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TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vorlesung: Einführung in die vergleichende historisch- sozialwissenschaftliche.

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1 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vorlesung: Einführung in die vergleichende historisch- sozialwissenschaftliche Institutionenforschung II: Einführung in den Evolutorischen Institutionalismus

2 Ziel zeigen, welchen Stellenwert der Evolutorische Institutionalismus im Zusammenhang der erörterten Theorien des Neuen Institutionalismus, zumal des Historischen Institutionalismus, besitzt den Mehrwert eines evolutionstheoretischen Zugriffs auf Institutionen und Institutionengeschichte vor Augen führen befähigen, den Evolutorischen Institutionalismus bei der Analyse von institutioneller Steuerungs-, Reform- und Stabilisierungspolitik anzuwenden TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Literatur: ausgewählte Kapitel in Werner J. Patzelt, Hrsg., Evolutorischer Institutionalismus, Würzburg 2007 (über Homepage erhältlich) Werner J. Patzelt, Evolutionstheorie als Geschichtstheorie, Publikationsmanuskript (über Homepage herunterladbar)

3 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Weg der Einführung Schaffung eines Gesamtbildes (Fehl-) Wahrnehmungen der Evolutionstheorie Anschlussstellen zwischen Evolutionstheorie und Politikwissenschaft Grundstruktur des Evolutorischen Institutionalismus (dabei auch: Schnittstelle zur Ethnomethodologie / institutionellen Analyse / zum soziologischen Institutionalismus) Vertiefende Einführung in den Evolutorischen Institutionalismus Was ist eine Institution? Wie wandeln sich Institutionen? Was ist und bringt ‚Institutionenmorphologie‘?  am Beispiel historisch-vergleichender Parlamentarismusforschung ‚vom Allgemeinen zum Besonderen‘

4 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Evolutionstheorie: (Fehl-) Wahrnehmungen und deren Korrektur Evolution = Gegenbegriff zu ‚Revolution‘, d.h. schrittweiser– nicht ‚revolutionärer‘ – Wandel im Kern nicht falsch; aber: ‚regulative Katastrophen‘ im Verlauf von Evolutionsprozessen sowie das Zusammenbrechen von Systemen in ‚evolutionären Sackgassen‘ sind von ‚Revolutionen‘ im Grunde nicht zu unterscheiden ferner: als bloßer ‚Gegenbegriff‘ bleibt der Begriff der ‚Evolution‘ inhaltlich leer, besagt nicht mehr als ‚Wandel‘ und ist dann nur eine sprachliches Prunkstück, doch kein analytisches Werkzeug Evolution = ein Begriff aus der Biologie, welcher in die Geistes- und Sozialwissenschaften zu deren Nachteil naturwissenschaftlichen Reduktionismus einführt. In Wirklichkeit aber … ist das Evolutionsdenken ist seit der Aufklärung eine verbreitete Form der Reflexion über geschichtliches Werden schlechthin (  Geschichtstheorie, Geschichtsphilosophie) wurde seit dem gleichen Zeitalter in den Wirtschaftswissenschaften nach den Ursachen und Formen der so unübersehbar ‚selbst-organisierenden‘ Prozesses des Werdens und des Wandels wirtschaftlicher Ordnungsformen gesucht und dabei einiges Wegweisende gefunden (z.B. das Konzept der ‚unsichtbaren Hand‘) übernahm Darwin das Evolutionskonzept und die aus den genannten Quellen verfügbaren Denkweisen von den für ihn zeitgenössischen Sozialwissenschaften Folglich … muss der Evolutionsbegriff durch eine klare, möglichst jede Form von Wandel erklärende Theorie inhaltlich gefüllt werden kehrt mit einer ‚kulturwissenschaftlichen Evolutionstheorie‘ in die Sozialwissenschaften nur das zurück, was einst von ihnen ausging und zunächst in den Naturwissenschaften Karriere machte Achtung: Es gibt gute Gründe, die Evolutionstheorie nicht nur auf die Entwicklung biologischer und sozialer Strukturen anzuwenden, sondern auch auf die von anorganischen Strukturen!

5 Evolutionstheorie und Politik – eine ‚gefährliche Mischung‘? Weiß denn nicht ein jeder, dass … ‚survival of the fittest‘ das ‚Recht des Stärkeren‘ meint – also Sozialdarwinismus und inhumane Politik? biologisches Denken in der Politik einesteils zum Rassismus führt, andernteils zur Eugenik? Politik gerade keine so zielstrebigen Verläufe kennt wie etwa die Entstehung der Arten, ‚Teleogie‘, ‚Finalismus‘ oder ‚Determinismus‘ also politikwissenschaftlich unsinnig sind? es ohnehin völlig absurd ist, Politik auf Biologie zu reduzieren? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Aber: Stimmen denn alle diese Befürchtungen oder Unterstellungen überhaupt? Antwort: Nein – und für die im folgenden skizzierte Nutzung der Evolutionstheorie für die Politikanalyse schon gleich überhaupt nicht!

6 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kulturwissenschaftliche Evolutionstheorie übernimmt NICHT ‚die biologische Evolutionstheorie‘ in die Kultur- und Sozialwissenschaften sondern … (1)arbeitet den ‚Theoriekern‘ von Evolutionstheorie aus deren bislang erfolgreichster Anwendung – der biologischen – durch Abstraktion heraus (vgl. ‚strukturalistische Wissenschaftstheorie‘ und ‚non-statement view‘ von Theorien im Anschluß an J.D. Sneed, 1971; vgl. Wolfgang Balzer, An architectonic for science. The structuralist program, 1987) (2)verwendet das durch Richard Dawkins und Susan Blackmore erschlossene Konzept des ‚Mems‘ (= ‚kopierbares kulturelles Muster‘) ganz parallel zum Begriff des ‚Gens‘ (= ‚kopierbares chemisches Muster‘) in allen evolutionstheoretischen Aussagen (  Info)Info (3)erfasst über Theorien zur Konstruktion sozialer Wirklichkeit (v.a. aus der Ethnomethodologie, anschließend verbunden mit dem Dresdner Ansatz ‚institutioneller Analyse‘) die Eigentümlichkeiten der Hervorbringung und Stabilisierung sozialer Strukturen, die ja von ganz anderer und viel komplexerer Beschaffenheit sind als biologische oder gar anorganische Strukturen Ethnomethodologie (4)wendet schließlich auf den gemäß (3) konzeptualisierten Gegenstand soziokultureller Wirklichkeit zur Analyse von dessen Wandel die gemäß (1) gewonnenen und gemäß (2) operationalisierten evolutionstheoretischen Konzepte an. Obendrein werden die Gegenstände der Kultur- und Sozialwissenschaften im ‚Schichtenbau der Wirklichkeit‘ verortet und insofern AUCH – doch nicht reduktionistisch! – von ihren rein biologisch zu erklärenden tiefenstrukturellen Prägefaktoren her verstanden.Schichtenbau

7 Memetik Ist die Weiterführung der Einblicke in den (rein chemisch ablaufenden) genetischen Replikationsmechanismus ins Verständnis kultureller Replikationsmechanismen deren Grundeinheit: kulturelle Muster (geborgen in verschiedenen Trägermedien [Vehikel] wie Papier, Ritual, Institution...), die nachgeahmt und auf diese Weise tradiert werden können (Verhalten, Reden, Denken …; Begriff: Mem bzw. Memplex), und zwar … entweder unmittelbar durch Nachahmung, z.B. durch Nachsingen einer Melodie oder Befolgen eines Rollenmodells oder mittelbar durch Erlernen von Regeln, bei deren Anwendung das zu tradierende Muster neu entsteht, z.B. durch Erlernen der Notenschrift und der Fähigkeit, die in Notenschrift codierte Melodie auf einem Instrument zum Klingen zu bringen, oder durch Erlernen und Befolgen jener Regeln, die eine soziale Rolle konstituieren Meme/Memplexe sind die Durchführungsmittel sämtlicher Prozesse sozialer Struktur-, Rollen-, Organisations- und Institutionenbildung. begriffliche Schnittstelle: biologische Evolutionstheorie: Weitergabe jener Informationen, aus welchen Strukturen reproduziert werden, in chemisch codierter Form, nämlich in Genen soziologische Evolutionstheorie: Weitergabe jener Informationen, aus welchen Strukturen reproduziert werden (vgl. Theorien der Konstruktion sozialer Wirklichkeit!), in kulturell codierter Form, nämlich in Memen (Schlagworte, Melodien, Moden, Regeln, Denkfiguren...) Es zeigt sich: Alle Theoreme der Evolutionstheorie, in denen der Begriff des ‚Gens‘ bzw. dessen Derivate (Genpool und Genotyp; sowie Phän, Phänpool und Phänotyp) eine Rolle spielen, bleiben empirisch sinnvoll, wenn in sie der parallele Begriff des ‚Mems‘ und dessen Derivate eingesetzt werden (Mempool und Memotyp; sowie Phäm, Phämpool und Phämotyp).  Susan Blackmore, 2000: Die Macht der Meme. Heidelberg.

8 Fragestellungen der Ethnomethodologie Wie geben Menschen ihren Interaktionen Ordnung und Sinn? Wie gehen sie dabei mit ‚handlungsleitenden‘ bzw. ‚deutungsleitenden‘ Selbstverständlichkeiten um, indem sie diese … aufbauen benutzen verändern zerstören? Wie erzeugen sie dergestalt soziale Rollen und ganze Gefüge von sozialen Rollen, halten sie stabil, verändern sie, geben sie weiter oder zerstören sie? in allgemeiner Formulierung: Wie erzeugen, sichern, verändern oder zerstören Menschen soziale Wirklichkeit / soziale & politische Ordnung? Achtung: Das beginnt als Fragestellung zur Mikroebene sozialer Wirklichkeit und führt weiter … nach oben: Was tut sich in Gefügen sozialer Strukturen?  Makrosoziologie nach unten: Was sind überhaupt die Voraussetzungen sozialer Interaktion?  Ethologie, Soziobiologie … ‚Wandel sozialer Strukturen in lokal- situativen Mikroprozessen‘ = Schnittstelle zum Evolutorischen Institutionalismus  Schnittstelle zur Memetik, denn: Es geht bei handlungs- und deutungsleitenden Selbstverständlichkeiten doch ganz klar um ‚kulturelle Muster‘, also um Meme!

9 Was ist ‚Ethnomethodologie‘? Nicht das, was der Name nahezulegen scheint: eine besondere ‚Methodologie‘, deren Spezifikum vom Präfix ‚Ethno-‘ bezeichnet würde! Sondern: eine der Psycho-‘logie‘ oder Geo-‘logie‘ analoge... ‚-logie‘ jener Methoden, die von kompetenten Mitgliedern einer ‚Ethnie‘ (= einer Gruppe von Menschen, die eine als gemeinsam unterstellte Wirklichklichkeit ‚benutzen‘) verwendet werden, um die von ihnen wechselseitig in Rechnung gestellte und ihren gemeinsamen Handlungen zugrunde gelegte Wirklichkeit / soziale & politische Ordnung... aufzubauen, aufzuzeigen, zu deuten, in Geltung zu halten, zu verändern, zu zerstören. Das heißt: ‚Ethnomethodo – logie‘ ist eine Theorie der Konstruktion realer (!) sozialer Wirklichkeit ein von dieser Theorie geleiteter Ansatz zur detaillierten empirischen Analyse solcher Konstruktionsprozesse Beispiele für Ethnien im ethnomethodologischen Sinn: Mitglieder eines Chors, einer akademischen Schule, einer Glaubensgemeinschaft, einer Partei, allgemein: einer Institution; Praktizierende einer gemeinsamen Sportart (vom ‚Ironman‘ bis zum Schach), Lebensweise (von Veganern bis zu FKK-Anhängern) oder Freizeitaktivität (von Wanderfreunden bis zu Besuchern von Swinger-Clubs). Anschlusskonzepte: ‚kompetentes Mitglied‘, ‚bona-fide-Mitgliedschaft‘  Werner J. Patzelt, Grundlagen der Ethnomethodologie. Theorie, Empirie und politikwissenschaftlicher Nutzen einer Soziologie des Alltags, München 1987

10 Der analytische Ansatz der Ethnomethodologie gefragt wird nach den Prozessen der Konstruktion, Reproduktion, Transformation und Destruktion von lokal-situativ (d.h.: hier und jetzt – sowie in Tausenden anderer Situationen auch) hervorgebrachter Wirklichkeit untersucht werden ‚Ethnomethoden‘, d.h.... ‚Darstellungstechniken‘ (‚accounts‘) = Methoden, mit denen der Sinn von Handlungen, Zeichen usw. aufgewiesen wird Interpretationsverfahren = Methoden, mit denen Dargestelltes / in eine Situation Eingebrachtes gedeutet wird szenische Praktiken = Methoden konkreten Handelns in den untersuchten Ethnien (z.B. Durchführung einer ärztlichen Untersuchung, Verhalten im Forschungslabor, Leitung einer Orchesterprobe, Durchführung einer Liturgie, Beratung eines Bankkunden...) Hypothesen und Antworten werden formuliert in einer spezifischen Beschreibungssprache, zu deren Quellen u.a. die Phänomenologie, die Sprachphilosophie, die Ethnologie und die Mikrosoziologie gehören empirischer Wahrheitsgehalt der vorgetragenen Antworten wird erarbeitet und überprüft anhand v.a. der folgenden Methoden: (teilnehmende) Beobachtung, Feld- und Laborexperimente, Analyse von Konversationssequenzen, Sekundäranalyse ethnographischen Schrifttums

11 ‚politics of reality‘ dienen der Geltungssicherung der einen Wirklichkeits(konstruktion) in Auseinandersetzung mit den Geltungsansprüchen konkurrierender Wirklichkeiten und ihrer Konstrukteure umfassen die basalen Ethnomethoden der Interpretationsverfahren, Darstellungstechniken und szenischen Praktiken gliedern sich in die … Vorfeldmethoden (Sozialisation, Absicherung von ablaufenden Reflexivitätsprozessen) Entproblematisierungsmethoden Ausgrenzungsmethoden Das alles dient dazu, u.a. spezifische Stimmungen, Atmosphären, Milieus, soziale Strukturen, institutionelle und kulturelle Ordnungen usw. gegen ihre Alternativen und Konkurrenten in Geltung und Wirkung zu halten! = reale Wirkungsweise eines ‚epimemetischen Systems‘ im Alltag der von ihm ‚Gesteuerten‘ vgl. Werner J. Patzelt, Wirklichkeitskonstruktion im Totalitarismus, in: Achim Siegel, Totalitarismustheorien nach dem Ende des Kommunismus, Köln / Weimar 1998, S Leitfrage: Wie wird sichergestellt, dass ganz bestimme soziale Strukturen (und keine anderen) aufgebaut und stabil gehalten werden (obschon alle sozialen Strukturen grundsätzlich fragil sind)?

12 Methoden der Absicherung ablaufender ‚Reflexivitätsprozesse‘Reflexivitätsprozesse routinemäßige Nicht- Herstellung von Transparenz bezüglich der Zusammenhänge zwischen einzelnen Wirklichkeitsmerkmalen routinemäßiger Verzicht auf abweichende Deutungen routinemäßige Einführung von ‚normalisierenden intervenierenden Variablen‘ routinemäßige Verwendung normalisierender Kontexte als Zeichen kompetenter Mitgliedschaft routinemäßige Interpretation von Wahrnehmungen ausschließlich anhand der Hypothese, die eigene Wirklichkeitsbeschreibung sei korrekt routinemäßige Beseitigung von Falsifikationschancen routinemäßige Interpretation von Wirklichkeitsmerkmalen aller Art nur im Einklang mit den eigenen Interessen routinemäßiger Verzicht auf neuartige Sprechweisen = Absicherung einer bestimmten Interpretation und Weitergabe von Memen / Memplexen anstelle anderer Deutungs- und (kritischer!) Weitergabepraxen  Absicherung eines verlässlich erwartbaren Nexus zwischen Zeichen(mittel) und Anschlusspraxis ‚Vorfeldmethoden‘:... typisch für (totale) Institutionen mit klarer ‚institutioneller Kultur‘ (Partei, Orden, Sekte...)

13 Reflexivitätsprozesse Wirklichkeit (also u.a.: lokal-situativ bestehende Stimmungen, Atmosphären, Milieus) wird erzeugt durch gelingendes ‚reality work‘ (d.h. durch routinemäßig ablaufende Reflexivitätsprozesse) Reflexivitätsprozesse werden gestört oder unterbrochen, wenn Hintergrunderwartungen von bona fide-Mitgliedern (nachhaltig) diskreditiert werden Bestandteile von Reflexivitätsprozessen: Darstellungstechniken Interpretationsverfahren szenische Praktiken in einer Liturgie erleben die einen Gottes Gegenwart, die anderen nicht die einen erleben einen Besuch im KZ- Dachau als seelisches Purgatorium, die anderen als einen ‚blöden Klassenausflug‘ eine Liturgie oder eine Opernaufführung wird von Störern ‚gesprengt‘ die Stimmung auf einer Party wird ‚verdorben‘ von ‚Kotzbrocken‘ Wie zeige ich, was ‚gemeint ist‘? Wie ‚muss‘ ich was verstehen? Was ist ‚kompetentes Verhalten‘ in meiner Rolle oder Position? NICHT gemeint im Sinne von ‚Prozesse des Nachdenkens‘, SONDERN: im Sinne von ‚Deutungsversuche bestätigenden Anschlusspraxen‘ ! Konzepte / Theoreme Beispielsserie:  Offensichtlich geht es hier um den ‚kompetenten Umgang‘ mit (ethniespezifischen) Memen!

14 Entproblematisierungsmethoden werden angewendet, wenn der störungsfreie Ablauf von Reflexivitätsprozessen in Gefahr gerät, d.h. Zweifel an der Richtigkeit, Fraglosigkeit usw. der eigenen Wirklichkeit / Ordnung auftreten dienen dem ‚Nachweis‘, dass im Grunde eben nur Missverständnisse hinsichtlich der ‚doch gemeinsamen Wirklichkeit‘ vorlägen, es also eigentlich kein ‚echtes Problem‘ konkurrierender Durchsetzungsansprüche verschiedener Wirklichkeiten zu lösen gilt Einzelmethoden: Einigung darauf, dass letztlich nur verschiedene Betrachtungsperspektiven vorliegen (etwa: Fachmann/Laie; Praktiker/Theoretiker...) und es ‚im Wesentlichen‘ ja Einigkeit gibt Einigung darauf, dass man wohl unterschiedliche Sachverhalte vor Augen hat und darum ‚eigentlich gar kein Problem besteht‘ ‚Konversion‘ eines ‚abweichend Denkenden‘ verlangen ihren Anwendern geistig ziemlich viel ab. Darum: meist rasch substituiert durch die Ausgrenzungsmethoden wenn verwendet: Zeichen ziemlicher Kultiviertheit und eines trotz aller konkurrierenden Wahrheitsansprüche ziemlich verläßlich weiterhin zu bewirkenden Bestands gemeinsamer Wirklichkeitselemente = Absicherung einer bestimmten Interpretation und Weitergabe von Memen / Memplexen anstelle anderer Deutungs- und (kritischer!) Weitergabepraxen

15 Ausgrenzungsmethoden kommunikative Deprivation strategische Kontextbildung Degradierung Liquidierung nur kommunikativ auch physisch Störer einer Liturgie oder eines ‚politisch korrekten Diskurses‘ werden zum Schweigen gebracht. von Abweichlern wird – auch mittels Medienkampagnen – systematisch gezeigt, dass sie in allen wichtigen Aspekten von den ‚Normalformen‘ der Ethnie abweichen und darum eine Bedrohung für die Aufrechterhaltung eigener Identität und Wirklichkeit sind ‚Herunterputzen vor anderen‘, Rufmord, Schauprozesse … ums Amt oder die öffentliche Rolle bringen für geistig verwirrt erklären und in eine Irrenanstalt einweisen einsperren, verbannen; Schriften auf den Index setzen umbringen anzuwenden gegen die Störer spezifischer Stimmungen oder institutioneller Milieus … bzw. gegen die ‚Umdeuter‘ von Memen / Memplexen bzw. hinderliche Personen beim Prozess memetischer Replikation Konzepte Beispielsserie:

16 Wie führt man von diesen Konzepten geleitete empirische Studien durch? Sekundäranalyse von Texten, in denen Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion und Wirklichkeitsdestruktion beschrieben werden (z.B.: Hinwendungen zum und Abwendungen vom Kommunismus) teilnehmende Beobachtung von prinzipiell fragilen (und auch immer wieder gestörten) Prozessen der Wirklichkeitskonstruktion (z.B. Liturgien, Theater- und Opernaufführungen, Museumsführungen, Parties, Einladungen im Bekanntenkreis …) Feldexperimente zur gezielten Unterbrechung wirklichkeitskonstruktiver Prozesse: Man selbst (oder ein Mitarbeiter) stört – gezielt an den vermuteten zentralen Hintergrunderwartungen ansetzend – z.B. eine Liturgie oder Theateraufführung, eine private oder öffentliche Feier, beobachtet und dokumentiert (etwa durch Ton- und Bildaufzeichnungen) was geschieht, und wertet diese Befunde dann aus. allgemeine Fragestellungen: Was geschieht eigentlich, und wie geschieht das seitens von wem, wenn in (institutionellen) Räumen und um sie herum sich (unterschiedliche) Stimmungen sowie (institutionelle) Strukturen und Milieus entwickeln? Wie kann man solche Prozesse der Erzeugung von Atmosphäre, Milieu und (institutionellen) Strukturen herbeiführen und verstetigen, oder gefährden und abbrechen?

17 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt internationales System (kulturspezifische) Wissensbestände, Deutungsroutinen, Normen globale ‚natürliche Umwelt‘ supranationale Systeme ‚nationalstaatliche‘ politische Systeme Organisationen / Institutionen Rollen, Rollengefüge, Kleingruppen ‚hier und jetzt‘ lebende Einzelmenschen genetisch verankerte Repertoires von Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Empfindung und Verhalten Mesoebene Mikroebene setzen Rahmenbedingungen (‚constraints‘) (Mit-) Prägung von Systemen auf allen Wirklichkeitsschichten durch die Wirkung jeweils höherer und (!) niedrigerer Schichten; doch keinerlei ‚Determination‘ und somit auch keinerlei ‚Reduktionismus‘ Entstehen von neuartigen Systemeigenschaften auf den jeweils höheren Schichtebenen (‚Emergenz‘); doch keineswegs unabhängig von jenen Voraussetzungen, welche das Milieu der niedrigeren und höheren Schichten dem jeweiligen Sys- tem bietet ‚molekulare und (sub-) atomare Umwelt‘  neue Systeme entstehen jeweils zwischen zwei schon bestehenden Schichten bieten die Bestandteile (‚constituents‘) Makroebene Schichtenbau sozialer Wirklichkeit Kernbereich des Evolutorischen Institutionalismus

18 Warum ist die Evolutionstheorie für die Analyse von Politik interessant? Politik ist … menschliches Handeln, das auf die Herstellung und Durchsetzung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt – untersucht hinsichtlich seiner Inhalte, der dabei ablaufenden Prozesse und der dies alles prägenden Strukturen / Institutionen Fragen: (1)Wie prägt denn die – zweifellos doch im biologischen und sozialen Evolutionsprozess entstandene – ‚Natur des Menschen‘ die Politik? (z.B. Rangstreben, Possessivität, Territorialität; Sozialität in Kleingruppen, Xenophobie beim Aufeinandertreffen von Gruppen …) (2)Welche Deutungs- und Denkroutinen, die im Lauf der Evolution unserer Spezies und somit in sozial relativ einfach strukturierten Umwelten entstanden sind, prägen heute noch unsere emotionale und kognitive Auseinandersetzung mit Politik, sind dabei aber auf komplexe soziale und politische Strukturen gerade nicht adaptiert – so dass sie uns ‚ganz natürlich‘ recht folgenreiche politische Bewertungs- und Denkfehler bescheren? (3)Was sind beim politischen Handeln evolutionär stabile Verhaltensweisen im Unterschied zu evolutionär instabilen (‚nicht nachhaltigen‘) Verhaltensweisen? (z.B. Habicht/Tauben-Dynamik) (4)Wie entstehen, werden weitergegeben und wandeln sich jene Institutionen, mit denen Menschen die Reproduktion und Steuerung ihrer komplexen sozialen Wirklichkeit seit Jahrhundert- tausenden, im Bereich politischer Institutionen seit Jahrtausenden auf Dauer stellen? Antworten gibt …. die Evolutionstheorie, und zwar als (1) Ethologie / Biopolitics, (2) evolutionäre Erkenntnistheorie & Ethik, (3) Soziobiologie, (4) Systemtheorie der Evolution TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

19 politikwissenschaftliche Anschlussstellen der biologischen Evolutionstheorie (Human-) Ethologie zeigt: Vieles Verhalten, das auch Menschen an den Tag legen, taucht schon im Tierreich auf und wird folglich eine nicht allein kulturelle, sondern bereits kreatürliche (‚biologische‘) Grundlage haben. darunter: Territorialität, Possessivität, Rangstreben, Kooperationsfähigkeit, Bestrafungsbereitschaft … dieser Befund ist sozialwissenschaftlich fruchtbar zu machen über eine Theorie des ‚Schichtenbaus sozialer Wirklichkeit‘ Spieltheorie und Populationsökologie zeigen: Nicht alle Verhaltensweisen sind auf Dauer gleich stabil, weswegen sich in lange bestehenden Systemen unterschiedliche Handlungsstrategien in unterschiedlichen Häufigkeiten finden werden und es höchst plausible Muster im Auf und Ab ihrer jeweiligen Häufigkeiten gibt darunter: Habicht/Taube-Relation, ‚do ut des‘-Muster von Kooperation (‚tit for tat‘- cooperation), reziproker ‚Altruismus‘ … sozialwissenschaftlich fruchtbar zu machen durch Einbau solcher Einsichten in Theorien nachhaltig stabilen sozialen Handelns und der Institutionenbildung Soziobiologie erklärt: Die grundlegende Fähigkeit, so zu handeln und derlei Handlungsstrategien auch wechselseitig zu unterstellen, wird zwar zufällig entstanden sein, hat sich aber deshalb so weit verbreitet, weil Populationen mit anderen Handlungsstrategien nicht nachhaltig stabil waren bzw. weil Populationen mit selbstverständlicher Fähigkeit sowohl zur Kooperation als auch zur Bestrafung kooperationsverweigernden Verhaltens in der Konkurrenz um knappe Ressourcen immer wieder gewannen und sich samt ihren Eigenschaften somit stärker verbreiteten als ihre Konkurrenten. = ‚biologische Basis‘ allen sozialen Handelns und somit auch der Institutionenbildung; vgl. Eckart Voland, Grundriss der Soziobiologie, Heidelberg 2000

20 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt politikwissenschaftliche Anschlussstellen der nicht-biologischen Evolutionstheorie Politik = Zusammenwirken von … policy = politische Inhalte politics = politische Prozesse polity = politische Strukturen Für ‚politische Systembaukunst‘ (= ‚political engineering‘) von jeher wichtig und interessant: polity = dauerhafte politische Strukturen (v.a. ‚Institutionen‘), die ihrerseits zu den Rahmenbedingungen aller im System ablaufenden ‚politics‘ und implementierbaren ‚policies‘ werden und weiterer Systementwicklung ihre Voraussetzungen abgeben. Bei näherer Betrachtung ist leicht zu erkennen: längerfristig bestandsfähige politische Strukturen (Institutionen, Organisationen), die immer wieder neue Mitglieder anziehen, sozialisieren, zu ihren Trägern machen und ihrerseits selbst dann weiterbestehen, wenn die Mitglieder sie durch Austritt oder Tod verlassen, haben sehr viel gemein mit jenen biologischen Arten (z.B. dem Menschen selbst), die – einmal geprägt – weiterbestehen, selbst wenn die jeweils die Art gerade tragenden Individuen sterben. Also liegt die Frage nahe, ob jene Theoreme, welche uns das Entstehen, Bestehen, sich Wandeln und Vergehen von biologischen Arten erklären, wohl auch nützlich wären, um uns das Entstehen, Bestehen, sich Wandeln und Vergehen von (politischen) Institutionen bzw. Organisationen erklären könnten.  falls ja, wäre für die Analyse der (politischen) Struktur- und Institutionengeschichte ein überaus nützlicher Ansatz gewonnen, der über die Möglichkeiten reiner Historiographie weit hinausgeht. Eben dieser Vermutung geht – mit sich abzeichnender großer Rendite – der ‚Evolutorische Institutionalismus‘ nach.  Ihn gälte es darum der Politikwissenschaft als neuen Ansatz der Parteien-, Verbände-, Verwaltungs-, Regierungs- und Parlamentarismusforschung zu erschließen, ebenso als Ansatz der Analyse von ‚institutions-choses‘, d.h. sachzentrierten Institutionen wie Verfassungen und Regimen.

21 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Leitgedanken des Evolutorischen Institutionalismus Fragestellung: Wie entstehen, stabilisieren und wandeln sich institutionelle Strukturen?  gleich ob es sich um institutions-personnes oder institutions-choses handelt! Wie lassen sich die dabei ablaufenden komplexen historischen Prozesse über eine Beschreibung ihrer Faktizität hinaus erfassen?  D.h.: Welche im Hintergrund geschichtlicher Prozesse wirkenden Regelmäßigkeiten lassen sich auf Theorieebene erkennen und somit allen konkreten Analysen geschichtlicher Prozesse zunächst heuristisch-hermeneutisch, sodann analytisch- explanatorisch zugrunde legen? Grundrichtung der Antwort: Wenn die biologische Evolutionstheorie diese Fragen hinsichtlich der Entstehung, Stabilisierung und des Wandels biologischer Strukturen erfolgreich und offenbar empirisch wahr beantwortet – warum sollten dann ihre Kategorien und Theoreme nicht auch hilfreich sein für die Beantwortung der ganz parallelen Frage nach der Entstehung, Stabilisierung und dem Wandel sozialer bzw. institutioneller Strukturen?  Ausprobieren! Allerdings:  Soziale/institutionelle Strukturen sind etwas ganz anderes als biologische Strukturen, so dass eine simple Parallelisierung von Begriffen und Theoremen allenfalls heuristisch interessant sein kann, doch weit hinter dem zurückbleibt, was anzustreben ist.  also erforderlich: besonders komplexe Theoriestruktur – gelagert um einfache Grundgedanken

22 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Theorie- und Forschungsbereiche, aus denen analytisches Werkzeug zu gewinnen ist / war: Ausgangs- und Zentralfrage: Wie entstehen, stabilisieren und wandeln sich institutionelle Strukturen? Die Theoriestruktur des Evolutorischen Institutionalismus konkretisierende Anschlußfragen: - Was sind ‚institutionelle Strukturen‘ als sozialer Aggregatzustand zwischen Wandel und Dauer? - Wie kommen soziale Strukturen als Ausgangs- material institutioneller Strukturen überhaupt zustande? - Wie wandeln sich (insti- tutionelle) Strukturen‘? ‚kognitive Landkarte‘ zum gesamten Forschungsfeld: Schichtenbau der Wirklichkeit  Wie über derlei hinausgelangen? Theoriekandidaten mittlerer Reichweite v.a.: - Historischer Institutionalismus (Pfadabhängigkeit …) - Rational choice-Institutio- nalismus (Stabilitäts- bedingungen …) - ökonomische Populationsöko- logie (strukturelle Trägheit …)  Wie methodisch ansetzen? - Erklärung geschichtlicher Verlaufsmuster - Institutionenmorphologie - Evaluation institutioneller Lernprozesse ‚Institutionelle Analyse‘ Analysen der Konstruktion sozialer Strukturen und gesellschaftlicher Wirklichkeit (v.a. Ethnomethodologie) Einsichten in die biologische Basis sozialen Handelns (v.a. Ethologie, Soziobiologie) alltagstheoretische Kategorien: Wandel im Generationenwechsel, Krise, Verdichtung von Wandel (‚Beschleunigung‘), Neubildung, Zusammenbruch...  Wie läßt sich ein ‚geistiges Band‘ all dieser Theorien finden und dem auf den Grund gehen, wovon sie handeln? Allgemeine Evolutionstheorie - Bindeglied zur institutionellen Analyse‘: Memetik - Bindeglied zu praktischen Fragen des Institutionen- wandels: ‚Evolution als evaluierbarer Lernprozess‘ (=Systemtheorie der Evolution)  enge, noch näher zu erkundende Verwandtschaft mit der Evolutorischen Ökonomik

23 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gewinnung und Anwendung der Allgemeinen Evolutionstheorie Entwicklung der Arten (= biologischer Strukturen) Entwicklung von Institutionen (= sozialer Strukturen) erfasst durch die biologische Evolutionstheorie: von Darwin über die Synthetische Theorie weiterentwickelt zur Systemtheorie der Evolution ‚Allgemeine Evolutionstheorie‘ gegenstandsspezifische Konkretisierung durch gegenstandsangemessene Anwendung ihrer Konzepte und Theoreme auf nicht- biologische empirische Referenten Entwicklung von Kompositions- und Maltechniken, Baustilen, Dichtungsformen, Denkgebäuden … (= kultureller Strukturen) Abstraktion vom biologischen empirischen Referenten unter Beibehaltung der bewährten Konzepte und Theoreme kulturwissenschaftl. Evolutionstheorie Sozialwiss. Evolutionstheorie  ‚Übersetzungstabelle‘Übersetzungstabelle KEINE bloße ‚Heuristik‘ oder ‚Analogie‘ !!

24 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Übersetzungstabelle‘ (Auszug) Gen, Genom (= Bauanleitung) epigenetisches System (  Wie wird bestimmt, welche Bauanleitungen in welcher Reihenfolge und Kombination verwendetewerden?  Struktur- und Regulatorgene) Phän (= sowohl vom Bauplan als auch von der Umwelt geprägte Struktur) Art Grundbauplan Generation: jeweils neue Organismen der Art, geschaffen über genetische Replikation mit arteigenem, generationen- übergreifendem Genotyp Mem, Memplex (= handlungsleitende Idee) epimemetisches System (  Wie wird bestimmt, welche handlungsprägenden Sinndeutungen / Regeln verwendet werden?  Macht)Macht Phäm (= sowohl vom Bauplan als auch von der Umwelt geprägte Struktur) Institution Grundbauplan, ‚institutionelle Form‘ Generation: jeweils neue kompetente Mitglieder einer Institution, ‚geschaffen‘ über memetische Replikation, mit institutionseigenem, generationenübergreifenden Memotyp (= institutionsspezifische Sozialisation) gleiche Begriffe: Variation, Rekombination, Mutation (bei der Weitergabe von ‚Bauplänen‘ im Generationenwechsel; innere und äußere Selektionsfaktoren dafür, welche Baupläne (über mehrere Generationen) weitergegeben werden können; Passung und Fitness … biologische Evolutionstheorie:soziologische Evolutionstheorie:

25 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Macht hat drei ‚Gesichter‘ : etwas durchsetzen  Durchsetzungsmacht eine Entscheidung verhindern  Verhinderungsmacht jene Begriffe prägen, anhand welcher erörtert wird, was durchgesetzt oder verhindert werden soll  kommunikative Macht (‚Deutungsmacht‘)  Es geht hier um Meme, Memplexe; Steuerungs- und Regulatormeme/memplexe; Anschlussstelle: ‚politics of reality‘ (  Ethnomethodologie)

26 Evolution … ist ein Prozess des Aufbaus und der Weiterentwicklung von Strukturen sowie von ganzen Gefügen von Strukturen, bei dem Informationen über die Baupläne der zu schaffenden Strukturen ‚ausgelesen‘, in ‚Baumaßnahmen‘ umgesetzt und dann ihrerseits weitergegeben werden. Dabei kommt es immer wieder zu ‚Fehlern‘ und jedenfalls Veränderungen beim Auslesen, Anwenden und Weitergeben jener Informationen, wobei zwei Instanzen dafür maßgeblich sind, welche dieser – oft ganz zufällig erfolgenden – Veränderungen Chancen auf Weiterbestand haben: die aus den weitergegebenen Informationen gerade aufgebaute Struktur: Passt das nunmehr in veränderter Form aufzubauende Bauteil zur schon entstandenen und weiterzubauenden Struktur?  Wenn nicht: meist Abbruch weiteren Strukturaufbaus mit der veränderten Form; keine Weitergabe die ‚Umwelt‘ / ‚Nische‘ der neu aufgebauten Struktur: Passt die mehr oder minder leicht verändert aufgebaute Struktur (weiterhin) in diese Umwelt, d.h.: erhält sie oder verarbeitet sie weiterhin Ressourcen aus dieser Umwelt / Nische?  Wenn nicht, wird die verändert aufgebaute Struktur verringerte Bestandschancen haben und es klar reduzierte Chancen geben, dass ihr Bauplan weitergegeben wird. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gewebe / Organismen; sprachliche Strukturen; soziale Strukturen / Institutionen chemische Kodierung: ‚Gene‘ / kulturelle Kodierung: ‚Meme‘ Variation, Rekombi- nation, Mutation... innere Selektionsfaktoren für passende (‚fitte‘) Systembauteile äußere Selektions- faktoren für passende (‚fitte‘) Systembauteile Dabei ist zu unterscheiden: die weitergegebene Information, d.h. der Genotyp / Memotyp die anhand der weitergegebenen Information aufgebaute Struktur, d.h. der Phänotyp / Phämotyp  Durch das kombinierte Wirken von inneren und äußerlichen Selektionskriterien erhält der Evolutionsprozess ‚Richtung‘, ohne gleichwohl ‚determiniert‘ zu sein (Teleonomie, nicht Teleologie)! Wirkungsfeld (oft) reinen Zufalls (mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsdichten!) keine Retention (ver- änderter) Merkmale

27 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Soziale Strukturen sind fragile, stets der Reproduktion bedürfende Prozessprodukte  Ordnung = ein Prozess ! entstehen, werden reproduziert, modifiziert … anhand von ethniespezifischen (‚kulturspezifischen‘) Wissensbeständen, also auch geprägt von deren Ordnung (  ‚Kanonisierung‘) mittels wirklichkeitskonstruktiver Methoden (Interpretationsverfahren, Darstellungstechniken, szenischen Praktiken), deren formalpragmatische Merkmale sich präzis beschreiben lassen und welche darum als ‚tertium comparationis‘ weitgespannter Vergleichsstudien verwendet werden können im Rahmen von Machtbeziehungen, deren – Macht oft kunstvoll verdeckende – Methodik (‚politics of reality‘) ebenfalls formalpragmatisch präzis zu beschreiben ist letztlich auf kreatürlicher (‚biologischer‘) Grundlage  Forschungen von (Human-) Ethologie, Soziobiologie, Populationsökologie … bilden die zentrale konzeptuelle Schnittstelle zwischen institutioneller Analyse und … Ethnomethodologie: ‚Wie entstehen soziale Strukturen im Alltagsleben immer wieder neu, und wie werden sie, trotz aller Störungen des alltagspraktischen ‚reality work‘, oft so verläßlich aufrechterhalten?‘ Evolutionstheorie: ‚Wie werden soziale Strukturen weitergegeben und dabei – bei welchen Voraussetzungen und Folgen – selektiert, modifiziert oder beibehalten?‘ Keineswegs sind soziale Strukturen ‚Naturtatsachen‘ wie chemische oder physiologische Strukturen. Sie sind vielmehr höchst störungsanfällige ‚Kulturtatsachen‘, die einer gesonderten theoretischen Erfassung und Erklärung bedürfen (vgl. Werner J. Patzelt, Grundlagen der Ethnomethodologie, München 1987).

28 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Reproduktion sozialer Strukturen Zwei Aufgaben der Reproduktion sozialer Strukturen: lokal-situative Geltungssicherung durch ‚reality work‘ Beispiel: Sicherung der ‚normalen Alltagswirklichkeit‘ in einem Parlament oder Kloster vergleichender Forschungsansatz: ethnomethodologische Studien zu Wissensbeständen, Interpretationsverfahren, Darstellungstechniken und szenischen Praktiken Weitergabe an solche Personen, die neu in ein bereit bestehendes Gefüge sozialer Strukturen eintreten (‚Novizen‘) und … von denen dessen bisherige Träger wünschen, sie möchten dieses Gefüge später als ‚kompetente Mitglieder‘ ihrerseits weitertragen Beispiel: Sozialisation neuer Abgeordneter oder von Novizen eines Ordens vergleichender Forschungsansatz: evolutionstheoretische Studien zur Weitergabe von Wissensbeständen, Deutungsmustern und kompetent beherrschten szenischen Praktiken Eben dadurch werden Institutionen als komplexe Sozialarrangements ‚auf Dauer gestellt‘ und entfaltet sich deren Ordnung als Prozess. konkretisierende und vergleichsanleitende Theorieansätze = Leitgedanken der Verbindung von ‚institutioneller Analyse‘ mit einesteils Ethnomethodologie und andernteils Evolutionstheorie Analyse von ‚Institutionalität‘ Analyse von ‚Geschichtlichkeit‘ im Kern: ‚Soziologischer Institutionalismus‘

29 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt unterschiedlich leicht anwendbar und unterschiedlich fehlerträchtig! Weitergabe von sozialen Strukturen an ‚Novizen‘ weiterzugeben sind: Wissensbestände Deutungsmuster kompetent beherrschte szenische Praktiken zwei Weitergabeweisen: [nicht in allen Fällen gleichermaßen (gut) anwendbar!] Weitergabe von Wissensbeständen, Deutungsmustern, Handlungskompetenzen und szenischen Praktiken durch Lehren und Lernen, durch Vormachen, Nachahmen und Einüben, d.h.: durch ‚Kopieren‘ Vermittlung jener Regeln und regelanwendenden Kompetenzen, anhand welcher die weiterzugebenden … Wissensbestände persönlich neu aufgebaut werden können, Deutungsmuster persönlich angemessen zusammengestellt … einschlägige szenischen Praktiken persönlich ausfindig gemacht und kompetent an den Tag gelegt werden können d.h.: durch Zurkenntnisnahme und Anwenden einer Regel ‚kulturelle Muster‘ in der Sprache der Allgemeinen Evolutions- theorie: Meme, bzw. (als Konfiguration miteinander verbundener Meme) ‚Memplexe‘ Name: ‚Vehikel‘ (des Mems oder Memplexes) voraus- setzungs- arm & fehler- trächtig voraussetzungs- reich & wenig fehlerträchtig Achtung: Leitidee = Mem(plex) ‚memetische Replikation‘ zusammenfassender Begriff: ‚memetische Replikation‘ Die weiterzugebenden Meme bzw. Memplexe brauchen Trägermedien, z.B. Papier für Text, CDs für Musik, Menschen für Handlungsmuster, Institutionen für Rituale. z.B.: Man erlernt ein Amt durch Nachahmung seines Vorgängers oder spielt ein Musikstück nach Gehör z.B.: Man erlernt ein Amt durch Studium und Befolgung der Geschäftsordnung oder spielt ein Musikstück nach Noten kombinierbar!

30 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Memetische Replikation‘ Mem / Memplex = eine Informationseinheit, die weitergegeben (‚repliziert‘) werden kann Beispiele: Wissensbestände: Wörter einer Sprache, Information über Sachverhalt, Argument, Gedicht, Melodie … Deutungsmuster: ‚Wie versteht ein kompetentes Mitglied der Gruppe X den Sachverhalt Y?‘ szenische Praktiken: Leiten einer Sitzung, Dirigieren eines Chors, Durchführung eines religiösen Ritus … Hinsichtlich ihrer Replikationsfähigkeit unterscheiden sich Meme u.a. in ihrer … Einfachheit und Plausibilität: In beiden Fällen größere Repliktionschancen! Wiedergabetreue: große oder geringe Übereinstimmung des – durch Kopieren oder Regelanwendung – übernommenen ‚kulturellen Musters‘ mit dem Original (  ‚Variation‘, ‚Rekombination‘, ‚Mutation‘ …) Langlebigkeit: Wie lange wird ein ‚kulturelle Muster‘ als solches erkannt und – durch Kopieren oder durch Anwendung einer es reproduzierenden Regel – weitergegeben? (  ‚Retention‘) Fruchtbarkeit: Wie oft wird – mehr oder minder wiedergabetreu, gleich ob durch Kopieren oder reproduzierende Regelanwendung – ein ‚kulturelles Muster‘ repliziert? (  ‚Durchsetzung in der Konkurrenz mit anderen Memen‘) Auf die Replikationsfähigkeit haben die Eigentümlichkeiten der Vehikel Einfluss: Wiedergabetreue: meist groß, wenn z.B. ein komplexes Musikstück von einem Orchester nach Noten gespielt wird; meist gering(er), wenn es vom Orchester einer CD nachgespielt wird Langlebigkeit: meist groß, wenn das Vehikel dauerhaft ist (z.B. Steintafeln für einen ‚Bericht über eigene Taten‘); meist gering(er), wenn das Vehikel vergänglich ist (z.B. Regiestile vor der Erfindung von Film und Video) Fruchtbarkeit: meist groß, wenn das Vehikel weit verbreitet ist (z.B. Bilder als Dateien im JPG- Format); meist gering(er), wenn kaum einer mehr das Vehikel kennt (z.B. Gedanken in einem vergriffenen und vergessenen Buch) nicht  Dawkins (1976) und Blackmore (2000) haben gezeigt: Die Mechanismen (nicht: die ‚Biologie‘, die ‚Chemie‘ !) memetischer Replikation und genetischer Replikation sind gleich. Achtung: Die Evolutionsmechanismen sind ausgelegt auf die Weitergabe von Genen / Memen, nicht aber auf die Erhaltung der Vehikel von Genen / Memen – wie etwa Menschen und Institutionen ! Memetik und Genetik  Selektion setzt an sowohl bei den Memen als auch bei deren Vehikeln

31 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Memetik und Genetik Gen = Abschnitt auf der DNS, von dem aus – in vielen Zwischenschritten – der Gewebe- aufbau von Zellen gesteuert wird Genpool = Gesamtheit der Gene einer Art Genotyp = spezielle Konfiguration der Gene in einem Organismus einer Art Phänotyp = die konkrete Gestalt, die – auf der Grundlage seines Genotyps – ein Orga- nismus einer Art im Lauf seines Lebens unter dem Einfluß seiner Umwelt (‚Nische‘) annimmt Phänpool = Gesamtheit der phänotypi- schen Variationen der Organismen einer Art genetische Replikation = Kopieren eines DNS-Abschnitts Gendrift = Veränderung des Genpools einer Art Mem = kulturelles Muster (geborgen in einem ‚Vehikel‘) von dem aus der Aufbau sozialer Strukturen gesteuert wird (  Ethnomethodologie) Mempool = Gesamtheit der ‚kulturellen Muster‘ einer Institution Memotyp = spezielle Konfiguration der ‚kulturellen Muster‘, welche sich ein (kompetentes) Mitglied einer Institution angeeignet hat Phämotyp = der konkrete Habitus, den – auf der Grundlage seines Memotyps – ein Mitglied einer Institution in Lauf seiner Mitgliedschaft in der Institution unter dem Einfluß seiner Umwelt (‚Nische‘) annimmt. Phämpool = Gesamtheit der phämotyp- ischen Variationen der Mitglieder einer Institution, d.h.: ihrer konkreten Wissens- bestände, Deutungsroutinen und szenischen Praktiken memetische Replikation = Weitergabe eines kulturellen Musters Memdrift = Veränderung des Mempools einer Institution ‚Vokabellernen‘ Genetik Memetik (hier: bezogen auf institutionelle Analyse) ‚Schnittstelle‘: biologische Art  Institution Organismus  Mitglied einer Institution  Der genetische Replikationsmechanismus ist nur ein Sonderfall eines allgemeinen Replikationsmechanismus, der seinerseits nicht bloß auf molekularer Ebene, sondern ebenso auf neuronaler und sozialer Ebene abläuft.

32 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt basaler kultureller Evolutionsmechanismus Eine Institution zieht neue Mitglieder an (‚Novizen‘) und sozialisiert sie (‚memetische Replikation‘). Dabei kommt es zu Variation im Mempool: Die Novizen haben unterschiedliche Hintergründe, weswegen sie die vermittelten ‚kulturellen Muster‘ nicht völlig identisch, sondern auch mehr oder minder unterschiedlich auffassen und sich variantenreich anverwandeln. Immer wieder kommt es auch zu Mutationen (‚Weitergabefehlern‘) bei der memetischen Replikation: Meme werden – auch aufgrund von Problemen mit ihren Vehikeln – fehlerhaft weitergegeben; Meme werden kreativ neu- oder mißverstanden bzw. in neue, anderen Sinn stiftende Kontexte gerückt; Meme werden in bisher unbekannter Art neu kombiniert; neue Meme werden aus Negationen oder Abwandlungen bisheriger Meme erzeugt. Viele Memvariationen oder Memmutationen (‚Memvarianten‘) werden … folgenlos sein nicht zu nachhaltig stabilen Verhaltensmustern und sozialen Strukturen führen, da sie nicht zu den handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten in der Institution oder zu den zu erfüllenden funktionellen Anforderungen passen (‚Fitness‘; ‚innere‘ Selektionsfaktoren vs. ‚äußere‘ Selektionsfaktoren). Manche Memvarianten werden aber so gut zu den bisherigen ‚handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten‘ (= inneren Selektionsfaktoren) in der Institution und zu den von der Institution zu erfüllenden Funktionen (= äußere Selektionsfaktoren) passen, daß ihre Träger (= entsprechend sozialisierte Mitglieder) in Konkurrenz mit anders sozialisierten Institutionsmitgliedern größere Durchsetzungs- und Karrierechancen haben (= memetische Reproduktionsvorteile). Diese Memvarianten werden dann auch besonders große Chancen weiterer Weitergabe haben, womit sich im Lauf der Zeit der Mempool der Institution verändert und es zur Memdrift kommt. Diese mag im Nachhinein wie ein ‚logischer‘ oder ‚notwendiger‘ Prozeß anmuten, verdankt ihre Richtung aber nur dem Wechselwirken von zwei Faktoren: zufällige Memvariationen und Memmutationen (  Kontingenz) größere Durchsetzungschancen solcher Memvarianten, die (1) zu den wirksamen ‚kulturellen Mustern‘ einer Institution und (2) zu den von ihr zu erfüllenden funktionellen Anforderungen passen, also: welche die Filterwirkung sowohl der inneren (=1) als auch der äußeren (=2) Selektionsfaktoren überstehen. Auf genau diese Weise sind die kulturellen Voraussetzungen (= intern) einer Institution sowie die funktionellen Anforderungen an sie (= extern) höchst folgenreich für institutionelle Evolutionsprozesse. ‚Generation‘ bei Institutionen = die Kohorte der zu einem gemeinsamen Zeitpunkt eintretenden Novizen – mit den gleichen Überlappungen, wie sie sich bei einer biologischen Art im Zusammenleben von Großeltern, Eltern und Kindern ergeben. = Kerngedanken der ‚Systemtheorie der Evolution‘ = Kerngedanken der ‚Syntheti- schen Theorie der Evolution‘  keinerlei ‚Biologismus‘ oder Reduktionismus!  kann unabsichtlich oder absichtlich geschehen, letzteres etwa bei Reformen

33 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Schnittstelle: ‚politics of reality‘ / Ethnomethodologie Steuerungsmuster von Replikationsprozessen Bildung und Reproduktion von Institutionen vollziehen sich auf der Grundlage vieler an sich verfügbarer ‚kultureller Muster‘ (= Meme, Memplexe), von denen meist nur ein Teil jenem Handeln zugrunde gelegt wird, das seinerseits soziale Strukturen produziert, stabilisiert, modifiziert usw. Beispiel: Binnen weniger Jahrzehnte ließ sich in Deutschland der so unterschiedliche Parlamentarismus Weimars, des III. Reiches, der Bundesrepublik Deutschland und der DDR aufbauen und stabilisieren, ohne daß die in Deutschlands politischer Kultur verfügbaren ‚Muster‘ (= Meme, Memplexe) sich grundsätzlich verändert hätten. Frage: Wie wird gesteuert, welche der an sich verfügbaren Meme jeweils in welcher Weise und Reihenfolge handlungsleitend verwendet und institutionenbildend kombiniert werden? Antwort aus der Systemtheorie der Evolution: Reformulierung der Frage: Wie wird gesteuert, welche Elemente des Mempools einer Institution aktiviert, in einer bestimmten Hierarchie und zeitlichen Abfolge kombiniert, dergestalt bei der Sozialisation von Novizen zu Bestandteilen von deren Memotyp gemacht werden, anschließend deren Phämotyp (mit-) prägen und somit den Phämpool der Institution (mit-) erzeugen? Antwort: Es sind zwei Schichten von Memen zu unterscheiden: (1) die an sich verfügbaren ‚kulturellen Muster‘, und (2) solche ‚Baupläne‘ (auch Meme!), welche – geleitet von den Interessen und getragen von den Machtmöglichkeiten ihrer Träger/Verfechter – festlegen, welche der Meme/Memplexe aus (1) auf welche Weise dem tatsächlichen Handeln und dessen ‚institutionell korrekten‘ Deutungen zugrunde gelegt werden. Beispiel: In NS-Diktatur bzw. DDR setzten NSDAP bzw. SED durch, daß die für Parlamentarismus typischer- weise verfügbaren Handlungsweisen und Deutungsmuster nur in einer sehr besonderen Auswahl, Überformung und Handhabung beim institutionellen Handeln verwendet wurden:  Leitidee. Name für diese steuernden ‚Baupläne‘ (2) : ‚epimemetisches System‘ (  ‚epigenetisches System‘)  Überlagern der deklamatorisch bekundeten Leitidee einer Institution durch die operativ tatsächlich befolgte Leitidee; etwa: Volkskammer der DDR Achtung: Das epimemetische System unterliegt dem gleichen basalen Evolutions- mechanismus wie alle Meme; nur haben Variation und Selektion im epimemetischen System wesentlich größere Hebelwirkungen – insbesondere dann, wenn es um die Reproduktion von Trägern struktureller oder funktioneller Bürden geht! z.B.: Zusammenbruch der SED-Dominanz  institutioneller Wandel der Volkskammer

34 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Zentralaussagen der Systemtheorie der Evolution Grundlage aller Evolution sind rein zufällige Variation, Mutation oder Rekombination von Genen / Memen, die ihrerseits ‚Programme‘ zur Bildung biologischer / sozialer Strukturen sind. Im Lauf von Generationenfolgen werden, über Mutationen und Rekombinationen, Gene / Meme miteinander gekoppelt, wobei Gene / Meme ‚höherer Ordnung‘ (in der Fachsprache der biologischen Evolutionstheorie: ‚Strukturgene‘, ‚Regulatorgene‘) ihrerseits für die Vornahme solcher Kopplungen sowie für den Einbau der verkoppelten Meme / Gene in komplexe Programmsequenzen sorgen (‚epigenetisches‘ System / ‚epimemetisches System‘).  Auch an den Struktur- und Regulatorgenen setzt das Spiel des Zufalls in Form von Variation, Mutation und Rekombination an, diesmal aber gleich ganze ‚Baugruppen‘ von biologischen / sozialen Systemen betreffend. Nur solche Variationen, Mutationen und Rekombinationen von Genen / Memen aller Art werden sich durchhalten und verbreiten, welche zu den funktionellen Anforderungen aus der Umwelt an das mittels ihrer produzierte biologische oder soziale Gebilde passen (= äußere Selektionsbedingungen).  Folge: Bleibt die Umwelt stabil, so werden über viele Generationen bestehende Arten und Institutionen die funktionellen Anforderungen ihrer Umwelt gleichsam in ihrer eigenen Gestalt ‚abbilden‘ – so wie die Flosse des Fisches die hydrodynamischen Eigenschaften des Wassers ‚abbildet‘ oder Microsoft die Nachfragewünsche von PC-Benutzern (= Kerngedanke der Evolutionären Erkenntnistheorie; siehe Lorenz 1973). Im Vorfeld dessen werden nicht alle beliebigen Variationen, Mutationen und Rekombinationen von Genen / Memen zu einem lebensfähigen biologischen oder sozialen Gebilden führen, sondern nur solche, die dessen Grundbauplan nicht zerstören. Dieser setzt dem Spiel des Zufalls somit ‚innere Selektionsbedingungen‘. Folge: Biologische und soziale Gebilde entwickeln sich in Form von immer weiterer Überschichtung und Modifikation ihres einst entstandenen Grundbauplans bzw. durch funktionell äquivalente Ersetzung und anschließende Verkümmerung ihrer einst tragenden Elemente. Eben macht ihre Entwicklung zu einer gerichteten, pfadabhängigen und dennoch ergebnisoffenen. Anders formuliert: Die Geschichte sedimentiert sich in einem Geschichte. zweistufiger Selektionsprozess vgl. Rupert Riedl, Die Ordnung des Lebendigen. Systembedingungen der Evolution, Berlin/Hamburg 1975; ders., Die Strategie der Genesis. Naturgeschichte der realen Welt, München 1976

35 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vertiefende Einführung in den Evolutorischen Institutionalismus Was ist eine Institution? Wie wandeln sich Institutionen? Was ist und bringt ‚Institutionenmorphologie‘?

36 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt LI Institutionenbildung (1) Menschen … beziehen ihre Handlungen sinnhaft aufeinander und bauen Rollenstrukturen auf Grundlage: ‚natürliche Sozialität‘ (d.h. ange- borene Kompetenzen) (2) Es ist möglich, daß Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen oder sich gemeinsam abgrenzen: Leitidee (LI), Leitdifferenz (LD) Leitideenbündel, Leitdifferenzenprofil Dabei: Wechselwirkungen von vorgeblen- deter und real befolgter Leitidee möglich! LILD LI (3) Dann entstehen von dieser Leitidee usw. geordnete Strukturen, nicht selten in hier- archischer Schichtung, und sorgen für Hand- lungssicherheit / erwartbare Handlungsmuster (4) Menschen können die Ordnungsvorstellun- gen und Geltungsansprüche dieser Leitidee usw. auch noch für sich und andere symbolisch zum Ausdruck bringen (‚Ästhetisierung‘) und so in der Tiefenschicht emotionaler Bindung verankern. (5) Genau dadurch entsteht eine Institution und wird – möglicherweise – verfestigt durch eine Reihe von Mechanismen = ‚Dresdner institutionelle Analyse ‘ (6) Anschließend prägt eine Institution (teilweise) einesteils die sie tragenden Menschen (‚Subjektformierung‘), andernteils die ‚Umwelt‘ der Institutionen / der sie tragenden Menschen  Info Info

37 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Hinweis auf nähere Konzeptualisierung: ethnomethodologisch: ‚politics of reality‘ memetisch: ‚epimemetisches System‘ institutionengenerierende und institutionenverfestigende Mechanismen ‚institutionengenerierende‘ bzw. institutionenverfestigende‘ Mechanismen‘, z.B. … symbolische Selbstrepräsentation Ästhetisierung Enthistorisierung Stabilitätsfiktionen Machtverdeckung Kanonisierung Subjektformierung Habitusbildung ‚institutionelle Mechanismen‘, z.B. Wiederwahlmechanismus Mehrheitsmechanismus Kontrasignaturmechanismus Verantwortlichkeitsmechanismus Koppelungsmechanismus Gegenseitigkeitsmechanismus Mannschaftsmechanismus Übersteuerungsmechanismus Achtung: ‚institutionengenerierende‘ und ‚institutionenverfestigende‘ Mechanismen heißen bei Rehberg & Göhler sowie im Projekt TAIM ‚institutionelle Mechanismen‘ – ein Begriff, der im Evolutorischen Institutionalismus eine andere Bedeutung hat, nämlich: ≠ ‚ institutionelle Mechanismen ‘ Institutionelle Mechanismen sind verläßlich auslösbare und zielgerichtet einsetzbare Handlungsketten, die – angeleitet von Interessen, entlang von Regeln und beruhend auf Positionen sowie auf den mit diesen Positionen verbundenen Ressourcen – in und zwischen Sozialorganisationen zur Erfüllung von Funktionen genutzt werden können, sofern Interessen-, Struktur- und Verhaltensstabilität für Erwartungssicherheit und verläßlich wirkende Antizipationsschleifen sorgen.  InfoInfo  Was dazu beiträgt, die Stabilisierung eines Sozialarrangements um eine Leitidee/Leitdifferenz zu för- dern bzw. zu sichern, ist ein ‚institutionengenerierender‘ bzw. ‚institutionenverfestigender‘ Mechanismus‘.

38 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Institutionelle Mechanismen sind verlässlich auslösbare und zielgerichtet einsetzbare Handlungsketten, die angeleitet von Interessen entlang von Regeln beruhend auf Positionen und den mit diesen verbundenen Ressourcen in und zwischen Sozialorganisationen zur Erreichung von Zielen genutzt werden können, sofern Interessen-, Struktur- und Verhaltensstabilität für Erwartungssicherheit und verlässlich wirkende Antizipationsschleifen sorgen.Antizipationsschleifen

39 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die ‚Antizipationsschleife‘ will etwas Bestimmtes erreichen oder vermeiden überlegt sich, wie für ihn wichtige Andere auf welche eigene Handlung vermutlich reagieren dürften (  ‚geplante Aktion‘) wählt seine Handlung so, dass mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit - das zu Erreichende erreicht - das zu Vermeidende vermieden wird Erwartungssicherheit antizipierte Reaktion durchgeführte Aktion Reaktionsstabilität tatsächlich eingetretene Reaktion

40 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Politikgestaltung über Antizipationsschleifen Es ist vorteilhaft, von vornherein Anreize für solches Verhalten zu erzeugen, das herbeigeführt werden soll. Zu diesem Zweck muss Erwartungssicherheit geschaffen werden über... erhältliche Gratifikationen bei Wohlverhalten eintretende Bestrafungen bei Fehlverhalten. Das erreicht man am sichersten durch... Einführung beeindruckender Möglichkeiten, zu belohnen oder zu bestrafen verlässliches Belohnen oder Bestrafen, sobald Anlass dafür gegeben ist. Besteht erst einmal Erwartungssicherheit, so müssen Bestrafungen meist gar nicht mehr durchgeführt, sondern nur noch (prinzipiell) angedroht werden, weil jenes Verhalten, das sie nach ziehen würde, seitens rationaler Akteure von vornherein unterbleibt. Grundsätzliche Asymmetrie: Erwartungssicherheit hinsichtlich von Bestrafungen braucht meist nur die Demonstration der Möglichkeit, zu bestrafen. Erwartungssicherheit hinsichtlich von Belohnungen lässt sich nur erhalten durch tatsächliches Belohnen. ‚Vorauswirkung‘ von Ursachen

41 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Antizipationsschleifen Folter: Vorzeigen der Folterwerkzeuge reicht meistens! MAD: ‚Mutual Assured Destruction‘ als zentrales sicherheitspolitisches Konzept im Kalten Krieg ABV: unübersehbare Präsenz von Polizisten im Wohnviertel und auf der Straße zur Prävention von Rechtsverstößen

42 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Wirkungen der Handlungskette ‚Institutioneller Mechanismus‘ Position Ressourcen Macht ausgelöste Handlungskette - beabsichtigte - unbeabsichtigte erzeugt durch Organisations- und Institutionenbildung formal oder informal Regeln persönlich definiert Grundlage: Erwartungssicherheit (‚Antizipationsschleifen‘) Interessenverwirklichung Zielverwirklichung Position Regeln Interessen Regeln Interessen ?

43 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für politisch wichtige institutionelle Mechanismen Gegenseitigkeitsmechanismus Verantwortlichkeitsmechanismus Gegenzeichnungsmechanismus Mannschaftsmechanismus Kopplungsmechanismus Übersteuerungsmechanismus Kommissionsmechanismus ‚Reform- und Stabilisierungspolitik‘: (a) Veränderung oder Abschaffung bisheriger, (b) Einfügen / Verbessern neuer institutioneller Mechanismen = Aufbau / Veränderung / Schaffung von sach- oder personenzentrierten Institutionen, welche die gewünschten ‚Hebelwerke' (d.h.: institutionelle Mechanismen) bereit- bzw. sicherstellen... und viele weitere mehr (noch zu entdecken, systematisieren...); vgl. Machiavelli! NB: Manche sind von ihrer ‚institutionellen Form‘ her in jedes (politische) System einbaufähig; manch andere an ganz besondere ‚Systemumgebungen‘ gebunden

44 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gegenseitigkeitsmechanismus Funktion: Sorgt für Geben und Nehmen mit Erwartungssicherheit einer fairen Leistungsbalance Beispiel: Budgetrecht von Ständevertretungen im dualistischen Fürstenstaat Mechanismus: Positionen und Ressourcen: Monarch: Hat Vollmacht und Aufgabe zu regieren; kann das aber mit Eigenmitteln nicht leisten. Ständevertreter: Verfügen über jene Ressourcen, die der Monarch benötigt – als Vertreter bzw. Besitzer reicher Städte, Stifte oder Herrschaften Interessen: Monarch: Will in der Regel seine – auch: selbstdefinierten! – Aufgaben erfüllen, dafür nötige Ressourcen, doch möglichst wenige Konflikte mit seinen Ständen. Ständevertreter: Wollen die unverzichtbaren öffentlichen Aufgaben zwar erfüllt sehen, doch den Monarchen nicht übermächtig machen, vielmehr ihre eigene Machtstellung sichern oder ausbauen und im Grunde von den von ihnen kontrollierten Ressourcen möglichst wenig abgeben. Regel: Monarch bekommt gesellschaftliche Ressourcen (Geld, Naturalien, Dienstleistungen, Soldaten) nur gegen Zweckbindung oder gegen die Zusicherung von Gegenleistungen. Allgemeine Anwendung: Etablierung von Kontrolle über ressourcenschwache (!) Machtinhaber – wobei Ressourcenschwäche relativ ist

45 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Verantwortlichkeitsmechanismus Funktion: Sorgt für Einfluss von Regierten auf Regierende Beispiel: Verantwortlichkeit eines Regierungschefs vor dem Parlament Mechanismus: Regel: Parlament (möglicherweise auch dessen Minderheit!) darf Regierungschef auch gegen seinen Willen zur Rede stellen, dessen Antworten politisch bewerten und an die Bewertung Konsequenzen knüpfen. Positionen und Ressourcen: Regierungschef: Kann kritischen Nachfragen nach seinen Handlungen nicht entgehen und muss darum entweder schwer verteidigbares Handeln unterlassen oder vertuschen, was letzteres mit einem großen Risiko verbunden ist Parlament: Hat die Möglichkeiten (ggf. als Minderheitenrechte ausgestaltet), den Regierungschef zur öffentlichen Rechenschaftslegung zu zwingen und kann ihn kritisieren, seinen Rücktritt fordern, sein Budget kürzen, seine Gesetzesvorlagen ablehnen oder ihn gar abwählen Interessen: Regierungschef: Will in der Regel Amt behalten und öffentlich angesehen sein. Parlament: Wünscht entweder gute Arbeit des Regierungschefs oder dessen Sturz. Allgemeine Anwendung: Etablierung von Kontrolle über Amtsinhaber

46 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gegenzeichnungsmechanismus Funktion: Institutionalisiert Kontrolle (‚Zwei-Schlüssel-System‘) Beispiel: Kontrasignatur in konstitutioneller Monarchie (= ‚Erster Minister unterzeichnet Rechtsakte des Monarchen und übernimmt die Verantwortung‘) Mechanismus: Regel: Rechtsakt des Monarchen braucht Gegenzeichnung durch Ersten Minister Positionen und Ressourcen: Monarch: materielle Herrschaftsbefugnis, symbolische Macht Parlament: Seine Zustimmung für Haushaltsvorlagen ist sowohl nötig als auch aus rein politischen Motiven verweigerbar Erster Minister: stets suspensives Veto-Recht; dann ein quasi-absolutes Vetorecht, wenn er sich auf eine Parlamentsmehrheit stützen kann, mit der sich im Wahlkampf anzulegen der Monarch scheut Interessen: Monarch: Will seine Wünsche von Erstem Minister durchgesetzt sehen, aber Streit mit Ersten Minister / Parlament vermeiden Erster Minister: Will seine Wünsche vom Monarchen durchgesetzt sehen, aber Streit mit ihm vermeiden Parlament: Mehrheit will ihre Wünsche durchgesetzt sehen, scheut aber meist Neuwahl Allgemeine Anwendung: Institutionalisierung eines Veto-Spielers – den man dann seinerseits mit weiteren institutionellen Mechanismen kontrollieren kann

47 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Mannschaftsmechanismus Funktion: Sorgt für die Bildung stabiler, konkurrenzfähiger politischer ‚Kampfgemeinschaften‘ Beispiel: Fraktionenbildung im parlamentarischen Regierungssystem Mechanismus: Regel: Parlamentsmehrheit kann Regierungschef abwählen Positionen und Ressourcen: Parlament: Bei Mehrfraktionenparlament in der Regel parteipolitische Konkurrenz um die Regierungsrolle; also Auseinandertreten von Regierungsmehrheit und Opposition Regierungschef: Kann sich schadlos mit Opposition anlegen, nur unter großem Risiko aber mit Regierungsmehrheit Regierungsmehrheit: Kann jederzeit Regierungschef auswechseln Opposition: Kann Ansehen des Regierungschefs zu mindern versuchen und so Druck auf Regierungsmehrheit ausüben Interessen: Regierungsmehrheit und Regierungschef: Wollen an Macht bleiben Opposition: Will die politische Stellung des Regierungschefs und seiner Mehrheit schwächen Allgemeine Anwendung: Sicherung eines Gefolgschaftsverhältnis und von Mannschaftsdisziplin unter einem als stark geltenden politischen Führer

48 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kopplungsmechanismus Funktion: Sorgt für die Verkoppelung ansonsten getrennter Handlungs- und Verantwortungsketten Beispiel: Selektion von – auch informellen – Parteiführern für Abgeordnetenmandate Mechanismus: Regel: Nur der erlangt eine aussichtsreiche Kandidatur, der sich zuvor als Parteiführer durchgesetzt hat. D.h.: Parteiamt und Parlamentsmandat werden faktisch gekoppelt Positionen und Ressourcen: Abgeordneter-Parteiführer: Hat als Abgeordneter ein freies Mandat, braucht als Parteiführer aber innerparteiliche Unterstützung Partei / Selektorat: Kann zwar nicht auf den Abgeordneten Einfluss nehmen, sehr wohl aber auf den Parteiführer Interessen: Abgeordneter-Parteiführer: Will in der Regel Abgeordneter bleiben und kann darum als Parteiführer nicht die Grenzen der Zustimmungsbereitschaft seiner Partei ignorieren Partei / Selektorat: Wünscht Einfluss auf das parlamentarische Verhalten des ‚eigenen‘ Abgeordneten – weiß es aber zu schätzen, wenn dieser unpopuläre Entscheidungen in Ausübung seines ‚freien Mandats‘ auf die eigene Kappe nimmt Allgemeine Anwendung: Etablierung von effektiven principal-agent-Verhältnissen, wo rechtlich Unabhängigkeit besteht; u.a.: Verbindung von Repräsentation mit Demokratie

49 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Übersteuerungmechanismus Funktion: Sorgt für die starke Führung ‚hinter den Kulissen‘ oder in Abweichung von formalen Normen Beispiel: Führung des politischen Systems der DDR durch die SED Mechanismus: Regel: Entscheidungen formal zuständiger Institutionen oder Amtsträger bedürfen der Bestätigung durch einen ‚Hintergrundakteur‘ (‚herrschende Partei‘ oder ‚graue Eminenz‘, ‚Pate‘) Positionen und Ressourcen: formaler Akteur: entscheidet gemäß formalen Normen Hintergrundakteur: hat jederzeit Veto-Möglichkeit, die ihrerseits durch Antizipation vorauswirkt Interessen: formaler Akteur: Will seine Aufgaben erfüllen, ohne sich vom Hintergrundakteur Ärger einzuhandeln Hintergrundakteur: Will seine Ziele durchsetzen – bisweilen ganz offen, bisweilen ohne erkannt zu werden Allgemeine Anwendung: Sicherung von erwünschten realen Machtverhältnissen selbst dann, wenn – aus gleich warum ins Gewicht fallenden Gründen – andere Machtverhältnisse simuliert werden sollen / müssen.

50 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kommissionsmechanismus Funktion: Sorgt für das Versickern von Verantwortung Beispiel: Berufung einer Expertenkommission, wenn ein politisches Problem akut wird, aber nicht sofort nach einer Führungsentscheidung verlangt Mechanismus: Regel: Es ist möglich, Kommissionen zur Vorbereitung von Entscheidungen zu bilden Positionen und Ressourcen: Einberufender: Legt Personenkreis, Beratungsgegenstand und Zeitrahmen für Kommission fest Kommissionsmitglieder: Können beraten und die (Zwischen-) Ergebnisse ihrer Beratungen ggf. an die Öffentlichkeit tragen Interessen: Einberufender: Kann Handlungserwartungen an ihn verringern, Zeit gewinnen, Versuchsballons starten (lassen) und Politikvorschläge vorlegen lassen, beim Umgang mit welchen ihm eine Reihe von Handlungsoptionen bleibt Kommissionsmitglieder: Selbstbestätigung, Einflussmöglichkeit, loyales Mannschaftsspiel Allgemeine Anwendung: Zeitgewinn oder Verwischung von Verantwortlichkeitsspuren oder Arbeit mit ‚Testballons‘

51 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt LI Institution und Umwelt (‚Nische‘)Nische Positionen formale und informale Regeln, welche Positionen aufeinander beziehen Hierarchieebenen von Positionen und von Regeln gegeben / geformt: Wissensbestände und Kompetenzen (samt ihren ‚Kanonisierungen‘) bei den Akteuren und Adressaten der Institution gegeben / geformt: Interessen der Akteure und Adressaten der Institution Umwelt (‚Nische‘) der Institution Leistungen, welche die Institution für ihre Umwelt (‚Nische‘) erbringt Ressourcen, welcher die Institution aus ihrer Umwelt (‚Nische‘) bedarf Leistungsanforderungen, welche die Umwelt (‚Nische‘) einer Institution dieser stellt (= funktionelle Anforderungen) Institution Selbstsymbolisierung rekursive Wirkung der Funktionserfüllung einer Institution über ihre Umwelt (‚Nische‘) auf die Bedingungen ihrer Reproduktion  Funktionen Funktionen Elemente institutioneller Mechanismen =  ‚Nischenanpassung‘, d.h.: der Nische an die Institution!

52 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Umwelt und (ökologische) ‚Nische‘ einer Institution Umwelt = alles, was nicht zur Institution A gehört Nische = jener Teil der Umwelt einer Institution A, der für die Institution A wichtig ist: finanzielle, personelle, materielle und informationelle Ressourcen, welche die Institution A für ihre Existenzsicherung und Funktionserfüllung benötigt; Personen oder andere Institutionen (‚Akteure‘), die bei der Entscheidung über die Zuteilung dieser Ressourcen eine Rolle spielen; andere Systeme oder Institutionen, für welche die Institution A Leistungen erbringt und dafür Ressourcen erhält; jene Personen oder Institutionen, die mit der Institution A um gleiche Ressourcen konkurrieren oder ähnliche Funktionen erfüllen wie die Institution A. analytische Folgen Die Nische einer Institution ändert sich darum nicht nur gemeinsam mit Veränderungen der Umwelt, sondern auch gemeinsam mit Veränderungen im Funktionsspektrum der Institution A. Während die Institution A auf ihre Umwelt keinen nennenswerten Einfluß haben mag, kann sie sehr wohl nennenswerten Einfluss auf ihre Nische haben – etwa: indem sie andere Teile ihrer Umwelt als bislang durch Modifikation ihrer Leitidee oder Verlagerung ihres Funktionsspektrums für sich relevant macht.  Beispiel: Ein Unternehmen weicht auf neue Produkte oder Märkte aus.

53 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Funktion System Suprasystem (hier: Umwelt, ‚Nische‘) setzt dem Subsystem Rahmenbedingungen erbringt Leistungen für das Suprasystem (für die Umwelt, ‚Nische‘) Funktion = eine Leistung, die ein (Sub-) System für ein (Supra-) System (d.h. für seine Umwelt, ‚Nische‘) erbringt Funktionen sind nicht ‚vorgegeben‘, sondern entstehen gemeinsam mit einem neuen System(elementen) zwischen dessen Sub- und Suprastrukturen ! (= sind selbst Evolutionsergebnisse mit rekursiver Kausalwirkung) Träger der Leistungserbringung: Strukturen Weise der Leistungserbringung: Initiierung / Nutzung institutioneller Mechanismen  Weiteres zu FunktionenWeiteres

54 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Arten von Funktionen manifest latent symbolisch instrumentell beabsichtigt, ‚leicht erkennbar‘, in der Leitidee verankert (ursprünglich) unbeabsichtigt, ‚nur mit analytischer Anstrengung erkennbar‘ wirksam über ‚technische‘ institutionelle Mechanismen wirksam über institutionelle Mechanismen der Kommunikations- und Interpretationsbeeinflussung Beispiele

55 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ausgewählte Parlamentsfunktionen: Beispiele für Arten von Funktionen manifest: Gesetzgebung latent: Sicherung von Kommunikation zwischen gesellschaftlicher Peripherie und zentralem politischen Entscheidungssystem instrumentell-manifest: Wahl der Regierung instrumentell-latent: Anreiz für Schaffung organisationsstarker Parteien symbolisch-manifest: Widerspiegelung der im Volk vorhandenen politischen Ansichten symbolisch-latent: Hervorhebung der Grenzlinie zwischen ‚vernünftigerweise akzeptablen‘ und ‚vernünftigerweise nicht akzeptablen‘ politischen Ansichten

56 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Multifunktionalität von Strukturen = dieselbe Struktur erfüllt mehrere Funktionen (d.h.: erbringt mehrere, verschiedene Leistungen für ihr umbettendes System) Beispiele: Straße dient der Aufnahme sowohl von Verkehr als auch von Versorgungsleitungen Amt des ‚Parlamentarischen Staatssekretärs‘ dient der Entlastung des Ministers, der politischen Ausbalancierung einer Regierung und der ‚Beförderung‘ verdienter Abgeordneter

57 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt funktionale Äquivalente von Strukturen = verschiedene Strukturen erfüllen die gleiche Funktion (d.h.: sie erbringen – wenn oft auch mit unterschiedlichen ‚Nebenwirkungen‘ – die gleichen Leistungen für ihr umbettendes System) Beispiele: Ein Staatspräsident ist einem König funktional äquivalent in der Rolle des Staatsoberhaupts Ein wirksam aufklärender Geheimdienst ist freier politischer Kommunikation funktional äquivalent bei der Information der Regierung über die Volksmeinung

58 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Weitere evolutionstheoretische Begriffe zur Institutionenanalyse ‚institutionelle Form‘ = jene einen ‚institutionellen Bauplan‘ darstellenden Regeln (Meme und Memplexe, samt Struktur- und Regulatormemen), welche zu einem normativ spezifischen strukturellen Arrangement führen  individueller Memotyp = das, was an solchen Regeln / Memen das Verhalten eines kompetenten Mitglieds der Institution prägt ‚praktizierte institutionelle Form‘ = die auf der Grundlage (a) jener Regeln, (b) spezifischer Nischenbedingungen und (c) individueller Besonderheiten der Institutionsmitglieder tatsächlich zustande kommende Praxis der Institution (Phäme und Phämplexe)  individueller Phämotyp = das, was (a) spezifische Nischenbedingungen und (b) indviduelle Besonderheiten auf der Grundlage eines individuellen Memotyps tatsächlich an Praxen zeitigen Fazit: die institutionelle Form prägt – über gelingende Sozialisationsprozesse – die individuellen Memotypen der Mitglieder dieser Institution aus dem Zusammenwirken der individuellen Phämotypen der Mitglieder einer Institution resultiert deren praktizierte institutionelle Form

59 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die ‚Architektur‘ einer Institution = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe

60 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die ‚Architektur‘ einer Institution = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) wegbrechender Teil der Institution Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe z.B.: ein Parlament im parlamen- tarischen Regierungssystem Abschaffung der Regel, wonach das Parlament die Regierung stürzen kann Wegfall parlamentarischen Rückhalts für die Regierung Wegfall von Fraktionsdisziplin  Wandel der Institution dieses Parlaments Achtung: Laut Ethnomethodologie kommen Strukturen nur auf der Grundlage von kulturellen Selbstverständlichkeiten (d.h.: von Memen) zustande, weswegen man ‚strukturelle‘ Bürden evolutionstheoretisch auch ‚memetische Bürden‘ nennen kann!

61 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe  Was geschieht, wenn z.B. ein Parlament keine gesetzgebenden Mehrheiten mehr zustande bringt?

62 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe wegbrechender Teil der Funktionserfüllung Träger ‚funktioneller Bürden‘: Müssen bestehen bleiben, damit die jeweilige Funktion erfüllt werden kann keine Gesetzgebungs- mehrheit reduzierte rechtsstaatliche Problemlösungsmöglichenten reduzierte Möglichkeiten ‚guten Regierens‘

63 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe Träger ‚funktioneller Bürden‘: Müssen bestehen bleiben, damit die jeweilige Funktion erfüllt werden kann Veränderungen an den Trägern memetischer oder funktioneller Bürden werden weitestreichende Folgen haben für die … - Stabilität der Institution - Funktionsfähigkeit der Institution Je ‚tiefer‘ eine Veränderung (z.B. durch Reformen) ansetzt, um so schwerer vorhersehbar werden ihre Auswirkun- gen auf den ‚oberen‘ Schichten der Institution sein. - ‚oben‘: wenig Risiko / viele Freiheitsgrade beim ‚Experimentieren‘ - ‚unten‘: großes Risiko / wenig Freiheits- grade beim ‚Experimentieren‘ Veränderungen bei den funktionellen Anforderungen an eine Institution kön- nen die bisherigen Träger funktioneller Bürden nutzlos (‚bürdelos‘) machen.  eröffnet strukturelle Freiheitsgrade des ‚Experimentierens‘  Info zu ‚funktionellen Bürden‘Info zu ‚funktionellen Bürden‘

64 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚funktionelle Bürden‘ Eine Struktur, welche eine Funktion erfüllt, trägt eine ‚funktionelle Bürde‘ Beispiele: Fundamente eines Hauses tragen die Mauern disziplinübende Fraktionen im parlamentarischen Regierungssystem tragen eine Regierung Üblich sind Schichten von funktionellen Bürden: Beispiele: Die Fundamente eines Hauses tragen die Mauern, die Mauern tragen das Dach, das Dach trägt im Winter den Schnee Disziplinbereite Abgeordnete tragen die Fraktionsführung, die Fraktionsführung die Regierung, die Regierung eine berechenbare Position in einer internationalen Organisation Folglich wird es fatale Folgen haben, an den tieferen Trägerschichten funktioneller Bürden etwas zu verändern, solange nicht funktionelle Äquivalente zur verläßlichen Erfüllung der bisherigen Trageleistung bereitstehen. Beispiel: Es ist fatal, eine stabile Regierung eines Landes zu stürzen, solange nicht eine alternative stabile Regierung zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung verfügbar ist oder wenigstens verlässlich in Aussicht steht; siehe Irak!  Soll eine Institution nachhaltig stabil sein (‚Passung‘), müssen ihre funktionserfüllenden Strukturen zu den realen Funktionsanforderungen ihrer Nische passen – wobei es keine Garantie dafür gibt, daß sich das wirklich so einspielt! funktionelle Bebürdungsstrukturen geraten in Gefahr, bei plötzlichen neuen Anforderungen aus der Umwelt (‚challenges‘) bei Problemen mit der (memetischen) Replikation der funktionserfüllenden Strukturen (  d.h. bei Problemen mit den memetischen Bebürdungsstrukturen) Aufgabe von Reform- und Stabilisierungspolitik: die erforderliche ‚Architektur‘ an strukturellen/memetischen bzw. funktionellen Bebürdungsstrukturen zu schaffen / zu sichern

65 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt  Info Info Wegbrechen von Trägern memetischer Bürden = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) wegbrechender Teil der Institution Hinweis: Da soziale Strukturen auf der Grundlage von Memen generiert werden, kann analytisch viel auflösungskräftiger statt von ‚strukturellen‘ Bürden von ‚memetischen‘ Bürden und deren Trägern gesprochen werden!  Info zu Reformen memetischer und funktioneller BürdestrukturenInfo

66 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚memetische Bürden‘ Ein ‚Mem‘ ist (unter anderem)... ein Informations- oder Sinndeutungsmuster, das weitergegeben werden kann (z.B. eine Aussage darüber, wie Fraktionsdisziplin entsteht oder wie sie zu verstehen ist) eine Regel, die befolgt werden kann (z.B. eine Geschäftsordnungsregel) eine Handlung, die nachgeahmt werden kann (z.B. ein Führungsstil) Wird durch ein Mem A die unter ‚kompetenten kulturellen Kollegen‘ (  Ethnometho- dologie) als korrekt geltende Bedeutung des Mems B festgelegt, so kann sich A nicht mehr frei verändern, ohne daß damit auch B verändert wird. Beispielsweise tragen Meme, von denen folgendes abhängt, eine ‚memetische Bürde‘: Plausibilität einer weitergehenden Argumentation oder Interpretation (z.B. ist das Werturteil unplausibel ‚Es ist gut, daß es Fraktionsdisziplin gibt!‘, wenn nicht zunächst verstanden wurde, wie und zu welchem Zweck Fraktionsdisziplin überhaupt entsteht) Gültigkeit bzw. Überzeugungskraft einer Regel (z.B. wird eine Rechtsverordnung ungültig, wenn das sie begründende Gesetz außer Kraft tritt) Nachahmungswahrscheinlickeit einer Handlung (z.B. werden Handlungen charismatischer oder angesehener Politiker eher nachgeahmt als die von für ganz unbegabt gehaltenen Politikern) Formeln dafür: ‚A und B sind hierarchisch miteinander verkoppelt‘; ‚A ist mit B bebürdet‘; ‚Mem A trägt Mem B als seine Bürde‘ Üblich sind – wie bei funktionellen Bürden – Schichten von memetischen Bürden. Folglich wird es fatale Folgen haben, an ‚tieferliegenden‘ Memen etwas zu verändern, solange nicht funktionelle Äquivalente zur verläßlichen Erfüllung der bisherigen Trageleistung bereitstehen.  z.B. wäre es fatal, das Verbot von Kinderpornographie aufzuheben, wenn man einen Markt für Kinderprostitution gerade nicht will; analog: Drogen, Gewalt... Hinweis: ‚Meme‘ sind in der kulturellen Evolution die Seitenstücke zu den Genen der biologischen Evolution ‚ memetische Replikation ‘  also können durch Überwechseln in die Sprache der Memetik (z.B. ‚memetische Bürde‘ statt ‚strukturelle Bürde‘) alle Theoreme der Allgemeinen Evolutionstheorie auf die Analyse von Institutionen angewendet werden. Wie erfolgt die memetische Bebürdung von A?  u.a. durch die Rückwirkung antizipierter Folgen auf ihretwegen dann unterlassene Veränderungen von A, oder durch rechtsförmliche Erschwerung von Veränderungen des Mems A. ≈ stehen ‚im Hintergrund‘ aller strukturellen Bürden

67 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt vereinfacht: Strukturbildung und Meme Strukturen werden über Prozesse aufgebaut, bei denen die Replikation von Memen eine große Rolle spielt.  z.B. Mem ‚Frauen gehören zu Haushalt und Kindern!‘ Ändern sich Meme, so ändern sich auch Strukturen – vor allem dann, wenn grundlegende Meme verändert werden  z.B. Mem ‚Frauen sollen gleiche Rollen spielen wie Männer!‘

68 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die von diesen ‚Weltbildapparaten‘ gelieferten Wirklichkeits- bilder sind stets perspektivisch sowie selektiv, und sie können darüber hinaus (eher) korrekt oder (eher) falsch sein Folge: ‚memetische Attraktivität‘ von Veränderungsvorstellungen führt nicht notwendigerweise zu ‚funktioneller Tauglichkeit‘; und somit scheitern viele höchst plausibel anmutende Reformen! Grundlage für Veränderungen: Vorstellungen von zu lösenden Problemen / wünschenswerten Entwicklungen und dafür geeigneten Mitteln Grundlage dessen: persönliche und institutionelle ‚Weltbildapparate‘ (  Evolutionäre Erkenntnistheorie) Strukturen erfüllen Funktionen  z.B. Parteien die Funktion politischer Rekrutierung Veränderte Strukturen werden bisherige Funktionen manchmal besser, häufiger schlechter und bisweilen überhaupt nicht mehr erfüllen.  z.B. verächtlich gemachte, wenig attraktive Parteien die Funktion politischer Rekrutierung Zu genau solchen, nicht verlässlich vorhersagbaren Effekten werden dann auch bewusst veränderte Meme führen.  z.B. ein gesellschaftlich immer weiter kultivierter ‚Anti-Parteien-Affekt‘ Es gibt keine Garantie dafür, dass memetisch attraktive Veränderungen zu funktionell besser geeigneten Strukturen führen.  z.B. die Schwächung der Stellung von Parteien zur Rekrutierung besseren politischen Personals Besonders dramatische Konsequenzen können darum Veränderungen an Trägern solcher memetischer Bürden haben, die ihrerseits dem Aufbau und der verlässlichen Reproduktion funktionell stark bebürdeter Strukturen dienen.  z.B. die Verächtlichmachung von Parteien für das Funktionieren eines von starken Parteien getragenen politischen Systems Reformen von funktionellen bzw. memetischen Bürdestrukturen  Wechselwirkung von (ideologisch geprägten) Weltbildapparaten und memetischer Fitness

69 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Umwelt / Nische der Institution Institution Ursache III: Wandel in der Umwelt/Nische ‚Turbulenzen‘, d.h. mehr oder minder chaotische Veränderungsprozesse außerhalb der Institution veränderte funktionelle Anforderungen an die Institution (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch)  ggf. Folge von beiden Faktoren: wandelerzeugendes Zutagetreten bislang unwichtiger Schwächen der institutionellen Form Wandel von Institutionen Ursache II: Veränderungen wirklichkeits- konstruktiver Prozesse phämotypische Variation und Mutation memetische Variation und Mutation epimemetische Variation und Mutation Ursache I: Wechselwirkungen zwischen Generationenwechsel und Institutionalität veränderte biographische Prägungen von Novizenkohorten führen zu ‚überzufälligen‘ (= systematischen) Variationen im Phäm- und Mempool überzufällige Mutationen bei (epi-)memetischer Replikation im Sozialisationsverlauf Generationen, welche in die Institution eintreten, sie durchlaufen und aus ihr ausscheiden; mit ggf. spezifischen Kohortenprägungen und darum systematisch akzentuierten kollektiven Lernprozessen  Sieben unabhängig (!) voneinander wirkende Ursachen von Wandel, die besonders weitreichenden, beschleunigten oder sich verdichtenden institutionellen Wandel genau dann nach sich ziehen werden, wenn es zu Veränderungen an den Trägern struktureller (memetischer) oder funktioneller Bürden kommt. Info Reaktion / Begleiterscheinung: institutionelles Lernen / Reformen = Evolutionstheorie institutioneller Geschichtlichkeit

70 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt starre Strukturen vs. Freiheitsgrade von Wandel meist schwer zu ändern, ganz gleich ob zufällig oder absichtlich: die fundamentalen Träger memetischer oder funktioneller Bürden Beispiele: Träger memetischer Bürden: Verfassung eines Staates, Konstitutionen (oder gar die Regel) eines Ordens Träger funktioneller Bürden: ein Parlament als Organ der Gesetzgebung, das Amt des Ordensoberen als Leitungsorgan seiner Institution oft leicht zu ändern, sowohl zufällig als auch absichtlich: die ‚äußeren‘ bzw. ‚oberen‘, weder memetisch noch funktionell bebürdeten Strukturschichten einer Institution Beispiele: Detailvorschriften in einem Ministerium zur Abrechnung von Reisekosten funktionelle Details am Habit eines Ordens (Art des Stoffes, Länge des Gewands …) Folgen: Eingriffe an fundamentalen Trägerschichten memetischer oder funktioneller Bürden … werden entweder in der Praxis verpuffen oder zu dramatischen Veränderungen der Institution führen – möglicherweise bis hin zu Krisen mit für die Institution selbstzerstörerischen Folgen Eingriffe an den ‚oberen‘ bzw. ‚äußeren‘ Strukturschichten einer Institution … werden leicht möglich sein, am ‚Bauplan‘ und an der grundsätzlichen Funktionslogik der Institution nur wenig ändern. Das heißt: In der Regel werden Institutionen … hinsichtlich ihres ‚Grundbauplans‘ sich nur sehr langsam durch Überbauung und Umnutzung ihrer Grundstrukturen verändern oder aber, bei im Wortsinn ‚tief greifenden‘ Reformen, in Krisen geraten und im Anschluß an solche Krisen … entweder einen Teil der Reformen rückgängig machen oder sich durch Veränderung ihrer Leitidee(n) auf eine andere memetische Grundlage stellen und / oder sich auf andere Funktionen ausrichten oder zerfallen. ‚Restabilisierung‘ aber: keinerlei Garantie, daß sich nach strukturellen Veränderungen weiterhin die funktionellen Bürden tragen lassen! große Starrheit  wenig Freiheitsgrade Genau das gibt der Entwicklung von Institutionen ihre ‚Richtung‘! dann: Krise der Institution‘ Wandel dennoch leicht aus- gelöst durch epimemetische Variation und Mutation geringe Starrheit  viele Freiheitsgrade... erklärt, weit über den Historischen Institutio- nalismus hinaus, die Stabilität von Strukturen!

71 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Richtung von Wandel ‚Teleonomie‘ bzw. ‚Orthogenese‘ = Institutioneller Wandel vollzieht sich so, daß auf fixierten, memetisch und funktionell stark bebürdeten Strukturen weitere institutionelle Strukturen aufgebaut werden, die zwar nach und nach das Aussehen und Funktionieren der Institution verändern werden, doch eben innerhalb der Prägeform eines beibehaltenen Bauplans. Goethe: ‚geprägte Form, die lebend sich entwickelt‘ Beispiel: Entwicklung von den Landständen über die Herren- und Abgeordnetenhäuser des Frühparlamentarismus zu den heutigen (bikameralen) Parlamenten ‚Pfadabhängigkeit‘ = auch ganz zufällig aufgebaute Strukturen können sich memetisch und funktionell bewähren. Sie werden dann memetisch und funktionell weiter bebürdet und legen damit fest, welche Veränderungen an den ‚oberen‘ bzw. ‚äußeren‘ Strukturen einer Institution schadlos möglich sind. Die weitere Entwicklung ist dann teleonom abhängig vom an einer bestimmten Stelle zufällig eingeschlagenen Entwicklungspfad.  InfoInfo  Beispiel: USA legten sich bei der Verfassungsgebung eine republikanische Version des im 18. Jahrhundert im englischen Mutterland entstandenen Machtgleichstands zwischen Krone und Parlament zu (‚präsidentielles Regierungssystem‘), das sich memetisch und funktionell gut bewährte; in England hingegen ging der Machtaufstieg des Parlaments weiter, reduzierte die Krone auf symbolische Funktionen und entwickelte sich das entstehende institutionelle Arrangement ins ‚parlamentarische Regierungssystem‘ Theoretische (‚metahistorische‘) Begriffe zur Erfassung der Geschichtlichkeit von Institutionen:  keinerlei Teleologie, Determinismus, Finalismus, Historizismus ! sondern: Die Richtung von Evolutions- prozessen ergibt sich ganz einfach aus der Selektionswirkung starrer Baupläne

72 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Pfadabhängigkeit t 4 : zwei längst getrennte Pfade kommen wieder zusammen!  nur im Nachhinein, bei der historischen Analyse, klar erkennbare Entwicklungen Geschichte t4t4 t 2 : Pfade A und B trennen sich von C und D A B C D t3t3 t2t2 t1t1 t 1 : noch ist alles möglich! t 3 : Pfade A und B trennen sich Anschlusskonzepte: homologe vs. analoge Ähnlichkeit  nicht vorhersehbare Ergebnisse  kontingente Abzweigungen man schleppt mit, was man einst wurde  Prägekraft ‚der Evolution‘, entschlüsselbar über Morphologie offene Zukunft – irreversibler Ablauf Einflußgrößen auf Pfadabhängigkeit: (1) Struktur der zwar zufällig, doch unter Wirken von inneren und äußeren Selektionsbedingungen entstehenden memetischen und funktionellen Bebürdung; (2) turbulente oder sich stetig wandelnde Nischeneinflüsse; (3) reiner Zufall

73 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt institutionelle ‚Fitness‘, Passungs- mängel und Reformen = ‚institutionelles Lernen‘ = aufgezwungener, mitunter nicht mehr zu bewältigender Institutionenwandel institutionelle Reformen = Chancen und Risiken von institutionellen Reformen stabiler Zustand einer Institution: Sie erbringt für ihre Umwelt / Nische solche Leistungen, in Austausch für welche sie jene Ressourcen erhält, die für ihr Weiterbestehen ausreichen. Begriffe: ‚Passung‘, ‚Fitness‘ Veränderungen dieses stabilen Zustands ergeben sich bei … Wegbrechen wichtiger Träger von memetischen oder funktionellen Bürden durch faktisch – auch unabsichtlich! – falsch ansetzenden inner-institutionellen Wandel Veränderungen der funktionellen Anforderungen der Umwelt an die Institution, so daß bisherige Funktionsketten leerlaufen und Ressourcenentzug einsetzt Turbulenzen in der Umwelt, welche die bisherige funktionelle oder strukturelle Passung der Institution an ihre Umwelt beeinträchtigen. Folgen: entweder … korrigiert die Institution Pathologien inner-institutionellen Wandels verändert sie ihre Leitidee(n) und/oder Strukturen so, daß sie den neuen funktionellen Umweltanforderungen ressourcensichernd gerecht werden kann schafft sie es, durch Mobilisierung von Ressourcen Umweltturbulenzen abzupuffern oder die Institution gerät in eine Krise mit für die Institution möglicherweise selbstzerstörerischen Folgen Grundlage: von den ‚institutionellen Weltbildapparaten‘ vermittelte Lagebilder, welche (eher) zutreffend oder (eher) falsch sein können.

74 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Wechselwirkungen von ‚Herausforderungs- rigidität‘ und ‚Reaktionspersistenz‘ Anpassungsdruck neuer Umweltbedingungen Reaktionsprädisposition der Akteure Beibehaltung etablierter Orientierungs- und Handlungsmuster Etablierung neuer Orientierungs- und Handlungsmuster äußerliche Anpassung etablierter Orientierungs- und Handlungsmuster; ohne nachhaltige Stabilität; Quelle von Spannungen hochgering stark schwach klar ‚gerichtete‘ Entwicklung, endogen oder exogen geprägt Improvisationen, richtungs- loses Experimentieren, bisweilen nachhaltig wirksame Innovationen Offenheit für das Neueinsetzen einer fortan klar ‚gerichteten‘ Entwicklung = Wechselwirkungen von funktionellen und memetischen Bürdestrukturen im Bauplan von Arten oder Institutionen; Teleonomie Improvisationen, richtungs- loses Experimentieren, bisweilen nachhaltig wirksame Innovationen = challenge für funktionelle Bürdenstrukturen = Selektionswirkung memetischer Bürdenstrukturen  klares Hinausgehen über den Historischen Institutionalismus

75 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Institutionen als erkenntnisgewinnende Systeme Institutionenbildung und Institutionenwandel beginnen rein zufällig: Zwischen Handelnden und ihrer Umwelt / Nische wird ein – durch Selbstsymbolisierung usw. – sich selbst stabilisierendes Strukturgefüge aufgebaut. Manche Strukturen bewähren sich: memetisch: Sie lassen sich bei der alltagspraktischen Wirklichkeitskonstruktion routinemäßig und auch unter Belastungen verläßlich reproduzieren funktional: Sie erbringen für ihre Umwelt / Nische solche Leistungen, im Gegenzug für welche sie bestandssichernde Ressourcen erhalten. Memetisch und funktional bewährte Strukturen können bebürdet werden (= institutionelle Ausdifferenzierung): Mittels Variation, Mutation und Rekombination handlungsleitender Meme werden sie – innerhalb des gleichen Grundbauplans – durch immer weitere (‚höhere‘, ‚äußere‘) Schichten von Strukturen überlagert. So entstehen auch neue institutionelle (Unter-) Arten. Bei diesem Überlagerungsprozeß wirken innere und äußere Selektionsfaktoren: innere: Nur solche Memvarianten werden zum nachhaltigen Aufbau weiterer Schichten sozialer Strukturen beitragen, welche – gerade auch mit ihren sozialstrukturellen Konsequenzen – zum mehr oder minder starren Grundbauplan passen. Die anderen Memvarianten geraten entweder außer Gebrauch oder führen auf den Weg zum Zusammenbruch der Institution. äußere: Nur solche Memvarianten werden zum nachhaltigen Aufbau weiterer Schichten sozialer Strukturen beitragen, die zu jenen funktionellen Anforderungen passen, welche die Umwelt / Nische an die Institution richtet, oder die es gar erlauben, neue ressourcenverschaffende Funktionen zu übernehmen. Die anderen Memvarianten geraten entweder außer Gebrauch oder führen auf den Weg zum Zusammenbruch der Institution. Durch diese inneren und äußeren Selektionsfaktoren wird das Möglicheitsfeld des – nach wie vor ‚blinden‘ – Zufalls für nachhaltig bestandsfähige Memvariation und Memmutation immer stärker eingeengt. Insbesondere werden sich keine Memvarianten dauerhaft durchsetzen, welche die Erfüllung der an eine Institution gerichteten funktionellen Anforderungen unmöglich machen, da in diesem Fall der Institution Ressourcenentzug droht und, einmal eingetreten, im Lauf der Zeit zum Zusammenbruch der Institution führen wird. Aufgrund dieser scharfen Selektion von Memvarianten durch die äußeren Selektionsbedingungen (= Umwelt) werden sich für die nachhaltige Reproduktion der institutionellen Strukturen nur solche Meme erhalten, die für einen solchen Bauplan der Institution (= innere Selektionsbedingung) sorgen, welcher zu einer in ihre Umwelt / Nische passenden Institution führt. Solange die Umwelt / Nische stabil bleibt, werden ihre für die Institution wichtigen Merkmale darum immer besser im Bauplan der Institution gleichsam ‚nachgebildet‘. Genau darin sind Institutionen erkenntnisgewinnende Systeme und können einem Gesellschaftssystem, das über sie verfügt, seinerseits Evolutionsvorteile verschaffen. Verändert sich die Umwelt, nicht aber alsbald auch das – strukturell bedingte – Funktionsprofil der Institution, so gerät diese Institution in eine ‚evolutionäre Sackgasse‘ Folgerung: Sehr lange bestehende Institutionen hatten entweder Glück – oder sind besonders lernfähig und darin vorbildhaft (= ‚memetisch fit‘) Achtung: Institutionen können auch ihre Umwelt verändern und ihre Nischen an sich selbst anpassen!

76 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Verlaufsmuster von Institutionenwandel Wandel einer Institution im Generationenwechsel  entsteht durch Variationen im Phäm- und Mempool bei veränderten biographischen Prägungen von Novizenkohorten oder durch Mutationen / Rekombinationen bei der memetischen Replikation im Sozialisationsverlauf Krise einer Institution  entsteht durch inner-institutionellen Wandel, der zum Wegbrechen von wichtigen Trägern memetischer und funktioneller Bürden führt (= pathologischer Wandel); durch Veränderung der funktionellen Anforderungen der Umwelt an die Institution; oder durch Umweltturbulenzen Restabilisierung einer in die Krise geratenen Institution  kann gelingen durch freiwilliges oder aufgezwungenes institutionelles Lernen (d.h. durch Reformen in Gestalt einer Veränderung von Leitidee(n) und / oder von funktionserfüllenden Strukturen) sowie – zeitweise – durch die Erschließung (weiterer) krisenabpuffernder Ressourcen (z.B. solchen zur Verdichtung von Symbolisierung und/oder Repression) Verdichtung institutioneller Wandlungsprozesse  ergibt sich auf den ‚oberen‘ oder ‚äußeren‘ Strukturschichten einer Institution, sobald die mit ihnen memetisch oder funktionell bebürdeten Trägerstrukturen aufgrund pathologischer Wandlungsprozesse wegbrechen und an unerwartet vielen Stellen auch ganz unerwartete Wandlungsprozesse auslösen. Zeitlich wird das als ‚Beschleunigung von Geschichte‘ erfahren. institutionelle Typogenese  Entstehung einer neuen Variante der sich wandelnden Institution oder überhaupt einer neuen Art von Institution entweder durch Ausrichtung der bisherigen Institution an einer neuen Leitidee bzw. Leitdifferenz oder durch Austausch bisheriger Träger memetischer und funktioneller Bürden aufgrund kontinuierlichen Struktur- und Funktionswandels regulative Katastrophe  eine Institution ist in einer evolutionären Sackgasse gelandet und bricht zusammen Hier schließen sich weitere Theoriebereiche an, v.a. zur homologen und analogen Ähnlich- keit von Institutionen sowie zur Morphologie und Genealogie von Institutionen

77 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Grundgedanken von Morphologie Entdecken von ‚Strukturmustern’, von ‚Gestalten’ (griechisch: Gestalt = morphé), um aus ihnen Aufschluß über die entwicklungsmäßigen Zusammengehörigkeitsbeziehungen von Strukturen zu gewinnen  erfolgreichstes Unterfangen dieser Art: Klassifikation der Pflanzen und Tiere, die ihrerseits Grundlage unseres Wissen um das Werden des Lebens auf der Erde ist Analyse des Zustandekommens und des – die jeweilige ‚Identität‘ bewahrenden – Wandels solcher Strukturmuster bzw. Gestalten (‚Genealogie‘)  hier: ‚analytischer Ort‘ der Evolutionstheorie, insbesondere der Systemtheorie der Evolution Untersuchung der wechselseitigen – und in vielen Fällen eine gemeinsame Geschichte teilenden – Beziehungen solcher Strukturmuster und Gestalten untereinander. durch Aufdeckung von Homologien, Analogien, Homoiologien, Homodynamien und Homonomien Ziel: herausfinden, … warum was wie geworden ist ob und welche Entwicklungspfade weniger wahrscheinlich waren / sind als andere ‚Ingenieurnutzen‘: savoir pour prévoir pour pouvoir, und zwar mit großer intellektueller Bescheidenheit Fazit: Morphologie ist eine auf Gestalterkenntnis und Gestalterklärung ausgehende, vergleichende Betrachtung von Strukturmustern, d.h. eine vergleichende Systemanalyse – ganz gleich, ob es sich um vergleichende Analysen von Sprachen oder Baustilen, von philosophischen Systemen, von Institutionen oder von Lebewesen handelt.  einige wenige vertiefende HinweiseHinweise

78 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Homologie vs. Analogie Homologie: Ähnlichkeit, die aus der gemeinsamen Abstammungs- geschichte von Systemen herrührt und sich darum in geschichtlich gewordenen grundlegenden Strukturen (bzw. ‚Tiefenstrukturen’) niederschlägt. Homologie Beispiele: die Skelettstrukturen der Vorderextremitäten von Fledermaus und Wal, von Pferd und Mensch; im Bereich politischer Institutionen: der Immerwährende Reichstag des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und der Bundesrat, sowohl der des föderalen Bismarckreichs als auch jener der Bundesrepublik Deutschland. ‚Analogie’: Ähnlichkeit, die sich aufgrund der Anpassung tiefenstrukturell ganz unterschiedlich ausgeprägter Strukturen an gleiche Funktions- erfordernisse oder Umweltbedingungen ergibt. Es handelt sich also um Ähnlichkeit in der ‚Oberflächenstruktur‘ von Vergleichsgegenständen.Analogie Beispiele: Die Flügel eines Insekts sind denen eines Vogels sehr ähnlich, obwohl der tiefenstrukturelle Bauplan jeweils ganz verschieden ist; im Bereich politischer Strukturen gilt dasselbe etwa für die Verfassungsgerichtshöfe Deutschlands und Frankreichs, die sich ziemlich ähnlich ausnehmen, obwohl sie ganz anders zusammengesetzt sind, ins Amt kommen und agieren. Achtung: Die Entdeckung von Homologien oder Analogien ist die Vorstufe zur Theoriebildung, noch nicht die Theoriebildung selbst!

79 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Näheres zu Homologien Da Homologie die Ähnlichkeit von Tiefenstrukturen bezeichnet, bleibt homologe Ähnlichkeit auch dann erhalten, wenn ganz unterschiedliche Umweltanforderungen an die von solchen Strukturen zu erfüllenden Funktionen zur großen Unterschieden in jenen Oberflächenstrukturen führen, zu denen die ähnlichen Tiefenstrukturen in der Entwicklung der verglichenen Systeme transformiert werden. Solchen Oberflächenstrukturen ist mitunter irgendwelche tiefenstrukturelle Verwandtschaft und homologe Ähnlichkeit gar nicht mehr unmittelbar abzulesen. Beispiele: Die Vorderextremitäten von Vogel und Pferd erfüllen sehr verschiedene Funktionen und sind darum, trotz tiefenstruktureller Ähnlichkeit, so unterschiedlich ausgeprägt, daß sie niemand für tiefenstrukturell sehr ähnlich halten würde, der weder Skelettstrukturen zu deuten versteht noch die Stammesgeschichte der Wirbeltiere kennt. Im Bereich politischer Systeme waren die Parlamente der realsozialistischen Staaten ihrer Herkunft und Struktur nach ganz homolog zu jenen der demokratischen Verfassungsstaaten; doch eingebettet in andere Obersysteme und Systemumwelten erfüllten sie ein sehr anderes Funktionsprofil und galten darum vielen Parlamentarismusforschern als von ihnen völlig verschieden. Offenbar kann bereits die rein hypothetische Suche nach tiefenstrukturellen, homologen Ähnlichkeiten zu überaus erkenntnisträchtigen Fragestellungen vergleichender Analyse führen. Kriterien für die Feststellung von Homologien: ‚Lage‘ und ‚spezielle Qualität‘ eines Strukturelements; ‚Existenz von Übergangsformen‘; Zusatzkriterien

80 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Näheres zu Analogien Nach analogen Ähnlichkeiten zu suchen, öffnet den Blick für … das Zusammenwirken von System und Umwelt die Prägekraft ausgeübter Funktionen auf die sie erfüllenden Strukturen. Dies ist vor allem für die Formulierung und Überprüfung bedingter Hypothesen überaus nützlich. Also: Es ist überhaupt nichts daran falsch, beim Vergleichen nach Analogien aller Art zu suchen!  besonders wichtig: historische Analogien Achtung: Nie Analogien (= Ähnliches in der Oberflächenstruktur) mit Homologien (= Ähnliches in der Tiefenstruktur) verwechseln!  Merksatz: ‚Homologien sind dauerhaft, Analogien umstandsabhängig‘ Achtung: Es kann auch auf homologer Grundlage zur Analogiebildung kommen! Begriff: „Homologie + Analogie = Homoiologie“

81 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vorgehen bei der Suche nach Homologien und Analogien Entweder: Man sucht nach einer am Vergleichsfall A bereits entdeckten Konfiguration in den Vergleichsfällen B bis P.  ‚deduktive’ Analogie- bzw. Homologiebildung  Beispiel: Was wäre in der Geschichte deutscher politischer Systeme das Analogon zur Französischen Revolution? Bauernkrieg oder 1918 oder 1989 – oder nichts? Oder: Man hofft, daß sich beim ratenden und deutenden Hin und Her zwischen den an verschiedene Gegenstände herangetragenen Vermutungen und den an jenen Gegenständen abgreifbaren Informationen eine gegebenenfalls diesen Vergleichsfällen Q bis Z gemeinsame Merkmalkonfiguration schon werde erkennen lassen.  ‚induktive’ Analogie- bzw. Homologiebildung’  Beispiel: Wird sich wohl ein gemeinsames Merkmal aller scheiternden Revolutionen finden lassen? Man … sucht also nach Ähnlichkeiten unter den Vergleichsfällen und hofft, vom jeweils Entdeckten zu einer erkenntnisträchtigen Fragestellung an interessierende Gegenstände oder gar zu einer tragfähigen Antwort auf sie inspiriert zu werden – vor allem darüber, … warum etwas genau so ist und wurde, wie es nun ist welche weiteren Entwicklungschancen / Reformmöglichkeiten es darum wohl hat

82 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Mehrwert von Morphologie in der Biologie einst offensichtlich (auch in vergleichender Sprachwissenschaft): Da ganz unbekannt war, wie die Vielfalt der Pflanzen oder Tiere – auch historisch! – zusammenhing, mußte der Versuch unternommen werden, von festgestellten Ähnlichkeiten der Struktur her auf ‚innere‘ und geschichtliche Zusammenhänge zu schließen. Also gab es einen starken Anreiz, Morphologie zu betreiben und ihr begriffliches Analyseinstrumentarium zu kultivieren andere Lage in den Kulturwissenschaften: Seit der Verfügbarkeit schriftlicher Quellen ist meist gut bekannt, wie Institutionen geschichtlich zusammenhängen  allerdings: Unterscheidung von ‚Geschichte‘ und ‚Vorgeschichte‘ mit sehr unterschiedlichen methodischen Zugängen! Für meist auf die Gegenwart fixierte Disziplinen wie die Soziologie und Politikwissenschaft gab es darum erst recht keinen Anreiz, das analytische Instrumentarium der Morphologie zu entwickeln. problematische Auswirkungen dieser Lage für die Kulturwissenschaften: Weil der Begriff der Homologie fehlt, mangelt es auch an einem klaren Begriff der Analogie – und der Homoiologie erst recht. Folglich mangelt es an einer differenzierten Beschreibungssprache für strukturelle Ähnlichkeiten und deren Ursachen (z.B. gemeinsame Abstammung vs. gleichartige Umwelteinwirkungen vs. Zufall). Resultat: endloser Streit über ‚falsche Analogien‘ oder ‚hinkende Beispiele‘. weiterreichende Folgen: Typologien und Klassifikationen sind oft recht willkürlich, den gegliederten Gegenständen äußerlich und ohne historische Auflösungskraft (‚ahistorisch-systematisierende Sozialwissenschaften‘ vs. ‚idiographische Geschichtswissenschaft‘) Es läßt sich mit Geschichte und historischen institutionellen Ordnungen nicht systematisch sauber vergleichende Forschung betreiben – was den Blick der Kultur- und Sozialwissenschaften hinsichtlich der inneren Zusammengehörigkeit der von ihnen untersuchten Sachverhalte ziemlich stark trübt und die üppigste Datenquelle – die Geschichte nämlich – analytisch weithin ungenutzt läßt. Fazit: Morphologie erschließt den Kulturwissenschaften in für Gegenwart und Zukunft erkenntnisträchtiger Weise die Geschichte!

83 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Studies in Evolutionary Institutionalism: A Morphological Approach to the Study of Parliaments and Legislatures

84 some observations on parliaments & legislatures Parliaments and legislatures (or at least their ‚institutional facades‘) can be found in all parts of the contemporary world, i.e. in authoritarian regimes as well as in democracies. Looking back into institutional history, we find that … parliaments & legislatures have spread around the world from rather modest origins in many cultures;  ways & means: more or less formal ‘institutional learning’; imitation of ‘model legislatures’; more or less systematic import/export of institutional forms, rules, or skills most contemporary parliaments and institutions have – after all – ‘European roots’ or, at least, ‘European elements’. some of these (European) institutional forms seem to fit with their surrounding political systems / societies / cultures, while others seem not to fit; and some institutional developments seem to be possible or even probable within a given (‘European’) parliamentary framework, while others do not. On balance, the spread of the European institutional form of ‘parliament/legislature’ across so many quite different political systems all around the world resembles the dissemination of an evolutionary successful species.  Why did parliaments & legislatures have SUCH an institutional history / evolution?

85 some elements of ‚parliamentary history / evolution‘ federalist roots of parliamentary assemblies: panku of the Hittite Empire (14 th century BC), federal councils of Greek federations (3 rd – 1 st century BC), ecclesiastic assemblies (councils/synods of the church, general chapters of religious orders; 1 st century – today), everlasting Reichstag of the German- Roman Empire (17 th /early 19 th century) – with the German Federal Council and the Council of the EU as its most important ‘successors’ corporative roots of parliamentary assemblies: senate of the Roman Republic (6 th century BC), ‘provincial diets’ of the Roman Empire (1 st century BC – 4 th century AD), councils of the Visigoth Empire in Spain (6 th /7 th century), European estate assemblies (14 th – 19 th century) liberal roots of parliamentary assemblies: British parliamentarianism 18 th /19 th centuries, German ‘Early Parliamentarianism’ in the (early) 19 th century … democratic roots of parliamentary assemblies: elective bodies in religious orders, early modern city councils, houses of representatives in Britain’s American colonies, chambers of deputies in Europe since the French Revolution TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Note: In the course of European colonialism and European/American Imperialism, European / Ameri- can institutional models are disseminated all over the world by power and cultural hegemony  parliament ≈ ‘representative’ assembly

86 some questions What do these manifold forms of ‘parliamentary institutions’ have in common?  look at... structural elements, procedures & skills, guiding ideas & convictions of their actors/addressees. Why do they have in common what they have in common? Look at … common challenges leading to common features common skills of their actors leading to common features common guiding ideas of building institutional forms and running them in practice Based on answers on the why-question: Are there any ‘kinship-relations’ between parliamentary institutions; and if so: Why do they exist? Where do, in turn, differences between parliamentary institutions ‘of the same family’ stem from? Why do certain institutional forms continue to exist even under quite different challenges / paths of development? Why did some parliamentary / legislative institutional forms that were quite different at their origins become quite similar in the course of development? What will answers to these questions teach about the peculiar institution of a parliament or legislature and about possible ‘evolutionary advantages’ opened up for a political system that possesses a parliament or a legislature? When looking at this brief history of ‘parliamentary institutions’, we are led to …

87 general questions Can social scientist detect ‘more’ in history than has already been detected by ‘conventional’ constitutional, institutional, or political history?  as it seems: yes, in particular ‚institutional evolution‘! Is there really a way to find out what gives ‚coherence‘ to this development / dissemination of parliamentary institutions, i.e. … coherence over time (‚diachronic coherence‘) coherence over space (‚synchronic coherence‘)  as we claim: yes, in particular the approach of ‚institutional morphology‘ (as part of evolutionary institutionalism) Is there any need for / use of the results of such research?  counterquestion: What are the benefits of Linnés (or Linnaeus’) taxonomy of plants and animals? Are these benefits merely practical-technical (‘To which species/class/order does this being belong?’) – or are they cultural as well ? (in particular: ‘What is our place in the order of life, and which consequences might we draw from such insights?’) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt When thinking about those specific questions, there may occur some more …

88 traditional discussions „You want to compare the Polish Sejm with the Spanish Cortes? Fine; so you should find out what is similar and what is dissimilar!“  But what are valid / reliable criteria for similarity and dissimilarity in what respect? Does comparability not necessarily mean similarity (cf. Sartori!), and incomparability – in turn – dissimilarity? – If yes, then … h ow can we – and why should we at all – compare what is apparently dissimilar and, therefore, incomparable? (like an ecclesiastical council and a modern parliament) Are not all ‚historical analogies‘ in one way ‚false analogies‘, and all ‚examples of similarity‘ quite misleading? If so: Can it really be useful to engage in ‘comparative history’? The social science standard approach is: “I want to explain why …’ But have we already detected the ‘Gestalt’ (pattern, type, structure …) of the explanandum? If not: Is there any teachable / controllable way that may reliably lead to such ‘Gestalterkenntnis’ (pattern recognition …) ? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt In search of a fresh look at these issues? – Then enter the field of morphology! When thinking about such issues, we are led into some …

89 What is ‚morphology‘? morphology = the ‚-logía‘ (= study of) any ‚morphé‘ (= ‚Gestalt‘, pattern, structural type), i.e.: a form of comparative research goal: detecting patterns – like in biology, linguistics, art / literature / musical composing, law, institutional settings … detecting ‘kinship relations’ between patterns, be these patterns … synchronic: ‘What do these patterns have in common right now?’ diachronic: ‘Have there been any links between these patterns in the course of history?’ explaining all of that: Why does this pattern exist – and not a different pattern? Why do these relations between two patterns exist – and not other relations? steps of research: recognizing: What patterns / kinship structures ‘are there’? (  hermeneutic induction / deduction) explaining: Why do they exist? (  systematic and historical comparison)  notion coined by Johann Wolfgang v. Goethe

90 morphological concepts homology = structures that are similar because of common origin (‘structural similarity’ in spite of even different functions) skeletons of fish, birds, and humans institutional structures of the Everlasting Imperial Diet and the German Federal Council analogy = structures that are similar because of similar challenges to which they react (‘functional similarity’ in spite of even quite different origin) wings of birds and bees ‘federal’ representative bodies like German Federal Council and Canadian Senate homoiology= structures that are similar because of both common origin and similar challenges  parliaments of (in the last consequence) European origin, fulfilling the same functions of legislation, control of government, linking central decision-makers to ‘ordinary citizens’ … homodynamy = structures that are similar because they have been (and still are) created by the same processes everywhere and without common origin  humans’ ability to come to decisions by negotiations  ‘proto-parliamentarian’ structures homonomy = structures that are similar because they are routinely available, useful for many purposes and, therefore, built into even otherwise quite different structures  task forces, administrative sub-units, committees... When looking for ‘structural patterns’, we can use the following … All these concepts have first been introduced, and successfully tested, in comparative anatomy / zoology.

91 What is the use of these concepts? They offer clear criteria for the detection / ascription of similarity or dissimilarity: structures are (dis-) similar, because they are shaped by … common / different origin or by the same / by different functional requirements or by both factors (or by none of both) or by similar / same processes of social reality construction or by integration of similar / same ‘structural modules’ in otherwise different structures. Making such distinctions between different types of / dimensions of similarity or dissimilarity, they offer clear concepts for comparative (historical) research and lead out of intellectual impasses like debates on ‘wrong analogies’ allow to turn comparative institutional (= parliamentary) history into a cumulative field of research. They allow for new types of institutional typologies, like of parliaments & legislatures: ‘genealogical trees’ ‘crosstabulations’ of genealogical trees and functional settings They allow to integrate the results of so much impressive work on parliamentary history and on contemporary legislatures into a comprehensive theory of … the institutional evolution of parliaments and legislatures the evolutionary advantages opened up to political systems by the ‘peculiar institution’ of a parliament / legislature … and from this theory, we will get an explanation why parliaments, from so modest origins, have spread around the world – and, hopefully, will never disappear!

92 Institutional Morphology as a part of Evolutionary Institutionalism Common subject matter: evolving institutional forms of parliaments / legislatures Institutional forms A and B are homologies, if there is a chain of memetic reproduction between A and B. note: memes (like institutional models, rules of procedures, how-to-dos …) can ‘jump’ from one period of history or region of the world merely by communication. As a consequence, memetic reproduction does not require ‘physical co-presence’ of the institutional form A and its ‘successor’ B. task of (comparative) institutional history / comparative legislative research: to study the memetic reproduction of institutions/parliaments and to describe the institutional kinship relations emerging from that. Institutional forms A and B are analogies, if they are shaped by the same functional requirements – despite of different origin and/or different socio-cultural setting.  task of (comparative) institutional history / comparative legislative research: to map (and to build a typology of) the different functional requirements in response to which a particular institution has developed (e.g.: legislation, control of government, representation …) to describe the different institutional structures that have developed in response to such challenges to link such insights to what is known about homologous kinship relations among such institutions.

93 tasks ahead (collective) volume on the ‘genealogy of parliaments’ between antiquity and modern times creation of better typologies of legislatures than those by e.g. … Blondel: true – inhibited – truncated – nascent legislatures Polsby: rubber stamp legislatures – transformative legislatures – arenas Mezey: active – reactive – vulnerable – marginal – minimal legislatures. Way to do so: simultaneous analysis of the … internal reproduction processes of parliaments (memetic replication, internal selection) changing external functional challenges for parliaments (institutional environment and its development / turbulences, external selection) interactions of both shaping factors of institutional evolution ‚popularization‘ of Evolutionary Institutionalism and Institutional Morphology by exemplary studies (as outlined above)  goal: to demonstrate the additional value of this new approach in comparison with more traditional approaches like legal, behavioral and cultural studies or like historical institutionalism, rational choice institutionalism etc. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt … everybody is invited to join us in such research efforts!

94 some references R. D. H EDLUND, W. J. P ATZELT, D. M. O LSON, Capacity Building in Parliaments and Legislatures: Institutionalization, Professionalization and Evolutionary Institutionalism. Paper presented at the IPSA-congress, April 2008, Montreal W.J. P ATZELT : Grundriss einer Morphologie der Parlamente [Outline of parliamentary morphology], in: W.J. P ATZELT, ed., Evolutorischer Institutionalismus. Theorie und empirische Studien zu Evolution, Institutionalität und Geschichtlichkeit [Evolutionary Institutionalism. Theory and Empirical Studies on Evolution, Institutionality, and Historicity], Würzburg 2007, S TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

95 Fazit: Was ist ‚Evolutorischer Institutionalismus‘? Evolutorischer Institutionalismus ist ein Theorie- und Forschungsansatz zur vergleichenden empirischen Aufklärung des Zusammenhangs von Institutionalität und Geschichtlichkeit. Er verbindet in der Dresdner Forschungsperspektive ‚institutioneller Analyse‘ empirische Studien zur Konstruktion sozialer Strukturen auf der Mikroebene mit Untersuchungen zu den Stabilitätsbedingungen, Wandlungsprozessen und Funktionen von sozialen Strukturen auf der Makroebene: Analyse von Institutionalität  Ethnomethodologie, ihrerseits verbindbar mit mancherlei anderen mikroanalytischen Ansätzen Analyse von Geschichtlichkeit  Evolutionstheorie, ihrerseits Rahmentheorie aller Strukturbildungs- und Strukturentwicklungsanalysen Evolutionsforschung kommt im Evolutorischen Institutionalismus zweifach ins Spiel: ansatzextern als Analyse der biologischen Tiefenstruktur institutionenbildenden sozialen Handelns ansatzintern als Anwendung der Allgemeinen Evolutionstheorie (von welcher die Evolutionsbiologie nur eine spezielle Applikation ist) auf die Analyse der Geschichtlichkeit institutioneller Strukturen Insgesamt ist der Evolutorische Institutionalismus ein interdisziplinärer (meta-) historischer Theorie- und Forschungsansatz, der den Bogen von der Naturgeschichte über die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte bis hin zur (politischen) Institutionengeschichte und Ideengeschichte zu schlagen erlaubt. Anwendungsformen u.a.: Erklärung geschichtlicher Verlaufsmuster, historische Vergleichsanalysen, evolutorische Morphologie, Planung und Evaluation von Reformen Insgesamt: eine weit ausgreifende Fortentwicklung jenes Theorieansatzes, mit welchem der SFB ‚Institutionalität und Geschichtlichkeit‘ einst startete.

96 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt einige Literaturhinweise Blackmore, Susan, 2000: Die Macht der Meme. Heidelberg. Dawkins, Richard, 1976: Das egoistische Gen. Heidelberg. Garfinkel, Harold, 1967: Studies in Ethnomethodology. Englewood Cliffs. Göhler, Gerhard (Hrsg.), 1994: Die Eigenart der Institutionen. Zum Profil politischer Institutionentheorie. Baden-Baden. Mahoney, James, 2000: Path Dependence in Historical Sociology, in: Theory and Society 29, Patzelt, Werner J., 1987: Grundlagen der Ethnomethodologie. München. Patzelt, Werner J. (Hrsg.), 2007: Evolutorischer Institutionalismusm. Theorie und exemplarische Studien zu Evolution, Geschichtlichkeit und Institutionalität. Würzburg Rehberg, Karl-Siegbert, 1990: Institutionen als symbolische Ordnungen, in: Göhler Riedl, Rupert, 1990: Die Ordnung des Lebenden. Systembedingungen der Evolution. München/Zürich. Riedl, Rupert, 2003: Kulturgeschichte der Evolutionstheorie. Berlin u.a. Thelen, Kathleen, 2002: How Institutions Evolve, in: Mahoney, James / Rueschemeyer, Dietrich (Hrsg.): Comparative Historical Analysis in the Social Sciences. New York,

97 Weiter mit I stitutionen als erkenntnisgewinnende Systeme


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