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Das Becken der Frau im späten Wochenbett Wenn Monate nach der Geburt noch Schmerzen und Schwäche zurückbleiben Herbstfortbildung 2015, Hebammenverband.

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1 Das Becken der Frau im späten Wochenbett Wenn Monate nach der Geburt noch Schmerzen und Schwäche zurückbleiben Herbstfortbildung 2015, Hebammenverband Sektion Bern Helene Gschwend MSc Hebamme

2  Die Zunahme der geburtshilflichen Interventionen und deren Folgen für die Gesundheit von Frauen  Der Körper der Wöchnerin im späten Wochenbett  die Nachkontrolle sechs Wochen nach der Geburt  Die Bedeutung des Rückbildungskurses im Rahmen der Exogestation  Schwangerschafts- und geburtsbedingte Veränderungen am Becken und den umliegenden Strukturen

3 Interviewpartnerinnen  Sarah: 38 Jahre, 4. Kind, Notfallsectio, nach 3 vaginalen Geburten mittels PDA, Beschwerden: Schmerzen und Taubheitsgefühl an der Sectio-Narbe, Beckenbodenschwäche Interview: 8 Monate nach der Geburt  Anna: 33 Jahre, 2. Kind, Status nach IUFT in der 32 SSW, vag. Geburt, Einleitung in der 38. SSW, grosse Episiotomie, Labienrisse Beschwerden: Symphysenlockerung und Rektusdiastase Interview: 11 Monate nach der Geburt  Lina: 30 Jahre, 1. Kind, vag. Geburt, Syntocinon in der Übergangsphase, Blutverlust > 500 ml, DR II, Labien- und Vaginalrisse Beschwerden: Senkungsbeschwerden, Beckenbodenschwäche, Interview: 9 Monate nach der Geburt

4 Die Zunahme der geburtshilflichen Interventionen und deren Folgen für die Gesundheit von Frauen  gesundheitliche Beschwerden stehen oft in einem Zusammenhang mit einer interventionsreichen Geburt. Bick/MacArthur (1995), Glazener et al. (1995), Heller (2001), Thompson et al. (2002), Bick et al. (2004) und Glazener et al. (2013)

5 Zahlen aus der Schweiz Spontangeburten  %  ,7 % Instrumentellen Geburten (Vacuum / Zange)  %  % Sectiorate  %  % (Hanselmann/ von Greyerz 2013:11)

6 Der Körper der Wöchnerin  Es gibt nie mehr eine völlige Wiederherstellung des körperlichen Zustandes zu dem vor der Schwangerschaft, jede Schwangerschaft und Geburt hinterlassen mehr oder weniger Spuren im Körper einer Frau. Rockenschaub (2005:411)  «bereits nach der Spontangeburt des ersten Kindes kommt es zu einer Abnahme der Muskeldicke des Levator ani, verbunden mit Zunahme der Weite am Hiatus genitalis» Heller, (2001:82)

7 Foto: H. Gschwend, 2015

8 Die postpartale Nachkontrolle  Körperliche Veränderungen und Leiden manifestieren sich bei der Wöchnerin oft erst sechs Wochen nach der Geburt oder später. Saurel-Cubizolles et al. 2000, Schytt et al. 2005, Schäfers 2011

9  je länger die Geburt zurückliegt, desto weniger professionelle Hilfe erhalten Mütter mit geburtsbedingten Beschwerden. Glazener et al.1995 und Brown & Lumley 2000

10  Frauen sprechen nicht über intime Probleme, wenn sie nicht danach gefragt werde, sie brauchen eine Vertrauensperson, mit der sie über ihr körperliches Befinden sprechen können. Glazener et al. (1995), Brown/Lumley (2000) Mason et al. (2001), Gunn et al. (2003)

11  «…aber mit ihm will ich nicht darüber sprechen, wie ich mich fühle und wie ich mich offen fühle, wie ich psychisch nicht klar komme, mit ihm will ich nicht über diese Dinge sprechen» (Lina)

12  Mit der Sechswochenkontrolle endet in der Schweiz die medizinische Versorgung der Wöchnerin  Es fehlen spezifische Angebote für „späte Wöchnerinnen“.  Zur Erfassung von physischen und psychischen Beschwerden nach der Geburt ist ein differenziertes Gesundheits-Assessment zu verschiedenen Zeitpunkten bis zu einem Jahr nach der Geburt erforderlich.

13 Die Bedeutung des Rückbildungskurses während der Exogestation  Bewegungsübungen zur Rückbildung nach der Geburt sind eine medizinisch orientierte Hilfe mit dem Ziel, dass die Frau ihr körperliches, psychisches und emotionales Gleichgewicht wieder erlangen kann.  Rückbildungsgymnastik erfordert eine qualifizierte Ausbildung, um die anzuwendenden Techniken und Massnahmen einer Behandlung auf den individuellen Befund jeder Wöchnerin abstimmen zu können.  Rückbildungsgymnastik in der Gruppe hat einen festen Stellenwert in der Prophylaxe von postnataler Depression  Sie trägt dazu bei, dass Frauen als Mütter ein Netzwerk bilden können.

14  „über den Austausch war ich positiv überrascht, das habe ich gar nicht gedacht, dass das auch noch sehr eine Hilfe ist, auch in Bezug auf den Körper, aber auch darüber hinaus, auch mit den Kindern, so ein wenig das Schicksal teilen.“(Lina)

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17 Strukturverletzungen am Becken nach der Geburt  «die einzelnen Elemente des knöchernen Beckengürtels sind voneinander abhängig, jede Störung beeinträchtigt die mechanische Festigkeit des Beckenrings. Die Auswirkungen dieser Störungen können dann ebenso die Weichteilstrukturen mit einbeziehen, wie umgekehrt Verletzungen/Überdehnungen der Weichteilstrukturen (zu denen auch die Organe des kl. Beckens gehören) massive Beschwerden und Probleme an den Gelenkverbindungen des knöchernen Beckenrings zur Folge haben können». Zitat: Heller A., 2015, nach der Geburt, Wochenbett und Rückbildung, Thieme Verlag

18 Fragen  Seit wann haben Sie Schmerzen?  Wo genau haben Sie Schmerzen  Bei welchen Aktivitäten?  Wie war der Geburtsmodus (Interventionen)?  Wie war die Geburtsposition?  Gewicht des Kindes?

19 Steissbein

20  Viele Weichteilstrukturen des kleinen Beckens haften am Steissbein  Geburtsbedingt kommt es häufiger zu einer Positionsverschiebung des Steissbeins, als zu einer Fraktur.  Frakturen gibt es eher nach Unfällen  Es gibt Menschen, die durch eine Steissbeinfraktur inkontinent werden.  Wenn sich die Steissbeinspitze dem Schambein nähert, sich also nach ventral verschiebt, entspannen sich alle muskulären und faszialen Strukturen, somit ist der Halt der Organe des kleinen Beckens nicht mehr gewährleistet. Dies kommt mit 80% am häufigsten vor. (Heller 2015)

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22 Symphysenlockerung

23 Symphysenlockerung- Verschiebung  Die Symphysenlockerung ist ein Phänomen, das oft bereits in der Schwangerschaft auftritt  Symphysenlockerung ist mit Schmerzen und Instabilität verbunden  Eine Symphysenlockerung begünstigt eine Urininkontinenz  Die Frau ist längerfristig in den Aktivitäten des täglichen Lebens eingeschränkt

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25 Therapie  Eine Kompressionsunterstützung für den Beckenring ist bei Verletzungen/Verschiebungen knöcherner und faszialer Strukturen absolute Indikation  Druckverstärkung mit dem Serola-Beckengürtel (www.sissel.ch) über beide Trochanter zur Unterstützung der Symphyse

26  «Die Symphyse spüre ich nach wie vor als dumpfen Schmerz, so wie wenn ich umgefallen wäre und mir weh gemacht hätte, […] es ist halt so wie Kopfschmerzen die immer da sind.»  «Wenn ich lange gehe, wenn ich zwei drei Stunden mit dem Kinderwagen unterwegs bin […] ja und immer noch nach 11 Monaten, manchmal denke ich, das begleitet mich wohl ein Leben lang.» Anna; 33, St. nach IUFT; 2 Kind, Einleitung Zitate aus Masterarbeit, Gschwend 2013

27 Die Rectusdiastase  ein verlängerter, überdehnter Bauchmuskel der seine Verlaufsrichtung verlassen hat, kann sich nicht gemäss seiner vorgegebenen Funktion bewegen.

28 Foto: H. Gschwend

29  „[…] und was, was jetzt noch bleibt ist halt …ist der Bauch, den spüre ich, dass ein Loch da ist….und ich spüre es in diesem Sinne, wenn ich einen Druck darauf habe oder wenn es „getapt“ ist, z.B. wenn ich es wegnehme (das Tape) dann habe ich wie das Gefühl, als wenn alle Organe raus kommen würden….[…] und das ist wie ein …Wasserfall, der raus kommt manchmal…… und das…. ist das was mich jetzt noch beunruhigt, 9 Monate danach, dass der Körper, eben dass der Bauch, dass noch etwas zurückgeblieben ist….aber das ist mehr so ein Gefühl, es ist kein Schmerz […]“(Anna) Anna; 33, 2 Kind, SG, St. nach IUFT; Zitate aus Masterarbeit, Gschwend 2013

30 Senkungsbeschwerden Typische Symptome sind:  Harninkontinenz  haltloses Gefühl, als ob die Organe raus fallen würden  Gefühl, ständig etwas zwischen den Beinen zu haben.  Rückenschmerzen  Schweregefühl im Becken  Dyspareunie, oder Geschlechtsverkehr ist gar nicht mehr möglich

31  «Und dann mit dem Gefühl nach unten, wirklich sehr so das Gefühl, ich kann mich … ich habe mich nicht unter Kontrolle, ich kann mich nicht halten, ich kann, ich falle… mir fallen die Organe raus, ich verliere etwas, ich versuche es zu halten, aber es klappt nicht… ja so das sehr Offene sehr Verletzliche, ja» (Lina)

32 Kaiserschnittnarbe  Durch Schnitte Risse und Dehnungen mit anschliessenden Nähten wird der Unterbauch bis in die tiefsten Schichten des Gewebes geschwächt. Heller, 2012  Der sagittale Beckenboden und der Unterbauch sind Synergisten.

33 Foto: H. Gschwend, 2015

34 Der Körper erinnert sich  Sarah: „…ich crème mich immer ein mit dieser weissen Crème (seufzt) und es ist einfach nie besser, es ist nachher auch z.B. in der Sexualität, wenn M. mir hier so drüber streicht (zeigt neben der Kaiserschnittnarbe in der Leistengegend), geht bei mir gerade der Schalter runter, ich kann es auch nicht erklären […]  I: „[…]und wenn du sagst der Film geht ab, woran denkst du?“  Sarah: „... also ich denke manchmal daran, warum er nicht unten raus kommen wollte, dass mich das so manchmal beschäftigt, warum das nicht gegangen ist.“ Sarah, 4 Kind, Notfallsectio

35 Zentrale Aussagen «Eigentlich hätte ich zuerst gesund werden müssen und dann das Baby haben» (Anna) «Es ist nicht selbstverständlich, dass man den Alltag schmerzlos meistern kann» (Lina) «Ein Prozess der nicht zu Ende ist, die Beschwerden werden mich noch lange begleiten» (Anna) «Ich muss noch weiter dran bleiben» (Sarah) «dass auch sehr kleine Verletzungen sehr aufs Gemüt schlagen können und das Leben beeinträchtigen können» (Lina)

36  Die langfristige Gesundung nach der Geburt ist ein tiefgreifender persönlicher Prozess und kann mit viel Anstrengung verbunden sein  «Etwas das nicht sichtbar ist, ist schwierig zu verarbeiten und zu akzeptieren» (Lina)

37 Schlussfolgerungen  Wöchnerinnen brauchen unterschiedlich viel Zeit, bis sie sich von einer Geburt erholt haben  „[…]es braucht das Verständnis von mir, dass ich viel länger brauche als andere Frauen die das Gleiche erlebt haben[…] “ (Anna)  „ich bin noch nicht ganz zurückgeheilt, dieses Gefühl habe ich“ (Anna)

38 Schlussfolgerungen  Um Frauen vor körperlichen Spätschäden zu schützen, ist eine interventionslose Geburt anzustreben.  Zur Erfassung von Beschwerden ist ein differenziertes Gesundheits- Assessment zu verschiedenen Zeitpunkten bis zu einem Jahr nach der Geburt erforderlich  Es braucht konkrete Betreuungs- und Behandlungsangebote für „späte Wöchnerinnen“

39 Literatur  Brown, Stephanie / Lumley, Judith (1998). Maternal health after childbirth: results of an Australian population based survey. In: British Journal of Obstetrics Gynaecology, 105/1998, 2,  Brown, Stephanie / Lumley, Judith (2000). Physical health problems after childbirth and maternal depression at six to seven months postpartum. In: BJOG International Jour-nal of Obstetrics & Gynaecology, 107/2000, 10, 1194–1201  Bundesamt für Statistik BFS, Eidgenössisches Departement des Innern EDI, Europäischer Bericht zur Perinatalgesundheit, Medienmitteilung, Die Schweiz liegt bis auf wenige Ausnahmen im Durchschnitt (2013). [WWW-Dokument] Verfügbar unter: [Datum des Zugriffs: ].  Bundesamt für Statistik, BFS (2013). Gesundheitsstatistik (2012) [Datum des Zugriffs: ].  Bick, Debra / MacArthur, Christine / Kowles, Helena / Winter, Heather (2004). Evidenzba-sierte Wochenbettbetreuung und - pflege, Praxishandbuch für Hebammen und Pfle-gende. Bern, Göttingen, Toronto, Seattle: Verlag Hans Huberq, Eugene R. / Sakala, Carol / Corry, Maureen P. / Applebaum, Sandra / Herrlich, Ariel (2013). Listening to Mothers III, Pregnancy and Birth, Report of the Third Na-tional U.S. Survey of Women’s Childbearing Experiences, New York Childbirth Con-nection. [WWW- Dokument] Verfügbar un-ter:http://transform.childbirthconnection.org/wp-content/uploads/2013/04/LTM-III_report.pdf [Datum des Zugriffs: ].  DeclercBick, Debra E. / Mac Arthur, Christine (1995). Attendance, content and relevance of the six week postnatal examination. In: Midwifery, 11/1995, 2,  Glazener, Cathryn M. A. / Abdalla, Mona / Stoud, Patricia / Naji, Simon / Tempelton, Allan / Russell, Ian T. (1995). Postnatal maternal morbidity: extent, causes, prevention and treatment. In: British Journal of Obstetrics and Gynaecology, 102/1995, 4,  Glazener, Elders A. / Macarthur C. / Lancashire RJ. / Herbison P. / Hagen S. /, Dean N. / Bain C. / Toozs-Hobson P. / Richardson K. / McDonald A. / McPherson G. / Wilson D. (2013). Childbirth and prolapse: long-term associations with the symptoms and objec-tive measurement of pelvic organ prolapse: In: BJOG, 120,2, 161-8

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