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Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Kommunikation - Wenn Worte fehlen Psychosoziale Folgen von Kommunikationsbehinderungen.

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1 Lehrstuhl für Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Kommunikation - Wenn Worte fehlen Psychosoziale Folgen von Kommunikationsbehinderungen

2 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Kommunikationstheoretische Grundlagen: - Was ist Kommunikation - Kommunikationsentwicklung - Kommunikationsregeln 2.Psychosoziale Folgen - Selbstentwicklung - Psychosoziale Reaktionen - Sozialpsychologische Aspekte - Eigene Untersuchung 3.Coping - Coping bei Schwerhörigkeit - Selbstwirksamkeit, Empowerment - Selbsthilfe Struktur des Vortrags

3 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Kommunikation kommt von den lateinisch Begriff für Gemeinschaft communio und gemeinsam communis und dem daraus entwickelten Verb für gemeinschaftliches handeln und Teil haben: communicare Kommunikation kann also als ein auf gemeinschaftliche Erfahrungen bezogenes Handeln von Menschen verstanden werden Diese Gemeinschaftshandlung beinhaltet dabei besonders den Austausch von Zeichen und die Interpretation der Zeichen als bedeutungsvoll Was ist Kommunikation?

4 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Bereits Ungeborene interessieren sich für kommunikative Signale Neugeborene sind in erster Linie auf Stimmen, Mimik und Gesten anderer Menschen ausgerichtet Babys interessieren sich also vor allem für kommunikative Reize und andere Menschen Grundlagen menschlicher Kommunikation

5 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Neugeborene kommunizieren bereits über ihren Körper mit ihren Pflegepersonen Babys zeigen 6 kommunikative Grundbewegungsmuster (Frank 2011): 1. nachgeben (yield) und 2. drücken (push), 3. nach etwas strecken, erreichen wollen (reach) und 4. greifen, packen (grasp), 5. ziehen (pull) und 6. lösen, entspannen (release) Diese Bewegungstypen sind natürlich immer ineinander verschränkt und daher beobachtete Abstraktionen. Mittels dieser 6 Bewegungstypen kommuniziert das Baby mit seiner Umwelt vor jeder gestischen Kommunikation Grundbewegungsmuster nach Frank & La Barre

6 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Diese Bewegungsmuster sind Teil des dynamischen Organismus-Umweltfeldes entstehen aus dem Organismus aber auch aus seinen Beziehungen zu seiner Umwelt besonders zu seinen Bezugspersonen, sie sind daher auch Teil und Ausdruck der Beziehung Diese Bewegungsmuster bleibt während der weiteren Entwicklung erhalten Sie bestimmen auch die Interaktionen Erwachsener und haben damit einen hohen Einfluss auf die Gestaltung von Beziehungen und auch von Partnerschaften Grundbewegungsmuster nach Frank & La Barre

7 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Die menschliche Kommunikation hat sich in der Evolutionsgeschichte zunächst wohl aus natürlichen Gesten und Zeigegesten entwickelt (Tomasello) Tomasello (2008) stellt fest, daß menschliche Kommunikation 1. einen gemeinsamen begrifflichen Hintergrund benötigt (Kontext) 2. eine wechselseitige kooperative Kommunikationsabsicht Diese wechselseitige kommunikative Kooperationsabsicht wird auch geteilte Absicht (joint intention) geteilte Intentionalität oder Wir-Intentionalität genannt Kommunikations- entwicklung

8 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Diese gestische Kommunikation ist die erste willkürliche Kommunikation eines jeden Menschen und die Grundlage für die Entwicklung aller späterer Kommunikationssysteme Die Zeigegeste in Beziehung mit gemeinschaftlicher Handlungsabstimmung ist dabei ein wichtiger Schritt Gemeinsame Aufmerksamkeit (joint attention) und gemeinsame Erfahrung ist eine Voraussetzung um sie zu verstehen Sie ist Vorläufer der willkürlichen Zeichensysteme wie der Lautsprache oder der Gebärdensprache Kommunikations- entwicklung

9 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Es ist nicht möglich nicht zu kommunizieren (Watzlawick) Auch wenn ich schweige oder mich abwende ein neutrales Gesicht mache mich in meine Zeitungslektüre vertiefe mich völlig unbeteiligt gebe oder vielleicht sogar wirklich in einem interessanten Buch lese und wenig von der Aussenwelt mitbekomme – immer wird dies eine Bedeutung für den Anderen haben Grundlagen menschlicher Kommunikation

10 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Schultz von Thun baut auf Watzlawick auf und formuliert Kommunikation als Beziehung zwischen einem Sender und einem Empfänger Nachrichten oder Sendungen können dabei unter 4 Gesichtspunkten betrachtet werden Grundlagen menschlicher Kommunikation

11 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Grundlagen menschlicher Kommunikation

12 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Für Hörgeschädigte ist dabei besonders die Beziehungsseite problematisch, da bei Missverständnissen Beziehungen brüchiger, fragwürdiger werden Aber auch der Sachinhalt und die Selbstoffenbarung können bei Missverständnissen zu ungeheuerlichen zwischenmenschlichen Situationen führen Im Zug von München nach Stuttgart sitzt eine alte Dame. Ihr gegenüber sitzt ein Junge und kaut während der ganzen Fahrt Kaugummi Die alte Dame blickt ihm lange angestrengt ins Gesicht, dann gibt sie es auf und sagt: "Es ist ja lieb von dir, dass du mich so nett unterhalten willst, aber es hat keinen Sinn, weißt du, ich bin schwerhörig Grundlagen menschlicher Kommunikation

13 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Der ältere Herr im Taxi erklärt dem Taxifahrer, nachdem er diesen nach der dritten Wiederholung eines Satzes immer noch nicht verstanden hat, wie schwer er es doch mit seiner Schwerhörigkeit hätte "Ach wissen Sie, jeder hat sein Päckchen zu tragen", versucht der Taxifahrer ihn zu trösten "Ich zum Beispiel sehe fast nichts mehr...!" Grundlagen menschlicher Kommunikation

14 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Handlungsorientierte menschliche Sprache geht nach Grice von der Grundannahme aus, dass kommunikatives menschliches Handeln und Verhalten auf dem Kooperation beruht Dem anderen wird normalerweise eine kooperative Absicht bei der Kommunikation unterstellt Dieses Kooperationsprinzip von Grice lautet: Gestalte Deinen Gesprächsbeitrag so, dass er dem anerkannten Zweck dient, den Du gerade mit deinen Kommunikationspartner verfolgst Grundlagen menschlicher Kommunikation

15 1. Regel der Quantität: Mach Deinen Beitrag so informativ wie nötig; sage jedoch nicht mehr als notwendig! 2. Regel der Qualität: Sage nichts, was du für falsch hältst; sage nichts wofür dir angemessene Gründe fehlen! 3. Regel der Relation: Sei relevant, knüpfe mit Deinem Beitrag an den des Sprechers vor Dir an! 4. Regel der Modalität, Art und Weise: Sei klar; sprich verständlich; berichte der Reihe nach! Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Kommunikationsmaxime nach Grice (abgewandelt)

16 Schwerhörige verstoßen gegen diese Regeln: Gegen Regel 1 indem sie u. U. viel reden, um nicht zuhören zu müssen Gegen Regel 2, indem sie etwas Falsches sagen, weil sie das vorherige nicht richtig verstanden haben Gegen Regel 3, indem sie nicht an den Beitrag des Vorredners anknüpfen, weil sie diesen nicht richtig verstanden haben Für Schwerhörige werden die Konversationsmaximen z.B. durch die Nichtverständlichkeit des Sprechers gestört Die Verletzung von sozialen Regeln führen zu Verwirrung, Ärger und Wut oder aber Rückzug aus der sozialen Situation Kommunikationsmaxime nach Grice

17 Schwerhörige verstoßen gegen diese Regeln: Erschöpfung aufgrund von konzentrativem Mehraufwand Soziale Angst, sozialer Rückzug Negative Attributierungen (Zuschreibungen) im Rahmen des Kommunikationsprozesses durch Übernahme negativer Umwelturteile Kommunikationsmaxime nach Grice

18 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Diskriminierendes und ausgrenzendes Verhalten gegenüber Andersartigen ist in der Sozialpsychologie inzwischen ein gut untersuchtes Phänomen Menschen tendieren dazu sich der jeweiligen Gruppe anzupassen (normative Tendenz) um die Erwartungen der Gruppe zu erfüllen und Anerkennung zu erlangen Dieser Normalitätsforderung ist für Hörgeschädigte kaum zu erfüllen Psychosoziale Folgereaktionen

19 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Menschen haben eine Neigung zu dispositionalen Attributionen und nicht zu Situativen Erklärungen Die spezifischen situativen Bedingungen von hörgeschädigten Menschen werden von nicht Betroffenen und nicht Informierten in der Regel nicht erkannt Vorurteile und Stereotype sind die Folge: Was er hören soll hört er nicht und was er nicht hören soll hört er Misstrauisch, schwierig, komisch Psychosoziale Folgereaktionen

20 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Hörgeschädigte Kinder fühlen sich häufig in ihren Familien kommunikativ ausgeschlossen Hörende Familienmitglieder schätzen in der Regel die kommunikative Teilhabe hörgeschädigter Kinder und Jugendliche deutlich positiver ein als diese selbst Altersschwerhörige Menschen entwickeln häufig ebenfalls ein soziales Rückzugsverhalten Psychische Entwicklung Psychosoziale Folgereaktionen

21 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Nach Mead ist der Kern des Selbst, die Identität das Ergebnis eines kommunikativen Austauschprozesses mit seiner sozialen Umgebung Das Selbst ist etwas, das sich entwickelt; es ist bei der Geburt anfänglich nicht vorhanden, entsteht aber innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, das heißt im jeweiligen Individuum als Ergebnis seiner Beziehungen zu diesem Prozess als Ganzem und zu anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses Psychische Entwicklung Psychosoziale Folgereaktionen

22 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Voit (1982) kommt im Hinblick auf die Identitätsentwicklung Hörgeschädigter zu dem Schluss, daß ein Mensch der die Sprache der ihn umgebenden Gemeinschaft nicht versteht, sich notgedrungen als beziehungsgestört erweist Entscheidend ist nach Voit auch daß die Beziehung zwischen einem sprachlichen Äußerungsakt und dessen kommunikativer Funktion nicht einheitlich ist Durch die Auswertung des Kontexthorizontes und die Fähigkeit parasprachliche und außersprachliche Phänomene auszuwerten, kann es jedoch zu einem Verständnis und dadurch zu einer Einbindung des Hörgeschädigten Menschen kommen Psychische Entwicklung Psychosoziale Folgereaktionen

23 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Spannungsfeld zwischen nicht verstehender Anpassung ständiger kommunikativer Überforderung Furcht vor Stigmatisierung Versuch nicht behindert erscheinen Verstecktaktik Kommunikativer Zusammenbruch Psychosoziale Kernthematik Hörgeschädigter Psychosoziale Folgereaktionen

24 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Einen Kompromiss zwischen sozialem Rückzug und kommunikativ überfordernder ungenügender, frustrierender sozialer Teilhabe zu finden ist schwierig Er ist täglicher Balanceakt, der physisch und psychisch Kraft kostet Volle kommunikative und soziale Teilhabe nur schwer zu erreichen Insbesondere Teilnahme an Gruppenprozessen (z.B. Familientreffen) mit Hörenden schwierig Nur durch besondere Voraussetzungen und Bedingungen möglich Psychosoziale Kernthematik Hörgeschädigter Psychosoziale Folgereaktionen

25 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Einflussfaktoren auf die Verarbeitung einer Hörschädigung Die Möglichkeiten mit der Belastung durch eine Hörbehinderung umzugehen sind sehr unterschiedliche. Sie hängen ab von 1. dem Ausmaß der Hörschädigung 2. dem Zeitpunkt des Eintretens der Hörbehinderung, 3. von begleitenden Erkrankungen 4. dem Umfeld und den dadurch bereit gestellten Möglichkeiten, 5. persönlichen Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen Psychosoziale Folgereaktionen

26 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Frühschwerhörigkeit Kampf um die Teilhabe an der hörenden Welt ein wichtiges Lebensthema Je nach Sozialisation wird eine Verstecktaktik benützt, oder es kann auch der offensive Umgang mit der Schwerhörigkeit gelingen Psychosoziale Folgereaktionen

27 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Spät- und Altersschwerhörigkeit Bei spätschwerhörigen und alterschwerhörigen Menschen geht es in vielen Fällen um die Akzeptanz der Schwerhörigkeit Der Betroffene muss zuallererst anerkennen, dass er schwerhörig ist Dies wird in vielen Fällen nicht oder nur teilweise erreicht Wichtiges Thema ist der schmerzhafte Verlust sozialer Teilhabe Psychosoziale Folgereaktionen

28 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Traumatische Verarbeitung der Folgen einer Hörschädigung Die Auswirkungen einer Hörbehinderung können dramatische Ausmaße annehmen, bis hin zu traumatypischen Verarbeitungsformen (Wirth 2003, 2010) Psychosoziale Folgereaktionen

29 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Angst Wiederholte Negativerfahrungen Negative Autoattribution Schwerhörigkeit und Traumatisierung Modell einer traumatischen Verarbeitung der psychosozialen Folgen einer Schwerh ö rigkeit Fehlendes Coping Frühere Traumaerfahrungen Fehlende Protektivfaktoren

30 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Eigen/Fremd- Abwertung T a u r m a a t Erlebte Hilflosigkeit Erlebte soziale Ausgrenzung Erlebte kommunikative Ohnmacht Mögliche (traumatische) Auswirkungen von Schwerhörigkeit

31 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Oberkategorien und Kategorien Gefahr durch Nichthören Ausgrenzung und soziale Gewalt Bildungs- und Arbeitsplatz- schwierigkeiten Daily hazzles Diskriminierung und Demütigung HNO- Symptomatik HörverlustKörperliche Zusatzer- krankungen Kritische Lebens- ereignisse MobbingSpott und Hänseln Schlechte Kommunikation sbedingungen Unbekannte Kommunikations- anforderungen Über- forderung Stressoren

32 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Ergebnisse Stressoren

33 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Ergebnis Psychosoziale Folgewirkungen Selbstwert Scham Angst Depressivität Fehlender support mißlingende Kommunikation Nichtaktzeptanz der Schwerhörigkeit

34 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Folgerungen Psycho- soziale Folgewirkungen Hinsichtlich der psychosozialen Folgereaktionen lässt sich ein zentrales Syndrom postulieren: Depressivität und erlebte fehlende soziale Unterstützung Scham Selbstwertprobleme Nichtakzeptanz der Schwerhörigkeit

35 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Folgerungen Psycho- soziale Folgewirkungen Der Kernbereich der psychosozialen Folgen von Schwerhörigkeit scheint besonders erlebte fehlende soziale Unterstützung zu sein Möglicherweise ist dadurch die Vulnerabilitätsschwelle gegenüber anderen traumatisierenden oder psychisch destabilisierenden Stressoren abgesenkt Dadurch wird nochmals deutlich, daß eine Hörschädigung als erlebte und erfahrene Kommunikationsbehinderung direkt auf das das psychosoziale Befinden durchschlagen kann

36 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Folgerungen Psycho- soziale Folgewirkungen Die kommunikative Teilhabe kann eingeschränkt, bruchstückhaft irritierend und verunsichernd sein Mensch sein bedeutet stets auch in sozialem Austausch mit anderen sein Dies mögen reale andere oder erinnerte oder vorgestellte andere sein Ein menschliches Leben ohne diese Bezugnahme auf andere ist unmöglich Das bedeutet andere beeinflussen in sehr hohem Maße wie und wer wir sind

37 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Folgerungen Psycho- soziale Folgewirkungen Wenn nun der reale Austausch mit anderen nicht statt hat oder sich nur in bruchstückhafter, entstellter, reduzierter abwertender Form vollzieht wird das (Er-) Leben dem Betroffenen dementsprechend unangenehm, unbefriedigend, einsam, schmerzhaft oder wertlos erscheinen

38 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Sozialpsychologie: Teilbereich der Psychologie, der sich mit Gesetzmäßigkeiten und Mechanismen von Gruppenverhalten und zwischenmenschlichen Beziehungen wissenschaftlich beschäftigt Transfer sozialpsychologischen Wissens auf die Thematik der Hörschädigung eröffnet fruchtbare Einsichten Sozialpsychologische Aspekte Psychosoziale Folgereaktionen

39 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Ingroup- Outgroupeffekte - Tendenz zur Anpassung Diskriminierungstheorien Sündenbockfunktion - negative Attributionsprozesse Soziale Erwünschtheit – vs. Stigmatisierung Soziale Vergleichsprozesse trotz ungleicher Bedingungen Identitätsprozesse Soziale Interaktionsprobleme im Sinne des symbolischen Interaktionismus Konflikt- Aggressionsforschung Sozialer Rückzug Sozialpsychologische Aspekte Psychosoziale Folgereaktionen

40 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Soziale Stressreaktion Maximaler sozialer Ausschluss kann bis hin zu Todesreaktionen führen Shocking emotional stress (Cannon) Psychosoziale Folgereaktionen

41 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Mobbing Mobbinghandlungen dienen dazu die Selbstachtung und den Selbstwert des Betroffenen zu zerstören und seine Bedürfnisse nach Sicherheit, Schutz und Geborgenheit zu frustrieren (Leymann (1993) Für Schwerhörige vermutlich die häufigste stressvolle und bisweilen traumatische Erfahrung Der hörenden sozialen Welt am Arbeitsplatz kann nicht ausgewichen werden Psychosoziale Folgereaktionen

42 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Der selbst betroffene Therapeut und prominente Vertreter eines Schwerhörigen-Empowerments Joachim Müller (2006 S. 221f) beschreibt dies eindrucksvoll so: Ich empfand Kommunikation zwischen mir und meinen Gesprächspartnern oftmals wie eine Kluft.. Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

43 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Das bedeutet soviel wie wir können nicht miteinander, geschweige denn zueinander. Auch musste ich fast hilflos feststellen, dass ich für mich keine alternative Verhaltensform finden konnte, mit der Problematik umgehen zu können. So konnte ich mich nicht genauso verhalten, wie die anderen es vermeintlich erwarteten Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

44 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Das bedeutet soviel wie wir können nicht miteinander, geschweige denn zueinander. Auch musste ich fast hilflos feststellen, dass ich für mich keine alternative Verhaltensform finden konnte, mit der Problematik umgehen zu können. So konnte ich mich nicht genauso verhalten, wie die anderen es vermeintlich erwarteten Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

45 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Der Konformitätsdruck bekam irgendwann die Oberhand, d.h. ich habe mich mangels Alternativen verhaltenstechnisch so auf die Kommunikation eingestellt, dass es gar nicht mehr auffiel Ich fühlte zwischen mir und meinem Gesprächspartner einen Graben Diesen Graben erlebte ich mit kumulativer Erfahrung wie ein Trauma. Ich war von der normalen Welt getrennt, ich wurde abgelehnt, diskriminiert, ich war der Beachtung nicht mehr wert Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

46 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Ich wollte daher unbedingt diesen Graben überwinden, das Trennende aufheben: Dazu bot sich für mich als einziges Hilfsmittel die Verstecktaktik an. In der Hoffnung, die wohl eher aus der Verzweiflung geboren war, glaubte ich, ich bräuchte mit Hilfe der Verstecktaktik den Graben nur zuzuschütten, um dann die Brücke der erfolgreichen Kommunikation auflegen zu können. Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

47 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Obwohl dies in der Praxis so gut wie nie funktionierte, war die Verstecktaktik wie ein Halt, mit dem ich zwar den Graben nicht überwinden, jedoch meine als Gefühlsstau erlebten Empfindungen wie Minderwertigkeit, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Verzweiflung kontrollieren konnte. Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

48 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Stigmatisierung: Verheimlichung und Verstecktaktiken Die Schwerhörigkeit wird negiert, aus Scham verheimlicht und versteckt, Hörhilfen nicht getragen Um negative soziale Erfahrungen zu vermeiden werden z.B. Gruppensituationen eher gemieden, oder aber schweigend überstanden Andere aktivere Bewältigung ist selbst reden und dadurch die Kontrolle über den Kommunikationsprozess zu behalten (siehe Krug 1993) Psychosoziale Folgereaktionen

49 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Goffman 1963: Stigma Stigma beschreibt die Situation eines Individuums, das von vollständiger sozialer Akzeptierung ausgeschlossen ist Goffman bezeichnet stigmatisierte Personen, (darunter auch Schwerhörige), als Die Diskreditierten und Diskreditierbaren. Er beschreibt eine Politik der Informationskontrolle die von Stigmatisierung bedrohte Personen praktizieren: Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

50 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Die Kooperation einer stigmatisierten Person mit Normalen, in dem sie handelt, als ob ihre bekannte Andersartigkeit irrelevant und nicht beachtet wäre, ist eine Hauptmöglichkeit im Leben einer solchen Person Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

51 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Stigmatisierung Normalisierung Wenn jedoch ihre Andersartigkeit nicht unmittelbar offensichtlich und nicht von vornherein bekannt ist … muss die zweite Hauptmöglichkeit in ihrem Leben gefunden werden Psychosoziale Folgereaktionen

52 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Stigmatisierung Nach Goffman ist es aufgrund der geringen Toleranz der Normalen für die Andern notwendig die schwere Last der Anpassung und Verheimlichung zu tragen, um nicht Akzeptanz, Anerkennung und Sympathie zu verlieren. Psychosoziale Folgereaktionen

53 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Raymond Hétu (Hétu et al. 1987, Hétu 1996, posthum erschienen) und seiner Arbeitsgruppe kommt das Verdienst zu den Stigmatisierungscharakter der Schwerhörigkeit in einer Reihe von Untersuchungen nachgewiesen zu haben, und dabei auch die protektive, vor negativen Auswirkungen des Stigmas bewahrende und schützende Funktion der Partner zu beleuchten. (Hétu et. al. 1994, Getty & Hétu 1994). Stigmatisierung Psychosoziale Folgereaktionen

54 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Zusammenhang zwischen Stress Coping und Ressourcen

55 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Coping Drei Copingformen unterscheidbar: 1. Problemorientiertes Coping (Hörgeräte, Kommunikationstraining, Instruktion der Umwelt) 2. Emotionsfokussiertes Coping (Selbstsicherheitstraining, sich auf Metaebene beruhigen und sich die Situation klar machen, um negative Emotionen auszubremsen, soziale Unterstützung aktivieren) 3. Ausweichendes Coping (Rückzug in die Familie, die eigenen vier Wände)

56 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbstwirksamkeit nach Bandura Selbstkontrolle des Menschen ist zentrales Element Selbstwirksamkeit ist die Selbsteinschätzung darüber, ob die eigenen Handlungen zum Erfolg führen können Diese selbst zugeschriebene Kompetenzerwartung kann stimmig sein, oder auch über und unterschätzend Coping

57 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbstwirksamkeit nach Bandura Selbstwirksamkeit lässt sich nach Bandura über vier verschiedenen Wege erlangen: 1. Direkte Erfahrungen: Erfolgreiches Meistern von Aufgaben und Herausforderungssituationen 2. Indirekte Erfahrungen: Über soziales Lernen und stellvertretende Erfahrung durch Beobachtung einer Modellperson wird angenommen, selbst auch über diese Kompetenz zu verfügen (schwächer als 1) Coping

58 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbstwirksamkeit nach Bandura 3. Symbolische Erfahrung: Durch Kommunikation und Mitteilung anderer wird die Erwartung aufgebaut, selbst auch Kontrolle über die gewählte Situation zu haben 4. Gefühlserregung:Hohe bzw. niedrige körperliche Erregung angesichts einer Situation hat Rückwirkungen auf die eignen Kontrollüberzeugungen Coping

59 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbstwirksamkeit nach Bandura 1. Direkte Erfahrungen: Erfolgreiches Meistern von Aufgaben und Herausforderungssituationen 2. Indirekte Erfahrungen: Über soziales Lernen und stellvertretende Erfahrung durch Beobachtung einer Modellperson wird angenommen, selbst auch über diese Kompetenz zu verfügen (schwächer als 1) Coping

60 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Empowerment Begriff durch Bandura theoretisch ausgearbeitet Die gesellschaftliche Dimension der Selbstwirksamkeit Bsp. Deutscher Schwerhörigenbund, Deutscher Gehörlosenbund Coping

61 Spezifische Copingstrategien bei Schwerhörigkeit Hörtaktik (Vognsen 1976): Kommunikationstaktik – auf soziale Dynamik des Schwerhörigen erweitert Brücken- / Moderatorfunktion des Schwerhörigen ( Müller) Verbesserung der kommunikativen Kompetenz technische Hilfsmittel Optimale Kommunikationsposition (Licht, Lärm, Pausen, Grenzen Nutzung alternativer Kommunikationskanäle (NVK, Mundbild, Gebärden, Bild, Schrift) Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Coping

62 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Reflexion und Bewußtheit über Kommunikationsprozesse Kommunikationsübungen / Kommunikationstheorie Was ist Kommunikation? Welche Elemente spielen gerade bei der Schwerhörigkeit eine wichtige Rolle? Pragmatik - oft vernachlässigter Aspekt von Kommunkationsuntersuchungen Alltagsgeschäft der praktischen Kommunikation mit verschiedenen Folgen aufgrund der Schwerhörigkeit Coping

63 Copingkategorien der Studie Wirth 2010 Akzeptanz der Schwerhörigkeit Empower- ment Hörbehandlung und Hörhilfen Kommunikation staktik I (technisch) SelfmonitoringSelbstunter- stützung Soziale Unterstützung aktivieren Stress- management Coping Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Coping

64 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Ergebnisse Coping eigene Untersuchung Coping

65 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Hauptergebnisse Coping Zusammenfassung Kommunikationstaktik I zeigt höchste Ausprägung Technische Hörversorgung ist von sehr hoher Bedeutung Soziale Unterstützung ist von sehr hoher Bedeutung Coping

66 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Folgerungen für traumatherapeutische Praxis Supportive Therapie Was ist das heilende Agens bei negativen oder gar traumatischen Kommunikationserfahrungen? 1. Sicherheitsgefühl 2. Kompetenzuwachs: jetzt kann / könnte die Situation bewältigt werden, bzw. wird retrospektiv bewältigt 3. gelingende kommunikative und soziale Erfahrungen 4. dies kann durch symbolisches, imaginiertes und / oder 5. realistisches tatsächliches Durchlaufen der traumatischen Ereigniserinnerung (in-vivo-Konfrontation) Coping

67 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Reflektion der eigenen Schwerhörigkeit auf einer Metaebene – Fähigkeit mit innerer Distanz die eigenen Bemühungen im Zusammenhang mit der Schwerhörigkeit zu evaluieren und dadurch auch zielgerichtet zu steuern kann eine entscheidende Größe bei der guten Bewältigung einer Hörschädigung sein Metacopingkompetenzen Coping

68 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbsthilfe, Hilfen und Bewältigungsansätze Positive soziale Erfahrungen innerhalb einer stabilen, unterstützenden und sicheren Gruppe (Gleichbetroffener) gehört zu den heilsamsten Erfahrungen mit denen den psychosozialen Auswirkungen von Hörschädigungen begegnet werden kann Gleicher unter Gleichen zu sein entspannt und relativiert vieles Coping

69 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Selbsthilfe, Hilfen und Bewältigungsansätze Die kommunikative und dadurch auch soziale Situation ist unter Gleichen anders, selbstverständlicher, ruhiger, weniger druckvoll Dadurch wird es möglich erstmals Normalität mit seinem So-sein zu erleben Die durch Mead beschriebene Selbstentwicklung wird im Rahmen einer kommunikativ abgesicherten Umgebung möglich Coping

70 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Gelassenheitsgebet Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.GelassenheitMutWeisheit

71 Dr. Dipl.-Psych. Wolfgang Wirth Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Towards a unifying theory of behavioural change. Psychological review, 84, Bandura, A. (1997). Self efficacy: The exercise of control. New York: Freeman. Frank, R. & La Barre, F. (2011). The first year and the rest of your life. Movement, development and psychotherapeutic change. New York: Routledge. Grice, H. (1993) Logik und Konversation. In Meggle, G. (Hrsg.) Handlung Kommunikation und Bedeutung. (S ) Frankfurt / Main: Suhrkamp Tomasello, M. (2008). Die Ursprünge der menschlichen Kommunikation. Frankfurt / Main: Suhrkamp Voit, H. (1982). Sprachaufbau beim gestörten Kind aus der Perspektive gestörter Beziehung. Heidelberg: Schindele Wirth, W. (2010) Schwerhörigkeit – Trauma und Coping. Heidelberg: Median. Literatur


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