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Es ist eine gute Heuristik, sich zu fragen, wie wir selbst den menschlichen Organis- mus entworfen hätten, wenn wir in der Rolle seines Konstrukteurs gestanden.

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Präsentation zum Thema: "Es ist eine gute Heuristik, sich zu fragen, wie wir selbst den menschlichen Organis- mus entworfen hätten, wenn wir in der Rolle seines Konstrukteurs gestanden."—  Präsentation transkript:

1 Es ist eine gute Heuristik, sich zu fragen, wie wir selbst den menschlichen Organis- mus entworfen hätten, wenn wir in der Rolle seines Konstrukteurs gestanden hätten. Allerdings nicht eines göttlichen Weltbaumeisters, ©Norbert Bischof Einführungsvortrag zum 21. Motivationspsychologischen Kolloquium in Zürich

2 Evolution Mensch einfache Wirbeltiere Ganz soweit zurück wollen wir nicht gehen, aber bis zu den einfa- chen Wirbeltieren müs- sen wir schon loten, um die komplexeren Leistun- gen dann als historische Ku- mulation von Neuerwerben verstehen zu können. sondern der natürlichen Selektion, die, bevor sie beim Menschen ankam, bei der Amöbe beginnen mußte. Die Zeit erlaubt nicht, das detailliert auszuführen, aber um dem unseligen Dualismus der Mensch das Tier zu entgehen,

3 Menschen- affen einfache Wirbeltiere Mensch wollen wir wenigstens eine Zwischenstufe gesondert würdigen. Alles Vorherige, vom Frosch bis zum Pavian, müssen wir nolens volens unter der Sammelbezeichnung einfache Wirbeltiere einebnen. Auf dieser Entwicklungsstufe läßt sich das typische Verhaltensmuster etwa wie folgt charakterisieren:

4 AppetenzCoping Problem- situation Endhandlung Endsituation das Verhalten wandelt eine Problemsituation in eine Endsituation um. An der Verhaltenssequenz lassen sich oft zwei Etappen unterscheiden, die erste, vorbereitende Phase ist variabel, während die zweite, die die Endsituation herbeiführt, relativ stereotyp abläuft. In der älteren Ethologie wurden die beiden Phasen als Appetenz und Endhandlung unterschieden. Heute sagt man statt Appetenz Bewältigungsverhalten oder neudeutsch Coping.

5 Orga- nismus ZNS Ver-halten mikro- makroskopisch sko- pisch Situ-ation Angenommen nun, wir hätten einen Organismus zu konstruieren, der sich auf die beschriebene Weise verhält; welchen strukturellen Minimalbedingungen müsste dieser genügen? Zunächst haben wir innerhalb des Organismus ein informationsverarbeitendes System zu fordern. Dieses sorgt dafür, daß gewisse situative Konfigura- tionen durch Verhaltensmuster beantwortet werden. Diese Pauschalbegriffe müssen wir nun differenzieren. Wenn wir Verhalten sagen, denken wir zunächst an makroskopische Bewegungen (z.B. Saugen oder Fliegen). Diese könnten ihre Aufgabe aber nicht erfüllen, wenn sie nicht durch vegetative Prozesse auf mikroskopischer Ebene unterstützt würden (z.B. Blutzuckerregulation oder Adrenalinausschüttung). Die letzteren sind in der Regel gemeint, wenn Psychologen von physiologischen Prozessen sprechen. Diese Begleitvorgänge müssen, um ihre Funktion zu erfüllen, mindestens zum Teil ebenfalls hochgradig antriebsspezifisch sein. (Gegenteilige Behauptungen belegen nur die Oberflächlichkeit der Untersuchungsmethoden). Soviel zum Verhalten. Noch viel komplexer ist das Konstrukt Situation.

6 Orga- nismus Situ-ation Hierzu müssen wir etwas weiter ausholen.

7 Stimulation beeinflusst nicht die Struktur des Organismus, sondern sein Verhalten. GENOM Alimentation Stimulation Selektion Verhalten ORGANISMUS Situ-ation Nun besteht das Genom aber nur aus ein paar DNA-Molekülen. Damit daraus eine makroskopische Struktur werden kann, Beispiele: - die Schwerkraft polarisiert das Cytoplasma der befruchteten Eizelle, - chemischer Austausch mit dem Nachbargewebe steuert die Morphogenese, - hinzukommen Ernährung, Atmung und so fort. Die Gesamtheit solcher Situationswirkungen bezeichnen wir als Alimentation Der Begriff Alimentation ist weiter gefaßt als der Name erkennen läßt. Er umfaßt 1. nicht nur förderliche Umwelteinflüsse sondern auch Schädigungen - Unterernährung, Deprivation, Vergiftung - Blindheit bei vorgeburtlicher Röteln-Infektion, - verkümmerte Extremitäten durch Contergan, 2. nicht nur intrauterine Einwirkungen, sondern alles, was während des ganzen Lebens die Struktur des Organismus zum Guten oder Schlechten verändert. - ein Beinbruch, - eine Kneipp-Kur - oder eine Gehaltserhöhung. Um strukturelle Wirkungen hervorrufen zu können, muß Alimentation dem Organismus direkt oder indirekt Material oder Energie zuführen, entziehen oder vorenthalten. Nun gibt es aber auch Umweltwirkungen, die weder zur stofflichen noch zur energetischen Bilanz des Organismus nennenswert beitragen. - Lichtquanten, die die Netzhaut treffen - Duftmoleküle, die die Chemorezeptoren erreichen. Diese nennen wir Stimulation. Die dazu erforderliche Energie muß der Organismus selbst bereitstellen. Daher ist F REUD s Forderung nach einem Reizschutz unsinnig, der den Organismus gegen die zerstörerische Intensität der Stimulation abschirmen müsse. Eine dritte Klasse von Umweltwirkungen ist die Selektion. Sie beeinflußt die Fortpflanzungsrate des Organismus, und damit letztlich die Verteilung von Erbanlagen in der Population. Der Bauplan des Organismus ist in seinem Genom niedergelegt. muß die Situation natürlich Baustoffe und Energie liefern.

8 GENOM Alimentation Stimulation Selektion Verhalten ORGANISMUS Situ-ation Man darf aber nicht vergessen, daß der Organismus der Stimulation gestattet, via Relais-Wirkung in seinen eigenen Stoff- und Energietransport lenkend einzugreifen. Das kann dann durchaus auch strukturelle Folgen haben. Wir bezeichnen dieses Phänomen als alimentative Stimulation. Beispiele: 1. Psychostreß kann somatische Effekte wie Verspannung und Erkrankung hervorrufen. 2. Die sichere Einbindung des Kindes in eine empathische Familienatmosphäre ist auch eine Stütze für leibliches Gedeihen. Unproblematisch erscheint die Überschneidung von Alimentation und Selektion: Was gut fürs Überleben ist, nützt meist auch der Fortpflanzung. Hier interessiert eher, daß die Überlappung nicht total ist. Effekte, die nicht die Gesundheit, sondern nur Sexualität oder Brutpflege beeinflussen, sind rein selektiv. Ausschließlich alimentativ wirken Umwelteinflüsse, wenn sie nicht auf eine genetische Differenzierung treffen. Ein Umweltgift, an dem alle Mitglieder einer Population gleichermaßen erkranken, erzeugt keinen Selektionsdruck! Selektion, Alimentation und Stimulation formen einen vermaschten Regelkreis mit einer ziemlich komplexen Dynamik, auf die ich nur kursorisch eingehen kann. Wieso sieht das Schaubild eine Überlappung von Stimulation und Alimentation vor? Reize wurden doch gerade als zu energiearm definiert, um von sich aus alimentative Effekte hervorbringen zu können!

9 Stimulation Verhalten Selektion Alimentation Ziel Situ-ation Die drei Dynamiken haben unterschiedliche Zeitskalen, wobei die jeweils trägere die flexibleren nach sich zieht. Am trägsten ist die Selektion. Insofern kann man sagen, die Optimierung der Fitness sei Zweck oder Funktion alles motivierten Verhaltens Das heißt nun aber nicht, daß sie auch sein Ziel ist. Von einem Ziel sprechen wir erst, wenn seine Erreichung rückgemeldet wird. Das Feedback erfolgt auf der Verhaltens-Ebene, weil diese den kürzesten Zeitraster aufweist. Ein gebräuchlicheres Wort für Stimulationsdruck ist Motivation. Für die Rückmeldung aber ist die Stimulation zuständig. Ziele sind also immer Stimuli. Nur wenn diese ihrerseits mit alimentativen und letztlich selektiven Effekten korrelieren, stabilisiert sich das Gesamtsystem. Das Kunststück der Evolution besteht also darin, Stimuli zu finden und zu verwerten, die eine solche Korrelation aufweisen. ORGANISMUS GENOM Verhalten wird also immer durch Ungleichgewicht im Gesamtsystem ausgelöst. Ungleichgewicht erzeugt Druck das kann Selektionsdruck sein, - dann verändert sich der Gen-Pool oder Alimentationsdruck - wenn der Organismus z.B. reift, - abmagert - oder nach einer Krankheit gesundet, oder Stimulationsdruck, - wenn die Wahrnehmungswelt danach verlangt, durch Verhalten verändert zu werden.

10 Stimulation Verhalten Selektion Alimentation Ziel Situ-ation ORGANISMUS Am einfachsten, aber auch unzuverlässigsten sind hier propriozeptive Rückmeldungen der Endhandlung. GENOM Das klassische Beispiel ist die Sexualität. Hier ist schon der Begattungsakt das Ziel. Die Befruchtung selbst wird nicht rückgemeldet.

11 Stimulation Verhalten Selektion Alimentation Situ-ation Selbstverständlich wäre es effizienter, wenn das Verhalten direkt in selektive oder wenigstens alimentative Prozesse eingreifen könnte. ORGANISMUS GENOM Eine solche Einbindung der Endsituation in den Verhaltensregelkreis ist bei manchen Motiven (z.B. Bindung) leicht zu bewerkstelligen. Bei anderen erfordert sie aber einen differenzierten kognitiven Apparat und bleibt dann höheren phylogenetischen Stadien vorbehalten.

12 Orga- nismus Ver-halten Situ-ation Bestand Schwund Ali-ment. Be-darf Bedürf- nis Nun zurück zum Motivmodell. Wir wollen dafür ein Inventar funktionell zu fordernder Bauglieder zusammenstellen. Als Anschauungsgrundlage wählen wir zunächst den Nahrungstrieb. Der Ausdruck Alimentation läßt sich hier wörtlich verstehen. Die zugeführten Nährstoffe werden allerdings wieder verbraucht. Aus der Differenz beider errechnet sich der Bestand. Das alles sind Wortmarken, über die man streiten kann. Worauf es ankommt, ist die dargestellte Struktur. Den Sollwert des Bestandes nennen wir Bedarf. Aus dem Vergleich von Ist- und Sollwert resultiert dann die Regelabweichung. hier bietet sich der Begriff Bedürfnis an.

13 Orga- nismus Ver-halten Situ-ation Bestand Erbkoord. Schwund End-hand-lung Ali-ment. Be-darf Ausl Akzess An-trieb Valenz Det Rück- Rück-satz Anreiz Nun zum stimulativen Aspekt der Situation. er wird durch Detektoren vermittelt, die auf bestimmte Reizschemata ansprechen. wir können sie L EWIN zu Ehren Valenzen nennen. Valenz und Bedürfnis müssen zusammenwirken, damit ein Antrieb zustandekommt. Eine zweite Klasse von Stimuli meldet, ob das valenzhaltige Objekt hinreichend zugänglich ist. Das zuständige Detektorsystem wird in der Ethologie als Auslösemechanismus bezeichnet. Bedürf- nis Wenn der Auslösemechanismus anspricht, kann die antriebs- spezifische Endhandung ablaufen, z.B.- Zubeißen, - Wegfliegen, - Balzen usw. Zumindest bei einfacheren Organismen müssen wir, entsprechend den Schemata auf der Reizseite, auch als Kernbestand der Endhandlung ein Bewegungsradikal fordern, das durch eine Erbkoordination sichergestellt wird. Soweit die Erbkoordination selbst zielbildend ist, bewirkt sie direkt einen Bedürfnisrücksatz. Das Verknüpfungssymbol ist in dieser Präsentation nicht exakt definiert. Es bedeutet irgend- eine mathematische Operation, deren Sinn aus dem Zusammenhang zu erschließen ist. In diesem Fall wäre ein Operator halbwegs zwischen + und angemessen. In der Motivationspsychologie werden diese beiden Stimulusdimensionen unter dem Sammelbegriff "Anreiz zusammengeworfen, was nicht zur Klarheit beiträgt, abgesehen davon, daß der Ausdruck auch noch eine dritte Bedeutung hat, auf die wir später zu sprechen kommen.

14 Schwund Orga- nismus Erbkoord. End-hand-lung Be-darf Akzess An-trieb Rück- Rück-satz Bestand Valenz Ausl Det Ali-ment. Das ist der "kleine Regelkreis"; bekanntlich macht schon das Kauen satt. Bedürf- nis

15 Orga- nismus Erbkoord. End-hand-lung Be-darf Akzess An-trieb Rück- Rück-satz Bestand Schwund Valenz Ausl Det Ali-ment. der große Regelkreis läuft über die Alimentation, bei ihm wird der Bestand, also die gespeicherten Nähr- stoffe, selbst gemessen. Bedürf- nis

16 consummatum est es ist vollbracht Diese Feedbacks bezeichnet man als konsummatorisch, wobei daran zu erinnern ist, daß sich das Wort mit zwei M schreibt; es kommt von summus (=Gipfel) und bedeutet auf den Höhepunkt, zur Vollendung bringen. (Bei den letzten Worten Christi war ja wohl nicht an Konsum gedacht.)

17 Orga- nismus Erbkoord. End-hand-lung Akzess An-trieb Det Ali-ment. Bestand Be-darf Rück- Rück-satz Schwund Valenz Ausl Det Sexu-alität Bisher wurde der Modellrahmen an der Hungermotivation veranschaulicht; er deckt aber auch die übrigen Motivarten ab. Allenfalls muß man ihn da und dort reduzieren. Bei der Sexualität entfallen z.B. die alimentativen Effekte. Wobei man statt "Schwund besser positiv "Stau bei Nichtausübung" sagt. Damit wird es auch sinnlos, von einem "Bestand" zu reden, und das Bedürfnis regelt sich allein im Wechselspiel von Schwund und Rücksatz. Bedürf- nis

18 Orga- nismus Erbkoord. End-hand-lung Akzess An-trieb Rück- Rück-satz Det Be-darf Bestand Schwund Valenz Ausl Det Neu-gier Ali-ment. Das Explorationsmotiv hat keine spezielle Erbkoordination. Hier geht es einfach darum, stochastisch zu manipulieren. Daher entfällt der Rücksatz; die Konsummation erfolgt auf dem großen Regelkreis, also über die Alimentation. Alimentation bedeutet hier Information, Aktualisierung des Weltbezuges, Up-to-Date-Bleiben im Fluß der Ereignisse. Wir haben es mit einem Fall von alimentativer Stimulation zu tun: Erfahrung muß gespeichert werden, und Speicherung ist ein struktureller Eingriff, dem Brennen einer CD vergleichbar. Information ist wie Nahrung. Auch sie unterliegt einem Schwund: das zunächst Neue überholt sich, und muß ständig nachgespeist werden. Wer also im Explorationsverhalten ein Gegenprinzip zur Homöostase am Werke sieht, hat überhaupt nicht begriffen, was Homöostase bedeutet. Bedürf- nis

19 Orga- nismus Erbkoord. End-hand-lung Akzess An-trieb Rück- Rück-satz Det Be-darf Bestand Schwund Valenz Ausl Det Bin-dung Ali-ment. Schließlich sei noch die Bindungsmotivation betrachtet. Auch hier spielt der Rücksatz keine Rolle Es gibt aber auch keinen Schwund, weshalb die Alimentation, die von den Eltern gespendete Sicherheit, direkt mit dem alterstypischen Bedarf (im Zürcher Modell als Abhängigkeit bezeichnet) verglichen wird. Bedürf- nis

20 Orga- nismus Zu-fuhr Bedürf- nis Det Valenz Bestand Be-darf Rück- Rück-satz SchwundErbkoord.End-hand-lung Akzess An-trieb Det Hierzu genügt, wenn wir den oberen Teil des Systems betrachten. Nun müssen wir die Verhaltensregulation etwas genauer analysieren.

21 Erbkoord.End-hand-lung Akzess An-trieb Det Ein typischer Ablauf läßt sich etwa folgendermaßen nachzeichnen:Erbkoord.End-hand-lung Akzess An-trieb

22 An-trieb Akzess Zunächst baut sich ein Antrieb auf Dann muß die Freigabe durch den Aus- lösemechanismus abgewartet werden; sie richtet sich nach der Zugänglichkeit des Objekts. Der Akzess wird vom Auslösemechanismus skaliert

23 Bei Erreichen einer gewissen Schwelle gibt der Auslösemechanismus die Endhandlung frei.

24 End-handlung Erb-koord. Die Endhandlung löscht den Antrieb auf dem großen oder kleinen Weg. und beendet oft auch den Akzess, so etwa beim erfolgreichen Beutefang.

25 Barriere Betrachten wir das Schema nun nochmals, aber unter der Bedingung, daß eine Barriere (im Sinne L EWIN s) den Akzess behindert.

26 Intentions-bewegung aber der Auslösemechanismus blockiert sie; bis auf ein Rudiment, das die Ethologen als Intentionsbewegung bezeichnen. Statt wirklich zuzubeißen fletscht man dann nur die Zähne. wenn der Antrieb stark genug ist, wird er die Erbkoordination zwar aktivieren;

27 Problem- situation Endhandlung Endsituation Coping Wie soll es nun aber weitergehen? Hier kommt die Verhaltenssequenz ins Spiel, die wir vorhin als Coping bezeichnet haben.

28 Coping- Apparat Intentions-bewegung Wir haben unser Schema also um ein entsprechendes Bauelement zu erweitern. Was soll dieser Apparat aber tun? Eine Erbkoordination hat er ja nicht.

29 Er braucht einen Zufallsgenerator, der blindlings alle verfügbaren Bewegungsmuster durchprobiert. Intentions-bewegung Dazu ein Gedächtnis, wo alle probierten Lösungs- schritte protokolliert werden. Und wenn einer davon zufällig den Akzess verbessert,

30 + Intentions-bewegung dann wird der beschrittene Lösungsweg an die Problem- situation assoziiert und beim nächsten Mal gleich als erstes eingesetzt.

31 Coping- Apparat spezifischeWahrnehmung unspezif. Wahrnehmung Diese Arbeitsweise ist im Prinzip unspezifisch. Im Unterschied zur Vielzahl der Antriebe ist der Coping-Apparat ein Allround-Werkzeug, das in den Dienst beliebiger Motive treten muß. Um das zu können, benötigt er einen erweiterten Wahrnehmungsapparat. Die Detektoren der Antriebe sprechen auf spezifische Schemata an – lerntheoretisch ausgedrückt, auf unbedingte Reize. Das Coping-System aber soll konditionierbar sein, und dafür muß es sich möglichst vielen weiteren Umweltaspekten öffnen, die die angeborenen Detektoren gar nicht als relevant erkennen.

32 Invention Aggression Supplikat. Allerdings bedeutet unspezifisch nicht dasselbe wie wahllos. Unter all den verfügbaren Bewegungsradikalen sind einige besser als andere zur Problemlösung geeignet. Für ihren Einsatz ist der Coping-Apparat daher, wie S ELIGMAN sich ausdrückt, schon vorbereitet. Dazu gehören einmal Lokomotion und Manipulation. Sie sind a priori geeignet, einen Umweg um die Barriere zu erschließen. Ihre Spannweite reicht vom erratischen Bewegungssturm der Fliege an der Fensterscheibe oder der Menschen in Panik bis zum Einsatz produktiven Denkens, das ja im Grunde auch eine Umwegsuche ist. Wir wollen dieses Strategiepaket daher als inventiv bezeichnen. Man kann zweitens natürlich auch versuchen, die Barriere gewaltsam zu beseitigen. Darüber hat Tamara D EMBO gear- beitet, und die Frustrationstheorie hat Coping dann überhaupt plump mit Aggression identifiziert. Eine dritte Strategie hat D EMBO auch schon beobachtet: Man bittet jemanden anderen, daß er das Problem löst. Das Verfahren kann man supplikativ nennen. Prototypisch hierfür ist das Weinen der Tier- und Menschenkinder.

33 Invention Aggression Supplikat.Assimilation Allen drei Strategien ist gemeinsam, daß sie in die äußere Situation ein- greifen. P IAGET hat dafür den Begriff Assimilation eingeführt.

34 Invention Aggression Supplikat. RevisionAkkomodationAssimilation Der Gegenbegriff ist Akkomodation: Man verändert sich selbst. Es gibt tatsächlich auch zwei akkomodative Coping-Strategien. Auf die eine hat M ETZGER aufmerksam gemacht: Wenn die Situation als gestört erlebt wird, dann kann das daran liegen, daß man sie nicht richtig wahrnimmt. Dann mag es sich lohnen, die eigene Kognition einer Revision zu unterziehen: sich die Augen zu reiben, einen Schritt zurückzutreten, die Perspektive zu wechseln. Dabei kann man sich freilich auch in die eigene Tasche lügen, nach dem Prinzip der sauren Trauben. D EMBO sprach vom Ausweichen auf die Irrealitätsebene.

35 Invention Aggression Supplikat. Revision Akklimat.AkkomodationAssimilation Während Revision eine gewisse Differenzierung des kognitiven Apparates voraussetzt, findet sich eine zweite Variante von akkomodativem Coping schon auf einfachstem Entwicklungsniveau: die Ethologen sprechen von Akklimatisation. Sie beseitigt die Spannung eines behinderten Antriebs, indem sie ihn, wie F REUD sagt, verdrängt.

36 Ich-Apparat bei B OWLBY das Innere Arbeitsmodell working model Bewußtsein kognitiver Schaltkreis affektiver Schaltkreis und manche Neuropsychologen meinen eigentlich ihn, wenn sie Bewußtsein sagen. Der Coping-Apparat erfordert nun unsere besondere Aufmerksamkeit, denn an ihm setzt alle phylogene- tische Weiterentwicklung an. Er hat in der Theorienlandschaft viele Namen: bei F REUD wird er Ich-Apparat genannt Im Nachgang zur Z AJONC -L AZARUS -Debatte ist es auch Mode, von zwei getrennten, parallel arbeitenden Schaltkreisen zu reden, einem archaischen und entsprechend primitiven, der für die sogenannte affektive Reizverarbeitung zuständig ist, und einem moderneren, der kognitiv heißt und hinter dem sich eben der Coping-Apparat verbirgt.

37 affektiver Schaltkreis kognitiver Schaltkreis Solche Zerlegungen sind problematisch, denn sie pressen funktionell heterogene Systeme in ein Schema der Parallelität, das über den Sinn des Ganzen nicht mehr zu sagen erlaubt, als daß die beiden eben eng miteinander vernetzt sind.

38 affektiver Schaltkreis kognitiver Schaltkreis ? Interessant ist immerhin, daß man den unteren Systemteil "affektiv" genannt hat. Das bringt uns nämlich auf eine lohnende Spur. Wir haben gesagt, daß der Coping-Apparat unspezifisch arbeitet. Das bedeutet aber nicht, daß es nicht dennoch wissen müßte, in wessen Dienst er gerade treten soll. Die Antriebe müssen also, wenn sie nicht weiter wissen, mit ihm kommunizieren können, und wie machen sie das eigentlich? Die Idee ist nun, daß genau dies die Aufgabe der Emotionen ist.

39 such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; Emotion is a complex set of interactions among subjective and objective factors, whichEmotion feelingsmediated by neural/humoral systems, give rise to affective experiencesaffective K LEINGINNA & K LEINGINNA A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. (Motivation and Emotion 5, , 1981) Bekanntlich gibt es Emotionsdefinitionen wie Sand am Meer. Hier ist ein häufig zitiertes Resumé: Diese Präambel können wir gleich wieder vergessen; denn sie gilt für praktisch jedes psychologische Konzept. Hier ist es genauso; denn alles Psychische hat eine nervöse/endokrinologische Grundlage. Hier wird allen Ernstes Emotion durch Affekt definiert, und jetzt auch noch durch Gefühle. such as entzieht sich der Verbindlichkeit, indem es Definition durch Veranschaulichung ersetzt. Bleiben also schließlich nur arousal und pleasure als verwertbar übrig.

40 generate cognitive processes activate widespread physiological adjustments to the arousing conditions; such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; Emotion is which Emotion give rise to affective experiences K LEINGINNA & K LEINGINNA A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. (Motivation and Emotion 5, , 1981) Dann werden kognitive Effekte genannt (auch wieder nach Schema such as), und hier wird jetzt Emotion gleich durch sich selbst definiert, Als nächstes erfahren wir, daß Emotionen etwas mit Physiologie zu tun haben, such as emotionally relevant perceptual effects, appraisals, labeling processes; emotionally relevant Als Ausbeute bleiben schließlich nur die Begriffe appraisal und labeling, die man angesichts ihrer Unschärfe getrost als synonym betrachten kann.

41 Orga- nismus Situ-ation Ver-halten mikro- makroskopisch sko- pisch damit sind die peripheren Prozesse gemeint, die praktisch alles Verhalten begleiten.

42 generate cognitive processes activate widespread physiological adjustments to the arousing conditions; such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; Emotion is which Emotion give rise to affective experiences K LEINGINNA & K LEINGINNA A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. (Motivation and Emotion 5, , 1981) such as emotionally relevant perceptual effects, appraisals, labeling processes; lead to behavior that is often, but not always, expressive, goal-directed, and adaptive. also ist auch diese Passage im Grunde wertlos; aber lassen wir physiologisch immerhin stehen, im Sinne einer besonderen Akzentuierung. schließlich noch eine Formulierung, die durch often, but not always prophylaktisch Harakiri begeht. Und adaptiv ist sowieso alle Verhaltensorganisation, weil sie sonst nicht vor der Selektion bestehen könnte.

43 generate appraisals; arousal and pleasure/displeasure; tend to be expressive; give rise to experiences of tend to be goal-directed. focus on microscopic (physiological) rather than macroscopic (behavioral) adjustments; K LEINGINNA & K LEINGINNA A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. (Motivation and Emotion 5, , 1981) Emotions So sieht also der Ertrag aus: mindestens das letzte Kriterium trifft natürlich auch auf Motivation zu, weshalb spätestens hier die Frage zu stellen ist, wie Motivation und Emotion eigentlich zusamnmenhängen.

44 Instinkt Emotion M c D OUGALL Akzentuierung der Wahrnehmung emotionaleQualität Verhaltens-muster L ERSCH Anmutungs- qualität endothymeFärbung Antriebs- gestalt Loten wir einen Moment in die Geschichte zurück. M C D OUGALL hatte für Motivation Instinkt gesagt und diesen durch drei Komponenten definiert. Das Bild ähnelt dem von mir verwendeten Schema, allerdings bestand dort für das mittlere Kernstück "Emotion" kein Anlaß. Nun ist es interessant, daß seinerzeit L ERSCH, (den heute natürlich niemand mehr zitiert,) eine Phänomenologie der Gefühlserlebnisse vorgelegt hat, die eine auffallende Parallele zu M C D OUGALL s Dreiteilung hat.

45 M c D OUGALL Akzentuierung der Wahrnehmung Verhaltens-muster L ERSCH Anmutungs- qualität endothymeFärbung Antriebs- gestalt emotionaleQualität Das sieht so aus, als würden die Emotionen die Thematik der Antriebe erlebbar machen.

46 Ich möchte an dieser Stelle eine Parabel anführen, die Konrad L ORENZ zu diesem Thema beizusteuern hatte. Angenommen, ich überquere eine Straße, sehe ein Auto nahen und beschleunige daher meine Schritte. Zehntausend Meter über mir schwebt ein UFO, in dem kleine grüne Verhaltensforscher aus einer fernen Galaxis die Species Homo sapiens terrestris beobachten. Gewissenhaft notieren sie mein plötzlich anwachsendes Tempo und verbuchen es als Fluchtverhalten. Autos, das wissen sie, sind schließlich Raubtiere, die gelegentlich auf Menschen Jagd machen.

47 Objektiv stimmt das natürlich alles. Aber Angst habe ich bei meiner Flucht kaum verspürt. Ich habe die Situation vielleicht nicht einmal bewußt registriert. Das wäre nun aber ganz anders gekommen, wenn mir beispielsweise der Absatz in der Trambahnschine hängengeblieben wäre. Dann hätte mich wirklich siedende Angst überfallen. Ich hätte mir panisch den Schuh vom Fuß gerissen und wäre schweißnaß und strumpfsockig davongehüpft. Abends hätte ich dann was zu erzählen gehabt.

48 Emotion Motiviertes Verhalten kann also durchaus ohne affektive Begleitmusik ablaufen. Wenn man das generalisiert, ließe sich die These aufstellen, daß Affekte bzw. Emotionen erst dann aufteten, wenn Anlaß besteht, die Dienste des Coping-Apparats in Anspruch zu nehmen. Nehmen wir an, ein Antrieb sei aktiviert.Nehmen wir an, ein Antrieb sei aktiviert und die zugehörige Antriebshandlung blockiert. Das wird nun dem Coping-Apparat auf emotionalem Wege mitgeteilt.

49 Anmutung StimmungStimmung Intention Emotion Die Stimmungskomponente informiert über die anstehende Antriebsthematik. Die blockierte Erbkoordination spannt das Welterleben in eine intentionale Dynamik ein. Daher läßt sie sich auch als Ausdruck der Emotion deuten. Die mikroskopischen Begleitprozesse wer- den meist nicht mit blockiert. Jetzt sind sie aber funktionslos und fallen daher auf. Das ist das ganze Geheimnis der widespread pysiological adjustments, die durch die Emotion angeblich aktiviert werden. Das Eigenrauschen der an- triebsspezifischen Detektoren verleiht der Wahrnehmungs- welt das Anmutungsprofil, auf das dann z.B. projektive Test- verfahren (TAT) ansprechen. Hin! Intentions-bewegung Ausdrucks-bewegung

50 Weg! Bei einem anderen Antrieb würde Entsprechendes geschehen, nur eben in anderer Stimmungsqualität, Mit anderem Anmutungscharakter und anderer Intentionalität.

51 ? Gegen die hier unterstellte strukturelle Korrespondenz von Emotion und Motivation könnte man einwenden, daß die Emotionen doch eine Faktorenstruktur haben, zu der es bei den Motiven keine Parallele gibt. Das ist die bekannte Dreidimensionalität von Lust/Unlust, Spannung/Lösung, und drittens - ja was drittens?

52 W UNDT T RAXEL, S CHERER ?ErregungBeruhigungDominanzSubmissionNäheDistanzseelischleiblich M ARX Verglichen mit den beiden anderen Dimensionen gehen hierzu die Meinungen weit auseinander mit etwas anderer Methode erhoben M ARX selbst erklärt die Uneinheitlichkeit der dritten Dimension daher, daß sie im Unterschied zu den beiden anderen nicht mehr ein allgemei- nes Charakteristikum aller Emotionen abbildet, sondern inhaltlich be- stimmt ist und daher je nach den gebotenen Items variiert. Eigentlich ist die Rede von der Dreidimensionalität also irreführend; es gibt außer den beiden ersten noch eine große Zahl weiterer Dimensionen, die nur bei den üblichen Abbruchkriterien weitgehend unter den Tisch fallen.

53 Thematik Dringlichkeit Konditionierung Qualität (Ent)Spannung (Un)Lust Diese Faktorenstruktur der Emotion paßt nun aber sehr organisch in unser System. Dem Coping-Apparat muß ja dreierlei mitgeteilt werden: und ob das, was der Coping-Apparat soeben ausprobiert hat, ein Schritt in die richtige Richtung war und daher gespeichert werden sollte. um welche Antriebsthematik es sich handelt, wie dringlich eine Lösung ansteht Und eben darum geht es bei den drei Dimensionen

54 Thematik Dringlichkeit Konditionierung Qualität (Ent)Spannung (Un)Lust arousal activation excitation energy mobilization general drive Diese Vielfalt war freilich nicht nach dem Geschmack der Behavioristen. Sie träumten von einer universalen psychischen Energie, für die sie sich allerlei Phantasienamen ansdachten. Allen diesen Konstrukten war gemeinsam, daß sie die themenspezifische Qualität leugneten und die beiden anderen Dimensionen in einen Topf warfen.

55 Spannung Lösung Unlust LustZeit Endhandlung positivnegativ Diese pseudophysikalische Begrifflichkeit wurde dann noch in eine Plus-Minus-Skala gezwängt. Wie realitätsblind das ist, lehrt schon der Zeitverlauf. bis zur Endhandlung nimmt die Spannungskomponente stetig zu, während die Lust-Unlust-Tönung, die ja als Lohn oder Strafe den Lernprozeß begleitet, mehrfach wechseln kann. Befriedigend ist, was die Triebstärke verringert. Wenn man diese beiden Dimensionen kontaminiert, kommen scheinexakte Theoreme heraus wie das obige, von H ULL vertretene.

56 Spannung Lösung Unlust LustZeit Endhandlung positivnegativ Männliche Albinoratten lernten schneller als nicht belohnte Tiere, wenn ihnen … die Kopu- lation mit einem Weibchen ermöglicht wurde, wobei aber der Kopulationsvorgang vor der triebreduzierenden Ejakulation stets unterbro- chen wurde (Sheffield, Wulff & Baker 1951). Als belohnender Verstärker funktionierte hier also etwas, das zweifellos zu einer Steigerung statt zu einer Reduktion von Triebregung führte. Triebregung Befriedigend ist, was die Triebstärke verringert. Soetwas verhilft dann den Experimentalpsychologen zu reichlicher Geschäftigkeit. aus R HEINBERG (2000, S. 38f) Was genau aber soll Triebregung bedeuten?

57 Spannung Lösung Unlust LustZeit Endhandlung positivnegativ Befriedigend ist, was die Triebstärke verringert. Wenn wir die Sequenz unmittelbar vor der Endhandlung unterbrechen, dann sind wir an einer Stelle, wo das Männchen belohnt wird, weil es das Weibchen immerhin erreicht hat. Der Fehler liegt darin, daß man meint, es bedürfe eines Experiments, um die These H ULL s zu widerlegen. Schlampige Begrifflichkeit widerlegt man aber nicht empirisch, sondern durch Einforderung von Denkdisziplin. Zugleich wird die Spannung aber aufrechterhalten, weil die Endhandlung noch aussteht.

58 Bewertung generate appraisals; arousal and pleasure/displeasure; tend to be expressive; give rise to experiences of tend to be goal-directed. focus on microscopic (physiological) rather than macroscopic (behavioral) adjustments; K LEINGINNA & K LEINGINNA A categorized list of emotion definitions, with suggestions for a consensual definition. (Motivation and Emotion 5, , 1981) Emotions Genau dasselbe gilt auch für eine weitere Etikette, die der Emotionen gern angeheftet wird: Dagegen wäre nichts zu sagen, solange Emotionen als Nachrichten verstanden werden, die eine Bewertung übermitteln. Meist werden sie aber als der Mechanismus dargestellt, der die Bewertung generiert mit der Konsequenz, daß dann überall, wo Verhalten einen Bewertungsaspekt einschließt (und das gilt für alles adaptive Verhalten) auch gleich Emotionen postuliert werden.

59 Orga- nismus Bedürf- nis nis Akzess Verhalten Valenz An-trieb Det Ausl Emotion Das läuft auf eine unnötige Verdoppelung der Prinzipien hinaus. Wir haben ja schon eine bewertende Instanz identifiziert, nämlich das System der Motivation. Motive werden selbst häufig und mit Recht als Bewertungsdispositionen bestimmt (so etwa in dem Lehrbuch von R HEINBERG.) Bewertung ist hier kein rationaler Akt, sondern sie erfolgt implizit, einfach kraft der Systemstruktur, die bestimmten Reizschemata auf adaptive Weise bestimmte Verhaltensradikale zuordnet. die Emotion aber ist nur ein Output, der die Semantik dieser impliziten Bewertung erforderlichenfalls dem Coping-System mitteilt (= bewußt macht).

60 Mensch Menschen- affen einfache Wirbeltiere Alles bisher Besprochene gilt im Prinzip schon unter- halb der Menschenaffen. Wie geht es nun in der Phylogenese weiter?

61 Hierzu liegt der Schlüssel im Coping-Apparat. Er entwickelt neue kognitive Kategorien. Diese verändern die Struktur dessen, was L EWIN den Lebensraum genannt hat, schaffen neue Problemsituationen für das bereits bestehende Motivinventar und nötigen dieses daher, sich zu differenzieren.

62 Der Ausdruck Kategorie ist hier nicht in seiner kognitivistischen Verflachung (=Oberbegriff) zu verstehen, sondern im ursprünglichen Sinn der klassischen Philosophie. Er bezeichnet Verarbeitungsmodule, die dafür sorgen, daß das Reizmaterial nicht einfach ein Empfindungsmosaik hervorbringt, sondern sinnvolle Rekonstruktionen des Mesokosmos. Kategorien sind zum Beispiel Figur und Grund Realität und Schein Ursache und Wirkung.

63 Identität Eine davon möchte ich genauer besprechen: Worum geht es?

64 Trajektorie jetzt vorhin Identität diachrone Die Geschichte erinnert uns daran, daß es nicht trivial ist, wenn wir allem, was wir jetzt wahrnehmen, ein Pendant in der Vergangenheit zuordnen. Das ist eben das Werk der Identitätskategorie; sie spannt eine Trajektorie von der aktuellen Wahrnehmung zu passenden Speicherinhalten. wegen dieser zeitüberbrückenden Funktion spezifizieren wir die Identität als diachron.

65 Schema Die Identitätskategorie ist nicht lebensnotwendig. Detektoren funktionieren auch, wenn sie auf starre Schemata eingestellt sind. Noch beim dreimonatigen Säugling gilt das für die Auslösung der Lächelreaktion. und er hält auch nicht vor, geschweige denn bei Verdeckung. Gesichter im Profil sind hier bekanntlich wirkungslos, nur der frontale Anblick wirkt auslösend

66 Menschen- affen Mensch einfache Wirbeltiere Als erwachsene Menschen sehen wir jedoch, daß es sich immer um dieselbe Person handelt. Das eben ist das Werk der diachronen Identität Auch Raubtiere, die ihre Beute belauern, können das schon. Was uns nun aber phylogenetisch erstmals bei Menschenaffen begegnet, ist eine raffinierte Umkonstruktion der Identitätskategorie.

67 Coping Wahrnehmung Phantasie Wir haben dem Coping-System Lernprozesse zugeordnet. Lernen schließt das Risiko von Versuch und Irrtum ein. Es gibt aber Situationen, wo ein einziger Irrtum schon ein Irrtum zuviel wäre! Was man stattdessen tut: Man setzt ihn in einen Flugsimulator, wo er seine Fehler machen kann, ohne den Hals zu riskieren. Einen angehenden Piloten läßt man ja auch nicht gleich auf eigene Faust Fliegen und Landen üben. Auch die Natur hat einen solchen Simulator erfunden: Den Kognitivisten ist das Wort Phantasie zu ordinär, sie ersetzen es durch Repräsentation. das klingt professionell, ist aber viel ungenauer, denn natürlich ist auch schon die Wahrnehmung eine Repräsentation.

68 Menschen- affen Mensch einfache Wirbeltiere In der Primatenreihe scheinen die Menschenaffen die einzigen zu sein, die Probehandlungen in der Phantasie vornehmen können.

69 Wahrnehmung Phantasie Wenn hier eine Emotion ein Problem meldet,

70 Wahrnehmung Phantasie färbt sie nicht nur die Wahrnehmung ein,

71 + Wahrnehmung Phantasie AnreizAnreiz AnreizAnreiz Sondern sie gibt auch der Phantasie ein antriebsspezifisches Ziel vor. Das Subjekt agiert dann zu- nächst nicht in der Realität, sondern auf der inneren Probebühne. Der Begriff "Anreiz", der ursprünglich die zum Detektor passende äußere Reizkonstellation bezeichnete, wird nun leider auch für die Zielvorstellung verwendet, die das mentale Probehandeln leitet, – mit entsprechendem Verwirrungseffekt.

72 IdentitätIdentität synchronesynchrone Damit so ein Wirklichkeitssimulator überhaupt funktioniert, sind aufwendige kategoriale Erweiterungen nötig. Eine der interessantesten davon betrifft wiederum die Identität. Objekte können ja jetzt doppelt repräsentiert werden: nicht nur wahrgenommen,sondern auch vorgestellt. Beide Male handelt es sich um dasselbe Objekt, beide Repräsentationen müssen also als identisch erlebt werden. Die Identitätskategorie dient hier aber nicht der Zeitüberbrückung, denn die beiden Erlebnisinhalte treten ja gleichzeitig auf. Diese Identität ist also nicht diachron, sondern

73 gleichidentisch Nun könnte man fragen, warum wir hier überhaupt von Identität reden und nicht einfach von Gleichheit. Die beiden Ausdrücke werden ohnehin oft synonym verwendet, z.B. in der Rede von identischen Zwillingen In Wirklichkeit gleichen sich diese aber nur - wie das sprichwörtliche Ei dem anderen. Identisch sind sie deshalb nicht, weil man das eine aufschlagen kann, ohne daß das dem anderen schadet.

74 Sie erlaubt uns, das Märchen vom Froschkönig zu verstehen, der durch den Kuß der Prinzessin in einen Prinzen verwandelt wird. Identität ist, wenn der eine verantworten muß, was der andere getan hat, und selbst erleidet, was dem anderen widerfährt. Das gilt schon von der diachronen Form.

75 Schicksals- gemeinschaft Identität hängt nicht an der äußeren Erscheinung, sondern sie haftet irgendwie am Kern der Dinge. Wenn es nicht zu feierlich klingen würde, könnte man sagen, Identität ist Schicksalsgemeinschaft.

76 Aua! Für die synchrone Identität gilt dasselbe. Sie verhilft dem Voodoo-Zauberer zu der Überzeugung, er brauche nur eine Puppe anzufertigen, und könne dann deren Schicksal auf die Person selbst übertragen.

77 Sie erklärt unsere Wut, wenn jemand das Bild einer nahestehenden Person bespuckt. Und sie läßt verstehen, wieso man mit einem Gebäude wie dem World Trade Center eine ganze Nation treffen kann (unabhängig von der Zahl der Toten!)

78 Das einfache Ichgefühl setzt keine Reflexion und keine Phantasie voraus. Es wird schon spürbar in der emotionalen Subjektivierung der Wahrnehmungswelt. Es ist Schauplatz meiner Widerfahrnisse, Nullpunkt meiner Perspektive, Quelle des Kraftgefühls, das die Glieder meines Leibes lenkt. I William J AMES synchrone Identität synchrone Identität Me Eine bedeutsame Konsequenz der syn- chronen Identität betrifft das Ich-Erleben. Aber es hat eben Hintergrundcha- rakter, es ist keine artikulierte Figur. Und genau das ändert sich auf dem Phantasieniveau Denn hier trete ich ja nun auch mir selbst gegenüber. In diesem Sinne hatte bereits William J AMES zwei Aggregatzustände des Ich-Erlebens unterschieden Es ist wieder die synchrone Identität, die beide zu einer Einheit macht.

79 Die synchrone Identität erlaubt auch, sich selbst im Spiegel zu erkennen, was unter Primaten außer uns stimmigerweise nur die Menschenaffen fertigbringen.

80 Menschenaffen sind auch die einzigen Tierprimaten, bei denen es Anzeichen für synchrone Identifikation mit Anderen gibt. Die Aufnahme stammt von Wolfgang K ÖHLER. Zu beachten ist die Arm- bewegung des Zuschauen- den. Noch bei einem Pa- vian wäre sie unmöglich. Menschenaffen sind demgemäß auch die einzigen in der Primatenreihe, bei denen wirklich Imitation von Handlungsmustern nachgewiesen ist.

81 Zu den Implikationen der synchronen Identität für die Empathie-Thematik kann ich hier nur auf die diesbezügliche Veröffentlichung meiner Frau verweisen.

82 Vorhin wurde gesagt, daß die kognitiven Neuerwerbe das archaische Motivinventar nicht etwa überflüssig machen, sondern differenzieren. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen. Die zielbildende Endhandlung besteht hier in spektakulärer Kraftdemonstration (Imponierverhalten) bis hin zur physischen Attacke. Machtmotivation beobachten wir schon auf dem Niveau der sozialen Wirbeltiere weit unterhalb der Menschenaffen. Mit steigender Entwicklungshöhe verschiebt sich der Akzent aber auf die zielbildende Endsituation. Diese läßt sich beschreiben als das Klein-und-Häßlich-Werden des Gegners; es ist angesprochen ebenso in W EINBERGER s Ausspruch, das "Empire of Evil" (damals noch die Sowjetunion) solle "with a whimper" in sich zusammensacken, wie, aus der Perspektive der Terroristen, im Anblick der einstürzenden Twin Towers.

83 Me I Sobald sich zum I aber eine Me- Perspektive gesellt, bekommt das Bedürfnis, die eigene Kompetenz zu spüren, einen objektivierbaren Kondensationskern. Aus der Macht-Thematik spaltet sich dann das Geltungsstreben und die Kompetenzmotivation ab. K ÖHLER berichtet von seinem Star-Schimpansen Sultan, der aufgeregt zuschauen mußte, wie dumm sich ein anderer anstellte, dem es einfach nicht gelang, eine Banane mit einem Stock durchs Gitter zu angeln. Schließlich durfte er es selbst versuchen, löste die Aufgabe im Handumdrehen, verzehrte die Banane dann aber nicht etwa, sondern überreichte sie herablassend dem armen Teufel.

84 Mensch Mensch Menschen- affen einfache Wirbeltiere Das alles können also schon die Anthropoiden. Worin besteht nun aber der qualitative Sprung, zur spezifisch menschlichen Verhaltensorganisation?

85 Prioritätenregelung Ich möchte die These vertreten, daß das etwas mit dem motivdynamischen Problem der Prioritätenregelung zu tun hat. Unterhalb der Menschen setzt sich von zwei konkurrierenden Antrie- ben einfach der stärkere durch, der andere wird solange gehemmt, bis der überlegene seine Spannung abgebaut hat. Diese Art Management ist nun aber nicht unbedingt die eleganteste. Man könnte ja auch beide Antriebe blockieren und zunächst einmal prüfen, wie einfach jeder von ihnen zu befriedigen ist.

86 jetzt später Falls die äußeren Umstände jetzt gerade dem schwächeren Antrieb günstig sind, dann ist es doch besser, ihn bevorzugt zu erledigen. Die kurze Verzögerung tangiert den stärkeren kaum.

87 Die Idee klingt bestechend;und sie liegt offenkundig den Erwartungs Wert-Theorien zugrunde, die aber nicht bedenken, daß diese Strategie als generelles Organisationsprinzip der Motivation gar nicht in Betracht kommt, da sie apparativ so aufwendig ist, daß erst der Mensch (im Alter von > 4 Jahren) sie verwirklichen kann. Die Methode verlangt nämlich, daß Antriebsziele in eine zeitliche Ordnung gebracht werden.

88 jetztfrüherspäter Das gilt noch für das Eichhörnchen, das eine Nuss vergräbt, weil es ihm Spaß macht, Nüsse zu vergraben, und nicht etwa, weil es an künftigen Hunger denkt. Tiere, die nur Schemata wahrnehmen, benötigen überhaupt noch kein Zeitbewußtsein. Sie reagieren einfach instantan auf aktuelle Reize. Was wissen wir über die Phylogenese des Zeitverständnisses? Die Zeitachse wird erstmals durch die diachrone Identität in Anspruch genommen, die immerhin ein Stück weit in die Vergangenheit lotet. Mit der Erfindung der Phantasie beginnt dann auch die Eroberung der Zukunft.

89 An der Elfenbeinküste lebt ein Schimpansengruppe, die manchmal in ein Gebiet wandert, wo bestimmte Nüsse wachsen, deren Schale so hart ist, daß man Steine braucht, um sie aufzuschlagen. An der Elfenbeinküste lebt ein Schimpansengruppe, die manchmal in ein Gebiet wandert, wo bestimmte Nüsse wachsen, deren Schale so hart ist, daß man Steine braucht, um sie aufzuschlagen. Steine gibt es aber nicht im Nußrevier, und daher nehmen die Tiere vorsorglich welche mit! Steine gibt es aber nicht im Nußrevier, und daher nehmen die Tiere vorsorglich welche mit! Der Fußmarsch dauert bis zu einer halben Stunde; Das ist eine beachtliche Antizipationsleistung! Der Fußmarsch dauert bis zu einer halben Stunde; Das ist eine beachtliche Antizipationsleistung! Die Pointe ist nun die: Wenn die Schimpansen satt sind, werfen sie die Steine weg! Die Pointe ist nun die: Wenn die Schimpansen satt sind, werfen sie die Steine weg! Nichts deutet darauf hin, daß sie sie für künftigen Hunger beiseitelegen. Nichts deutet darauf hin, daß sie sie für künftigen Hunger beiseitelegen.

90 Primärzeit Der gesamte erlebte Zeitablauf, von der Erinnerung bis zur Antizipation, bleibt eingebettet in den aktuellen Appetit auf Nüsse. Sobald dieser Trieb dann befriedigt ist, drückt das Coping-System gewissermaßen auf eine "Clear"-Taste, und dann wird der Bildschirm der Phantasie gelöscht. Für diese Art von Zeiterleben verwende ich den Ausdruck Primärzeit, angelehnt an den Primärprozeß, mit dem F REUD eine Handlungsorganisation meint, die ganz unter dem Druck des aktuellen Triebes steht.

91 Auch die Primärzeit implodiert jetzt wieder zu ausdehnungsloser Präsenz. Sobald dieser Trieb dann befriedigt ist, drückt das Coping-System gewissermaßen auf eine "Clear"-Taste, und dann wird der Bildschirm der Phantasie gelöscht.

92 + Phantasie Die Phantasie beschränkt sich bei uns nicht auf den Entwurf von Coping-Strategien zu aktuellen Antrieben, eingebunden in die Primärzeit und fixiert auf das vordergründige Triebziel. Und das ist beim Menschen eben anders. Unsere Vorstellungskraft vermag vielmehr zu prüfen, wie es nach dessen Erledigung weitergehen würde, welche Veränderungen der Situation bevorstehen und welche neuen Antriebslagen das aktivieren wird. Zuvor fungierte die aktuelle Antriebslage als alleiniger Organisator der Phantasie. Das bedeutet: Ein solches System erfordert nicht, daß man sich Motive vorstellen kann, die man im Moment nicht hat.

93 Dafür kommt nur eine Art von affektfreiem Hintergrundwissen in Betracht, das den objektiven Ablauf des Weltgeschehens dokumentiert und extrapoliert. Wenn es aber darum gehen soll, sich neben dem aktuellen Motiv auch noch künftige Antriebslagen vorzustellen, dann bedarf es dazu eines Meta-Organisators, der die Antriebe ihrerseits in eine Ordnungsform einbindet, – gewissermaßen eines Bezugssystems für Bezugssysteme. Das ist eine andere Art der Kommunikation als die unter Tieren, die sich wechselseitig nur ihre Affekte signalisieren. Hier geht es um die Mitteilung von Sachverhalten, die gemein- sam ein verläßliches Gerüst der Weltorientierung liefern sollen. Dieses Wissen aus unzähligen Bausteinen geduldig aufzubauen, würde aber das einzelne Individuum überfordern; hierfür bedarf es der Kommunikation mit anderen.

94 . Dazu gäbe es natürlich viel mehr zu sagen, aber das wäre das Thema einer eigenen Präsentation. Die Menschenaffen besitzen bereits protosprachliche Kompe- tenzen, die ihnen die Mitteilung von Sachverhalten ermöglichen. Aber sie sind hierzu nicht intrinsisch motiviert. Es war offenbar nicht der Selektionsvorteil der Kommunikation, sondern der des produktiven Denkens, der die kognitiven Module entstehen ließ, mit deren Hilfe sich trainierte Schimpansen mit ihren Pflegern verständigen. Erst beim Mensch haben sich diese Module zu einem Kommunikationsmittel weitergebildet.

95 Aber je flexibler der kognitive Apparat ist, desto mehr ist er auf Veridikalität angewiesen, sodaß das Weltgerüst insgesamt doch am brauchbarsten ist, wenn es die objektiven Verhältnisse verzerrungsfrei wiedergibt. Wie veridikal (wirklichkeitsgerecht) muß das Weltgerüst sein? Das ist keine triviale Frage; denn die ultima ratio der Kognition ist nicht wissenschaftliche Objektivität, sondern die Fitness. Vor allem in der sozialen Welt können gemeinsam geschaffene und geglaubte Fiktionen oft recht überlebenstauglich sein. Das ist dann das, was man auch als cold cognition bezeichnet.

96 Sekundärzeit Wesentlich ist nun, daß sich das Weltgerüst in der Zeit entfaltet. Aber die Primärzeit wäre da unbrauchbar, da sie an den aktuellen Antrieb gebunden bleibt und mit diesem wieder kollabiert. Wir brauchen ein Zeitgefühl nach dem Modell des Raumgefühls, einen Zeit-Raum, eine Art Filmrolle, die das zeitliche Nacheinander in eine geordnete Folge von reversibel abrufbaren Adressen kodiert. Diesen Zeitspeicher kann man analog als Sekundärzeit bezeichnen.

97 exekutive Kontrolle Sekundärzeit Die Einträge in diesen Speicher müssen derart mit Verbindlichkeit geladen sein, daß sie und ihrerseits Antriebe aktivieren können. ebenso wie echte Wahrnehmungen das Detektorsystem der Antriebe ansprechen Neben der aktuellen Thematik werden nun andere emotionale Handlungsorgani- satoren vorhersehbar, die sich erst an einem künftigen Ereignis entzünden werden. Aber diese beruhen eben nur auf vorgestellten Fakten; und damit sie überhaupt eine Chance haben, mit den aktuellen Affekten zu konkurrieren, muß das energetische Gefälle zwischen beiden abgebaut werden. Hierzu wird der aktuelle Antrieb unter Hemmung gesetzt, was man heute "exekutive Kontrolle" nennt.

98 exekutive Kontrolle Sekundärzeit Diese Ausstattung ermöglicht es uns, der Nötigung des Jetzt zu entrinnen und für eine künftige Thematik Vorsorge zu treffen, also z.B. Feuer zu unterhalten, was ja nur funktioniert, wenn ich Holz schon sammle, solange ich noch nicht friere.

99 Als nächstes müsste man nun eigentlich die Konzepte und Theorien der modernen, kogni- tivistisch orientierten Motiva- tionspsychologie in die skiz- zierte Struktur eintragen oder von ihr aus problematisieren. Aber die Vortragszeit ist abgelaufen; ich muß dieses Geschäft also Ihrer eigenen Kreativität überlassen.

100 exekutive Kontrolle Sekundärzeit Erwartung Hoffnung Befürchtung Sorge Resignation Verzweiflung Sie werden selbst überblicken, daß diese abermalige kognitive Erweiterung eine Fülle von Zusatzmechanismen erfordert, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Differenzierung der Antriebspalette. Beispielsweise wird nun eine Gruppe neuer, speziell auf die Sekundärzeit bezogener Emo- tionen erforderlich, deren anthropologischen Sonderstatus übrigens bereits L ERSCH mit sicherem phänomenologischen Gespür heraus- gearbeitet hat: er nennt sie Schicksalsgefühle Diese sind später bei H ECKHAUSEN zu Hoffnung und Furcht (richtig müsste es Befürchtung heißen!) rudimentiert.

101 Auf der Schimpansenstufe wurde sie bereits Identität diachron synchron permanent Auch die Identitätskategorie mußte erneut umgebaut werden. Auf der Schimpansenstufe wurde sie bereits vom diachronen in den synchronen Status erweitert. Die Bausteine des Weltgerüstes aber benötigen Trajek- torien, die die momentane Antriebslage transzendieren. Tierisches Zeiterleben ist bestenfalls eine Kette kurz- gliedriger, thematisch homogener Episoden. Der Mensch aber erfährt seine Welt als ein Skelett von Tatsachen, deren Lebensdauer nicht davon abhängt, ob die Antriebslage fortdauert, in der sie ins Bewußtsein traten. Man kann diese dritte Form der Identität die permanente nennen.

102 Auch das Ich wird durch die permanente Identität zur zeitüberdauernden Tatsache. Ich muß mich selbst ja als etwas Überdauerndes im Wechsel meiner Motivlagen wahrnehmen. Der sozialpsychologische Identitätsbegriff basiert auf dieser Umformung, und vieles mehr, Unter anderem leider auch die Überzeugung, daß die eigene Identität nie zuendegehen kann, sodaß Menschen um jenseitiger Belohnung willen auch Selbstmord begehen können. Meine Identität muß also zur Vergangenheit wie zur Zukunft hin grenzenlos offen sein, woraus sich dann ab der Adoleszenz das Bedürfnis ergibt, meine Wurzeln in einer familiären, kulturellen, allenfalls mythischen Vergangenheit zu suchen und die Zukunft über den Tod hinaus zu extrapolieren.

103 Evolution Ich hoffe aber, daß es mir gelungen ist, ein evolutionäres Bezugssystem zu skizzieren, das uns er- möglicht, die Architektur der Motivation gewissermaßen von ihren Jahresringen her zu begreifen. All das weiterzudenken, muß und darf ich Ihnen überlassen.


Herunterladen ppt "Es ist eine gute Heuristik, sich zu fragen, wie wir selbst den menschlichen Organis- mus entworfen hätten, wenn wir in der Rolle seines Konstrukteurs gestanden."

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