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Geschichte der Soziologie Emile Durkheim Soziale Wirklichkeit als kollektiver Zwang Emile Durkheim (*1858 in Epinal 1917 in Paris)

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1 Geschichte der Soziologie Emile Durkheim Soziale Wirklichkeit als kollektiver Zwang Emile Durkheim (*1858 in Epinal 1917 in Paris)

2 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 2 Emile Durkheim (*1858 in Epinal 1917 in Paris) Soziale Tatsachen bestehen in besonderen Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die außerhalb des Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind, kraft derer sie sich aufdrängen. (Regeln der soziologischen Methode, 1895)

3 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 3 Vita und ausgewählte Werke Studium an der Ecole Normale Supérieure Studienreise nach Deutschland (Berlin, Leipzig) Dozent an der Universität Bordeaux De la division du travail social Les règles de la méthode sociologique Professur in Bordeaux Le suicide Gründung der Lannée sociologique Ruf an die Sorbonne in Paris Professor für Pädagogik dortselbst Les formes élémentaires de la vie religieuse Lehrstuhl für Soziologie LAllemagne au-dessus de tout (Deutschland über alles) - Durkheims Sohn fällt im Krieg

4 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 4 Gesellschaftliches und intellektuelles Umfeld 1.fortschreitende Industrialisierung, Klassenkonflikte, Individualisierung, soziale Probleme, Anomie-Gefahr 2. französischer Rationalismus und soziologische Tradition (Motesquieu, Comte) 3. deutsche Soziallehre (Kathedersozialismus Adolf Wagners, Wilhelm Wundts Völkerpsychologie) 4.Auseinandersetzung mit englischem Utilitarismus (Spencer) 5. Kampf um die Existenzberechtigung der Soziologie als Fachwissenschaft: Suche nach ihrem spezifischen Gegenstand und Methode

5 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 5 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Was hält die Gesellschaft beisammen? Problemstellung: Wie geht es zu, dass das Individuum, während es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? (Über die Teilung der sozialen Arbeit, 1893) 2 Typen sozialer Integration: – mechanische Solidarität – organische Solidarität

6 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 6 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes mechanische Solidarität aufgrund von Ähnlichkeit typisch für segmentäre, einfache Gesellschaften, gekennzeichnet durch starkes Kollektivbewusstsein Strafrecht: Sanktion bestätigt Geltung der kollektiven Norm

7 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 7 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes organische Solidarität funktionaler Zusammenhang durch Arbeitsteilung typisch für moderne Gesellschaften, restitutives Recht –Sanktion erneuert die Vertragsfähigkeit des Individuums, –Individualisierung dadurch Gefahr der Anomie (Regellosigkeit) durch erzwungene oder übersteigerte Arbeitsteilung, mögliche Integration durch Berufsverbände

8 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 8 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Übergang von mechanischer zu organischer Solidarität (soziale Bedingungen der Arbeitsteilung) langsame Verbindung der Segmente durch soziale Dynamik und moralische Dichte, konkret durch: demographische Entwicklung zunehmende Mobilität und Kommunikation Verdichtung der Lebensräume (Urbanisierung) Intensität mechanische Solidaritätorganische Solidarität Zeit Arbeitsteilung Kollektivbewusstsein

9 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 9 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Was sind soziale Tatsachen und wie lassen sie sich untersuchen? (Regeln der soziologischen Methode, 1895) Problemstellung: Eine Wissenschaft ist definiert durch einen besonderen Gegenstand und eine Methode. Was sind der besondere Gegenstand und Methode der Soziologie?

10 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 10 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Gegenstand der Soziologie: Soziale Tatsachen: Arten des Handelns, Denkens und Fühlens, die Individuen als kollektiver Zwang auferlegt werden; wirken objektiv auf das Individuum ein, lassen sie sich auch als objektive Dinge untersuchen; wegen ihres überindividuellen, sozialen Charakters sind, können sie nur durch Soziales (nicht etwa durch Psychisches, Geographisches etc.) erklärt werden; sie sind Resultate menschlicher Tätigkeit

11 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 11 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Methode der Soziologie Soziale Tatsachen haben eine objektive Wirkung, sie lassen sich daher als Dinge untersuchen. Soziale Tatsachen kommen nicht isoliert vor. Man muss sie in ihren Kontexten (Milieus) aufsuchen und sie möglichst in allen ihren Formen beschreiben (Morphologie). Durch den Vergleich lassen sich dann Funktionen, Formen und Ursachen sozialer Tatsachen unterscheiden Soziologie kann so über Normalität und Funktionalität sozialer Tatbestände entscheiden (z.B.: Abweichendes Verhalten kommt in allen Gesellschaften vor. Daher auch funktional: ruft Sanktion hervor und stärkt so das Kollektivbewusstsein der Normgeltung; kann sozialen Wandel initiieren)

12 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 12 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Erprobung der Methode: (Studie über den Selbstmord 1897) Selbstmord als soziales Phänomen: - Selbstmordziffern in unterschiedlichen Gesellschaften stabil

13 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 13 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Selbstmord ist nicht pathologisch, geographisch, klimatisch oder ethnisch etc. bedingt: Deutsche auf 100 Einwohner Selbstmordrate pro Million Rein deutsche ProvinzenNiederösterreich Oberösterreich Salzburg Nordtirol 95, (+Wien) ø Vorwiegend deutschKärnten Steiermark Schlesien 71,40 62,45 53, ø Starke deutsche Minderheiten Böhmen Mähren Bukowina 37,64 26,33 9, ø Schwache deutsche Minderheiten Galizien Südtirol Istrien Krain Dalmatien 2,27 1,90 1,62 6, ø 86

14 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 14 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes unterschiedliche soziale Milieus fördern oder hemmen die Selbstmordneigung Schwäche, Stärke oder Wandel sozialer Bindungen als Selbstmordursache Selbstmordrate in verschiedenen Ländern pro Million Einwohner jeder Konfession ProtestantenKatholikenJuden Österreich ,551,320,7 Preußen , , , Baden , Bayern , , ,9 193 Württemberg , , ,

15 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 15 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes 3 Haupttypen von Selbstmord: egoistisch (Bindungen zu schwach), altruistisch (Selbstmord wird in bestimmten Situationen durch Gruppennorm gefordert), anomisch (sozialer Wandel hebt die geltenden Orientierungen auf) Erscheinungsformen PrimärcharakterSekundärerscheinungen Grundtypen Egoistischer Selbstmord Altruistischer Selbstmord Anomischer Selbstmord Teilnahmslosigkeit Gefühlsmäßige oder gewollte Tatkraft Gereiztsein, Überdruss Apathische Schwermut mit Selbstbemitleidung Kühle, zynische Überlegung des Skeptikers Mit dem ruhigen Gefühl erfüllter Pflicht Mit mystischer Begeisterung Mit ruhigem Mut Heftige Vorwürfe gegen das Leben im Allgemeinen Heftige Vorwürfe gegen eine einzelne Person (Mord mit Selbstmord) Mischtypen Ego-anomischer Selbstmord Anomisch-altruistischer Selbstmord Ego-altrustischer Selbstmord Mischung von Gereiztheit und Teilnahmslosigkeit, von Träumen und Handeln Übersteigerte Gemütsaufwallungen Schwermut, aber gemildert durch eine gewisse moralische Festigkeit

16 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 16 Entwicklung des Durkheimschen Ansatzes Wie entsteht Kollektivbewusstsein und gemeinsames Wissen? (Elementarformen der Religion) Untersuchung primitiver Gesellschaften und ihrer Religion (Totemismus) soll zeigen, wie soziales Wissen entsteht. Religion als symbolische Repräsentation der Macht der Gesellschaft über Individuen; die soziale Verbindlichkeit der religiösen Vorstellung ist ein Produkt der Gesellschaft selbst. Begriffe und Kategorien des Denkens als symbolische Repräsentationen kollektiver Erfahrung in der Sprache, daher ihre objektive Geltung (z.B.: Zeit: Rhythmus der kollektiven Tätigkeiten, Kausalität: Handlung und Folgen etc.)

17 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 17 Durkheims Bedeutung Grundlegende Definition des soziologischen Gegenstands und der Methode, Entwicklung funktional-strukturalistischer Fragestellung, Nachhaltige Wirkung in der Weiterentwicklung der Soziologie, Kulturanthropologie, Geschichtswissenschaft, Sprachwissenschaft etc.

18 Emile Durkheim Geschichte der Soziologie 18 Emile Durkheim (*1858 in Epinal 1917 in Paris)

19 Geschichte der Soziologie Emile Durkheim


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