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Funktionaler Analphabetismus in Deutschland – das Stillschweigen der Mitwisser Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg.

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Präsentation zum Thema: "Funktionaler Analphabetismus in Deutschland – das Stillschweigen der Mitwisser Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg."—  Präsentation transkript:

1 Funktionaler Analphabetismus in Deutschland – das Stillschweigen der Mitwisser Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg

2 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Kapitel Funktionaler Analphabetismus in Deutschland Mitwissen bei Beschäftigungsträgern und Sozialen Diensten PIAAC – Weiterbildungsbeteiligung nach Levels Seite 2

3 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Funktionaler Analphabetismus in Deutschland 1.LEO – 14,5% der Bevölkerung im unteren Bereich des Level One, das entspricht 7,5 Millionen funktionalen Analphabet/inn/en 2.PIAAC - über 17% der Bevölkerung im Level One, internationaler Vergleich, in anderen Ländern auch im Zeitvergleich. Norwegen und Kanada erleben Absinken der Durchschittswerte – Composite Effects? Alternde Bevölkerung? Zunehmende Einkommensspreizung und Armut? 3.CiLL – Ältere (65-80) erreichen im Durchschnitt 236 statt 270 Punkte (16- 64), das sind 34 Punkte oder fast eine volle Kompetenzstufe oder so viel wie die Differenz von Japan bis Spanien. Age matters! 4.Umfeldstudie (mitwissendes Umfeld): Stillschweigen der Mitwisser Seite 3

4 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Literalität, Level One, Alpha-Levels α1α1 α2α2 α3α3 α4α4 I = Level One IV / V III II

5 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg leo. auf einen Blick AES mit leo.-Testheft: deutsch sprechende Bevölkerung (n=8.436) Ergebnis: 7,5 Mio fkt. Analphabet/inn/en, davon liegen… 0,3 Millionen auf Alpha-Level 1 (Buchstabe) 2,0 Millionen auf Alpha-Level 2 (Wort) 5,2 Millionen auf Alpha-Level 3 (Satz) Plus 13,3 Millionen auf Alpha-Level 4 (Text)

6 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg So sieht funktionaler Analphabetismus aus:

7 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Struktur des funktionalen Analphabetismus 80% mit Schulabschluss, 60% Männer, 70% deutsche Staatsangehörige, 58% mit deutscher Erstsprache, 57% mit Arbeitsplatz (alle: 66%), 41% arbeiten Vollzeit (alle: 47%)* 58% leben in einer Ehe (alle: 58%), 51% mit Kindern (alle: 47%), ca. 1/3 über Fünfzig (alle: 1/3). *von den erwerbstätigen f.A. sind 1,7% im zweiten Arbeitsmarkt beschäftigt.

8 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg So fühlt sich funktionaler Analphabetismus an: 7H15 M3554G3 53RV35 7O PR0V3 H0W 0UR M1Nd5 C4N D0 4M4Z1NG 7H1NG5! 1MPR3551V3 7H1NG5! 1N 7H3 B3G1NN1NG 17 WA5 H4RD BU7 N0W, 0N 7H15 LIN3 Y0UR M1ND 1S R34D1NG 17 4U70M471C4LLY W17H 0U7 3V3N 7H1NK1NG 4B0U7 17, B3 PROUD! 0NLY C3R741N P30PL3 C4N R3AD 7H15.

9 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Kleingärtner (2010) Aufregung im Verein wegen fehlender Einladung zur Mitgliederversammlung. Stellv. Vorsitzende krank, Vorsitzender soll endlich einladen. Einladung folgt zu spät, ist lediglich als Termin vor dem Vereinshaus ausgehängt. MV platzt. Stellv. Vorsitzender ist wieder gesund. MV folgt. Mitwisser? Betroffener?

10 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen-Vorstudie – Beschäftigungsträger Über 66% der 352 Befragten einer nichtrepräsentativen Mitwissen-Vorstudie bei Beschäftigungsträgern kennen jmd, der nicht gut schreiben kann. Sie sprechen das Thema nicht an. Sie schicken den Betroffenen nicht zur WB. Sie kennen weder Alpha-Telefon noch ich-will-lernen.de. Vernetzung ist daher unabdingbar, Verweisstrukturen der sozialen Beratung, Bildungssektoren, Arbeitsmarktakteure (front desk) NL-Beispiel: Screening am Front Desk, dann Angebot >> neue TN! (Maurice de Greef, Screening ginge auch via leo.-app, (iPhone & Android)

11 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen-Nebenstudie – Soziale Dienste Erhebung Februar / März 2014 in der Schuldnerberatung, Ambulanten Hilfe, Migrationsberatung und Wohnungslosen-Tagesaufenthaltsstätte zweier großer, anerkannter Träger in Hamburg (über 50% der 68 Befragten kennen jemanden) Erster Eindruck: Die dort aufzufindende Klientel kann insgesamt ein passend zugeschnittenes Weiterbildungsangebot gut brauchen, sehr wenige verfügen über einen PC, digitale Kompetenzen liegen völlig brach. Frage nach Mitwissen: Überraschend oft offen und mit ausführlicher Erzählung beantwortet. Seite 11

12 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Stichprobe Stichprobe: 68 Personen, die mit dem Existenzminimum auskommen müssen Testung bei Tagesaufenthaltsstätte, Schuldnerberatung, Migrationsberatung, Sozialberatung Teil 1: Items zu Rechnen im Bereich Finanzieller Grundbildung Teil 2: Hintergrund-Fragebogen incl. Skills Use Teil 3: Fragen zu funktionalen Analphabet/inn/en (Mitwisser-Fragen)

13 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen – Inzidenz Kennen Sie Personen in Ihrem Umfeld, die nicht gut schreiben oder das Lesen und Schreiben vermeiden? AnzahlenAnteil Ja 3145,6% Ich vermute es nur 57,4% Nein 1927,9% Keine Angabe zu dieser Frage 1319,1% Hohe Inzidenz: über 50% (inkl. der Vermutungen) Der Wert ist in der Höhe vergleichbar mit den Ergebnissen der Mitwisserbefragung im Rahmen der Verlinkungsstudie (bei Beschäftigungsträgern)

14 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen – Offen oder verdeckt? Woher wissen Sie, dass die Person nicht gut lesen und schreiben kann? [n=36] AnzahlenAnteil Die Person hat es mir gesagt 925,0% Die Person hat es mir auf Nachfrage bestätigt 925,0% Habe es gemerkt, die Person aber nicht angesprochen 616,7% Keine Angabe zu dieser Frage 1233,4% Weiß die Person, das Sie von den geringen Lese- und Schreibfähigkeiten wissen? [n=36] AnzahlenAnteil Ja 1233,3% Ich weiß es nicht genau 411,1% Nein 1027,8% Keine Angabe zu dieser Frage 1027,8%

15 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen – Erklärungsversuche Woran, vermuten Sie, liegt es, dass die Person nicht gut lesen und schreiben kann? [n=36, Mehrfachantworten] Anzahlen Die Person ist zwar zur Schule gegangen, hat es aber nie richtig gelernt 13 Die Person hat eine andere Muttersprache als Deutsch 8 Die Person hat nicht die Schule besucht 7 Die Person hatte einen Unfall oder Krankheit 4 Die Person hat eine Behinderung 2 Fehlende Übung 2 Familiäre Gründe 2 Hohes Alter der Person 1 Weiß nicht 2 Keine Angabe zu dieser Frage 4

16 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen – Perspektiven Anzahl und Anteile der Befragten, die Hilfemöglichkeiten kennen (Mehrfachnennungen möglich) Mitwisserinnen und Mitwisser [n=36] Alle Befragten [n=68] Kurse 3083,3%4769,1% Online-Portal 616,7%710,3% Alfa-Telefon 411,1%57,4% Unabhängig vom Mitwissen: Es ist mehrheitlich bekannt, dass es Lese- und Schreib-Kurse für Erwachsene gibt. Wer persönlich im Umfeld mit dem Phänomen in Kontakt steht, ist darüber noch besser informiert. Die Kenntnis des Online-Portals und des Alfa-Telefons sind dagegen weitaus schwächer ausgeprägt.

17 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Mitwissen – Perspektiven Glauben Sie, das er/sie etwas an der Situation verbessern möchte? [n=36] Anzahlen Ja 12 Ich weiß es nicht genau, kann es nicht einschätzen 4 Nein 10 Keine Angabe zu dieser Frage 4 Aber: nur drei der Mitwisser/innen haben ihre Bekannten auf Kurse aufmerksam gemacht. Das Wissen über Kurse einerseits und Lernbereitschaft andererseits führt nur selten zur Kursempfehlung. Im Schnitt sieht das dann so aus…

18 18 Likelihood of participating in adult education and training, by level of literacy proficiency (Folie aus Andreas Schleichers’ OECD-Präsentation vom via Slideshare) Reference group: Below Level 1 Odds Ratio Höchstliteralisierte haben in DE eine achtmal so hohe Wahrscheinlichkeit sich weiterzubilden als diejenigen unter Level 1. Vergleicht man mit unter/auf Level 1, bleibt die Chance dreifach.

19 Literacy proficiency by immigration background

20 172 Literacy proficiency by immigration background

21 172 Literacy proficiency by immigration background

22 Level 2 22 Literacy skills and age Age Score Literacy unadjusted Numeracy unadjusted Adjusted Curves entfernt, Anstieg im vorderen Bereich entfällt bei Kontrolle der Variablen Bildungsstand und Sprache, A.G.

23 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg PIAAC-Analysen für drei ausgewählte EU-Länder European Literacy Network (ELINET) Analysen: Anke Grotlüschen Durchschnittswerte Literalität für diese Länder GER:270(SE 0,92) (wir) NO:278(SE 0,61) (signifikant besser als wir) UK:272(SE 1,02) (nicht signifikant anders als wir) Int.av. dieser drei Länder: 274 (SE 0,50) Seite 23

24 Gender Distribution on Level One PIAAC GER: mehr Frauen auf Level One mit 53% Frauen: 47 % Männer – LEO: mehr Männer auf Level One mit 40% Frauen: 60 % Männer, was bedeutet das?

25 Alter auf Level One folgt der Bevölkerungsverteilung, hier achtgeben! (s.220)

26 Employment Status on Level One 63% beschäftigt, 7% Unemployed. Unemployment alle in GER 5.5%

27 27 Evolution of employment in occupational groups defined by level of skills proficiency (Folie aus Andreas Schleichers OECD-Präsentation vom via Slideshare)

28 Family Status on Level One Brits don‘t marry? Average GER (lt. LEO) is similar

29 Fehlerhaftes Schreiben (a4) - Student 2013

30 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg PIAAC - More Than Meets The Eye. Die folgenden Variablen sind nach Levels ausgewertet und gegen den DE-NO- UK-Durchschnitt abgetragen. Sie stellen eine Auswahl aus den vorhandenen Ursprungsvariablen dar. Es gibt Indices, die sind aber grade für die hier interessierenden Variablen teils weniger aussagestark als die unbearbeiteten Antworten auf die Ursprungsfragen. Seite 30

31 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Auswahl F - Skills Use Work (2 interactive variables (time co-op, sharing info)) F - Skills Use Work (3 cognitive variables (selling, negotiating, planning own work)) F – Skills Use Work (2 hands-on variables (work physically, use hands and fingers)) G – Skills Use Literacy Work (2 variables: Read professional Journals or Publications, Write Letters, Memos or Mails) H – Skills Use Literacy Everyday Life (2 variables Reading Newspapers or Magazines, Reading Books) J - Q08 Number of Books at Home (s.e. around 3.5%)

32 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Fazit: PIAAC - More Than Meets The Eye Von denen, die Literalitätsanforderungen ausweichen, sind unterschiedlich viele dem PIAAC Level One zuzurechnen: 40% derer, die keine Bücher haben, keine Bücher lesen, weder Zeitung noch Illustrierte lesen, sind auf Level One 30% derer, die nie Arbeitsbesprechungen abhalten und nie freie Texte schreiben, sind auf Level One 20% derer, die nie verkaufen, nie planen, nie verhandeln, nie Fachzeitschriften lesen, sind auf Level One Was bleibt? Deutlich über 20% derer, die körperlich arbeiten, sind auf Level One.

33 Prof. Dr. Anke Grotlüschen Universität Hamburg Zusammenfassung Funktionaler Analphabetismus in Deutschland 7,5 Mio. normale Leute plus ca. 15 Mio. Mitwissende Mitwissen bei Beschäftigungsträgern (66%) und Sozialen Diensten (50%), Mitwissen ist verbreitet (30% oder mehr – je nach Zirkel) Mitwissen ist nicht immer aus erster Hand (Small World Theory) Mitwissen ist häufig offen, ohne Tabu, und folgenlos Nichtoffenes Mitwissen existiert Mitwissende Berufs- und Personengruppen (folgt bald…) Mitwissen führt nicht zu Weiterbildung Mitwissen führt zu erhöhter Kenntnis der Angebote, Kampagne kann mehr erreichen Gatekeeper sollten nicht Gatecloser, sondern Gateopener sein. Seite 33

34 VIELEN DANK FÜR IHRE AUFMERKSAMKEIT - All national and international publications, auch die Folien von Andreas Schleicher - leo.-app (iPhone und Android), leo.- News, lea.-Diagnostik etcetera


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