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Gewachsene Liturgie: Liturgiegeschichte und ihre Reformen Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Benedikt XVI. / Joseph.

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Präsentation zum Thema: "Gewachsene Liturgie: Liturgiegeschichte und ihre Reformen Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Benedikt XVI. / Joseph."—  Präsentation transkript:

1 Gewachsene Liturgie: Liturgiegeschichte und ihre Reformen Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Benedikt XVI. / Joseph Ratzinger: „In der Liturgiegeschichte gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch. Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind und ihnen ihren rechten Ort zu geben.“ SC 23: „Damit die gesunde Überlieferung gewahrt bleibe und dennoch einem berechtigten Fortschritt die Tür aufgetan werde, sollen jeweils gründliche theologische, historische und pastorale Untersuchungen vorausgehen, wenn die einzelnen Teile der Liturgie revidiert werden. … (Es) sollen keine Neuerungen eingeführt werden, es sei denn, ein wirklicher und sicher zu erhoffender Nutzen der Kirche verlange es. Dabei ist Sorge zu tragen, dass die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen.“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 1

2 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Ansatz der organischen Liturgieentwicklung (Alcuin Reid) A. Reid: „Eine organische Entwicklung ist im richtigen Verhältnis offen für Wachstum (bedingt durch pastorale Erfordernisse) und Kontinuität innerhalb der Tradition. Sie hört auf die desiderata der Wissenschaft und erwägt immer wieder aufs Neue den Wert von Bräuchen, die im Laufe der Zeit verloren gegangen sind, um, gestützt auf diese, und nur wenn es wirklich notwendig ist, die liturgische Tradition allmählich zu verbessern. Die kirchliche Autorität muss dieses Wachstum überwachen und bisweilen klug ermessen, was im Lichte der Bedürfnisse einer Zeit angebracht ist, immer darauf achtend, dass die liturgische Tradition niemals verarmt und dass das, was weitergegeben wird, wirklich jenes kostbare Erbe ist, welches wir von unseren Vorfahren empfangen haben - möglicherweise vorsichtig zurechtgestutzt und sorgfältig bereichert (jedoch nicht völlig umgebaut), entsprechend den Gegebenheiten, in denen sich die Kirche in jedem Zeitalter befindet -, um so die Kontinuität von Glaube und liturgischer Praxis zu gewährleisten.“ KKK 1125: „Selbst die höchste Autorität in der Kirche kann die Liturgie nicht nach Belieben ändern, sondern nur im Glaubensgehorsam und in Ehrfurcht vor dem Mysterium der Liturgie.“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 2

3 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Streitfragen in der Debatte um Bruch und Kontinuität Steht die liturgische Reform, die Paul VI. umgesetzt hat - im Ganzen oder in Teilen - in Kontinuität mit der liturgischen Tradition oder stellt sie einen Bruch derselben dar? Ist sie eine organische Entwicklung traditioneller Überlieferungen oder ist sie eine Abkehr davon - eine radikale Neuerung in Diskontinuität? Fasste das Zweite Vatikanische Konzil die initiierte Liturgiereform als eine organische Weiterentwicklung der liturgischen Tradition oder als einen radikalen Bruch mit den überlieferten liturgischen Traditionen auf? Bild von der Eiche (Jungmann / Reid) Wachstum von der Eichel bis zu Eiche: Letztere ist im Aussehen von der Ersteren völlig verschieden, und dennoch das eine im anderen bereits eingeschlossen Analogie veranschaulicht sehr gut, wie die allmähliche, wahrhaft organische Entwicklung in Laufe der Zeit kontinuierlich eine komplexere, weiter entwickelte Wirklichkeit hervorbringt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 3

4 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Grundthesen Alcuin Reids 1.Eine angemessene oder wachsende Veränderung liturgischer Riten kann als organische Entwicklung betrachtet werden. Je nach den Erfordernissen entstehen neue Texte und Riten. Andere werden nicht mehr benutzt und schließlich gestrichen. Die Feier der Gläubigen und ihr Erleben der liturgischen Riten sind aber von Kontinuität geprägt. Bsp.: Position des Vater unsers in der Hl. Messe (Gregor d.Gr.); Einführung des Agnus Dei (Sergius I.) 2.Bedeutende, sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte vollziehende Veränderungen führen zu keinem Bruch im liturgischen Leben oder Feiern. Obwohl sich der Verlauf der liturgischen Entwicklung signifikant ändert, reißt die lebendige Tradition nicht ab, wie es bei einem plötzlichen radikalen Wechsel von einer Liturgie zur anderen der Fall wäre. Wenn diese Veränderungen im Laufe der Zeit erfolgen, zunächst lokal und fakultativ, und allmählich einen größeren und beständigen Raum innerhalb der Liturgie erlangen oder diesen bestimmt bekommen, kann solch eine liturgische Entwicklung gleichfalls als organisch bezeichnet werden. Bsp.: Wechsel der Liturgiesprache vom Griechischen zum Lateinischen im 4. Jh., Karolingische Liturgiereform im 8. /9. Jh. 3.Substantielle rituelle Veränderungen, die nicht im Verhältnis zur existierenden liturgischen Tradition stehen und schnell umgesetzt oder angeordnet werden, sind abzulehnen. Sie bewirken einen Bruch, denn sie verändern viele, wenn nicht die meisten Elemente des liturgischen Lebens und der Feier der Gläubigen in kurzer Zeit radikal. Die Liturgie wird als Ganze von einer kultischen Entität hin zu einer anderen geändert. Eine Kontinuität der kultischen Formen ist nicht ohne weiteres wahrnehmbar, selbst dann nicht, wenn einige der Elemente der früheren Riten bewahrt wurden. Bsp.: Brevier des Kardinals Quinonez im 16. Jh.; Synode von Pistoia im 18. Jh. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 4

5 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Kritik an Reids Ansatz der organischen Liturgieentwicklung Oswald McBride: Evolutive Liturgie / Liturgischer Darwinismus Wie in der Biologie kann man auch in der Liturgie anstelle eines einfachen Entwicklungsprozesses, in dem die Vielfalt mit der Zeit stetig zunimmt viel komplexere Muster episodischer Kreativität und wiederkehrenden Absterbens beobachten, bei denen nur wenige Baupläne erfolgreich genug sind, um zu überleben und als Vorlage für zukünftige Entwicklungen auf der jeweiligen evolutionären Stufe zu dienen. Wenn wir wirklich akzeptieren sollten, dass liturgische Entwicklung in ihrer Natur „organisch“ ist, dann müssen wir den Tod - in diesem Fall den Verlust bestimmter Elemente innerhalb der Liturgie, seien es Texte oder Riten - ebenso als einen normalen Bestandteil des organischen Prozesses akzeptieren. Die Liturgie ist ein Ort, an dem jede Gemeinschaft ihren Glauben ausdrücken kann und jede Generation versucht, die Liturgie zu den Menschen ihrer Zeit „sprechen“ zu lassen. Kritik: Die Liturgie ist nicht vorrangig ein pastorales oder didaktisches Werkzeug. Die Liturgie ist kein Forum, auf dem Menschen ihre eigene Identität reflektieren, sondern sie gibt den Menschen Identität und (mit ausdrücklicher Ausnahme der liturgischen Predigt) „lehrt“ sie durch die rituelle Begegnung, durch die Erfahrung des lebendigen Christus. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 5

6 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? John F. Baldovin: Liturgiegeschichte als Geschichte der Brüche Die Reform des II. Vatikanums hatte zahlreiche Präzedenzfälle im Laufe der Geschichte, die man als einen „Bruch“ mit der bisherigen Liturgie bezeichnen könnte. Wenn man die Realität (oder die Bedeutung) der Diskontinuität der Tradition bestreitet, wird man gelähmt, hypnotisiert vom Gehalt der Tradition selbst an irgendeinem Punkt der Entwicklung. Die Reform in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils steht voll und ganz im Einklang mit der Tradition, einer Tradition, die schon immer diskontinuierlich war. Kritik Das Prinzip der organischen Entwicklung leugnet weder Veränderung in den liturgischen Formen noch das Aufkommen signifikanter Entwicklungen über Jahrhunderte hinweg Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 6

7 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Arnold Angenendt: Liturgische „Brüche“ im Mittelalter Die Behauptung einer organischen Entwicklung der Liturgie ohne Umbrüche und Abbruche ist historisch nicht zu halten „Abbrüche“, die Anzeichen von Brüchen sind, waren im Mittelalter der Empfang der heiligen Kommunion in den Mund, die Zelebration privater Messen und, vielleicht noch schwerwiegender, die theologische (und damit einhergehende kultische) Evolution von der Eucharistie zur „Messe“. Auch das Auftauchen des Römischen Kanons ist weder organisch gewachsen noch altehrwürdig, sondern ein „Prototyp eines Bruches“. Die einfache Liturgie, die aus der patristischen Zeit hervorging, wurde durch spätere Entwicklungen im Mittelalter „korrumpiert“. Kritik In der weit verbreiteten Annahme, die Liturgie des Mittelalters sei einfach nur ein Abfall vom Ideal der Urkirche gewesen, zeigt sich ein mangelnder Respekt für die empfangene liturgische Tradition, die sich (organisch) unter dem Einfluss des Heiliges Geistes entwickelt hat – auch nach dem Ende des 4. Jahrhunderts. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 7

8 Hinführung: Liturgiereform als Bruch oder als organische Entwicklung? Andreas Odenthal: Unorganische liturgische Entwicklung Das Bild organischen Wachstums ist kaum geeignet ist, die epochalen Akzentsetzungen zu beschreiben, wie sie im Mittelalter (v.a. unter Bonifatius und den Karolingern) getätigt wurden. Die Verschmelzung unterschiedlicher liturgischer Traditionen, die sich über einen sehr langen Zeitraum hinzog, um dann ihrerseits die römische Liturgie prägend zu verändern, könnten evtl. mit dem Bild organischen Wachstums verbunden werden. In Teilen gibt es immer wieder Brüche der Tradition, indes keinen grundsätzlichen Bruch Eine Kontinuität der Feiertradition schließt indes Brüche in der Feiergestalt und auch in manchem theologischen Gehalt nicht aus (wie das Beispiel der mittelalterlichen Reform ebenso zeigt wie die Reform des II. Vatikanums). Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 8

9 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1.Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) a.Neues Testament -keine systematische Darstellung des urchristlichen Gottesdienstes -Ausdrücke für die gottesdienstliche Feier der Urgemeinde: „zusammenkommen“ und „sich versammeln“ -Inhalt dieser häuslichen Versammlungen sind das Brotbrechen und Mahlhalten „in Freude und Einfalt des Herzens“ (Apg 2,46) -Formen des jüdischen Gebetes wie die Berakot (= Lobpreisungen) und Einzelelemente wie das Halleluja, Amen, Hosanna flossen mit ein -In der Verkündigung der Apostel und der anderen Augenzeugen des Lebens Jesu wurden die Erinnerung an die Heilstaten Gottes lebendig -Insbesondere gewann die gottesdienstliche Versammlung am Sonntag schon früh an Bedeutung (aber nur langsame Loslösung von der jüdischen Festfeier) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/2015 9

10 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1.Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) a.Neues Testament -Ein Grundelement neutestamentlicher Liturgie war die Spendung der Taufe -Auch die Sündenvergebung spielt eine Rolle -Eine feste Ordnung des Gottesdienstes lässt sich für die Frühzeit nicht erkennen. -Geistgewirkte (charismatische) Vielfalt unter Mitwirkung vieler Gemeindemitglieder (1 Kor 14,26: „Tätige Teilnahme“; Eph 5,19f: Lobpreis und Jubel; 1 Kor 14, 26.40: Ordnung im Gottesdienst) -Mit dem Aufkommen von Häretikern und Pseudocharismatikern wächst am Ende des 1. Jhs die Sorge um die Reinerhaltung der Lehre und des Gottesdienstes (Pastoralbriefe) -Das prophetische Element wird nur noch am Rand erwähnt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

11 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) b. Quellen -Die ersten Generationen von Christen verwendeten im Gottesdienst und bei anderen liturgischen Handlungen abgesehen von der Bibel, aus der vorgelesen wurde, keine geschriebenen Texte. -Sie improvisierten und hielten sich dabei an allmählich entstehende mündliche Traditionen (vgl. Basilius von Caesarea) -Erst allmählich wurden liturgische Texte schriftlich fixiert und bildeten sich bestimmte Liturgien heraus, die in festen Formen weiter tradiert wurden. -Aufgrund dieses langsamen Übergangs von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit sind nur relativ wenige liturgische Texte aus den ersten Jahrhunderten bekannt. -Anders steht es mit theologischen Aussagen zu liturgischen Vollzügen: Hier gibt es viele Informationen in den Quellen der sog. Kirchenordnungen. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

12 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) b. Quellen -Didache (Ende 1. Jh.): Älteste liturgische Anweisung zu Taufe und Eucharistie -Justin (Mitte 2. Jh.): Ältester Ablauf eines Gottesdienstes -Tertullian (um 200): „Über die Taufe“, „Über die Buße“; Cyprian (3. Jh.) -Syrische Didaskalie (Mitte 3. Jh.): Kirchenordnung mit Informationen zur Liturgie in Syrien -Legendarische Apostelakten (Johannes- und Thomasakten): geben mit ihren Beschreibungen liturgischer Abläufe die reale Praxis eher wieder als die Normierungen in den Kirchenordnungen -Traditio apostolica (3. Jh.): Trotz Schwierigkeiten btrf. Autor, Redaktor und Titel eine wichtige Quelle für den Gottesdienst im 3. Jh. (erstes eucharistisches Hochgebet) mit großer Auswirkung auf die Reform des 20. Jhs (2. Hochgebet, Bischofsweihegebet) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

13 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) b. Quellen -Pilgerbericht Egerias (Itinerarium Egeriae): Detaillierte Beschreibung der Gottesdienste in Jerusalem Ende des 4. Jhs (um 380) – wird ergänzt durch das armenische Lektionar und das georgische Kanonar -Mystagogische Katechesen: Geistliche Erläuterungen der Initiationssakramente (Taufe und Eucharistie), die der Bischof den Neugetauften in der Woche nach Ostern (dem Tauftermin) gegeben hat -Cyrill / Johannes von Jerusalem (um 380/390): Mystagogische Katechesen -Theodor von Mopsuestia ( † 428): Katechetische Homilien -Johannes Chrysostomus († 407 ): Mystagogische Katechesen -Ambrosius von Mailand ( † 397): „De sacramentis“, „De mysteriis“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

14 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) c. Verbindung zum jüdischen Gottesdienst -Da das Christentum aus dem Judentum entstanden ist, hat es seine gottesdienstlichen Formen im Rahmen des zeitgenössischen Judentums ausgebildet. -Etliche Elemente der christlichen Liturgie gehen auf jüdische Praktiken zurück: Anrufung des einzigen Gottes, Gebetszeiten (Tagzeitenliturgie), Gebetsformen (Berakah – eucharistisches Hochgebet, 18-Bitten-Gebet – Fürbitten), wöchentlicher Rhythmus des Gottesdiensttages, Lesungen und Gesang aus den Psalmen, Ostern und Pfingsten, Eucharistie, Taufe, Buße -Die Übernahme der jüdischen liturgischen Bräuche wird oftmals nicht direkt oder bewusst, sondern wie „von selbst“ stattgefunden haben. -Bild des Paulus vom wilden Zweig, der dem edlen Stamm eingepfropft wurde, hat in dieser Hinsicht eine gewisse Berechtigung (Röm 11). Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

15 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) c. Verbindung zum jüdischen Gottesdienst -Beziehung aller liturgischen Handlungen auf Jesus Christus (entscheidende Differenz zwischen jüdischer und christlicher Liturgie) -Neuere Forschung: nicht der Synagogengottesdienst, sondern die jüdische Tempelliturgie war ein wichtiger Ausgangspunkt für die Gestaltung der christlichen Eucharistiefeier. -Neues Priesterverständnis (im Unterschied zum Tempel): alle Mitglieder der Gemeinde haben aufgrund der Taufe priesterliche Würde -Gleichzeitige Entwicklung von christlicher Liturgie und jüdischem Synagogengottesdienst -Parallele Entwicklung der christlichen Kirchen und des rabbinisch geprägten Judentums in der Spätantike Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

16 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) d. Austausch und Abgrenzung zur hellenistischen Religiosität -Zunächst ist festzustellen, dass aus der hellenistischen („heidnischen“) Religiosität Elemente in die christliche Liturgie eingegangen sind -Beispiele: Exorzismen und Salbungen bei der Taufe, Wendung beim Gebet nach Osten (entgegen der jüdischen Wendung Richtung Jerusalem), Ostung der Kirchengebäude (gen Sonnenaufgang) -Auch viele liturgische Ausdrücke stammen aus der griechisch- hellenistischen Umwelt: der Begriff „Liturgie“ (leiturgia) selbst, „Mysterium“ und „Sakrament“, „Eucharistie“, „Epiklese“ und „Agape“; dazu kommen einige Gebetsformeln („von Ewigkeit zu Ewigkeit“) und Akklamationen (Kyrie eleison = „Herr, erbarme dich“). Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

17 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) d. Austausch und Abgrenzung zur hellenistischen Religiosität -Generell hat sich das Christentum in seiner frühesten Zeit gegen die hellenistischen Religionen und Kulte aber eher abgegrenzt -Unterschiede im Bereich des Kultes klar sichtbar: Christen feierten einen geistigen, innerlichen Gottesdienst in Räumen von Privathäusern (keine Tempel, keine Altäre, keine Götterbilder, keine Opfer, keine Priester) -Vom 3. Jahrhundert an verschwanden diese deutlichen Unterschiede zwischen Christentum und Heidentum im Bereich von Kult und Liturgie -Seit dem 4. Jahrhundert große, repräsentative Kirchenbauten -Immer mehr heidnische kultische Elemente dringen in das liturgische Zeremoniell ein -In Raumgestaltung, Gewandung, Gebärde, Gesang und Sprache waren die Ausdrucksformen der antiken Liturgie seit dem 4. Jh. die der eigenen, zeitgenössischen Kultur Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

18 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) e. Suche nach einem Sakramentsbegriff -Die Alte Kirche kannte keinen Sakramentsbegriff als Oberbegriff für bestimmte liturgische Vollzüge, etwa für Eucharistie, Taufe und Buße. -Man benutzte vielmehr einen griechischen Begriff, der ein sehr breites Bedeutungsspektrum aufwies: mysterion, latinisiert zu mysterium („Geheimnis“) oder mit einer Bedeutungsverschiebung übersetzt mit sacramentum („Sakrament“; eigentlich: „Eid“). -„Mysterion“ in der Vätertheologie: „Heilsereignis in Christus“, „Heilslehre“, das „Geheimnis“ des Ratschlusses Gottes -Als im Laufe der Spätantike der Drang nach Abgrenzung von der nichtchristlichen Umgebung schwand, wurden Begriffe und Vorstellungen aus den Mysterienreligionen vielfach im Christentum verwendet -Die christliche Lehre heißt nun „Mystagogie“, der Katechet „Mystagoge“, der Getaufte ist ein „Eingeweihter“. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

19 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) e. Suche nach einem Sakramentsbegriff -Das christliche Sakramentsverständnis entfaltete sich von solchen Ansätzen aus in Anlehnung an das antike Mysterienverständnis. -In den alten lateinischen Bibelübersetzungen des 2. Jahrhunderts wurde das griechische mysterion mit sacramentum wiedergegeben -Tertullian übertrug den „Mysterieneid“ bzw. den „Eid“ des Soldaten in die christliche Sphäre, indem er die Taufe als „Eid auf Christus“ deutete und als erster Taufe und Eucharistie als „Mysterium“ bzw. „Sakrament“ bezeichnete. -Die zentralen Riten der Alten Kirche, Eucharistie und Taufe, werden ungefähr ab der Wende vom 2. zum 3. Jh. „Sakramente“ genannt (aber auch andere Riten und Vollzüge, etwa die Salbung, die Fußwaschung und die Ehe) -Die Buße indes wurde in altkirchlicher Zeit nicht als „Sakrament“ bezeichnet. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

20 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 1. Die Liturgie in einer verfolgten Kirche (30-312) e. Suche nach einem Sakramentsbegriff -Ansätze theologischer Reflexion auf den Begriff „Mysterium“ bzw. „Sakrament“ findet man Ende des 4. Jhs, beispielsweise bei dem griechischen Theologen Theodor von Mopsuestia († 428). -In der westlich-lateinischen Kirche begann die theologische Klärung des Sakramentsbegriffs um die Wende vom 4. zum 5. Jh. mit Augustinus. -„Sakrament“ als „heiliges Zeichen“ (De civitate Dei X 5) -sichtbares Zeichen für eine unsichtbare Wirklichkeit -Differenzierung zwischen den äußeren Zeichen (signa) und der inneren Wirkung (res oder virtus sacramenti) -Sakrament besteht aus einer materiellen Basis (elementum), zu der ein deutendes Wort (verbum) komme – „so etwas wie ein sichtbares Wort“ (In Ioh. Evang. Tract. 80, 3) -Zum sakramentalen Zeichen gehört, wenn es wirksam sein soll, die „Bekehrung des Herzens“ (ebd.) -Unterscheidung zwischen (rechtlicher) Gültigkeit, und (religiöser) Wirksamkeit: objektiven Heiligkeit des Sakraments, die vom Spender unabhängig ist Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

21 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) -Toleranzreskript von Mailand (313): Christentum hat volle Freiheit und Gleichberechtigung mit anderen Religionen -Mit der Zeit erfolgten mehrere Privilegien zugunsten der Christen bis zur Proklamation als allein berechtigter Staatsreligion im Jahre 380 unter den Kaisern Gratian (Westen) und Theodosius (Osten). -Aus der verfolgten Kirche von einst wird die privilegierte Reichskirche. a.Auswirkungen auf den Gottesdienst -Neuer Kirchentyp: Basilika -eine große überdachte Halle mit einem Mittelschiff, an das sich - getrennt durch Säulenreihen - Seitenschiffe anschließen konnten. -Die christlichen Gemeinden übernahmen diesen Gebäudetyp aus den Städten des Reiches und erweiterten ihn um ein Querschiff und eine Apsis. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

22 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) a.Auswirkungen auf den Gottesdienst -Zur Inneneinrichtung der Basiliken gehörten eine Stätte für die Lesungen (zwei Ambone für Lesung und Evangelium getrennt), Sitze für die Amtsträger, der Altar und feste Schranken (cancelli), um den Altarraum abzugrenzen (vgl. Basilica di San Clemente in Rom) -Nach und nach jedoch wurden die Sitze für die Amtsträger, die Pulte für die Lesungen und der Altar in allen Kirchen nach vorn in die Apsis verlegt. -Im Osten dagegen gingen die byzantinischen Architekten unter Kaiser Justinian ( ) zur Kuppeltechnik über, die es ermöglichte, den zentralen Raum zu erweitern. -Das Modell dieser Gattung ist die Hagia Sophia in Konstantinopel -Die neuen Kirchengebäude – ob im Westen mehr die Basilika oder im Osten mehr der zentrale Kuppelbau – brachten von selbst eine feierlichere Liturgie mit sich. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

23 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) a.Auswirkungen auf den Gottesdienst -Die gesellschaftliche Aufwertung des Bischofs und seines Klerus führte zu einer festlichen Amtskleidung mit bestimmten Insignien, wie Stola, Pallium und Manipel, woraus sich die spätere liturgische Gewandung entwickelt. -Sakralmusik: zunächst Ablehnung der reichen Musikkultur der Antike -die Christen begnügten sich mit dem responsorischen Gesang, erst später trat auch der antiphonische (mit zwei Gesangsgruppen) hinzu. -Besondere Förderung erfuhr der Kirchengesang durch Ambrosius von Mailand, der nicht nur den Psalmengesang mit seiner Gemeinde einübte, sondern auch selbst Hymnen dichtete (siehe dazu später). -Erleichterung des sonntäglichen Gottesdienstbesuches durch das Gesetz Konstantins vom 3. März 321. Es erklärt „den verehrungswürdigen Tag der Sonne“ zum Ruhetag für alle Richter, die Stadtbevölkerung und alle Gewerbetreibenden. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

24 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) a.Auswirkungen auf den Gottesdienst -Die weitere Entwicklung führt dazu, dass die Arbeitsruhe immer stärker in die Mitte der Sonntagsheiligung gerückt wird. -Veränderung der Gebetsformen und Gebetsanreden (Vater – Sohn – Geist) -Trennungslinie zwischen Altar und Gemeinde wird verstärkt, indem man die Altarschranken erhöht und sie (besonders im Osten) mit Vorhängen versieht, um während der entscheidenden Gebete der Anaphora (= Hochgebet) den Blick zum Altar zu verhindern bzw. ihn je neu zu „entschleiern“ (Ikonostase) -Rückgang des Kommunionempfangs (nur noch 1-2 mal im Jahr) -Verflachung der gottesdienstlichen Mitfeier -Bedeutung der Märtyrerverehrung -Wichtige Quelle: Apostolische Konstitutionen (Syrien: Ende 4. Jh.) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

25 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) a.Auswirkungen auf den Gottesdienst -Für die Ausgestaltung des Gebetes, insbesondere für die Entwicklung des täglichen Stundengebetes, war die Erstarkung des Mönchtums im 4. Jahrhundert von besonderer Bedeutung. -Für den liturgischen Ablauf des Tagzeitengebetes der Mönche sind als Quellen die Magisterregel und die Regula Benedicti von großer Bedeutung. -Fürbitten: zwei Formen (1. Reihen diakonaler Aufforderungen mit wiederholtem Kyrie eleison von Seiten der Gemeinde und einer Schlussoration; 2. Diakonale Aufforderungen, auf die jeweils ein stilles Gebet der Versammlung und ein Vorstehergebet folgen, wie heute noch in der Karfreitagsliturgie) -Im Gottesdienst konnten gleich mehrere Priester predigen bzw. eine Ermahnung halten (Ostkirche!). Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

26 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) b. Bildung von Liturgiefamilien in Ost und West -Ab dem 5. Jahrhundert folgen die römische und die byzantinische Liturgie jeweils eigenen Entwicklungslinien. -1. Unterschied: In der byzantinischen Liturgie ist der Großteil der Gebete der Eucharistiefeier unveränderlich, während in der römischen Liturgie zahlreiche Gesänge und Orationen von Feier zu Feier variieren -Frühes Zeugnis für die Veränderlichkeit der Messtexte im römischen Ritus: Papst Gelasius (495) und die Lupercalia -Veränderlichkeit in der byzantinischen Liturgie v.a. in den Hochgebeten (Anaphoren): Chrysostomus, Basilius (nur an 12 Tagen im Jahr), Jakobus -Sonderfall der Präsanktifikatenliturgie (vgl. Euchologion) -2. Unterschied: Äußerer Rahmen der Feier -Rom: Minutiöse Etikette bei Papstgottesdiensten (Ordines Romani) -Byzanz: Einfluss vom Zeremoniell des Kaiserhofs, Liturgie als Darstellung der erlösenden Menschwerdung Christi Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

27 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) b. Bildung von Liturgiefamilien in Ost und West -Orientalische Liturgiefamilien (siehe auch Handout Meyer) -Antiochien: Jakobus-Liturgie / jakobitische Liturgie; Melchiten /Maroniten; Nestorianer: syro-mesopotamisch/chaldäischer Ritus; Indien: Malabaren und Malankaren -Alexandrien: Markus-Liturgie; Monophysiten: koptischer und äthiopischer Ritus -Jerusalem: Jakobus-Anaphora; bestimmend in Stundengebet und Festzyklus für die anderen Teile der Kirche (Egeria), historisierendes Element -Byzanz / Konstantinopel: Vorrang vor allen anderen Patriarchaten des Ostens ; Missionstätigkeit der hll. Cyrill und Methodius, Übersetzung der Liturgie ins Altslawische (9. Jh.) und Übernahme durch das russische Reich (987); armenische und georgische Liturgie Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

28 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) b. Bildung von Liturgiefamilien in Ost und West -Die abendländischen Liturgien (siehe auch Handout Feulner) -Nordafrika (Augustinus): Die Sprache war von Anfang an lateinisch (im Gegensatz zu Rom); keine einheitlichen Texte in den einzelnen Bistümern; wichtig die Prüfung von sachverständigen Mitbrüdern; große Übereinstimmung mit der römischen Liturgie -Rom: Zunächst Blätter bzw. Hefte mit liturgischen Texten (libelli), dann Entstehung der römischen Sakramentare unter Papst Leo I. (Sacramentarium Veronense: 5./6. Jh.), Papst Gelasius I. (Altgelasianum: 6./7. Jh.) und v.a. Papst Gregor I. (Sacramentarium Gregorianum: 6./7. Jh.); sachlich-nüchterner Charakter der altrömischen Gebete (noch heute in den Tagesgebeten des Sonntags im Messbuch); charakteristisch ist der Gebrauch eines einzigen Hochgebetes (Canon Romanus) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

29 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) b. Bildung von Liturgiefamilien in Ost und West -Gallischer Liturgietyp: starke Beeinflussung von östlichen Riten (v.a. Byzanz); (lateinische) Sprache ist weitschweifiger und farbiger, das Zeremoniell dramatischer; Gebete wende sich im Gegensatz zur römischen Gepflogenheit öfter direkt an Christus. Altspanische / Mozarabische Liturgie Altgallische / Gallikanische Liturgie Keltische Liturgie (Irland, Schottland, Wales); wichtigstes Dokument ist das Stowe-Missale ( Jh.). Mailänder / Ambrosianische Liturgie (wird heute noch in der gesamten Kirchenprovinz Mailand gefeiert); wichtigster Zeuge: Ambrosius von Mailand; Kanon ist im Wesentlichen der römische, sonst viele Gemeinsamkeiten mit der gallikanischen Liturgie Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

30 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 1.Liturgischer Gesang: Die Hymnen des Ambrosius -In der Westkirche ist der Neueinsatz der Hymnendichtung untrennbar mit dem Namen Ambrosius von Mailand († 397) verbunden, dem „Vater des lateinischen Kirchengesangs“ -Beginn der „neuen“ Hymnodie räumlich und zeitlich klar zu ermitteln: die oberitalienische Metropole Mailand in den Jahren 385/86 -Drei Zeugnisse berichten von der Einführung der Hymnen: Ambrosius, Augustinus, Paulinus -Konflikt zwischen Kaiser und Bischof um eine Kirche und den rechten Glauben (Nicäa – Arianismus): Gesang des Volkes in der besetzten Kirche (Augustinus: „Damals wurde das Singen von Hymnen und Psalmen nach der Weise der Ostkirche eingeführt, um die Ermattung des Volkes vor Trauer und Überdruss zu verhindern.“) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

31 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 1.Liturgischer Gesang: Die Hymnen des Ambrosius -14 als echt anerkannte ambrosianische Hymnen -Die enge Verbindung zwischen Verbreitung der Hymnen und Abwehr der Häretiker führte dazu, dass man in den Schöpfungen des Ambrosius gerne antiarianische Protestlieder sah -Sie stammen aber aus der Spiritualität der Tagzeitenliturgie (vgl. „Aeterne rerum conditor“) -Bedeutung für die Liturgiereform: Ambrosius hat als ein Element der stärkeren Volksbeteiligung nicht­biblische, poetische Texte in die Mailänder Liturgie einführt, nämlich einmal mit den Psalmen verbundene nichtbiblische Kehrverse, und zum anderen selbständige, nichtbiblische Hymnen (Impuls aus dem syrischen Raum: Theodor von Mopsuestia) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

32 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 1.Liturgischer Gesang: Die Hymnen des Ambrosius -Gegen die Auffassung, die Bibel sei das vermeintlich alleinberechtigte gottesdienstliche Textbuch, wird mit den Hymnen die Überzeugung dokumentiert, dass jede Generation das Recht habe, neue Lieder zu singen, ihre je eigenen Glaubenserfahrungen in den Gottesdienst einzubringen (vgl. später Luther und die Reformatoren) -Frage nach biblischen oder nichtbiblischen Texten im Gottesdienst ist Dauerbrenner (vgl. 4. Konzil von Toledo 633) -Zweifel / ambivalente Haltung zu nicht-biblischen Hymnen: Augustinus -Bedeutende Kritiker / Gegner von Hymnen und Gesang im Gottesdienst: Hieronymus (stützt sich auf Eph 5,19: man soll im Herzen singen, nicht mit der Stimme) und Abt Pambo / Apophthegmata Patrum (eitler Gesang widerspricht dem monastischen Ideal der katanyxis / Zerknirschung des Herzens) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

33 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 1.Liturgischer Gesang: Die Hymnen des Ambrosius -Zwei Probleme hinsichtlich der Reform altkirchlicher Hymnen / Gesänge -Bibel und Vergegenwärtigung: christlicher Gottesdienst muss sich seiner grundsätzlichen Verwiesenheit auf das biblische Zeugnis bewusst bleiben; Diese bleibende Verwiesenheit auf die Bibel bedeutet aber nicht - so würde Ambrosius argumentieren - eine starre Begrenzung auf die Bibel. - Innerlichkeit und äußere Form: Es gibt die berechtigte Sorge, dass die äußere Gestalt eine Fassade ohne Innerlichkeit wird (vgl. mit Theaterspielen); andererseits ist die sinnenfällige Gestaltung der Glaubenserfahrung eine anthropologische Notwendigkeit, die letztlich vom Schöpfergott selbst gewollt ist. -Verhältnis von biblischer Botschaft und deren Vergegenwärtigung sowie von innerer Gestimmtheit und äußerer Gestalt sind Probleme, denen sich jede Liturgiereform stellen muss. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

34 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 2. Entwicklung in Nordafrika – Provinzialkonzilien als Orte der Liturgiereform -Im Zuge der donatistischen Auseinandersetzungen des 4./5. Jhs bemühten sich die Bischöfe Nordafrikas mit Hilfe von Provinzialkonzilien um eine innere und äußere Reform der Kirche -Aurelius, seit 392 Bischof von Karthago und als solcher Primas von Afrika, und Augustinus, ab 395/396 Bischof von Hippo, sind in Zusammenwirken die maßgeblichen Träger dieses fast 40 Jahre währenden Reformprozesses (Konzil von Hippo 393 – 427) -Konzil von Hippo 393: Verhandelte Themen -Festlegung eines einheitlichen Ostertermins; Verbot der Taufe von Toten; Regelung der Taufe von Schwerkranken; Materie der Eucharistie; Eucharistische Nüchternheit; Verbot, Katechumenen und eben Verstorbenen die Eucharistie zu reichen; Liturgische Gebetsrichtung an Gott den Vater; Verbot von Mählern in Kirchen; Definition des biblischen Kanons mit Rücksicht auf die Verwendung von Schrifttexten im Gottesdienst; Zulassung von Märtyrerpassionen zur liturgischen Verlesung Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

35 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 2. Entwicklung in Nordafrika – Provinzialkonzilien als Orte der Liturgiereform -Reformen des Aurelius von Karthago -Reform der Vigilien / Nachtwachen (Durchsetzung einer angemessenen Disziplin im Gottesdienst im Zusammenhang mit der Reform des Märtyrerkultes) -Einführung von Psalmengesang zur Gabenprozession und zur Kommunion (Augustinus: „Brauch, am Altar vor der Darbringung und während der Austeilung dessen, was dargebracht worden war, an das Volk Hymnen aus dem Buch der Psalmen zu singen.“) -Liturgische Reformen der nordafrikanischen Konzilien (H 393 / K 407) -Ordnung des liturgischen Betens (Gebet am Altar immer an den Vater gerichtet; Prüfung der im Gottesdienst verwendeten Gebete „durch gebildete Brüder“) -Lesungen im Gottesdienst (nur biblische Lesungen in der Eucharistiefeier, Ausnahme Märtyrerpassionen: nur am Gedächtnistag, nie an Stelle der biblischen Lesung, sondern danach) -Nüchternheitsgebot (Bischof und Volk sollen unabhängig von der Tageszeit die Eucharistie nur nüchtern feiern, um üppigen Mählern zu Ehren von Heiligen und Märtyrern keinen Vorschub zu leisten) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

36 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 2. Entwicklung in Nordafrika – Provinzialkonzilien als Orte der Liturgiereform -Liturgische Reformen der nordafrikanischen Konzilien -Verbot der Hausmesse eines Priesters ohne Genehmigung des Bischofs (um Abspaltungen von der Gemeinde zu verhindern und die Rechtgläubigkeit des Gebets zu sichern) -Verbot der Lektoren, die Gemeinde zu grüßen (dabei geht es um den liturgischen Zuruf „Dominus vobiscum“, der damals wie heute nur Klerikern erlaubt ist) -Unterscheidung der eucharistischen Gaben von anderen Naturalgaben (für die eucharistische Feier sollen allein Brot und Wein dargebracht werden, andere Naturalgaben, die auch auf den Altar gelegt werden – wie Milch, Honig, Trauben und Getreide – sollen eine eigene Segnung erhalten, um sie von den eucharistischen Gaben zu unterscheiden) -Verbot der Katechumenen der Kommunion auch am Osterfest -Verbot der Totenkommunion (Brauch, in Gegenwart des Leichnams Eucharistie zu feiern und die Kommunion dann mit dem Toten zu teilen, in dem man ihm ein Stück der konsekrierten Hostie in den Mund schob) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

37 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 2. Entwicklung in Nordafrika – Provinzialkonzilien als Orte der Liturgiereform -Grundprinzipien der liturgischen Reform in Nordafrika im 4./5. Jh. -Kriterium für Änderungen und Erneuerungen ist primär die Norm der Heiligen Schrift, sodann die Einheit der Weltkirche in wesentlichen Dingen. Ansonsten stellen der Glaube und die guten Sitten den leitenden Maßstab dar. -Jede Veränderung ist an ihrer Nützlichkeit zu messen. Veränderungen um ihrer selbst willen haben zu unterbleiben, weil sie Verwirrung stiften und deswegen schädlich sind. -Es geht nicht nur um einzelne rituelle oder textliche Korrekturen, sondern um eine umfassende Erneuerung des gottesdienstlichen Lebens nach den o.g. Kriterien. -Die gottesdienstlichen Erneuerungen sind eingebettet in ihre Zeit, in politische, gesellschaftliche und kirchliche Kontexte. Hintergrund vieler Maßnahmen ist das seit Beginn des 4. Jahrhunderts bestehende donatistische Schisma. -Der Impuls für und die Orientierung der gottesdienstlichen Erneuerungen gehen vor allem von den Konzilien aus. -Daneben ist der Einfluss bestimmter kirchlicher Persönlichkeiten prägend, v.a. des Aurelius von Karthago und des Augustinus, anfangs Presbyter, dann Bischof von Hippo Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

38 I. Periode der schöpferischen Anfänge: Von der Himmelfahrt Jesu bis zu Gregor dem Großen (30-604) 2. Die Liturgie der Reichskirche ( ) c. Beispiele altkirchlicher Reformen 2. Entwicklung in Nordafrika – Provinzialkonzilien als Orte der Liturgiereform -Grundprinzipien der liturgischen Reform in Nordafrika im 4./5. Jh. -Die Liturgie ist im Erneuerungsprozess vorrangiger Ort, weil hier der Glaube der Kirche gelebt und in der Öffentlichkeit dargestellt wird. -Verschiedene Adressaten: Erstrangig der Klerus und andere, die eine besondere Verantwortung für das kirchliche Leben tragen; dann aber auch die christlichen Gemeinden -Eines der wichtigsten Reformziele ist die Schaffung eines theologisch gebildeten und in der Lebensführung disziplinierten Klerus. -Änderung der Mentalität des Volkes (Totenkult, Märtyrerverehrung) -Verbreitung der Anliegen im Volk geschieht in erster Linie durch die Predigt der Bischöfe -Revision der liturgischen Bücher spielt noch keine nennenswerte Rolle (dennoch Erkenntnis der Bedeutung schriftlicher Vorlagen) -Implizites Ziel: Kirchliche Einheit in der afrikanischen Kirche -Nordafrikanische Liturgiereform = Liturgiereform im eigentlichen Sinn (M. Klöckener) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

39 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) a. Gesamtbild -Periode des Übergangs, aber auch „eine der fruchtbarsten Liturgieperioden“ (Klauser / Angenendt) -Hochschätzung der römischen Kirche -Unzufriedenheit mit dem gallischen Liturgietyp -Wirken von Bonifatius ( † 754) und Benedikt von Aniane ( † 821) -Gallisch-fränkische Anpassungen und Umgestaltungen: Vorliebe für dramatische Handlungen, für Vermehrung und Verlängerung der Gebete und Riten, für subjektive Elemente, die sich in zahlreichen stillen Gebeten des zelebrierenden Bischofs und Priesters finden -Ab dem 8. Jh. Tendenz den Kanon nur noch leise zu sprechen -Allegorische Messerklärung (Amalar von Metz, Alkuin) -Starkes Unwürdigkeits- und Sündigkeitsgefühl -Aufkommen der Privatbeichte und Tarifbuße durch iroschottische Mönche Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

40 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) a. Gesamtbild -Entstehung von Rubriken- oder Zeremonienbüchern (Ordines), u.a. Römisch-Germanisches Pontifikale (Mainz, um 950) -Gallisch-fränkische Liturgie gelangt im 10. Jh. unter Kaiser Otto I. zurück nach Rom und tritt von dort aus als „Liturgie der römischen Kurie“ ihren Siegeszug als Einheitsliturgie des Abendlandes an -Zurückdrängen der alten, lokalen Liturgien (mozarabisch, keltisch, gallisch) -Kirchenbau erlebt in diesem Zeitabschnitt unter den Karolingern und Ottonen einen mächtigen Aufschwung, der schließlich um 1100 in der Romanik einem ersten Höhepunkt zustrebt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

41 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 1.Allgemeine Neuerungen im Bereich der Liturgie und des Kalenders -Dramaturgische Liturgie des Palmsonntags, der Karwoche und des Triduum paschale (hier sind östliche und insbesondere Jerusalemer Vorbilder deutlich zu spüren) -Salbungen des Hauptes und der Hände des neuen Bischofs und der Hände des Neupriesters im Weiheritual, Königssalbung (das AT als das große Lehrbuch, aus immer wieder Anregungen und Anweisungen für die Ausgestaltung der Liturgie geschöpft werden) -Erweiterungen der Kirchweihliturgie (Waschung und Salbung des Altars und der Kirchenwände als Nachahmung der Taufe) -Gloriahymnus und Gesang des Agnus Dei -Klauser: „Unsere Liturgie ist in ihrem Kern römisch. Aber in entscheidenden Teilen der Liturgie der Sakramente und Sakramentalien sowie besonders im Ritual der Karwoche und des Triduums paschale verdankt sie ihre heutige Gestalt der gallisch-fränkischen Kirche.“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

42 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 1.Allgemeine Neuerungen im Bereich der Liturgie und des Kalenders -Einführung neuer Herren- und Marienfeste durch Papst Sergius I. ( ) -Begegnung des Herrn mit Simeon (2. Februar) -Verkündigung des Herrn (25. März) -Maria Heimgang (15. August) -Maria Geburt (8. September) -Kreuzerhöhung (14. September) -Klauser: „Man muss in diesen Neuerungen den Versuch eines Orientalen sehen, die jahrhundertelange Sprödigkeit der römischen Kirche gegenüber den liturgischen Neuerungen der östlichen Christenheit zu überwinden und die Kluft, die sich infolge der konservativen Haltung Roms zwischen dem römischen und dem östlichen Kirchenjahr gebildet hatte, zu überbrücken.“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

43 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 2. Die Entstehung und Entwicklung der liturgischen Bücher -Entwicklung im Lauf des Mittelalters: von den Rollenbüchern für die einzelnen Amts- und Dienstträger (Bücher für den Vorsteher, für den Lektor, Diakon, Kantor, die Schola) zu den Büchern für einzelne Feiern bzw. Gruppen von Feiern (Messe, Tagzeitenliturgie, bischöfliche liturgische Handlungen, sakramentliche Feiern usw.) -Libelli missarum: Einzelne Blätter und Hefte mit Gebetstexten für die Messe (das Sacramentarium Leonianum bzw. Veronense enthält solche libelli mit Textgut aus dem 5./6. Jh.) -Sakramentare (siehe auch Folie 28): Gebetstextsammlungen für den Vorsteher. Sie enthalten die Präsidialgebete für die Messe und andere gottesdienstliche Feiern (Tagzeitenliturgie, sakramentliche Feiern) und waren letztlich nichts anderes als eine Systematisierung und Erweiterung der libelli mit Anspruch auf Normativität – verstanden sich als Rollenbuch des Liturgen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

44 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 2. Die Entstehung und Entwicklung der liturgischen Bücher -Zwei Typen von römischen Sakramentaren im 7./8. Jh. -Das gregorianische Sakramentar (entstanden im ersten Viertel des 7. Jhs): enthält die Feiern des Papstgottesdienstes im Lateran und v.a. an den Stationstagen; gelangte auf Anforderung Karls d. Gr. Ende des 8. Jhs ins Frankenreich (unter Papst Hadrian I., daher Gregorianum „Hadrianum“ genannt); weitere Überarbeitung und Erweiterung durch Benedikt von Aniane (Supplementum) -Das gelasianische Sakramentar: diente wohl eher dem gottesdienstlichen Gebrauch in den von Presbytern geleiteten römischen Titelkirchen; Ältester Zeuge ist das „Altgelasianum“ (Gelasianum vetus); Grundlage für den Sakramentartyp, der in der zweiten Hälfte des 8. Jhs vorherrschend war, ist das Gelasianum saeculi VIII -Die Sakramentare orientierten sich meist am Kirchenjahr und waren reich an liturgischen Texten, v.a. hinsichtlich der Messformulare und Präfationen (im Sacramentarium Gregorianum 83 Messformulare für das Temporale und 79 für das Sanctorale; In der Fassung von Benedikt von Aniane standen allein 221 Eigenpräfationen) -Sacramentarium Fuldense aus dem 10. Jh. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

45 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 2. Die Entstehung und Entwicklung der liturgischen Bücher -Kollektar: enthält die Gebetstexte (und häufig auch die Kurzlesungen) für die Tagzeitenliturgie (Rollenbuch für den Vorsteher des Stundengebets) -Liturgische Bücher für die Schriftlesungen: Capitulare lectionum / epistolarium; Capitulare evangeliorum; Comes; Evangeliar; Evangelistar -Liturgische Bücher für die Gesänge: Antiphonarium / Antiphonale missarum; Graduale; Cantatorium -Ordines Romani: beschreiben den Ablauf des Gottesdienstes in Rom (keine Gebets- und Gesangstexte); Wichtig sind v.a. der OR I (Modell einer römischen Papstmesse im 6./7. Jh.) und OR XI (Initiationsritus im frühen Mittelalter); gehen später in den Rubriken des Einheitsmissale auf - Libri ordinarii: beschreiben detailliert den faktischen Verlauf des Gottesdienstes in einer bestimmten Kirche, enthalten allerdings keine liturgischen Texte, nur deren Anfänge Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

46 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 2. Die Entstehung und Entwicklung der liturgischen Bücher -Pontifikale: Buch mit den bischöflichen Liturgie; seit der Wende vom 8. zum 9. Jh. bildet das Pontifikale einen eigenen Buchtyp; wichtigste Vertreter: Pontificale Romano-Germanicum aus Mainz (um 950) und Pontificale des Bischofs Wilhelm Durandus von Mende ( ) -Caeremoniale: Ergänzungsbuch zum Pontifikale mit Erklärungen zur bischöflichen und päpstlichen Liturgie, das nicht in der Liturgie verwendet wurde. -All diese unterschiedlichen Bücher fanden in Kathedralkirchen, Klöstern und auch in Pfarrkirchen Verwendung (großer Buchbestand gegenüber den damaligen Bibliotheken) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

47 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 3. Der Weg von Rom ins Frankenreich und zurück -Drei Stationen auf dem Weg zur römisch-fränkischen Mischliturgie -Rom: seit dem 5. Jh. erhält die päpstliche Liturgie ein eigenes Gepräge, das der Stationsliturgie; zeremoniell stark entwickelt; Sacramentarium Gregorianum als Rollenbuch mit Breitenwirkung (Interesse Karls d. Gr.) -Aachen: Vereinheitlichungspolitik Karls d. Gr. will in allen Kirchen zu einem Ritus und zu ein und derselben liturgischen Feier kommen; dazu wird der Ritus der päpstlichen Liturgie ausgewählt, weil diese autoritativ ist und außerdem Format besitzt; Buch der päpstlichen Liturgie im 8. Jh. (GrH) wird vom Kaiser zum Modellritus in seinem Reich erklärt; Notwendigkeit der Ergänzungen -Mainz: Entstehung des Pontificale Romano-Germanicum im Koster St. Alban in den Jahren ; bestimmt für alle liturgischen Feiern, denen der Bischof (pontifex) und, auf sein Geheiß, die Priester (Kleriker wie auch Mönche) vorstehen; Ausdruck der römisch-germanisch-fränkischen Mischliturgie -Rom: Kaiser Otto I. führt dieses Pontificale in Rom ein (wahrscheinlich ); Widerstand gegen ein „teutonisch-römisches“ Liturgiebuch durch Papst Gregor VII. ( † 1085) ; Rom möchte und wird sich wieder von den fränkischen und gallischen Einflüssen emanzipieren Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

48 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 4. Weitere Entwicklungen in der liturgischen und sakramentalen Frömmigkeit -Taufe -Bonifatius und die Durchsetzung des römischen Taufritus (Befolgung der römischen Liturgie als Auftrag des hl. Petrus) -Zweite postbaptismale Salbung als Unterscheidungskriterium der römischen Initiation gegenüber anderen Liturgien; Übernahme in England (Beda) und Germanien (Bonifatius); im 8. Jh. endgültige Ablösung der Firmung von der Taufe -Übersetzung des Glaubensbekenntnisses und des Vaterunsers als Beginn der volkssprachlichen Katechese -Patenschaften als geistliche Verwandtschaft zwischen Täufling und Täufer, aber auch politische Bedeutung als eines der wichtigsten Mittel künstlicher Verwandtschaftsbildung im Merowinger- und Karolingerreich; Päpste als Paten der Karolinger Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

49 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter 4. Weitere Entwicklungen in der liturgischen und sakramentalen Frömmigkeit -Buße und Beichte -Iroschottische Mönche propagieren die oftmalige Buße und nehmen dafür eine Tarifierung vor -Umrechnung der Bußleistungen in Gebete (Psalmen, Vaterunser, Ave Maria) und Messen (Ursprung des Rosenkranzgebets aus dem Gebetspensum der Laien) -Dennoch auch pastorales Bemühen (geheime Beichte; Gewissenserforschung) -Häufung der Messen -Mit der Anzahl der Messen erhöhte sich im Frühmittelalter auch die Anzahl der Altäre in den einzelnen Kirchen: alle Altäre waren jeweils mehreren Heiligen geweiht und enthielten auch deren Reliquien -Reliquienwesen -Im 8. und im 9. Jh. Häufung der Elevationen und Translationen der Gebeine von großen Heiligen und Märtyrern (ursprünglich in Rom unbekannt) -Die feierliche Erhebung und die Neubestattung beim Altar oder auch die erhöhte Aufstellung des neuen Schreins hinter dem Altar bildete eine eigene Liturgie, deren Aussagegehalt der späteren kanonistischen Heiligsprechung gleichkam Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

50 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) b. Liturgiereformen im frühen Mittelalter Exkurs: Die Liturgie im Kloster Fulda im Frühmittelalter -Bau der ersten Fuldaer Stiftskirche (751/819) -Zeugnisse der frühen Zeit Fuldaer liturgischer Tradition sind u.a. ein Bruchstück eines Fuldaer Ordo missae aus dem 9. Jh. und einige Sakramentarien aus dem ausgehenden 10. beginnenden 11. Jh. -Ordo missae des 9. Jhs bescheinigt, dass der Gottesdienst nach römischem Ritus vernünftig und ordnungsgemäß (rationabiliter et cum sufficentia) gefeiert wurde und daher ein Vorbild für andere Klöster sein konnte -Sakramentarium des 10. Jhs hat einige lokale Besonderheiten (Erwähnung von Bonifatius und Lioba im röm. Hochgebet, eigene Vigil und Oktav zum Bonifatiusfest, Orationen zur sonntäglichen Prozession durch das Kloster) -Reliquienverehrung: „Heilthumbshaus“ in der Andreaskapelle der Stiftskirche mit einigen „Raritäten“; Ablass durch „Heiltumsschau“; 44 Altäre mit Reliquien im Stiftsbereich; Reliquienprozession Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

51 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) c. Benedikt von Aniane: Reform der monastischen Tagzeiten und Ausgestaltung der römisch-fränkischen Messfeier -Die liturgische Reformtätigkeit im Frühmittelalter ist eng verbunden mit dem Namen Benedikt von Aniane (ca ) -Verbindung von liturgischer und monastischer Reform -Benedikts Reform hat ein zweifaches Anliegen -Zurückführung der monastischen Tagzeitenliturgie auf die Grundform, die er in der Regula Benedicti (cap. 8-18) vorgezeichnet findet -Wertschätzung und Erhaltung der seit dem 6. Jahrhundert geschehenen frömmigkeitsgeschichtlichen Entwicklung und monastischen Traditionen -Ergebnis, an dem die cluniazensische Reformbewegung ein Jahrhundert später anknüpft -Wiewohl Benedikt hatte kürzen wollen, blieb ein Pensum von täglich 137 Psalmen, also 100 mehr als in der Benediktregel -In das tägliche Stundengebet eingeflochten waren obendrein zwei gemeinschaftlich gefeierte Hochämter, jeweils nach der Terz und vor der Non, dazu noch die Privatmessen der Priestermönche (siehe Handout) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

52 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) c. Benedikt von Aniane: Reform der monastischen Tagzeiten und Ausgestaltung der römisch-fränkischen Messfeier -Im Zusammenhang mit der anianischen Reformbewegung kann von einer Messreform noch keine Rede sein (tägliche Konventmesse, Eulogienbrote für die Laien, Nebenmessen) -Ziel: der Textverderbnis und der unüberschaubar gewordenen Vielfalt der gallischen Liturgie ein Ende zu machen und einer gereinigten sowie möglichst einheitlichen Form der Messfeier den Weg zu bereiten -Alkuin: Verwendung des Gelasianums saec. VIII zusammen mit dem Gregorianisch-Hadrianischen Sakramentar (GrH) -Benedikt von Aniane: Schaffung eines Ergänzungsbandes (Supplementum) mit u.a. 221 Eigenpräfationen (möglichst jedes Messformular hat eigene Präfation) und 52 Formularen für den bischöflichen Segen; Hauptaufgaben sind Sammlung und Korrektur alter Texte aus anderen Traditionen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

53 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) c. Benedikt von Aniane: Reform der monastischen Tagzeiten und Ausgestaltung der römisch-fränkischen Messfeier -Inhalt des supplementums Benedikts von Aniane -Texte für die Sonntage nach Weihnachten, nach Epiphanie, nach Ostern und nach Pfingsten (Suppl. cap. 5-91) -sechs Formulare für Werktagsmessen (cap ) -acht Formulare für das Commune Sanctorum (cap ) -ein Formular für den Jahrestag der Kirchweihe (cap. 113) -43 Formulare für weitere Votivmessen (cap ) -Gebete über die Büßer in der Quadragesima und für die Rekonziliation am Gründonnerstag (cap. 407f) -eine Messe für eine(n) Kranke(n) (cap. 110) -neun Messen für Verstorbene (cap ) -Im Appendix: 221 Präfationen für Sonn- und Festtage, für alle Tage der Quadragesima und für verschiedene Votiv- und Totenmessen; 52 Formulare für den bischöflichen Segen an Sonn- und Festtagen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

54 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) c. Benedikt von Aniane: Reform der monastischen Tagzeiten und Ausgestaltung der römisch-fränkischen Messfeier -Quellen des supplementums Benedikts von Aniane -Gelasianum saec. oct. -Ältere gregorianische Sakramentare (daraus das aus Heiligenmessen geformte Commune Sanctorum mit 22 Texten) -das von Alkuin um 800 geschaffene Missale (daraus zumindest vier Votivmessen) -einige wenige altgallische Texte -aus westgotischen Quellen zahlreiche Präfationen sowie 51 Segensformulare -Vorgehen: Wie bei der Benediktregel hält sich Ben. v. Aniane an einen vorgegebenen Grundtext (GrH), aber nicht ohne es zu korrigieren; und er fügt diesem Grundtext in freiem Umgang mit den benutzten Quellen zahlreiche Elemente aus der altgallisch-fränkischen Tradition ein (das GrH umfasst 1018, das anianische Supplement immerhin 786 Nummern) -Eigene Einschätzung (Vorrede): Gregorianischer Teil ein „Muss“, das Supplement „ad libitum“ für eine zeitgemäße Liturgie (vgl. Handout) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

55 II. Periode der fränkisch-römischen Vermischung: Von Gregor dem Großen bis Gregor VII. ( ) c. Benedikt von Aniane: Reform der monastischen Tagzeiten und Ausgestaltung der römisch-fränkischen Messfeier -Wirkung und Bedeutung des supplementums Benedikts von Aniane -verbreitete sich zunächst in den aquitanischen und einigen anderen unter seiner Leitung bzw. unter seinem direkten Einfluss stehenden Klöstern -trug viel zur Ausformung und Vereinheitlichung der römisch-fränkischen Messliturgie bei (Prinzip der „una regula – una consuetudo“ ) -diese Form der Messe hat in der Folge die Gestalt der Eucharistiefeier in der ganzen lateinischen Kirche des Westens bis heute beeinflusst -Überzeugung, dass es in der Glaubenslehre wie in der Liturgie nicht darum gehe, Neues zu schaffen, sondern „Überkommenes“, d.h. die Hl. Schrift, die Lehre der Väter und die Liturgie der Alten Kirche, wie sie Gregor d. Gr. vorbildlich formuliert und gefeiert hat, getreu zu bewahren und weiterzugeben -Ethos der traditio schließt aber die correctio und emendatio nicht aus, sondern ein -Benedikt wollte auf seine Weise auch eine „zeitgemäße“ Liturgie -Die erstrebte und erreichte Zeitgemäßheit dieser Liturgie bedeutet freilich zugleich eine Grenze: Klerusliturgie; Liturgie mit nur wenig doxologischem Charakter; Heilsangst und Heilssorge sowie Bitte und Fürbitte drohen den anamnetischen Lobpreis zu überspielen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

56 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) a. Gesamtbild -Reform von Gregor VII. ( ) hat auch eine liturgische Dimension (z.B. im römischen Kalender) -Als Teil der Stärkung ihrer Autorität arbeiten einander nachfolgende Päpste an der Erneuerung des römischen Ritus nach Prinzipien, die sie selbst aufstellen, und mit Blick auf ihre eigene Liturgiefeier -Änderungen im 11./12. Jh.: Die Stationsliturgie (in der Stadt) wird immer weniger praktiziert; die meisten Tage feiert der Papst die Liturgie mit seinem Hofstaat („curia romana“) in seiner Privatkapelle -IV. Laterankonzils 1215 / Papst Innozenz III. ( ): Initiative, die Bücher für die Feier der Messe und für das Stundengebet zu erneuern (Fertigstellung von „Ordinarium“ und „Missale“ Anfang des 13. Jh.) -Wirken der Franziskaner führt zur Verbreitung der päpstlichen liturgischen Bücher und zur Anpassung an die Gegebenheiten eines mobilen Missionsordens (handlichere Bücher für Brevier und Messe) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

57 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) a. Gesamtbild -Römische Synthese: die römisch-fränkisch-germanische Liturgie nach dem Schnitt der päpstlichen Kurie und eine Liturgie, in der die ortsrömische (kathedrale) und monastische Tradition zusammenfließen -Grundtexte kommen aus dem 5. und 6. Jh., vor allem aus Rom -Später werden, vor allem von Mönchen im fränkischen Reich, hymnische Texte hinzugefügt. -Außerdem finden Elemente in den Gottesdienst Einlass, die bei den Franken und Germanen einen stärkeren Akzent erhalten als in Rom: Segnungen von Dingen, Exorzismen über Personen und Dinge, non-verbale Gestaltungsmittel wie Prozessionen und Salbungen. -Durch die Kurie wird hieraus die Liturgie der päpstlichen Kapelle, die schließlich zur westlichen Liturgie wird -Rivalität zwischen der päpstlichen Kurienliturgie und den Ortsliturgien (die die ältere römische Tradition aufnehmen) wird letztlich erst in Trient zugunsten der Liturgie der Kurie entschieden Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

58 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) a. Gesamtbild -Materielle Veränderung: So gut wie jeder Tag im Jahr erhält sein Heiligenfest; ein immer dichteres Netz von Herren- und Marientagen überzieht das Kirchenjahr -Die Tagzeitenliturgie wird vor allem in den Kluniazenserklöstern über das erträgliche Maß hinaus erweitert -Polemik zwischen den Kluniazensern und den Franziskanern, die sich eine kürzere Fassung der Tagzeitenliturgie genehmigen lassen, der dann auch der Weltklerus folgt -Etablierung der Privatmesse -Gründe: Reliquien in Altären, Tarifbuße, Totenmessen, steigende Zahl der Priester -Verständnis: Der Priester handelt im Namen der Gläubigen und nicht mehr gemeinsam mit ihnen, denn sie sind abwesend und haben ihn durch ein Messstipendium zu ihrem Vertreter gemacht -Feiergestalt: Viele Privatgebete (aus altgallischer Tradition), Priester rezitiert alle Texte (auch die des Chors), Missbrauch: Missa bifaciata / trifaciata, Aufgabe des Kommunionkelches Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

59 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) a. Gesamtbild -Verständnis für den eigentlichen Sinn der eucharistischen Feier und für den wesensmäßigen Zusammenhang von Opfer und Opfermahl wird in dieser Zeit immer geringer -Die Andacht der Gläubigen kreist jetzt, auch während der Messfeier, mit Vorliebe um die Menschheit Jesu, vor allem um seine Passion -Aufblühen der liturgischen Frömmigkeit (Wallfahrten, eucharistische Andachten etc.) -Kennzeichen der liturgischen Periode des Hoch- und Spätmittelalters ist nicht nur der Anschluss der Ortskirchen an die römische Liturgie (Vereinheitlichung), sondern auch die Veränderung des Verhältnisses der Gemeinde zur Liturgie (früher gemeinsame Aktion von Priester und Volk, nun ausschließliche Obliegenheit der Priester) -Am Ende des Mittelalters ist aus der Liturgie ein Zeremoniell geworden, aus dem die Gläubigen sich Kraft holen können, an dem sie aber nicht mehr direkt beteiligt sind Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

60 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) a. Gesamtbild -Das neue Verständnis der Liturgie führt auch neuen Buchtypen, die auf die Rolle des Priesters bzw. Bischofs zugeschnitten sind -Plenarmissale mit allen Texten für die Hl. Messe (hat sich bis zum 13. Jh. überall durchgesetzt) -Brevier (zunächst Chorbrevier für das gemeinsame Chorgebet, dann kleines, handliches Einzelbrevier für die Einzelrezitation der Horen) -Pontificale (enthält die spezifisch bischöflichen Gottesdienste wie Ordinationen, Kirchweihe, Jungfrauenweihe, Firmung etc.; bedeutendstes Pontificale wird das von Wilhelm Durandus von Mende aus dem Ende des 13. Jh.) -Rituale (Buch, in dem die wich­tigsten von Presbytern geleiteten sakramentlichen Handlungen wie Taufe, Trauung, Sterbe- und Begräbnisliturgie enthalten sind; entwickelt sich seit dem 10. Jh.) -Capitula episcoporum (beschreiben die Gottesdienstpraxis in den durchschnittlichen Pfarr- und Landkirchen; interessante Quellen) -Liturgieerklärungen (allegorisch-geistliche Deutung der Liturgie; den Abschluss und Höhepunkt bildet das Rationale divinorum officiorum des Wilhelm Durandus von Mende) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

61 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern -Interessant sind bei den „Reformen“, die in den eremitischen bzw. kontemplativen Orden der Kartäuser und Zisterzienser durchgeführt wurden, besonders die Leitlinien bzw. Prinzipien, an denen man sich orientierte 1. Kartäuser -vier Gründergestalten, die auf die Entwicklung der Kartäuser und Liturgie entscheidenden Einfluss ausgeübt haben -Bruno, der Gründer (ca ): führte seine Gefährten in die kartusiensische Lebensform ein -Hugo, Bischof von Grenoble ( ): Ein halbes Jahrhundert hindurch förderte er geistig und materiell die neue Gründung seiner Diözese. -Guigo, der fünfte Prior der Großen Kartause ( ): Unter ihm entstanden die ersten zunächst noch selbständigen Kartausen. Für diese schrieb er gegen 1127 die Consuetudines Cartusiae und legte so die Lebensordnung der Kartause fest. -Anthelm, der zweite Nachfolger Guigos ( ): Er bildet den Abschluss dieser entscheidenden Periode des Ordens. Unter ihm wurde das Generalkapitel zum ersten Mal einberufen. Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

62 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern -Ein wichtiger, für die Entwicklung des Ordens entscheidender Punkt war dabei die Einheitlichkeit in der Feier der Liturgie. Diese Liturgie hat sich trotz aller Veränderungen im Laufe der Jahrhunderte bis in die Reformen der Gegenwart als das tragende Fundament des Ordens erwiesen. -Entscheidend für den Orden war v.a. das Antiphonale, das an die Gegebenheiten einer eremitischen Gemeinschaft angepasst wurde. -Prolog des Antiphonale officii spricht von Liturgiereformen nach einem vierfachen Prinzip -Traditionsprinzip (Grundlage für die Erstellung eines eigenen Antiphonars ist das Antiphonale officii, wie es in der mittelalterlichen Tradition überliefert ist) -Einfachheitsprinzip (Streichungen beziehungsweise Kürzungen überflüssiger Stücke) -Schriftprinzip (Verbesserung nicht schriftgemäßer Texte) -Ordnungsprinzip (die Reform wird sowohl durch die Erfordernisse der eremitischen Lebensform begründet als auch durch die Mitwirkung des Bischofs von Grenoble legitimiert) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

63 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern -Bei der Erstellung des neuen Antiphonale der Kartause lassen sich drei Phasen unterscheiden: -a. Bei der Gründung der Kartause (1084) wurden zunächst die nicht- kartusiensischen Antiphonare älterer Tradition (Gregors römische Grundgestalt, Reims, Grenoble) weiterbenutzt. -b. Unter Bruno ( ) und Landuin ( ) wird ein urkartusiensisches Antiphonar kanonikaler Tradition nach den Prinzipien der Tradition, Einfachheit, Schrift und Ordnung geschaffen. -c. Unter dem Prior Johannes ( ) wurde schließlich ein neues kartusiensisches Antiphonar geschaffen, das sich der benediktinischen Struktur annäherte, indem man die kanonikale Vorlage monastisierte. -Auch hinsichtlich der Entwicklung der übrigen liturgischen Bücher unterscheidet man drei Phasen: Kanonikal-eremitische Phase (Kalendar, Antiphonar, Gradual, Ordo missae), Benediktinisch-eremitische Phase (Monastisierung des Antiphonars, Homiliar), Abschluss der Reform unter Guigo und Anthelm (neues Antiphonar) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

64 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern -Im Gefolge des Zweiten Vatikanischen Konzils hat der Orden der Kartäuser nach langer Arbeit die Liturgie an einigen Stellen reformiert -Diese Veränderungen betreffen jedoch nicht das Stundengebet (Offizium – mit zusätzlichem Marienoffizium) -Insgesamt wird weiterhin ein großer Wert auf die Gregorianik gelegt (nur bestimmte Lesungen und Gesänge dürfen in der Landessprache vorgetragen werden) -Typisch für die Kartäuserliturgie sind Zeiten der Stille und generell die Einfachheit -Ordo missae: Wortgottesdienst in der Eucharistiefeier beschränkt sich auf zwei Lesungen (AT und Evangelium), wobei das Evangelium aus der vorkonziliaren Leseordnung genommen wird -Der liturgische Kalender ist ein eigener, auch wenn er die Rahmenordnung des römischen Universalkalenders übernommen hat Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

65 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern 2. Zisterzienser -Ähnlich wie bei den Kartäusern betrifft die Liturgiereform bei den Zisterziensern v.a. das Stundengebet -Reduktion von Zusatzpsalmen, dennoch Beibehaltung des Totenoffiziums, des Apostolischen und Athansianischen Glaubensbekenntnisses, des Marienoffiziums und der Kommemorationen -Erst später Ablehnung aller überlieferten Zusatzgebete (1190: Exordium magnum von Konrad von Eberbach, vgl. Handout) -Reduktion der traditionellen Zusatzgebete und -offizien war eine der vordringlichsten Maßnahmen bei der Liturgiereform (dabei auch Ablehnung der Prozessionen, Sequenzen und Tropen) -Reform der benediktinisch-monastischen Liturgie nach vier Prinzipien (Prinzip der „integritas regulae“, Prinzip der Authentizität, Prinzip der Einfachheit, Prinzip der Einheit) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

66 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern Prinzip der Integritas regulae -Ein Lebensprinzip der Zisterzienser war die Rückkehr zur „reinen“ Benediktsregel und ihre integrale Beobachtung -Stephan Harding († 1134), Vorwort zum Hymnar: „Unversehrtheit der heiligen Regel … unseres heiligen Vaters Benedikt“ -Durchführung des Regelprinzips bedeutete in mehrfacher Hinsicht einen Bruch der Zisterzienser mit der benediktinisch-monastischen Tradition -Trotz der unverkennbaren Regeltreue der ersten Zisterzienser kann nicht von einer wortwörtlichen Regelinterpretation die Rede sein, vielmehr galt der Grundsatz: 1. Alles nach der Regel. 2. Nichts gegen die Regel. 3. Einiges über die Regel hinaus Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

67 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern Prinzip der Authentizität -Ausschließliche Verwendung von authentischen Büchern und Textfassungen -Bernhard von Clairvaux: sehr sorgsam und mit größter Ehrfurcht bedacht sein, beim Gotteslob das zu singen, was sich als möglichst authentisch erweist -beinhaltete für die Zisterzienser all das, was „auctoritas“, „ratio“ und „veritas“ beanspruchen konnte, z.B. richtige Akzentuierung und Interpretation lateinischer Wörter des Psalteriums -Das Authentizitätsprinzip veranlasste die ersten Mönche von Cîteaux, ihr Reformwerk mit der Revision des Bibeltextes zu beginnen, ihr Hymnar in Mailand, ihr Antiphonar und Graduale in Metz, ihr Sakramentar in Rom und ihren Regeltext auf Montecassino zu besorgen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

68 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern Prinzip der Einfachheit -Einfachheit gilt bis heute als ein Wesensmerkmal der zisterziensischen Reform -strenge Vorschriften bezüglich der Bescheidenheit klösterlicher und sakraler Architektur und Kunst und des ganzen mönchischen Lebensstils -Verzicht auf Gold und Silber bei liturgischen Gewändern und Gerät (vgl. Exordium parvum / Handout) -auch in der Klosterarchitektur starker „Reduktionswille“ (z.B. Fontenay, Helfta, Maulbronn) -Die altmonastischen Werte der Demut, Armut, Einfachheit und v.a. der Innerlichkeit sollten gerade in der Liturgie und ihrer Feier zum Tragen kommen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

69 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern Prinzip der Einheit -Liebe, Einheit und Frieden als Grundanliegen der zisterziensischen Verbandsbildung : „... vielmehr wollen wir in der einen Liebe, unter der einen Regel und nach den gleichen Bräuchen leben.“ -Übereinstimmung mit dem Mutterkloster Cîteaux -Liturgische Bücher sollen überall gleich sein: Missale, Epistolar, Evangeliar, Kollektar, Graduale, Antiphonar, Regel, Hymnar, Psalterium, Lektionar und Kalendar -Vorhandensein der meisten dieser liturgischen Bücher war auch eine Bedingung für die Gründung eines neuen Klosters -Prinzip der Einheit war nur schwer durchzusetzen (dennoch haben das Generalkapitel und die Visitationen die Klöster immer wieder zu dieser Einheit aufgerufen und sie angemahnt) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

70 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) b. Liturgische Reformen bei Kartäusern und Zisterziensern -Fünf Liturgiereformen bei den Zisterziensern -1. Liturgiereform ( , Stephan Harding): Grundlegung der zisterziensischen Liturgie, wichtig das Authentizitätsprinzip -2. Liturgiereform ( , Bernhard von Clairvaux): Bernhardinische Musikreform. Zisterzienserchoral, Veränderung des Hymnars, Aufnahme neuer Offizien, Bereicherung der Marienfeste durch Texte aus dem Hohelied, wichtig das Prinzip der ratio -3. Liturgiereform ( ): geringe Bedeutung, Vereinfachung und Überarbeitung gewisser liturgischer Texte und Formulare, Aufnahme neuer Feste in den zisterziensischen Kalender -4. Liturgiereform ( , Konzil von Trient): Romanisierung der zisterziensischen Liturgie, aber Orden gibt seine Eigenliturgie nicht auf (Kompromisslösung) -5. Liturgiereform (seit 1965, II. Vatikanum): Aufgabe des alten Zisterzienserritus und Übernahme der römischen Bücher für Stundengebet und Messe (d.h. auch Aufgabe des vollen benediktinischen Offiziums), Aufgabe des für die Gründerväter so entscheidenden Prinzips der „integritas Regulae“ sowie des Prinzips des Einheit, wichtig die Prinzipien Authentizität und Einfachheit, „Rituale cisterciense“ (1995) gemeinsam mit den Trappisten – „eine geglückte Synthese von Bewahrung der zisterziensischen Eigenliturgie und der notwendigen Anpassung an die heutige Zeit und die Liturgie der Gesamtkirche.“ Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

71 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) -zentrale Gestalt für die mittelalterliche Kanonistik und Liturgie -Zwei Hauptwerke: Rationale divinorum officiorum, Pontificale (auch Pontificalis ordinis liber) Leben -Geboren um 1230 in Südfrankreich -Karriere an der römischen Kurie ( ) unter insgesamt 11 Päpsten -Päpstlicher Kaplan in Rom -Päpstlicher Legat in der Toskana und Romagna (in die Kriegswirren zwischen Guelfen und Ghibellinen involviert) -Ernennung zum Bischof von Mende (1285), Beschäftigung mit liturgisch- pastoralen Themen, Antritt seiner Stelle als Bischof erst Am Ende seines Leben wieder in Rom († 1. November 1296, Epitaph in Santa Maria sopra Minerva) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

72 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Rationale divinorum officiorum -bietet eine vorwiegend allegorische Liturgieerklärung mit kanonistischen Elementen -wichtig ist der vierfache Schriftsinn (historisch, allegorisch, tropologisch-moralisch, anagogisch) -Versuch, alles, was für das Verständnis der täglichen Feier des Gottesdienstes wichtig scheint, so klar wie möglich zu beschreiben und die verborgenen Geheimnisse der Liturgie der Reihe nach zu erklären bzw. zu deuten -Prolog: Vermittlung einer allgemeinen Lehre des Kultus der Hl. Messe, aber auch Verweis auf die Vielfalt der lokalen Besonderheiten, Bedeutung der Hl. Schrift und der Tradition (vgl. Handout) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

73 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Rationale divinorum officiorum Aufbau (I) Von der Kirche, den kirchlichen Orten und schmückenden Gegenständen, von den Weihehandlungen und den Sakramenten (II) Von den Ämtern der Kirche und den damit verbundenen Diensten (III)Von den Gewändern für die Priester und andere (Würdenträger) (IV)Von der Messe und im Einzelnen, was in ihr geschieht (V) Von den anderen Gottesdiensten im Allgemeinen (VI) Speziell von den einzelnen Sonntagen und Feiertagen, und von den Festlichkeiten, die dem Herrn gebühren (VII) Von den Festen der Heiligen, und vom Fest und Officium der Kirchweihe und der Toten (VIII) Von der Festberechnung und dem Kalendarium Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

74 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Rationale divinorum officiorum Intention -Buch für „Priester und Prälaten“ -Minimale Erwartungen an die Priester (Kenntnis der liturgischen Bücher, Predigt, Pastoral) -Umfassende liturgische Enzyklopädie (Erklärung der christlichen Liturgie und des christlichen Glaubens nicht nur für Priester, sondern auch für Künstler und zur Laienkatechese) -Insgesamt geht es erstens um ein möglichst umfangreiches Sachwissen (enzyklopädische Wert des Kompendiums), zweitens um Praxiswissen bezüglich der vorgeschriebenen Ordnung des Kultgeschehens und drittens um Methodenwissen, nämlich eine Einführung in die hermeneutische Auslegung von Schrift und den das Heilige repräsentierenden Kult mithilfe des vierfachen Schriftsinnes Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

75 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Rationale divinorum officiorum Bedeutung -das umfassendste liturgische Handbuch des Mittelalters -im Vergleich zu den übrigen mittelalterlichen Liturgieerklärungen ist es besser gegliedert, verständlicher und – im Blick auf den Gang der liturgischen Entwicklung – eher auf der Höhe seiner Zeit -berücksichtigt als erster allegorischer Liturgiekommentar ausführlich die kanonistischen Implikationen jedes Themas -Großer Einfluss des Rationale auf die Liturgie der späteren Epochen (war das fünfte Buch überhaupt, das nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern gedruckt wurde) -hohe Zahl von Manuskripten über 350 Jahre -relativ niedrige Zahl an Übersetzungen (Indiz dafür, dass es kaum über den Kreis von Fachleuten hinaus bekannt wurde) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

76 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Die Erklärung von Palla und Corporale in Buch IV des Rationale -Vorstellung, dass alles, d.h. jedes einzelne Element, Instrument und Ornament ein sinnvolles Teilchen des allumfassenden ordo Gottes ist, bildet Voraussetzung der Deutung der einzelnen Dinge im Hinblick auf Raum, Zeit und handelnde Personen -jede res ihren sinnvollen Ort innerhalb eines komplexen Beziehungsgefüges (verändert sich je nach liturgischer Situation entsprechend vorgegebenen Regeln und impliziert dabei konkrete Handlungsanweisungen) -Auch wenn das äußere Erscheinungsbild je nach Form der Gebetszeiten und Feste im Laufe des Kirchenjahres, aber auch nach unterschiedlichen lokalen Gewohnheiten ständig variiert, bleibt die Grundstruktur doch erhalten Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

77 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Die Erklärung von Palla und Corporale in Buch IV des Rationale -Pallen und Korporale stehen in engstem Zusammenhang mit der Eucharistie und ihrem historischen Ursprung, der Geschichte von Tod und Auferstehung des Erlösers -Materialiter sind sie Nachbildungen der Grabtücher Christi und ihre wichtigste Funktion besteht darin, die einzelnen Teile der Messe, die im MA als eine schrittweise Vergegenwärtigung von Christi Leidensweg verstanden wurden, auf ikonisch-figurative Weise zu unterstützen -Palla – etymologisch von palliare (verdecken) -seit dem 4. Jh. ständiger Teil der Altarausrüstung, schon aus Gründen der Erhabenheit des Opfers, aber auch wegen der Reinlichkeit -Bedeutung der Palla: Im Rahmen der Messhandlung Christi Leichentuch – Außerhalb der Messhandlung tropologische Ausdeutung (das menschliche Herz soll die Reinheit und Weißheit des Stoffes durch ein tugendhaftes Leben erlangen) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

78 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Die Erklärung von Palla und Corporale in Buch IV des Rationale -Ursprünglich gab es nur eine palla, die zugleich Altartuch und Korporale war, erst später, bei Einführung des Altartuches, ist die Rede von palla corporalis -Korporale figuriert nicht nur Christi, sondern auch der Kirche Leib -Während das Korporale heute nicht mehr als ca. 60 cm Seitenlänge misst, bedeckte es im MA den ganzen Altar, weswegen es auch auf ganz bestimmte Weise gefaltet werden musste, was wiederum symbolisch ausgedeutet wurde (im gefalteten Zustand Göttlichkeit Christi, im entfalteten Zustand die vier Kardinal- und drei theologischen Tugenden) -Wegen seiner Breite war es ursprünglich möglich, mit dem Korporale gleichzeitig den Kelch zu bedecken (später fertigte man zwei kleinere Corporale an, eines, das über die Oberfläche des Altars gebreitet wurde, ein anderes, das – sauber zusammengefaltet – zur Bedeckung des Kelches diente; daraus entstand dann die mit einem Karton verstärkte palla) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

79 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Die Erklärung von Palla und Corporale in Buch IV des Rationale -Miteinander der Dinge in der Liturgie ist „voll von göttlichen Geheimnissen“ 1.Personen und ihre Ämter 2.Handlungen 3.Formen der Rede 4.Gattungen der Dinge (ornamenta, instrumenta, elementa) -Die Messvela sind zu den ornamenta bzw. instrumenta zu zählen -dreifache Weise der sinnlichen Erinnerung der Passion Christi durch Bilder und Malereien (Gesichtssinn), Predigt (Gehör) und dem von Christus selbst eingesetzten Altarsakrament (Geschmack) -Bedeutung des Korporale / Palla innerhalb des Messkanons (unmittelbar im Anschluss an das Kelchwort) -Korporale/Palla gutes Beispiel für ein reines Zeichen (signum tantum) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

80 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Die Erklärung von Palla und Corporale in Buch IV des Rationale -Korporale / Palla fungieren als ein Interpretament bzw. sekundäres Symbol, die je nach liturgischer Situation und den sich mit dieser ständig verändernden Konstanten auch verschiedene Inhalte haben (vgl. Handout) -Beispiele aus dem Rationale führen vor Augen, wie mithilfe eines Gegenstandes, des Korporale, die ganze Passionsgeschichte in Einzelmomenten dramaturgisch-theatralisch vergegenwärtigt wurde -insgesamt eröffnet sich ein Feld miteinander korrespondierender Zeichen, das je nach Betonung bestimmter Elemente eine bestimmte Bedeutung rememoriert, hier meistens in Bezug auf die biblische Passionsgeschichte -ermöglichen dem Rezipienten letztlich einen transitus, d.h. den inneren Übergang vom reinen Wahrnehmen des äußeren Vorgangs hin zum geistigen Begreifen des damit gemeinten Mysteriums und seine individuelle Aneignung auch über den Gottesdienst hinaus Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

81 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Beurteilung der allegorischen Liturgieerklärung -Vorurteile gegenüber dem mittelalterlichen allegorischen und symbolischen Denken v.a. von Seiten der Theologen / Liturgiewissenschaftler (theatralisches Nachspielen der Passion ohne tieferen Sinngehalt), weniger von Historikern und Kulturwissenschaftlern -Kirsten Faupel-Drevs: Die Intention der „Symbolik“ des Rationale wird häufig nicht hinterfragt und diese darum entweder idealisiert oder – als das andere Extrem – diskreditiert hinsichtlich der Ermangelung jedweder Logik und Sinnhaftigkeit -Entscheidend ist das Bewusstsein über den eigenen Ausgangspunkt der Fragestellung und die klare Unterscheidung zwischen neuzeitlichen Symboltheorien und den im Mittelalter auf die liturgische Praxis und geistliche Bildung ausgerichteten Zeichenbegriff -pauschale Verurteilung der allegorisch-rememorativen Liturgieerklärung verbietet sich Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

82 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Beurteilung der allegorischen Liturgieerklärung -Thomas Lentes: Liturgiekommentare des MA allgemein und das Rationale speziell sind eine produktive, positive Quelle mittelalterlicher Liturgie und Frömmigkeit -Infragestellung der Ablehnung kath. Liturgiewissenschaftler als „nachahmende Symbolik“(Jungmann), „fragwürdigen Ersatz für das aktualpräsentische Verständnis der Gegenwart des Heilshandelns Gottes“ (Meyer) oder Historisierung / Psychologisierung der memoria (Messner) -Vorwurf: beschreiben die liturgischen Kommentare aus der Perspektive der Neuzeit, insbesondere mit der Brille der liturgischen Erneuerungsbewegung wie auch der Liturgiereform des II. Vatikanums -Neubewertung: Rationale als historische Quelle, die Aufschluss über die intendierte Rezeptionshaltung im Gottesdienst / Messe gibt -will in das Verstehen der himmlischen Mysterien einführen, um die Priester und Prälaten als Verwalter der Sakramente zu erleuchten Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

83 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Beurteilung der allegorischen Liturgieerklärung -Durandus weist der Messe weiterhin ein anamnetisch- vergegenwärtigendes Gedächtnis zu (versteht das Ritual als das Heilshandeln Gottes an den Menschen und die Opferfeier als dessen Aktualisierung) -versucht die unterschiedlichsten theologisch relevanten Zeit- und Wirklichkeitsebenen zu verbinden: den historischen Ursprung in der Vita Christi und den historisch ein für allemal geschehenen Opfertod -Vor diesem Hintergrund bekommt auch die rememorative Allegorese ihre Berechtigung -steht keineswegs dem anamnetisch-vergegenwärtigenden Grundcharakter der Messe entgegen, sondern will vielmehr durch die Verknüpfung der liturgischen actiones mit den biblischen gesta Letzteren noch verstärken - zielt weniger auf eine mimetische Dramatisierung der Liturgie als vielmehr auf deren figurative und ikonische Repräsentation, mit der die gesamte Liturgie zu einem Mnemotopos der Passion wird Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

84 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Beurteilung der allegorischen Liturgieerklärung -Sakralisierung, Kodifizierung und Reform der Liturgie (und des Klerus!) sind die wesentlichen Gründe für die Entstehung der Liturgiekommentare -Durandus: Cotidianum ergo sacrificium est commemoratio, non iteratio passionis – Das tägliche Opfer ist also eine Erinnerung, keine Wiederholung der Passion. -Das Ritual wiederholt nicht die Geschichte, sondern vergegenwärtigt diese im Modus der commemoratio (daraus folgt die renovatio der Teilnehmer) -spezifische Fassung des liturgischen Zeitverständnisses: Das liturgische hodie (Beda Venerabilis: Hl. Messe als pascha perpetuum) -Im Ritual fallen mithin alle Zeitebenen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen (Durandus: Liturgische Zeit = Zusammenfall von historischer Zeit und Ewigkeitszeit) -durch die Mehrschichtigkeit der Auslegungsmethode bleibt die rituelle Dynamik von Erinnerung, Vergegenwärtigung und Vorausdeutung gewahrt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

85 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Beurteilung der allegorischen Liturgieerklärung -Bezogen auf die Messe bedeutet dies, dass sie gerade nicht als Nachspiel des Lebens und Leidens Jesu interpretiert wird, sondern dass sein Leiden und Sterben theologisch als Opfer, Kampf und Gericht gedeutet wird -Priester wird nicht zur Rollenfigur des historischen Jesus, sondern tritt vielmehr in die Rolle des Anwaltes und Verteidigers -Die Messe setzt die theologische Interpretation des Lebens Christi als Opfer Christi, Kampf zwischen Christus/Priester und Teufel sowie als Gericht vor Gott, bei dem Christus bzw. der Priester als Verteidiger auftreten, in Szene -Die Messe ist also tatsächlich ein Drama, allerdings nicht das dramaturgische Nachspielen des Lebens und Leidens Jesu, sondern das Drama der Erlösung und Entsühnung des Menschen (vgl. H.U.v.Balthasar) -Die Messe als memoria passionis wird in diesem Zusammenhang zu einem einzigen Mnemotopos (Erinnerungsort) der Heilsgeschichte stilisiert Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

86 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Pontificale von Durandus von Mende -stellt neben dem Rationale das bedeutendste und einflussreichste Werk des Durandus auf liturgischem Gebiet dar -liefert Texte und Riten für den direkten Gebrauch in der liturgischen Feier -Gründe für die Schaffung eines neuen Pontificale -speziell auf die Bedürfnisse eines Bischofs zugeschnitten -Einheitlichkeit, d.h. Streben nach Homogenität und Vollständigkeit des Pontifikales, nach Klarheit und Präzision der Rubriken, nach Folgerichtigkeit und Zeichenhaftigkeit der einzelnen Ordines sowie nach leichter Handhabbarkeit des Buches -Riten und Rubriken für die bischöflichen Gottesdienste sollen den kanonistischen Vorschriften entsprechen -Absicht des Bischofs von Mende, damit sein kanonistisch-liturgisch-pastorales Gesamtwerk abzurunden Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

87 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) c. Reform des Gottesdienstes durch Durandus von Mende († 1296) Das Pontificale von Durandus von Mende -Die Verwirklichung dieser Vorgaben führten dazu, dass sein Pontificalis ordinis liber sich letztendlich gegen alle „Konkurrenten“, insbesondere das Pontificale Romanae Curiae, durchsetzte -Wichtig auch die Einarbeitung der scholastischen Sakramententheologie (M. Andrieu) -Nicht ausschließlicher Gebrauch für die Diözeses Mende, sondern für die ganze römische Kirche -Aufnahme von anderen Riten und Respekt vor lokalen Sonderformen (Einfluss gallischer Bräuche z.B. bzgl. der Liturgie der Jungfrauenweihe) Fazit: Unabhängig von der Frage, ob Durandus selbst eine Reform des Gottesdienstes beabsichtigte, lässt sich hinsichtlich des Rationale und Pontificale konstatieren, dass er faktisch die Entwicklung der Liturgie über Jahrhunderte hinweg maßgeblich beeinflusst hat Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

88 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) Exkurs: Liturgie in mittelalterlichen Frauenkonventen -Der Alltag in mittelalterlichen Frauenklöstern war v.a. durch die Liturgie gegliedert, sei es das tägliche Stundengebet oder die Feste im Laufe des Kirchenjahres - Profess als Initialritus am Anfang klösterlicher Existenz: Scheren der Haare, Kleiderwechsel, Übergabe eines Ringes als Zeichen der Vermählung mit Christus, Niederwerfung vor dem Altar, Altarsetzung und Jungfrauenweihe, jeweils eingebunden in Psalmen und Gebete, begangen mit Weihrauch, Kerzen und Gesang -Ritus einer Jungfrauenweihe (Abtei Santa Giulia in Brescia) -Übergabe der neuen Kleider durch die Kandidatin an den Bischof -Segensgebet des Bischofs über das Kleid und Rückgabe an die Schwester -Anlegen der Kleider in der Sakristei (Rückkehr in die Kirche mit Kerzen) -Hl. Messe: Jungfrauenweihe mit zwei Weihegebeten und Übergabe des Schleiers – keine Handauflegung! -Übergabe der Neugeweihten durch den Bischof in die Hände der Äbtissin Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

89 III. Periode der zunehmenden Vereinheitlichung: Von Gregor VII. bis zum Konzil von Trient ( ) Exkurs: Liturgie in mittelalterlichen Frauenkonventen -Neben der Schleierübergabe gehörte vielerorts die Krönung zur klösterlichen Jungfrauenweihe -Die angehende Nonne wurde nach Profess (Gelübde) und Schleierübergabe vom Bischof mit einem Stoffkrönchen bekrönt, das mit Goldfäden und roten Kreuzen oder „Tropfen“ verziert sein konnte -Die Krone wurde als Brautkrone anlässlich der symbolischen Vermählung mit Christus sowie als Dornenkrone gedeutet -Liturgie beim Sterben und Tod -Messe für eine Kranke -Sterbe- und Totengebete: Gebet zur Sündenvergebung („reconciliatio animae“) angesichts des Todes, Gebet über den Körper der Verstorbenen samt „commendatio animae“, Gebet zur Waschung, Gebet bei der Aufbahrung in der Kirche, Gebet zur Beerdigung, Gebet vor dem Grab, Gebet nach der Beerdigung, zweites Gebet zur „commendatio animae“ (Übergabe der Seele an Gott) -In festen Abständen gefeierte Messen für Verstorbene am dritten, siebten und dreißigsten Tag nach dem Tod und das Jahrgedächtnis Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

90 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild -Vorläufer der Reform im 16. Jh.: Libellus ad Leonem (1513), Reformgutachten Georg Witzels (1542) -Konzil von Trient -Letzte Sitzungsperiode (1562/63): Alle liturgischen Vorarbeiten werden dem Papst übergeben -Herausgabe der neuen liturgischen Bücher unter Pius V. ( ): Catechismus Romanus (1566), Römisches Brevier (1568), Römisches Missale (1570), später Pontificale Romanum (1596), Caeremoniale Episcoporum (1600) und Rituale Romanum (1614) -Bestimmung, dass künftig diese Bücher allgemein verpflichtend seien, sofern nicht Diözesen oder Ordensgemeinschaften einen mindestens 200 Jahre alten Sonderbrauch nachweisen können -Bulle „Quo primum tempore“: Dem erneuerten Buch (v.a. Missale) dürfe „niemals etwas hinzugefügt, daraus etwas weggenommen oder an ihm verändert“ werden -Während in weiten Bereichen die erneuerten römischen Bücher relativ zügig übernommen wurden, zog sich dieser Prozess in vielen Diözesen mit einem längeren Sonderbrauch teilweise bis ins 19. Jahrhundert hin -Dennoch war faktisch fast für das gesamte Abendland eine Einheitsliturgie entstanden, die aber nicht die alte römische, sondern eine römisch-gallisch-germanische Mischliturgie war Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

91 a. Gesamtbild -Einen wertvollen Beitrag für die Volksfrömmigkeit leisten die nun entstehenden katholischen Gesangbücher von Michael Vehe (1537) und Johannes Leisentritt (1567) Barockzeit -Das barocke Lebensgefühl führt dazu, dass der offizielle Gottesdienst der Kirche mit immer größerer Prachtentfaltung begangen wird (Messfeier als „Augen- und Ohrenschmaus“) -Liturgisch-geistliche Festspiele (Fronleichnam, Palmsonntag, Kar- und Ostertage – vgl. auch Fulda) -Bei der Messfeier beten die Gläubigen z.T. den Rosenkranz, z.T. Gebete der „Messandacht“ (Andachten verdunkeln den Sinn der Eucharistiefeier) -Erfreuliches Faktum: Entwicklung der Liturgiewissenschaft (Veröffentlichung von Quellentexten) -In Frankreich kehren zahlreiche Diözesen zur vortridentinischen „gallikanischen“ Liturgie zurück (Verflochtenheit mit Jansenismus und Gallikanismus) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/ IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( )

92 a. Gesamtbild Zeit der Aufklärung -Liturgie wird stärker unter dem Aspekt der Nützlichkeit für die Seelsorge gesehen (Betonung des Gemeinschaftscharakters, größere Einfachheit) - Gefahr, den Gottesdienst zu einem Hilfsmittel der moralischen Erziehung, zu einem Instrument der Pädagogik zu degradieren -Synode von Pistoia (1786), verurteilt von Pius VI. (1794) -Reformer als „Wiege der liturgischen Bewegung“ -Vitus Anton Winter († 1814) -Ignaz Heinrich von Wessenberg († 1860) -Johann Michael Sailer († 1832) -„Reformmesse“ von V. A. Winter (siehe Handout) -Bemühen um Belehrung und Erbauung -Bestreben, die ursprüngliche Form der altkirchlichen, von späteren Zusätzen befreiten Gestalt der Messfeier wiederherzustellen -Veränderung der Struktur des Ordo Missae, Forderung von neuen Texten und Gesängen, thematische Durchgestaltung der Messfeiern Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

93 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild Liturgie und katholische Restauration im 19. Jahrhundert -Gleichzeitig mit der späten Aufklärung und weitgehend als Gegenbewegung zu ihr entstand seit dem Ende des 18. Jh. und weit in das 19. Jh. hineinwirkend die Romantik -Die Romantik stellte den Menschen in den Mittelpunkt, betonte aber nicht Vernunft und Sittlichkeit, sondern das subjektive Gefühl, die Naturverbundenheit, das Organische und Ästhetische -In der Kirche hat diese Entwicklung zu einer neuen Hochschätzung der göttlichen Offenbarung, der Institution Kirche und ihrer Traditionen geführt -Vertiefte Erkenntnis und Wertschätzung der alten römischen Liturgie und verständnisvolle Teilnahme an derselben: Johann Adam Möhler ( ) und Felix Arnold Staudenmaier ( ) in Deutschland, Prosper Guéranger ( ) in Frankreich, John Henry Newman ( ) in England (v.a. historische und praktische Ausrichtung der LW) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

94 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild Liturgie und katholische Restauration im 19. Jahrhundert -Neugründung der Abtei Beuron (Maurus und Placidus Wolter) -Beuroner Kongregation: Maredsous und Kaisersberg (Mont-César) in Belgien (1872), Maria Laach (1892) -Übersetzung des Römischen Messbuches durch den Beuroner Mönch Anselm Schott im Jahre Verlagerung vom gottesdienstlich-sakramentalen Leben auf die Organisation und Pflege des kirchlichen Vereinswesens (Vereinskatholizismus) -Vertieftes Verständnis für die Liturgie als kirchliches Handeln, für den Gemeinschaftsgedanken und für die Teilnahme aller Gläubigen, besonders für den häufigeren Kommunionempfang und die liturgiegerechte Predigt -Dennoch waren bis weit in das 20. Jh. hinein eine privat-individualistische Haltung sowie vielerlei Frömmigkeits- und Andachtsübungen (eucharistische, marianische usw.) üblich Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

95 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild Die Liturgische Bewegung des 20. Jahrhunderts (bis zum II. Vatikanum) -Die Liturgische Bewegung (= LB) gehört zu den komplexesten Phänomenen der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts -Vorläufer der LB finden sich schon im 16. Jh. und in der Aufklärungszeit, direkte Wegbereiter aber erst im zweiten und letzten Drittel des 19. Jh. -Merkwürdigerweise war der Aufbruch im 20. Jh. eine Frucht der restaurativen Tendenzen im 19. Jh. (wichtige Zentren dieser Restauration waren französische, belgische und deutsche Benediktinerklöster) -Kirchenmusikinstruktion (Motu Proprio) „Tra le sollecitudini“ vom 22. November 1903 (Pius X.) -Der Papst erkennt die spirituelle und damit gesamtreligiöse Bedeutung der Kirchenmusik als eines Wesensbestandteils der Liturgie -Gottesdienst als Quelle des Glaubens, als Ort der unmittelbaren Begegnung der Gläubigen mit dem Herrn -Wort von der „tätigen Teilnahme“ (sollte beim II. Vatikanum zu einem der Schlüsselbegriffe liturgischer Erneuerung insgesamt werden) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

96 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild -Mechelner Ereignis ( ) - Dom Lambert Beauduin: Schleuse, die einer fruchtbaren pastoral liturgischen Arbeit in Belgien und Deutschland den Weg öffnete -Drei Flügel der LB -die eher an die Akademiker und Liebhaber der Liturgie ausgerichtete benediktinische Richtung (die belgischen Klöster Mont César und Maredsous sowie in Deutschland die Klöster Beuron und Maria Laach) -die mit der Jugendbewegung parallel laufende Liturgische Bewegung Romano Guardinis (Burg Rothenfels) und Ludwig Wolkers (Haus Altenberg) -die vor allem in Österreich initiierte, pfarrlich zentrierte volksliturgische Bewegung (Pius Parsch in Klosterneuburg; Heinrich Kahlefeld und das Leipziger Oratorium) -Romano Guardini unterscheidet vier Phasen der LB -Restaurative Phase: Solesmes -Akademische Phase: Maria Laach, Beuron, Akademikerverband -Realistische Phase: Rothenfels, Leipziger Oratorium, Klosterneuburg -Phase nach dem II. Vatikanum: Frage nach der Liturgiefähigkeit des modernen Menschen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

97 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild -Impulse aus der LB für das II. Vatikanum -Entdeckung der spirituellen Reichtümer der Liturgie (P. Guéranger): hängt zusammen mit dem Wiedererstarken des Benediktinertums und der Entdeckung der alten Quellen römischer Liturgie -Entdeckung der Rolle der Gläubigen (Pius X., Lambert Beauduin): Nicht mehr nur der gültige und erlaubte Vollzug steht im Mittelpunkt; vielmehr soll die fruchtbare, qualifizierte Teilnahme der Gläubigen das geistliche Leben der Kirche fördern -Entdeckung der Mysteriengegenwart (Odo Casel): Gegen einseitige und damit unzureichende opfer- und sakramententheologische Konzepte setzt sich die Mysterientheologie durch (Voraussetzung für eine Theologie der Liturgie) -Entdeckung der Kirche als Mysterium (Romano Guardini): In Übe­windung eines rein juridischen Kirchenverständnisses gelangt das Bild des „mystischen Leibes“ der Kirche ins Blickfeld -Entdeckung der Pfarrei als primärer Verwirklichungsort von Kirche (Athanasius Wintersig, Pius Parsch, Leipziger Oratorium): Erneuerung der Kirche aus dem Geist der Liturgie (neue gemeinschaftliche Erfahrungen von Kirche) - Entdeckung der österlichen Mitte der gesamten Liturgie (Pius XII.): Die gesamte Liturgie mit all ihren Facetten findet ihre Sinnmitte im Pascha-Mysterium des gekreuzigten und auferstandenen Christus Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

98 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) a. Gesamtbild -Die LB vollzog einen qualitativen Fortschritt von einer juridischen hin zu einer organischen Sicht der Kirche -Dies wurde kirchenamtlich durch die Enzykliken Mystici Corporis (1943) und Mediator Dei (1947) von Pius XII. ratifiziert -Führte direkt in die Vorbereitung des II. Vatikanischen Konzils Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

99 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) b. Nachtridentinische Liturgiereform: Einheitlichkeit als Weg der Erneuerung -Das Bild von der „ehernen Einheitsliturgie“ ist zu differenzieren; das Konzil von Trient diente nicht nur der „Besitzstandwahrung“, sondern wollte auch Missstände abschaffen -Offenheit für die Kommunion aller Gläubigen und die liturgische Predigt (beides aber konnte sich in nachtridentinischer Zeit nicht durchsetzen, was mit der Eigendynamik zusammenhängt, die das Konzil von Trient durch die Päpste bekommen hat) -Weitere Themen: Kelchkommunion, Neuordnung der niederen Weihen (auch hier kam es erst im 20. Jh. zu einem Durchbruch, als die kontroverstheologischen Positionen überwunden waren) -Reform der liturgischen Bücher (eine der wesentlichen Leistungen der nachtridentinischen Reformpäpste ist, dass sie es in relativ kurzer Zeit schafften, die liturgischen Bücher neu herauszugeben) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

100 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) b. Nachtridentinische Liturgiereform: Einheitlichkeit als Weg der Erneuerung -Brevier (1568), Messbuch (1570), Pontifikale (1595/96), Rituale (1614) haben jeweils unterschiedlichen Verpflichtungsgrad -Zu den unbestreitbaren Leistungen der nachtridentinischen Reform gehört die gegenseitige Abstimmung von Brevier und Missale (mit gemeinsamem liturgischen Kalender, der 160 festfreie Tage enthielt – später allerdings wieder Ergänzungen) -Mythos der „Unveränderlichkeit“: Änderungen ergaben sich auch nach Trient durch die Anpassung des Kalenders, persönliche Eingriffe der Päpste und lokale Rezeption der nachtridentinischen liturgischen Bücher - Sixtus V. hatte schon im Frühjahr 1588 das Projekt einer Verbesserung der bereits nachtridentinisch erneuerten liturgischen Bücher gestartet (mit weltkirchlicher Evaluation) -Obwohl Messbuch und Brevier nicht für alle Diözesen verpflichtend waren und das Rituale Romanum bei seiner amtlichen Vorlage nicht als Welteinheitsrituale verstanden wurde, haben die päpstlich erneuerten nachtridentinischen Bücher insgesamt eine schnelle Rezeption gefunden Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

101 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) b. Nachtridentinische Liturgiereform: Einheitlichkeit als Weg der Erneuerung -Auch wo nach dem Konzil von Trient noch eigene Diözesanmissalien herausgegeben wurden, waren diese häufig vom Missale Romanum beeinflusst -Einführung des Missale in Würzburg erst im 17. Jh., in Münster, Köln und Trier sogar erst im 19. Jh. (Periode der Koexistenz von diözesaner Eigenliturgie und römischer Einheitsliturgie) -Als eigenständige lateinische Liturgien überlebten bis zum Vorabend des II. Vatikanums nur die ambrosianische Liturgie in Mailand, die altspanische („mozarabische“) Liturgie in Toledo und Salamanca, die Diözesanliturgien von Lyon und Braga sowie einzelne Ordensliturgien -Die Ablösung der diözesanen Eigenliturgien durch die römische Einheitsliturgie am Ende des 19. Jhs war das Ergebnis eines Prozesses, in dem das Festhalten an der Diözesanliturgie als unrechtmäßig angesehen und als Zeichen mangelnder Papsttreue gedeutet wurde (Beispiel: Trier) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

102 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) b. Nachtridentinische Liturgiereform: Einheitlichkeit als Weg der Erneuerung Fazit - Die nachtridentinische Liturgiereform kann nur als Teil einer umfassenderen Kirchenreform angemessen verstanden und gewürdigt werden - Die Kirchenreform bleibt allerdings wesentlich in einer Gegenabhängigkeit von der Reformation und ist insofern bestimmt von einer Abgrenzung - Liturgiereform als Versuch, den katholischen „Besitzstand“ zu erhalten (Jedin); dieser „Besitzstand“ konnte aber nur erhalten werden, wenn er von seinen missbräuchlichen Überlagerungen gereinigt würde - Eine theologische Idee, die für die Liturgie zum inhaltlichen Reformprinzip hätte werden können, fehlt - Das gottesdienstliche Leben nach dem Konzil von Trient kann als „geläuterte Fortsetzung“ (Jungmann) gewertet werden - Die Einheitlichkeit, die als (allein) möglicher Weg zur Erneuerung der Liturgie auf dem Konzil von Trient in den Blick trat, wurde als Wert an sich wahrgenommen und zum Kennzeichen der Einheit der Kirche Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

103 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia bemerkenswertes Beispiel einer Liturgiereform im Geist der Aufklärung -Die geistesgeschichtlichen Hintergründe der Synode von Pistoia sind in den Auswirkungen des französischen Jansenismus in Italien im 18. Jahrhundert zu suchen -Versuch einer Wiederaufnahme des Augustinismus, v.a. in den Fragen der Gnadenlehre und der Prädestination (in der praktisch-ethischen Konsequenz führt dies zu einem moralischen Rigorismus) -Bedeutung der josephinischen Reformen unter Leopold II., der etwa ein Vierteljahrhundert lang auch Souverän in Florenz war -Der kirchliche Partner Leopolds für sein Reformprogramm war Bischof Scipione de Ricci ( ), der während seines römischen Studiums mit dem Geist des Jansenismus vertraut wurde -umfassende Kirchenreform im jansenistischen Sinne für die ganze Toskana Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

104 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia Reaktion auf die von den Jesuiten geförderte Barockfrömmigkeit -Ricci war ein fanatischer Vertreter jansenistischen Gedankengutes, und dieser Mangel an Realismus hat dann auch zum Scheitern der Reformbewegung beigetragen -Leopold sandte 1786 den Bischöfen der Toskana eine Rahmenordnung für die Kirchenreform zu, die sog. Punti Ecclesiastici -Das liturgische Reformprogramm dieser Schrift gleicht dem der Reformen in Österreich unter Josef II. sowie dem in Salzburg unter Erzbischof Hieronymus Colloredo ( ) -Liturgische Reformen sind getragen vom Geist des Rationalismus und sollen letztlich dem pädagogischen, aufklärerischen Grundanliegen der gesamten Kirchen- und Staatsreform dienen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

105 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia Fast alle Bereiche des Gottesdienstes sind vom Reformwerk betroffen: Messe, Stundengebet, Sakramentenspendung, Andachten, Prozessionen und sonstiges Brauchtum -Forderungen der Punti ecclesiastici (u.a.): Abschaffung der vielen Feiertage, Reform der Heiligen- und Reliquienverehrung, minutiöse Regelungen (Altarschmuck), Abschaffung / Reduzierung der Wallfahrten (vgl. auch Fulda unter Heinrich von Bibra) -Synode von Pistoia – liturgisch relevante Reformbestimmungen -Orientierung an der Patristik: an Ostern und Pfingsten feierliche Taufliturgie unter Beteiligung der Gläubigen; eucharistische Frömmigkeit auf das Maß altchristlicher Eucharistieverehrung zurückschrauben -Teilnahme der Gläubigen an der Liturgie: Gläubige sind Mitopfernde bei der Messe; Riten der Liturgie sollen vereinfacht werden (stets mit lauter Stimme und in der Muttersprache der Gläubigen); Spendung der Kommunion an die Mitfeiernden in jeder Messe; Zusammenhang von Messopfer und Kommunion sollt dadurch gestärkt werden, dass die in der Kommunion ausgeteilten Hostien aus derselben Messfeier stammen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

106 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia Liturgisch relevante Reformbestimmungen -Liturgischer Raum: Wiedererlangung der elementaren Altarsymbolik; es soll nur ein Altar in der Kirche sein, auf dem keinerlei Bilder und Reliquien stehen dürfen; Bilder sind bloß Bücher, die die Analphabeten an bestimmte Heilsereignisse erinnern, keine Gegenstände religiöser Verehrung -Auffassung vom Gebet: Christozentrik christlichen Betens, allerdings wird Christus hier v.a. als Gott gesehen (Pascal); „menschliche“ Andachtsformen wie die Herz-Jesu- und Kreuzwegandacht abgelehnt; Sinn für die Menschenfreundlichkeit Gottes, der in Christus erschienen ist, geht verloren; das Allgemeine Gebet soll nach altkirchlichem Vorbild wieder eingeführt werden (auch für Feinde, Häretiker und Ungläubige beten) -Revision der liturgischen Bücher: Revision von Brevier und Missale; Lesungen des Breviers sollen so eingerichtet werden, dass während eines Jahres die ganze Bibel gelesen wird -Der Sonntag als zentraler christlicher Feiertag : Mittelpunkt der christlichen Gemeinschaft soll im Gegensatz zu individualistischen Heilsvorstellungen die Pfarrei sein; Liturgie soll in einem Wechselbezug zum Leben stehen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

107 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia Scheitern der Synode auf einer toskanischen Bischofsversammlung in Florenz (1787), auf der sich die restaurativen Kräfte durchsetzten -Ablehnung der moralischen Rigorismen der Punti Ecclesiastici etwa in Bezug auf die Abschaffung der beliebten Christnacht (zu der auch Frauen kommen dürfen) und der Forderung, Teile der Messe laut zu vollziehen (wegen Dissonanz durch Vermischung der Stimmen) -Mit dem Scheitern des Reformprogramms war auch das Scheitern der Existenz Riccis als Bischof verbunden -Scheitern trotz (oder wegen?) der Übereinstimmung zahlreicher Forderungen mit denen der späteren LB, z.B. was die Bedeutung der Gläubigenkommunion innerhalb der Messe, die Stellung der Volkssprache und die „tätige Teilnahme“ beim Opfer betrifft -Dass die Reformansätze in Pistoia scheiterten, hat biographische und geschichtliche Gründe (falschen Protagonisten und falsche Zeit, die für eine wirkliche liturgische Erneuerung nicht reif war) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

108 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia Die zeitgeschichtlichen Auswirkungen der Synode von Pistoia sind vielfältig und auch in Bezug auf den deutschsprachigen Raum interessant -Pistoia gleicht als geistesgeschichtliches Phänomen dem Zweiten Vatikanischen Konzil -Wenn man Aussagen, die in der Apostolischen Konstitution Auctorem fidei von 1794 (DH ) verurteilt worden sind, mit Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils sowie nachkonziliarer Dokumente vergleicht, ergeben sich auffällige Parallelen, aber auch deutliche Unterschiede -Erlaubtheit von Privatmessen: Diese früher selbstverständlich (vor allem in dem von Pistoia bekämpften Jesuitenorden) geübte Praxis wird durch das heute gültige Recht zumindest eingeschränkt -Zahl der Altäre: Rigidität bzgl. der Beseitigung von Altären im Anschluss an das II. Vatikanum wird von Kritikern als „Vandalismus“ gebrandmarkt (Durchführung von Kirchenrestaurierungen in Mitteleuropa z.T. stark vom Zeitgeist geprägt) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

109 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia 1786 Vergleich Synode von Pistoia – II. Vatikanum -Vereinfachung der Riten: Dem Zweiten Vatikanischen Konzil geht es um eine liturgische Ästhetik („Glanz edler Einfachheit“), die Gestalt und Gehalt der Liturgie wieder in Korrespondenz bringt. Die Reform soll jedoch so erfolgen, „dass die neuen Formen aus den schon bestehenden gewissermaßen organisch herauswachsen“ (SC 23) -Volkssprache: Forderung nach Einführung der Volkssprache wird von Pistoia modifiziert unter Berufung auf das Konzil von Trient, das die lateinische Liturgiesprache festgeschrieben, zugleich aber die Messerklärung vorgeschrieben hatte; auch das II. Vatikanum hat die Volkssprache nicht aus theologischer Notwendigkeit eingeführt, sondern diese aus pastoraler Nützlichkeit zugelassen -Lesen der Hl. Schrift: Für die Synode dient das Lesen der Schrift primär der Erkenntnis abstrakter Wahrheiten, für das Zweite Vatikanische Konzil in erster Linie der persönli­chen Christusbegegnung Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

110 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) c. Die Synode von Pistoia 1786 Fazit -Am Vorabend der Französischen Revolution versuchte ein Bischof, seine Kirche nach den Maximen der Aufklärung und den Jansenismus zu reformieren -Es war eine Reform von oben, die auch unter glücklicheren Zeitumständen wohl gescheitert wäre, da sie mit dirigistischen Mitteln Einsicht verabreichen wollte -die Reform des II. Vatikanums ist zwar erfolgreich durchgeführt worden, steht aber heute ebenfalls unter dem Vorwurf rationalistischer Verkürzung (Lorenz, Mosebach, Ratzinger) -Die Unvergleichbarkeit aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen beider Reformprojekte ist trotz auffallender Gemeinsamkeiten deutlich geworden -Unter den Gesichtspunkten der Wahrnehmung und Wertung lassen sich aber interessante Parallelen finden Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

111 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) d. Reform und Liturgie unter Pius X. ( ) -Die liturgische Reform unter Pius X. gliedert sich in drei große Themen -Kirchenmusik (1903) – alle Gläubigen -eucharistische Gemeinschaft / häufige Kommunion ( ) – alle Gläubigen -Brevier und liturgisches Kalender ( ) – Priester / Klerus -Erste Reform (seit 1903): Wiedereinführung des Messgesangs und aktive Teilnahme der Gläubigen -Motu proprio über die Kirchenmusik Tra le sollecitudini (Kernaussagen) -„Kirchenmusik muss in höchstem Maße die besonderen Eigenschaften der Liturgie besitzen, nämlich die Heiligkeit und die Güte der Form.“ -Prinzip der Allgemeinheit -Vorrang des Gregorianischen Chorals als „Gesang der römischen Kirche“ -Neben der Gregorianik lässt der Papst nur noch die klassische Polyphonie gelten (Palestrina als Vorbild) -Besetzung von Sopran- und Altstimmen in den Kirchenchören allein durch Jungen -der spezifische Kunstcharakter eines musikalischen Werkes (Form und Stil) macht dieses zur Musica Sacra und damit liturgietauglich Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

112 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) d. Reform und Liturgie unter Pius X. ( ) -Motu proprio über die Kirchenmusik Tra le sollecitudini (Kernaussagen) -Rede von der aktiven Teilnahme I (Einleitung): „Denn es ist Uns innerste Herzenssache, dass der wahrhaft christliche Geist überall in allen Gläubigen wieder aufblühe und unvermindert erhalten bleibe. Daher müssen Wir vor allem für die Heiligkeit und Würde des Gotteshauses sorgen. Denn dort versammeln sich die Gläubigen, um diesen Geist aus der ersten und unentbehrlichen Quelle zu schöpfen, nämlich aus der aktiven Teilnahme (ex actuosa communicatione) an den hochheiligen Mysterien und dem öffentlichen, feierlichen Gebet der Kirche.“ -Rede von der aktiven Teilnahme II (Art. 3): „Namentlich sorge man dafür, dass der Gregorianische Gesang beim Volke wieder eingeführt werde, damit die Gläubigen an der Feier des Gotteslobes und der heiligen Geheimnisse wieder tätigeren Anteil nehmen, so wie es früher der Fall war.“ -Zweite Reform ( ): Änderung in der Kommunionpraxis -20. Dezember 1905: Dekret „Sacra Tridentina Synodus“ (DH ) – Anpassung der Regeln des häufigen / täglichen Kommunionempfangs. Als wesentliche Bedingungen werden der Stand der Gnade und die rechte Absicht hervorgehoben -7. Dezember 1906: Dekret über die Kommunion der Kranken – lädt ebenfalls zu einer großzügigeren Praxis ein Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

113 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) d. Reform und Liturgie unter Pius X. ( ) -Zweite Reform: Änderung in der Kommunionpraxis -14. September 1912: Konstitution über die Erlaubnis der Kommunion in allen katholischen Riten -8. August 1910: Dekret „Quam singulari“ (DH ) – Kommunion und Beichte für Kinder ab dem Alter von 7 Jahren -Dritte Reform ( ): Brevier und Missale -1. November 1911: Apostolische Konstitution Divino afflatu – völlige Neuverteilung des Psalters im Rahmen der liturgischen Woche -Der Schriftlesung ist ein größerer Raum zu gewährleisten -Sonntag wieder in seiner Würde herstellen -Werktage, insbesondere die der Fastenzeit, wieder stärker hervortreten lassen -Für den Kalender werden neue Regeln aufgestellt: Sonntagsoffizium bekommt einen Vorrang vor dem Heiligenoffizium -23. Oktober 1913: Motu proprio Abhinc duos annos – Umriss des Gesamtprogramms der zukünftigen Brevier- und Missalereform -25. März 1914: Herausgabe des neuen Breviers (Versuch, die Komplexität und Länge des Breviers aufzubrechen zugunsten einer „Rationalisierung“ des Psalters und einer Vereinfachung des Heiligenjahres) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

114 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) d. Reform und Liturgie unter Pius X. ( ) Bewertung -die Reformen Pius‘ X. verliefen zunächst einmal im Sand (aus dem Provisorium wurde unter Benedikt XV. ein Definitivum) -Trotz allem darf man sagen, dass Pius X. mit seinen Dekreten und Anstößen zur Kirchenmusik, Eucharistie, häufigen Kommunion, Kalender und Brevier zu einer Quelle späterer liturgischer Reformen geworden ist, aus der viele Päpste und Bewegungen nach ihm schöpfen konnten -Die liturgische Bewegung hatte mit ihm zum ersten Mal einen offiziellen, kirchenamtlichen Ausdruck gefunden, auch wenn er in vielen anderen Dingen (Antimodernismus etc.) noch einer vergangenen Zeit verhaftet war Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

115 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Papst Pius XII. hat die liturgische Frage nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch behandelt -Mystici Corporis (1943; DH ) -Mediator Dei (1947; DH ) -Musicae sacrae disciplina (1955) -Neuübersetzung des Psalters nach dem Urtext -Erneuerung der Osternacht und der ganzen Heiligen Woche -Rubrikenvereinfachung -Erleichterung des eucharistischen Nüchternheitsgebotes -Gewährung der Abendmesse Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

116 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Enzyklika Mediator Dei (1947): Programmschrift der LB -reagiert sowohl lobend als auch korrigierend auf die LB (Kritik von Pius Parsch) -bejaht im Wesentlichen Einsichten und Anliegen des LB -äußert sich zum Wesen, zur Bedeutung, Eigenart und Würde der Liturgie -behandelt ausführlich die Messfeier, betont die Teilnahme der Gläubigen und begründet die eucharistische Anbetung -geht auf die Stundenliturgie, das liturgische Jahr und die Heiligenfeste ein -markiert den Übergang von der LB zur Fortführung der Reform der Liturgie, mit der Pius XII. die Bemühungen Pius' X. wieder aufgegriffen hat -dient einer vertieften Besinnung auf die theologischen Grundlagen der Liturgie -betont im Liturgiebegriff das Handeln Christi und der Kirche -stellt den Anteil der Gläubigen klärend heraus -fördert insgesamt die Seelsorge im Geist der Liturgie -hat der Konstitution Sacrosanctum Concilium den Weg gebahnt -„Markstein in der inneren Geschichte der katholischen Kirche“ (J.A. Jungmann SJ) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

117 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Von einem in den Kreisen der LB allgemein verbreiteten Verlangen nach einer generellen Liturgiereform kann nicht die Rede sein -Erst im Laufe der Jahre begannen sich im Rahmen der weiten LB ein paar Voten herauszukristallisieren (Erneuerung der Osternacht, Liturgie des Gründonnerstags, Muttersprache in der Liturgie) -Krise der LB in den 30-er und 40-er Jahren des 20. Jhs. -Auf der Seite der Gegner veröffentlichten Max Kassiepe OMI und August Doerner Pamphlete gegen die Neuerungen in der Liturgie, die sie „Liturgismus“ nannten (M. Kassiepe, Irrwege und Umwege im Frömmigkeitsleben der Gegenwart; A. Doerner, Sentire cum ecclesia) -M. Kassiepe (1939): Irrwege und Umwege -Grundsätzliches Begrüßen der liturgischen Erneuerung (Sorge um die „echte und wahre Liturgie“) -Katalog von Vorwürfen, der alles sammelt, was im Laufe der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jhs gegen die Förderer der LB vorgebracht worden war Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

118 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -M. Kassiepe (1939): Irrwege und Umwege -Hauptvorwurf: liturgischen Verwilderung und Missachtung der Rubriken -Große Gefahr: „Liturgismus“ /„Liturgizismus“, den er v.a. als „Anwendung der modernen Erlebnisphilosophie in dem Sinne“ sieht, „daß dem liturgischen Erlebnis in der religiösen Führung und Formung der Vorrang zugesprochen wird.“ -Festzuhalten ist allerdings, dass Kassiepe trotz aller Kritik an den „Auswüchsen“ der LB für eine „echte(n) liturgische(n) Erneuerung unseres religiösen Lebens“ eintritt -A. Doerner (1941): Sentire cum ecclesia -Fragen des Gottesdienstes tauchen ausschließlich unter negativem Vorzeichen auf -konzentriert sich einseitig auf den „Liturgismus“ (Kritik an den „Seelsorgsmethoden“ und Äußerlichkeiten der „Hyperliturgen“) -sieht das Heil im Festhalten am Status quo, der durch verbindliche Vorschriften der kirchlichen Obrigkeit völlig abgesichert ist Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

119 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Anders als von Kassiepe, Doerner und anderen Gegnern der Liturgischen Erneuerung erwartet, stellte sich nun aber der deutsche (und österreichische) Episkopat schützend vor die LB und wies unbegründete Verdächtigungen zurück -Replik Kardinal Bertrams wegen der Neuübersetzung des Psalters -Eigentlicher Anstoß für die offizielle LB kam erst nach dem 2. Weltkrieg -Vorstoß der Zeitschrift „Ephemerides liturgicae“ (28. Januar 1948) -spricht sich dafür aus, dass es an der Zeit sei, die von Papst Pius X. im Jahre 1911 begonnene, im Jahre 1914 aber mangels kritisch gesicherter liturgischer Texte abgebrochene und der Zukunft überlassene Liturgiereform fortzusetzen -Den Empfängern des Schreibens wurden sechs Fragen zur Beantwortung vorgelegt; fünf davon betrafen die Reform des römischen Breviers, des Kalendars und des Martyrologiums -Die sechste aber lautete ganz allgemein: „Was ist von den übrigen liturgischen Büchern zu halten, was ist darin zu verbessern (corrigenda), was zu reformieren (reformanda), was zu tilgen (abolenda), was neu wieder inkraft zu setzen (restauranda)?“ – Startschuss für die Überarbeitung der liturgischen Bücher Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

120 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Einsetzung zweier Sonderkommissionen durch Pius XII. (Kommission zur Neuübersetzung der Hl. Schrift / Kardinal Bea; Kommission zur Vorbe- reitung einer allgemeinen Liturgiereform / Pater Antonelli) -Diese Kommissionen bildeten im Lauf der Zeit eine einzige Kommission, die sog. „Pius-Kommission“, deren Existenz und Arbeit weitestgehend geheim gehalten wurde (arbeitete von ) - die liturgischen Teilreformen vor allem der fünfziger Jahre des 20. Jhs gehen auf Vorarbeiten der „Pius-Kommission“ zurück -Rolle von P. Joseph Löw CSSR -Praktisch alle liturgischen Bücher wurden revidiert worden; die Ostervigil, die ganze Heilige Woche (1951), den Codex Rubricarum (1960) und auch noch die neuen Ausgaben des Breviers und des Pontificale (1962) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

121 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -Liturgiereform wurde dem Heiligen Stuhl keineswegs „abgezwungen“ -Kontinuität der Reformbestrebungen von Pius X. bis Pius XII. -Auswirkungen auf das II. Vatikanum: SC 21, wo die Bedingung der Möglichkeit liturgischer Reform dargestellt wird (nämlich die Unterscheidung zwischen einem „kraft göttlicher Einsetzung unveränderlichen Teil“ der Liturgie und anderen Teilen, die ihrer Natur gemäß „dem Wandel unterworfen sind“), geht auf Mediator Dei und die Rede Pius' XII. vom 22. September 1956 auf dem Kongress von Assisi zurück -24. März 1945: neue lateinische Psalmenübersetzung -12. April 1949: Dekret, das es den chinesischen Katholiken erlaubt, die Hl. Messe in ihrer Landessprache zu feiern -„Normalisierungen“ im Bereich der Ritualien – trotzdem langes Ringen um die „Collectio Rituum“ von 1950 für die Bistümer in Deutschland Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

122 IV. Periode der (vermeintlichen) römischen Einheitlichkeit: Vom Konzil von Trient bis zum II. Vatikanum ( ) e. Pius XII. und die Reform der Liturgie im 20. Jahrhundert -30. November 1944: Episcopalis Consecrationis (zwei Mitkonsekratoren bei der Bischofsweihe) November 1947: Sacramentum Ordinis (Materie und Form des Ordo: Im Zentrum der Ordinationsliturgie stehen bei allen drei Weihestufen die Handauflegung und das anamnetisch-epikletische Weihegebet) -14. September 1946: Dekret der Sakramentenkongregation (Spendung der Firmung durch Priester in Notfällen möglich) -25. Dezember 1955: Musicae sacrae disciplina (würdigt wie sein Vorgänger Pius X. den Gregorianischen Gesang ebenso wie die kirchliche Polyphonie) -Bewertung -Die liturgischen Reformen unter Pius XII. ( ) waren bahnbrechend -Ohne die mit der Enzyklika Mediator Dei eingeleitete Etappe der Liturgiereform vor dem Konzil wäre die konziliare bzw. postkonziliare Phase derselben Reform wohl kaum möglich gewesen -„Ein Hindurchgehen des Hl. Geistes durch seine Kirche“ (Pius XII., vgl. SC 43) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

123 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) -Am 4. Dezember 1963 verabschiedet: Bei der Schlussabstimmung gab es 2147 Ja- gegen 4 Nein-Stimmen, was zeigt, dass nach langen Diskussionen im Vorfeld am Ende doch eine große Einmütigkeit erzielt werden konnte -Struktur: 7 Kapitel (mit Vorwort: Grundlagen und Richtlinien und Anhang: Stellungnahme zur Kalenderreform) 1. Kapitel: Allgemeine Grundsätze zur Erneuerung und Förderung der Liturgie (SC 5-46) 2. Kapitel: Das heilige Geheimnis der Eucharistie (SC 47-58) 3. Kapitel: Die übrigen Sakramente und die Sakramentalien (SC 59-82) 4. Kapitel: Das Stundengebet (SC ) 5. Kapitel: Das liturgische Jahr (SC ) 6. Kapitel: Die Kirchenmusik (SC ) 7. Kapitel: Die sakrale Kunst, liturgisches Gerät und Gewand (SC ) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

124 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) -In der Bewertung der Konstitution nach dem Konzil haben sich die meisten Liturgiewissenschaftler positiv v.a. über die neue Theologie geäußert -Theologie, die in Abkehr von der Neuscholastik die lebendige Beziehung Gott-Mensch in deren heilsgeschichtlichen Ausprägung ernstzunehmen versucht (Mysterientheologie Odo Casels) -Liturgie als Antwort auf die Tat Gottes -Formal wollte die LK über das Konkrete einer gottesdienstlichen Feier hinaus eine tiefere Besinnung auf Wesen und Wert der Liturgie einleiten Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

125 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Christozentrik -Wiedergewinnung des Paschamysteriums als „Herzmitte des liturgischen Geschehens“ (A.Bugnini) -Das Geheimnis unseres Glaubens, das Paschamysterium, verleiblicht sich in der Liturgie und findet seine tiefste Bestimmung im „Mysterium der Anbetung Gottes“ (L. Bouyer) -Das Paschamysterium „ist die Erklärung der Liturgie schlechthin, diejenige Deutung ihrer selbst, die sie uns nie aufgehört hat von sich selber zu geben“ (L. Bouyer) -Vier liturgietheologische Grundsätze der Konstitution (E.J. Lengeling) - 1. Liturgie ist Aktualisierung des Priesterwerkes Christi als Heilszuwendung und Gottesverehrung; der „geheiligte Mensch“ antwortet auf die Zuwendung in Lob, Dank, Bitte und Sühne -2. Liturgie ist heiliges Geschehen und Tun des ganzen Gottesvolkes -3. Das vollzieht sich in heiligen Zeichen, die verstanden und mit vollzogen werden -4. Liturgie ist Quelle und Gipfel allen kirchlichen Tuns Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

126 a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Ekklesiologische Aspekte -Die LK verbindet unzertrennlich die Kirche mit ihrer Liturgie -Die Kirche ist Versammlung der Gläubigen, und im Liturgievollzug wird ihr Wesen aktuell und sichtbar -Liturgie ist die Kirche selbst in ihrer betenden Hinwendung zu Gott -Liturgie als „Realsymbol“ der Kirche, die sich im Eucharistischen Mahl nährt und durch die Sakramente erneuert -Neben der Neubewertung des Paschamysteriums kann man im vertieften Kirchenverständnis die zweite bedeutsame liturgietheologische Tat des Konzils sehen -Dezentralisierung der liturgischen Gesetzgebung als „grundlegendes Stück in der Erneuerung der Ekklesiologie“ (J. Ratzinger) -Dezentralisierung ist nicht nur ein praktisches Anliegen, sondern ein wichtiger ekklesialer und liturgietheologischer Grundsatz -LK als Wegbereiterin der Kirchenkonstitution Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/ V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( )

127 a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) (Mangelnde) Pneumatologie -Die LK wird als Geschenk Gottes an seine Kirche bzw. als vom Hl. Geist angeleitetes Menschenwerk angesehen -Kritik einiger Theologen an der mangelnden Berücksichtigung der biblischen Lehre von der Wirksamkeit des Hl. Geistes im liturgischen Geschehen -Einige pneumatologische Implikationen sind im letzten Moment in die Konstitution noch „eingeflickt“ worden (z.B. in SC 6) -Die von der LK geforderte participatio actuosa ist erst durch die „antreibende, ‚ak­tuelle‘ Wirksamkeit des Heiligen Geistes in den Gläubigen“ möglich (H. Mühlen) -Einbeziehung des Hl. Geistes in die liturgietheologische Betrachtung macht erst das ekklesiologische „Wir“ verständlich -„Erstaunlich, daß die LK [den] absolut konstitutiven, pneumatologischen Aspekt der Eucharistie mit keinem Wort erwähnt“ (H. Mühlen) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

128 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Stärkung des biblischen Fundamentes -Dynamisches Verständnis des Wortes Gottes, das nicht nur lehren, sondern auch heilsmächtig sein will -Nach SC 106 gehören zum Konstitutivum des christlichen Sonntags die Eucharistiefeier und das Hören des Wortes Gottes, weil sie einen einzigen Kultakt bilden (SC 56) -Das Konzil hat wieder zum Prinzip „keine liturgische Handlung ohne das Wort“ zurückgefunden – zeugt von der pastoralen Ausrichtung des Konzils -Reform der liturgischen Spiritualität des Liturgen, die erneut auf biblische Grundlagen gestellt werden muss (SC 24) -Erfreulich, dass die LK das Stundengebet für das ganze Volk Gottes wieder zugänglich gemacht hat Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

129 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Tätige Teilnahme -Prinzip der tätigen Teilnahme ist als Formalprinzip fast so etwas wie ein Programmwort des ganzen Konzils geworden -signalisiert für die Liturgie jene „anthropologische Wende“, die sich vom Bereich des Göttlich-Numinosen hin zum Bereich des Menschlichen vollzieht -Der LK geht es zunächst nicht um einen anthropozentrisch gesetzten Akt, sondern um Aktualisierung, Fortdauer und Zuwendung der Heilstat Christi für die Welt in heiligen Zeichen -Nicht der Aktionismus ist gemeint, sondern der innere Akt (der freilich den äußeren mit einbezieht) -Participatio actuosa ist der innere und äußere, natürliche und übernatürliche, mit Verstand und Herz mit vollzogene Akt des Erlösungswerkes Christi (Bugnini, Vagaggini) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

130 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Praktische Prinzipien (nach A. Bugnini) Die Sprache -Die Muttersprache in der Liturgie ersetzt nicht, sondern ergänzt die überlieferte lateinische Sprache -Die gesprochenen Sprachen machen die Liturgie nicht ärmer, sondern bereichern sie; sie sollen das Sprechen mit Gott erleichtern, besonders in den pfarrlichen Gemeinschaften -Die Konstitution will, dass die lateinischen Gesänge der Hl. Messe in der ganzen Welt bekannt bleiben zur Förderung internationaler Veranstaltungen, die zum gemeinsamen Gebet versammelt sind Das Wort Gottes -Christus ist „gegenwärtig ist in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden“ (Art. 7) -der Hl. Schrift eine bevorzugte Stellung in der liturgischen Feier einräumen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

131 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Praktische Prinzipien (nach A. Bugnini) Die Katechese -Hinführen zum Verständnis der Liturgie durch die „Riten und Gebete“ (SC 48), Bibelstudium, Beschäftigung mit den Psalmen (SC 90), Unterweisung derer, die unmittelbarer an den Feierlichkeiten mitwirken: Sänger, Messdiener, Lektoren, Kommentatoren (SC 29) -Unterweisung in der Liturgie in den Seminarien, Vorbereitung der Priester, Spezialisierung der Dozenten (SC 15-18) -Notwendigkeit von Liturgiekommissionen mit Fachleuten der LW, der Musik, der sakralen Kunst und der Pastoral (SC 44-46) Gesang -Gesang gibt dem Gebet wärmeren Ausdruck, begünstigt die Einheit der Herzen, bereichert die Feierlichkeit der Riten -Gesang als notwendiger und integrierender Bestandteil der feierlichen Liturgie (SC 112) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

132 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) a. Inhalt und bleibende Bedeutung der LK „Sacrosanctum concilium“ (1963) Praktische Prinzipien (nach A. Bugnini) Liturgiereform -Der Heilige Stuhl hat als bleibende Aufgabe vom Konzil mitbekommen, eine allgemeine Erneuerung der Liturgie in die Wege zu leiten (SC 21) -„Was im Lauf der Zeit verdoppelt oder weniger glücklich eingefügt wurde, soll wegfallen. Einiges dagegen, was durch die Ungunst der Zeit verlorengegangen ist, soll, soweit es angebracht oder nötig erscheint, nach der altehrwürdigen Norm der Väter wiederhergestellt werden“ (SC 50). -Die Riten sollen „knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepasst und sollen im allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen“ (SC 34). -Reform der liturgischen Bücher und deren Übersetzung ist noch heute ein Problem -Wichtig ist es, das Ziel im Auge zu behalten: eine erneuerte Liturgie, die dem Gottesvolk den Sinn für das Heilige und das Mysterium zurückgibt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

133 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK -Rat zur Durchführung der LK (Consilium ad exsequendam Constitutionem de sacra Liturgia) -Bisher fünf Instruktionen zur Ausführung der LK -Inter oecumenici Tres abhinc annos Liturgicae instaurationes Behandeln mehr oder weniger alle Punkte der LK -Varietates Legitimae Liturgiam authenticam Beschäftigen sich mit einem bestimmten Punkt /Artikel der LK und sind z.T. auf großen Widerstand gestoßen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

134 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 1.Instruktion Inter oecumenici (26. September 1964) -Hinführung des Klerus und Erziehung der Gläubigen zur Liturgie (wichtig v.a. „eucharistische Erziehung“) -Zuständige Autorität in Sachen Liturgie (Arbeitsweise der Bischofskonferenzen) -Abschaffung der „Klassen“ (Bevorzugung von Personen beim Gottesdienst vermeiden) -Vereinfachung einiger Riten (Beweihräucherungen werden vermindert, Handkuss und Küsse von Gegenständen fallen weg) -Wortgottesdienste werden empfohlen -Übersetzungen der liturgischen Texte von Fachleuten -Genaue Anweisungen für die Errichtung und die Tätigkeit von Liturgiekommissionen auf nationaler und diözesaner Ebene Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

135 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 1.Instruktion Inter oecumenici (26. September 1964) -Bestimmungen zur Messfeier: Die Messe wird in vielen Teilen vereinfacht, um die unmittelbare Teilnahme zu erleichtern (Proprium, Ordinarium, Kanon, Gebete, Lesungen, Fürbitten, Wegfall von Stufengebet und Schlussevangelium) -Hinsichtlich der Sakramente sieht die Instruktion den fast ausschließlichen Gebrauch der Volkssprache vor (die Riten einiger Sakramente sind teilweise vereinfacht) -Was das Stundengebet betrifft, gibt die Instruktion weitere Erklärungen -Kunst und Liturgie: Das wiedererweckte Liturgiebewusstsein der Gläubigen und ihre aktive Teilnahme am Gottesdienst verlangen eine vollständige Revision der Richtlinien, die bei der Konstruktion des heiligen Raumes im Hinblick auf seinen Zweck maßgeblich sind (Hochaltar wird in einiger Entfernung von der Wand errichtet, so dass man bequem um ihn herumgehen kann, Platz von Priestersitz und Tabernakel) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

136 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 2. Instruktion Tres abhinc annos (4. Mai 1967) -Die Anordnungen der Instruktion beziehen sich hauptsächlich auf die Messe und das Stundengebet -Zur Hl. Messe wird eine große Auswahlmöglichkeit bei den Texten zugestanden (Orationen, Lesungen) -Weitgehende Vereinfachung bei den Kniebeugen, bei den Altarküssen, bei den Kreuzzeichen über die Opfergaben -Manipel ist fakultativ; die Konzelebranten, außer dem Hauptzelebranten, brauchen nur Albe und Stola anzulegen -Beim Offizium für die Toten ist die violette Farbe erlaubt oder sonst eine entsprechende, je nach dem Brauch und dem Empfinden der Völker -Die letzten Trennwände für den Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie werden abgerissen: sie ist erlaubt im Kanon der Messe, im ganzen Weiheritus und bei den Lesungen des Stundengebetes, auch im Chor Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

137 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 3. Instruktion Liturgicae Instaurationes (5. September 1970) -Rückschritt auf dem Weg der Reform ?! -betont wieder stärker die Disziplin und die Einhaltung der Rechtsvorschriften -eine immer größere Gruppe (um Kardinal Ottaviani u.a.), die die Liturgiereform in wesentlichen Punkten korrigieren wollte -in der unmittelbaren Nachkonzilszeit gab es eine sehr große Verunsicherung unter den Priestern und allenthalben einen ziemlich weitgehenden „liturgischen Wildwuchs“ -Proömium: erinnert an den Ursprung des Dokumentes, an die für die Reform geleistete Arbeit, die hemmenden Elemente und das übertriebene Vorwärtsdrängen und appelliert an die Verantwortung der Bischöfe -Liturgiekommissionen haben die Aufgabe, sich genau über die religiöse und soziale Situation und über die geistigen Bedürfnisse in ihren Gebieten zu informieren Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

138 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 3. Instruktion Liturgicae Instaurationes (5. September 1970) Prinzipien -Wert des liturgischen Zeichens, der zum Ausdruck kommt „in den Riten und im Gebet“, durch Gesten und Wort -Riten und Zeichen können nicht geändert werden unter dem Vorwand, sie würden nicht verstanden -Der Aufbau der Feier muss gewahrt bleiben, nicht weil die Rubriken es so vorschreiben, sondern wegen der Kirche -Die privaten Umarbeitungen beleidigen die Würde der Gläubigen und öffnen dem Individualismus Tür und Tor -Wortgottesdienst: Es ist nicht gestattet, das Wort Gottes zu ersetzen durch Lesungen aus anderen Büchern, frommen oder profanen, aus alter oder neuer Zeit; die Homilie ist Sache des Priesters; der Wortgottesdienst bildet mit der Eucharistiefeier einen einzigen Akt der Gottesverehrung Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

139 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 3. Instruktion Liturgicae Instaurationes (5. September 1970) Prinzipien -Ehrfurcht vor den liturgischen Texten, die die Kirche zusammengestellt hat -Hinweise, die der Zelebrant am Anfang geben kann, vor den Lesungen, vor der Präfation und vor der Entlassung (nicht im Hochgebet) -Der liturgische Volksgesang muss auf jede Art gepflegt werden -Es soll auf die Würde und Heiligkeit der Handlung und des Ortes geachtet werden (Musikinstrumente sollen die Frömmigkeit fördern, gering an Zahl, dem Ort und dem Publikum angepasst und nicht zu laut) -Das Eucharistische Hochgebet ist ein Priestergebet und kann weder ganz noch teilweise von anderen gesprochen werden -Das Brot für die Eucharistiefeier muss ungesäuertes Weizenbrot sein, in der traditionellen Form hergestellt Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

140 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 3. Instruktion Liturgicae Instaurationes (5. September 1970) Prinzipien -Betonung, dass bei der Kommunion aus dem Kelch immer jemand den Kelch darreichen muss; der Kelch darf nicht von einem zum anderen weitergereicht werden -Es ist den Frauen nicht erlaubt, direkt am Altar Dienste zu leisten -Es ist nicht erlaubt, in Zivil zu zelebrieren oder nur mit der Stola über der Kukulle oder der Kutte, auch nicht den Konzelebranten -Normalerweise finden die Gottesdienste an sakralen Orten statt (in Notfällen kann auch ein anderer Ort gewählt werden) -Die liturgischen Bücher müssen vollständig übersetzt werden -Für die Messe ist, nachdem das Missale herausgekommen, alles Experimentieren als abgeschlossen anzusehen -Die Instruktion endet mit einem Aufruf zur notwendigen Einheit im Gefüge der Kirche Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

141 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 4. Instruktion Varietates Legitimae (25. Januar 1994) -Thema: Römische Liturgie und Inkulturation -Verhältnis von Wahrung der Einheit und der Anpassung an die kulturellen Gegebenheiten der Völker -Herausforderung der „Glokalisierung“ der Liturgie -Zentrale Aussagen der Instruktion -Offenheit für alle Völker und Länder bei gleichzeitiger Vermeidung eines „rassischen oder nationalen Partikularismus“ (Nr. 18) -„Liturgie muss – wie das Evangelium – die Kulturen achten, aber gleichzeitig fordert sie zur Reinigung und Heiligung auf“ (Nr. 19) -Inkulturation darf nicht zu einem „Rückfall in einen Zustand vor der Evangelisierung“ (Nr. 32) führen -Warnung vor einem „Synkretismus“, würde man biblische Lesungen einfach durch Texte und Gebete aus anderen Religionen ersetzen (Nr. 47) oder Riten aufnehmen, „die sich mit Magie, Aberglauben, Spiritismus, Rache oder sexuellen Vorstellungen verbinden“ (Nr. 48) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

142 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 4. Instruktion Varietates Legitimae (25. Januar 1994) -Zentrale Aussagen -Entscheidender Maßstab ist und bleibt die Hl. Schrift. Diese kann „durch keinen anderen, noch so ehrwürdigen Text ersetzt werden“ (Nr. 23) -Inkulturation beginnt nicht mit dem Kennenlernen der anderen Kultur, sondern mit der „Aneignung der Hl. Schrift durch eine bestimmte Kultur“ (Nr. 28) -doppelte Kompetenz „sowohl in Fragen der liturgischen Tradition des römischen Ritus als auch hinsichtlich der Bewertung der örtlichen kulturellen Werte“ (Nr. 30) -„Das Bemühen um Inkulturation strebt nicht die Schaffung neuer Ritus-Familien an; wenn den Bedürfnissen einer bestimmten Kultur entsprochen werden soll, geht es um Anpassungen im Rahmen des römischen Ritus“ (Nr. 36) -Beachtung der zuständigen Autorität, wobei hier der Reihe nach der Apostolische Stuhl, die Bischofskonferenzen und der einzelne Bischof genannt werden (Nr. 37) -„Geist vertrauensvoller Zusammenarbeit und gemeinsamer Verantwortung“ (Nr. 64) – die letzte Entscheidungskompetenz hat aber der Apostolische Stuhl Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

143 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 4. Instruktion Varietates Legitimae (25. Januar 1994) Bewertung -Insgesamt positive Aufnahme: das Problem bzw. die Notwendigkeit der Inkulturation werden gesehen und in gewisser Weise auch differenziert dargestellt -Inkulturationsmöglichkeiten im Bereich von Musik, Tanz, Gesang, Kunst, bestimmte Formen der Volksfrömmigkeit -Kritik -Inkulturation kann für die europäischen und westlichen Länder im Wesentlichen als abgeschlossen gelten (Inkulturation der Liturgie ist also v.a. etwas für die jungen Kirchen in Asien, Afrika und Lateinamerika) -Deutliche Tendenz, die Entscheidungskompetenz wieder ganz auf die Seite des Apostolischen Stuhls zu ziehen und die Bischofskonferenzen dadurch in liturgischen Fragen faktisch zu entmachten (aus der Bestätigung / „confirmatio“ wird wieder eine Prüfung / „recognitio“) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

144 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 4. Instruktion Varietates Legitimae (25. Januar 1994) Grundsätze und Methoden zur Inkulturation des Gottesdienstes (nach Meyer) -die Inkulturation des Gottesdienstes sollte zunächst mit dem Verständnis der eigenen christlichen Liturgie beginnen, und dann zum Kennenlernen der Riten und Bräuche der betreffenden Kultur führen -die Inkulturation des Gottesdienstes muss Hand in Hand mit Inkulturationsbemühungen auf anderen Gebieten wie der Verkündigung, der Theologie und der Katechese gehen (Ganzheitlichkeit) -die Inkulturation des Gottesdienstes sollte immer die Einheit im Blick haben, sowohl innerhalb der Kultur als auch innerhalb der Kirche und Gemeinden -die Inkulturation des Gottesdienstes sollte an den „Randbereichen“ der Liturgie beginnen (Sakramentalien, Stundenliturgie, Prozessionen, Andachten) und nicht gleich mit dem innersten Kern der Eucharistie Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

145 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) -Die Instruktion legt jene „Prinzipien der Übersetzung“ (LA 7) vor, die für die zukünftige Arbeit an den volkssprachigen Ausgaben der liturgischen Bücher verbindlich sind -Übersetzerinstruktion Comme le prevoit von „Es genügt nicht, wenn man eine für die Liturgie bestimmte Übersetzung herstellt, die einfach den wörtlichen Inhalt und die Grundgedanken des Originaltextes in eine andere Sprache überträgt.“ (Nr. 6) -„Man muss vielmehr auch den im Auge haben, der spricht, den, zu welchem man sprechen will, und wie man mit ihm spricht.“ (Nr. 7) -„Die verwendete Sprache soll die des täglichen Umgangs sein, also angepasst an die Gesamtheit der Gläubigen, welche die gleiche Sprache gebrauchen und sich regelmäßig zum Gottesdienst versammeln.“ (Nr. 15) -„Das Gebet der Kirche ist stets Gebet von Menschen, die hier und jetzt beten. Darum genügt häufig nicht die wörtliche Übersetzung von Texten, die in einer anderen Zeit und Kultur entstanden sind. Die versammelte Gemeinde soll die übersetzten Texten zu ihrem eigenen lebendigen Gebet machen können.“ (Nr.20) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

146 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) Wesentliche Aussagen Texttreue -„Grundsatz beachten, dass die Übersetzung der liturgischen Texte der römischen Liturgie nicht in erster Linie ein kreatives Werk ist, sondern vielmehr erfordert, die Originaltexte in die Volkssprache getreu und genau (fideliter et accurate) zu übertragen. Zwar mag es erlaubt sein, die Worte so anzuordnen und Satzbau wie Stil so zu gestalten, dass ein flüssiger und dem Rhythmus des Gemeindegebetes angepasster volkssprachiger Text entsteht. Doch muss der Originaltext, soweit möglich, ganz vollständig und ganz genau (integerrime et peraccurate) übertragen werden, das heißt ohne Auslassungen und Zusätze, was den Inhalt betrifft, und ohne Paraphrasen und Erklärungen.“ -Vorstellung von Textnähe, nach der selbst Wortstellung und Satzbau gewahrt werden sollen Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

147 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) Texttreue -Übersetzung „auf eine der Volkssprache angepasste Weise“ (LA 57) -Überprüfung bereits approbierter Übersetzungen -Anklänge an die Hl. Schrift oder andere Texte der Tradition sollten in der deutschen Übersetzung wahrgenommen werden können -Problem der Intertextualität (Bsp.: Eröffnungsvers der Rorate-Messe) -Forderung nach „einer hervorragenden literarischen Qualität“ (LA 34) -„Entwicklung eines sakralen Stils, der auch als speziell liturgische Redeweise anerkannt wird“ (LA 27) -„Entstehung einer volkstümlichen Sakralsprache (lingua sacra vulgaris), deren Wörter, Satzbau und Grammatik für den Gottesdienst charakteristisch sein sollen“ (LA 47) – wichtigste Aufgabe für die Zukunft Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

148 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) Verständlichkeit -„Damit der Inhalt des Originaltextes auch weniger gebildeten Gläubigen zugänglich und verständlich ist, sollen die Übersetzungen sich dadurch auszeichnen, dass sie in Worte gefasst werden, die dem Verständnis angepasst sind und doch zugleich die Würde, die Schönheit und den genauen Lehrinhalt solcher Texte bewahren.“ (LA 25) -„Wörter oder Ausdrücke meiden, die wegen ihres allzu ungewohnten oder schroffen Charakters das leichte Verstehen behindern.“ (LA 27) -Texte müssen nicht für alle Menschen verständlich sein, die sich mit der deutschen Sprache verständigen können (Liturgie kein Ort der Katechese) -Verständlichkeit darf nicht mit Banalität verwechselt werden -Überprüfung der bisherigen Übersetzungen hinsichtlich der inhaltlichen Einschränkungen und theologischen Akzentverschiebungen (Verständlichkeit darf nicht zu Neuinterpretationen führen) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

149 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) Sprechbarkeit -„Weil es von ihrem Wesen her der Zweck der liturgischen Texte ist, dass sie mündlich vorgetragen und in der liturgischen Versammlung gehört werden, sind ihnen gewisse Sprechweisen eigen, die sich von der allgemeinen Sprechgewohnheit oder von Texten, die still gelesen werden, unterscheiden.“ (LA 59) -Es geht im gottesdienstlichen Vollzug nicht um Lesetexte, sondern um Sprechtexte (Konsequenzen für die laut vorzutragenden Amtsgebete oder für die gemeinsam zu sprechenden Gebete und Bekenntnistexte) -Die poetische Kraft eines lateinischen Textes soll sich in der Übersetzung widerspiegeln -Mindestziel ist die Eignung für den mündlichen Vortrag und den hörenden Mitvollzug -Kantillierbarkeit beachten (vgl. LA 60) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

150 V. Periode des II. Vatikanums und der Nachkonzilszeit ( ) b. Die nachkonziliaren Instruktionen zur Ausführung der LK 5. Instruktion Liturgiam authenticam (28. März 2001) Bewährung des Geprägten -Texte, die sich den Gläubigen eingeprägt haben, sollen nicht ohne gewichtigen Grund verändert werden -stellt die Instruktion heraus für die Eucharistischen Hochgebete, und für Texte, die das Volk auswendig können soll (vgl. LA 64 und 74) -Beispiel Tagesgebet 4. Adventssonntag („Engel des Herrn“) Fazit -Bei der Übersetzung liturgischer Texte kommt der Texttreue eine grundlegende Bedeutung zu -Gleichzeitig sollen die Texte verständlich und für das Gemeindegebet geeignet sein -Diese beiden Prinzipien können nicht selten in Spannung zueinander stehen (nicht leichtfertig eines dieser Prinzipien ausblenden) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

151 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Drei Typen von „Liturgiereform“ 1.Gesamtkirchliche Reformen: Reformen des gottesdienstlichen Lebens, die vom Trienter Konzil und vom Zweiten Vatikanischen Konzil in Auftrag gegeben wurden - Anspruch, durch die von einer Kirchenversammlung erlassenen Normen den Gottesdienst der ganzen römisch-katholischen Kirche verändern zu wollen - bildet historisch gesehen eher die Ausnahme 2.Teil- oder ortskirchliche Reformen: Die Liturgie wird allein für die Belange einer Teil- oder Ortskirche erneuert ohne den Anspruch, dass andere Ortskirchen auf dieselbe Weise verfahren müssen (z.B. Mailand, Nordafrika, Gallien, nachtridentinische Reform in verschiedenen Bistümern, Reformmaßnahmen der katholischen Aufklärung) – z.T. teilkirchliche Reformen im Rahmen einer gesamtkirchlichen Reform 3.Monastische Reformen: betreffen einen ganzen Orden oder zumindest eine Kongregation (z.B. Zisterzienser, Kartäuser, Mendikanten im Mittelalter und der Neuzeit) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

152 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Aspekte für die Durchführung einer Liturgiereform Rückkehr zum Ursprung (Tradition) -Der Bezug auf eine wie auch immer geartete Tradition prägt alle Reformen, die wir kennengelernt haben -„Traditio“ kann den Rekurs auf die Hl. Schrift meinen, präzise die jeweilige Orts- oder Ordensüberlieferung, oder auch die römische Liturgie insgesamt bezeichnen -Der Begriff kann aber auch eher diffus und allgemein für die erhaltenswerte Überlieferung stehen -Problem, wenn nicht hinreichend geklärt wird, auf welche Ursprünge man sich bezieht, und wenn die Geschichtlichkeit von Kirche und Liturgie insgesamt nicht hinreichend bedacht wird (vgl. Tridentinum) -Traditionsprinzip wird z.T. ergänzt oder verändert (Benedikt von Aniane: Korrektur und Verbesserung der Tradition; Mailand: Festschreibung einer Ortstradition; Zisterzienser: partieller Bruch mit der Tradition) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

153 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Gewährleistung kirchlicher Einheit -Grundposition, dass die Einheit im Glauben die Einheit in der Liturgie verlangt, und umgekehrt, dass eine in den wesentlichen Punkten einheitliche Liturgie die Einheit des Glaubens zum Ausdruck bringt (liturgische Reformen in der gallischen und spanischen Kirche der Spätantike, karolingische Liturgiereform) -der Aspekt „liturgische Einheit“ ist in besonderem Maße kontextgebunden und kann von daher sehr unterschiedlich gefüllt werden -Die Reform nach dem Tridentinum will in römischer Perspektive „Einheit“ auf gesamtkirchlicher Ebene realisieren (auf diözesaner Ebene wird in dieser Zeit die Einheit von diözesaner und römischer Liturgie gesucht) -In der katholischen Aufklärung steht die Wahrung der Einheit auf der Ebene des Bistums im Vordergrund -Für die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil führt die Frage, was überhaupt „liturgische Einheit“ ausmache, zum innerkirchlichen Disput, v.a. vor dem Hintergrund der Inkulturation Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

154 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Gewährleistung der Orthodoxie -Sicherung von Orthodoxie und Orthopraxie gehört zu den zentralen Anliegen jeder Reform -Liturgiereformen bleiben nie nur auf den engeren Bereich des Gottesdienstes bezogen, sondern sind in unterschiedlicher Weise immer mit weiteren Veränderungen und Erneuerungen des kirchlichen Lebens verbunden -Zeigt sich im Bemühen um Rechtgläubigkeit, im Vorgehen gegen heidnische Bräuche, in der Auseinandersetzung mit als häretisch bezeichneten Glaubensaussagen oder im Vorgehen gegen defiziente und deshalb auch theologische Kritik hervorrufende liturgische Praktiken Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

155 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Romanisierung der Liturgie -Angleichung einer geographisch begrenzten Liturgie an die Liturgie der römischen Ortskirche, wobei im Einzelnen zu differenzieren ist, ob es sich um die Liturgie der Stadt Rom oder der römischen Kurie handelt -Verschiedene Motivationen -Im Frühmittelalter Versuch, der Liturgie, die an den Apostelgräbern gefeiert wird, in der eigenen Ortskirche zu folgen, um dadurch ihre römische Authentizität zu sichern -In der Liturgiegeschichte nach Trient ist der Zwang zur Romanisierung eher ein Mittel zur kirchlichen Disziplinierung und Formierung -Das Streben nach Romanisierung im (späten) 19. Jahrhundert in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderswo dient der Identitätssicherung und Stabilisierung der eigenen Situation aus der Nähe zu Rom Schriftgemäßheit -Orientierung an der Hl. Schrift als Norm für die Erneuerung des gottesdienstlichen Lebens -Auswahlkriterium für liturgische Texte, Neuauswahl von Lesetexten Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

156 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Ermöglichung von Inkulturation -Wie unterschiedlich Inkulturation innerhalb der letzten Jahrzehnte umgesetzt worden ist, machen die Unterschiede innerhalb Europas und zwischen Europa und den USA deutlich -Es wird zu diskutieren sein, ob und, wenn ja, inwieweit zukünftige Liturgiereformen in einer multikulturellen Kirche als gesamtkirchliche Liturgiereformen durchgeführt werden können -Möglich und sinnvoll, die Verantwortung für Liturgiereformen (wieder) verstärkt den Orts- und Teilkirchen zuzuweisen -Das Phänomen „Liturgiereform“ ist abzugrenzen gegen liturgische Erneuerungsbewegungen, die eher charismatischen Charakter haben oder eine bestimmte geistes- und theologiegeschichtliche Strömung im Raum der Kirche darstellen -Zwischen liturgischen Bewegungen und Liturgiereformen im eigentlichen Sinn besteht oft eine gegenseitige Beeinflussung Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

157 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Liturgie der Zukunft 1.Authentisch: in dreierlei Hinsicht (aus der Sicht der Universalkirche Übereinstimmung mit den römischen Vorgaben bis in liturgische Texte und Riten hinein; aus der Sicht der Feiergemeinde Glaubensausdruck einer konkret feiernden Gemeinde; als Postulat der Individuen „Heimat“ für den eigenen Glauben und seine Spiritualität) 2.Gemeinschaftlich: das Individuelle muss automatisch etwas zurücktreten, einerseits zugunsten der konkreten Feiergemeinde, aber auch zugunsten der universal feiernden Kirche; auch neue Feierformen sind möglich 3.Spirituell: „Die Liturgie ist die große Schule der Spiritualität.“ (Papst Benedikt XVI.) – Geprägt sein vom Paschamysterium – Leben, das über den Gottesdienst hinaus von Christus geprägt ist – Zeitgenossenschaft / Alltagsbezug – Liturgie hat letztlich die Aufgabe, das Leben der Einzelnen und der Gemeinde für Gottes Gegenwart zu öffnen: „Sie muss für die Menschen hier und heute ein Ort sein, an dem sie Christus-Erfahrungen machen können.“ (W. Haunerland) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/

158 Zusammenfassung und Ausblick: Liturgiereform(en) als bleibender Grundzug des christlichen Gottesdienstes Liturgie der Zukunft -Liturgia semper reformanda -Liturgische Erneuerung geht alle Glieder der Kirche an: das Lehramt, die Gemeinden, den einzelnen Gläubigen und nicht zuletzt die Theologen / Liturgiewissenschaftler -„Trialog“ auf Augenhöhe -Liturgische Erneuerung als Wachstumsprozess, der Geduld braucht und nicht von oben oder unten durchgesetzt werden kann (Frage der Spiritualität) Prof. Dr. Cornelius Roth VL Gewachsene Liturgie WS 2014/


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