AUSWIRKUNGEN VON TRAUMATISCHEM UND CHRONISCHEM STRESS AUF FLÜCHTLINGSKINDER UND KINDER AUS ETHNISCHEN MINDERHEITEN Dr. William New Professor für Erziehungswissenschaften.

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 Präsentation transkript:

AUSWIRKUNGEN VON TRAUMATISCHEM UND CHRONISCHEM STRESS AUF FLÜCHTLINGSKINDER UND KINDER AUS ETHNISCHEN MINDERHEITEN Dr. William New Professor für Erziehungswissenschaften und Jugendforschung Beloit College, Beloit, WI (USA) ANE, Berlin, 8. März 2016

Ein geisteswissenschaftlicher Ansatz: Verstehen (durch Handeln) Die Geisteswissenschaften verbinden das Wissen vieler Fachrichtungen mit praktischen alltäglichen Erfahrungen Ich betreibe sogenannte kollaborative Aktionsforschung: Hierbei arbeite ich mit meinen Studenten, mit Praktikern (wie Ihnen) und auch (aber nicht nur) mit Kindern und Familien zusammen mit dem Ziel, voneinander zu lernen und positiven Wandel zu bewirken. Den größten Wert haben Einsichten und Erkenntnisse, die durch Respekt, Offenheit und Offenherzigkeit entstehen. Studenten, die ein geisteswissenschaftliches Studium abgeschlossen haben, schlagen üblicherweise keinen gradlinigen Karrierepfad ein, sondern sind darauf bedacht, Probleme zu lösen und gute Entscheidungen zu treffen. Meine geisteswissenschaftlichen Erfahrungen als Student und Dozent umfassen folgende Bereiche: Kenntnisse in Psychologie, Pädagogik, Geschichte und Anthropologie Erfahrungen als Lehrkraft, Therapeut und Wissenschaftler Vielfältige Erfahrungen mit und Kenntnisse über gefährdete Jugendliche und Jugendliche aus ethnischen Minderheiten - weltweit

Atem, Stress und Autoregulation Indem wir achtsam unseren Atem beobachten, beginnen wir, die psychologischen und neuropsychologischen Prozesse zu begreifen, die Autoregulation, Stress und Trauma zugrunde liegen. Der Atem, bewusst oder unbewusst, ist ein äußerliches Zeichen für die Tätigkeit unseres Gehirns, das uns hier - aktiv und relativ ruhig - beisammen sitzen lässt. Mit Stress bezeichnen wir das, was extern oder intern dieses Gleichgewicht stört; jedwede Veränderung also, die unsere Aufmerksamkeit erfordert. Stress ist weder gut noch schlecht; Stress ist ein Lebenszeichen. Lazarus definiert psychologischen Stress als “eine besondere Beziehung zwischen einer Person und ihrer Umwelt, die von der Person als anstrengend oder überstrapaziös und gefährlich für das eigene Wohlbefinden eingeschätzt wird.” Einige Situationen, wie ein durch die Tür rennender Tiger, sind per se belastend. Die “Stresslastigkeit” der meisten Ereignisse hängt jedoch davon ab, wie wir diese bewerten und ob wir sie als bedrohlich einstufen. Die Neurophysiologie des Stresses hat sich beim Menschen und anderen Arten in einer Welt ernsthafter externer Bedrohungen herausgebildet, wobei diejenigen im Vorteil waren, die am schnellsten und wirksamsten reagierten.

Wie Stress funktioniert, 1 Vor dem Hintergrund des komplexen Netzes von Systemen, die Stressreaktivität ausmachen, kommt es auf die Fähigkeit einer Person an, gute “unbewusste” Entscheidungen dahingehend zu treffen, was gefährlich ist und was nicht. Vermeintliche Bedrohungen können von außen und von innen kommen, wie auch Gedanken, Ängste und Wünsche. Wenn wir uns bedroht fühlen, sendet das Mittelhirn einen Alarm aus und seine angegliederten Strukturen ‘bewerten”, ob die Bedrohung real ist. Wenn die Bedrohung als ungefährlich eingestuft wird, wird entweder gar keine Reaktion ausgelöst oder diese schnell wieder gestoppt. Scheint es sich jedoch um eine reale Bedrohung zu handeln, aktivieren die Mittelhirnstrukturen den Sympathikus des vegetativen Nervensystems. Hierbei werden Hormone wie Adrenalin ausgeschüttet, was zu einem plötzlichen Blutdruckanstieg und Sinneserregung führt. Im Falle einer realen Bedrohung kann einem diese Übererregung das Leben retten, wie die Geschichte der Arten vielfach gezeigt hat.

Wie Stress funktioniert, 2 Wenn die Bedrohung vorbei ist, verlangsamt der Parasympathikus des vegetativen Nervensystems das Herz, schüttet opioidartige Hormone und Neurotransmitter aus, um den Schmerz zu lindern, Ruhe wiederherzustellen und zur Homöostase zurückzukehren. Werden wir jedoch durch Bedrohungen aufgerüttelt, die nicht real sind und weder Kampf noch Flucht erfordern, findet dieser Beruhigungsprozess zur Wiederherstellung des Gleichgewichts oft nicht statt, was zu chronischer Übererregung und zahlreichen psychologischen und psychischen Problemen führen kann. Wir verinnerlichen die Stressreaktion, versetzen uns in einen Zustand permanenter Erregung, was zu Schlafproblemen, Entzündungen, Spannungen und nicht-adaptiven Bewältigungsmechanismen, wie Überarbeitung oder Drogen- und Alkoholmissbrauch, führt. Manchmal versagt das gesamte System und wir kommen mit der Situation nicht mehr zurecht: Nervenzusammenbrüche, Erschöpfung, Abhängigkeit, Herzinfarkt und andere Krankheiten, für die wir möglicherweise eine genetische Veranlagung haben, sind die Folge.

Stress und das (dreieinige) dreiteilige Hirn

Trauma: Jenseits der Grenzen von Coping und Resilienz Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD): ‘Traumatische Erfahrungen, wie Ereignisse, bei denen man tatsächlichen oder drohenden Tod, körperliche Verletzungen oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit erfahren oder beobachtet hat, und die zu panischer Angst, Entsetzen oder Hilflosigkeit führen.’ ‘Ein Trauma bewirkt eine grundlegende Umstrukturierung der Art und Weise, wie unser Geist und unser Gehirn mit Wahrnehmungen umgehen. Es verändert nicht nur, wie wir denken und woran wir denken, sondern auch die Denkfähigkeit selbst. Wir haben herausgefunden, dass es ungemein wichtig ist, Traumaopfern dabei zu helfen, ihre Erfahrungen in Worte zu fassen; meistens reicht dies jedoch nicht aus. Das Reden über die eigene Geschichte verändert nicht notwendigerweise die automatischen körperlichen und hormonellen Reaktionen des Körpers, der überwachsam bleibt und darauf vorbereitet ist, jederzeit angegriffen oder verletzt zu werden. Um zu einer wirklichen Veränderung zu kommen, muss der Körper begreifen, dass die Gefahr vorüber ist, und muss lernen, in der Gegenwart zu leben.’ -- Bessel van der Kolk ( )

Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD) Die psychiatrische Gemeinschaft hat PTSD 1980 offiziell als Angststörung anerkannt (DSM 1). Es gibt jedoch große Kontroversen in Bezug auf die Diagnose und Medikalisierung dieser Krankheit. Die neueste Fassung der DSM 5 beinhaltet vier Hauptsymptome: Intrusionssymptome: wiederholte unwillkürliche und aufdrängende Erinnerungen (kann durch Spiele nachgestellt werden), dissoziative Reaktionen, Flashbacks, Alpträume, Verzweiflung Anhaltende Vermeidung von Reizen (Orte, Menschen, Gegenstände, Sprache), die mit dem Trauma verbunden sind Negative Kognitions- und Stimmungsveränderungen: Unfähigkeit, sich an traumatische(s) Ereignis(se) zu erinnern; negative Einstellung zu sich selbst und der Welt; eigene oder externe Schuldzuweisung; Betäubung, Entfremdung, Desinteresse, anhaltende negative Gefühle Veränderungen bezüglich Erregung und Reaktivität: Reizbarkeit, Aggression, selbstzerstörerisches Verhalten, Hypervigilanz, leichte Erregbarkeit, Aufmerksamkeitsprobleme, Schlaflosigkeit DSM 5 enthält einen PTSD-Subtyp für Kinder unter 6 Jahren, obgleich sich dieser nicht sehr von der Diagnose bei einem Erwachsenen unterscheidet.

(Komplexe) Entwicklungstraumastörungen (DTD) Neben Elementen von PTSD beinhalten DTD ‘weitere überwältigende Kindheitserfahrungen, die oft innerhalb der Bindungsbeziehung auftreten, wie Vernachlässigung, psychologische Misshandlung, Trennungen und gestörte Fürsorgesysteme.’ Frühe und anhaltende Traumata haben die schwerwiegendsten Folgen. Die Entwicklung unseres Gehirns ist nutzungsabhängig: Bestimmte Veränderungen passieren im Gehirn als Reaktion auf wiederholte Vorgaben oder Muster. Während Verbindungen, die immer wieder genutzt werden, gestärkt werden, verdorren jene, die nicht genutzt werden. DTD gehen mit bedeutsamen Störungen des normalen neurologischen Entwicklungsprozesses einher. Diese haben Auswirkungen auf die innerpersönliche, zwischenmenschliche und regulatorische Funktionsfähigkeit - von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Intergenerationelle Traumata, die genetische Eigenschaften über Generationen hinweg ausbilden können, können auftreten, wenn die Erziehungskompetenzen eines Elternteils, das unter PTSD oder DTD leidet, die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Studien zum Thema ‚Negative Kindheitserfahrungen‘ (Adverse Childhood Experiences, ACE) haben gezeigt, dass es eine hohe Inzidenz langfristiger, extrem negativer Auswirkungen auf die Gesundheit und das Verhalten derjenigen gibt, die ein Trauma sowie chronischen Stress in frühester Kindheit erfahren haben.

Negative Kindheitserfahrungen (ACE) Studien

Wenn man sich auf die Eltern nicht verlassen kann: Bindungsprobleme Eine sichere, frühkindliche Bindung zeichnet sich dadurch aus, dass sich Bezugsperson und Kind aufeinander einstimmen, sodass auf Kummer zum Beispiel mit Trösten und Fürsorge reagiert wird. Das fördert die Entwicklung der Fähigkeit des Kleinkinds, sich selbst zu steuern und zu trösten - wohlwissend, dass ein Elternteil da ist. Eine ‘ausreichend gute’ Bezugsperson ist entscheidend dafür, dass das Gehirn mit Stress umgehen und selbstreferenzielle Systeme entwickeln kann: Bewusstsein für Gefühle und körperliche Empfindungen. Sind die Eltern nicht verfügbar oder stimmen sich mit ihren Kindern nicht aufeinander ein, sind gestörte Beziehungsmuster, Aggression oder Rückzug, Abgrenzung und abnormale neurologische Entwicklungen, d.h. Entwicklungstraumata, die Folge. Eltern, die unter PTSD leiden, können sich selbst weder steuern, noch können sie fühlen, was sie empfinden. Außerdem sind sie nicht in der Lage, auf externe Reize zuverlässig zu reagieren, wie z.B. auf die Bedürfnisse ihrer Kinder. Eine traumatisierte Bezugsperson mit einem ungeordneten Zuhause ist ein klarer Prädiktor für ein Entwicklungstrauma, bei dem sich Stress und Trauma auf die kommenden Generationen ausweiten können. Diese Situation ist ein Korrelat aus systemischem Rassismus, Armut, sozialer Ausgrenzung, Krieg und Gewalt.

Wenn die Welt nicht sicher ist: Probleme mit Erregung und Steuerung Insbesondere kleine Kinder, aber auch Jugendliche bis ins junge Erwachsenenalter, entwickeln psychologische und verhaltensbezogene Fähigkeiten, um sich selbst zu steuern und ihre Gefühle und Verhaltensweisen in Stresssituationen zu regulieren. Eine gestörte Bindungsgeschichte verringert die Fähigkeit, Erregung zu modulieren, Bedrohungen genau einzuschätzen und ‘angemessen’ auf Stress (Veränderung, Unsicherheit) zu reagieren. Die Welt von Flüchtlings- und marginalisierten Kindern ist naturgemäß unsicher – Essen, Zeit, Gewalt, Sicherheit, Geborgenheit, Verfügbarkeit von verlässlichen Erwachsenen – was zu Strukturen dauerhafter Erregung ohne Ruhephasen führt. ‘Normale Situationen’ werden dann von Kindern, die sich nie sicher fühlen, als bedrohlich eingeschätzt und erzeugen ‘unangemessene Verhaltensweisen’ wie Aggression, Unachtsamkeit und Rückzug.

Wenn man nicht in der Lage ist, zu fühlen oder sich zu erinnern: Dissoziation und emotionale Erstarrung Die drei Grundreaktionen, die Organismen im Falle einer Bedrohung zur Verfügung stehen, sind Kampf, Flucht oder Entsetzen (fight, flight, fright). Das Fehlen eines ‘Fluchtwegs’ ist ein klarer Indikator dafür, wie Personen auf Traumata reagieren. Hypo-Arousal – Einfrieren und emotionaler Rückzug – ist eine gängige Reaktion auf eine Bedrohung, wenn es keine Gegenwehr- oder Fluchtmöglichkeiten gibt. Das Gehirn schützt sich, indem es den Zugang zu Gefühlen, Empfindungen und Erinnerungen abschneidet. Klinisch wird dies als Dissoziation bezeichnet: Das Kind ist psychisch nicht mehr anwesend oder mit dem, was es fühlt bzw. was geschieht, nicht mehr verbunden. Das hat ernsthafte Auswirkungen auf innerpersönliche Beziehungen (ein sicheres und verlässliches Selbstwertgefühl), zwischenmenschliche Bindungen, kognitive Entwicklungen sowie ganz allgemein auf die Herausbildung von Kompetenzen.

Ansätze zur Behandlung von Entwicklungstraumata: ARC Interventionsmodell für Jugendliche, die ein komplexes Entwicklungs- trauma erlebt haben, und für die angegliederten Betreuungssysteme. Neun Behandlungsziele in drei Bereichen: Bindung (Attachment): Schulung und Betreuung von Bezugspersonen in den Bereichen Emotionen, Sich-aufeinander-einstimmen, beständige Reaktionen, Routine und Rituale Selbststeuerung (Regulation of self): Gefühlsidentifikation (Selbstbewusstheit aufbauen), Modulation (von Erregung, um behagliche und wirksame Zustände zu erreichen), Ausdruck (gegenüber Anderen) Kompetenz (Competency): Exekutive Funktionen (Zielsetzungsfähigkeiten aufbauen, Probleme identifizieren und Strategien entwickeln), Selbst und Identität (Entwicklung eines kohärenten und beständigen Selbstwertgefühls) Die Integration traumatischer Ereignisse (Trauma experience integration) ist ein Modell zur Erforschung, Verbindung und zum Verständnis historischer Erfahrungen und fragmentierter Selbstwertgefühle.

Ansätze zur Behandlung von Entwicklungstraumata: TARGET Trauma Affect Regulation: Guide for Education and Therapy (TARGET) ist ein multidisziplinäres, gemeinschaftsbasiertes Interventionsmodell für Kinder und Jugendliche mit DTD. TARGET beginnt mit einem psycho-pädagogischen Programm, um den Kindern beizubringen, wie man Denkweisen und Strategien entwickelt, um Tendenzen der Hypervigilanz und Erregung entgegenzuwirken. Es nutzt Bildung, kognitive Verhaltenstherapie, Achtsamkeits- und Meditationspraktiken sowie erfahrungsbasierte Therapien (Kunst, Somatik, Bewegung), um Konzentrationsfähigkeiten zu entwickeln, die zur Herstellung eines emotionalen Gleichgewichts benötigt werden. FREEDOM: Konzentration, Steuerung, Emotion, Evaluation von Gedanken, Festlegung von Zielen, Verhaltensoptionen und ein positiver Beitrag für die Welt und Andere (Focusing, Regulation, Emotion, Evaluation of thoughts, Definition of goals, Options for behavior, and Make a positive contribution to the world, and to others). TARGET war ursprünglich ein klinischer Behandlungsplan für Erwachsene mit PTSD, der von einzelnen Therapeuten angewendet wurde. Nach der Anpassung an die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen beinhaltet er jedoch mehr Personen und Modalitäten. Generell handelt es sich hierbei nicht um einen familienorientierten Behandlungsplan; Eltern mit PTSD können aber eine eigene Therapie machen.