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Ja, doch, schon & Co.: Partikeln als grammatikalisierte Ausdrucksmittel der Modalität Prof. Dr. Karin Aguado Universität Kassel

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Präsentation zum Thema: "Ja, doch, schon & Co.: Partikeln als grammatikalisierte Ausdrucksmittel der Modalität Prof. Dr. Karin Aguado Universität Kassel"—  Präsentation transkript:

1 Ja, doch, schon & Co.: Partikeln als grammatikalisierte Ausdrucksmittel der Modalität Prof. Dr. Karin Aguado Universität Kassel Winterthur, 29. April 2009

2 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.2 Gliederung 1.Terminologisches 2.Forschungshistorischer Abriss 3.Formale Eigenschaften der MPn Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution 4. Funktionen der MPn 5. Grammatikalisierung: Merkmale und Parameter 6. Schluss

3 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.3 MP-Beispiele I (alphabetisch) Meine Güte, bist Du aber groß geworden! Das hast Du nun davon. Warum musstest Du Dich auch beschweren? Ich kann nicht länger warten. Wenn sie bloß bald käme! Na, wie alt bist Du denn? Das hättest Du nicht tun dürfen. Ich hatte Dich doch gewarnt.

4 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.4 MP-Beispiele II Daran kann man nichts ändern. Das ist eben so. Hat Deine Mutter eigentlich einen Führerschein? Warum guckst Du so komisch? Bist Du etwa eifersüchtig? Das Leben hier in Berlin ist für sie nicht leicht. Sie kommt halt vom Land.

5 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.5 MP-Beispiele III Da bist du ja endlich. Wir warten schon seit Stunden auf Dich. Kannst Du mal meine Tasche halten? Geh nur, ich komme allein zurecht. Wer will schon immer zu spät kommen? Also, ich nicht.

6 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.6 MP-Beispiele IV Ist das vielleicht meine Schuld, dass wir den Zug verpasst haben? Du hast wohl nicht mehr alle Tassen im Schrank!

7 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.7 Terminologisches (in Auswahl)  Flickwörter  Würzwörter  Färbewörter  Füllwörter  „Läuse im Pelz der deutschen Sprache“ (1943)  Zaunkönige (1995!)

8 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.8 Terminologisches  Abtönungspartikeln  Kommunikativ-pragmatische Wörter  Emotional-expressive Partikeln  Satzpartikeln  Modalwörter  Illokutive Indikatoren  Modalpartikeln

9 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.9 Definitorisches Abtönungspartikel [sic!] sind unflektierbare Wörtchen, die dazu dienen, die Stellung des Sprechers zum Gesagten zu kennzeichnen [...] Bei der Abtönung, das ist das Entscheidende, verläßt der Sprecher die Ebene des Gesagten und zeigt in einer zweiten Ebene sein Urteil über dieses Urteil. (Weydt 1969:64)

10 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.10 MPn – Was gehört dazu? Kerngruppe: aber, auch, bloß, denn doch, eben, eigentlich, etwa, halt, ja, mal, nur, schon, vielleicht, wohl Peripherie: fein, ganz, gerade, gleich „Zwischenfälle“: erst, einfach, ruhig

11 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.11 MPn – Was gehört nicht dazu? allerdings, eh, immerhin, jedenfalls, ohnehin, schließlich, sowieso, überhaupt (Hentschel & Weydt 1983)

12 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.12 Forschungshistorischer Abriss Phase I (bis Ende der 60er Jahre) Von expliziter Ablehnung hin zu einem allmählichen Interesse Zentrale Arbeiten: - Harald Weydt (1969) Abtönungspartikel. Die deutschen Modalwörter und ihre französischen Entsprechungen. - Alexej Krivonosov (1963/1977) Die modalen Partikeln in der deutschen Gegenwartssprache.

13 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.13 Forschungshistorischer Abriss Phase II (Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre) Vom Aufschwung bis zur Euphorie „Kommunikativ-pragmatische Wende“ Einige zentrale Arbeiten: - Zahlreiche Publikationen, insbesondere die von Harald Weydt herausgegebenen Sammelbände aus den Jahren 1979, 1981, 1983, Elke Hentschel (1986) Funktion und Geschichte deutscher Partikeln. Ja, doch, halt und eben.

14 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.14 Forschungshistorischer Abriss  Extensive, detaillierte, äußerst differenzierte, bedeutungsmaximalistische Beschreibungen der Verwendung und der kommunikativen Effekte einzelner MPn. Heringer sieht darin: „eine Inflation, die oft sogar so weit getrieben wird, daß man die Identität einer Partikel zerschlägt und etwa mehrere DOCHs unterscheidet, ohne irgendwelche Skrupel in bezug auf eine vernünftige Zeichendefinition“ (Heringer 1988:731)

15 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.15 Forschungshistorischer Abriss Phase III (seit Anfang der 90er Jahre bis heute) Allmähliche Systematisierung und Konsolidierung Einige zentrale Arbeiten: - Maria Thurmair (1989): Modalpartikeln und ihre Kombinationen - Tanja Autenrieth (2002): Heterosemie und Grammatikalisierung bei Modalpartikeln.

16 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.16 Forschungshistorischer Abriss: Fazit „Die Forschungslage in Sachen Partikeln ist heute bei weitem nicht mehr so trostlos wie zu Zeiten, in denen sie als Würz- oder Füllwörter diffamiert wurden, doch […] klare Vorstellungen, die linguistisches Gemeingut wären, zeichnen sich noch nicht ab.“ (Strecker 2006:433)

17 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.17 Formale Eigenschaften der MPn Phonetik & Phonologie  Die MPn sind i.d.R. unbetont. (Ausnahmen: bloß und ja in Exklamativsätzen)  Die MPn sind enklitisch und ordnen sich dem Akzent des vorangehenden Wortes – meist dem finiten Verb oder einem schwachtonigen Pronomen – unter.

18 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.18 Formale Eigenschaften der MPn Morphophonologie  Die Mehrzahl der MPn ist morphologisch einfach.  Die meisten MPn bestehen aus nur einer Silbe bzw. nur einem Morphem (auch, bloß, denn, doch, halt, ja, mal, nur, schon, wohl).  Es gibt einige zweisilbige (aber, eben, etwa, vielleicht) und nur eine dreisilbige (eigentlich) MP.

19 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.19 Formale Eigenschaften der MPn Morphologie & Syntax Die MPn sind:  nicht flektierbar  nicht satzgliedwertig  nicht erfragbar  nicht negierbar (Ausnahme: etwa)  nicht erstellenfähig  nicht satzwertig

20 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.20 Formale Eigenschaften der MPn Syntax Die MPn sind:  syntaktisch (meistens) fakultativ  stellungsmäßig auf das Mittelfeld beschränkt – dort jedoch sehr flexibel; allerdings stehen sie immer vor dem Rhema

21 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.21 Flexibilität im Mittelfeld: Beispiel Mit einem Karateschlag hat (ja) Frau Müller (ja) gestern (ja) im Büro (ja) den Schreibtisch des Abteilungsleiter (ja) in zwei Hälften zerlegt. (Diewald 2007: 126)

22 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.22 Flexibilität im Mittelfeld 1.Mit einem Karateschlag hat ja Frau Müller gestern im Büro den Schreibtisch des Abteilungsleiters in zwei Hälften zerlegt.

23 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.23 Flexibilität im Mittelfeld 2.Mit einem Karateschlag hat Frau Müller ja gestern im Büro den Schreibtisch des Abteilungsleiters in zwei Hälften zerlegt.

24 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.24 Flexibilität im Mittelfeld 3.Mit einem Karateschlag hat Frau Müller gestern ja im Büro den Schreibtisch des Abteilungsleiters in zwei Hälften zerlegt.

25 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.25 Flexibilität im Mittelfeld 4.Mit einem Karateschlag hat Frau Müller gestern im Büro ja den Schreibtisch des Abteilungsleiters in zwei Hälften zerlegt.

26 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.26 Flexibilität im Mittelfeld 5.Mit einem Karateschlag hat Frau Müller gestern im Büro den Schreibtisch des Abteilungsleiters ja in zwei Hälften zerlegt.

27 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.27 Flexibilität im Mittelfeld Mit einem Karateschlag hat (ja) Frau Müller (ja) gestern (ja) im Büro (ja) den Schreibtisch des Abteilungsleiter (ja) in zwei Hälften zerlegt. vs. Mit einem Karateschlag hat sie ihn (ja) gestern (ja) im Büro (ja) in zwei Hälften zerlegt.

28 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.28 Formale Eigenschaften der MPn Syntax Eine zentrale Eigenschaft, die die MPn von allen anderen Partikeln unterscheidet, ist ihre Satztyprestringiertheit.

29 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.29 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution  Modalität ist „nicht Bestandteil des in einem Satz beschriebenen Sachverhalts […], sondern etwas, das zusätzlich zu diesem Sachverhalt ausgedrückt wird.“ (Vater 1975:104)  „Modalität […] hat mit dem pragmatischen Zusammenhang eines Satzes zu tun (der Sprechsituation und ihren Bestandteilen – wozu auch der Sprecher selbst gehört) sowie mit den sozialen Zusammenhängen (den Rollenbeziehungen zwischen Sprecher, Angeredetem und dritten Personen).“ (Vater 1975:106f.)

30 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.30 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution  Satztyp: - purer Formtyp, der spezifische phonologische, morphologische und syntaktische Eigenschaften aufweist  Satzmodus: - komplexes sprachliches Zeichen mit einem Form- und einem Funktionsaspekt - „regelmäßige Zuordnung eines Satztyps […] mit angebbaren formalen Eigenschaften zu einer bestimmten Funktion […] im sprachlichen Handeln“ (Altmann 1987:22)

31 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.31 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Der Satztyp setzt sich aus einem Bündel formaler Merkmale zusammen:  Stellung des finiten Verbs  Modus des finiten Verbs  Tonmuster  Vorhandensein vs. Nichtvorhandensein eines Fragepronomens  Vorhandensein vs. Nichtvorhandensein eines Exklamativakzents

32 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.32 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Es ist von insgesamt 5 Satztypen auszugehen:  Aussagesatz  Fragesatz  Entscheidungsfragesatz  Ergänzungsfragesatz  Imperativsatz  Wunschsatz  Exklamativsatz  Satzexklamativsatz (Finitum an 1. oder 2. Pos.)  w-Exklamativsatz

33 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.33 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Aussagesatz Sprecher drückt Wissen/Überzeugtsein aus. Propositionale Grundeinstellung: „sagen/behaupten, dass p“. Aufgrund der sehr allgemeinen propositionalen Grundeinstellung, die mit Aussagesätzen ausgedrückt wird, sind Äußerungen, die mittels dieses Satztyps realisiert werden, sehr leicht modifizierbar.

34 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.34 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Fragesatz Sprecher hat ein Informationsdefizit, das er zu beheben sucht. Es wird eine verbale Reaktion des Interaktionspartners erwartet (im Unterschied zu Aufforderungssätzen). Propositionale Grundeinstellung: „fragen, ob p“ bzw. „fragen, w-“

35 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.35 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Imperativsatz Sprecher formuliert eine Aufforderung. Propositionale Grundeinstellung: „erreichen wollen, dass, p“. Formal sind Imperativsätze stark markiert (Initialstellung des Verbs, Imperativmodus, Fehlen des Subjektausdrucks). Sie haben nur eine illokutive Funktion, sind also in dieser Hinsicht stark restringiert.

36 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.36 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Wunschsatz Sprecher weiß um nicht Nichtrealisierbarkeit des von ihm ausgedrückten Sachverhalts, er formuliert also einen rhetorischen Wunsch. Propositionale Grundeinstellung: „wünschen, dass, p“. Wunschsätze sind formal stark markiert (Initialstellung des Verbs bzw. Verwendung von einleitendem wenn, Konjunktiv, starke Intonation, teilweise obligatorische Verwendung von MPn).

37 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.37 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Exklamativsatz Sprecher drückt sein Erstaunen/seine Überraschung aus. Propositionale Grundeinstellung: „sich wundern, dass p“ bzw. „sich wundern, wie sehr p“. Exklamativsätze unterscheiden sich formal von Aussage- und Ergänzungsfragesätzen nur durch den starken Exklamativakzent.

38 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.38 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Die mit einem Satztyp ausgedrückte propositionale Grundeinstellung/Basisillokution ist kontextunabhängig. Sie gilt nur so lange, wie die formalen Merkmale konstant gehalten werden. Sogenannte Sekundärindikatoren (z.B. Prosodie, Modalpartikeln, explizit performative Verben) können die propositionale Grundeinstellung bzw. die Basisillokution eines Satzes/einer Äußerung verändern.

39 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.39 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Skala der Interaktantenorientierung +sprecherorientiert neutral +hörerorientiert   Wunsch- Exklamativ- Aussage- Frage- Imperativ- satz satz satz satz satz

40 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.40 Exkurs: Modalität, Satztypen, Distribution Wunsch- Satz Exklamativ- Satz W-Exklam- mativ-Satz Aussage- Satz E-Frage- Satz W-Frage- Satz Imperativ- Satz aberX auchXXXXX bloßXXXX dennXX dochXXXXX ebenXX eigentlichXX etwaX haltXX jaX jáX malXXX nurXXXX schonXXX vielleichtXX wohlXXX

41 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.41 Distribution der MPn in den Satztypen -Es ist eine gewisse „Rechtslastigkeit“ der MPn festzustellen: MPn treten häufiger in adressaten- /hörerorientierten Satztypen auf als in sprecherorientierten. -Die meisten MPn sind in Aussage- und Imperativsätzen möglich – obwohl diese beiden Typen hinsichtlich ihrer formalen und illokutiven Markiertheit extreme Pole darstellen.

42 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.42 Distribution der MPn in den Satztypen -Alle MPn (außer wohl), die in Aussagesätzen auftreten können, können ebenfalls in Imperativsätzen stehen – aber nicht umgekehrt. -Die Menge der MPn, die in Wunschsätzen auftreten können, ist eine Teilmenge der MPn, die in Imperativsätzen auftreten können. Wunschsätze sind in Bezug auf die mit ihnen ausgedrückte Grundeinstellung spezifischer – die mögliche Einflussnahme ist geringer; die Verwendung von MPn ist restringierter.

43 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.43 Distribution der MPn in den Satztypen -In Wunschsätzen sind die MPn doch, nur oder bloß quasi obligatorisch. -Die Wunschsätze weisen im Vergleich zu anderen V1- Sätzen absolut disjunkte Mengen von Modalpartikeln auf; die MPn sind hier also satztyp- und illokutionsidentifizierend.

44 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.44 Distribution der MPn in den Satztypen -Die MPn, die in Wunschsätzen auftreten, kommen gleichfalls in w-Exklamativsätzen vor (Stichwort: „expressiv-emotionale Komponente“). -Es lassen sich Überschneidungen im MP-Vorkommen in w-Exklamativsätzen und w-Fragesätzen feststellen; diese können nur mittels des Form- aber nicht des Funktionstyps erklärt werden. -In den verschiedenen Exklamativsätzen werden unterschiedliche MPn verwendet; auch hier scheint also der Funktionstyp keine Rolle für die Distribution zu spielen.

45 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.45 Funktionen der MPn  Indikation der lllokution doch, nur, bloß, ja, mal  Modifizierung der Illokution  Verstärkung; Abschwächung; Veränderung aber, vielleicht; mal  Bewertung des propositionalen Gehalts  Bestätigung, Einschränkung, Zurückweisung schon, wohl

46 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.46 Funktionen der MPn  Inhaltliche oder kausale Verknüpfung von aufeinanderfolgenden Äußerungen ja, doch, auch, eben, halt, eigentlich, denn, etwa  Erzeugung von Rhetorizität/Gesprächs- und Verhaltenssteuerung wohl, schon, auch, etwa

47 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.47 Was ist Grammatikalisierung? „le passage d‘un mot autonome au rôle d‘element grammatical“ (Antoine Meillet 1912) „Grammaticalization of a linguistic sign is a process in which it loses in autonomy by becoming more subject to constraints of the linguistic system.“ (Christian Lehmann 2004:3)

48 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.48 Merkmale der Grammatikalisierung  Grammatikalisierung ist ein allmählicher und gradueller Prozess. Sie verläuft also in der Zeit und ist sinnvollerweise diachronisch zu untersuchen. Die Grammatikalisierung kann aber auch synchronisch betrachtet werden, wenn das Nebeneinander von unterschiedlichen Funktionen eines Sprachzeichens den Untersuchungsgegenstand darstellt.

49 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.49 Merkmale der Grammatikalisierung  Grammatikalisierung verkleinert die Kluft zwischen langue und parole, weil Sprache nicht als ein abstraktes und abgeschlossenes, sondern als ein offenes, dynamisches, sich durch Gebrauch veränderndes System begriffen wird.  Die Grammatikalisierung verläuft unidirektional, d.h. es handelt sich um einen gerichteten, irreversiblen Prozess von weniger grammatikalisierten zu stärker grammatikalisierten Zeichen.

50 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.50 Parameter der Grammatikalisierung (Lehmann 1995) 1.Paradigmatizität/Paradigmatisierung 2.Wählbarkeit/Obligatorisierung 3.Integrität/Erosion 4.Fügungsenge/Koaleszenz 5.Stellungsfreiheit/Fixierung 6.Struktureller Skopus/Kondensierung

51 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.51 Grammatikalisierung der deutschen MPn 1.Paradigmatizität/Paradigmatisierung niedrig:Zeichen gehört zu einem losen Wortfeld hoch:Zeichen gehört zu einem hochintegriertem Paradigma MPn bilden eine kleine, relativ geschlossene Klasse mit einer ausgeprägten Funktion, nämlich Signalisierung der Einstellung des Sprechers/der Sprecherin zum Gesagten oder Präsupponierten.

52 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.52 Grammatikalisierung der deutschen MPn 2.Wählbarkeit/Obligatorisierung niedrig:Zeichen ist nach kommunikativen Absichten frei wählbar hoch:Wahl des Zeichens ist beschränkt bzw. obligatorisch Der Gebrauch von MPn unterliegt starken Restriktionen. Einen besonders hohen Grad an Grammatikalisierung weist die MP doch in Wunschsätzen auf, in denen ihre Verwendung obligatorisch ist.

53 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.53 Grammatikalisierung der deutschen MPn 3.Integrität/Erosion niedrig:Bündel semantischer Merkmale; evtl. mehrsilbig hoch:grammatische Merkmale; oligo- oder monosegmental Der Verlust an semantischer Bedeutung gilt für die größtenteils einsilbigen MPn in hohem Maße; in dieser Hinsicht unterscheiden sich die MPn deutlich von ihren Heterosemen.

54 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.54 Grammatikalisierung der deutschen MPn 4.Fügungsenge/Koaleszenz niedrig:Zeichen ist unabhängig juxtaponiert hoch:Zeichen ist ein Affix oder gar phonologische Eigenschaft des Trägers Die MPn sind – bis auf denn – freie Morpheme, die sich jedoch intonatorisch unter das unmittelbar vorangehende Element unterordnen. Denn weist in den meisten Fällen nur eine geringe phonologische Substanz auf und hat größtenteils bereits den Status eines Klitikums.

55 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.55 Grammatikalisierung der deutschen MPn 5.Stellungsfreiheit/Fixierung niedrig:Zeichen ist in seiner Stellung frei hoch:Zeichen besetzt feste Positionen Die MPn können nur im Mittelfeld auftreten; das Vor- oder das Nachfeld ist ausgeschlossen (= sicherstes und eindeutigstes Kriterium zur Abgrenzung von den anderen Funktionen bzw. von den Heterosemen).

56 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.56 Grammatikalisierung der deutschen MPn 6.Struktureller Skopus/Kondensierung niedrig:Zeichen bezieht sich auf Syntagma beliebiger Komplexität hoch:Zeichen modifiziert Stamm MPn haben i.d.R. Satz- bzw. Äußerungsskopus, weisen also einen recht großen Skopus auf, der meist sogar größer ist als bei den anderen Partikelfunktionen.

57 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.57 Zusammenfassung  MPn erfüllen eine genuin grammatische Funktion.  Diese Funktion ist für die Organisation und die Strukturierung der gesprochenen dialogischen Sprache unverzichtbar.  MPn sind Hinweise auf im Kontext relevante Propositionen – wie Konnektoren haben sie verbindende Funktion; jedoch muss das, was sie konnektieren, nicht sprachlich ausgedrückt, realisiert sein (vgl. auch Diewald 2007:131).

58 Karin AguadoJa, doch, schon & Co.58 Zusammenfassung  MPn sind das Ergebnis eines langen – noch nicht völlig abgeschlossenen – Grammatikalisierungsprozesses, in dessen Verlauf konversationelle Implikaturen konventionalisiert werden – was letztlich zu einer pragmatischen Verstärkung führt (vgl. Abraham 1995).

59 Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


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