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1 Hinweis: Maßgeblich für die Klausur sind die in der Vorlesung vermittelten Inhalte. Die Folien erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Zum Verständnis.

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1 1 Hinweis: Maßgeblich für die Klausur sind die in der Vorlesung vermittelten Inhalte. Die Folien erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Zum Verständnis der Folien ist ein Besuch der Vorlesung erforderlich.

2 2 Literatur Blanchard, O. (2006) Macroeconomics, 4. Aufl. Burda, M. und C. Wyplosz (2005), Macroeconomics – A European Text. 4. Aufl. Gärtner, M. (2003), Macroeconomics. Mankiw, N. Gregory (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. Engelen, C. und J. Graf Lambsdorff (2006), Das Keynesianische Konsensmodell, Passauer Diskussionspapiere Nr. V Wohltmann, H.-W. (2000), Grundzüge der makroökonomischen Theorie, 3. Aufl.

3 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* I. Das Bruttoinlandsprodukt

4 4 Pflichtlektüre: Frenkel, M. und K.D. John (2006), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 6. Aufl. S , 37-39, 50-52, 54-55, 56.

5 5 Das Bruttoinlandsprodukt ist ein Maß für die gesamtwirtschaftliche Produktion. Diese entspricht in einer (geschlossenen) Volkswirtschaft den gesamten Einnahmen der Firmen (aus dem Verkauf von Endprodukten) und den Ausgaben der Haushalte. Das Bruttoinlandsprodukt wird bestimmt durch den gesamten Marktwert aller Endprodukte an Gütern und Dienstleistungen, welche in einer bestimmten Periode in einem Land produziert werden. Die Produktion wird also nach Marktpreisen bewertet. Es beinhaltet sowohl fassbare Güter (Nahrung, Kleidung, Autos) als auch nicht-fassbare Dienstleistungen (Haarschnitt, Reinigungsservice, ärztliche Beratung).

6 6 Das Bruttoinlandsprodukt umfasst nur Güter und Dienste, welche gegenwärtig produziert werden, nicht solche der Vergangenheit oder Zukunft. Es bezieht sich dabei auf ein bestimmtes Zeitintervall (Jahr oder Quartal). Es bezieht sich auf die Produktion innerhalb der geographischen Abgrenzung eines Landes. Gezählt werden alle produzierten und legal auf Märkten gehandelten Güter. Vernachlässigt werden Güter, welche zu Hause produziert und konsumiert werden, ohne dabei über einen Markt ausgetauscht zu werden. Illegal gehandelte Güter (z.B. Drogen) werden vernachlässigt.

7 7 Es werden nur Endprodukte und nicht Vorleistungen einbezogen (so dass Doppelzählungen vermieden werden). Vorleistungen sind solche Güter und Dienste, welche in der gleichen Periode im Produktionsprozess wieder verwendet werden. Die produzierten Vorleistungen gehören nicht zum Inlandsprodukt, da sie im gleichen Zeitraum wieder im heimischen Produktionsprozess verbraucht werden. Das Bruttoinlandsprodukt entspricht damit der Wertschöpfung. Von der Summe aller Produktionswerte (einschl. Vorleistungen) müssen sämtliche Vorleistungen abgezogen werden.

8 8 Produktionswert und Wertschöpfung am Beispiel der Brotproduktion Produktionswert: 1500 Vorleistungen: 800 Wertschöpfung: 700

9 9 Reales und Nominales Bruttoinlandsprodukt Das nominale Bruttoinlandsprodukt misst die Produktion von Gütern und Diensten zu aktuellen Preisen. Das reale Bruttoinlandsprodukt misst die Produktion von Gütern und Diensten zu konstanten Preisen. Ein zutreffendes Bild der Produktion als Maßstab des Wohlstands eines Landes erfordert, dass das nominale BIP mit Hilfe des BIP-Deflators in das reale BIP umgerechnet wird.

10 10 Der BIP-Deflator misst das gegenwärtige Preisniveau relativ zum Preisniveau eines Basisjahres. Ein Anstieg des BIP-Deflators bedeutet, dass ein Anstieg des nominalen BIP auf Preiserhöhungen und nicht auf eine gestiegene mengenmäßige Produktion zurück zu führen ist. Ein Sinken des BIP-Deflators bedeutet, dass ein sinkendes nominales BIP aus Preissenkungen resultiert und nicht durch eine schrumpfende mengenmäßige Produktion bedingt ist.

11 11 Bruttoinlandsprodukt, Deutschland, real in Preisen von 1995 und nominal Bill. Quelle: World Development Indicators, eigene Darstellung BIP, real BIP, nominal

12 12 Das Bruttoinlandsprodukt als Wohlfahrtsindikator Das reale Bruttoinlandsprodukt ist das beste eindimensionale Maß für das Wohlergehen einer Gesellschaft. Als Pro-Kopf-Größe misst es das durchschnittliche Einkommen und die durchschnittlichen Ausgaben einer Person. Ein höheres Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt indiziert einen höheren Lebensstandard.

13 13 Glaubst du denn, du wärst klüger als alle unsere Ökonomen, Statistiker und Minister? Unser Lebensstandard hat sich deutlich erhöht! Du merkst es bloß nicht, weil dies durch die erhöhten Kosten neutralisiert wurde. Laxman, Times of India,

14 14 Aber: Das Bruttoinlandsprodukt ist nicht ein perfektes Maß des Glücksempfindens oder der Lebensqualität. Insbesondere fehlen Wertansätze für die folgenden Güter: Der Wert der Freizeit. Der Wert einer sauberen Umwelt. Der Wert von Gütern und Diensten, welche nicht über den Markt ausgetauscht werden, z.B. freiwillige, unentgeltliche Arbeiten, gegenseitige Hilfestellungen in der Familie. Der Wert einer gerechteren Verteilung der Einkommen.

15 15 Das Bruttoinlandsprodukt weist aber eine hohe Korrelation mit anderen Messgrößen auf. So korreliert es hoch mit einem subjektiv geäußerten Glücksgefühl. Lebenszufriedenheit und Pro-Kopf- Einkommen in 51 Ländern anfangs der 90er-Jahre. Quelle: A. Stutzer (2001), Eine ökonomische Analyse menschlichen Wohlbefindens, Zürich.

16 16 Wir unterstellen eine geschlossene Volkswirtschaft, d.h. wir vernachlässigen das Ausland. Wir vernachlässigen die ökonomische Aktivität des Staates. Es existieren daher nur private Haushalte und Unternehmen. Private Haushalte Unternehmen Arbeitskraft Konsumgüter Lohn (700) Zahlung (700) Vorleistungen (300) Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

17 17 Folgende vereinfachende Annahmen gelten: Private Haushalte produzieren nicht. Sie verausgaben ihre gesamten Einkommen vollständig. Unternehmen bilden keine Ersparnisse. Es entstehen im Produktionsprozess keine Gewinne. Aufgrund der fehlenden Ersparnisbildung gibt es kein Vermögen. Unternehmen produzieren nur Konsumgüter und Dienstleistungen, welche in der gleichen Periode abgesetzt werden. Die Güter werden mit Hilfe menschlicher Arbeitskraft und Vorleistungen (Rohstoffe, Transportkosten, usw.) produziert.

18 18 F steht hierbei für das Faktoreinkommen Inlandsprodukt = Wertschöpfung: 700 Produktionswert: 1000

19 19 Entsprechend den wirtschaftlichen Funktionen in der betrachteten Volkswirtschaft existiert ein Einkommenskonto und ein Produktionskonto. Das Produktionskonto soll hierbei die Produktion, Einkommensentstehung und Einkommensverteilung beinhalten. Das Einkommenskonto erfasst die Einkommenserzielung, Einkommensumverteilung und Einkommensverwendung. Anschaulich kann das Einkommenskonto als Konto der Einkommensbezieher (hier der privaten Haushalte) und das Produktionskonto als Konto der Produzenten (hier der Unternehmen) betrachtet werden.

20 20 Die eingezeichneten Ströme sind Zahlungsströme (im Falle einer Kreditgewährung könnten wir auch von Forderungsströmen sprechen). Der mit dem Symbol C versehene Strom bedeutet, dass den Produzenten aus dem Verkauf von Konsumgütern an die Einkommensbezieher von diesen Zahlungsmittel in Höhe von 700 zufließen. Dem aus Konsumgüterverkäufen der Produzenten resultierenden Strom fließt ein gleich starker, aber entgegen gerichteter Strom von den Produzenten zu den Einkommensbeziehern entgegen. Dieser bringt zum Ausdruck, dass die Produzenten an die Einkommensbezieher Löhne und Gehälter, so genannte Faktoreinkommen, zahlen. Mit dem zweiten Strom entsteht ein Kreislauf.

21 21 Die Faktoreinkommen beinhalten die so genannten Erwerbs- und Vermögenseinkommen. Die Erwerbseinkommen sind die Arbeitnehmerentgelte und die Selbständigeneinkommen. Zu den Vermögenseinkommen gehören Zinsen und Mietzahlungen sowie die verteilten Gewinne in Form von Dividendenausschüttungen oder Gewinnentnahmen. Wir hatten jedoch unterstellt, dass kein Vermögen angesammelt wurde. Daher besteht das Einkommen zunächst nur aus Erwerbseinkommen und wird hier als Lohn bezeichnet.

22 22 Einkommenskonto 700 Faktor- einkommen Konsumaus- gaben 700 Produktionskonto Vorleist Konsumgüter Wertschöpfung – Löhne Vorleist. Darstellung in Kontenform

23 23 Unsere vereinfachende Annahme, private Haushalte würden nicht produzieren, soll nun aufgegeben werden. Der Begriff privater Haushalt wird gemäß einer Abgrenzung für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union durch das europäische System volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (abgekürzt: ESVG; verbindlich für alle Mitgliedsstaaten der Europäischen Union ab April 1999 verbindlich) vorgenommen. Zum Produktionswert der von privaten Haushalten erzeugten Güter gehören einerseits Dienstleistungen, die Hausangestellte, Reinigungspersonal, butler u. ä. Erwerbstätige gegen Entgelt produzieren und an andere private Haushalte verkaufen.

24 24 Alle Unternehmungen gehören zum Sektor private Haushalte, sofern sie keine (quasi-) Kapitalgesellschaften sind (Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Genossenschaften, offene Handelsgesellschaften, Kommanditgesellschaften). D.h. alle Personengesellschaften ohne eigene Rechtspersönlichkeit zählen zu den privaten Haushalten (z.B. selbständige Landwirte, Einzelunternehmer im produzierenden Gewerbe, Handwerker, Händler, Gastwirte). Die Produktion dieser Personengesellschaften o.e.R. wird auf einem Produktionskonto der privaten Haushalte verbucht.

25 25 Darstellung in Kontenform Einkommenskonto 100 Dienstlst.an Haushalte 170 Konsumgüter Wertschöpfung - Löhne Konsumgüter Wertschöpfung - Löhne Vorleist.Vorleist. 300 Private HaushalteUnternehmen Produktionskonto 820 Faktor- einkommen Konsumausgaben 720 Ausgaben für Dienstlst. 100

26 26 Nun soll die Annahme aufgegeben werden, dass private Haushalte und Unternehmen nicht sparen und nicht investieren. Private Haushalte sparen dadurch, dass sie nur einen Teil ihres Faktoreinkommens für Konsum ausgeben. Das hiermit angesammelte Vermögen stellen sie für die Produktion den Unternehmen (oder den zu den Haushalten zählenden Personengesellschaften) zur Verfügung. Hierfür erhalten sie dann Vermögenseinkommen, wie z.B. Zinsen oder Dividenden.

27 27 Die Unternehmen erzielen Gewinne. Unternehmen sparen dadurch, dass sie diese Gewinne nicht vollständig als Dividenden an die private Haushalte abführen. Die Ersparnis der Unternehmen entspricht somit den einbehaltenen Gewinnen. Diese werden verbucht als ein Einkommen, welches sich die Unternehmen auf ihr Einkommenskonto zuweisen. Aufgrund der durch Nutzung eingetretenen Wertminderung des Anlagevermögens müssen Unternehmen ferner Abschreibungen verbuchen.

28 28 Auf der Seite der Produzenten wird unterstellt, dass diese nicht nur Konsumgüter, sondern auch Investitionsgüter, d.h. dauerhafte Produktionsmittel wie maschinelle Anlagen, produzieren. Unter Konsum (C) verstehen wir nun sämtliche Ausgaben der Haushalte für (Verbrauchs-) Güter und Dienste mit Ausnahme von Häusern, welche als Investition gezählt werden. Demgegenüber zählen Ausgaben der Haushalte für langlebige Konsumgüter (Auto, Fernseher, Waschmaschine …) zum Konsum. Investitionen (I) sind Ausgaben für Kapitalausstattung, Vorräte und Bauten (Häuser), also für Güter, welche nicht unmittelbar verbraucht werden.

29 29 Bezüglich der Investitionen sind folgende Begriffe zu unterscheiden: Bruttoinvestition: I b Nettoinvestition: I n Lagerinvestition: I L Reinvestition ~ D (Brutto-) Anlage- investitition: I b A D 150 I n 100 Re- in- vest. 150 I b A 210 I L 40 I b 250

30 30 Darstellung in Kontenform Einkommenskonto Private HaushalteUnternehmen Produktionskonto Konsumaus- gaben Ersparnis Wertschöpfung – Löhne – Zinsen – einbeh. Gewinne Abschreibungen Investitions- güter einbeh. Gewinne Faktoreinkommen – Löhne – Zinsen Ersparnis

31 31 Aus der Darstellung ist ersichtlich, dass zu manchen Posten eine Gegenposition fehlt. Hierfür ist ein Vermögensänderungskonto zu berücksichtigen. Wir betrachten nun zur Vereinfachung nur gesamtwirtschaftliche Konten, vernachlässigen also die Unterscheidung in private Haushalte und Unternehmen. Eine Darstellung kann entweder in Form eines Flussdiagramms oder in Kontenform erfolgen.

32 32 Flussdiagramm einer einfachen Volkswirtschaft

33 33 Die den Haushalten und Unternehmen zufließenden Einkommen in Höhe von 820 werden in Höhe von 720 für Konsumzwecke ausgegeben und der Rest in Höhe von 100 wird gespart. Die Ersparnis fließt dem Vermögensänderungskonto zu. Damit wird ein Teil der Bruttoinvestition in Höhe von 250 finanziert. Als Gedankenstütze kann man sich vorstellen, dass das Vermögensänderungskonto beim Produktionskonto Investitionsgüter in Höhe von 250 kauft und bezahlt. Der nicht durch Ersparnisse finanzierte Teil der Bruttoinvestition in Höhe von 150 Einheiten wird durch Abschreibungen finanziert, genauer aus Abschreibungsgegenwerten.

34 34 Einkommenskonto 820 Faktor- einkommen Konsumaus- gaben 720 Ersparnis 100 Produktionskonto Vorleist Konsumgüter Abschr. 150 Wertschöpfung – Löhne 680 – Zinsen 140 Vermögensänderungskonto Inv.güter Abschr. 100 Ersparnis 250 Inv.güter 300 Vorleist. Gesamtwirtschaftliche Konten einer einfachen Volkswirtschaft

35 35 Das Nettoinlandsprodukt kann auf verschiedene Arten berechnet werden: Y n =C+I (820) (Verwendungsseite) Y n =C+S (820) (Aufteilungsseite) Y n =F=L+G v +G u (820) (Verteilungsseite) Es gilt ferner: Bruttoinlandsprodukt = Y n +D = 970 Brutto- und Nettoinlandsprodukt

36 36 Zur Übung: VWL-Quiz Aufgaben 1 und 2

37 37 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* II. Produktion und Wachstum

38 38 Pflichtlektüre: Gärtner, M. (2003), Macroeconomics, S ; Mankiw, N. G. (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. S ;

39 39 Der Lebensstandard, gemessen durch das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, variiert stark zwischen Ländern. Der Lebensstandard in den reichsten und in den ärmsten Ländern, gemessen durch das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, unterscheidet sich ca. um den Faktor 100.

40 40 Quelle:

41 41 Unter Produktivität versteht man die Menge an Gütern und Diensten, welche in einer Arbeitsstunde produziert werden. Der Lebensstandard wird maßgeblich von der Produktivität der Arbeitskräfte bestimmt. Die Produktivität wird maßgeblich durch die verschiedenen Produktionsfaktoren bestimmt.

42 42 Unter Produktionsfaktoren versteht man insbesondere: Physisches Kapital Humankapital Natürliche Ressourcen Technischer Fortschritt (neuere Forschungen betonen auch Sozialkapital. Hiermit kann z.B. das gegenseitig entgegengebrachte Vertrauen gemeint sein. Solche Faktoren werden stärker in den Kulturwissenschaften betont und hier vernachlässigt.)

43 43 Kapital ist ein aus der vergangenen Produktion stammender Faktor, welcher in die gegenwärtige Produktion eingeht. Physisches Kapital ist der Bestand an Maschinen und Bauten, welcher in die Produktion von Gütern und Diensten eingeht.

44 44 Humankapital ist der ökonomische Begriff für das Wissen und die Fertigkeiten, welche Arbeiter durch Erziehung, Training und Erfahrung akquirieren und zur Produktionssteigerung einsetzen können. Die Messung des Humankapitals ist schwierig. Näherungsweise werden hierfür die Ausgaben verwendet, welche getätigt werden, um den Arbeitskräften das Verständnis neuer Prozesse und Produkte zu vermitteln.

45 45 Natürliche Ressourcen sind Produktionsfaktoren, welche von der Natur bereit gestellt werden. Beispiele hierfür sind Boden, Metalle oder Öl. Sie werden eingeteilt in erneuerbare Ressourcen, wie z.B. Wälder oder Fischbestände, und nicht erneuerbare Ressourcen, wie z.B. Kohle oder Mineralwasser. Natürliche Ressourcen sind wichtig. Aber viele Länder mit wenig Ressourcen (Deutschland, Japan) können trotzdem einen hohen Lebensstandard erzielen. Rohstoffbesitzer wie Gabun, Nigeria oder Venezuela sind hingegen teilweise ärmer.

46 46 Technischer Fortschritt ist das Verständnis innovativer Produktionstechnologien und Organisationsmethoden (Prozessinnovationen) sowie verbesserter oder neuartiger Produkte (Produktinnovationen). Humankapital ist im Gegensatz zu technischem Fortschritt fest mit einer Arbeitskraft verbunden. Es kann nicht käuflich erworben und transferiert werden. Während die Erfindung der Schreibmaschine technischer Fortschritt ist, ist das Erlernen der Zehn- Finger-Technik eine Form von Humankapital. Für Humankapital müssen Ausgaben getätigt werden, um den Arbeitskräften das Verständnis neuer Prozesse und Produkte zu vermitteln.

47 47 Die Produktionsfunktion Ökonomen verwenden oft eine Produktionsfunktion, um das Verhältnis zwischen der Menge an Einsatzfaktoren und der erzielten Produktionshöhe auszudrücken. Y=AF(L, K, H, N) Hierbei indiziert Y die Produktion, A die Produktionstechnologie, L die Anzahl an Arbeitskräften, K die Menge an physischem Kapital, H die Menge an Humankapital, N die Menge an natürlichen Ressourcen und F() eine Funktion, welche diese Faktoren kombiniert.

48 48 Eine Produktionsfunktion hat konstante Skalenerträge, wenn für jede positive Zahl x gilt: xY=AF(xL, xK, xH, xN) Dies bedeutet, dass z.B. eine Verdoppelung aller Einsatzfaktoren zu einer Verdoppelung der Produktion führt. Konstante Skalenerträge erscheinen plausibel: Wenn zu einer existierenden Betriebsstätte eine zweite, identische an einem anderen Ort und unter sonst gleichen Bedingungen erstellt wird, sollte diese die gleiche Produktion hervorbringen können.

49 49 Produktionsfunktionen mit konstanten Skalenerträgen haben eine interessante Implikation. Ersetzen wir x durch 1/L, dann folgt: Y/L=AF(1, K/L, H/L, N/L) Hierbei ist nun Y/L die Produktion pro Arbeitskraft, K/L der Kapitaleinsatz je Arbeitskraft, H/L das Humankapital je Arbeitskraft und N/L die natürlichen Ressourcen je Arbeitskraft. Die Produktivität (Y/L) wird also von den diversen Pro- Kopf-Einsatzfaktoren sowie dem Stand der Technologie (A) bestimmt.

50 50 Die Frage der Konvergenz Sind Länder mit niedrigem Einkommen durch höhere Wachstumsraten gekennzeichnet? Falls dies so wäre, würden Einkommensunterschiede im Zeitverlauf abgebaut. Dies wird als catch-up-Effekt bezeichnet. Ein solcher catch-up-Effekt würde sich einstellen, wenn sinkende Grenzerträge vorliegen. Werden Einsatzfaktoren nämlich mit steigendem Einsatz tendenziell unproduktiver, so hätten Länder mit geringer Ausstattung eine höhere Grenzproduktivität und damit einen Produktionsvorteil gegenüber reicheren Ländern.

51 51 Werden alle Pro-Kopf Einsatzfaktoren der gegebenen Produktionsfunktion verdoppelt, so ergibt sich nur ein unterproportionaler Anstieg: AF(1, 2. K/L, 2. H/L, 2. N/L) < 2. Y/L Dies ergibt sich, da die 1 sich nicht verdoppelt hat. Es liegen also bei der gegebenen Funktion sinkende Grenzerträge vor.

52 52 Quelle für Graphik:

53 53 Quelle: Barro und Sala-i-Martin (1995), Economic Growth, S. 28. Wachstum und Pro-Kopf-Inlandsprodukt in US-Staaten

54 54 Konvergenz scheint aufgrund empirischer Evidenz dort vorzuliegen, wo Länder relativ ähnliche Ausgangs- bedingungen haben. Für die Welt insgesamt liegt gemäß empirischer Evidenz keine Konvergenz vor. Die fehlende weltweite Evidenz ist evtl. auf die sehr unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen dieser Länder zurückzuführen.

55 55 Für das Solow-Wachstumsmodell unterstellen wir eine Cobb-Douglas-Produktionsfunktion, wobei wir natürliche Ressourcen vernachlässigen: Y=AF(L,K)=AK L 1-, 0< Hierbei indiziert Y die Produktion, A die Produktionstechnologie, L die Anzahl an Arbeitskräften und K die Menge an physischem und Humankapital.

56 56 Es liegen positive und abnehmende Grenzerträge beider Produktionsfaktoren vor. Es gilt z.B.: dY/dK=A K L 1- d 2 Y/dK 2 = A ( ) K L 1- <0. Es liegen konstante Skalenerträge vor: A(xK) (xL) 1- = Ax K x 1- L 1- =xAK L 1- =xY.

57 57 Quelle:

58 58 Schreiben wir diese Funktion in Pro-Kopf-Terme um, so folgt mit k=K/L und y=Y/L: y=Y/L= f(k)=AK L = Ak. Das Pro-Kopf-Einkommen, y, ist somit eine positive, aber abnehmende Funktion des Pro-Kopf-Kapitalstocks, k. Das erzielte Einkommen teilen Haushalte auf in Konsum und Ersparnis. Bei einer festen Aufteilung beträgt somit die gesamte Ersparnis pro Kopf sy=sAk.

59 59 Die zeitliche Veränderung des Kapitalstocks wird durch die Bruttoinvestitionen (I) und die Abschreibungen ( K) bestimmt: Die Pro-Kopf-Kapitalausstattung variiert sowohl mit Veränderungen der Kapitalausstattung als auch mit Veränderungen der Bevölkerung (= des Arbeitseinsatzes). Es gilt: Wir nehmen ferner an, dass ein konstantes Bevölkerungswachstum exogen vorgegeben ist. Es gilt somit L(t)=e nt, bzw..

60 60 Einsetzen erbringt: Wird dies berücksichtigt, so folgt für die Dynamik des Pro-Kopf-Kapitalstocks: Ein Anstieg des Pro-Kopf-Kapitalstocks ergibt sich, wenn von den aus der bestehenden Produktion resultierenden Pro-Kopf-Investitionen die Abschreibungen abgezogen werden. Ferner müssen neue Arbeitskräfte mit demselben Kapitalstock ausgestattet werden.

61 61 Der Pro-Kopf-Kapitalstock verringert sich durch Abschreibungen, welche proportional zum existierenden Kapitalstock sind. Zusätzlich verringert sich der Pro-Kopf-Kapitalstock durch einen Anstieg der Bevölkerung, da der bestehende Kapitalstock dann auf mehr Arbeitskräfte zu verteilen ist. Diese beiden Effekte zusammen bewirken ein Schrumpfen des Kapitalstocks gemäß: ( +n)k. Zum Erhalt des Pro-Kopf-Kapitalstocks müssen die Investitionen gerade ( +n)k betragen. Diese Größe wird daher auch als notwendige Investition bezeichnet.

62 62 Insgesamt folgt für die Dynamik des Pro-Kopf- Kapitalstocks folgende Funktion: Mit den aus der bestehenden Produktion resultierenden Pro-Kopf-Investitionen müssen zuerst die Abschreibungen beglichen werden. Ferner müssen neue Arbeitskräfte mit demselben Kapitalstock ausgestattet werden. Ein Anstieg des Pro-Kopf-Kapitalstocks ergibt sich nur, wenn die notwendigen Investitionen geringer sind als die tatsächlichen Investitionen.

63 63 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k Notwendige Investition s.y0s.y0 k0k0 y0y0 c0c0 s. y* c* k* y* steady state

64 64 Ein steady-state ist definiert als eine Situation, in der alle makroökonomischen Aggregate mit einer über die Zeit konstanten Rate wachsen. Hierfür ist ein konstanter Pro-Kopf-Kapitalstock (k*) erforderlich. Im steady-state gilt also: Hieraus folgt für den Pro-Kopf-Kapitalstock im steady-state:

65 65 Dies impliziert, dass das Niveau der Variablen K, Y, und C mit einer konstanten Wachstumsrate n wächst. Die sonstigen Parameter des Modells haben auf diese Wachstumsrate keinen Einfluss. Eine Verlagerung der Produktionsfunktion aufgrund einer Änderung der Technologie, f(. ), einer Veränderung der Sparquote, s, der Wachstumsrate der Bevölkerung, n, und der Abschreibungsrate,, haben Einfluss auf die diversen Pro-Kopf-Variablen. Ein fortgesetztes Wachstum von Pro-Kopf-Variablen lässt sich mit dem Modell nicht erklären.

66 66 ( n)k f 1 (k) s. f 1 (k) k y, s. y y* 1 y* 2 f 2 (k) s. f 2 (k) k* 2 k* 1 sy* 1 sy* 2 Eine Verlagerung der Produktionsfunktion

67 67 ( n)k f(k) s 1. f (k) k y, s. y y* 1 y* 2 s 2. f (k) k* 2 k* 1 s 1 y* 1 s 2 y* 2 Eine Erhöhung der Sparquote

68 68 Quelle:

69 69 ( n 2 )k f(k) s. f (k) k y, s. y y* 2 y* 1 k* 1 k* 2 sy* 2 ( n 1 )k sy* 1 Eine Erhöhung der Wachstumsrate der Bevölkerung

70 70 Quelle:

71 71 Eine Angleichung des Pro-Kopf-Einkommens können wir erwarten, wenn die Produktionstechnologie, die Sparquote, das Wachstum der Bevölkerung und die Abschreibungsrate der jeweiligen Länder gleich sind. Mit Konvergenz ist dort nicht unbedingt zu rechnen, wo diese Größen unterschiedlich sind. Solche Unterschiede sind (neben den anderen genannten Reformmaßnahmen eines Staates) geeignet, die empirischen Belege für eine weltweit fehlende Konvergenz zu begründen.

72 72 Die goldene Regel der Kapitalakkumulation Eine erhöhte Ersparnis bewirkt immer ein höheres Pro-Kopf-Einkommen. Aber der Konsum steigt nicht unbedingt, da Ersparnis immer Konsumverzicht impliziert. Ein Verhalten gemäß der goldenen Regel beinhaltet, dass diejenige Sparrate angestrebt wird, welche langfristig das Konsumniveau maximiert.

73 73 Die Bezeichnung geht auf die biblische goldene Regel zurück: Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu! (Buch Tobit 4,15) Alles, was Ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch Ihr ihnen ebenso. (Mt 7,12; Lk 6,31) Wir streben das maximale Konsumniveau an unter der Bedingung, dass wir es jedem Mitglied der gegenwärtigen und der zukünftigen Generation ermöglichen können.

74 74 (n+ )k f(k) k y, s. y s 2. f(k) c gold k gold c* 2 k* 2 s gold. f(k) s 1. f(k) k* 1 Steigung=(n+ ) c* 1

75 75 c (Pro- Kopf- Konsum) Zeit c gold s wechselt zu s gold s>s gold s

76 76 Bei exzessiver Ersparnis liegt eine dynamische Ineffizienz vor, da zu jedem Zeitpunkt ein höherer Konsum möglich ist. Liegt die Ersparnis unterhalb von s gold, so kann der Konsum erhöht werden. Während des Anpassungs- pfades wird der gegenwärtige Konsum aber unterschritten. Ob ein solches Opfer in Kauf genommen wird ist a priori nicht zu sagen. Es hängt davon ab, wie Haushalte gegenwärtigen und zukünftigen Konsum gewichten.

77 77 Armutsfallen Es wäre denkbar, dass die Grenzproduktivität des Kapitals nicht kontinuierlich sinkt. Statt dessen können sich Phasen sinkender und solche steigender Kapitalproduktivität ergeben. Bei geringer Kapitalausstattung kann die Produktivität anfangs gering sein, da sich Arbeitskräfte erst an den Einsatz von Kapitalgütern gewöhnen müssen. Erst mit steigendem Kapitaleinsatz steigt die Grenzproduktivität. Mit hohem Kapitaleinsatz ergibt sich, wie bisher, ein Sättigungseffekt, so dass die Grenzproduktivität dann wieder sinkt.

78 78 sf(k) sy* steady state Armutsfalle Armutsfalle: Typ I k y, s. y (n+ )k f(k) c*

79 79 In der Armutsfalle liegt auch ein steady-state vor. Dies ist aber ein instabiles Gleichgewicht. Ein Abweichen des Kapitalstocks nach unten bewirkt, dass die Investitionen geringer sind als diejenigen zur Aufrechterhaltung des Kapitalstocks pro effektiver Arbeitseinheit. Der Kapitalstock wird deshalb stetig abnehmen. Ein Abweichen des Kapitalstocks nach oben bewirkt, dass die Investitionen höher sind als die notwendigen Investitionen. Der Kapitalstock wird deshalb stetig wachsen.

80 80 Ein identischer Verlauf der Sparfunktion ergibt sich auch bei der ursprünglichen Produktionsfunktion, also bei einer stetig abnehmenden Grenzproduktivität. Notwendig ist dann ein komplexeres Sparverhalten (Armutsfalle Typ II). Hierbei ist die marginale Sparquote anfangs gering und erreicht erst bei einem mittleren Einkommen eine normale und dann konstante Größenordnung. Dies lässt sich damit begründen, dass ein geringes Einkommen für den täglichen Bedarf aufgezehrt werden muss, so dass anteilig nur weniger gespart werden kann.

81 81 Eine andere Form der Armutsfalle entsteht bei einer Unstetigkeit von n. Für Länder mit einem geringen Kapitalstock könnte ein hohes Bevölkerungswachstum n hoch vorliegen. Ist ein Grenzwert überschritten, so sinkt das Bevölkerungswachstum auf n niedrig. Ein Grund kann darin bestehen, dass Familienplanung sich mit dem Entwicklungsniveau verändert. So dienen Kinder als Alterssicherung in ärmeren Ländern, wohingegen Sozialsysteme für ein Renteneinkommen in reicheren Ländern sorgen.

82 82 k* hoch k y, s. y Armutsfalle Armutsfalle: Typ III sf(k) f(k) k* niedrig

83 83 Entwicklungshilfe ist dann unwirksam, wenn sie in kleinen Dosen verabreicht wird. Zur Überwindung einer Armutsfalle sollte ein big push erfolgen, d.h. Ländern sollte ein Betrag gegeben werden, welcher sie über die Armutsfalle hinaus trägt. Gegen dieses Argument wird allerdings vorgebracht, dass eine sinnvolle Verwendung derart vieler Hilfsgelder nicht organisiert werden kann und evtl. in Unterschlagung und Korruption endet. In diesem Fall würde sich die Produktivität nicht gemäß Produktionsfunktion entwickeln, sondern mit einem Anstieg des Pro-Kopf Kapitalstocks evtl. sinken.

84 84 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* III. Geld und Inflation

85 85 Pflichtlektüre: Jarchow, H.-J. (2003), Theorie und Politik des Geldes, 11. Aufl., Göttingen: UTB, S. 1-20; Mankiw, N. G. (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. S

86 86 Was ist Geld? Alles, was zur Bezahlung von Gütern und Dienstleistungen oder zur Abdeckung wirtschaftlicher Verpflichtungen akzeptiert wird. Die konkrete Erscheinungsform ist evtl. Änderungen unterworfen. Bei ausgeprägter Inflation verlieren Noten oftmals ihre Bedeutung und werden durch knappe Güter wie Zigaretten oder Butter ersetzt.

87 87

88 88 Funktionen des Geldes 1.Tauschmittelfunktion (Wertübertragungsfunktion). Dies ist ein wichtiger Bestandteil einer arbeitsteiligen Wirtschaft, die hierdurch zu einer Geldwirtschaft wird. Naturaltausch ist kaum zu organisieren, da eine doppelte Übereinstimmung der Bedürfnisse oder eine Kette von Tauschtransaktionen organisiert werden muss. Dies würde hohe Suchkosten implizieren. Geld hilft dabei, den Tausch in Kauf und Verkauf aufzuspalten.

89 89 2.Recheneinheit; allgemeines Wertausdrucksmittel. Der Wert aller Güter, Forderungen und Verbindlichkeiten wird in Einheiten ein und derselben Bezugsgröße ausgedrückt. Werden 200 Güter gegeneinander getauscht, müssten (n (n-1))/2=19900 Austauschverhältnisse bekannt sein. Ist ein Gut davon eine Recheneinheit, so reduziert sich die Anzahl der Austauschverhältnisse auf 199. Dies bewirkt eine Einsparung an Informationskosten.

90 90 3.Wertaufbewahrungsfunktion; Wertspeicher. Oftmals liegt eine zeitliche Trennung von Kauf und Verkauf vor. Geld ermöglicht es, Kaufkraft zu lagern. Geld hat hierbei allerdings den Nachteil, dass es keine Zinsen abwirft. Andere Formen der Vermögensanlage (Sparguthaben, Wertpapiere oder Sachvermögen) bringen Zinsen, Dividenden, Pacht oder Mieten hervor. Außerdem partizipieren diese u.U. an Preissteigerungen. Dafür ist Geld allerdings risikolos (keine Kursschwankungen).

91 91 Das Geldangebot Die Höhe des Geldangebots kann weitgehend von der Zentralbank bestimmt werden. Das Recht zur Emission von Euro-Noten liegt bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und den ihr untergeordneten 12 nationalen Notenbanken. Genauso bestimmt die EZB über das Ausgabevolumen an Münzen. Hieraus ergibt sich eine zentrale Funktion der EZB für die Bestimmung des Geldangebots.

92 92 Die Regulierung der Geldmenge und die Durch- führung der Geldpolitik wird vom EZB-Rat vorgenommen. Der EZB-Rat be- steht aus dem Direktorium mit dem Präsidenten, dem Vizepräsi- denten und vier weiteren Mitgliedern sowie den Präsidenten der nationalen Zentralbanken.

93 93 Grundsätzlich beschließt der EZB-Rat (wie auch das Direktorium) mit einfacher Mehrheit, wobei im Falle der Stimmengleichheit die Stimme des Präsidenten den Ausschlag gibt. Das Direktorium ist für die Umsetzung der geldpolitischen Entscheidungen des EZB-Rats und für die Führung der laufenden Geschäfte der EZB verantwortlich. Die Ausführung der geldpolitischen Beschlüsse obliegt den Nationalen Zentralbanken. Hierzu erhalten sie die erforderlichen Weisungen vom Direktorium.

94 94 Zur Bestimmung des Geldangebots hat die EZB verschiedene Instrumente zur Verfügung. Die EZB kann das Geldangebot erhöhen, indem sie zusätzliche Noten emittiert oder die Menge an ausgegebenen Münzen ansteigen lässt. Das zusätzliche Bargeld kann die Zentralbank mit Hilfe von Offenmarktgeschäften den Nichtbanken zuführen. Um die Geldversorgung zu erhöhen, kauft die EZB den Nichtbanken festverzinsliche Wertpapiere ab und gibt diesen dafür Noten und Münzen.

95 95 Die Nichtbanken wünschen nur einen Teil ihres Geldes bar zu halten. Einen anderen Teil des Geldes bevorzugen sie in Form von Sichteinlagen. Die Nichtbanken werden daher ihr zusätzliches Bargeld bei den Banken gegen Sichteinlagen eintauschen. Ähnlich der anfänglichen Offenmarktoperation der Zentralbank werden die Banken das Bargeld verwenden, um den Nichtbanken Wertpapiere abzukaufen (oder zusätzliche Kredite zu vergeben).

96 96 So setzt sich der monetäre Expansionsprozess fort. Am Ende ist die Geldmenge aufgrund der Erhöhung des Bargeldes aber auch wegen der steigenden Sichteinlagen angestiegen. In der Praxis führt die EZB Offenmarktgeschäfte nicht direkt mit Nichtbanken durch. Vielmehr führt sie Offenmarktoperationen mit Banken durch. Diese geben dann Noten und Münzen an Nichtbanken weiter.

97 97 In der Praxis wird die technische Durchführung der geschilderten Geldschöpfungsvorgänge einfacher gehandhabt. Anstatt größere Mengen an Bargeld zu übertragen, halten Banken Überschussreserven bei der Zentralbank. Überschussreserven können durch eine einfache Überweisung auf andere Banken übertragen werden. Erst wenn ein Kunde einen Teil seiner Sichteinlagen in bar abheben möchte, wird die Bank dann die Überschussreserven bei der EZB in Bargeld umtauschen.

98 98 Die Zentralbank hat weitere Möglichkeiten, das Kreditvergabeverhalten der Banken zu beeinflussen, um hiermit die Geldmenge zu kontrollieren. Zum einen kann sie eine Mindestreservepflicht einführen. Hierbei werden Banken verpflichtet, 2 v.H. der Einlagen von Nichtbanken bei der EZB anzulegen. Somit können nur 98 v.H. der Einlagen zur Kreditvergabe verwendet werden. Durch eine Anhebung der Mindestreservepflicht kann die EZB den Geldmengenmultiplikator und damit die Geldmenge reduzieren.

99 99 Eine weitere Möglichkeit der Geldmengensteuerung hat die Zentralbank, wenn sie den Banken Kredite gewährt. Derzeit vergibt die EZB Kredite an die Banken i.H.v. ca. 327 Mrd. (Stand August 2004). Im Gegenzug zu den Krediten können die Banken Bargeld von der EZB aufnehmen und dieses zum Ankauf von Wertpapieren oder zur Kreditvergabe verwenden. Für die vergebenen Kredite wird die Zentralbank aber Zinsen verlangen. Je höher diese Zinsen, desto weniger lohnt sich die Kreditaufnahme der Banken. Die Geldschöpfung wird dann eingeschränkt.

100 100 Insgesamt sehen wir also, dass die Zentralbank weitgehend die Geldmenge kontrollieren kann. Hierbei steht sie aber zwei Größen gegenüber, die sie nicht vollständig kontrollieren kann: -Dem Anteil an Geld, welches Nichtbanken in Form von Bargeld zu halten wünschen. -Dem Kreditvolumen, das Banken an Nichtbanken vergeben wollen, indem die Banken Kredite bei der Zentralbank aufnehmen.

101 101 In der derzeitigen Praxis der EZB ist die Kreditvergabe und die Offenmarktpolitik miteinander verknüpft. Die EZB vergibt auf 1 Woche oder 3 Monate befristete Kredite, wobei die Banken hierfür festverzinsliche Wertpapiere verpfänden müssen. Dies entspricht de facto einem zeitlich befristeten Ankauf von Wertpapieren durch die EZB.

102 102 Inflation kennzeichnet eine Situation, in der das allgemeine Preisniveau einer Volkswirtschaft ansteigt. Die Inflationsrate ist der prozentuale Anstieg des Preisniveaus gegenüber dem Ausgangsniveau. Die Lebenshaltungskosten sind ein Maß für die gesamten Kosten der Güter und Dienste, welche von einem typischen Konsumenten gekauft werden. Ein Anstieg der Lebenshaltungskosten bedeutet, dass ein typischer Konsument mehr Euro ausgeben muss, um den Lebensstandard zu halten. Das Statistische Bundesamt stellt hierfür monatliche Daten zur Verfügung. Diese erlauben es, die zeitliche Veränderung der Lebenshaltungskosten zu verfolgen.

103 103

104 104 Die Lebenshaltungskosten werden auch Verbraucherpreisindex (VPI) genannt. Zur Bestimmung der Lebenshaltungskosten muss zunächst ein Warenkorb bestimmt werden. Die wichtigsten Güter eines typischen Konsumenten werden hierfür zu einem Warenkorb zusammengefasst. Mit Hilfe von Befragungen von Haushalten werden in periodischen Abständen die passenden Gewichte der einzelnen Güter bestimmt. Haushalte werden hierzu seitens des Statistischen Bundesamtes aufgefordert, ein Jahr lang über ihre Einnahmen und Ausgaben Buch zu führen.

105 105 Zu den wichtigsten Gütern müssen dann regelmäßig die Preise zusammengetragen werden. Hiermit können dann die gesamten Kosten des Warenkorbes zu unterschiedlichen Zeitpunkten bestimmt werden. Ein Jahr wird als Basisjahr festgelegt und die Ergebnisse anderer Jahre mit denen des Basisjahres verglichen. Die Inflationsrate im Jahre 2003, beispielsweise, ergibt sich gemäß: Inflationsrate 2003 = 100 VPI 2002 VPI 2003 – VPI 2002

106 106 Der VPI ist ein akkurates Maß für das Preisniveau des ausgewählten Warenkorbes, aber er ist kein perfektes Abbild der Lebenshaltungskosten. 1.Substitutionsbias Veränderungen relativer Preise bewirken eine Veränderung des Warenkorbes hin zu preis- werteren Produkten. Durch diese Substitutions- effekte wird der gesamte Warenkorb günstiger. Der VPI unterstellt einen konstanten Warenkorb, vernachlässigt also diesen Substitutionseffekt. Hierdurch überschätzt der VPI die Inflationsrate.

107 107 2.Einführung neuer Produkte Der Warenkorb vernachlässigt die veränderte Kaufkraft, welche durch die Einführung neuer Produkte entsteht. Neue Produkte erhöhen die Wahlmöglichkeiten eines Konsumenten. Dies macht jeden Euro wertvoller. Konsumenten brauchen weniger Euro, um den gleichen Lebensstandard zu erreichen. Der VPI vernachlässigt dies und überschätzt daher die Inflationsrate.

108 108 3.Vernachlässigte Qualitätsverbesserungen Wenn sich die Qualität eines Gutes über die Jahre verbessert, erhöht sich der Wert eines hierfür ausgegebenen Euro, ohne dass sich das Preisniveau des Gutes verändert. Sofern im Mittel eher Qualitätsverbesserungen auftreten kommt es dazu, dass der VPI die Inflationsrate überschätzt.

109 109 Bei ausgewählten Produkten versucht das Statistische Bundesamt die Berechnung des Verbraucherpreis- index, um solche Qualitätsveränderungen zu bereinigen (hedonische Methode). Ein Gut wird gedanklich in Qualitätseigenschaften zerlegt und dann mit Hilfe einer Regressionsanalyse der Einfluss dieser Qualitätsmerkmale auf den Preis ermittelt. Diejenigen Preisänderungen, die nur auf qualitativen Veränderungen bestimmter Eigenschaften beruhen, werden von den reinen Preisänderungen rechnerisch getrennt und eliminiert.

110 110 Insgesamt neigt der VPI aufgrund des Substitutions- bias, der Einführung neuer Produkte und vernach- lässigter Qualitätsverbesserungen dazu, die Lebens- haltungskosten zu überschätzen. Dies kann problematisch sein, sofern ein Inflations- ausgleich bei staatlichen Programmen oder in Tarifverhandlungen festgelegt wird (dies wird auch Indexierung genannt. Eine solche Indexierung ist in Deutschland rechtlich aber nur eingeschränkt möglich). Schätzungen ergeben, dass der VPI den tatsächlichen Anstieg der Lebenshaltungskosten um ca. einen Prozentpunkt pro Jahr überzeichnet.

111 111 Inflation muss unterschieden werden von einem Anstieg einzelner Preise und einer Veränderung relativer Preisverhältnisse zwischen einzelnen Gütern und Diensten. Seit Ende des 2. Weltkriegs lag die Inflation in Deutschland bei etwa 3 Prozent. Eine Deflation bezeichnet ein allgemeines Sinken des Preisniveaus. Deflationsphasen gab es z.B. während des 19. Jahrhunderts.

112 112 Hyperinflation bezeichnet einen extrem starken Anstieg des Preisniveaus. Deutschland erlebte dies in den 20er Jahren. Eine Phase weltweit relativ hoher Inflation wurde zuletzt in den 70er Jahren als Folge der beiden Ölpreisschocks erreicht. Seitdem ist die Inflationsrate in Deutschland und in den USA etwa 2 Prozent. Unter der Annahme, dass die Inflationsrate die tatsächliche Abnahme der Kaufkraft überzeichnet, kennzeichnet dieser Wert weitgehend Preisniveaustabilität.

113 113 Die Quantitätstheorie der Inflation Die Quantitätstheorie des Geldes wird verwendet, um die langfristigen Determinanten des Preisniveaus und der Inflationsrate zu bestimmen. Das Geldangebot wird von der EZB bestimmt. Diese kann z.B. durch Offenmarktpolitik das Geldangebot kontrollieren. Die (nominale) Geldnachfrage wird bestimmt durch das allgemeine Preisniveau. Da Geld als Zahlungsmittel gehalten wird, erhöht sich die gewünschte Geldhaltung mit dem Preis eines repräsentativen Warenkorbes.

114 114 Die primäre Ursache von Inflation ist das Wachstum der Geldmenge. Dies impliziert die klassische Dichotomie und damit die Neutralität des Geldes, eine Aussage die auf Hume zurückgeht: -Die Geldmenge beeinflusst nur nominale Größen. -Für reale Größen sind andere Einflussfaktoren relevant.

115 115 Die Quantitätstheorie hat interessante Implikationen für die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes. Diese kennzeichnet die Schnelligkeit, bildlich gesprochen, mit der ein Euro im Durchschnitt in der Wirtschaft von einer Geldbörse zur anderen wandert. Die Umlaufgeschwindigkeit (V) wird als Relation zwischen dem nominalen Inlandsprodukt (P. Y) und dem Geldangebot (M) bestimmt: V=P. Y/M Dies können wir als Quantitätsgleichung schreiben: M. V=P. Y

116 116 Nominales BIP Indizes (1960 = 100) 1,500 1, M2 Nominales BIP, Geldmenge und Umlaufgeschwindigkeit, USA Geschwindigkeit

117 117 Die Quantitätstheorie konstatiert, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes im Zeitablauf relativ konstant ist. Dieser Sachverhalt ist weitgehend für Deutschland und die Euro-Zone gültig und wird für die USA ebenfalls bestätigt. Allerdings kann sich die Umlaufgeschwindigkeit langfristig ändern bei steigender Arbeitsteilung (Transaktionsvolumen steigt stärker als das Inlandsprodukt und erfordert höhere Geldhaltung), Monetisierung (natural getauschte Güter werden verstärkt mit Geld ausgetauscht) und Kapitalintensität (relativ zu steigendem Sachkapital und Vermögen soll auch mehr Geld gehalten werden).

118 118 Auf Grund der Konstanz der Umlaufgeschwindigkeit müssen die anderen Variablen auf eine Erhöhung der Geldmenge reagieren: -Entweder muss das Preisniveau ansteigen -oder das Inlandsprodukt muss sich erhöhen. Die Neutralität des Geldes besagt aber, dass reale Größen, wie das reale Inlandsprodukt, von Geldmengenerhöhungen nicht tangiert werden. Demzufolge kann nur das Preisniveau als Folge einer Geldmengenerhöhung ansteigen. Dieser Zusammenhang zeigt sich insbesondere bei Hyperinflation, also einer Inflation, welche einen Wert von 50 v.H. im Monat übersteigt.

119 119 Geld und Preise in der Hyperinflation (b) Ungarn Geld- angebot Preisniveau 100,000 10,000 1, Index (Jan = 100) (a) Österreich ,000 10,000 1, Index (Jan = 100) Preisniveau Geld- angebot

120 120 c) Deutschland Bill. 1 Mill. 10 Mrd. 1 Bill. 100 Mill. 10, Preisniveau Geld- angebot d) Polen Geld- angebot Preisniveau Index (Jan = 100) Mill. 100,000 1 Mill. 10,000 1, Index (Jan = 100) Geld und Preise in der Hyperinflation

121 121 Die Inflationssteuer Der Staat kann dadurch seine Ausgaben decken, dass er neues Geld druckt und in Umlauf bringt. Hiermit induziert er Inflation. Diese Inflation wirkt wie eine Steuer. Sie wird bezahlt von all denjenigen, welche Geld besitzen. Das Eintreiben der Steuer findet automatisch dadurch statt, dass der Wert des Geldes verringert wird.

122 122 Die Kosten der Inflation Inflation bei konstantem nominalen Einkommen würde die Kaufkraft reduzieren. Aber dieses Argument ist irreführend: Alle nominalen Größen steigen gleichermaßen bei Inflation. Eine Veränderung der Kaufkraft stellt sich nicht ein, da Löhne genauso steigen wie die Preise des repräsentativen Warenkorbes. Andere Kosten der Inflation bleiben aber bestehen.

123 123 1.Schuhlederkosten entstehen, weil Menschen versuchen, ihre Geldhaltung bei hoher Inflation zu reduzieren. Dies impliziert ein häufigeres Aufsuchen der Bank zum Zweck der Abhebung von zinstragenden Vermögensanlagen. Hierbei entstehen Kosten für die involvierte Zeit und Unannehmlichkeiten.

124 124 2.Menukosten entstehen, weil Preise angepasst werden müssen. Preislisten und Aushängeschilder müssen häufiger aktualisiert werden. Hierbei werden Ressourcen verbraucht, die ansonsten im Produktionsprozess sinnvoller verwendet werden könnten. Wird hingegen auf häufige Preisanpassungen verzichtet und stattdessen starke Preiserhöhungen relativ selten durchgeführt, dann beeinflusst Inflation die relativen Preise. Dies bewirkt aber allokative Verzerrungen.

125 125 3.Steuerverzerrung Inflation erhöht die nominalen Erträge aus Ersparnissen und Kapitalbesitz. Nominale Wertsteigerungen führen evtl. beim Verkauf der Anlage zu einem steuerpflichtigen Bilanzgewinn. Sofern die nominale Wertsteigerung aber der Inflation entspricht, hat sich der Wert real nicht erhöht. Trotzdem wird er besteuert. In der Einkommensteuererklärung wird das nominale Zinseinkommen erfasst. Das reale Einkommen ist aber geringer, da die Inflation einen Wertverlust darstellt. Insgesamt wird Sparen hierdurch unattraktiver.

126 126 Wie bildet sich der nominale Zinssatz in Reaktion auf unterschiedliche Inflationsraten? Kreditgeber werden einen Zuschlag dafür fordern, dass die künftigen Rückzahlungen real entwertet sind. Kreditnehmer können nominal höhere Erträge erzielen und sind daher in der Lage, auch nominal höhere Zinsen zu bezahlen. Insgesamt erscheint es daher plausibel, dass eine erhöhte Inflation in voller Höhe die nominalen Zinsen ansteigen lässt: Nominalzins = Realzins + Inflationsrate Dieser Zusammenhang wird Fisher-Effekt genannt.

127 127 Percent (per year) The Nominalzins und die Inflationsrate, USA 3 12 Inflation Nominal interest rate

128 128 Eine Erhöhung der Inflation kann aber nun einen Einfluss auf den Realzins haben. Eine Erhöhung der nominalen Zinsen kompensiert nämlich lediglich für einen inflationsbedingten Wertverlust, muss aber trotzdem versteuert werden. Stabiles Land Inflations- land Realzins4% Inflationsrate08 Nominalzins412 Zinsminderung durch 25% Steuer13 Nominalzins nach Steuer39 Nominalzins nach Steuer abzgl. Inflation31

129 129 4.Konfusion und Unbequemlichkeit Mit Inflation sind reale Werte schwerer über die Zeit zu vergleichen. Geld verliert teilweise seine Bedeutung als Recheneinheit. Eine realistische Darstellung von Kosten, Profiten und Erträgen einer Firma wird so erschwert. Investoren haben größere Schwierigkeiten, erfolgreiche von erfolglosen Firmen zu unterscheiden. Der Kapitalmarkt wird behindert.

130 130 5.Willkürliche Umverteilung Die bisher erwähnten Kosten ergeben sich auch bei einer konstant hohen Inflationsrate. Weitere Kosten ergeben sich bei einer unerwarteten Inflation. Bei Hyperinflation ist die Inflationsrate auch sehr volatil und kaum vorherzusagen. Bezieher eines nominal fixierten Lohneinkommens werden dann benachteiligt.

131 131 Kreditgeber werden von einer unerwarteten Inflation benachteiligt. Dies resultiert, da zumeist in Kreditverträgen die Nominalzinsen fixiert sind. Kreditnehmer werden von Inflation begünstigt, da ihre Tilgung real günstiger wird. Eine Deflation hingegen belastet Kreditnehmer. Vermögen wird somit willkürlich umgeschichtet. Hierdurch ergeben sich Verteilungsprobleme, evtl. auch eine abnehmende Bereitschaft, mit regulärer Arbeit Einkommen zu erzielen.

132 132 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* IV. Kurzfristige Schwankungen

133 133 Pflichtlektüre: Mankiw, N. G. (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. S Wohltmann, H.-W. (2000), Grundzüge der makroökonomischen Theorie. 3. Aufl. S und McDowell, M. et al. (2006), Principles of Economics, S Blanchard, O. (2006), Macroeconomics. 4. Aufl. S

134 134

135 135 Bei der Betrachtung längerer Zeiträume ist, insbesondere bei konstantem technischem Fortschritt, mit einem stetigen Wachstum des BIP zu rechnen. In manchen Jahren fällt dieses Wachstum aber aus. Eine Rezession ist eine Periode unterdurchschnittlichen Wachstums; evtl. stellt sich sogar ein fallendes Inlandsprodukt und ein sinkendes Einkommen ein. Dies geht zumeist einher mit einer erhöhten Unterbeschäftigung. Eine Depression ist eine besonders schwerwiegende Rezession. Diese periodischen Entwicklungen werden Konjunkturzyklus genannt.

136 136 Wachstumsrate des realen BSP : Früheres Bundesgebiet; ab 1992: Gesamtes Bundesgebiet Datenquelle: World Development Indicators

137 137 Im Rahmen eines Konjunkturzyklus variieren die meisten makroökonomischen Variablen im Gleichlauf. Eine fallende Produktion geht mit erhöhter Unterbeschäftigung einher. Es besteht somit eine inverse Beziehung zwischen Produktion und Arbeitslosigkeit. Die gleichlaufenden prozentualen Schwankungen der Bruttoinvestition fallen oftmals besonders stark aus. Das Preisniveau steigt in Boomphasen und sinkt oder stagniert in einer Rezession.

138 138 Wie unterscheiden sich kurzfristige von langfristigen Betrachtungen? Langfristig gilt die neoklassische Sichtweise der Wirtschaft, bei der Produktion und Angebot entscheidenden Einfluss besitzen. Kurzfristig ist die Neutralität des Geldes (klassische Dichotomie) nicht gegeben. Geldmengenschwankungen können daher kurzfristig reale Größen beeinflussen. Kurzfristig ist die Inflationsrate konstant. Kurzfristig kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage einen entscheidenden Einfluss auf Inlandsprodukt und Beschäftigung haben.

139 139 Dieser keynesianischen Sichtweise fehlt dabei die Zuversicht, dass die Wirtschaft zur Markträumung neigt. U.a. wird argumentiert, dass 1.die langfristige Anpassung zu spät kommt, um relevant zu sein; Keynes: in the long-run we are all dead; 2.selbstverstärkende Mechanismen existieren, welche eine Anpassung an das langfristige Gleichgewicht verzögern.

140 140 Eine zentrale Bedeutung kommt im Rahmen einer kurzfristigen Analyse der Konsumnachfrage der Haushalte zu. Konsum wird bestimmt durch das laufende verfügbare Einkommen, das Vermögen, (erwartete) Preisänderungen, das zu erwartende Lebenseinkommen, die relative Position im Lebenszyklus, Steuerzahlungen. Im Rahmen einer Konsumhypothese werden typischerweise nur einige wenige dieser Einflussgrößen berücksichtigt.

141 141 Absolute Einkommenshypothese (Keynes 1936) Im Rahmen der absoluten Einkommenshypothese von Keynes (1936) wird dem laufenden Einkommen eine zentrale Rolle zugewiesen: C = C(Y) Hierbei wird argumentiert, dass ein Anstieg des Einkommens zu einem Anstieg des Konsums als auch einem Anstieg der Ersparnis führt.

142 142 In linearisierter Form gilt: C = a + cY, mit a>0, autonomer Konsum c, marginale Konsumquote, mit 0

143 143 C,S Y 45° C = a+cY a Y0Y0 -a-a S = -a+(1-c)Y Y1Y1 S>0

144 144 Mit Hilfe der Konsumhypothese können wir nun den Gütermarkt analysieren und uns der Frage stellen, wie Angebot und Nachfrage auf dem Gütermarkt zum Ausgleich kommen. Hierbei unterstellen wir, dass alle Größen real geplant werden. Der Konsumplan bezieht sich also nicht auf eine nominale -Größe, sondern auf (gewichtete) Mengen an Konsumgütern.

145 145 Im Gegensatz zu obigem Cartoon unterstellen wir unterausgelastete Produktionskapazitäten. Diese bewirken, dass Unternehmen eine zusätzliche Nachfrage befriedigen können. Wir unterstellen dabei, dass Unternehmen zu konstanten Grenzkosten produzieren, so dass die zusätzliche Nachfrage nicht die Inflation erhöht.

146 146 Das Gütermarktmodell (1)Y S =Y D (2)Y=Y S (3)I=I (4)C=a+cY (5)Y D =C+I

147 147 Ad 1) Die geplante Güterproduktion wird durch die Unternehmer festgelegt in Höhe der zu erwartenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Für dieses Gleichgewicht ist hier (im Gegensatz zur Mikroökonomik) nicht das Preisniveau verantwortlich. Dieses Preisniveau wird bestimmt durch die Höhe der Inflationsrate, an die sich die Wirtschaftssubjekte der Volkswirtschaft gewöhnt haben. Aufgrund von Menukosten gibt es kurzfristig keine weiteren Preisniveauschwankungen. Kurzfristig werden Überstunden oder höhere Maschinenlaufzeiten hingenommen, um die Produktion zu erhöhen.

148 148 Ad 2) Die geplante Produktion der Unternehmer wird realisiert. Ad 3) Die Unternehmer planen und realisieren die Höhe der Nettoinvestition. Diese wird im Modell als exogen betrachtet und autonom festgelegt. Nettoinvestitionen haben keinen Effekt auf den Kapitalstock und damit die Produktion (kurze Sicht!). Ad 4) Die Haushalte antizipieren ihr verfügbares Einkommen, Y, und planen die Aufteilung dieses Einkommens in Konsum und Ersparnis. Ad 5) Gemäß gesamtwirtschaftlichem Produktionskonto teilt sich das Nettoinlandsprodukt auf in Konsum- und Investitionsgüter.

149 149 Es existieren Verhaltenshypothesen über geplante Größen. Diese sind die Produktion, die Nettoinvestition und der geplante Konsum (Y, I, C). Unterschied zu ex-post Betrachtung, wo nur realisierte Größen einander gegenübergestellt und Plangrößen nicht betrachtet werden. Bei Ungleichgewichten Y S > Y D oder Y S < Y D erfolgen Planrevisionen in Form ungeplanter Lagerbestandsveränderungen. Bei dieser Größe können Plan und Realisierung also voneinander abweichen.

150 150 YDYD Y 45° Y=Y D I u > 0 P1P1 Y1Y1 I u < 0 P2P2 Y2Y2 P ^ YDYD Y Angebots-Nachfrage-Diagramm

151 151 Zusammengefasstes Modell: Multiplikator autonome Komponenten

152 152 Y S,Y D C, I Y C=a+cY a 45° Y=Y S I=I P ^ Y S(Y 1 ) I Y1Y1 Y D =C+I a+I

153 153 Dieses Gütermarktgleichgewicht lässt sich auch dadurch abtragen, dass die gesamtwirtschaftliche Ersparnis der Nettoinvestition gegenüber gestellt wird. Es gilt die Definitionsgleichung S=Y-C. Unter Verwendung der Gleichungen (3), (1), (2) und (5) wird hieraus die (alternative) Gleichgewichtsbedingung: S=I

154 154 S, I Y S=-a+sY -a I P ^ Y

155 155 In einer Volkswirtschaft können nun Störungen auftreten. Wie verändert sich hierbei das Gleichgewicht? Diese Frage wird im Rahmen einer so genannten komparativ-statischen Analyse beantwortet. Hierzu leiten wir den Investitionsmultiplikator (dY/dI) her:

156 156 Die Gleichung wird total differenziert: Sofern sich der autonome Konsum nicht ändert, gilt da=0. Eine solche Konstanz nicht näher betrachteter Variablen wird als ceteris paribus-Annahme bezeichnet. Es folgt dann:

157 157 Y S,Y, C, I Y 45° Y S =Y I=I 0 Y D =a+cY+I 0 I=I 1 dIdI P0P0 ^ Y0Y0 P1P1 ^ Y1Y1 dY (>dI) Y D =a+cY+I 1 dIdI

158 158

159 159 Der Multiplikatorprozess kann mit Hilfe einer quasi-dynamischen Analyse beschrieben werden. Hierfür wird die Anpassung in einzelne Multiplikatorrunden zerlegt. Es wird angenommen, dass die Anpassung nicht sofort erfolgt, sondern die Auswirkung eine gewisse Zeit benötigt. Es ergibt sich dann folgende Wirkungskette: I S Y C (Sickerverlust)

160 160 Eine andere Störung ergibt sich bei einer Variation des autonomen Konsums. Haushalte könnten die Ersparnis erhöhen durch eine Absenkung von a. Der Multiplikator hierzu lautet: Dies entspricht einer Verschiebung der Nachfragekurve im Angebots-Nachfrage-Diagramm nach unten. Alternativ kann eine Darstellung im S/Y-Diagramm vorgenommen werden.

161 161 S, I Y S=-a 0 +sY I=I P1P1 ^ Y1Y1 ^ Y0Y0 P0P0 S=-a 1 +sY -da da < 0

162 162 Hierbei ergibt sich das, was als Sparparadoxon bezeichnet wird: Der einzelwirtschaftliche Versuch, die Ersparnis zu erhöhen, scheitert im gesamtwirtschaftlichen Kontext. Bestimmungsgröße für die Ersparnis ist allein die Investition. Diese schafft sich durch die Multiplikatorrunden selbst die zu ihrer Durchführung notwendige Ersparnis.

163 163 Das Sparparadoxon resultiert u.a. aus der organisatorischen Trennung der Spar- und Investitionsentscheidung. Wird über Investitionen und Ersparnisbildung simultan entschieden, so ergibt sich kein Sparparadoxon. Eine solche simultane Entscheidungsbildung wird aber nur bei wenigen Investitionen der privaten Haushalte vorliegen (z.B. Häuserbau) oder bei Unternehmensentscheidungen, Investitionen über einbehaltene Gewinne zu finanzieren.

164 164 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* V. Die Aktivität des Staates

165 165 Pflichtlektüre: Mankiw, N. Gregory (2003), Macroeconomics. Fith Edition. Worth Publishers: S Wohltmann, H.-W. (2000), Grundzüge der makroökonomischen Theorie. 3. Aufl. S Frenkel, M. und K.D. John (2006), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 6. Aufl. S , 41-45, 52-53, 55. Blanchard, O. (2006), Macroeconomics. 4. Aufl. S McDowell, M. et al. (2006), Principles of Economics, S

166 166 Zu den öffentlichen Haushalten zählen die Gebietskörperschaften und die Sozialversicherungen. Alle öffentlichen Haushalte bilden den Sektor Staat. Im Rahmen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist zu berücksichtigen, dass öffentliche Haushalte Güter produzieren. Dies sind z.B. Dienstleistungen, wie Landesverteidigung, Rechtssicherheit und Bildung. Hierbei können keine Lagerbestandsänderungen entstehen, da Dienstleistungen nicht lagerfähig sind. Staatskonsum beinhaltet nicht Güter mit investivem Charakter. Ausgaben für öffentliche Infrastruktur gehören somit nicht zum Staatskonsum.

167 167 Allerdings sind die Kosten der Bereitstellung (z.B. Abschreibungen) dem Staatskonsum zuzurechnen. Zur Produktion werden vom Staat Güter und Dienstleistungen von Unternehmen und privaten Haushalten gekauft (V) und Arbeitsleistungen unselbständig Beschäftigter bezogen (F). Es sind ferner Abschreibungen auf Investitionsgüter (D) im Produktionskonto zu berücksichtigen. Produktionskonto des öfftl. Haushalts Käufe v. Vorleist. (V) Konsumausgaben des Staates (G) Abschreibungen (D) 30 Wertschöpfung (F) 125

168 168 Es existieren keine Verkäufe der Produktion an andere Wirtschaftssubjekte. Stattdessen ist - der Empfänger der Leistung häufig nicht bekannt, - die Produktion unentgeltlich bereitgestellt und - einzelne sollen oder können von der Nutzung solcher Güter nicht ausgeschlossen werden. Die Bezeichnung Konsumausgaben des Staates unterstellt daher, dass die Endverbraucher kollektiv die Produktion konsumieren. Reine Transferzahlungen werden hiervon ausgenommen, da diese nicht im Austausch für gegenwärtig produzierte Güter oder Dienste geleistet werden.

169 169 Manche Dienstleistungen des Staates gehen auch als Vorleistung in den Produktionsprozess der Unternehmen und privaten Haushalte ein. Eine statistische Abgrenzung zwischen Konsum und Vorleistungen ist aber nicht möglich. Daher wird die gesamte Produktion vereinfachend als Konsum bezeichnet. Es ergibt sich ferner die Schwierigkeit der Bewertung der staatlichen Leistungen. Da keine Marktpreise existieren, wird die Bewertung zu Herstellungskosten vorgenommen. Durch die Bewertung zu Herstellungskosten kann das Produktionskonto keinen Gewinn ausweisen.

170 170 Die Finanzierung erfolgt weitgehend über Zwangsabgaben (direkte und indirekte Steuern, Sozialbeiträge). Über die öffentlichen Haushalte vollzieht sich der überwiegende Teil der Einkommensumverteilung in der Volkswirtschaft. Zinszahlungen auf ausstehende Verbindlichkeiten werden als reine Einkommensumverteilung betrachtet, nicht als Faktoreinkommen, welches aus dem Produktionsprozess resultiert. Das Einkommen wird verwendet für Transferzahlungen an die privaten Haushalte (Sozialleistungen; R) und an Unternehmen (Subventionen; Z).

171 171 Nach Abzug von R und Z ergibt sich das verfügbare Einkommen des öffentlichen Haushalts, welches er für Konsum, Zinszahlung auf ausstehende Verbindlichkeiten und Ersparnis verwenden kann. Einkommenskonto des öfftl. Haushalts Transferzahlungen (R) Direkte Steuern und Sozialabgaben (T d ) Konsumausgaben des Staates (G) 225 Zinsen Indirekte Steuern abzgl. Subventionen (T i -Z) Ersparnis (S st ) 20

172 172 Die Gegenbuchungen zum Eingang der indirekten Steuern erfolgen im Produktionskonto der Unternehmen oder privaten Haushalte, da diese Zahlungen unmittelbar mit der Produktion und dem Absatz eines Gutes verbunden sind. Die Gegenbuchungen zum Eingang der direkten Steuern erfolgen im Einkommenskonto der Unternehmen oder privaten Haushalte, da diese Zahlungen eine Einkommensumverteilung darstellen.

173 173 Zur Vereinfachung bezeichnen wir die Unternehmen und privaten Haushalten als privaten Sektor und verwenden zur Kennzeichnung den Index p. Das vom Staat gebildete Vermögen wird im Vermögensänderungskonto abgetragen. Der Staat kann Investitionsgüter vom privaten Sektor kaufen. Diese Investitionen gehen nicht in der laufenden Produktion unter. Hierfür muss der Staat allerdings Abschreibungen vornehmen. Für die staatliche Ersparnis muss eine Gegenbuchung im Vermögensänderungskonto erfolgen.

174 174 Im Gegensatz zu einem gesamtwirtschaftlichen Vermögensänderungskonto einer geschlossenen Volkswirtschaft muss das eines einzelnen Sektors nicht ausgeglichen sein. Der Staat kann ein Defizit durch Kreditaufnahme finanzieren. In diesem Fall weisen die Vermögensänderungskonten der anderen Sektoren einen Überschuss auf. Vermögensänderungskonto des öfftl. Haushalts Bruttoinvestitionen des Staates (I B St ) Ersparnis (S St ) 20 Finanzierungsdefizit (BD) 30 Abschreibungen (D)

175 175 SPSP 100 F 915 C 670 T i -Z 100 V 400 T d -R 150 IPIP b 220 DPDP 140 G 225 I St b D St 20 S St Werden die jeweiligen Konten für alle Sektoren zu gesamtwirtschaftlichen Konten zusammengefasst, so ergibt sich das unten stehende Flussdiagramm. Einkommenskonto Vermögens- änderungskonto Produktionskonto

176 176 Bei der Bestimmung des Nettoinlandsprodukts können nun zwei verschiedene Preisniveaus zu Grunde gelegt werden. Güter können zu Marktpreisen oder zu Herstellungskosten bewertet werden. Werden indirekte Steuern (abzüglich Subventionen) berücksichtigt, so ergibt sich das Nettoinlandsprodukt zu Marktpreisen: Y n M =C+G+I n P +I n St (1015) (Verwendungsseite) Y n M =C+G+S P +S St (1015) (Aufteilungsseite) Y n M =F+T i -Z (1015) (Verteilungsseite)

177 177 Werden alternativ die indirekten Steuern (abzüglich Subventionen) herausgerechnet, so ergibt sich derjenige Anteil des Inlandsprodukts, welcher dem Volk als Faktoreinkommen zufließt. Es resultiert das Volkseinkommen: Volkseinkommen=F=L+G v +G u (915)

178 178 Werden alle Produktionskonten zusammengefasst, so ergibt sich das gesamtwirtschaftliche Produktionskonto: YbMYbM Gesamtwirtschaftliches Produktionskonto Indirekte Steuern./. Subventionen (T i -Z) Konsumausgaben des Staates (G) Abschreibungen (D) 170 Wertschöpfung (F) Privater Konsum (C) 220 Private Invest. (I b P ) 70 Staatl. Invest. (I b St )

179 179 Der Term auf der linken Seite entspricht der privaten Ersparnis. Damit folgt: S P = I n P +G+I n St - T i +Z -T d +R. Private Ersparnis und private Nettoinvestitionen können im Ausmaß des Finanzierungsdefizits voneinander abweichen. F Da gilt Y n M =C+G+I n P +I n St, folgtY n M -C=G+I n P +I n St. -T i +Z-T d +R - T i +Z -T d +R BD

180 180 Wird das Vermögensänderungskonto des Staates (S St +BD= I n St ) mit demjenigen des privaten Sektors (S P = I n P +BD ) aggregiert, so folgt: S=S P +S St = I n P +I n St. Ein Anstieg des Staatskonsums (S St sinkt) könnte also entweder zu einem Anstieg der privaten Ersparnis oder zu einem Rückgang der (privaten) Investitionen führen. Wir benötigen eine Theorie, mit der die Wirkung genau bestimmt wird.

181 181 Für eine modelltheoretische Berücksichtigung des Staates werden folgende Annahmen gemacht. Der Staat fragt das Güterbündel Y für öffentliche Zwecke nach (G). Der Staat erhebt Zwangsabgaben (T=T d ). Dies sind die Steuern und Sozialversicherungsbeiträge. Der Staat zahlt Transferzahlungen an private Haushalte (R). Indirekte Steuern (T i ) und Subventionen (Z) werden vernachlässigt. Diese können parallel zu den direkten Steuern (T d ) und Transferzahlungen an Haushalte (R) modelliert werden.

182 182 Sechs Gleichungen und sechs endogene Variablen: Y S, Y D, Y, C, Y v, T Exogene Variablen: G, T 0, R; I Parameterinstrument: t (1)Y S =Y D (2)Y =Y S (3)Y D =C+I+G (4)C=a+cY v ;(a>0, 00, 0 t<1) Das Gütermarktmodell mit Staat

183 183 Zur Berechnung des Gleichgewichtseinkommens werden die Verhaltenshypothesen, Definitionen und institutionellen Beziehungen in die Gleichgewichtsbedingung (1) eingesetzt: Y = a + c(Y – T 0 – tY + R) + I + G Multiplikator autonome Komponenten

184 184 YS,YD,CYS,YD,C Y Y D =C+I+G 45° Y S =Y C=a+c(1-t)Y-c(T 0 -R) P0P0 ^ Y0Y0 C + G I S

185 185 Im Rahmen einer komparativen Statik lässt sich die Wirkung einer Veränderung einer autonomen Komponente auf das Inlandsprodukt durch das totale Differential bestimmen: Multiplikator Veränderungen der autonomen Komponenten = Impulse

186 186 Der Anpassungsprozess zum neuen Gleichgewicht lässt sich graphisch illustrieren: Im Falle einer Erhöhung der autonomen Steuern oder Senkung der Transferzahlungen ergibt sich folgende Anpassung: G T S Sickerverluste Y Y v C R T S Sickerverluste Y Y v C

187 187 Eine Erhöhung der Staatsausgaben geht mit einem erhöhten Budgetdefizit einher. Dieser Anstieg wird jedoch durch den Multiplikatorprozess gedämpft. Für das Budgetdefizit (BD) gilt: BD= G + I n St + R – T = G + I n St + R – T 0 – tY. Das totale Differential (mit dI n St = dT 0 = dR = dt = 0) erbringt: dBD= dG – tdY. Einsetzen für dY erbringt:

188 188 Das Haavelmo Theorem Von einer gleichzeitigen Erhöhung von Staatsausgaben und Steuern geht ein positiver Impuls aus, (Haavelmo 1945). Wir unterstellen eine vollständig durch Steuern finanzierte Steigerung der Staatsausgaben, d.h. dBD = 0; dG = dT 0 > 0. Mit da=dR=dI=0 folgt: Werden die Steuern nur pauschal erhoben, ist also der Steuersatz (t) Null, so gilt dY=dG (Haavelmo-Theorem).

189 189 Der Staat hat hier zusätzlich die Möglichkeit, den Steuersatz, t, zu variieren. Die Auswirkung lässt sich mit Hilfe der zusammengefassten Gleichung analysieren: Y = a + c(Y – T 0 – tY + R) + I + G Bei totaler Differentiation ist nun die Produktregel anzuwenden. Mit da=dT 0 =dR=dI=dG=0 folgt: dY= cdY – ctdY – cYdt dY(1 – c + ct) = – cYdt MultiplikatorImpuls

190 190 Exkurs 1: Das Wirtschaftsministerium hat seine Wachstumsprognose im April 2004 für das laufende Jahr von 1,7% auf 1,4% reduziert. Eine Reduktion des Wachstums um 0,5 Prozentpunkte bewirkt Mindereinnahmen bei den Steuern i.H.v. 2 Mrd.. Noch stärker fallen die Defizite bei den Sozialversicherungen aus. Gemäß einer Faustregel beträgt das Defizit bei der Arbeitslosenversicherung 3 Mrd., weitere 2 Mrd. bei der Arbeitslosenhilfe sowie 0,5 Mrd. bei der Rentenkasse. Welcher Multiplikator ergibt sich, wenn R=R 0 -rY angenommen wird? Was könnte mit dem Begriff automatischer Stabilisator bezüglich der Steuern und der Sozialversicherung gemeint sein?

191 191 Exkurs 2 : Eine erhöhte Verschuldung des Staates führt notgedrungen in der Zukunft zu erhöhten Steuerzahlungen. Wieso ist diese Überlegung im Rahmen der Keynesschen absoluten Einkommenshypothese irrelevant? Erläutern Sie dies für den Staatsausgabenmultiplikator. Inwiefern können bei Gültigkeit der permanenten Einkommenshypothese die zukünftig erhöhten Steuerzahlungen zum so genannten Ricardianischen Äquivalenztheorem führen, nämlich der Unwirksamkeit einer Staatsausgabenerhöhung?

192 192 Exkurs 3: Eine genauere Behandlung der offenen Volkswirtschaft wird in einem späteren Kapitel erfolgen. Im Rahmen der Multiplikatoranalyse lässt sich bereits hier berücksichtigen, dass Konsumprodukte teilweise importiert werden. Ein Anstieg der Konsumausgaben führt dann aber nicht mehr vollständig zu einem Anstieg der inländischen Nachfrage. Ein Anstieg des verfügbaren Einkommens um 1 erhöht den Konsum um c und die Importe um m. Dann steigt die inländische Nachfrage nur um c-m. Im Modell könnte dann die Konsumhypothese (4) modifiziert werden, so dass sie nur die Nachfrage nach inländischen Konsumprodukten erfasst: C i =a+(c-m)Y v.

193 193 J I T S Sickerverluste Y Y v C Der Anpassungsprozess bei einer Steigerung der Exportnachfrage lässt sich graphisch illustrieren: Eine autonome Erhöhung der Investitionen induziert nun die folgende Ausweitung des Inlandsprodukts. MultiplikatorImpuls

194 194 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* VI. Investition und Zins

195 195 Pflichtlektüre: Mankiw, N. Gregory (2003), Macroeconomics. Fith Edition. Worth Publishers: S Wohltmann, H.-W. (2000), Grundzüge der makroökonomischen Theorie. 3. Aufl. S Blanchard, O. (2006), Macroeconomics. 4. Aufl. S

196 196 Als Bestimmungsgrößen der Investitionstätigkeit werden verschiedene Variablen angeführt: Der Realzins (r) (neoklassische und Keynessche Investitionshypothese). Zukünftige Ertragserwartungen (E) (Keynessche Investitionshypothese). Das laufende Einkommen bzw. die laufende Produktion (Y) (Akzeleratorhypothese). Diese Bestimmungsgrößen sollen genauer hergeleitet werden.

197 197 Im Zentrum der Keynesschen Investitionshypothese steht ein einzelwirtschaftliches Investitionskalkül. Hierbei wird die Methode des internen Zinsfußes angewandt. Es findet eine Abwägung statt zwischen der erwarteten Rendite und den Kosten (oder Opportunitätskosten) der Investition. Die Investitionsnachfrage wird ausgedehnt, bis der interne Zinsfuß ( ) dem nominalen Zinssatz entspricht. In diesem Fall ist Kapitalwert der Investition (also der Barwert der zukünftigen Erträge abzüglich den Anschaffungsausgaben) gleich Null.

198 198 In einer inflationsfreien Wert gilt für den internen Zinsfuß ( ), die Anschaffungsausgaben (A 0 ), die realen Nettoeinnahmen der Periode i (E i ) und die Lebensdauer des Investitionsobjektes (n) folgender Zusammenhang: Bei konstanten erwarteten Nettoeinnahmen (E i =E) und unendlich langer Lebensdauer des Investitionsobjektes n folgt:

199 199 Ein Investor wird nun einen Vergleich anstellen zwischen dem internen Zinsfuß ( ) und dem nominalen Marktzins (i). Falls > i ist der Kapitalwert der Investition größer als Null; das Investitionsobjekt wird durchgeführt. Falls < i ist der Kapitalwert der Investition kleiner als Null; das Investitionsobjekt wird nicht durchgeführt. In einer Wirtschaft mit Inflation ist diese Berechnung anzupassen.

200 Zinsniveau (Prozent pro Jahr) Nominales Zinsniveau Reales Zinsniveau Für die USA ergibt sich folgender Zusammenhang zwischen den nominalen und den realen Zinsen

201 201, Monatsbericht, Juli 2001

202 202 Im Falle von Inflation werden automatisch alle zukünftigen realen Erträge, E i, mit der Inflationsrate nominal ansteigen. Es gilt folgender Zusammenhang bei unendlich langer Laufzeit: Hieraus folgt bei konstanten erwarteten realen Nettoeinnahmen (E i =E) und unter der Annahme einer geringen Inflationsrate (1+ ~ 1):

203 203 Ein Investor erwartet, dass der interne Zinsfuß ( ) mit der Inflationsrate steigt. Er vergleicht mit dem nominalen Zinssatz i=r+. Falls > i E/A 0 > r ist der Kapitalwert der Investition größer als Null; das Investitionsobjekt wird durchgeführt. Falls < i E/A 0 < r ist der Kapitalwert der Investition kleiner als Null; das Investitionsobjekt wird nicht durchgeführt. Die Höhe der insgesamt in einer Volkswirtschaft durchgeführten Investitionen lässt sich graphisch dadurch bestimmen, dass alle Investitionen gemäß ihrem realen Ertrag E im Verhältnis zu den Anschaffungskosten A 0 angeordnet werden.

204 204 Investoren werden ihre Nachfrage so lange ausdehnen, bis gilt: E/A 0 = r. r, E/A 0 I r=r 0 I1I1 I2I2 I3I3 I4I4 I5I5 E 1 /A 0 E 2 /A 0 E 3 /A 0 E 4 /A 0 E 5 /A 0

205 205 r I I(r) r = r 0 Die Investitionsnachfrage lässt sich auch als stetige Funktion darstellen. Der bisherige Fall zinsunabhängiger Investitionen ergäbe sich bei also bei einer vertikal verlaufenden Kurve.

206 206 Verbessern sich die Zukunftsaussichten, d.h. für alle Projekte steigt der erwartete reale Erträge E, so verschiebt sich die Investitionskurve nach oben. Bei gegebenem Realzins werden mehr Investitionsprojekte durchgeführt. r I I(r) r = r 0 I 1 (r)

207 207 Sinkende Realzinsen erhöhen die Investitionen. Steigende Investitionen erhöhen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Hierdurch steigt die Produktion und führt zu einem erneuten Anstieg des privaten Konsums. Es ergibt sich ein Multiplikatorprozess, der das Inlandsprodukt insgesamt stark ansteigen lässt. Hieraus ergibt sich ein negativer Zusammenhang zwischen dem Realzins und dem Inlandsprodukt. r IS-Kurve Y

208 208 P1P1 IS r Y AÜ NÜ P0P0 P1P1 P0P0 Punkte außerhalb der IS-Kurve markieren entweder eine Überschussnachfrage oder ein Überschussangebot auf dem Gütermarkt.

209 209 In Anlehnung an das Gütermarktmodell in Abschnitt V haben diverse Lageparameter einen Einfluss auf die Lage der IS-Kurve. IS r Y G, T 0, R, a, E G, T 0, R, a, E,

210 210 Neben den bisher bekannten Einflussgrößen (Staatsausgaben, autonome Steuern, Transferzahlungen, autonomer Konsum) sind nun zwei weitere Einflussgrößen auf das Inlandsprodukt zu erwähnen. Der Realzins steht an der Ordinate, bewirkt also eine negative Neigung der Kurve. Die zukünftigen Erwartungen bezüglich realer Erlöse für Investitionsprojekte, E, stellen einen Lageparameter der IS-Kurve dar. Optimistische Zukunftserwartungen erhöhen die Investitionsneigung und verschieben die IS- Kurve nach rechts.

211 211 Exkurs 1: Die Realzinsen beeinflussen nicht nur die Investitionen. Mit sinkenden Realzinsen steigen die Kurse von Anleihen und Aktien. Das Nettovermögen der privaten Haushalte steigt hierdurch an. Beim Konsumverhalten ist ein Einfluss des Vermögens plausibel. Ein Anstieg des Vermögens wird zu einem erhöhten realen Konsum führen. Auch hiermit wird eine negative Steigung der IS-Kurve belegt.

212 212 Exkurs 2: Ein weiterer Grund für eine negative Steigung der IS- Kurve betrifft den Devisenmarkt. Sinkende Realzinsen lassen Finanzanlagen im Ausland attraktiver erscheinen. Anlagen in Inland sind demgegenüber unattraktiver. Dies induziert Kapitalexporte, welche bei flexiblen Wechselkursen den Kurs der ausländischen Währung, z.B. dem Dollar, ansteigen lassen. Aufgrund des teuren Dollar nehmen Güterimporte aus den USA ab. Europäische Güter können demgegenüber leichter exportiert werden. Insgesamt erhöht sich der Außenbeitrag und damit die Nachfrage nach Inlandsgütern.

213 213 Eine Berücksichtigung des Auslands führt zudem dazu, dass die folgenden Lageparameter zu Verschiebungen der IS- Kurve führen: Auslandskonjunktur. Ein Konjunkturaufschwung in den USA bewirkt, dass verstärkt Exporte dorthin getätigt werden können. Die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts. Wechselkurs. Verringert sich durch die Aktionen von Spekulanten oder durch Kapitalflucht der Kurs des Euro, so erhöht sich der Außenbeitrag. Die IS-Kurve verschiebt sich nach rechts.

214 214 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* VII. Zinsen und Zentralbank

215 215 Pflichtlektüre: Engelen, C. und J. Graf Lambsdorff (2006), Das Keynesianische Konsensmodell, Passauer Diskussionspapiere Nr. V-47-06, S Jarchow, H.-J. (2003), Theorie und Politik des Geldes. 11. Aufl und Romer, D. (2006), Short-Run Fluctuations. Manuskript, University of California, Berkeley, S. 1-3: Weiterführende Lektüre: Wohltmann, H.-W. (2000), Grundzüge der makroökonomischen Theorie. 3. Aufl. S

216 216 Die vorherigen Abschnitte hatten gezeigt, dass Investitionen sich die zu ihrer Finanzierung notwendigen Ersparnisse selbst erzeugen aufgrund des Multiplikatorprozesses. Wie wird dann aber der Realzins bestimmt? Hierfür ist die Betrachtung des Geldmarkts und des Verhaltens der Zentralbank entscheidend. Der Geldmarkt ist, anders als der Gütermarkt, ein Bestandsmarkt. Hier entscheidet sich, welcher Bestand an (unverbrauchbaren) liquiden Mitteln angeboten und nachgefragt wird.

217 217 Nichtbanken Sachvermögen 30 Aktien 4 Sichteinlagen 2 Bargeld 1 Spareinlagen 3 Anleihen 6 Verbindlichkeiten ggü. Banken 14 Reinvermögen 22 Vereinfacht können wir uns für die Nichtbanken der Euro-Zone die folgende konsolidierte Bilanz vorstellen (nicht völlig unrealistische Angaben in Billionen ):

218 218 Bei der Geldnachfrage hatten wir bisher den Einfluss des Zinssatzes vernachlässigt. Geld hat den Vorteil, liquider zu sein als andere Vermögensgüter und nicht der Gefahr nominaler Kursverluste ausgesetzt zu sein. Geld hat den Nachteil, keine Zinsen und Dividenden zu erbringen. Der Zins bildet sich auf den Bestandsmärkten und muss hierbei den Vorteil der Geldhaltung gegenüber dem Nachteil des Zinsentgangs ausgleichen.

219 219 Ein Wirtschaftssubjekt erwäge die Vor- und Nachteile des Geldes gegenüber festverzinslichen Staatsanleihen (Bonds). Die Geldnachfrage und die Wertpapiernachfrage sind voneinander abhängig. Eine erhöhte Nachfrage nach dem einen Gut geht mit einer verminderten Nachfrage nach dem anderen Gut einher.

220 220 Die Nachfrage nach Geld setzt sich aus der Transaktionskasse und der Spekulationskasse zusammen. Die Transaktionskasse dient der Durchführung der täglichen Güterkäufe, Einkommenszahlungen usw. Hiermit soll eine zeitliche Diskrepanz zwischen Ein- und Auszahlungen überbrückt werden. Sie wird im Wesentlichen durch das Transaktionsvolumen (abgeschätzt durch das Inlandsprodukt) bestimmt. Eine negative Zinsabhängigkeit entsteht, da bei hohen Zinsen eine häufige Umwandlung von zinstragenden Titeln in Geld vorgenommen wird.

221 221 Die Spekulationskasse hat eine Wertaufbewahrungsfunktion. Spekuliert wird auf sinkende Kurse; zur Vermeidung von Verlusten bei Wertpapieren wird die Kassenhaltung bevorzugt. Bei einem niedrigen Zinssatz und konstanter, höherer Zinserwartung (Normalzinsvorstellung) stellt sich die Erwartung eines steigenden Zinses und sinkenden Wertpapierkurses ein. Dies induziert eine Nachfrage nach Spekulationskasse. Bei einem hohen Zinssatz ergibt sich die Erwartung eines sinkenden Zinses und damit keine Nachfrage nach Spekulationskasse. Die Geldhaltung beschränkt sich auf Transaktionszwecke.

222 222 Das nominale Zinsniveau und das reale Inlandsprodukt bestimmen die reale Geldnachfrage, L. Bei einer Verdoppelung des Preisniveaus wird sich die nominale Geldnachfrage ebenfalls verdoppeln. Für alle Güterkäufe ist die doppelte Kasse für Transaktionszwecke notwendig. Das nominale Vermögen hat sich ebenfalls verdoppelt und die Spekulationskasse wird anteilig hierzu gehalten. Daher resultiert für die nominale Geldnachfrage:

223 223 Im Gleichgewicht entspricht die angebotene Geldmenge der nominalen Nachfrage nach Liquidität. Das Geldangebot wird dabei durch die Zentralbank fixiert. Damit folgt insgesamt: Am schnellsten reagiert auf dem Geldmarkt der nominale Zinssatz. Er wird sich demzufolge gerade so anpassen, dass Markträumung resultiert.

224 224 i L(Y,i) ^ i AÜ NÜ

225 225 Ein Anstieg der Geldmenge bewirkt einen Angebotsüberschuss auf dem Geldmarkt. Dies entspricht einem Nachfrageüberschuss an Wertpapieren, da die Zentralbank zur Erhöhung der Geldmenge Wertpapiere ankauft. Die Wertpapiere steigen im Kurs, wodurch sich der Zinssatz verringert. Bei dem niedrigeren Zinssatz erhöht sich die Spekulationskasse, wodurch der Geldmarkt wieder ausgeglichen ist. Der Anstieg der Spekulationskasse und Transaktionskasse entspricht genau dem Anstieg der Geldmenge.

226 226 Erhöhung des Geldangebots (dM > 0). i L(Y,i) i0i0 P0P0 AÜ i1i1 P1P1 M

227 227 Ein Anstieg des Preisniveaus reduziert die reale Geldmenge und bewirkt damit einen Nachfrageüberschuss auf dem Geldmarkt. Dies entspricht einem Angebotsüberschuss an Wertpapieren. Nominal erhöht sich die Geldnachfrage der Nichtbanken; um zusätzliche Liquidität zu erhalten bieten die Nichtbanken Wertpapiere an. Die Wertpapiere sinken im Kurs, wodurch sich der Zinssatz erhöht. Bei dem höheren Zinssatz verringert sich die Spekulationskasse, wodurch der Geldmarkt wieder ausgeglichen ist.

228 228 Auf dem Geldmarkt wird der Nominalzinssatz bestimmt. Nach Abzug der erwarteten Inflationsrate wird somit auch der Realzins auf dem Geldmarkt fixiert. Die Zentralbank führt die Geldpolitik durch mit dem Ziel, makroökonomische Größen optimal zu steuern. Da hohe Realzinsen die Investitionen dämpfen und niedrige Realzinsen zu einem expansiven Impuls führen, wird die Zentralbank der Höhe der Realzinsen besondere Aufmerksamkeit schenken. Sie wird daher die Geldmenge so steuern, dass das gewünschte Realzinsniveau resultiert:

229 229 Sofern die Zentralbank die Realzinsen für angemessen hält, wird sie die Geldmenge im Ausmaß der Inflation steigen lassen. Bei hoher Inflation wird die Zentralbank die Geldmenge so steuern, dass der Realzins steigt. Hierdurch soll der Preisauftrieb gedämpft werden. Bei zu niedriger Inflation wird der Realzins gesenkt, damit zusätzliche gesamtwirtschaftliche Nachfrage entsteht. Ist das Inlandsprodukt niedriger als das potentielle Inlandsprodukt, so resultiert Arbeitslosigkeit und vorhandene Kapazitäten an Sachkapital sind ungenutzt. Die Zentralbank steuert dem durch Senkung des Realzinses entgegen.

230 230

231 231 Ist das Inlandsprodukt höher als sein potentielles Niveau, so müssen Arbeitskräfte Überstunden machen. Sachkapital wird übermäßig verschleißt. Um die Wirtschaft zu dämpfen wird die Zentralbank den Realzins erhöhen. Es ergibt sich eine geldpolitische Reaktionsfunktion, die positiv vom Inlandsprodukt und ebenfalls positiv von der Inflationsrate abhängig ist. Diese Regel wird als Taylor-Regel bezeichnet:

232 232 Hierbei bezeichnen P das Ausmaß mit dem die Zentralbank auf Schwankungen des Inlandsprodukts reagiert. Je ausgeprägter der Wunsch nach eine Stabilisierung des Inlandsprodukt, desto größer fällt dieser Parameter aus. Analog fällt I groß aus, falls bereits kleine Schwankungen der Inflationsrate vermieden werden sollen. Sofern die Zentralbank eine Inflationsrate von Null anstrebt, werden für die beiden letzten Terme der Gleichung langfristig Werte von Null erwartet. Dies impliziert, dass r' einen von der Zentralbank im langfristigen Mittel für geeignet angesehenen Realzins bezeichnet.

233 233 Damit erhalten wir eine Kurve, welche die monetäre Politik der Zentralbank beschreibt. Diese Kurve bezeichnen wir als MP-Kurve. Sie hat eine positive Steigung. Ein Anstieg der Inflation oder ein Übergang zu einer restriktiveren geldpolitischen Regel (r' steigt) verschieben die MP-Kurve nach oben. r MP-Kurve Y r'

234 234 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* VIII. Geldmarkt und Gütermarkt bei konstanter Inflation

235 235 Pflichtlektüre: Engelen, C. und J. Graf Lambsdorff (2006), Das Keynesianische Konsensmodell, Passauer Diskussionspapiere Nr. V-47-06, S Romer, D. (2006), Short-Run Fluctuations. Manuskript, University of California, Berkeley, S. 3-19:

236 236 Die IS-Kurve sei durch die folgende Gleichung charakterisiert (b 0 bezeichnet die in den vorherigen Abschnitten identifizierten Einflüsse). Die geldpolitische Regel und die IS-Kurve können zusammengefasst werden, um das gleichgewichtige Inlandsprodukt und den hierzu gehörigen Realzins zu bestimmen. r Y Y0Y0 r0r0 P0P0 IS MP

237 237 Im Gleichgewicht muss die nominale Geldmenge, M, mit der Inflationsrate steigen. Dies zeigt ein Blick auf das Geldmarktgleichgewicht. Da im Gleichgewicht der Realzins, die erwartete Inflationsrate und das Inlandsprodukt konstant sind, ist auch die reale Geldnachfrage konstant. Daher muss auch das reale Geldangebot, M/P, konstant sein. Dies ergibt sich nur bei einer proportionalen Entwicklung von Geldmenge und Preisniveau.

238 238 r Y Y0Y0 r0r0 P0P0 IS 0 MP rArA PAPA b 0 IS 1 Erhöhung der Staatsausgaben YAYA

239 239 Die Erhöhung der Staatsausgaben auf ein dauerhaft höheres Niveau verschiebt die IS-Kurve nach rechts. Aufgrund des Anstiegs des Inlandsprodukts ergibt sich eine Überauslastung der Kapazitäten. Die Zentralbank wird gemäß ihrer Reaktionsfunktion den Realzins erhöhen. Die Inflationsrate ist kurzfristig konstant. Daher bleibt die MP-Kurve unverändert in ihrer Lage. Es ergibt sich ein neues Gleichgewicht im Punkt P A. Das Inlandsprodukt ist angestiegen, allerdings ist der Anstieg gedämpft, da die höheren Realzinsen die Investitionen reduzieren.

240 240 Der Anstieg des Inlandsprodukts fällt insgesamt geringer aus als bei der bisherigen Multiplikatoranalyse. Die Zentralbank wirkt stabilisierend einer Ausweitung des Inlandsprodukts entgegen. Dies wird auch als Dämpfungseffekt des Geldmarkts bezeichnet.

241 241 r Y Y0Y0 r0r0 P0P0 IS 0 MP 0 YAYA MP 1 PAPA Straffere geldpolitische Regel rArA r'

242 242 Eine straffere geldpolitische Regel verschiebt die MP- Kurve nach oben. Der Realzins erhöht sich. Aufgrund des steigenden Realzinses sinkt das Inlandsprodukt. Dies wiederum bewirkt, dass die Erhöhung des Realzinses etwas gedämpft wird. Es ergibt sich ein Gleichgewicht in P A bei kurzfristig konstanter Inflationsrate.

243 243 Eine straffere geldpolitische Regel erfordert eine einmalige Reduktion der Geldmenge. Dies zeigt das Geldmarktgleichgewicht: Da das Inlandsprodukt sinkt und der Realzins steigt, sinkt die reale Geldnachfrage. Um dies zu erreichen, ist eine sofortige Absenkung des realen Geldangebots notwendig. Dies erfordert eine einmalige Reduktion der nominalen Geldmenge, M.

244 244 Wieso bewirkt eine einmalige Reduktion der Geldmenge ein Sinken des Inlandsprodukts? Teilweise finden sich hier irreführende vulgärökonomische Argumente für diesen Zusammenhang, z.B. : Die Nachfrage verringert sich weil weniger Geld für Konsumzwecke zur Verfügung steht. Dieses Argument ist falsch, denn für Konsum ist Einkommen notwendig. Geld wird zu Transaktionszwecken gehalten. Konsumgüter werden verbraucht, Geld nicht. Der Grund besteht vielmehr darin, dass die Geldmengenreaktion den Realzins steigen lässt, und dadurch die Investitionen reduziert.

245 245 Aufgrund der Liquiditätsfalle gelingt es der Zentralbank nicht, negative Nominalzinsen zu erzielen. Ein weiterer Grund für dieses Versagen besteht darin, dass die Geschäftsbanken keine Kredite mit negativen Nominalzinsen vergeben, weil sie stattdessen die Geldhaltung bevorzugen. Bei einer Inflationsrate von Null kann die Zentralbank dann keine negativen Realzinsen erreichen. Statt Punkte auf der MP-Kurve zu erreichen muss die Zentralbank dann von dieser Kurve abweichen. Unterhalb von r=0 gilt die MP-Kurve nicht mehr.

246 246 r Y Y0Y0 r0=0r0=0 P0P0 IS 0 MP =Y 1 =P 1 Expansivere geldpolitische Regel mit Liquiditätsfalle r'

247 247 Eine expansivere geldpolitische Regel ist dann ohne Einfluss auf r. Demzufolge kann sich auch kein Anstieg der Investitionen und des Inlandsprodukts einstellen. Eine Änderung der geldpolitischen Regel ist in der Liquiditätsfalle somit wirkungslos.

248 248 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* IX. Das makroökonomische Konsensmodell

249 249 Pflichtlektüre: Blanchard, O. (2006) Macroeconomics, 4. Aufl., S Burda, M. und C. Wyplosz (2005), Macroeconomics – A European Text. 4. Aufl. S Engelen, C. und J. Graf Lambsdorff (2006), Das Keynesianische Konsensmodell, Passauer Diskussionspapiere Nr. V-47-06, S Romer, D. (2006), Short-Run Fluctuations. Manuskript, University of California, Berkeley, S : Mankiw, N. Gregory (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. S

250 250 Bisher haben wir ein konstantes Inflationsniveau unterstellt. Tatsächlich aber schwankt die Inflationsrate und reagiert auf geld- und fiskalpolitische Aktionen. Wir müssen daher die Bestimmungsfaktoren der Inflationsrate herausarbeiten und die Rückwirkung auf Realzins und Inlandsprodukt modellieren. Das gesamtwirtschaftliche Angebot wird langfristig von den Einsatzfaktoren und dem technischen Fortschritt bestimmt.

251 251 Dieses langfristige Niveau wird auch als potentielles Inlandsprodukt bezeichnet oder als Vollbeschäftigungsproduktion. Wir hatten das entsprechende Niveau im Rahmen eines Wachstumsmodells bestimmt. Die Inflationsrate hat hierauf keinen Einfluss. Y Y

252 252 Im Falle eines Zustroms von Arbeitskräften, Kapital oder natürlichen Ressourcen sowie bei technischem Fortschritt erhöht sich das potentielle Inlandsprodukt und die Angebotskurve verschiebt sich nach rechts. Kurz- und mittelfristig ist es jedoch möglich, dass das gesamtwirtschaftliche Angebot von diesem langfristigen Niveau abweicht. Dies ist auf folgende Ursachen zurückzuführen:

253 253 Geldillusion. Anbieter von Gütern und Diensten täuschen sich bezüglich der Wirkung einer sinkenden Inflationsrate. Sie beobachten zunächst niedrigere Preissteigerungen ihres Gutes und interpretieren dies fehlerhaft als eine Veränderung des eigenen Preises relativ zu den Preisen der anderen Güter der Volkswirtschaft. Als Folge vermindern sie ihr Angebot. Ähnlich würden Arbeitsanbieter von sinkenden Lohnzuwächsen auf einen sinkenden Reallohn schließen und ihr Arbeitsangebot einschränken. Die allgemein sinkende Inflationsrate, und damit die Konstanz des realen Lohnes, wird verspätet oder zu gering wahrgenommen.

254 254 Lohnrigiditäten. Löhne passen sich kurzfristig unzureichend an. Arbeitsverträge werden langfristig geschlossen, und während dieser Zeit ist der Lohnsatz fixiert. Ist die Inflation geringer als das erwartete Niveau der Inflationsrate, so erhöhen sich die realen Kosten einer Firma und der Gewinn sinkt. Die Firma wird zur Kostenbegrenzung die Produktion einschränken und auf die neue Einstellung von Mitarbeitern verzichten. Insgesamt verringert sich daher das Angebot an Gütern und Diensten.

255 255 Preisrigiditäten. Preise passen sich kurzfristig unzureichend an. Auf Grund von Menukosten sind Preisanpassungen kostspielig und werden daher möglichst selten durchgeführt. Ist die Inflationsrate geringer als dies beim Festsetzen der Preise erwartet wurde, so erhöht sich der Preis des eigenen Gutes relativ zum Preis anderer Güter der Volkswirtschaft. Dies reduziert den Absatz und Umsatz der Firma. Hierauf reagierend wird die Produktion gedrosselt.

256 256 Die Ausführungen implizieren, dass eine Inflationsrate, die unterhalb der erwarteten Inflationsrate liegt, zu einer Drosselung der Produktion führt. Umgekehrt induziert eine Inflationsrate oberhalb des erwarteten Niveaus eine Produktionsausweitung. Wir unterstellen, dass dieser Effekt sehr stark ist, so dass kurzfristig eine geringe Abweichung von der Inflationsrate zu einer starken Variation des Inlandsprodukts führt. Dies führt zu einer kurzfristigen, hori- zontalen Inflationsan- passungs-Kurve (IA) im /Y-Diagramm. Y 0 IA

257 257 Inflation wird hierbei aus der Vergangenheit ererbt. Eine hohe Inflationsrate in der Vergangenheit bewirkt, dass auch in der Zukunft mit einer hohen Inflationsrate gerechnet wird. Es können aber auch unabhängig von der Inflationsrate der Vergangenheit erhöhte Inflationserwartungen auftreten. Veränderungen der erwarteten Inflation. Eine autonome Erhöhung der Inflationserwartung verschiebt die IA-Kurve nach oben. So würde z.B. ein Anstieg der Ölpreise zur Erwartung einer erhöhten zukünftigen Inflation führen.

258 258 Wie wirken nun die kurzfristige Inflationsanpassungsgerade und die langfristige Angebotskurve zusammen? Die Inflationsrate erhöht sich, wenn das Inlandsprodukt größer ist als sein potentielles Niveau. In diesem Fall bewirkt nämlich eine Überauslastung der Kapazitäten einen schnelleren Anstieg der Preise. Maschinen verschleißen schneller, die Motivation und Konzentration der Mitarbeiter sinkt. Dies müssen die Firmen durch einen beschleunigten Anstieg der Preis ausgleichen.

259 259 Für abgeleistete Überstunden muss ein Zuschlag bezahlt werden, der den Lohnsatz erhöht. Zudem steigen die Löhne schneller, weil aufgrund der geringen Arbeitslosigkeit sich leichter Lohnsteigerungen durchsetzen lassen. Ist das Inlandsprodukt dagegen kleiner als sein potentielles Niveau, so resultiert Arbeitslosigkeit. Bei hoher Arbeitslosigkeit können Unternehmen die Löhne drücken. Nur die hoch-motivierten und qualifizierten Arbeitskräfte verbleiben in den Betrieben und erlauben es den Firmen, die Preissteigerungen moderater ausfallen zu lassen.

260 260 Formal gilt für die Inflationsrate: Entspricht das Inlandsprodukt seinem potentiellen Niveau,, so folgt : Liegt also bei der Produktion eine dauerhafte Ruhelage vor mit, dann ändert sich die Inflationsrate nicht. Weicht jedoch die Höhe des Inlandsprodukts von seiner potentiellen Höhe ab, so hat dies eine Veränderung der zukünftigen Inflationsrate zur Folge.

261 261 Mittelfristig dürfte die Angebotskurve weder horizontal noch vertikal verlaufen, sondern eine positive Steigung aufweisen. Eine solche Angebotskurve wird auch als Phillips- Kurve bezeichnet. Hiermit wird verdeutlicht, dass mittelfristig ein erhöhtes Inlandsprodukt und eine Absenkung der Unterbeschäftigung nur mit einer Inflation erkauft werden kann. Wir verzichten in der Graphik auf die Darstellung dieses mittelfristigen Zusammenhangs.

262 262 Die Nachfragekurve (aggregate demand) im /Y- Diagramm ist durch eine negative Steigung gekennzeichnet. Sie ergibt sich aus dem Zusammenspiel von IS-Kurve und MP-Kurve. Ein Anstieg der Inflationsrate verschiebt die MP-Kurve nach oben. Aufgrund des steigenden Realzinses verringert sich daher das Inlandsprodukt. Die AD-Kurve stellt die Schar der Inflationsraten und des jeweils korrespondierenden Inlandsprodukts dar.

263 263 r Y Y 0 Y Y0Y0 r0r0 P0P0 P0P0 AD IS MP 0 1 MP 1 Steigung der AD-Kurve

264 264 Die negativ geneigte Nachfragekurve ähnelt einer aus der Mikroökonomie bekannten Nachfragekurve. Erhöht sich der Preis für Bier, so sinkt die Nachfrage. Dieser mikroökonomische Effekt ist aber auf Substitutionsbeziehungen zurückzuführen: Der relative Preis für Bier steigt an; statt Bier werden andere Güter nachgefragt. Diese Substitution ist aber gesamtwirtschaftlich nicht möglich. Wir hatten stattdessen argumentiert, dass ein Anstieg der Inflation von der Zentralbank vermieden werden soll. Daher erhöht diese den Realzins und bewirkt einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.

265 265 r Y Y 0 Y Y0Y0 r0r0 P0P0 P0P0 AD IS MP Das Grundmodell IA

266 266 r Y Y 0 Y Y0Y0 r0r0 P0P0 P0P0 AD 0 IS 0 MP r1r1 1 =Y 1 P1P1 P1P1 MP PAPA PAPA b 0 AD 1 IS 1 Erhöhung der Staatsausgaben IA

267 267 Die Erhöhung der Staatsausgaben auf ein dauerhaft höheres Niveau verschiebt die IS-Kurve nach rechts. Aufgrund des Anstiegs des Inlandsprodukts wird die Zentralbank gemäß ihrer Reaktionsfunktion den Realzins erhöhen. Es ergibt sich ein Zwischenpunkt in P A. Die Inflationsrate ist kurzfristig konstant. Daher liegt die Zwischenlösung im /Y-Diagramm auch im Punkt P A. Aufgrund einer Überschussnachfrage erhöht sich nun die Inflation. Hierdurch wird die Zentralbank veranlasst, den Realzins zu erhöhen. Die MP-Kurve verschiebt sich nach oben. Die Anpassung verläuft so lange, bis wieder ein Gleichgewicht im Punkt P 1 erreicht ist, mit einem Inlandsprodukt i.H. des potentiellen Niveaus.

268 268 r Y Y 0 Y Y0Y0 r0r0 P0P0 P0P0 AD 0 IS 0 MP 1 =Y 1 =P 1 P1P1 MP 1 PAPA PAPA AD 1 Straffere geldpolitische Regel IA

269 269 Eine straffere geldpolitische Regel verschiebt die MP- Kurve nach oben. Aufgrund des steigenden Realzinses sinkt das Inlandsprodukt. Es ergibt sich ein Zwischenpunkt in P A. Die Inflationsrate ist kurzfristig konstant. Daher liegt die Zwischenlösung im /Y-Diagramm auch im Punkt P A. Aufgrund eines Überschussangebots verringert sich die Inflation. Hierdurch wird die Zentralbank veranlasst, den Realzins wieder zu senken. Die MP-Kurve verschiebt sich nach unten.

270 270 Die Anpassung verläuft so lange, bis wieder ein Gleichgewicht im Punkt P 1 erreicht ist, mit einem Inlandsprodukt i.H. des potentiellen Niveaus. Wir sehen also, dass die Zentralbank bei Straffung der geldpolitischen Regel die Inflationsrate reduzieren kann. Hierbei muss sie aber eine temporäre Reduktion der Produktion und des Einkommens in Kauf nehmen. Dem langfristigen Vorteil einer reduzierten Inflation stehen daher temporäre Einbußen gegenüber. Da zukünftige Vorteile im Kalkül der Wirtschaftssubjekte abdiskontiert werden müssen, ist nicht sichergestellt, dass eine straffere Geldpolitik insgesamt vorteilhaft ist.

271 271 r Y Y 0 =0 Y Y0Y0 r0=0r0=0 P0P0 P0P0 AD 0 IS 0 MP Deflation und Liquiditätsfalle IA 0 =-1 r0=1r0=1

272 272 Die Zentralbank kann keine negativen Nominalzinsen erzielen, denn die Geschäftsbanken würden lieber horten (z.B. Bargeld in den Tresoren halten), als Kredite mit negativem Ertrag auszugeben und die Nichtbanken würden Sichteinlagen halten und unbegrenzt Kredite bei den Geschäftsbanken aufnehmen. Daher kann eine Senkung der Realzinsen bei Preisniveaustabilität ( =0) nicht herbeigeführt werden. Unterhalb von r=0 gilt die MP-Kurve nicht mehr. In dieser Situation kann die Zentralbank die Inflationsrate nicht mehr steigern, da sie nicht kurzfristig die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erhöhen kann.

273 273 Sinkt die Inflationsrate nun (Deflation), so möchte die Zentralbank wie bisher mit einer Senkung der Realzinsen reagieren. Da die Nominalzinsen aber bereits Null betragen, gelingt ihr dies nicht. Entgegen dem Wunsch der Zentralbank führt die Deflation zu einem Anstieg der Realzinsen. Hierdurch sinkt die gesamtwirtschaftlichen Nachfrage weiter ab. Insgesamt ergibt sich bei einer Kombination aus Deflation und Liquiditätsfalle ein positiver Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve.

274 274 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* X. Außenbeitrag und Kapitalimporte

275 275 Pflichtlektüre: Frenkel, M. und K.D. John (2006), Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 6. Aufl. S , 45-49, 53-54, 56. Jarchow, H.-J. (2000), Monetäre Außenwirtschaft I: Monetäre Außenwirtschaft. 5. Aufl. S McDowell, M. et al. (2006), Principles of Economics, S

276 276 Eine geschlossene Volkswirtschaft ist dadurch gekennzeichnet, dass sie keine Interaktion mit anderen Volkswirtschaften aufweist. Dies beinhaltet insbesondere das Fehlen von Exporten und Importen. Das beinhaltet das Fehlen von Einkommensströmen (Faktorströmen) über Landesgrenzen hinweg. Auch fehlen Kapitalströme mit dem Ausland.

277 277 Für viele makroökonomische Fragestellungen wird vereinfachend die Interaktion mit dem Ausland vernachlässigt. Empirische Beispiele für geschlossene Volkswirtschaften sind dagegen seltener. Nordkorea ist ein Beispiel einer geschlossenen Volkswirtschaft. Daneben ist aber insbesondere die globale Wirtschaft selbst als geschlossene Volkswirtschaft zu verstehen. Für alle anderen Fälle sind die vielfältigen Ströme von Leistungen und Zahlungen mit dem Ausland zu berücksichtigen.

278 278 Die Europäische Union ist ein großer und offener Wirtschaftsraum – viele Importe und Exporte von Gütern und Diensten werden getätigt. Allgemein gilt: je kleiner ein Land, desto mehr ist es auf eine Öffnung angewiesen, um -die notwendigen, vielfältigen Produkte den inländischen Konsumenten bereit zu stellen -sich in der Produktion auf seine besonderen Stärken konzentrieren zu können. Dies bewirkt, dass große Länder wie die USA relativ wenig Handel treiben, kleine Länder wie Singapur oder Luxemburg dagegen bedeutend mehr.

279 279

280 280 Prozent des BIP Exporte Importe Die Bedeutung des Außenhandels für die USA 2000

281 281 Die Bedeutung der außenwirtschaftlichen Öffnung hat in den letzten fünf Jahrzehnten deutlich zugenommen. Weltweit ist der Handel stärker gestiegen als die Produktion. In Deutschland wurde der positive Trend teilweise durch die Wiedervereinigung unterbrochen.

282 282 Dieser Trend ist ein Indikator einer zunehmenden Globalisierung der Weltwirtschaft.

283 283 Die Exporte setzen sich zusammen aus den Exporten von Gütern und Diensten (X) und den Exporten von Faktorleistungen (F AI ). Faktorleistungen werden exportiert, wenn ein Inländer ein Einkommen im Ausland erzielt, z.B. indem er als Grenzgänger im Ausland arbeitet oder Zins- oder Mieteinnahmen im Ausland erzielt. Die Importe setzen sich zusammen aus den Importen von Gütern und Diensten (J) und den Importen von Faktorleistungen (F IA ). Inländische Produktionsbetriebe importieren solche Faktorleistungen, indem sie im Ausland wohnende Arbeitskräfte oder Zinsen für ausländisches Kapital bezahlen.

284 284 Beim Auftreten von Netto-Exporten (X>J) erwirtschaftet ein Land einen Überschuss. Ein Land baut dadurch Nettoforderungen gegenüber dem Ausland auf. Sind die Importe hingegen größer als die Exporte, so akkumuliert ein Land Schulden oder verliert Vermögensobjekte an das Ausland. Die jährlichen Überschüsse und/oder Defizite werden in der Handels- und Dienstleistungsbilanz eines Landes erfasst. Dieser Wert wird auch als Außenbeitrag bezeichnet.

285 285 Der Außenbeitrag wird von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst: -Den Konsumpräferenzen bezüglich inländischer und ausländischer Produkte. -Den Preisen der inländischen und ausländischen Produktion. -Dem Wechselkurs, also dem Preis der ausländischen Währung in Einheiten der inländischen Währung. -Dem Einkommen von Inländern und Ausländern. -Transportkosten. -Handelspolitik und Handelsbeschränkungen.

286 286 Kapitalexporte kennzeichnen den von Inländern getätigten Kauf ausländischer Vermögensobjekte (z.B. Aktien, Anleihen oder Bauten) oder die Vergabe von Krediten an das Ausland. Kapitalimporte entsprechen dem Verkauf inländischer Vermögensobjekte an Ausländer oder der Aufnahme von Krediten aus dem Ausland. Nettokapitalexporte sind Kapitalexporte abzüglich der Kapitalimporte. Sie entsprechen dem Saldo der Kapitalbilanz. So erhöht ein Kauf von US-Anleihen durch einen EU- Inländer die Nettokapitalexporte der EU. Kaufen Japaner Aktien in Deutschland, so verringern sich die Nettokapitalexporte der EU.

287 287 Nettokapitalexporte werden von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst: -Den Realzinsen, welche für ausländische Vermögensobjekte bezahlt werden. -Den Realzinsen, welche für inländische Vermögensobjekte bezahlt werden. -Der erwarteten Entwicklung des Wechselkurses. -Den wahrgenommenen ökonomischen und politischen Risiken einer Anlage von Vermögen im Ausland. -Den politischen Rahmenbedingungen, welche einen Transfer von Vermögen ins Ausland ermöglichen oder behindern.

288 288 Der Außenbeitrag und der Saldo der Kapitalbilanz stehen in einem engen Verhältnis zueinander. Beide Bilanzen sind ein Teil der Zahlungsbilanz eines Landes, also einer Zusammenstellung aller Transaktionen mit dem Ausland. Ein Land verliert dadurch Vermögen oder akkumuliert Schulden, dass die Importe an Gütern und Diensten größer sind als die Exporte. Im Gegenzug müssen in gleichem Ausmaß Nettokapitalimporte vorhanden sein. Diese spezifizieren, in welcher Form Kapital in das Land fließt, als Kredit oder durch den Verkauf von Vermögensobjekten.

289 289 Es gilt also, dass die Nettoexporte von Gütern und Diensten (X-J) den Nettokapitalexporten (NKE) entsprechen müssen: X-J =NKE. Einem Verkauf von Gütern und Diensten an die USA (X-J>0) steht zunächst die Entgegennahme von US-$ gegenüber, also einem Vermögensobjekt (NKE). Dieses Vermögensobjekt kann getauscht werden gegen andere Vermögensobjekte, oder aber es kann für den Import von Gütern aus den USA verwendet werden. In jedem Fall behält die obige Gleichung ihre Gültigkeit.

290 290 Transaktionen mit dem Ausland sind in der volkswirtschaftliche Gesamtrechnung zu berücksichtigen. Dort werden folgende Wirtschaftssubjekt als Inländer bezeichnet: - natürliche Personen mit ständigem (mindestens ein Jahr) Wohnsitz im Inland und - alle anderen Wirtschaftssubjekte einschließlich rechtlich unselbständiger Produktionsstätten und Zweigniederlassungen, soweit der Schwerpunkt ihrer wirtschaftlichen Aktivität im Inland liegt.

291 291 Daneben können Transferzahlungen stattfinden, also Übertragungen ohne entgeltliche Gegenleistung wie z.B. Entwicklungshilfe, Wiedergutmachungsleistungen, Beiträge an internationale Organisationen (Tr).

292 292 Flussdiagramm für die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung mit Ausland Einkommens- konto Auslandskonto (aus Sicht des Inlands) Vermögens- änderungskonto Produktions-- konto S 110 F I 945 C 700 T i -Z 100 I b 250 D 160 X´ 350 J´ 300 F IA 20 Tr (netto) IA 20 F AI 10 KE (netto) 20 G 225

293 293 Aus der Graphik lässt sich das Nettoinlandsprodukt (NIP) zu Marktpreisen herleiten: Y n M =C+G+I n +X – J (1065) (Verwendungsseite) Y n M =F I +F IA +(T i –Z) (1065) (Verteilungsseite gem. PK) Durch Zusammenfassung ergibt sich gemäß Produktionskonto: F I +F IA +(T i – Z) = C+G+I n +X – J.

294 294

295 295 Exporte- Importe -2 % Die USA zum Vergleich (1998) Konsum 68 % Investitionen 16% Staatskonsum 18%

296 296 Werden auf beiden Seiten der oben formulierten Gleichung die netto aus dem Ausland zugeflossenen Primäreinkommen hinzugezählt (F AI -F IA =-13 Mrd ), dann erhält man: F I +F AI +(T i –Z) = C+G+I n +(X+F AI ) – (J+F IA ). Volkseinkommen Nettonationaleinkommen zu Marktpreisen (NNP) X J

297 297 Das durch Umformung aus dem gesamtwirtschaftlichen Produktionskonto hergeleitete Nettonationaleinkommen zu Marktpreisen lässt sich auch aus dem gesamtwirtschaftlichen Einkommenskonto ermitteln. Eine Erfassung aller eingehenden und ausgehenden Buchungen erbringt: F I +F AI +(T i – Z)=C +G+ S + Tr IA. (1055) Es folgt bei Vernachlässigung von Vermögensübertragungen: C + G + I n + (X – J) = C + G + S + Tr IA S=I n + (X – J – Tr IA ).

298 298 Auf der rechten Seite steht in Klammern der Leistungsbilanzsaldo. Dieser entspricht (bei Vernachlässigung von Vermögensübertragungen) den Kapitalexporten. Die Gleichung bringt zum Ausdruck, dass die heimische Ersparnis entweder in heimische Investitionen fließt oder in Kapitalexporte. Ein positiver Leistungsbilanzsaldo setzt voraus, dass im Inland mehr gespart als investiert wird. Eine Verbesserung der Leistungsbilanz ist nur möglich, wenn die Ersparnis ansteigt oder die Investitionen sinken.

299 299 Die Ersparnis kann somit für inländische Investitionen verwendet oder im Ausland angelegt werden. Ein hohes Leistungsbilanzdefizit (X-J=NKE<0) impliziert dabei, dass das Ausland für das Inland spart. Dies könnte Symptom eines Problems sein: Ein Land spart nicht hinreichend, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Als Reaktion auf eine niedrige Sparquote ist es aber zumeist besser, mit hohen Kapitalimporten Investitionen durchzuführen als sinkende Investitionen in Kauf zu nehmen.

300 300 Ersparnis und Investitionen lassen sich in einen privaten und einen staatlichen Anteil zerlegen: S pr + S st – I n pr – I n st = (X – J – Tr IA ). Da gilt S st – I n st = – BD, folgt S pr – I n pr – BD = (X – J – Tr IA ) = KE. Dies illustriert das, was als twin-deficit bezeichnet wird: Ein erhöhtes Budgetdefizit geht bei konstantem Verhalten inländischer Haushalte und Investoren mit Kapitalimporten einher, also einem Saldo in der Leistungsbilanz.

301 301 Durch die Berücksichtigung des Auslands verändert sich auch das gesamtwirtschaftliche Produktionskonto und das Einkommenskonto. Beide Konten lassen sich nun vollständig darstellen. Gesamtwirtschaftliches Produktionskonto, Deutschland 2003 Verwendung Aufkommen Importe 676 Abschreibungen 320 Indir. Steuern./. Subventionen 228 Faktorentlohnung An Inländer 1472 An Ausländer 110 Privater Konsum 1248 Staatskonsum 411 (Brutto-) Investitionen 381 Exporte 766 Quelle: Stat. Bundesamt, Mai 2004 sowie Bundesbank, Angaben in Mrd., gerundet.

302 302 Die Faktorentlohnung im Produktionskonto unterscheidet sich nun von der im Einkommenskonto aufgrund internationaler Faktorströme. Gesamtwirtschaftliches Einkommenskonto, Deutschland 2003 Verwendung Aufkommen Transferzahlungen an das Ausland 35 Privater Konsum 1248 Staatskonsum 411 Ersparnis 115 Faktorentlohnung aus dem Inland 1472 Faktorentlohnung aus dem Ausland 99 Indir. Steuern./. Subventionen 228 Transferzahlungen aus dem Ausland 10 Quelle: Stat. Bundesamt, Mai 2004 sowie Bundesbank, Angaben in Mrd., gerundet.

303 303 Das Vermögensänderungskonto weist dann einen Finanzierungsüberschuss aus, also Kapitalexporte. Gesamtwirtschaftliches Vermögensänderungskonto, Deutschland 2003 Verwendung Aufkommen (Brutto-) Investitionen 381 Finanzierungsüberschuss 54 Ersparnis 115 Abschreibungen 320 Quelle: Stat. Bundesamt, Mai 2004 sowie Bundesbank, Angaben in Mrd., gerundet.

304 304 Exkurs 1: Wie wird ein Anstieg der Investitionen in einer offenen Volkswirtschaft mit konstanter Inflation finanziert? Wir können zeigen, dass auch hier alle Investitionen automatisch die zu ihrer Durchführung notwendigen Ersparnisse schaffen. Wir betrachten einen autonomen Anstieg der Investitionen von der Finanzierungsseite. Es gilt: S pr +S st – I n pr – I n st = (X – J – Tr IA ) = KE. Ferner gilt der folgende Multiplikator:

305 305 Das verfügbare Einkommen steigt um (1-t)dY. Damit steigt die private Ersparnis um (1-c)(1-t)dY. Die Steuereinnahmen steigen um tdY; in diesem Ausmaß steigt also die öffentliche Ersparnis. Die Importe steigen um m(1-t)dY. In diesem Ausmaß steigt der ausländische Beitrag zur Ersparnis. Insgesamt steigt die Ersparnis um: Also genauso stark, wie die Investitionen.

306 306 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* XI. Langfristige Bestimmungsgründe außenwirtschaftlicher Aggregate

307 307 Pflichtlektüre: Gärtner, Manfred (2003), Macroeconomics, S. 255;

308 308 Eine Armutsfalle könnte auch durch internationale Kapitalzuflüsse überwunden werden. Für den Fall normal verlaufender Produktionsfunktionen ergeben sich Kapitalströme aus unterschiedlichen steady-state-Werten für zwei Länder. Die Steigung der Produktionsfunktion entspricht der (wertmäßigen) Grenzproduktivität des Faktors Kapital. Bei vollkommener Konkurrenz ist dies der Realpreis des Faktors Kapital, also der reale (Brutto-) Ertrag, den Investoren erzielen.

309 309 Deutschland Portugal Kapitalimporte Kapitalexporte

310 310 Bei vollkommener Kapitalmobilität und gleicher Abschreibungsrate wird sich der Ertrag im In- und im Ausland einander angleichen. Dies impliziert eine identische Steigung der Produktionsfunktion. Eine analoge Herleitung zeigt, dass Länder mit einem höheren Bevölkerungswachstum ebenfalls Kapital importieren.

311 311 Leidet Deutschland unter der Öffnung der Kapitalmärkte? Das Inlandsprodukt sinkt. Aber es erhöht sich das Nettonationaleinkommen: Im Optimum müssen Inländer von der Öffnung profitieren, da sie ansonsten auf den Kapitalexport verzichten. Aber es ergibt sich ein Verteilungsproblem sofern (realistischerweise) manche Haushalte eher mit Arbeit und andere mit Kapital ihr Einkommen erzielen: Der geringere Kapitalstock in Deutschland lässt das Grenzprodukt der Arbeit sinken, wodurch manche Haushalte schlechter gestellt werden.

312 312 Der Unterschied zwischen NNE und NIP ist größenmäßig in Deutschland zu vernachlässigen. Irland beherbergt viele Niederlassungen ausländischer multinationaler Unternehmungen, wodurch aus Irland in hohem Maße Erwerbs- und Vermögenseinkommen an das Ausland abfließen (NIP>NNE). Kuwait hat mit seinen Einnahmen aus der Ölforderung im Ausland Vermögen angekauft, aus dem ihm dann Vermögenseinkommen zufließen (NIP

313 313 Bei vollkommener Kapitalmobilität würden wir erwarten, dass Investitionsquoten und Sparquoten unkorreliert sind. Da das große Ausland Kapital weitgehend unbegrenzt für das kleine Inland bereitstellen kann, muss sich im Inland die Grenzproduktivität des Auslands einstellen. Für geschlossene Volkswirtschaften müssten hingegen die Investitionsquote und Sparquoten einander entsprechen.

314 314 Tatsächlich sind die die Investitionsquote und Sparquoten in einer Querschnittsanalyse von Ländern hoch korreliert. Dies wird als Feldstein-Horioka puzzle bezeichnet. Die Regressionsgerade der folgenden Graphik zeigt, dass ein Anstieg der Ersparnis etwa zu 42% im Ausland angelegt wird. Länder mit einer Sparquote von über 23% exportieren netto Kapital, die anderen sind Nettoimporteure. Die vorgenannten Mechanismen funktionieren also, wenn auch nicht mit der prognostizierten Intensität, evtl. aufgrund noch vorhandener Kapitalverkehrskontrollen.

315 315 Quelle:

316 316 Eine Armutsfalle kann durch Kapitalimporte überwunden werden. Dies funktioniert jedoch nur bei Armutsfallen des Typs II und III. Da hier stets fallende Grenzerträge vorliegen, existiert immer ein Anreiz für reichere Länder in ärmeren Ländern zu investieren. Bei einer Armutsfalle des Typs I liegt u.U. ein geringerer Grenzertrag des Kapitals in ärmeren Ländern vor, so dass kein Anreiz zum Kapitalexport in diese Länder resultiert. Eine Öffnung der Kapitalmärkte wäre unzureichend, um arme Länder über die Armutsfalle zu heben.

317 317 Unter der Annahme perfekter Kapitalmobilität wird die Höhe der Kapitalimporte durch die Grenzproduktivitäten und Sparquoten bestimmt. Hiermit lässt sich auch die Höhe des Wechselkurses bestimmen. Eine der wichtigsten Bestimmungsgrößen für Exporte und Importe von Gütern und Diensten sind die Preise, zu denen diese Güter gehandelt werden. Da diese Güter jeweils in einer anderen Währung produziert werden, hat der Wechselkurs einen starken Einfluss auf die relativen Preise der inländischen und ausländischen Güter.

318 318 Der nominale Wechselkurs ist der Kurs, zu dem eine Währung gegen eine andere getauscht wird. Er kann in Preisnotierung ausgedrückt werden: z.B. w = 0,80 /$. Alternativ wird er in den Medien zumeist (reziprok) in Mengennotierung dargestellt: z. B. e = 1,25 $/. Eine Aufwertung des Euro geht mit einer Abwertung des Dollar einher e steigt, w sinkt. Eine Abwertung des Euro beinhaltet eine Aufwertung des Dollar e sinkt, w steigt.

319 319 Der reale Wechselkurs kennzeichnet das Austauschverhältnis von Gütern und Diensten des Inlands mit Gütern und Diensten des Auslands. Können wir für einen Liter deutsches Bier zwei Liter amerikanisches Bier kaufen, so beträgt der reale Wechselkurs (in Mengennotierung) e r =2. Reale und nominale Wechselkurse sind eng miteinander verbunden.

320 320 Eine CD kostet in Deutschland ca. 15, in Japan z.B Yen. Welches ist nun der reale Wechselkurs? Hierzu benötigen wir den nominalen Wechselkurs, e Yen =120 Yen/. Mit diesem können die Preise in der gleichen Einheit ausgedrückt werden. In Yen ausgedrückt kostet eine CD in Deutschland Yen. Für e Yen r ergibt sich dann das Verhältnis: 1800/2250=0,8. Für 10 CDs in Deutschland kann man also nur 8 CDs in Japan eintauschen.

321 321 Allgemein gilt für den realen Wechselkurs (in Mengennotierung): Für makroökonomische Überlegungen sind allgemeine Preisniveaus von Warenkörben ausschlaggebend. Dies erlaubt es dann, den realen Wechselkurs nicht nur für ein einzelnes Produkt, sondern für die gesamte inländische und ausländische Produktion anzugeben, mit den jeweiligen Preisniveaus P und P A :

322 322 Der reale Wechselkurs für die gesamte inländische und ausländische Produktion ist eine entscheidende Bestimmungsgröße des Außenbeitrags. Sinkt der reale Wechselkurs, so verbilligen sich europäische Produkte und werden dadurch attraktiver. Die Exporte steigen und die Importe nehmen ab, so dass der Außenbeitrag steigt. Erhöht sich der reale Wechselkurs, so werden europäische Produkte teurer und unattraktiver. Die Exporte sinken, die Importe steigen und der Außenbeitrag sinkt.

323 323 Dieser negative Zusammenhang zeigt sich sehr deutlich in den letzten 30 Jahren für den Außenbeitrag der USA. Leistungsbilanzsaldo ~ Außenbeitrag

324 324

325 325 Devisenmarkt Auf dem Devisenmarkt werden Euro gegen eine ausländische Währung, z.B. den US-$, gehandelt. Für ein Gleichgewicht auf dem Devisenmarkt müssen sich Angebot und Nachfrage entsprechen. Angebot an Devisen und Nachfrage nach Euro wird durch die Nettoexporte an Gütern und Diensten bestimmt: Dem Verkauf deutscher Autos in die USA steht eine Nachfrage nach Euro gegenüber. Nachfrage nach Devisen und Angebot an Euro wird durch Nettokapitalexporte bestimmt: Dem Kauf von US-amerikanischen Staatsanleihen durch einen deutschen Anlagefonds steht ein Angebot an Euro gegenüber.

326 326 Nettokapitalexporte entsprechen somit einem Überschussangebot an Euro. Nettoexporte von Gütern und Diensten (X-J) entsprechen hingegen einer Überschussnachfrage nach Euro. Die Nettoexporte von Gütern und Diensten (X-J) sind negativ vom realen Wechselkurs abhängig. Mit dem realen Wechselkurs an der Ordinate ist die Nachfragekurve daher negativ geneigt. Die Angebotskurve ist vertikal, da Nettokapitalexporte vom realen Wechselkurs nicht beeinflusst werden. Sie resultierten aus dem Wachstumsmodell einer offenen Volkswirtschaft.

327 327 Langfristiger Wechselkurs in einer offenen Volkswirtschaft Menge an Euro Realer Wechsel- Kurs Angebot Nachfrage erer

328 328 Im Gleichgewicht ergibt sich ein realer Wechselkurs, welcher Angebot und Nachfrage nach Euro zum Ausgleich bringt. Die Nachfrage nach Euro aufgrund des Überschusses an Exporten von Gütern und Diensten entspricht dem Angebot an Euro, die aus dem Kauf von ausländischen Vermögensobjekten resultieren. Eine sinkende Sparquote im Ausland erhöht das Angebot an Euro und lässt e r sinken. Eine autonome Erhöhung der Nachfrage nach europäischen Produkten verschiebt hingegen die Nachfragekurve nach rechts und lässt e r steigen.

329 329 Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff Universität Passau WS 2006/07 f(k) k y, s. y s. f(k) (n+ )k s. y* c* k* y* XII. Offene makroökonomische Fragestellungen

330 330 Pflichtlektüre: Mankiw, N. Gregory (2003), Macroeconomics. 5. Aufl. S

331 331 1.Sollte die Wirtschaft mit Hilfe eines situationsbedingten Einsatzes der Geld- und Fiskalpolitik stabilisiert werden? Pro: -Das wirtschaftliche Gleichgewicht ist instabil; Die Wirtschaft wird unerwünschten Schwankungen ausgesetzt sein, wenn sie sich selbst überlassen ist. -Mit Hilfe politischer Instrumente kann die gesamtwirtschaftliche Nachfrage gesteuert werden. Hierdurch wird die Instabilität neutralisiert und Schwankungen abgemildert.

332 332 Contra: -Geldpolitik beeinflusst die Wirtschaft mit langen und unvorhersehbaren Verzögerungen zwischen dem Zeitpunkt der Notwendigkeit einer Maßnahme und ihrer Auswirkung. -Studien belegen, dass Änderungen der Geldpolitik die gesamtwirtschaftliche Nachfrage frühestens nach sechs Monaten spürbar beeinflussen. Hier existiert eine starke Wirkungsverzögerung.

333 333 Contra: -Änderungen der Fiskalpolitik benötigen einen langen politischen Prozess für ihre Durchsetzung aufgrund der notwendigen Gesetzesänderungen. -Es kann Jahre dauern, bis solche Änderungen vorgeschlagen, beschlossen und implementiert werden. -Aufgrund der Verzögerungen und der Schwierigkeit der Prognose zukünftiger Entwicklungen wird evtl. nicht eine gegenwärtige Rezession abgeschwächt, sondern ein zukünftiger Boom verstärkt.

334 334 2.Sollte die Geldpolitik, anstatt unstetig auf aktuelle Anforderungen zu reagieren, an strenge Regeln gebunden sein? Pro: -Eine situationsbedingte Politik kann unter Inkompetenz und Machtmissbrauch leiden. -Zentralbanker könnten gemäß ihrer politischen Präferenz Einfluss auf den Wahlausgang nehmen und damit einen political business cycle auslösen.

335 335 Pro: -Zentralbanker sind der Versuchung ausgesetzt, zur Reduzierung der Inflation mit bloßen Ankündigungen die Wirtschaft zu beeinflussen, die angekündigten Maßnahmen dann aber zu unterlassen. Dies wird das Problem der Zeitinkonsistenz genannt. -Aufgrund von Erfahrungen mit falschen Ankündigungen sind Menschen skeptisch gegenüber der Zentralbank und rechnen mit hohen Inflationsraten. -Dies wird vermieden mit einer strengen Regel der stetigen, moderaten Erhöhung der Geldmenge.

336 336 Contra: -Unflexible Regeln erlauben es einer Zentralbank nicht, auf sich verändernde ökonomische Bedingungen angemessen zu reagieren. -Probleme der Inkompetenz und des Machtmissbrauchs sind rein hypothetisch. -Die Bedeutung von political business cycles ist unklar. -Probleme der Zeitinkonsistenz werden abgemildert, wenn sich Zentralbanken um die Reputation bemühen, dass ihre Ankündigungen glaubwürdig sind.

337 337 3.Sollte die Zentralbank eine Inflation von Null anstreben? Pro: -Inflation bringt einer Gesellschaft keinen Nutzen. -Es entstehen Inflationskosten in Form von Schuhlederkosten, Menukosten, fehlender Konstanz der relativen Preise, Steuerverzerrungen, Konfusion und willkürlicher Umverteilung von Vermögen und Einkommen.

338 338 Contra: -Das Erreichen der Nullinflation geht mit einer hohen Unterbeschäftigung und Rezession einher. -Gemäß Schätzungen ist zur Reduzierung der Inflation um einen Prozentpunkt ein temporärer Produktionseinbruch zu erwarten. Aggregiert über den Anpassungszeitraum beläuft sich der Einbruch auf 5 Prozent des Inlandsprodukts. -Diese Kosten können als zu hoch empfunden werden.

339 339 Contra: -Ein temporärer Produktionseinbruch kann auch langfristig nachteilige Folgen haben. Aufgrund einer geringen Investition während einer Rezession ist der Kapitalstock, und damit auch die Produktivität, geringer. -Temporäre Arbeitslosigkeit kann Humankapital vernichten. -Um dies zu vermeiden sollte die Zentralbank auch höhere Inflationsraten hinnehmen.

340 340 Contra: -Nominale Löhne sind teilweise nach unten starr. -Eine moderate und konstante Inflation kann in diesem Fall die notwendige Anpassung der realen Löhne in Krisenbranchen ermöglichen. -Dies kann auch langfristig die Produktion eines Landes erhöhen, da die Anpassungsfähigkeit der relativen Löhne sich verbessert.

341 341 4.Sollte die Staatsverschuldung reduziert werden? Pro: -Die Staatsverschuldung muss von der zukünftigen Generation zurückgezahlt werden, welche deshalb unberechtigt unter hohen Steuern und geringem Einkommen leidet. -Ein Staatsdefizit verringert die gesamtwirtschaftliche Ersparnis. Hierdurch verringert sich der Kapitalstock und das Wachstum.

342 342 Contra: -Staatsausgaben werden teilweise auch für Investitionen in physisches Kapital und Humankapital getätigt, wovon auch zukünftige Generationen profitieren. -Produktivitätsfortschritte (und in manchen Ländern auch ein Anstieg der Bevölkerung) steigern die Fähigkeit der zukünftigen Generation, den Schuldendienst zu leisten. -Ein Anstieg der Verschuldung im Ausmaß des Wachstums des nominalen Inlandsprodukts ist unproblematisch.

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