrest) stationär (Jugendstrafe)

26 26 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Risiko- und Schutzfaktoren Wer an einem Abend 30 Autos knacken kann, kann auch etwas. Ressourcen und Schutzfaktoren erkennen. Fähigkeiten und Ressourcen positiv umleiten Pure Bosheit gibt es nicht. (Ernst Kretschmer, Psychiater)

27 Thema 2 Programme zum Zusammenleben in der Schule

28 28 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Appell eines Problemschülers an seine Lehrkräfte 1. Seht in mir nicht nur den Schüler! (Geschöpf Gottes) 2. Schule ist für mich Teil meines Lebensraums. (Prevention at schools) 3. Sprecht regelmäßig mit mir über meinen Leistungsstand und meine Bildungsziele! 4. Gebt mir Möglichkeiten zu Eigenverantwortung! 5. Lasst mich den Anschluss nicht verpassen! 6. Nehmt mich ernst, überfordert mich nicht! 7. Stellt mich nicht bloß und kritisiert mich nicht vor anderen! 8. Verliert nicht den Glauben, dass ich am Schulabschluss interessiert bin und mein Leben in die Hand nehmen will! 9. Sprecht nicht zu mir von der letzten Chance! 10. Zeigt mir, dass Ihr an mir als Teil der Gesellschaft interessiert seid! Nach:

29 29 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Bedingungen (Ursachen) von Gewalt in der Schule Frühkindliche Verletzungen, z.B. Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung, Ablehnung Aktuelle Entwicklungsprobleme, z.B. Misserfolg, Partnerproblem, Gruppen-/Subkultureinflüsse Familiäre Erziehungsfehler, z.B. permissiv, inkonsequent, uneinig, kaltherzig, abstinent Familienprobleme, z.B. Rosenkrieg,Trennungskonflikte, Alleinerziehung, Patchwork Schulische Fehler, z.B. Kränkungen, fehlende Regeln, schlechter Unterricht Medieneinflüsse, z.B. Horror/Gewaltverherrlichung im Internet/Video/PC Gesellschaftliche Faktoren, z.B. Armut, Perspektivlosigkeit, Mangel an Hilfen, keine Werte Im Einzelnen Bertet/Keller 20011, S. 26 f.

30 30 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Programme zum Zusammenleben in der Schule (Übersicht/Systematik) (Eher) Verhältnisbezogen: Schulvereinbarung, Schulversammlung Klassenrat, Friedenszirkel (Restorative Justice) Prosoziale Schulphilosophie, sozialer Verhaltenskodex (Eher) Verhaltensbezogen: Konfrontative Pädagogik Soziales Training, sozialer Trainingsraum Mediation, Streitschlichtung Anti-Gewalttraining Benimm-Training Deesklationstraining Umgang mit Medien, Kommunikationstraining Outdoor-Pädagogik, Sportprogramme

31 31 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Einzelne Programme zum Zusammenleben in der Schule

32 32 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Schulvereinbarung Leitlinien: Gleichberechtigung und Toleranz, Mitbestimmung und Kritikfähigkeit, Respekt und Rücksicht, Hilfsbereitschaft, Zivilcourage, Konfliktbewältigung, Vorbild sein, Bürger- und Umweltbewusstsein, Entdeckungslust, Kreativität, Fantasie Schulprogramm Mitglieder der Schulgemeinde: Schüler/innen, Leher/innen, Eltern, weitere Mitarbeiter/innen in der Schule Schulordnung: Schuljahresbeginn und –verlauf, Aufgaben und Ämter, Verhalten in der Schule, Sauberkeit/Schuleigentum,Krankheit/Beurlaubung, Rauchen/Alkohol/Drogen,Konflikte/Verstöße gegen die Schulordnung, Auszeichnungen Unterschrift, Aushang

33 33 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Schulversammlung Schulversammlung: Zentraler Baustein und Steuerungsinstrument der Werteerziehung Teilnehmer: Leitung, Schüler/innen, Lehrer/innen Formen: Rede und Gegenrede, Diskussion, Protokoll Frequenz: einmal im Monat Ziele: Erfahrung von Anerkennung Auseinandersetzung mit Problemen und Regeln Respekt Rhetorik Sachgemäße Kritik Verbesserung des Schulklimas Demokratieverständnis Evaluation: fehlt

34 34 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Klassenrat Form: Das gemeinsame Gremium einer Klasse. In wöchentlichen Sitzungen beraten, diskutieren und entscheiden die Schüler über selbst gewählte Themen. Gemeinschaft fördern: Im Klassenrat gestalten sie das Zusammenleben der Klasse: Sie diskutieren/entscheiden, planen Projekte und setzen sie um, streiten und vertragen sich. So fördert der Klassenrat die Gemeinschaft und hilft, besser gemeinsam lernen und leben zu können. Kompetenzen bilden: Im Klassenrat lernen die Schüler für ihr ganzes Leben: Zuhören. Frei sprechen. Demokratische Entscheidungen mittragen. Fair diskutieren. Verantwortung übernehmen. Eine Meinung vertreten. Demokratie lernen: Im Klassenrat üben die Schüler von klein auf, demokratisch zu handeln: In der Gruppe verhandeln sie ihre Anliegen und lösen Probleme, achten Minderheiten und akzeptieren Mehrheitsmeinungen. So lernt man im Klassenrat, selbst Demokratie zu gestalten: Er wird zur Basis der Demokratie in der Schule..

35 35 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Restorative Justice Die Theorie der Restorative Justice (RJ) bzw. wiederherstellenden Gerechtigkeit hat historische Wurzeln und geht auf kommunale Traditionen der Konfliktschlichtung aus aller Welt zurück. In der Praxis umfasst RJ eine breite Palette von Modellen wie z.B. unter anderem den Täter-Opfer Ausgleich, (TOA), Familien- und Gemeinschaftskonferenzen, sowie auch Friedenszirkel. Kriminalität wird im Rahmen dieser Theorie primär als eine Verletzung der Gemeinschaft, ihrer Mitglieder bzw. ihrer Beziehungen zueinander betrachtet und nur sekundär als Verstoß gegen das Gesetz oder den Staat. Demzufolge setzt sich RJ zum Ziel eben diese Beziehungen wiederherzustellen, indem der entstandene Schaden für das Opfer, den Täter und die Gemeinschaft über Wiedergutmachung so gut es geht repariert wird. Zwar können auch Sanktionen zur Anwendung kommen, diese stehen jedoch nicht im Vordergrund.

36 36 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Mediation Konzepte: Harvard-Konzept als Verhandlungstechnik Konsens-Findung als durchgehendes Prinzip Konflikteskalation nach Friedrich Glasl Voraussetzungen: Freiwilligkeit Verschwiegenheit Ergebnisoffenheit Allparteilichkeit des Mediators Ziele: Berücksichtigung der Interessenlagen Reduzierung von Verfahrenskosten Flexibles und unbürokratisches Verfahren Schonung personeller Ressourcen Keine Öffentlichkeit

37 37 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Streitschlichtung, Teen-Courts Konzepte: Streitschlichtung in der Schule Teen-Courts Voraussetzungen beim Streitschlichter: Interesse an an sozialem Engagement Akzeptanz in der Altersgruppe Positives soziales Verhalten Sprachkompetenz Ziele: Konfliktlösung in der Peer-Group Hilfe zur Selbsthilfe Mehr Akzeptanz der Entscheidung Gefahren: Selbstjustiz Ungerechte Entscheidungen

38 38 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Konfrontative Pädagogik Prinzipien: Verhalten ernst nehmen, insb. Gewalt und Angriffe auf die Menschenwürde anderer Selbstreflexion durch Feedback fördern Verantwortungsübernahme einfordern Konsequenz im Handeln Pädagogische Elemente: Sofortige Reaktion: Lob und Tadel Wertschätzung der Person, Fehlverhalten angreifen Möglichkeit zur Selbstkorrektur ohne Gesichtsverlust Förderung sozialer Kompetenzen (Wissen, Verhalten, Einstellungen Gefahren: Verletzung der Menschenwürde, Stigmatisierung Demotivation

39 39 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Beobachtungsbogen in der konfrontativen Pädagogik MerkmalMomentanTendenz AnwesenheitSehr gut PünktlichkeitGut Umgang mit Werkzeugen u.a.Wechselhaft Mitarbeit/AusdauerNicht gut Anweisungen/Hinweise befolgen Umgang mit anderen Schüler/innen Umgang mit Lehrer/innen Mitbringen von Schulsachen Besonderheiten, Vorfälle

40 40 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Soziales Training Steigerung der Lebenskompetenz: Soziales Wissen, Soziale Einstellungen Soziales Verhalten Am Verhalten sollt ihr sie erkennen Methoden: Rollenspiele, Exkursionen Unterricht, Praktisches Üben Projekt(tage) Trainingsbereiche (offen) Verhalten in der Arbeitswelt Geld und Schulden Gesundheit und Sucht Rund ums Wohnen Freizeit und Kontakte Mediennutzung

41 41 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Anti-Gewalttraining Ziele: Eigenständige Entwicklung zur Vermeidung von Stresssituationen entwickeln Impulskontrolle und Verhaltenssteuerung Einstellungs- und Verhaltensänderung bezüglich Gewalt Inhalte: Auslöser von Gewalt Selbst- und Fremdbild Rechtfertigungsstrategien/ Neutralisiationstechniken Opferperspektive, -empathie, -kommunikation Provokation: Der heiße Stuhl Methode: Gruppentraining mit Trainer und Ko-Trainer/in Konfrontation mit dem Opfer bzw. anderen Opfern

42 42 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Deeskalationstraining Vorbilder: Polizei, Vollzug, Psychiatrische Einrichtungen Inhalte: Gewalt wahrnehmen und analysieren Eigenes Konfliktverhalten verstehen Einstellungen zur Gewalt reflektieren Kommunikationstechniken einüben Stressymptome erkennen und bewältigen Körpersprache verstehen Mit Stimme und Gestik arbeiten Individuell handeln und reagieren Paradox intervenieren Akteure: Freie Profis, Polizei, Lehrkräfte als Mulitplikatoren

43 43 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Benimm-Training Ziele (Benehmen keine Glückssache): Mehr Sicherheit im Auftreten der Schülern Wirkungselemente moderner Umgangsformen, Ausstrahlung und Kleidung, Einfühlungsvermögen Leitung: Externer, professioneller Trainer Trainingsbereiche: Bewerbung und Vorstellungsgespräch Verhalten am Arbeitsplatz: Chef, Kollegen, Kunden Telefon, Internet, /Brief, Flirt Restaurant, Tischsitten, Kantine Verhalten im ÖVPN, Auto Verhalten gegenüber alten, ausländischen und Menschen mit Behinderungen

44 44 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Mehrebenen-Prävention nach Olweus Mehrebenenprogramm zu Bullying/Mobbing: Schüler: Gespräche mit Tätern und Opfern (Mikroebene) Klasse: Regeln (Mesoebene) Schule: Rahmenbedingungen (Makroebene) Gute Evaluation

45 45 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Andere Ansätze Einzelne Ansätze: Outdoorpädagogik (Geh Wald statt Gewalt) Erlebnispädagogik Musik-Pädagogik (Trommel-Projekte) Tanzpädagogik (Capoeira) Sportpädagogik (Jonglage) Vorteile: Nicht sprachgebunden Machen Spaß, motivieren Nachteile: Effektivitat und Effizienz fraglich Akzeptanz fraglich Übergang zur Therapie fließend

46 46 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Prävention und Lebensqualität Elemente: Lebensqualität/- kompetenz Mehrebenen- modelle Interne/Externe Beteiligte Evaluation (?!)

47 Thema 3 Bedrohungsmanagement in der Schule

48 48 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Bedrohung an Orten der Kränkung Familie Schulen und Hochschulen Arbeitsplatz Arbeitsagenturen Sozialämter Jugendämter Finanzämter Polizei Staatsanwaltschaften Gerichte, insb. Familiengerichte u. Strafgerichte Selten: Öffentlicher Raum

49 49 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Bedrohungsarten Direkte Drohung: Mit/Ohne Waffen Erpressung Cyberdrohung Mobbing (horizontal, vertikal) Stalking Nötigung Sexuell motivierte Drohung Scheinbare Drohungen, Beleidigungen

50 50 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Nachahmungstäter/Trittbrettfahrer Nachahmungstäter nehmen sich eine schwere zielgerichtete Gewalttat an Schulen oder eine andere Straftat zum Vorbild, insb. aus dem Internet und ahmen sie in der Wirklichkeit nach. Trittbrettfahrer drohen nur mit einer solchen Tat. Untersucht man Trittbrettfahrer, weiß man über Täter schwerer zielgerichteter Gewalt noch wenig.

51 Risikomanagement im Alltag Gesundheit Finanzen, Bonität (Personales Risikomanagement) Freizeit (Sportwetten) Kontakte, z.B. mit jemanden eine Partnerschaft eingehen mit jemandem mitfahren jemandem Geld anvertrauen Lebensplanung insgesamt Fluchtgefahr Suizidalität Rückfall/Bewährung (Kriminalprognose) Kindeswohlgefährdung (Täter/Opfer) Opferwerden

52 52 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Umgang mit Risiken 1. Nicht wahrnehmen (Kopf in den Sand) 2. Auf Nichteintritt oder Eintritt anderswo hoffen 3. Hinnehmen 4. Auf anderen umlenken 5. Sich vorbereiten 6. Prävention/Vermeidung/Verhütung 7. Intervention 7. Nachsorge/Versicherung

53 Definition: Kriminologische Prognose Die Vorhersage des künftigen Verhaltens eines bestimmten Menschen hinsichtlich Rückfall/Bewährung, Flucht, Suizid oder Kindeswohlgefährdung im Rahmen des Strafverfahrens, des Justiz- und Maßregelvollzuges oder im familiengerichtlichen Verfahren. Nicht: Vorhersage von Kriminalität insgesamt; Vorhersage von Fluchtraten im Justiz- und Maßregelvollzug; Vorhersage der Suizidsterblichkeit im Justiz- und Maßregelvollzug.

54 54 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Elemente und Methoden einer Kriminalprognose Risiko = Bedrohtes Rechtsgut * Eintrittswahrscheinlichkeit Das Risiko einer künftigen Straftat ist das Produkt aus dem bedrohten Rechtsgut und der Eintritts- wahrscheinlichkeit. Das bedrohte Rechtsgut steht meist fest, fraglich ist die Eintrittswahrscheinlichkeit. Methoden: Intuitive Prognose (aus dem Bauch) Klinische Prognose (aus Erfahrung) Statistische Prognose (mit Berechnung) Kriterienorientierte Prognose (anhand von bewährten Kriterien)

55 Prognoseentscheidungen, z.B. Bedrohung Bedrohung= positiv Bedrohung = negativ Richtig = true Richtig-positiv: Bedrohung prognostiziert; Pb. würde tatsächlich bedrohen Richtig-negativ: Bedrohung ausgeschlossen prognostiziert; Pb. bedroht nicht Falsch = false Falsch-positiv: Bedrohung prognostiziert; Pb. würde aber nicht bedrohen Falsch-negativ: Bedrohung ausgeschlossen; Pb. bedroht.

56 56 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Dimensionen für Risiko- und Schutzfaktoren Vergangenheit = Lebensgeschichte Frühere Taten dieser Art Persönlichkeitsstörung Ständig in einschlägigen Konflikten Gegenwart = Aktuelle Situation Sucht Arbeitslosigkeit Einsicht in die Störung In Therapie Zukunft = Künftige Entwicklung Künftiger Schulabschluss Sozialer Empfangsraum Altersfaktor

57 57 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Tübinger Inventar in Bedrohungsfällen Lebensgeschichte 1Gewalterfahrung oder Missbrauch in der Kindheit 2Selbstschädigendes Verhalten, insb. Suizidversuche 3Drohung, Stalking 4Gewalttätigkeit, Tötungsgedanken 5Bullying 6Psychische Störung oder Krankheit (ICD10) 7Soziale Inkompetenz Aktuelle Situation 8Erfahrung mit Waffen, Waffenbesitz 9(Kampf)Hundehaltung 10Sucht (Alkohol, illegale Drogen, Medikamente, Nikotin) 11Probleme am Arbeitsplatz/in der Hochschule 12Wohnungsprobleme 13Geldsorgen 14Probleme im Kontaktbereich, insbesondere Partnerschaft 15Kritisches Lebensereignis Zukunft 16Keine Lebensplanung 17Hoffnungslosigkeit 18Drohende ausländerrechtliche Maßnahmen 19Drohende Haft Weitere individuelle Risikofaktoren Gesamtscore Die aktuelle Situation betrifft die letzten sechs Monate, die Lebens- geschichte die Zeit davor. Die Zukunft betrifft die nächsten sechs Monate. Pro Item können bis zu 2 Punkte vergeben werden. 0 Punkte bedeutet, dass das Item nicht vorliegt bzw. dazu nichts bekannt ist. Das Höchstmaß der Punkte liegt also bei 42.

58 58 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen DYRIAS Schule I DyRiAS-Schule analysiert das Verhalten von SchülerInnen (auch ehemaligen) hinsichtlich des Risikopotentials. Dabei geht es ausschließlich um auffällige Personen, die beispielsweise durch Gewaltdrohungen oder Amokfantasien aufgefallen sind. Voraussetzung für die Nutzung des Systems ist der Erwerb einer Lizenz sowie die Teilnahme an einem zweitägigen (bzw. eintägigen) Ausbildungsseminar. Die Schulung wird regelmäßig von I:P:Bm angeboten und kann darüber hinaus auch als Inhouse-Veranstaltung gebucht werden.Ausbildungsseminar

59 59 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen DYRIAS Schule II Wir sind von unserer Ausbildung, von unserem Beruf her Lehrer. Wir haben keine Erfahrung mit Einschätzung von Bedrohungssituationen und das System ist einfach empirisch von Leuten gemacht worden, die sich damit deutlich besser auskennen als wir und wir müssen uns da einfach Hilfe von Außen holen, um solche Situationen sinnvoll einschätzen zu können. Beratungslehrer "Solche Programme/Anti-Amok-Modelle können lauter Amokläufer identifizieren und so an den Schulen ein Klima des Misstrauens schaffen. [...] Was wir dringend brauchen, ist eine Kultur des Hinhörens und Hinsehens. Vorsitzender des Philologenverbandes DyRiAS ist sicherlich ein geeignetes Instrument, welches den Schulen zur Früherkennung von gefährdeten Schülern hilft. Besonders die innerhalb des Systems angelegte Bibliothek könnte hilfreich sein, da der Verbraucher hier spezielle Informationen zu einer der zweiunddreißig vorhandenen Variablen bekommen kann. Es wird hier also nicht bloß eine Auswertung vorgenommen, sondern dem Verbraucher werden auch Möglichkeiten zur weiteren Vorgehensweise aufgezeigt. Projektbericht

60 60 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Projekt NETWASS Programm: Prävention schwerer zielgerichteter Schulgewalt Ziel: Verbesserung des Umgangs mit Bedrohungen an Schulen Verfahren: Sensibilisierung, Informationsbündelung, Gemeinsame Bewertung/Bearbeitung, Begleitung Fortbildung: Online-Modul mit PITT-Modell Organisation: Kriseninterventionsteam Verbreitung: 108 Schulen (BE, BB, Baden-Württemberg) Evaluation: mit Vergleichsgruppen, 1prä T2post T3Followup7M,, Kurz- und Langzeiteffekte: Fachwissen, obj. und subj. Handlungskompetenz, Handlungssicherheit, Vertrauen in Schulverantwortliche, Klarheit von Ansprechpartnern

61 61 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Exkurs: Kommission Gewaltprävention Universität Tübingen Aufgaben: Deeskalation von konkreten Bedrohungsfällen (Studierende/Mitarbeiter, horizontal/vertikal) Prävention von Diskriminierung und Hassdelikten Beitrag zu gewaltfreien Strukturen an der Universität Zusammensetzung (8 Personen): Zentrale Verwaltung: Arbeitssicherheit, Abteilung für Studierende bzw. Personal, Presssprecherin Experten: Kriminologie, Psychologie, Psychiatrie, Sozialarbeit Arbeitsweise: Verschwiegen, vertraulich, kompetent, datenschützend, kooperativ, allparteilich Partner: Psychosoziale Beratungsstellen, Personalvertretungen, Polizei, Universitätsleitung

62 Thema 4 Jugendarrest/Jugendstrafe zur Integration schwieriger junger Menschen

63 Jugendarrrest(projekt) Jugendarrest(vollzug) §§ 16, 16a, 90 JGG Jugendstrafe: § 17 JGG; Jugendstrafvollzug (Ambulante) Erziehungsmaßregeln §§ 10, 11 JGG Jugendarrest als stationäre Jugendhilfemaßnahme oder kurze Jugendstrafe?

64 Rechtsgrundlagen Erkenntnisverfahren: § 16 JGG: Freizeit-, Kurz-, Dauerarrest, § 11 III JGG (Beugearrest) § 16a JGG: Jugendarrest neben Jugendstrafe (3 Formen) Vollstreckung: § 87 Abs. 3 JGG Vollzug: § 90 JGG Unmittelbarer Zwang: § 178 Abs. 1 und 3 StVollzG, aber: kein Schusswaffengebrauch im Jugendarrest Jugendarrestvollzugsordnung (JAVollzO) Richtlinien zum JGG (Die Justiz 1994, 202) Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 30. Mai 2006 zur Verfassungswidrigkeit des Jugendstrafvollzugs; Landesrechtliches Jugendarrestvollzugsgesetz: in Planung

65 Jugendarrest neben Jugendstrafe Verdeutlichungsarrest: dies unter Berücksichtigung der Belehrung über die Bedeutung der Aussetzung zur Bewährung und unter Berücksichtigung der Möglichkeit von Weisungen und Auflagen geboten ist, um dem Jugendlichen seine Verantwortlichkeit für das begangene Unrecht und die Folgen weiterer Straftaten zu verdeutlichen Herausnahmearrest: dies geboten ist, um den Jugendlichen zunächst für eine begrenzte Zeit aus einem Lebensumfeld mit schädlichen Einflüssen herauszunehmen und durch die Behandlung im Vollzug des Jugendarrests auf die Bewährungszeit vorzubereiten Einwirkungsarrest: dies geboten ist, um im Vollzug des Jugend- arrests eine nachdrücklichere erzieherische Einwirkung auf den Jugendlichen zu erreichen oder um dadurch bessere Erfolgs- aussichten für eine erzieherische Einwirkung in der Bewährungszeit zu schaffen.

66 Jugendarrest in BW 2012 Geschlecht:Männlich: 1.543; Weiblich: 304, Insgesamt: Alter:Bis 16 J: 153 bis 18 J.: 581 über 18 J.: (!!!) Plätze:93 in Jugendarrestanstalten: Rastatt/Göppingen 1 (9) Freizeitarrestraum: Adelsheim Arrestarten: 316 Freizeitarreste, 223 Kurzarreste Dauerarreste Vorver-517 hatten zuvor Jugendarrest verbüßt büßungen:123 zuvor zu Jugendstrafe verurteilt § 87 III JGG:Bei 642 wurde von (weiterer) Vollstreckung abgesehen

67 Jugendarrestanstalten in BW Jugendarrestanstalt Göppingen (max. 31 Plätze) Marstallstraße 2, Göppingen Leitung: DAG Wolfgang Rometsch Sozialdienst/AVD: Frau Oswald, Herr Zauner Jugendarrestanstalt Rastatt (51 Plätze) Ottersdorfer Straße 17, Rastatt Leitung: Richter am AG Stephan Höll Sozialdienst: Amtsrat Leonhard Christ

68 Beteiligte Vereine G-recht e.V., Heidenheim Christianstraße 15, Heidenheim Ansprechpartner im Vorstand: Dieter Muckenhaupt Sozialarbeit: Norbert Möller Verein für Jugendhilfe Karlsruhe e.V. Thomas-Mann-Str. 3, Karlsruhe Zuständig im Vorstand: Reinhold Buhr Sozialarbeit: Hans Kowatsch

69 Soziales Training I Ziele (Reihenfolge ohne Rangfolge): Soziales Wissen Soziale Einstellungen Soziales Verhalten Trainingsbereiche (ohne Rangfolge): Bildung, Ausbildung, Arbeit Geld und Schulden Sucht und Gesundheit Verhältnis zum Opfer (Entschuldigung, TOA) Freizeitgestaltung

70 Soziales Training II Methoden: Gruppenarbeit Einzelcoaching Exkursionen (z.B. örtliche Einrichtungen der Diakonie) Trainer/Organisation: Mitarbeiter aus den Vereinen Mitarbeiter aus den JAAen Ehrenamtliche Mitarbeiter Mitarbeiter in kirchlichen Einrichtungen

71 Nachsorge Bereiche: Leistungsbereich und Schulden Wohnen Freizeit und Kontakte Gesundheit, insb. Sucht Dauer: 3 bis max. 6 Monate Organisation: Bewährungshilfe Vereine, Projekt Chance e. V. Jugendämter/JGH

72 Reformbedarf eines Jugendarrestvollzugsgesetzes Schaffung einer ausreichenden gesetzlichen Grundlage Verankerung der Menschen- und Kinderrechte Gender-Aspekte Aufgabe repressiver Elemente Integration und Prävention als Leitideen Einführung von Jugendarrest neben Jugendstrafe Soziales Training als Maßnahme der Wahl Nachsorge als Aufgabe

73 Folie 73, Jugendstrafvollzug in BW I Jugendstrafanstalt Adelsheim: 446 Plätze (1974) Sozialtherapeutische Abteilung für Gewalt- und Sexualstraftäter: 20 Plätze;

74 Jugend Strafe Strafvollzug Jugend-straf-vollzug Aber demographischer Wandel: Weniger Jugendliche Bedeutung des Themas

75 Folie 75, Jugendstrafvollzug in BW I Jugendstrafanstalt Adelsheim: 446 Plätze (1974) Sozialtherapeutische Abteilung für Gewalt- und Sexualstraftäter: 20 Plätze;

76 Folie 76, Jugendstrafvollzug in BW II Jugendstrafanstalt Pforzheim: 108 Plätze (1996) Außenstelle der JVA Heimsheim (2006) Jugendstrafanstalt Crailsheim: 24 Plätze (1981) Außenstelle der Sozialtherapeutischen Anstalt Baden-Württemberg (2001)

77 Folie 77, Jugendstrafvollzug in BW III Jugendstrafvollzug in freien Formen Kloster Creglingen-Frauental: Plätze (2003) Gutshof Seehaus/Leonberg: 21 Plätze (2003)

78 Folie 78, Die jungen Gefangenen I 542 junge Gefangene ( ); Gefangenenrate: 43,0 auf (14-25 Jahre); Ca Zugänge im Jahr (2011: 665); Ca. 12,0 Monate durchschnittliche Verweildauer; 40 % D/D, 12% + 19 % D/A, 14 % ND/D, 14 % ND/A; Ca. 50 Prozent suchtgefährdet; Altersspektrum von 14 bis 24 Jahre ( ): - 17 Prozent unter 18 Jahre (Jugendliche); - 60 Prozent 18 bis 21 Jahre (Heranwachsende); - 23 Prozent älter als 21 Jahre (Jungerwachsene).

79 Folie 79, Die jungen Gefangenen II Auslese- bzw. Selektionsprozess: Schädliche Neigungen(§ 17 JGG), besser: Störungen: - Entwicklungsstörungen; - Persönlichkeitsstörungen; - Verhaltensstörungen. Ungünstige Sozial- und Legalprognose (§ 21JGG)

80 Folie 80, Kriminalpräventive Aufgabe und Erziehungsauftrag/-ziel Die kriminalpräventive Aufgabe des Jugendstrafvollzuges für die Allgemeinheit liegt im Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor Straftaten junger Menschen (§ 2 Abs. 1 S. 1 JVollzGB I) Der Jugendstrafvollzug leistet einen Beitrag für die innere Sicherheit in Baden-Württemberg, für den Rechtsfrieden im Land und für die Eingliederung junger Menschen in Staat und Gesellschaft (§ 2 Abs. 1 S. 2 JVollzGB I). Im Vollzug der Jugendstrafe sollen die jungen Gefangenen dazu erzogen werden, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu führen (§ 1 JVollzGB IV).

81 Folie 81, Behandlungskonzept und Erziehungsgrundlagen Menschenwürdige Behandlung (§ 2 Abs. 1 JVollzGB IV); Erziehung nach der Landesverfassung (§ 2 Abs. 2 JVollzGB IV); Angleichung an das Leben in Freiheit (§ 2 Abs. 3 VollzGB IV); Gegensteuerung/Schutz vor Übergriffen (§ 2 Abs. 4 JVollzGB IV); Opferbezogene Vollzugsgestaltung (§ 2 Abs. 5 JVollzGB IV); Lernen von und mit Gleichaltrigen(§ 2 Abs. 6 JVollzGB IV); Anreiz und Belohnung (§ 2 Abs. 7 JVollzGB IV).

82 Folie 82, Achtung der Menschenrechte Die jungen Gefangenen sind unter Achtung ihrer Menschenrechte zu behandeln. - Europäische Strafvollzugsgrundsätze Rec(2006)2, Teil I, 1 - Niemand darf unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung unterworfen werden. - Art. 5 AEMR bzw. Art. 3 EMRK – (§ 2 Abs. 1 JVollzGB IV)

83 Folie 83, Erziehung nach der Landesverfassung Die jungen Gefangenen sind in der Ehrfurcht vor Gott, im Geiste der christlichen Nächstenliebe, zur Brüderlichkeit aller Menschen und zur Friedensliebe, in der Liebe zu Volk und Heimat, zu sittlicher und politischer Verantwortlichkeit, zu beruflicher und sozialer Bewährung und zu freiheitlicher demokratischer Gesinnung zu erziehen. (Art. 12 I LV, § 2 Abs. 2 JVollzGB IV) Gleiche Erziehungsmaßstäbe wie in Kindergärten, Schulen und Hochschulen.

84 Folie 84, Angleichung, Gegensteuerung, Schutz vor subkultureller Gewalt Das Leben im Jugendstrafvollzug soll den Lebensverhältnissen junger Menschen in Freiheit soweit als möglich angeglichen werden. (§ 2 Abs. 3 JVollGB IV) Schädlichen Folgen des Jugendstrafvollzuges ist entgegen zu wirken. (§ 2 Abs. 4 S. 1 JVollzGB IV) Die jungen Gefangenen sind vor Übergriffen zu schützen. (§ 2 Abs. 4 S. 2 JVollGB IV)

85 Folie 85, Opferbezug Zur Erreichung des Erziehungsziels sollen die Einsicht in die dem Opfer zugefügten Tatfolgen geweckt und geeignete Maßnahmen zum Ausgleich angestrebt werden. (§ 2 Abs. 5 JVollzGB IV)

86 Folie 86, Lernen von und mit Gleichaltrigen Den jungen Gefangenen soll ermöglicht werden, von und mit Gleichaltrigen zu lernen und Verantwortung für Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse zu übernehmen, die sich nach ihrer Eigenart und Aufgabe der Jugendstrafanstalt für ihre Mitwirkung eignen. (§ 2 Abs. 6 JVollzGB IV)

87 Folie 87, Anreiz und Belohnung Bereitschaft, Mitwirkung und Fortschritte der jungen Gefangenen sollen im Leistungsbereich, bei der Freizeitgestaltung, in den Kontaktmöglichkeiten, durch Öffnung des Vollzuges und andere geeignete Maßnahmen anerkannt und belohnt werden, soweit die gesetzlichen und tatsächlichen Voraussetzungen dies zulassen. (§ 2 Abs. 7 JVollZGB IV)

88 Evaluation des (Jugend)Strafvollzugs Wirksamkeit: Wirkung(en) überhaupt?; Positive Wirkungen; Positive Generalprävention: - Negative Generalprävention: - Negative Spezialprävention – (falsch-positive Prognosen) Positive Spezialprävention + (?) Negative Nebenwirkungen; Verdrängungseffekte. Wirtschaftlichkeit; Ethische Verantwortbarkeit: Achtung der Grund- und Menschenrechte; Vereinbarkeit mit dem Sozialdatenschutz; Kriminalpolitische Akzeptanz.

89 Rückfall als Erfolgskriterium ??? Ohne Kontrollgruppendesign ist der Rückfall als Erfolgskriterium problematisch: Bei Wirkungsforschung kommt es auf den wirklichen Rückfall (auch im Dunkelfeld) an und nicht auf den justiziell festgestellten Rückfall (Erwischtenquote). In den BZR-Auszügen fehlen oft Verurteilungen. Nicht jeder Rückfall ist der kriminalpräventiven Intervention zuzurechnen. Rückfall und Bewährung entscheiden sich oft nach der kriminalpräventiven Intervention.

90 Kontrollgruppendesign 100 Probanden (Pbn), die für eine Behandlungsmaßnahme geeignet sind, werden ausgewählt. Die Pbn werden - am besten nach den Zufallsprinzip - der Experimentalgruppe bzw. der Kontrollgruppe zugeteilt. Die Pbn der Experimentalgruppe erhalten die Behandlung. Die Pbn der Kontrollgruppe erhalten die Behandlung nicht. Stellt sich die Experimentalgruppe nach dem Rückfallkriterium günstiger dar, gilt die Maßnahme als erfolgreich: It works.

91 Kontrollgruppendesign und Ethik Totschlagsargument: Kontrollgruppenuntersuchungen (im Strafvollzug) sind ethisch nicht vertretbar, weil den Probanden Behandlungsmaßnahmen nicht versagt werden dürfen. 1. Gegenargument: Solange die Maßnahme nicht evaluiert und anerkannt ist, kann die Versagung nicht unethisch sein. 2. Gegenargument: Unethisch ist es (auch), wenn man Probanden, insb. Gefangenen, nicht evaluierten Behandlungsmaßnahmen aussetzt (vgl. Arzneimittelforschung).

92 T 1: Eingangsuntersuchung; K 1: Schutz vor Übergriffen; K 2: Leistungsbereich (Bildung, Ausbildung): K 3: Sucht/Körperliche und psychische Gesundheit; K 4: Finanzen/Schulden; K 5: Aggressivität/Gewalttätigkeit; K 6: Kontakte im sozialen Nahbereich; K 7: Individuell wichtiges Kriterium; T 2: Abgangsuntersuchung (K 1 bis K 6); T 3: Integration in die Gesellschaft nach 6/12 Monaten (K 1 bis K 7); T 4: Rückfall nach 3 Jahren (Vorsicht!); T 5: Rückfall nach 5 Jahren. Evaluation des Jugend- strafvollzugs in BW

93 Abschlussgespräch Was war gut? Was war weniger gut? Was hat gefehlt? Wie fühle ich mich jetzt? Was nehme ich mit? Was nehme ich mir vor? Was erwarte ich jetzt von der Schule (Schüler, KollegInnen, Schulleitung)? Was erwarte ich jetzt von der Politik?

94 94 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Die Arbeit des Erziehers gleicht der eines Gärtners, der verschiedene Pflanzen pflegt. Eine Pflanze liebt den strahlenden Sonnenschein, die andere den kühlen Schatten, die eine liebt das Bachufer, die andere die dürre Bergspitze. Die eine gedeiht am besten auf sandigem Boden, die andere im fetten Lehm. Jede muss die ihrer Art angemessene Pflege haben, andernfalls bleibt ihre Vollendung unbefriedigend. Abdul-Baha (Abbas Effendi) * * zitiert nach Bertet/Keller 2011, S. 103

95 95 |Prof. Dr. Rüdiger Wulf© 2012 Universität Tübingen Literatur (kleine Auswahl) Bannenberg, B.; Rössner, D. (2006): Erfolgreich gegen Gewalt in Kindergarten und Schule. Ein Ratgeber, Beck Bertet, R.; Keller, G. (2011): Gewaltprävention in der Schule. Wege zu prosozialem Verhalten; Huber Gugel, Günter (2006): Gewalt und Gewaltprävention. Institut für Friedenspädagogik Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2008): Aktiv für soziales Lernen. Gewaltprävention an Schulen, 3. Aufl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg u.a. (2009): Roter Faden-Prävention. Modelle zur Förderung sozialer Kompetenzen und zur Gewalt- und Suchtprävention Olweus, D. (2010): Mobbing an Schulen. Fakten und Intervention; Kriminalistik S. 351 ff. Scheithauer, H.; Bondü, R. (2008): Amoklauf. Wissen was stimmt. Herder Scholl, J. u.a. (2013): Das Projekt NETWASS. Ein Programm zur Prävention schwerer zielgerichteter Schulgewalt; forum kriminalprävention S. 8-14

96 © 2012 Universität Tübingen Danke. Prof. Dr. Rüdiger Wulf Institut für Kriminologie Sand 7, D Tübingen Telefon Uni: +49 (0)7071/ Telefon JuM: 0711/ Uni: JuM: Internet:


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