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Brauchen Werte Gott? Religionsunterricht im Kontext von Säkularisierung und Wiederkehr der Religion.

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Präsentation zum Thema: "Brauchen Werte Gott? Religionsunterricht im Kontext von Säkularisierung und Wiederkehr der Religion."—  Präsentation transkript:

1 Brauchen Werte Gott? Religionsunterricht im Kontext von Säkularisierung und Wiederkehr der Religion

2 Brauchen Werte Gott? Titel bezieht sich auf eine Kampagne der Evangelischen Kirche in Berlin für einen Religionsunterricht als Wahlpflichtalternative (anstelle eines allgemein verpflichtenden Ethikunterrichts) Auch sonst ist in der öffentlichen Diskussion eine zunehmende Verbindung der Erziehungsfrage und der Kultur- und Sicherheitspolitik mit dem Christentum und dem “christlichen Menschenbild” zu beobachten (Grundwerteprogramm der CDU; Bündnis für Erziehung).  Avanciert das Christentum wieder zur allgemeinen kulturellen Grundlage? => Welche Folgen hat das für Religionsunterricht und die Ausbildung von Lehrer/innen? © Stephan Sturm 2007

3 Kommentar ZDF-heute-journal, R. Nardi-Nowotnik, Leiterin des Europa- Kindergartens Berlin Klare Regeln für Kinder müssen sein […] und sie müssen früh gelehrt werden, denn Respekt und Toleranz lernen Kinder nicht von allein. Die Erfahrung zeigt, dass sie heute gar nicht mehr wissen, was gut und was nicht gut ist. […] Es ist wichtig, dass man das Gewissen wieder herausbildet. Brauchen wir eine neue Gewissensbildung bei Kindern? © Stephan Sturm 2007

4 Brauchen wir eine gemeinsame Wertbasis für die Integration? Wir können auch Zuwanderer in Deutschland nur integrieren, wenn wir wissen, in welche Wertegemeinschaft wir integrieren wollen. Margot Käßmann, Evangelische Landesbischöfin Hannover © Stephan Sturm 2007

5 Brauchen wir für die Wertevermittlung ein Bündnis von Kirche und Staat? Werte wachsen nicht von selber, sie müssen vorgelebt werden. Es geht um die gemeinsame Verantwortung [der christlichen Kirchen und der Politik] in der Vermittlung von Werten. Ursula von der Leyen, Bundefamilienministerin © Stephan Sturm 2007

6 Schützt das christliche Menschenbild vor Totalitarismus und Selektion? Heiner Geißler, ehemaliger Generalsekretär der CDU im Gespräch mit Bruder Paulus Die schlimmsten Verbrechen der Vergangenheit hängen damit zusammen, dass man den Menschen nicht mehr als solchen gewertet hat, sondern nach Rasse, Klasse, Alter und Geschlecht bewertet hat. In England bekommen Leute ab einem bestimmten Alter keine Bypassoperation und kein Hüftgelenk mehr, d.h. sie werden selektiert. © Stephan Sturm 2007

7 Vermittelt das Christentum exklusiv Werte wie Liebe und Schutz der Schwachen? Prof. Hurrelmann, Jugendforscher, Mitverfasser der Shell-Jugendstudie 2006 Die christliche Wertegemeinschaft betont diesen Wert. Sie achtet sehr darauf, den Schwächeren zu würdigen, ihm Rechte zu geben, eine liebevolle Beziehung aufzubauen, … das kommt aus dem Christentum. © Stephan Sturm 2007

8 Schafft das christliche Menschenbild eine gerechte Gesellschaft? Heiner Geißler, ehemaliger Generalsekretär der CDU im Gespräch mit Bruder Paulus Das christliche Menschenbild steht für die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte und gegen eine Zweidrittelgesellschaft und einen Turbokapitalismus, wo Menschen nach Einkommen, nach Rang, Titeln und Ansehen beurteilt werden. Das christliche Menschenbild steht für eine Gesellschaft, in der alle mit ins Boot genommen werden (Inklusion). © Stephan Sturm 2007

9 Soll das christliche Menschenbild Grundlage der Politik sein? Maßstab ist und bleibt das christliche Menschenbild. Es setzt der Politik Ziele und Grenzen. Denn es steht für die Absage an jedwede Ideologie und für die Entfaltung des einzelnen Menschen nach seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen. Angela Merkel, Bundeskanzlerin © Stephan Sturm 2007

10 Die Geltung des christlichen Menschenbildes endet nicht an den Grenzen Deutschlands, es gilt vielmehr universell. Angela Merkel, Bundeskanzlerin Sollte das christliche Menschenbild weltweiter Maßstab sein? © Stephan Sturm 2007

11 Widerspricht ein Bündnis von Staat und Kirche in der Erziehung der demokratischen und multireligiösen Kultur? Prof. Hurrelmann, Jugendforscher, Mitverfasser der Shell-Jugendstudie 2006 Wir sind von unserer Geschichte her sehr starkvon christlichen Werten geprägt. Aber wir sind ein demokratischer Staat und eine multireligiöse Gesellschaft. Christliche Werte könnennicht den Konsens und die Orientierung für die Erziehung aller Eltern in dieser Gesellschaft abgeben. © Stephan Sturm 2007

12 Grundprobleme im Religionsunterricht: Schüler/innen beurteilen den Unterricht stärker als in anderen Fächern nach der Person des Lehrers/der Lehrerin, Die Schüler/innen erwarten ein stimmiges Gesamtbild der allgemeinpädagogischen und religionspädagogischen Konzepte Die Schüler/innen stellen mehr als in anderen Fächern themenübergreifende Fragen und Fragen nach dem Sinn des Fachs/von Religion überhaupt (=> hohes Zusammenhangswissen, hohe Flexibilität des Lehrers/der Lehrerin gefragt, Bedeutung von Religion in Gesellschaft und im Leben der Schüler unklar => Legitimationsdruck) Die Lernziele sind weniger klar und operationabel wie z.B. in Latein => In diesen Problembereichen spiegelt sich die Problematik der Zuordnung von Religionspädagogik und Allgemeinpädagogik (wie sie auch in den religionspädagogischen Konzepten leitend ist) und damit letztlich des Verhältnisses von Religion und Kultur. © Stephan Sturm 2007

13 In der gegenwärtigen Diskussion dominiert eine Zuordnung von Religion und Gesellschaft, das klassische kulturhermeneutische Ansätze aus der Tradition der liberalen Theologie für die Praxis der Wertvermittlung nutzen will. Die Grundargumentation dieses Modells lautet: 1.) Die moderne Gesellschaft ist geprägt von den formalen Werten der Freiheit, der Selbstbestimmung (Aufklärung), der (religiösen) Toleranz und der Demokratie. © Stephan Sturm 2007

14 2.) Toleranz und Demokratie setzen einen Standpunkt in der eigenen Religion voraus, damit man dann auch anderen Religionen offen begegnen kann und gegen Fundamentalismus geschützt ist. Bsp aus der Kampagne “Werte brauchen Gott”: “In unserer globalisierten Welt benötigen sie [die Kinder und Jugendlichen] für eine ethische Orientierung religiöse Kompetenz. Sie müssen in ihrer eigenen Religion zu Hause sein, um auch andere Religionen zu verstehen. Nur so entsteht wirkliche Toleranz.” Bischof Dr. Wolfgang Huber Ratsvorsitzer der Evangelischen Kirche in Deutschland © Stephan Sturm 2007

15 “Die Schülerinnen und Schüler können im Religionsunterricht lernen, lebensförderliche und lebensfeindliche Vorstellungen und Bilder von Gott zu unterscheiden.” Bischöfin Maria Jepsen Nordelbische Evangelisch- Lutherische Kirche © Stephan Sturm 2007

16 3.) Die formalen Werte der modernen Gesellschaft brauchen eine Grundlage in einem materialen (inhaltlich gefüllten) System, das auf mehr verweist als die bloße Geltung der Werte selbst. Bsp aus der Kampagne “Werte brauchen Gott”: “Werte brauchen Gott, weil wir das, was uns wirklich wichtig ist, nicht aus uns selbst schöpfen können. Orientierung und wirklichen Halt finden wir nur an etwas, was mehr vermag als wir.” Friederike von Kirchbach Pröpstin der Ev. Kirche Berlin- Brandenburg-schlesische Oberlausitz © Stephan Sturm 2007

17 3.) Dem Christentum kommt in unserer Gesellschaft eine besondere Bedeutung zu, weil unsere Kultur faktisch vom Christentum stark geprägt wurde. Bsp aus der Kampagne “Werte brauchen Gott”: Stimmt es überhaupt, dass Werte Gott brauchen? Selbstverständlich haben auch Anhänger anderer Religionen oder Atheisten Werte. Für Friedfertigkeit und Nächstenliebe beispielsweise kann man auch eintreten, ohne Christ zu sein. Die christlichen Werte haben aber Bedeutung für unsere gesamte Gesellschaft. Inwiefern? Sie haben unser geistiges und kulturelles Leben geprägt. Bewusst oder unbewusst: Wir handeln nach Prinzipien, die aus der Bibel und dem christlichen Glauben hergeleitet sind. 10 Fragen / 10 Antworten © Stephan Sturm 2007

18 4.) Das Christentum ist nicht nur die historische Wurzel für die Werte unserer Gesellschaft, es bleibt auch das materiale Fundament, aus dem sich die Geltung dieser Werte ableitet. Bsp. aus der Kampagne “Werte brauchen Gott”: “Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde, Toleranz und Achtung, Barmherzigkeit und Nächstenliebe, Frieden und Bewahrung der Schöpfung leiten sich aus der Bibel und den Worten Jesu ab.” 10 Fragen / 10 Antworten © Stephan Sturm 2007

19 Die ethische Begründbarkeit des Modells hängt dabei wesentlich von Argument 4 ab, da die Argumente 1 und 2 für jede Religion gültig sind, Argument 3 aber nur auf historischen Fakten beruht, die keine universale Geltung beanspruchen können. Entscheidend ist also, ob sich nachweisen lässt, dass die Geltung der Werte in der modernen Gesellschaft historisch vom Christentum ausgelöst wurde und auf diese Grundlage weiterhin angewiesen bleibt. Problem dabei ist, dass die materiale Ethik des Christentums mit den formalen Werten der modernen Gesellschaft im Widerspruch steht: Freiheit und Selbständigkeit setzen Aufklärung und damit gerade nicht Religion voraus, Toleranz und Demokratie setzen Offenheit in weltanschaulichen Fragen voraus, die dem Offenbarungscharakter von Religion entgegenstehen, zudem sind die Kirchen in ihrer Geschichte häufig nicht für Freiheit und Toleranz, sondern für deren Gegenteil eingetreten. © Stephan Sturm 2007

20 Die Lösung für diese Spannung liegt im Modell der positiven Säkularisierung: Danach setzt die christliche Religion auf der Grundlage ursprünglich nicht aufgeklärter (nämlich religiös begründeter) Haltungen (contre coer) selbst den Prozeß der europäischen Aufklärung in Gang, in dessen Folge sich dann die liberalen Werte der Freiheit, der Menschenrechte, der Demokratie, der Toleranz usw. entwickeln. © Stephan Sturm 2007

21 Bsp. Aus einer Rede des EKD-Vorsitzenden Huber: Freiheit ist ein Schlüsselbegriff des biblischen Zeugnisses. Freiheit ist Gabe Gottes an die Menschen. Die als Geschenk anvertraute Freiheit zu bewahren, die in der Befreiung aus der Sünde erneuerte Freiheit verantwortlich zu gebrauchen, ist Gottes Auftrag an den Menschen. © Stephan Sturm 2007

22 Die christlichen Kirchen waren zwar keineswegs immer Vertreter und Förderer der Freiheit. Sie haben immer wieder vor den Folgen der Freiheit gewarnt und den Mißbrauch der Freiheit beklagt. Sie haben die vom christlichen Glauben selbst ausgelösten Freiheitsprozesse auch negiert und problematisiert. Sie haben aber das besondere Freiheitsverständnis des christlichen Glaubens immer wieder zu dem jeweils domnanten weltlichen Freiheitsverständnis ins Verhältnis gesetzt. Sie haben dadurch immer wieder zur Präzisierung und zum tieferen Verständnis der Freiheit beigetragen. © Stephan Sturm 2007

23 Urheber der positiven Interpretation von Säkularisierung ist Friedrich Gogarten ( ). Gogarten hatte bei Troeltsch studiert, war aber mit dessen Deutungen unzufrieden, wandte sich dann Fichte und dem Idealismus und schließlich dem Lutherstudium zu. Luthers Rechtfertigungslehre bildet dann den wesentlichen Ausgangspunkt für seine Säkularisierungstheorie. Luthers Theologie steht und fällt mit der Rechtfertigung nur aus Glauben - ohne die Werke des Gesetzes. Friedrich Gogarten im Gespräch mit Jürgen Stenzel 1967 © Stephan Sturm 2007

24 Wenn danach der Mensch nicht aufgrund seiner guten Werke zu Gott kommt, sondern aufgrund seines Glaubens aus Gnade gerechtfertigt wird, stellt sich die Frage, welche Bedeutung dann die Werke noch haben. Die Werke haben dann keine unmittelbare Bedeutung für das Verhältnis zu Gott mehr, sondern sie haben ihre Bedeutung nur noch in der Welt (sie haben keine sakrale, sondern säkulare Bedeutung). Auf diese Weise löst die christliche Rechtfertigungslehre selbst die Säkularisierung aus. Wenn die Werke nicht zu Gott passen, was wird dann aus den Werken? Die Werke können dann nur noch in der Welt getan werden. Was ist denn dann mit der Welt? Sollte das mit der Säkularisierung zu tun haben? © Stephan Sturm 2007

25 Beispiel: Wenn Jesus erklärt, der Sabbat sei um des Menschen willen da, dann wird die ursprünglich sakrale Bedeutung des Sabbats entsakralisiert, ein sakraler Tag wird zu einem säkularen Tag. Wenn Jesus sagt, der Sabbat ist um des Menschen da, dann bedeutet das, dass dieser besondere Tag in die Reihe der anderen Tage hineingestellt wird, er wird ein gewöhnlicher Tag. © Stephan Sturm 2007

26 Die Folge davon ist, dass am Sabbat dieselben Gesetze, nämlich die der Vernunft herrschen, man muss sich selbst (mit der eigenen Vernunft) überlegen, was an einem solchen Tag zu tun ist. Überträgt man dies auf alle Bereiche, so ergibt sich, dass es in der Welt selbst nichts Heiliges (Sakrales) mehr gibt, die Welt ist nur noch das, was sie ist, sie wird nicht mehr religiös überhöht (Weltlichkeit der Welt). Wie ist es an anderen Tagen? An gewöhnlichen Tagen muss der Mensch überlegen, was habe ich heute zu tun? Das gilt nun auch für den Sabbat. D.h. der Sabbat wird entsakralisiert. Die Welt wird an diesem Tag erhalten, sie bleibt Säkularität. © Stephan Sturm 2007

27 Die erste Folge daraus ist, dass die Welt selbst jetzt nicht mehr religiös verehrt werden kann, es gibt keine heilige Ordnung der Welt mehr. Daraus resultiert die in den politischen Statements angesprochene kritische Funktion des Christentums gegenüber allen totalitären Ideologien. Diese behaupten nämlich, es gebe in der Welt heilige Ordnungen, in die der Mensch sich fügen müsse. Die Welt kann nun nicht mehr religiös verehrt werden (wie in der vorchristlichen Welt). © Stephan Sturm 2007

28 Dadurch verändert sich insgesamt das Verhältnis des Menschen zur Welt. Der Mensch ist nicht mehr vor der Welt (ihren heiligen Gesetzen gegenüber, die sein Handeln normieren), sondern für die Welt verantwortlich (nach den Regeln, die er selbst finden muss). Für den vorchristlichen Menschen geht es darum, die Ordnung des Kosmos (der Welt) zu erkennen und sich in diese Ordnung einzufügen [so z.B. auch in das Mosaische Gesetz]. Jetzt ist der Mensch nicht mehr vor der Welt verantwortlich, sondern für die Welt verantwortlich. © Stephan Sturm 2007

29 Die zweite Folge ist also, dass der Mensch der Welt gegenüber selbständig wird, sein Handeln bestimmt sich aus eigener Verantwortung nach Gesetzen der Vernunft. Auf diese Weise führt das Christentum zu den zentralen Werten der europäischen Aufklärung, nämlich zu Autonomie, Vernunftbestimmtheit und in der Folge dann auch zu Werten wie Menschenrecht, Demokratie, Freiheit. Der Mensch verehrt nicht mehr die Welt, sondern nur noch Gott. => Der Mensch wird gegenüber der Welt selbständig. © Stephan Sturm 2007

30 Grundlegendes Problem der Theorie: Die Freisetzung des menschlichen Handelns an die Autonomie menschlicher Vernunft, lässt dieses Handeln selbst theologisch unbestimmt. Gogarten unterscheidet zwar zwischen den positiven Folgen der Säkularisierung und den negativen Folgen (Säkularismus), einziges Kriterium der Unterscheidung bleibt aber neben dem grundsätzlich ideologiekritischen Aspekt die Reinheit der Glaubenshaltung (Gesinnung). Zudem bleibt unklar, worin die Funktion der Religion über die bloße Freisetzung der menschlichen Vernunft hinaus besteht. © Stephan Sturm 2007

31 Probleme, die sich aus dem Modell der positiven Säkularisierung im Religionsunterricht ergeben: Das Modell beschränkt Religion auf eine historische Rolle als Katalysator für liberale Werte, die Schüler/innen sind aber an der aktuellen Bedeutung von Religion interessiert und erwarten ein eigenständiges Lebensmodell. Eine positive Wirkung auf liberale Werte liegt im Interesse der Politik, nicht der Schüler/innen, Die Inhalte des Religionsunterrichts müßten darauf beschränkt werden, inwiefern sie die Geltungsbedingungen für liberale Werte unterstützen, viele Inhalte fallen dann weg, Die Schüler/innen bleiben mit ihren speziell an Religion gerichteten Fragen allein, weil Religion auf politische Funktionen reduziert wird, Religion verliert ihre kritische Funktion gerade auch gegenüber Ausprägungen der modernen Welt, weil sie sich dieser schon verschrieben hat. © Stephan Sturm 2007

32 Das strukturgeschichtliche Modell der Säkularisierung (Luhmann) Ursprünglich bestimmt Religion, worüber überhaupt in der Gesellschaft sinnvoll gesprochen werden kann und definiert deshalb auch, welche Handlungen sinnvoll sein können. Im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung gibt es aber immer mehr Spezialsysteme für besondere Probleme der Gesellschaft, z.B. ein Rechtssystem, ein Wirtschaftssystem, ein Erziehungssystem usw. Die Logiken dieser Systeme werden immer formaler und lösen sich deshalb von den materialen Grundlagen der Gesellschaft (den Werten) ab. © Stephan Sturm 2007

33 Gesellschaft = Religion Nach Luhmann ist Gesellschaft ursprünglich identisch mit Religion, d.h. Religion bestimmt, was in der Gesellschaft überhaupt gedacht und getan werden kann. Im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung entstehen aber immer mehr gesellschaftliche Systeme für Spezialprobleme, z.B. ein Rechtssystem, ein Wirtschaftssystem, ein Erziehungssystem, ein Politiksystem Recht Wirtschaft Politik Erziehung Diese Spezialsysteme werden immer weiter entwickelt, so dass in diesen Bereichen auf religiöse Deutungen immer mehr verzichtet werden kann. Die Systeme spezialisieren sich weiter aus und werden immer formaler, dazu bilden sie spezielle Codes aus. Zugleich entfernen sie sich zunehmend von den materialen Grundlagen der Gesellschaft. Wirtschaft Recht ErziehungPolitik zahlen nichtzahlen Gesetz Nichtgesetz Karriere Nichtkarriere Regierung Opposition Dementsprechend orientiert sich die Wirtschaft dann nur noch am Profit, die Politik nur noch an der Macht, Erziehung nur noch an der Selektion (der Schüler) und das Recht nur noch am positiven Gesetz, moralische Fragen bleiben bei all dem ebenso unberücksichtigt wie Fragen der Religion. © Stephan Sturm 2007

34 Religion Recht Wirtschaft ErziehungPolitik System (formale Ebene) Lebenswelt (materiale Ebene) PolitikErziehung RechtWirtschaft Formale Mechanismen Intermediäre Institutionen vermitteln zwischen den Ansprüchen des Systems und der Lebenswelt und gewinnen zunehmend an Bedeutung Allerdings konkurrieren sie auch miteinander und haben keine universale Geltung Ihr Anspruch gründet auf Leistungen (Diakonie), sie müssen beweisen, dass sie positiv gestalten können. Religion 2 Religion 3 © Stephan Sturm Der Prozess wird jedoch konterkariert durch das Auseinanderdriften von System und Lebenswelt. Dies muss durch einen Ausgleich aufgefangen werden (Unterbrechung, Reflexion).

35 Diese anderen Systeme werden immer weiter entwickelt, so dass in diesen Bereichen auf religiöse Deutungen verzichtet werden kann. Bsp: Die parlamentarische Demokratie funktioniert auch ohne Wertsetzungen (Macchiavelli). Bsp: Wirtschaft funktioniert unabhängig davon, ob ihre Aktionen moralisch gut oder schlecht sind. © Stephan Sturm 2007

36 Funktionale Differenzierung: Politik orientiert sich nur noch an Macht haben/keine Macht haben Wirtschaft orientiert sich nur noch an Zahlen/Nichtzahlen, Profit/kein Profit Erziehung orientiert sich nur noch an Karriere/Nichtkarriere (Selektion) Wissenschaft orientiert sich nur noch an wahr/falsch (keine moralischen Grenzen) Verwaltung orientiert sich nur noch an dokumentiert/nichtdokumentiert (Hauptsache es gibt eine Urkunde darüber) © Stephan Sturm 2007

37 In der Folge koppeln sich diese Systeme immer mehr von der Gesellschaft ab. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gibt es zwar noch einen religiösen Rahmen, der Grenzen für das Verhalten anderer Systeme zieht, innerhalb dieses Rahmens aber operieren die Systeme selbständig. In der modernen Gesellschaft koppeln sich die Systeme weiter ab, der religiöse Rahmen verliert an Bedeutung und es gibt nur noch ein Nebeneinander von formal funktionierenden Systemen. © Stephan Sturm 2007

38 Folge: Es ist möglich formal funktionierende Politik zu betreiben, ohne gesellschaftliche Probleme zu lösen, Es ist möglich, in der Wirtschaft Profite zu erzielen, indem man gerade nicht produziert und Arbeitsplätze vernichtet, Es ist auch möglich, in einem Schulsystem über Karrieren zu entscheiden, ohne für das Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. © Stephan Sturm 2007

39 Dieser Ansatz erklärt zunächst das Unbehagen, dass viele Menschen mit der modernen Gesellschaft haben (z.B. auch Demokratie- und Politikverdrossenheit, Mißtrauen gegenüber Verwaltungen und Großinstitutionen (einschließlich verfaßter Kirche), Sehnsucht nach übersichtlichen Lebensverhältnissen in der Adenauer- Ära). Der Ansatz erklärt zugleich, warum Religion in den Hintergrund gedrängt wird, weil moderne Systeme auch ohne sie funktionieren. © Stephan Sturm 2007

40 Der Grund dafür liegt aber anders als im ersten Erklärungsmodell nicht darin, dass in der Aufklärung neue Werte entstehen, sondern darin, dass die Systeme sich ausdifferenzieren und effizienter arbeiten. Daraus resultiert, dass auf die liberalen Werte z.B. in der Politik und Wirtschaft nicht einfach verzichtet werden kann, weil gerade von der Formalisierung dieser Systeme ihre Effizienz abhängt. © Stephan Sturm 2007

41 Weitere Folgen: Nichteinmischbarkeit von anderen Systemen her © Stephan Sturm 2007

42 Drei Möglichkeiten der Begründung von Religion und Religionsunterricht 1.Das Christentum gilt universal Problem: Das Konzept richtet sich gegen Pluralismus 2.Die Aufklärung gilt universal und das Christentum begründet sie Problem: Religion beschränkt sich auf das, was Aufklärung auch aussagen kann 3.Das Christentum ist eine Option neben anderen und vermittelt zwischen System und Lebenswelt Problem: Die christliche Religion wird an ihrer praktischen Relevanz gemessen und darin von Schüler/innen kritisiert © Stephan Sturm 2007

43 1.Kann das Christentum wichtige Impulse liefern, die die Tradition der europäischen Aufklärung nicht liefern kann? (Welche?) 2.Kann Religion heute eine entscheidende Rolle spielen, wenn sie weder Anspruch auf universale Wahrheit, noch auf politische Geltung machen kann? 3.Kann Religion eine allgemeinpädagogische Bedeutung für das Leben von Schülern und Schülerinnen haben, wenn sie lediglich ein Deutungssystem neben anderen ist? © Stephan Sturm Weiterführende Fragen:


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