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Naturgesetzlicher Determinismus und Willensfreiheit Lutz Sperling.

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Präsentation zum Thema: "Naturgesetzlicher Determinismus und Willensfreiheit Lutz Sperling."—  Präsentation transkript:

1 Naturgesetzlicher Determinismus und Willensfreiheit Lutz Sperling

2 Kapitel 1 Was auf dem Spiele steht

3 Neurophysiologe Wolf Singer 1 Vorstellung der menschlichen Freiheit = kulturelles Konstrukt, das den Erkenntnissen der Naturwissenschaften nicht standhalten könne Resultate der Grundlagenforschung zwängen uns über kurz oder lang zu einer fundamentale Revision überkommener Vorstellungen von Strafe und Verantwortung Tiefgreifender Wandel unseres Menschenbildes Verschaltungen legen uns fest. Wir sollten aufhören von Freiheit zu sprechen. (...) Keiner kann anders als er ist.

4 Wolf Singer 2 Konsensfähige Feststellung der Neurobiologen, daß alle Prozesse im Gehirn deterministisch sind, und Ursache für eine jegliche Handlung der unmittelbar vorangehende Gesamtzustand des Gehirns ist

5 Verhaltensphysiologe Gerhard Roth In absehbarer Zeit wird man - zumindest ungefähr - wissen, wie Bewußtsein entsteht und das, was wir bislang als freien Willen gedeutet haben. Das ist ohne Zweifel in Reichweite – egal, ob es noch zwanzig oder fünfzig Jahre dauert. Ich glaube, spätestens in zehn Jahren hat sich die Einsicht durchgesetzt, daß es Freiheit etwa im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit nicht gibt.

6 Biophilosoph Gerhard Vollmer Bald werden nicht nur die Hirnforscher einsehen müssen, daß es die traditionelle Willensfreiheit überhaupt nicht gibt. Sie ist eine Illusion, wenn auch eine sehr naheliegende. Der Wegfall der vermeintlichen Willensfreiheit wird nicht nur Philosophen, Theologen und Juristen bis ins Mark erschüttern.

7 Inkonsequenz im Urteil von Henning Scheich Neurowissenschaftler und Lernforscher "Wir lesen keine Gedanken", Publik-Forum 2008: Infragestellung der Freiheit sei Fehlinterpretation Aber: Aus Materie entstehe Geistiges. Es handele sich beim freien Willen im physikalischen Sinn immer um Determinismus. Die Neurowissenschaft wird den Urgrund und das, was Religion ausmacht, mit der Zeit auf bestimmte Hirnmechanismen zurückführen, davon bin ich überzeugt.

8 Geert Keil Verteidiger der Willensfreiheit : RWTH Aachen, Professor für Theoretische Philosophie, seit 2010: Humboldt-Univ. Berlin, Professor für philosophische Anthropologie Zunächst für den weiteren Vorlesungsablauf als Referenz zugrunde gelegt: Willensfreiheit und Determinismus, RECLAM TASCHENBUCH, Stuttgart 2009

9 Verheerende Konsequenzen Francis Crick (Nobel-Preisträger): Sie, Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willensfreiheit - bei alledem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen.

10 Der Preis für den evolutionären Humanismus (Wortschöpfung Julian Huxleys) Betroffen: - Ethisch-moralische Grundlagen der Gesellschaft - Fundamente unseres Glaubens Ziel der Giordano-Bruno-Stiftung (Michael Schmidt-Salomon, Franz M. Wuketits...) und anderer atheistischer Organisationen: Verbreitung des evolutionären Humanismus

11 Michael Schmidt-Salomon Aufsatz: Können wir wollen, was wir wollen? Ziel: Dekonstruktion der Idee der Willensfreiheit, diese sei inhuman, prämoderner Hokuspokus, Bürde subjektiver Verantwortlichkeit hindere uns, den Gesetzen des Humanen zu gehorchen. In anderen Texten: seine sexuellen Vorlieben frei ausleben können, Recht auf Rausch Gegen den Begriff Familie: Lebensgemeinschaft von beliebig vielen Gesellschaftern beliebigen Geschlechts

12 Franz M. Wuketits Essay: Die Illusion des freien Willens Bei der Bundeszentrale für politische Bildung publiziert! Mensch = Gehirnwesen, nicht Geistwesen, ändert... in unserem 'praktischen' Leben kaum etwas (???) Aber: von den althergebrachten Konzepten von Schuld und Strafe verabschieden!

13 Einfluß auf das Alltagsleben Verführungskraft solcher den Menschen zum Tier oder zur Maschine degradierender Theorien: Große Gefahr in Entscheidungssituationen, die Selbstbeherrschung oder sogar größere Opfer fordern

14 Subtilere Gefahren Überwiegender Teil der gegenwärtig am sogenannten Diskurs beteiligten Stimmen: weniger krasse Positionen! Aber: subtilere Gefahren für das christliche Gottes-, Welt- und Menschenbild, denen weniger leicht argumentativ zu begegnen ist. Hauptinhalt der Vorlesung: Auseinandersetzung mit im katholischen Bereich in Deutschland verbreiteten Positionen

15 Exemplarische Demonstration der spirituellen Bedeutung der Freiheit Kurze Andeutung der Bedeutung der Freiheit für das persönliche spirituelle Leben nach: Dietrich von Hildebrand: Die Umgestaltung in Christus, 1988 EOS Verlag Erzabtei St. Ottilien 9. Kapitel: Die Arbeit an uns selbst

16 Freiheit als charakteristisches Merkmal der geistigen Person Die Fähigkeit, frei Stellung nehmen zu können, sich frei zu entscheiden, die gewöhnlich als Willensfreiheit bezeichnet wird, ist eines der tiefsten und charakteristischsten Merkmale der geistigen Person....der Mensch kann sich... mit seinem bewußten Personzentrum f r e i entscheiden und eine völlig neue Kausalreihe beginnen. Sein freies Ja und Nein von ihm allein erzeugt! Wunder, Geschenk Gottes, Voraussetzung für: Verantwortlichkeit, Verdienst, Schuld, für sittlich Gutes und Böses, Antwortgeben an Gott - freies Ja Gottebenbildlichkeit des Menschen!

17 Erste Dimension der Freiheit Die Fähigkeit, zu den Werten und Unwerten dies innere Ja und Nein zu sprechen, diese letzte Selbststellung unserer Person zu vollziehen, die Fähigkeit, die unserer Natur entstammenden Antworten auf die Welt der Werte mit unserem freien Personzentrum zu sanktionieren oder zu desavouieren, die Macht der Person, ihre letzte Stellung zu den Dingen aus sich selbst heraus zu vollziehen,..." Auch bei eingeschränktem äußeren Machtbereich:... über unsere i n n e r e Entscheidung, unser letztes freies Ja oder Nein hat nichts Macht außer uns selbst.

18 Zweite Dimension der Freiheit...Fähigkeit, gewisse Dinge zu kommandieren, wie bestimmte Bewegungen oder Handlungen; Dieser Machtbereich hat jedoch Grenzen. Es gibt... Dinge, die unserem Machtbereich völlig entzogen sind. Anderseits gibt es Dinge, die wir zwar nicht mit unserem Willen kommandieren können, für deren Zustandekommen wir aber doch indirekt viel vermögen - wie alle Haltungen anderer Menschen und bestimmte Haltungen in uns..... Den Boden bereiten für das Erblühen der richtigen emotionalen Antworten auf die Werte, Hindernisse in uns wie Hochmut und Begierlichkeit abtragen, damit Christus in uns seine Herrschaft entfalte.

19 Freiheit im ersten Sinn als sittlich entscheidend und maßgebend In der zweiten Funktion der Freiheit sind wir die Befehlenden, in der ersten die der Forderung der Werte Gehorchenden. Die Freiheit im ersten Sinn ist die sittlich entscheidende und maßgebende Freiheit. Die erste Freiheit ist auch die Voraussetzung für die zweite. In ihr wählen wir das Ziel, zu dessen Erreichung die zweite erforderlich ist. Die Nichtunterscheidung der beiden Dimensionen der Freiheit führte zu einer Diskreditierung der Freiheit überhaupt. Reaktion auf übertriebene Willenserziehung ließ erhabene Bedeutung der Freiheit im ersten Sinne übersehen.

20 Das habituelle Sein der Person als Wirklichkeit sui generis Die Umgestaltung in Christus umfaßt zwei Dimensionen im sittlichen Sein der Person: sie bezieht sich auf die einzelnen Akte des Erkennens, des Stellungnehmens, des Handelns und auf das überaktuelle, das habituelle Sein der Person, auf das, was man Eigenschaften nennt, wie etwa Treue, Gerechtigkeit, Demut, Reinheit, Güte. Diese dauernden Eigenschaften sind nicht etwa nur Dispositionen für die einzelnen Stellungnahmen und Handlungen, etwa für einen Akt der demütigen Unterwerfung oder ein gütiges Verzeihen. Sie sind eine Wirklichkeit sui generis.

21 Kapitel 2 Systematisierung Unterschiedlicher Positionen

22 Tabellarischer Überblick nach Keil

23 Starke und schwache Form der Willensfreiheit Libertarier (starke Form): So-oder-anders-Können unter gegebenen Umständen Kompatibilisten (schwache Form): Zustandekommen einer Entscheidung ohne äußeren Zwang

24 Starke und schwache Form des Determinismus Moderner physikalischer Determinismus (starke Form): Alternativlose Festlegung des Weltlaufs durch Naturgesetze Determinismus der klassischen Kompatibilisten (Thomas Hobbes, David Hume, John Stuart Mill) (schwache Form): Psychologischer Determinismus

25 Vereinbarkeitshypothese These der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus: Sie ist um so plausibler, je schwächer die zugrunde gelegten Begriffe der Freiheit und des Determinismus sind.

26 Agnostischer Kompatibilismus Vertreter dieser Richtung (z. B. Peter Strawson) halten Wahrheit des Determinismus schlicht für irrelevant Die starke, libertarische Freiheit paßt auch nach Auffassung der meisten Kompatibilisten nicht in eine deterministische Welt. Dies sei aber kein Verlust, da diese Art von Freiheit illusionär und nicht einmal erstrebenswert sei.

27 Außenseiterpositionen Freiheitsskeptiker: Kein freier Wille, unabhängig davon, ob der Determinismus wahr oder falsch ist, teilweise gleiche Argumente wie harte Deterministen Semikompatibilisten: Vereinbarkeit von Determinismus und moralischer Verantwortlichkeit, nicht jedoch von Determinismus und Willensfreiheit, zugunsten der Praxis des Strafrechts!

28 Epistemischer Indeterminismus Freiheit erfordere nur die Nichtvoraussagbarkeit der eigenen Entscheidungen aus der Perspektive der ersten Person. Max Planck: Kausalität = Determinismus Man kann ihn sowohl zu den epistemischen Deterministen (wie Keil es tut) als auch zu den Kompatibilisten (weiche Deterministen) zählen.

29 Eberhard Schockenhoff Theologie der Freiheit, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2007 Libertarier, überzeugende Kritik des Kompatibilismus

30 Schockenhoffs Kritik von Widersprüchen bei Singer Einerseits lehne Singer eine feindliche Übernahme der subjektiven Binnenperspektive durch die Außenansicht der Wissenschaft ab. Andererseits wird Singer wie folgt zitiert: Insofern muß, aus der Dritte-Person-Perspektive betrachtet, das, was die Erste-Person-Perspektive als freien Willen beschreibt, als Illusion definiert werden.

31 Verbreitung bestimmter Ansichten nach Keil Nach Keil sind die meisten Teilnehmer der Debatte agnostische Kompatibilisten, vages Vorverständnis von Determinismus, naturalistische Grundorientierung, keine Wunder, kein kartesianischen Dualismus Beispiel: Peter Bieri Kompatibilisten im deutschen Sprachraum von erdrückender Mehrheit, ihr Argument: Es sei nicht zu verstehen, wie es ein Anderskönnen unter identischen Umständen geben können soll.

32 Verbreitung bestimmter Ansichten nach Schockenhoff Vielmehr verbergen sich unter der Sammelbezeichnung Kompatibilismus höchst unterschiedliche, untereinander unvereinbare, ja diametral entgegengesetzte Konzepte. Deren begriffliche Erfassung unter einem gemeinsamen Obertitel erweckt den falschen Eindruck, einer kleinen Zahl verwegener Inkompatibilisten stünde eine geschlossene Phalanx kompatibilistischer Freiheitsdenker gegenüber,... Deshalb: Nicht Verunsichern und einschüchtern lassen!

33 Kapitel 3 Zum Begriff der Willensfreiheit

34 Zur Problematik des Begriffs Willensfreiheit Nach Keil: Es wird der Wille eines Menschen frei genannt, vielleicht angemessener ließe sich der Mensch selbst als wollender frei nennen. Dagegen: Handlungsfreiheit besitzt man, wenn man nicht durch äußeren Zwang daran gehindert wird, seinen Willen in die Tat umzusetzen. Der Mensch, so Keil, verliert dadurch nicht das Vermögen, seinen Willen zu bilden.

35 Willensfreiheit versus Handlungsfreiheit Ohne Willensfreiheit kann man doch noch Handlungsfreiheit besitzen. Besitzt man aber Willensfreiheit, so kann diese einem nicht mit der Handlungsfreiheit (z. B. der politischen Freiheit) genommen werden. Aber begriffliche Schwierigkeit (nach Keil): Wenn Handlungsfreiheit die Freiheit ist, zu tun, was man will, könnte Willensfreiheit analog die Freiheit sein, zu wollen, was man will. Willensfreiheit zu besitzen müßte dann die Fähigkeit einschließen, etwas anderes zu wollen, als man tatsächlich will. Gefahr: Infiniter Regreß! (Leibniz, Schopenhauer, Hobbes, Locke, Russell)

36 Problemlösung nach Keil Am Begriff der Willensfreiheit festhalten (keine Verwechslung mit politischen Freiheiten), aber in der Bedeutung von: Entscheidungsfreiheit und Wahlfreiheit Entscheidungen stehen am Ende eines Willensbildungsprozesses Bei der Willensfreiheit muß es um die Frage gehen, was mit Wünschen und Neigungen, die wir in uns vorfinden, weiter geschieht. Wie wird aus ihnen eine Entscheidung und schließlich eine Handlung? Frei ist die wollende Person!

37 Fähigkeit und Hindernis Neben Spielraum von offenen Möglichkeiten (zumindest kein Determinismus im starken Sinne) bedarf Willensfreiheit in diesem Sinne auch bestimmter Fähigkeiten sowie der Hindernisfreiheit. Willensfreiheit ist die Fähigkeit zur hindernisüberwindenden Willensbildung. Es gehöre schon zum Begriff einer Fähigkeit, daß sie in typischen Realisierungsbedingungen auch ausgeübt werden kann. Gemeint sind äußere Hindernisse; denn innere Hindernisse = fehlendes Vermögen

38 Willensfreiheit im Denken, in der Überlegung Willensfreiheit soll auch für den Fall unüberwindbarer äußerer Hindernisse (fehlender Handlungsfreiheit) definiert werden: Willensfreiheit = Fähigkeit zur überlegten hindernisüberwindenden Willensbildung und –umsetzung Umsetzung = Versuch..., also dasjenige, was auch unter ungünstigsten äußeren Umständen noch bei uns steht

39 Vorläufiges Resümee Nach Keil sei es bei dieser seiner Definition ohne Belang, welchen Anteil unserer Handlungen wir automatisch vollziehen. Diese vorläufige Definition muß in den folgenden Kapiteln bei der Vorstellung von Kompatibilismus und Libertarismus detaillierter begründet werden.

40 Moralische Verantwortung nach Tugendhat Moralische Verantwortlichkeit beruht auch nach dem Kompatibilisten Ernst Tugendhat auf der Freiheitsannahme! Wie sieht die Willensfreiheit aus, wenn es möglich sein soll, eine Person zur Verantwortung zu ziehen? Daß dafür Willensfreiheit erforderlich sei und nicht bloß Handlungsfreiheit, sehe man daran, daß wir Tiere nicht zur Verantwortung ziehen, offenbar weil es keinen Sinn ergäbe, obwohl auch sie ihre Glieder heben können, wenn sie wollen.

41 Roth und Prinz bestreiten Verantwortung Gerhard Roth: Das bewußte, denkende und wollende Ich ist nicht im moralischen Sinne verantwortlich für dasjenige, was das Gehirn tut, auch wenn dieses Gehirn 'perfiderweise' dem Ich die entsprechende Illusion verleiht. Kognitionspsychologe Wolfgang Prinz: Entscheidungen kommen zustande, ohne daß jemand da wäre, der sie fällt. (Zitiert nach Eberhard Schockenhoff)

42 Kapitel 4 Determinismus

43 Modalitätsquellen Geert Keil: Freiheitsgefährdend wäre aus inkom- patibilistischer Sicht die modale Verstärkung, daß Bestimmtes notwendigerweise geschehen wird. Modallogik = Logik, die sich mit Folgerungen um die Modalbegriffe möglich und notwendig befaßt. Der Determinismus macht eine modale Behauptung über den Weltlauf: Notwendigkeit In der Philosophiegeschichte sind drei Modalitätsquellen für den Determinismus erwogen worden: Gott, das Schicksal und die Naturgesetze.

44 Theologischer Determinismus = Prädestinationslehre = Lehre von der Determination des Weltlaufs durch Gottes Willen Lutherforschung der Gustav-Siewerth-Akademie! Aber auch bei Eberhard Schockenhoff:..., als es Luther tatsächlich um eine radikale Destruktion des liberum arbitrium, des freien Willens als eines Vermögens des natürlichen Menschen zu tun ist.... die Annahme einer Alleinwirksamkeit Gottes in allen menschlichen Handlungen führt ihn zwangs- läufig dazu, daß nur Gottes Wille als Ursache für die Existenz des Bösen in Frage kommt.

45 Determiniert durch das Schicksal Die zweite in der Philosophiegeschichte erwogene Modalitätsquelle ist nach Keil das Fatum, also das Schicksal. Diese spielt in der gegenwärtigen Debatte keine nennenswerte Rolle und soll auch hier nicht besprochen werden.

46 Deterministische Naturgesetze Der Determinismus bezöge seine modale Kraft aus den Naturgesetzen, der Weltlauf würde von deterministischen Gesetzen regiert. Begriff Determinismus wird heute oft von vornherein im Sinne von Gesetzen verstanden! Dominant im heutigen Zeitgeist! Inhalt der Vorlesung von nun an auf diese Bedeutung eingeschränkt.

47 Differentialgleichungen in Abhängigkeit von der Zeit Einfacher Fall (1 Freiheitsgrad): vertikale Bewegung einer punktförmigen Masse im luftleeren Schwerefeld der Erde, Anfangsbedingungen, Integrationskonstanten, Schar unterschiedlicher Lösungen Systeme mit mehreren Freiheitsgraden deformierbare Körper, Flüssigkeiten, Gase = Systeme mit unendlich vielen Freiheitsgraden, partielle Differentialgleichungen Häufig nur numerisch lösbar!

48 Die Physik am Ende des 19. Jahrhunderts Mechanik, Elektrodynamik, Thermodynamik Partielle Differentialgleichungen Alles schien mathematisierbar! Alle materiellen Systeme schienen wie (hochkomplizierte!) Mechanismen zu funktionieren Mechanistisches Weltbild! (Scheinbar vollendet) Aber: Geheimnischarakter des Lebens

49 Emil Du Bois-Reymond (1818 – 1896) 1872, Adresse an die 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte: Ich werde jetzt, wie ich glaube, in sehr zwingender Weise dartun, daß nicht allein bei dem heutigen Stande unserer Kenntnis das Bewußtsein aus seinen materiellen Bedingungen nicht erklärbar ist, was wohl jeder zugibt, sondern daß es auch der Natur der Dinge nach aus diesen Bedingungen nie erklärbar sein wird. Bewußtsein = etwas Neues, bis dahin Unerhörtes..., etwas wiederum, gleich dem Wesen von Materie und Kraft, und gleich der ersten Bewegung Unbegreifliches.

50 Pierre-Simon Laplace (1749 – 1827) Eine Intelligenz, welche für einen gegebenen Augenblick alle in der Natur wirkenden Kräfte sowie die gegenseitige Lage der sie zusammensetzenden Elemente kennte, und überdies umfassend genug wäre, um diese gegebenen Größen der Analysis zu unterwerfen, würde in derselben Formel die Bewegungen der größten Weltkörper wie des leichtesten Atoms umschließen; nichts würde ihr ungewiß sein und Zukunft wie Vergangenheit würden ihr offen vor Augen liegen. (Laplacescher Dämon) Geert Keil: Heute als Supercomputer vorstellbar

51 Neue Sicht durch die Quantenphysik Dr. Winfried Schmidt: Rettet die Quantenphysik die Freiheit? Der neuronale Determinismus wäre eine notwendige Folge des physikalischen Determinismus. Die Natur hat uns aber anders belehrt! Wochenendtagungen: Katholische Fakultät Paderborn 2007, 2008: Bedeutung der Quantenphysik für die Willensfreiheit und die anderen geistigen Qualitäten des Menschen

52 Glauben im 19. Jahrhundert Wissenschaft damals als in einem wesentl. Sinne falsch oder zumindest unvollständig erkennbar! Paul Erbrich, Zufall/Eine naturwissenschaftlich- philosophische Untersuchung, 1988: Die Wirklichkeit ist offenbar schon auf ihrer tiefsten materiellen Ebene kein Uhrwerk, das nach Plänen abläuft. Das Laplacesche Weltbild war ein Irrweg, der viele Opfer der Verzweiflung gekostet hat. keineswegs unvermeidlich..., hätte es mehr Kritik am Laplaceschen Determinismus und weniger Verachtung (dafür bessere Kenntnis) des traditio- nellen Wirklichkeitsverständnisses gegeben.

53 Vorherbestimmtheit und Voraussagbarkeit Keil: Voraussagbarkeit ist ein epistemischer Begriff, und es wäre durchaus möglich, daß der universale Determinismus wahr ist, ohne daß perfekte Voraussagen erreichbar sind. Probleme hinsichtlich Voraussagbarkeit: unvollkommenes Wissen, Chaosfähigkeit, Energiebedarf der Informationsübertragung Beobachterparadoxon: Ein Beobachter, der kausal mit der Welt inter- agiert und Information aus ihr abzieht, beeinflußt unvermeidlich die festzustellenden Zustände. Idealer Beobachter = körperlose Intelligenz

54 Zum Charakter der Naturgesetze Keil: Die Gesetze, denen der Weltlauf angeblich unterliegt, sind, etwas vereinfacht ausgedrückt, Immer-wenn-dann-Sätze der Form Immer wenn etwas der Art A geschieht, dann geschieht danach etwas der Art B. = empirische Verlaufsgesetze über tatsächlich Geschehendes Es hätten jedoch die fundamentalen physikalischen Gesetze in der Regel nicht diese Form. Sie sind nicht kausal interpretierbar, fixieren nicht alternativlos den Weltlauf, stützen also nicht den Laplace-Determinismus und sind deshalb auch nicht freiheitsgefährdend.

55 Naturgesetze und Differentialgleichungen Keils ausführliches Buch Willensfreiheit: Aus Aussagen über Universalien lassen sich grundsätzlich keine Aussagen darüber ableiten, was tatsächlich in der Welt geschieht.... in der wirklichen Welt... stets eine Überlagerung physikalischer Kräfte Russell: Alle Kausalgesetze sind Ausnahmen unterworfen, wenn die Ursache nicht den Zustand des ganzen Weltalls umfaßt. Nancy Cartwright: Es wäre kein uneinge- schränkt wahrer Immer-wenn-dann-Satz über empirische Regularitäten je präsentiert worden, möglich, daß etwas dazwischenkommt

56 Illustration am Pendelgesetz Das Pendelgesetz für das Verhältnis zwischen Pendellänge und Schwingungsperiode sei als Existenzgesetz über Universalien zweifellos wahr. Daraus ließe sich aber kein kausal interpretierbares Sukzessionsgesetz ableiten, denn das Ereignis der Pendelschwingung läßt sich nicht durch die Änderung der Pendellänge herbeiführen, sondern nur dadurch, daß man das Pendel in Bewegung versetzt. Das Schwingen eines Pendels kann auf mannigfache Weise verhindert und gestört werden.

57 Zusammenfassung der Argumentation Keils Es bestände zwischen dem deterministischen Charakter physikalischer Gesetze und Theorien und der Behauptung, daß der Weltlauf deterministisch ist, eine große Lücke. Es müßten solche Theorien und Gesetze den Weltlauf in allen Einzelheiten korrekt beschreiben. Solange eine solche Gesamttheorie nicht zur Verfügung steht, wird jede vorausgesagte Aufeinanderfolge von Phänomenen für Störungen und Kräfteüberlagerungen anfällig sein, über die die einzelne Theorie nichts sagt.

58 Determinismus als metaphysische These John Stuart Mill: Wenn der ganze frühere Zustand des Universums wiederkehren könnte, so würde ihm der ganze jetzige Zustand folgen. -> weder verifizierbar noch falsifizierbar! -> Der Laplacesche Determinismus ist eine metaphysische These! Gilt auch für Leugnung der Willensfreiheit! Gegenthese von Ansgar Beckermann: daß wir uns an die Naturwissenschaften (insbesondere die Physik) wenden müssen, wenn wir wissen wollen, ob der Determinismus wahr ist. Kann nicht überzeugen!

59 Bereichsspezifischer Determinismus Beispiele für Bereichsspezifische Determinismen: genetischer und neurophysiologischer Determinismus Bedingung für Wahrheit solcher Determinismen: (unabhängig von der Wahrheit des universalen Determinismus) Es müßte innerhalb des Universums kausal abgeschlossene Systeme geben, also Systeme, die nicht mit ihrer Umwelt interagieren und somit nicht durch Umwelteinflüsse gestört werden können.

60 Schwächere Korrelationen = schwächere Formen der kausalen Bestimmung oft durch Gebrauch typischer Verben in freiheitswiderlegender Konnotation verdeckt: Bestimmte Faktoren steuern das Verhalten, Gehirnvorgänge bedingen Handlungen, Gene prägen die Persönlichkeit, Entscheidungen beruhen auf neuronalen Prozesse. In diese Reihe gehören noch beeinflussen, kontrollieren, bestimmen, auslösen, zu etwas führen. Philosophische Fehler: Es wird synchrone mit diachroner Determination verwechselt, Verursachung mit physischer Realisierung, Theorien mit dem, was sie beschreiben.

61 Frage nach Überzeugungskraft für Praktiker Häufigkeit zuverlässig gleich ablaufender Experimente, große Wahrscheinlichkeit anstelle Determinismus! Große Bedeutung der Quantenphysik! Professor Geert Keil: Ich stimme Ihnen völlig zu, da muß und werde ich noch nacharbeiten! Ist halt eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, bei der man sich nicht blamieren möchte.

62 Kapitel 5 Kompatibilismus

63 Die Grabwespe Sphex Peter Schulte: Die Grabwespe Sphex scheine in ihrem Handeln durch (gute) Gründe bestimmt zu sein, handele aber in Wirklichkeit rein mechanisch. Daniel C. Dennett: Mechanistische Systeme können vermutlich über Lernfähigkeit und die Fähigkeit zur Selbstreflexion verfügen. Es bestehe kein prinzipieller Unterschied zwischen uns und der Sphex, nur seien unsere Steuer- mechanismen viel komplexer (und flexibler). Aber auch die Sphex ist kein Mechanismus! Instinkte sind in beachtlichem Maße flexibel.

64 Kernaussage des Kompatibilismus Wir seien letztlich Mechanismen, oder es werden nur solche Aussagen zur Willensfreiheit zugelassen, die gültig bleiben, auch wenn wir Mechanismen wären (agnostischer Kompatibilismus). Viele argumentative Übereinstimmungen mit dem harten Determinismus!

65 Die Verdrängung des traditionellen Freiheitsproblems Keil: Das Vereinbarkeitsproblem, also die Frage, ob Freiheit und Determiniertheit einander ausschließen oder nicht hat mittlerweile [seit einigen Jahrzehnten] das traditionelle Freiheitsproblem aus der fachphilosophischen Diskussion weitgehend verdrängt. Die Ausgangsfrage nach der Wahrheit des Determinismus wurde weitgehend aufgegeben!

66 Ein wesentliches Motiv der (agnostischen) Kompatibilisten Keil: Freiheitsbegriff nicht zu anspruchsvoll, vor Widerlegung geschützt, sichere Seite! Aber: Wie ist es mit unserer Freiheit wirklich bestellt? Schockenhoff: Zu diesem Zweck wird der Freiheitsbegriff entgegen unseren vortheoretischen Intuitionen abgewandelt, bis er mit den theoretischen Vorannahmen des Determinismus nicht mehr kollidiert. Aber: Kann Restbegriff noch sinnvollerweise als Freiheit bezeichnet werden?

67 Im wesentlichen nur Handlungsfreiheit Keil: So bestehe die Freiheit nach John Locke, der meist zum klassischen Kompatibilismus" gerechnet wird, darin, daß wir imstande sind, zu handeln oder nicht zu handeln, je nachdem wie wir wählen oder wollen. Es wird von vielen Kompatibilisten des 20. Jahrhunderts das zusätzliche Verlangen nach Willensfreiheit für irregeleitet gehalten.

68 Determinismus versus Bestimmung durch Handlungsgründe Konkordanz mit dem Denkrahmen des Determinismus nach Schockenhoff: Zwischen der Aussage, ein Mensch handle frei, und der Behauptung sein Wille sei durch innere kausale Bedingungen wie eigene Präferenzen oder den eigenen Charakter vollständig determiniert, bestehe kein Widerspruch. Univoke Begriffsverwendung für: Bestimmung durch Handlungsgründe und kausale Determination durch natürliche Wirkursachen Er unterstellt den Kompatibilisten notorisch unpräzisen Gebrauch des Terms determiniert.

69 Determinismus aus der Natur der menschlichen Psyche Nach Keil hat auch Locke... seinen Determinismus... nicht als naturgesetzlichen, sondern als allgemeine Aussage über die Natur der menschlichen Psyche formuliert. Die zu erklärende Frage wäre also, ob die rationale Bestimmung durch Gründe dieselbe Notwendigkeit oder Unausweichlichkeit besitzt wie die kausale Determination durch Naturgesetze und Anfangsbedingungen.

70 Auch Erste-Person-Perspektive objektiv und real Schockenhoff kritisiert naiven metaphysischen Realismus: Naturbeschreibungen der Wissenschaft seien objektiv und real, die Willensfreiheit als unleugbare Tatsache unseres Bewußtseins sei dagegen nur subjektives Konstrukt. Erkenntnistheoretisch gelte aber die Gleichwertigkeit und Eigenständigkeit beider Betrachtungsweisen.

71 Wissenschaftliche Theorie als mentales Phänomen Wissenschaftliches Arbeiten setzt Subjekt- standpunkt des Denkens immer schon voraus. Eine wissenschaftliche Theorie, die mentale Phänomene aus neuronalen Gegebenheiten erklären möchte, ist selbst ein mentales Phänomen, denn der Vorgang des wissenschaftlichen Erklärens setzt Bewußtsein voraus. Subjekthaftigkeit, Geist und Bewußtsein = Ausgangspunkt, niemals Ergebnis des Erklärens; sie können daher auch nicht wegerklärt oder auf noch ursprünglichere Phänomene zurückgeführt werden.

72 Diachrone und synchrone Determination Nach Keil: Festlegen durch Determinismus = Vorgang in der Zeit, also diachron, Festgelegtsein nach Singer und Roth: Beziehung zwischen einem mentalen Ereignis und seinem neuronalen Korrelat oder Substrat ist zeitgleich, also synchron. Zwischen einem mentalen Ereignis und seinem zeitgleichen Substrat kann es aber keine Kausalbeziehungen geben! Physische Realisierung mentaler Ereignisse ist kein Determinismus und nicht freiheitsgefährdend!

73 Gegen naturalistischen Reduktionismus Die Deterministen und damit eben auch die Kompatibilisten bejahen nach Keil im Grunde die Frage, ob das Überlegen in Wirklichkeit ein naturgesetzlicher Mechanismus mit determiniertem Ausgang ist, so daß aus inkompatibilistischer Sicht das Vermögen des Prüfens, Akzeptierens oder Verwerfens eines Grundes eine bloße Illusion wäre; denn nichts davon stünde beim Überlegenden.

74 Michael Pauen zwischen hartem Determinismus und Kompatibilismus Kein gravierender Unterschied zu hartem Determinismus: Der entscheidende Punkt für Freiheit ist Selbstbestimmung durch eigene Wünsche und Überzeugungen, die Abhängigkeit der Handlung von meiner Person. Und das läßt sich ohne weiteres naturalisieren. Vermutlich haben die Überzeugungen einer Person natürliche Grundlagen, und man kann Kausalprozesse feststellen, die im Idealfall von neuronalen Grundlagen für Handlungen und Normen zu neuronalen Prozessen der Bewegungssteuerung führen.

75 Vernunft determiniert nicht alternativlos Gehört der Mensch gleich zwei deterministischen Ordnungen an, einer kausalen und einer rationalen? Keil bezweifelt, daß vernünftige Gründe ebenso alternativlos determinieren wie ein naturgesetzlicher Zusammenhang. Das könne schon deshalb nicht sein, weil Menschen sich durchaus irrational verhalten können, während sie nicht die Fähigkeit haben, den Naturgesetzen zuwiderzuhandeln.

76 Aber trotzdem synchrone Wirkung der Vernunft Wesentliche Frage: Alleinentscheidung durch die naturgesetzlich determinierenden Prozesse bedeutete eine völlige Entwertung der synchron (zeitgleich und parallel) wirkenden Vernunft! Verteidigung der Eigengesetzlichkeit des Geistigen! (auch wenn Willensfreiheit unbestreitbar Einschränkungen erfährt) Welche Antwort haben die Kompatibilisten auf diese Frage??

77 Vorphilosophische Intuitionen und Handlungsbegriff Keil: Kompatibilismus und Determinismus sind typische Philosophentheorien. (Niemand, der nicht davon in Büchern gelesen hätte, würde den universalen Determinismus für wahr halten.) Vorphilosophische Intuitionen: Nach Aristoteles und Kant: Merkmal des So-und-anders-Könnens schon in den Handlungsbegriff eingebaut

78 Zusätzliche Thesen von Kompatibilisten Edward Moore - Bedeutungsanalyse für das Wort "können", Peter Strawson - nichtdistanzierte Haltungen, Harry Frankfurt - höherstufige Wünsche, Daniel Dennett - Unmöglichkeit bestimmter Menschen zu Handlungen wie Foltern u. dgl., Peter Bieri - Verstehen-Lernen eines bereits determinierten Willens. Keine wirkliche Lösung des Problems!

79 Motive, Wünsche, Überzeugungen versus Wahrheit : Ansgar Beckermann: Willensfreiheit = Fähigkeit zu bestimmen, welche Motive, Wünsche und Überzeugungen handlungswirksam werden sollen. Was kann materiell im Gehirn repräsentiert sein? (siehe auch Kapitel 3, Folie 36) Josef Pieper nach Thomas von Aquin: "Wahrheit ist nichts anderes als die im Erkennen gesetzte und erfüllte Identitätsbeziehung zwischen dem Geiste und dem Wirklichen, in welcher das Wirkliche das Maß des erkennenden Geistes ist."

80 Zusammenhang mit der Evolutionstheorie Vermutung eines Einflusses der evolutionären Erkenntnistheorie auf die Kompatibilisten! Schulbuch Evolution von Peter Hoff, Wolfgang Miram und Andreas Paul, Schroedel-Verlag: Hervorgehobener Merksatz: Demzufolge besteht die Funktion unserer Sinnesorgane und unseres Gehirns nicht darin, die Welt zu verstehen, sondern darin, in ihr zu überleben und erfolgreich Nachkommen zu produzieren.

81 Vorträge in der Katholischen Akademie Magdeburg Im Rahmen von Ringvorlesungen fanden im Magdeburger Roncalli-Haus 2 Vorträge zur Frage der Willensfreiheit statt: Januar 2011: Dr. Tobias Kläden, Erfurt Februar 2012: Professor Dr. Eberhard Tiefensee, Erfurt Beide bekannten sich zum Kompatibilismus!

82 Klädens Auflösung eines Trilemmas (1) Einige menschliche Handlungen sind frei. (2) Alle menschlichen Handlungen sind letzten Endes determiniert durch dem Handelnden externe und nicht kontrollierbare Ereignisse. (3) Es ist nicht möglich, daß eine freie menschliche Handlung determiniert ist durch dem Handelnden externe und nicht kontrollierbare Ereignisse. Lösung dieses Trilemmas: Satz (3) fallen lassen! Perspektivendualismus im Sinne des Hylemorphismus (Thomas von Aquin) gegen den kartesischen Dualismus.

83 Kläden: Der freie Wille – nur ein frommer Wunsch? Perspektivendualismus Gründe, Zwecke und Intentionen lassen sich auf der neuronalen Ebene nicht beobachten; dennoch sind sie durch neuronale Prozesse realisiert. Auf der Ebene der neuronalen Realisierung eines Willensaktes gibt es nur Ursachen, die unter denselben Umständen immer die gleiche Wirkung hervorbringen; das neuronale Geschehen ist daher durchgängig determiniert. Bereichsweiser Determinismus

84 Tiefensees widersprüchlicher Kompatibilismus Vortrag + Privater Briefwechsel: Determinismus stände Willensfreiheit entgegen, Quantenphysik bilde ein inner- naturwissenschaftliches Gegenargument, trotzdem Bekenntnis zum Kompatibilismus (?). Behauptet Dualismus auf der Linie Platon- Descartes bei Libertarismus, entgegen seiner aristotelisch-thomasianischen Sicht! Er lehne jede Art von nichtkörperlicher Seelenwanderung ab. Es sei jede noch so simple Aussage über die Welt bestenfalls intersubjektiv... nie rein objektiv.

85 Literaturempfehlungen Tiefensees Die von ihm empfohlenen Autoren Peter Bieri und Franz von Kutschera seien Nichttheologen und christentumskritisch. Mit den Worten deshalb noch ein Jesuit zum Schluß: Godehard Brüntrup: Das Leib-Seele-Problem Dieser Autor vertritt an der Hochschule für Philosophie in München (Jesuiten) einen Panpsychismus unter Akzeptanz der Grundannahmen der Whiteheadschen Prozeßtheologie, bei Ablehnung des Kompatibilismus!

86 Eine Kernaussage Brüntrups Ereignisse der niederen materiellen Ebenen: durch sogenannte Protomentalität gekennzeichnet. Die niederen Ereignisse verbänden im Falle der Lebewesen ihre rezeptiven Felder. Dagegen gelte, daß ein Computer..., der ebenso komplex wäre wie das menschliche Gehirn... kein Bewußtsein hätte, also nichts erlebte. Mitarbeiters Dr. Matthias Rugel: Wenn es unten Subjekte gibt, ist es weniger verwunderlich, daß oben auch welche auftauchen.

87 Scheffczyk zur Prozeßtheologie Leo Scheffczyk (der spätere Kardinal) zur Prozeßtheologie nach A. N. Whitehead: Abkehr vom christlichen Schöpfergott! Danach sei die Lehre von einem ursprünglichen, höchst realen, transzendenten Schöpfer, nach dessen Fiat die Welt begann (Whitehead), der Irrglaube aller monotheistischen Religionen. Hier stellen Gott und Welt die Pole eines sie übergreifenden Organismus dar. Das Göttliche ist weder in Gott noch in der Welt gelegen, sondern in einem kreativen Prozeß, in dem sich Gott an der Welt und die Welt an Gott verwirklicht und vollendet.

88 Vergleich mit Teilhard de Chardin Panpsychismus in verschiedenen Spielarten aktuell recht verbreitet, z. B. Dissertation Panpsychismus von Patrick Spät, 2010, Universität Freiburg/Breisgau, Tiefensees Empfehlung als eine zielführende philosophische Konzeption: Modell eines bipolaren Kontinuums, auf dem alle Phänomene eingeordnet werden (u. a. F. v. Kutschera) Vermutung: Latente Glaubensgefährdungen, ähnlich wie beim Teilhardismus! Meine Empfehlung: Diese Fragen aufarbeiten!

89 Kapitel 6 Libertarismus

90 So-oder-anders-Können Keil: Wir finden Willensfreiheit in uns selbst und in unseren Mitmenschen unmittelbar vor. Das So-oder-anders-Können drücke keinen starken Freiheitsbegriff aus, sondern nichts anderes..., als überhaupt handeln zu können. Die Alternative dazu, nämlich die Behauptung, daß wir in jedem Augenblick immer nur etwas naturgesetzlich Vorausbestimmtes tun können, wäre dagegen in der Tat eine starke These.

91 Offene, beeinflußbare Zukunft Grundlegende Aspekte nach Keil: 1. alternative Möglichkeiten 2. Anders-handeln-Können Zu 1.: Wenn es wahr ist, daß jemand anders hätte handeln können, muß auch gelten, daß anderes hätte geschehen können. Vortheoretische Intuition: Das So-oder-anders-Können erfordert eine offene, beeinflußbare Zukunft.

92 Ungehindert Willensbildung und personale Autonomie Nach Schockenhoff verlöre die Rede von der Freiheit ohne die Möglichkeit der ungehinderten (nicht aber: unbeeinflußten) Willensbildung... ihren Sinn. Der stärkste Einwand gegen den Kompatibilismus - Schockenhoff bezieht sich hier auf eine bestimmte Variante - liege darin, daß sie die personale Autonomie des Handelnden nicht zureichend begründen kann.

93 Das Konsequenzargument (P1) Wenn der Determinismus wahr ist, folgen unsere Handlungen aus Naturgesetzen und Ereignissen der fernen Vergangenheit. (P2) Es steht nicht in unserer Macht, die Naturgesetze oder die Ereignisse der fernen Vergangenheit zu ändern. (K) Also stehen auch die kausalen Konsequenzen der Vergangenheit und der Naturgesetze nicht in unserer Macht, unsere eigenen Handlungen eingeschlossen. Peter van Inwagen: Intuition zugunsten des Inkompatibilismus: Konklusion und damit Determinismus falsch! So auch Roderick Chisholm

94 Gründe für Ablehnung des Libertarismus Nach Keil: 1. Argumente der Libertarier differieren untereinander teilweise beträchtlich. 2. Mythen über den Libertarismus, die keineswegs zwingend mit diesem verbunden sein müßten und die dem Libertarier unterstellt werden, um die Absurdität seiner Auffassung zu erweisen.

95 Die Lehre vom unbedingten Willen Die Lehre vom unbedingten Willen hat nach Keil kein libertarischer Philosoph von Rang... jemals vertreten. Freiheit ist keine Freiheit von allen Bedingungen, Handlungen sind nicht grundlos.

96 Geist-Körper-Dualismus Keil: Libertarier müßten keine Geist-Körper-Dualisten sein! Vorwürfe der Libertarismus-Gegner: dualistischer Interaktionismus, der die Energieerhaltungssätze verletze, kausale Eingriffe immaterieller Seelensubstanzen in die Körperwelt Aber: Dualismusproblem ist vielschichtig, (siehe auch den Abschnitt Willensfreiheit und Quantenphysik)

97 Mythos der lokalen Kausallücke Keil interpretiert diesen Mythos wie folgt: Für freie Entscheidungen muß es eine spezielle Art von neuronaler Indeterminiertheit geben, also Determinationslücken in Hirnprozessen, in die der freie Wille hineinstoßen kann. Annahme einer Reihe von Physikern und Philosophen (Pascual Jordan,...), daß der quantenmechanische Indeterminismus die libertarische Freiheit ermöglicht. Mehrheitlich sei allerdings die Auffassung, daß Quantensprünge uns frei machen, mit Hohn und Spott überzogen worden, wobei der Zufallseinwand die zentrale Rolle gespielt hätte.

98 Erwin Schrödinger und Max Planck Erwin Schrödinger, 1936: Wie sollten bloße Zufallsereignisse unsere Freiheit gewährleisten? Wie sollte es der Geist schaffe[n], seine Entscheidungen zeitlich exakt in die minimalen Kausallücken zu plazieren, deren Auftreten schließlich unvorhersehbar ist? Max Planck zur Meinung, man solle die bekannte Unsicherheitsrelation der Quantenmechanik, als eine Durchbrechung des Kausalgesetzes, zur Erklärung der Willensfreiheit heranziehen: Wie sich allerdings die Annahme eines blinden Zufalls mit dem Gefühl der sittlichen Verantwortung zusammenreimen soll, lassen sie dahingestellt.

99 Keils Hauptargument Wer nach einer speziellen Art von Indeterminiertheit bei freien Entscheidungen sucht, scheint allgemein den Determinismus für wahr zu halten. Es muß keine Lücken oder gesetzlose Inseln im Meer der strengen Determination geben, denn schon dieses Meer gibt es nicht.

100 Keils Zugeständnis an Lücken Mythos der lokalen Kausal- oder Determinations- lücken sei tückisch, weil nahe an der Wahrheit. Lücken seien diejenigen möglichen Verläufe, die durch Naturgesetze nicht ausgeschlossen sind. Wenn ich anders gehandelt hätte, als ich tatsächlich gehandelt habe, hätte ich meine Handlungen in eine solche Determinationslücke plaziert. Wenn den Naturgesetzen Genüge getan ist, gibt es nicht noch einmal einen Mechanismus, der Spielräume vernichtet.

101 Mythos des unbewegten Bewegers Keils Interpretation: Nach libertarischer Auffassung können frei wählende Personen Wunder bewirken oder sind erste Beweger, die Kausalketten in Gang setzen. In jedem Falle leugnen Libertarier die kausale Geschlossenheit der Körperwelt beziehungsweise die Geltung physikalischer Erhaltungssätze. Aber Guardini: Person zu sein, angerufen von Gott; von daher fähig, sich selbst zu verantworten und aus innerer Anfangskraft in die Wirklichkeit einzugreifen.

102 Schockenhoffs Verständnis für die Metapher Handeln wir wie unbewegte Beweger? Freie Urheberschaft von Personen Menschliche Handlungen - absichtlich, - spontan, - nicht vorhersehbar. Sogar oftmals als Störungen natürlicher Abläufe, die den Gang der Ereignisse durcheinanderbringen

103 Schockenhoffs Einwände Deutung einer Handlung als ein isolierter Anfang in der Zeit könne sogar ein atomistisches Verständnis begünstigen, das den intentionalen Zusammenhang einzelner Handlungen untereinander übersehe. Verunglückter Gebrauch einer großer Metapher, Denkfehler im Ansatz solcher indeterministischer Handlungstheorien: Tendenz, den Unterschied zwischen göttlichem und menschlichem Handeln aufzuheben

104 Ernst Tugendhats Verwendung der Metapher Die Meinung, daß der Kompatibilismus die Praxis der Vorwürfe und des Tadels nicht verständlich machen könne, ist falsch. Den Einwand müßte man vielmehr gegen den Inkompatibilismus erheben, denn inwiefern soll man einem unbewegten Beweger etwas vorwerfen können? ???

105 Akteurskausalität, Agenskausalität Keil: = eine alternative, nicht deterministische Auffassung der Kausalität, aber allgemeines Kausalprinzip, fälschlich mit dem Determinismusprinzip identifiziert. Roderick Chisholm: Agent Causality nach Kants Idee einer Kausalität aus Freiheit, Daniel von Wachter: Agenskausalität Charlie Broad: Datiertheitseinwand: Akteur als Ursache könne den Zeitpunkt der Handlung nicht erklären (von Keil übernommen) ??? Akteurskausalität sollte nicht als Wirkursache gleichberechtigt und konkurrierend neben naturgesetzlicher Kausalität stehen!

106 Beckermann: Zufallseinwand gegen Akteurskausalität Akteurskausalität sei ein nicht überzeugendes Argument gegen Zufallseinwand Verschiedene freie Entscheidungen im libertarischen Sinne angesichts genau derselben Gründe seien immer rein zufällig und nicht erklärbar, ihre Wahl sei offenbar unbegründet.

107 Keils Gegenargument Nach Keil müsse die Antwort... lauten, daß die Person nicht aus den gleichen Gründen etwas anderes getan hätte. So auch Robert Kane: two-way-rationality Es hätte zum Zeitpunkt des tatsächlichen Handlungsbeginns... noch einmal eine Neubesinnung eingesetzt. Das Anderskönnen sei wesentlich ein Weiterüberlegenkönnen. Das Ersetzen der faktischen Handlung durch das Weiterüberlegen in der anderen möglichen Welt sei nicht irrational!

108 Schockenhoffs Gegenargument Es leite uns die unbezweifelbare Gewißheit, daß wir uns bis zu dem Augenblick, in dem wir uns zum Handeln entschließen, auch anders hätten entscheiden können. Solange die Phase der Handlungsplanung und des Mit-sich-zu-Rate-Gehens andauert, erfahren wir uns als frei, das eine oder das andere zu tun.

109 Alma von Stockhausen Zur Philosophie von Johannes Duns Scotus: Der menschliche Wille wird nicht länger als Naturtendenz verstanden, der zur vernünftigen Verwirklichung der essentiellen Geistnatur drängt. Der vernünftige Wille tritt jetzt als eigene Substanzform der Vernunft gegenüber frei als zweite Dimension von Sein auf, als jener eigentliche Träger der Natur, der darüber entscheidet, wie diese Natur existieren soll. Philosophie des seligen Johannes Duns Scotus erstaunlicherweise schon geeignet, die philoso- phischen Folgen der Quantenphysik klarzustellen.

110 Axel Schmidt: Natur und Geheimnis Thomas und Scotus stimmen darin überein, daß sie den Willen dadurch als frei bestimmen, daß er der Urheber seiner Akte sei. Scotus geht aber einen Schritt über Thomas hinaus, indem er von einer spontanen Selbstbestimmung des Willens spricht, die ihn von allen Naturagentien unterscheidet. Freiheit und Natur werden so als Gegensätze verstanden. Der Freiheit stehen gegensätzliche Alternativen zu Gebote, und zwar in ein und demselben Zeitpunkt. Nur so läßt sich nach Scotus die Kontingenz der Ereignisse denken und der Determinismus vermeiden.

111 Kapitel 7 Die Experimente von Benjamin Libet

112 Kurze Beschreibung der Experimente von Benjamin Libet Untersuchung der zeitlichen Abfolge zwischen einer einfachen willentlichen Handbewegung, dem zugehörigen Willensakt und der begleitenden neuronalen Aktivität. Aktionspotential, das die Bewegung im motorischen Bereich des Gehirns auslöste, setzte im Durchschnitt über mehrere Versuchsreihen bereits 300 ms vor dem Zeitpunkt ein, die der Proband als Willensentscheidung angab Entscheidung = Illusion?

113 Typische darauf gründende Infragestellung des freien Willens Patrick Haggard, Professor für kognitive Neurowissenschaft der Universität London - Noch bleibt in vieler Hinsicht rätselhaft, wie das Gehirn an unserem Handlungsbewußtsein mitwirkt. Jedenfalls stellen die beschriebenen Experimente den klassischen Begriff des freien Willens in Frage. - Wenn zu dem Zeitpunkt, in dem eine Person eine Handlungsintention empfindet, die neuronale motorische Aktivität längst im Gange ist, müssen wir uns fragen, wodurch das Gefühl einer Absicht verursacht wird, auf das wir unseren Glauben an Kontrolle gründen.

114 Friedrich Becks Einwände Methodische Einwände: Falsche Datierung des Willensaktes von Seiten der Versuchspersonen. (Einsetzen des Bereitschaftspotentials von 984 ms vor Beginn der Handbewegung bis sogar kurz danach! Mittelwerte nicht signifikant!) Gehirnströme nur schwach über Rauschen! Einwände gegen die Interpretation: Bestimmung eines Ausführungszeitpunktes für eine bereits vorher festgelegte Handlung! Eigentliche Entscheidung: Teilnahmebereitschaft! Bereitschaftspotential = Voraussetzung für die Einleitung der Handlung!

115 Einwände von Thomas und Brigitte Görnitz Beziehungen zwischen Gehirn und Bewußtsein unter einem kurzzeitigen und außerdem paradoxen Spannungszustand wesentlich anders... als bei einer langfristigen Planung Wenn anstatt vom Gehirn vom Unbewußten gesprochen würde, wäre die Beschreibung zutreffend. In dieser Situation würde natürlich etwas anderes als eine freie Entscheidung gemessen.

116 Einwände von Daniel von Wachter Gedankliches Durcheinander, z. B. keine Unterscheidung von Drang und Handlungsversuch Ist es plausibel anzunehmen, daß wir zwar Handlungsvetos einlegen können, aber keine Handlungen frei initiieren können? Indiz gegen die Willensfreiheit müßte durch die Beobachtung von Gehirnereignissen vor der subjektiven Handlungsentscheidung Handlungen voraussagen können, auch Vetohandlungen!

117 Einwände von Christoph Herrmann Voraussetzung 1: Probanden können den genauen Zeitpunkt eines Willensentschlusses hinreichend exakt und konsistent angeben. Aber: Menschen sind ziemlich schlecht darin..., solche Zeitschätzungen exakt vorzunehmen. Voraussetzung 2: Das gemessene Bereitschafts- potential muß eine spezifische Willkürbewegung anzeigen. Aber: Es wäre zu klären, ob den Probanden trotz des gemessenen Potentials ein Spielraum für verschiedene Handlungen geblieben wäre - wäre dies nur möglich gewesen.

118 Herrmanns modifizierte Experimente 4 verschiedene visuelle Reize im zufälligen Wechsel Zielreiz Rechten Knopf drücken! Sonstige Reize Linken Knopf drücken! Entscheidung für eine jeweils auszuführende Handlung frühestens ab Darbietung des Reizes Ergebnis: Bereitschaftspotential mindestens 1,3 Sekunden, Reizdarbietung im Schnitt aber nur 0,5 Sekunden vor dem Knopfdruck! Das Bereitschaftspotential geht dem entscheidenden Reiz voraus!

119 Interpretation der Herrmannschen Experimente Bereitschaftspotential = allgemeine vorbereitende Reaktion! Die motorische Hirnrinde geht sozusagen an den Start. Die Hirnaktivität ist somit nicht als spezifische Vorbereitung aufzufassen. Generelle Erwartung, die in die eine oder andere Handlung münden kann! Die unbewußt vorbereitende Hirnaktivität läßt noch bestimmte Handlungsmöglichkeiten offen. Fraglos ist immer eine Hirnaktivität für die Vorbereitung einer Handlung notwendig!

120 Kapitel 8 Willensfreiheit und Quantenphysik

121 Apodiktische Ablehnung eines Zusammenhanges Physiker und Redakteur Dr. Michael Springer (Spektrum der Wissenschaften): Tatsächlich hat es immer wieder Versuche gegeben, aus der Quantenphysik die Existenz eines nichtdeterminierten Bewußtseins herzuleiten, etwa von Pascual Jordan, John Eccles oder Roger Penrose. Doch jeder Versuch, dem freien Willen ein Plätzchen in der modernen Physik zu reservieren, muß mißlingen. Die Heisenbergsche Unschärfe läßt dem subjektiven Faktor nicht mehr Spielraum als der Laplacesche Dämon.

122 Geert Keil über Robert Kane Kane als bekannter Libertarier leugnet nicht, daß Handlungen und Entscheidungen Ursachen haben, nur hätten sei keine deterministischen Ursachen. Keil zustimmend: Unterscheidung von Kausalprinzip und Determinismusprinzip für inkompatibilistische Freiheitsauffassungen von großer Bedeutung. Mit einer nichtdeterministisch verstandenen Ereigniskausalität kann der Libertarier bestens leben.

123 Ansgar Beckermann über Robert Kane 1 Anerkennend: Äußerst interessante Variante des Inkompatibilismus bzw. Libertarianismus! Freiheit im Sinne von Letztverantwortlichkeit ist in seinen Augen nur dann eine akzeptable Idee, wenn sie sich vollständig im Rahmen eines naturalistischen Weltbildes ausbuchstabieren läßt.

124 Ansgar Beckermann über Robert Kane 2 Darlegend: Kanes Argumentation beruht auf der Annahme, daß es sich bei den Entscheidungs- prozessen, die zu freien Entscheidungen führen, tatsächlich um für Quantenereignisse sensitive chaotische, also um makroskopisch nicht determinierte neuronale Prozesse handelt. Kane hält es angesichts des gegenwärtigen Forschungsstandes aber für wahrscheinlich, daß die Neurobiologie die besagten Prozesse finden wird (...). Doch die endgültige Beantwortung der Existenzfrage bleibt den Naturwissenschaften überlassen.

125 Ansgar Beckermann über Robert Kane 3 Ablehnend: Der Handelnde bewertet die Gründe für A höher, wenn das Radiumatom in einem bestimmten Zeitraum zerfällt, und er bewertet die Gründe für B höher, wenn das Atom in diesem Zeitraum nicht zerfällt. So gesehen, scheint die Entscheidung aber doch zufällig, irrational und unverständlich zu sein. Ja, sie scheint nicht einmal vom Handelnden, sondern nur vom zentralen Quantenereignis abzuhängen. = Zufallseinwand! Daß dieser Wunsch [die letzte Quelle und der Ursprung unserer eigenen Ziele und Absichten zu sein] überhaupt kohärent ist, kann aber mit guten Gründen bezweifelt werden.

126 Bewertung der Kritik Beckermanns Wir werden später sehen, daß Beckermann die physikalischen Vorgänge hier extrem primitiv darstellt und das Problem damit derart banalisiert, daß die philosophische Frage gar nicht mehr wirklich in den Blick kommt!

127 Hanko Uphoff Die Ergebnisse der Quantenphysik lassen sich wahrscheinlich nicht direkt und eins zu eins auf die Hirnforschung übertragen. Aber ein wenig Einblick in dort auftretende Phänomene läßt immerhin die Möglichkeit aufscheinen, daß die Freiheit doch ihr volles Recht haben könnte, während mit den der Betrachtung der Hirnprozesse zugrunde liegenden Prämissen vielleicht etwas nicht stimmt.

128 Bisherige Positionen: physiologisch und physikalisch unkonkret Autoren stellen nur Vermutungen an auf Grund allgemeiner physikalischer Erscheinungen, deren Vorkommen im Gehirn sie für möglich oder wahrscheinlich halten. So reichen für ein physikalisches System im Zustand der Instabilität kleinste Kräfte bzw. Energien aus, um das System in den einen oder anderen stabilen Zustand zu überführen, gegebenenfalls sogar in der extrem geringen Größenordnung der mikrophysikalischen Quantenereignisse, evtl. im Zusammenspiel mit Chaosfähigkeit.

129 Gegenargument: Wegmitteln durch thermisches Rauschen Bernulf Kanitscheider, bekannter Naturalist, Giordano-Bruno-Stiftung: "Ich bin überzeugt, daß die Quantenphysik zur Lösung des Problems der Freiheit nichts beitragen kann. Handelnde Menschen sind makroskopische Systeme, Willensentscheidungen werden im limbischen System gefällt. Das besteht zwar auf der Mikroebene aus Quarks und Gluonen, aber die Quanteneffekte mitteln sich schon auf der molekularen Ebene durch thermisches Rauschen völlig weg. Das Gehirn ist ein klassisches System, das dem klassischen Determinismus unterworfen ist."

130 Das Beck-Eccles-Modell Physiologe Nobelpreisträger John C. Eccles Quantenphysiker Friedrich Beck Publikationen seit 1992 Paderborner Wochenendtagungen 2007, : Zusammenfassende Darstellung von Professor Friedrich Beck (+2008)

131 Grundsätzliches zur Quantenphysik Einzelereignis in der Quantenmechanik nicht vorhersagbar Quantenprozesse qualifizieren sich als steuernde Elemente der Gehirnprozesse für ein Verständnis der nicht determinierten Bewußtseinsakte. Die Interpretation der Quantendynamik als Abfolge von Einzelereignissen erzeuge auf natürliche Weise den Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft:... Die Zukunft ist unbekannt (da die berechneten Ereignisse nur Potentialität besitzen). Welt komplexer Objekte (Gehirn): Nicht wieder- holbare Anfangszustände Einzelereignisse

132 Selbstsicht der Autoren Auf der Basis der gegenwärtigen Kenntnis der Struktur des Kortex (Hirnrinde) und der synaptischen Regelung von Nervenimpulsen im Gehirn: Realistische Hypothese für die Implementierung von Quantenprozessen in die Dynamik der Gehirnfunktion

133 Ein kurzer Einblick in das Modell 1 Theorie der neuronalen Netze: Analyse der Zusammenarbeit der Neuronen im Gehirn, neuronales Netz operiert nahe der Instabilität, Kontrolle (Schalten) benötigt stabilen Regulator, der geordnete raum-zeitliche Muster in der aktiven kortikalen Umgebung erzeugt, dadurch ist neuronale Aktivität in Prozessen der Wahrnehmung oder des intendierten Handelns charakterisiert! Als diese Regulatoren sind nun die sogenannten Synapsen, die in allen Verbindungswegen zwischen den Neuronen eingeflochten sind, qualifiziert, die das Weiterleiten eines Nervenimpulses bestimmen.

134 Ein kurzer Einblick in das Modell 2 Synaptische Exocytose ermöglicht Regelfunktion der Synapsen = Entleeren des Inhalts der sogenannten Vesikeln (Bläschen) in den synaptischen Spalt, Entleeren erfolgt ganz oder gar nicht Zwei-Zustands-Schalter, Alles-oder-Nichts-Prozeß, binäre Schaltstellen zwischen den Neuronen - Modell beruht auf quantenmechanischem Tunneln im Elektronentransfer Überwindung eines Potentialwalls (Durchtunneln), synaptischer Quantenschalter Mikrophysikalische Quantenereignisse im Gehirn können makroskopische Wirkungen haben!

135 Zwei Zeitskalen Zwei Zeitskalen: (i) die makroskopische oder zelluläre Dynamik mit Zeitskalen im Milli- bis hinab zum Nanosekunden- Bereich, (ii) die mikroskopische, oder Quanten-Dynamik mit Zeitskalen im Pico- bis Femto-Sekunden-Bereich. Untersuchung der Quantenprozesse entkoppelt vom neuronalen Netz möglich! Ultra-Kurzzeit-Spektroskopie wird experimentelle Hirnforschung einmal zur Berücksichtigung der Quantenprozesse zwingen.

136 Zur Schaltwahrscheinlichkeit einer Synapse Winfried Schmidt: Rettet die Quantenphysik die Freiheit? Friedrich Beck hat die Ideen von Eccles erst physikalisch hoffähig gemacht. Vom physikalischen Gesamtzustand des jeweils betrachteten Systems wird nur die Wahrscheinlichkeit für die möglichen Alternativen (Zerfall/kein Zerfall, Exocytose/keine Exocytose) festgelegt, nicht aber das, was tatsächlich geschieht. Neuronale Muster lassen sich um so leichter wiederherstellen, je öfter sie angeregt worden sind.

137 Zufall und Kontingenz Kontingenz = das kontradiktorische Gegenteil der Naturnotwendigkeit 2 Klassen von Zufällen - scheinbare Zufälle prinzipiell vorhersehbar (wenn auch real praktisch nicht), - kontingente Ereignisse = echte Zufälle, prinzipiell auf keine Naturnotwendigkeit zurückführbar, wie z. B. der sogenannte quantenmechanische Zufall

138 Beeinflussen Gedanken die Schaltwahrscheinlichkeit? Beck: Bewußte Absichten wirken indirekt, indem sie die Wahrscheinlichkeit für die synaptische Exocytose erhöhen oder erniedrigen. Natürlich Gedanken können nur an extrem instabilen Zuständen von Gehirnteilen einwirken. (Größenordnung eines Energiequants) Von-außen-Einwirken von Gedanken als etwas Geistigem auf die Materie ??

139 Dualismus und Dualität W. Schmidt: Ließen sich die Wahrscheinlichkeiten widergesetzlich verändern, fiele man in eben das Descartsche Dilemma zurück, von dem uns die Quantenphysik gerade befreit hat. Beck (mündlich): Auch er glaube nicht an eine Beeinflussung der Wahrscheinlichkeiten durch den Geist des Menschen! Ohne den Bohrschen Begriff Komplementarität könne man den Unterschied von (Descartschen) Dualismus und Dualität nicht verstehen.

140 Zur Vermeidung eines Dualismus: Geist sei biologisches Phänomen Antonio Damasio, geb. 1944, Uni South Corolina: Es scheint sicher, daß sich bis 2050 so viel Wissen über biologische Phänomene ansammeln wird, daß die überkommenen dualistischen Trennungen von Körper und Gehirn, Körper und Seele, Gehirn und Geist verschwinden werden. Indem wir das Bewußtsein auf einer tiefer liegenden Ebene verstehen, werden wir in ihm das komplexeste biologische Phänomen überhaupt sehen und nicht eine undurchschaubares Mysterium.

141 Zurückweisung des Dualismusvorwurfes durch W. Schmidt Ablehnung von dualistischem Denken allein aufgrund naturwissenschaftlicher Überlegungen ist unsinnig; vermeintliche Sicherheit, die Welt der physikalischen Objekte sei kausal geschlossen; physikalische Wirkungen könnten nur durch die physikalischen Objekte selbst verursacht werden; behauptete Isolation zwischen beiden Ebenen = Verursachungsproblem (nach Singer), Aber: materielle Welt nicht kausal geschlossen, Beck-Eccles Konzeption besitzt duale Züge, gerade weil sie diese Erklärungslücke mit einschließt, kein Verursachungsproblem

142 Deterministisch bestimmte Wahrscheinlichkeiten W. Schmidt: Gegen jede prozeßhaft gedachte Vorstellung, wie geistige Intentionen sich materiell manifestieren Unsere These: 1. Exocytose-Wahrscheinlichkeiten durch Gedanken nicht veränderbar; 2. Wirkung der Gedanken prinzipiell überhaupt nicht durch Veränderungen irgendwelcher statistischer Kenngrößen detektierbar; 3. Wahrscheinlichkeitsgesetze haben für quantenphysikalische Vorgänge den Charakter von Naturgesetzen.

143 Rätselhaftigkeit des dualen Verhaltens in der Physik und beim Leib-Seele-Problem W. Schmidt: Niemand versteht wirklich, warum man einerseits nicht sagen kann, wann ein bestimmtes Uranatom zerfällt, und andererseits am Ende doch das Zerfallsgesetz herauskommt...., es genügt zu zeigen, daß jede geistige Intention dann in (materielle) Wirklichkeit umsetzbar ist, wenn dadurch kein Konflikt mit der naturgesetzlichen Vorgabe erzeugt wird. Phänomene des Geistigen...nicht erklärbar! Sie sind schlichte Wirklichkeit, die sich mit unserem Wissen um die Naturgesetze verträgt.

144 Indeterminismus als negativer Teil der Freiheitslehre G. Keil: Indeterminismus hat nicht die Aufgabe, die Freiheit verständlich zu machen! Die physische Welt darf nicht so sein, daß die Ausübung dieses Vermögens unmöglich wäre. Dafür ist der negative Teil einer Freiheitslehre zuständig, nämlich der Indeterminismus. Indeterminismus nur für Nihil obstat zuständig! Positive Erläuterung müßte dagegen ein echtes Vermögen beschreiben.

145 Noch einmal: Zufallseinwand Henrik Walter, geb. 1962, Charité Berlin, Hirnforscher und Philosoph: Wenn es einen absoluten freien Willen gäbe, dann ginge das nur, wenn die Welt an Punkten der Entscheidungen indeterminiert wäre. Aber – und hier kommt das schlagende Argument – damit gewinnen wir gar nichts. Das Einzige, was wir dazugewinnen, ist, daß unsere Handlungen dann zufällig sind. Wir wollen nicht, daß eine Entscheidung vom Stolpern eines Atoms im Gehirn abhängt, sondern allein von unseren Motiven.

146 Ausgezeichnete Antwort auf den Zufallseinwand W. Schmidt (aus privatem -Brief): So würde ich umgekehrt (negativ) schließen, daß es bei Wahrung aller mathematischen Gesetze der Wahrscheinlichkeitstheorie keinen Grund gibt, eine synchrone intentionale causa geistiger Herkunft auszuschließen. Das dürfte eine der besten Antworten auf den Zufallseinwand sein!

147 Weiter zum Zufallseinwand Zufall muß nicht teleologisch blind sein! Duns Scotus: Auf naturhafte Weise tätig und auf freie Weise tätig sein, sind die ersten Differenzen eines kausalen Prinzips. Die zweite genannte Kausalitätsform verläßt natürlich den Rahmen, in dem Naturwissen- schaftler urteilen können. "Stellt man den Kontingenzaspekt einer quantenmechanischen Alternative heraus, also daß sie im selben Augenblick so oder anders ausfallen kann, wird sie zu einem geeigneten passiven Pendant einer Freiheit, die als aktives Prinzip zwischen Alternativen wählen kann, und zwar ebenfalls synchron im selben Augenblick."

148 Übertragbarkeit auf das Handeln Gottes Beim Zufallsargument wird der Zufall gemäß der naturwissenschaftlichen Methodik als "blind" angenommen, diese "Blindheit" aber weltanschaulich verallgemeinert. Damit ist diese Frage verwandt mit der Frage, ob Gott auch vom Zufall überrascht wird, wie es, das Gottesbild völlig entstellend, schon behauptet wurde. Andererseits gibt es etliche Autoren, die aus theologischer Sicht im Einklang mit dem christlichen Gottesbild Gott als den Herren auch über den Zufall verkünden.

149 Klaus von Stosch zum Handeln Gottes über Quantenereignisse Kann Wirken auf mikrophysikalischer Ebene makrophysikalische Effekte nach sich ziehen?...eines der Hauptprobleme für eine Fruchtbarmachung der Quantentheorie für die Rede von Gottes Handeln in der Welt Aber Argumentationen - für Möglichkeit von Interventionen Gottes auf mikrophysikalischer Ebene, - für Möglichkeit einer ontischen Offenheit des Universums, - für Freiräume für ein Handeln aus Freiheit, - gegen das Lückenbüßerargument!

150 Kein Anzeichen eines Dirigenten im Gehirn W. Schmidt: Freiheit kann als aktives Prinzip zwischen Alternativen wählen..., und zwar... synchron im selben Augenblick. Singers Vorwurf: Fehlen eines Dirigenten im Ecclesschen Sinne Aber: Dirigenten nicht in naturwissenschaft- lichen Begrifflichkeiten vorstellen! Prinzipielle Grenze des Wissen-Könnens! Fehlender Dirigent im Gehirn = geradezu eine Bestätigung des Freiheitsgedankens, und nicht, wie manche glauben machen, seine Gefährdung.

151 Kein inneres Auge im Gehirn Wolf Singer: deswegen sei die Vorstellung von der menschlichen Freiheit lediglich ein kulturelles Konstrukt. Aber: Es sollte hier die argumentative Bedeutung der Nichtexistenz dieses inneren Auges für eine rein materialistische Erklärung des menschlichen Selbstbewußtseins, des Personzentrums, des Ichs als Epiphänomen des Gehirns bezweifelt werden, darf man doch vermuten, daß diese Hirnforscher im umgekehrten Falle die Existenz eines solchen materiellen Zentrums erst recht nicht als Argument gegen diese materialistische Interpretation anerkannt haben würden.

152 Geert Keil gegen das Zufallsargument Problematisch am Zufallseinwand sei hier, so Keil, u. a. der Schluß von nicht determiniert auf bloßes Produkt des Zufalls. Diese Alternative übersähe die Widerfahrniskomponente des Handelns. Die Welt muß allgemein etwas hinzutun, damit unsere Handlungen gelingen; dieser Handlungserfolg stößt uns zu. Unser Handlungserfolg wird uns mit Recht zugerechnet, denn genau den haben wir angestrebt und befördert.

153 Dynamische Schichtenstruktur nach Görnitz

154 Zur Erklärung der Schichtenstruktur Über längere Zeitabschnitte kann deterministisch-klassische Beschreibung ausreichend sein. Aber: Instabilitätspunkte, wie z.B. Bifurkationen, in denen auf die Genauigkeit einer Quantenbeschreibung nicht mehr verzichtet werden kann und in denen Quanteneinflüsse makroskopisch sichtbar werden = entscheidender Gesichtspunkt für ein Erklären von Lebewesen. Steuerung durch Quanteninformation -> Quanteneffekte können ins Makroskopische wirken.

155 Baumstruktur nach Friedrich Beck Für das Einzelereignis – und die Quantenmechanik ist, wie schon gesagt, eine Theorie für das Einzelereignis – sind nur die Wahrscheinlichkeiten bestimmt, und das Ergebnis der Zustandsreduktion ist völlig unvorhersagbar. Heisenbergsche Unschärferelation läßt es nicht zu, die für eine vollständig deterministische Beschreibung im klassischen Sinn notwendigen Anfangsbedingungen festzulegen. Die Zukunft in der Quantenmechanik hat keine Weltlinienstruktur, sondern eine Baumstruktur, wobei die Verzweigungen durch Wahrscheinlichkeitsamplituden bestimmt werden!

156 Bedeutung der dynamischen Schichtenstruktur für den freien Willen Nur determinierte oder nur zufällige Ereignisse? Die Schichtenstruktur zeigt, daß beide Annahmen für sich allein genommen unrichtig sind und daß sie stattdessen in einer gegenseitigen Ergänzung und damit Relativierung zutreffen. Freie Entscheidungen sind demnach möglich, wären sie darüber hinaus auch notwendig, wären sie nicht frei. Resultat der Abwägung von Gründen: Meßanfrage -> nur enge Auswahl der Quantenzustände

157 Beckermanns durch Beck und Eccles widerlegte Gegenargumente Ausglätten des Quantenzufalls, so daß das Verhalten der Dinge in der makrophysikalischen Welt im wesentlichen deterministisch sei. Zufällige Abweichungen von diesem deterministi- schen Verhalten seien äußerst unwahrscheinlich. Es wäre die Frage, ob die Wirkungen, die ein Akteur auf diese Weise hervorbringen kann, tatsächlich ausreichen, um makroskopische Phänomene wie die Bewegung einer Hand zustande zu bringen. Akteurskausale Eingriffe auf dieser Ebene müßten aber... Wahrscheinlichkeiten verändern, dafür gäbe es keinerlei empirische Belege.

158 Kapitel 9 Teleologie

159 Zusammenhang zwischen Zielen und Willensfreiheit Ansgar Beckermann sprach von unserem Wunsche, die letzte Quelle und der Ursprung unserer eigenen Ziele und Absichten zu sein. Francis Crick: Willensfreiheit und Ziele = Verhalten einer riesigen Ansammlung von N Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen. Alma von Stockhausen: Der Wille ist in sich selbst vernünftig. Er will aus eigener Spontaneität, bestimmt sich selbst zum Akt und kann so in Freiheit dem Intellekt entsprechen.

160 Schockenhoffs Verweis auf Aristoteles und Thomas Schockenhoff im Zusammenhang mit Willensfreiheit: Die Aristotelisch-thomanische Handlungstheorie verfüge über einen differenzierten Begriff des Ursacheseins, der breiter aufgefächert sei, als das neuzeitliche Verständnis der Wirkursächlichkeit. Die Bestimmbarkeit durch Gründe sei darin als die erste, vom Ziel her konzipierte Herbeiführung gedacht, die das intentionale Vollziehen von Handlungen im Gegensatz zur Verursachung von Wirkungen charakterisiert.

161 Akteurskausalität und Wirkursache Schockenhoffs Warnung: Begriff der Akteurskausalität bleibe innerhalb des Schemas der Wirkursächlichkeit selbst angesiedelt. Spaemann/Löw: Die Zweckursache hat den Primat in der aristotelischen Lehre von den Ursachen.... Zweckursache ist der Aspekt, unter welchem kausalmechanische Prozesse organisiert und natürliche Formen hervorgebracht werden. Bei Organismen ginge es entsprechend nicht um eine Infragestellung der einzelnen kausalen Abläufe, sondern um ihre spezifische Koordination.

162 Zusammenhang Zielursache - Willensfreiheit Gemeinsamkeit: Beide konkurrieren nicht mit Wirkursachen. Analogie: Wirkursachen – Determinismus Synergie-Effekte der Argumentationen nutzen! Beispiel: Ziel der Leibnizschen Monadentheorie: Lösung des Widerspruchs zwischen Teleologie und Wirkkausalität, ähnlich: Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determinismus

163 Willensfreiheit im Lichte von Georg Siegmunds Schichtung des Seins Heutiger Kausalmonismus: Keine akausalen Determinanten, vor allem aber keine Finalursachen mehr anerkannt. Höhere, überlagerte Schicht ergäbe sich aber nicht als bloße Komplexion der niederen Schicht, sondern besäße ihre eigene Gesetzmäßigkeit, erfordere mithin auch eigene Erklärungswege. Mit einem Forscher, der sich grundsätzlich weigere, die höhere Schicht zu betreten, hätte es keinen Sinn...zu streiten. Die neue überlagernde Determinationsform stelle die elementare in ihren Dienst. Unmittelbar auf Willensfreiheit übertragbar!

164 Spielraum infolge quantenphysikalischer Indeterminiertheit Unter Berufung auf den Theoretischen Physiker Walter Heitler (1904 – 1981) schreibt Siegmund: Mit dem Nachweis einer gewissen Indeterminiertheit im Mikrophysikalischen ist noch nicht der Kausalsatz - nicht zu verwechseln mit dem Kausalitätsprinzip der älteren Physik! - geleugnet, wohl aber ein offener Spielraum aufgewiesen, an dem eine neue Determinierungsschicht ansetzen kann.

165 Georg Siegmund zum Selbststand des untersten Seins Schon das unterste Sein muß vom Seinsgrund wirklich frei-gelassen sein, einen Selbststand besitzen, sonst wäre es keine echte Wirklichkeit. mehrdeutige Situationen Für diese anfängliche Freiheit solle man den Begriff Freiheit nur soweit gelten lassen, als es der Tatbestand der Unbestimmtheit atomaren Geschehens erfordert. Aber: Ansatzpunkt für Überformung durch eine neue höhere Determination! Entelechie löst aus materieller Mehrmöglichkeit die ihr entsprechenden Möglichkeiten aus.

166 Echte Selbstentscheidung des Menschen, keine Illusion Die Welt ist ein Stufenbau von Wesen, deren Selbst-Stand, deren Wirklichkeit und damit - Hand in Hand - deren Freiheit von Stufe zu Stufe zunimmt, bis sie im Menschen den Grad echter Selbstentscheidung erreicht. Wird der Mensch restlos deterministisch gedacht, dann wird er damit entwirklicht. Letzten Endes ist er dann eben kein Eigenwesen mit Selbststand mehr, sondern nur noch eine Illusion oder die Idee einer Natur, die ihn denkt.

167 Keine Nähe zur Protomentalität des Panpsychismus Diese Freiheit im Sinne Siegmunds hat nichts zu tun mit der Protomentalität des Panpsychismus nach Brüntrup und anderen! Übertragbarkeit seiner Argumentation gegen den Psychovitalismus auf den Panpsychismus Das in der Natur sichtbare überlegene Vernunftgesetz ist nicht rein naturimmanent, also monistisch zu erklären! Schöpferkraft der Natur gehört nicht zu ihrer eigenen Wesenheit; zwei verschiedene Seinsschichten haben aufeinander Einfluß.

168 Pawlows Reflextheorie gegen personalen Charakter menschlicher Ziele Gegen Versuche, den Instinkt- durch den Reflexbegriff zu ersetzen! Reflektorische Vorgänge: Kausale Zuordnung von Reiz und Reaktion. Sie ließen sich in das allgemeine Schema der mechanistischen Kausalität einordnen..., während der Instinktbegriff als sinnvolle zweckmäßige Handlung eines Lebewesens ohne finale Kategorie nicht auszukommen schien. Lenin hätte mit sicherem Gespür in Pawlows Reflexologie das technische Mittel zur Verwirklichung seiner Pläne gewittert.

169 Einige historische Fakten zu Pawlow Ametaphysisches Denken Pawlows: Ziel: Alles höhere Seelenleben in elementare Reflextätigkeit aufzulösen und eine völlig monistische Einheit von Leib und Seele behaupten zu können. Kampf gegen Dualisten und Animisten, z. B. gegen den englischen Physiologen und Agnostiker Charles Scott Sherrington: Nobelpreis 1932, Lehrer von John Eccles


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