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TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vorlesung: Systemvergleich I: Grundlagen und freiheitliche Systeme Teil A:

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1 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Vorlesung: Systemvergleich I: Grundlagen und freiheitliche Systeme Teil A: Funktionslogik und Evolution politischer Systeme Bachelor - Studiengang: Profilmodul ‚Politische Systeme‘ Kleines Modul ‚Politische Systeme‘ Großes Modul ‚PolitischeSysteme‘

2 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gliederung des Gedankengangs Politische Prozesse verlaufen entlang einer Reihe von für den Fachmann leicht zu erkennenden Grundmechanismen, die man praktisch nutzen kann. Manche von ihnen laufen unter Menschen immer ab, manche andere nur unter besonderen institutionellen Bedingungen. Mit den ersteren muss man immer rechnen; die anderen kann man – unter entsprechendem Ressourceneinsatz – schaffen oder deaktivieren. Wer diese Grundmechanismen kennt sowie weiß, wie sie in einem gegebenen politischen System geschaffen oder deaktiviert werden, kennt die ‚Funktionslogik‘ dieses Systems. Politik zu betreiben, heißt praktisch: seiner Ziele willen mit solchen Grundmechanismen arbeiten – und zwar möglichst kompetent. Politische Ordnung zu gestalten, heißt praktisch: wünschenswerte Grundmechanismen implementieren, wenig wünschenswerte Grundmechanismen deaktivieren. Im Kern dabei: richtige Ausgestaltung politischer Institutionen – und dem vorgelagert ist es gerade für praktisch interessierte Politikwissenschaftler wünschenswert, die ‚Architektur‘ und Evolution von Institutionen gut zu verstehen.  große Praxisnähe – allerdings die des Maschinenbauers, nicht die des Anwenders!

3 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Politik zu verstehen gelingt besonders dann, wenn grundlegende politische Wirkungs- zusammenhänge einem bekannt sind; wenn man gut versteht, warum sie so wirken; wenn man ihr Auftreten verlässlich erkennt; und wenn man gegebenenfalls sogar in der Lage wäre, sie auch selbst zu nutzen. = (Aus-) Bildungsziel

4 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt politisch zentrale Wirkungszusammenhänge Wirklichkeitskonstruktions-Mechanismus beruht auf dem Zusammenwirken von Operationswirklichkeit, Medienwirklichkeit, Perzeptionswirklichkeit und SituationsdefinitionOperationswirklichkeit vom ‚Thomas-Theorem‘ beschriebenThomas-Theorem Vorauswirkungs-Mechanismus (‚Antizipationsmechanismus ‘)Antizipationsmechanismus zwei politisch besonders wichtige Antizipationsmechanismen: ‚Wiederwahlmechanismus‘ ‚Mehrheitsmechanismus‘ Vielerlei intra- und inter-institutionelle Mechanismen (‚institutionelle Mechanismen‘)‚institutionelle Mechanismen‘ = nutzbar für ‚political engineering‘

5 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Operationswirklichkeit I = die Wirklichkeit ‚da draußen‘, in der man handelt (‚operiert‘) die so-und-nicht-anders beschaffen ist und funktioniert, und zwar... ganz gleich, wie man sie sich... vorstellt wünscht „Jene Wirklichkeit, die ‚zurückschlägt‘, wenn man sie falsch behandelt!“ In ihr stellen sich alle politischen Herausforderungen, und nur in ihr können sie gelöst werden – nicht in eingebildeten Wirklichkeiten!

6 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Operationswirklichkeit II wird zu einem gewissem Teil von Menschen bewusst (mit-)gestaltet besteht auch, wenn kein Beobachter sie sich vorstellt ist hier und jetzt ganz unabhängig von des Beobachters Ansichten und Wünschen besitzt eine hier und jetzt allem Handeln in ihr rahmengebende Funktionslogik... was für viele politisch engagierte Leute nicht leicht zu verdauen oder zu akzeptieren ist:  Voluntarismus  Ob derlei politisch akzeptiert wird oder nicht, mündet in zwei praktisch höchst folgenreiche Theorien des Politikmachens

7 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Plastilin-Theorie‘ der Politik Der Gegenstand politischer Gestaltung ist die Operationswirklichkeit. z.B.: eine Volkswirtschaft Die Operationswirklichkeit ist formbar wie Plastilin. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich so zum Funktionieren bringen, wie man will Politiker sind jene Leute, welche das Plastilin der Operationswirklichkeit zu formen haben. z.B.: Die Politiker haben eine Volkswirtschaft so auszuformen, daß die Wirtschaftssubjekte nicht mehr auf eigenen Vorteil ausgehen. Wenn sich das Plastilin nicht so formen läßt, wie man das gerne hätte, dann liegt das daran, daß man sich nicht ausreichend angestrengt und noch nicht ‚den richtigen Dreh‘ gefunden hat. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich sehr wohl so ausgestalten, daß die Wirtschaftssubjekte nicht mehr auf eigenen Vorteil ausgehen. Wir wissen nur noch nicht, wie man das genau macht – und brauchen darum ein neues, energisch vorangetriebenes Gesellschafsexperiment!

8 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Biotop-Theorie‘ der Politik Der Gegenstand politischer Gestaltung ist die Operationswirklichkeit. z.B.: eine Volkswirtschaft Die Operationswirklichkeit ist wie ein Biotop. z.B.: Eine Volkswirtschaft ist wie ein Biotop. Sie hat eingespielte Regelkreisläufe, in die man sehr wohl eingreifen kann, doch dabei ganz unerwartete Nebenwirkungen erzeugen und möglicherweise das ganze Biotop ‚zum Umkippen‘ bringen mag. Politiker sind jene Leute, welche das Biotop der Operationswirklichkeit zu kultivieren haben, d.h.: Sie sollen es gemäß den Wertvorstellungen seiner menschlichen Mitbewohner modifizieren, doch nicht zerstören! z.B.: Sie haben eine Volkswirtschaft so auszuformen, daß die Wirtschaftssubjekte zwar wie immer auf eigenen Vorteil ausgehen, doch daraus für möglichst viele etwas möglichst Nützliches entsteht. Wenn sich das Biotop nicht so verändern läßt, wie man das gerne hätte, dann liegt das möglicherweise daran, daß das aufgrund der funktionslogischen Zusammenhänge im Biotop eben nicht geht. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich vielleicht gar nicht so ausgestalten, daß die nach einer bestimmten Zeit realisierten Vorteile der einzelnen Wirtschaftssubjekte sich gleich oder gerecht verteilen. zentrale Aufgabe: seine Wirklichkeitswahrnehmung (= Perzeptionswirklichkeit) so ausgestalten, dass man die Operationswirklichkeit korrekt wahrnimmt! Wie geht das?  Teil ‚Wissenschaftstheorie‘ des Methodenmoduls !!

9 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Perzeptionswirklichkeit ist jene Wirklichkeit, die sich einem Beobachter als so und nicht anders darstellt ist geprägt durch des Beobachters Perspektivität und Selektivität  kann vom Beobachter selbst durch verändertes Beobachten verändert werden  konkretisiert die ‚Welt-Anschauung‘, d.h. die Ideologie des Beobachters verändert die Operationswirklichkeit allenfalls über von ihr angeleitetes Handeln politisch bedeutsame Ausprägungen: populäre Vorstellungen und Vorurteile; Ideologie bei politischen Elitegruppen und ihren Unterstützern

10 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Ideologie ist für die politische Praxis höchst brisant! weite Bedeutung: Eine unter den vielen Weisen, die Welt anzuschauen  eine perspektivische, selektive Welt-Anschauung enge Bedeutung: Eine die Operationswirklichkeit für einen gegebenen Zweck falsch wieder- gebende Perzeptionswirklichkeit  falsches Bewusstsein, eine falsche Weltanschauung  die folglich auch zu Handlungen führt, deren Folgen sich in der Operationswirklichkeit anders als erwartet auswirken (‚Thomas-Theorem‘)

11 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt = ‚Gesetz‘ von der wirklichkeitskonstruktiven Rolle bloßer Situationsdefinitionen „Wenn Menschen eine Situation als so-und-nicht-anders-beschaffen definieren und von dieser Situationsdefinition ausgehend handeln, dann sind die Folgen dieses Handelns real, ganz gleich, wie irreal die Situationsdefinition war.“ Das ‚Thomas-Theorem‘ Ideologie, gerade auch als falsches Bewusstsein reale Handlungsfolge einer irrealen Ursache

12 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiel zum ‚Thomas-Theorem‘ Eine Bank ist wirtschaftlich gesund. Dennoch wird in den Medien berichtet, sie stehe vor dem Bankrott. Viele Einleger glauben den Medien. Sie ziehen darum ihre Einlagen von der Bank ab. Die Bank kommt in Liquiditätsprobleme. Jetzt erleben die Einleger, dass die Bank wirklich Liquiditätsprobleme hat. Auch die Zweifler ziehen nun ihre Einlagen ab. Die Bank geht in Konkurs.  Operationswirklichkeit  Medienwirklichkeit  Perzeptionswirklichkeit  Situationsdefinition  Handeln auf der Grundlage der Situationsdefinition  Operationswirklichkeit  Beglaubigung der zunächst irrealen Situationsdefinition  Handeln auf der Grundlage der Situationsdefinition  Operationswirklichkeit

13 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Folgerungen Politisch lässt sich viel erreichen, wenn man zielgerichtet die Situationsdefinition von solchen Akteuren prägt, deren Handeln man beeinflussen will. Mittel: Information und Desinformation Propaganda, Zensur, ‚Kommunikationsmanagement‘ Etablierung von erwünschten Standards ‚politisch korrekten Denkens, Deutens und Darstellens‘ Symbolische Politik & politische Symbolik in jedem Fall: enges Zusammenwirken mit Journalisten und ‚Medienpotentaten‘ ‚drittes Gesicht‘ der Macht  ‚Konstruktivismus‘Konstruktivismus

14 ‚Konstruktivismus‘ seit vielen Jahren in der Soziologie: empirische Forschungen (ihrerseits bauend auf / mündend in ein großes Paradigma), auf welche Weise soziale Wirklichkeit durch Alltagshandeln konstruiert und reproduziert wird (  v.a.: Ethnomethodologie)  eindeutig korrekt seit noch mehr Jahren in der Erkenntnistheorie: Vorstellung, dass all unser Wissen über die Operationswirklichkeit auf (reine) gedanklichen Konstruktionen beruhtKonstruktionen  eindeutig überzogen seit den 1990ern eine – inzwischen stark abklingende – Mode in den Sozial- und Geisteswissenschaften: Es wurde korrekt erkannt, dass die soziale Wirklichkeit der Operationswirklichkeit von Menschen anhand ihrer (auch ganz fiktiven) Perzeptionswirklichkeit konstruiert wird Das allerdings wurde, meist über unklares Denken, verbunden mit der ganz anders gelagerten erkenntnistheoretischen Problematik, wonach wir für die Wahl unserer (handlungsleitenden) analytischen selbst verantwortlich sind. Hieraus wurde – oft ziemlich kokettierend – der Schluss gezogen, für Sozial- und Kulturwissenschaftler sei die Frage danach sinnlos, was wohl der Fall bzw. ‚empirisch gegeben‘ wäre: Bei allem ‚Empirischem‘ handele es sich um ‚reine Konstruktionen‘ Unbefriedigend in dieser Perspektive: Lösen sich die Probleme von Globalisierung und sozialer Gerechtigkeit wohl einfach auf, wenn wir gedanklich unsere Welt eben anders konstruieren? TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt

15 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Konstruktionsmodell‘ der Erkenntnis (Heinz v. Förster) richtig: Information über O ist immer durch theoretische Begriffe (vor-) strukturiert Anspruch: Vor Augen führen, dass sinnvolle Empirie nicht möglich ist. Problem: Leben 6 Millionen Juden sowie ihre Nachkommen dann wieder, wenn man sich ein Geschichtsbild konstruiert, in dem es keinen Holocaust gab? Oder wurden sie nach (!) Konstruktion eines solchen Geschichtsbildes nie umgebracht? Von einer ‚Operationswirklichkeit‘, die unabhängig von unserer Perzeptionswirklichkeit bestünde, kann man nicht sinnvoll sprechen. Es ist nicht so, dass man etwas ‚erkennt‘; vielmehr wählt man Denkkategorien und konstruiert anhand ihrer etwas, das man dann so behandelt, als ob es ‚die Wirklichkeit‘ wäre. ≈ Begriffe / Theorien erkennendes Subjekt S ‚erkanntes‘ Objekt O Operationswirklichkeit ? Perzeptionswirklichkeit ‚Kategorien‘ ‚erkanntes‘ Objekt O‘ konstruiert geistig ‚konstruktivistische‘ Erkenntnistheorie

16 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die ‚Antizipationsschleife‘ will etwas Bestimmtes erreichen oder vermeiden überlegt sich, wie für ihn wichtige Andere auf welche eigene Handlung vermutlich reagieren dürften (‚geplante Aktion‘) wählt seine Handlung so, dass mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit - das zu Erreichende erreicht - das zu Vermeidende vermieden wird Erwartungssicherheit antizipierte Reaktion durchgeführte Aktion Reaktionsstabilität tatsächlich eingetretene Reaktion

17 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Politikgestaltung über Antizipationsschleifen Es ist vorteilhaft, von vornherein Anreize für solches Verhalten zu erzeugen, das herbeigeführt werden soll. Zu diesem Zweck muss Erwartungssicherheit geschaffen werden über... erhältliche Gratifikationen bei Wohlverhalten eintretende Bestrafungen bei Fehlverhalten. Das erreicht man am sichersten durch... Einführung beeindruckender Möglichkeiten, zu belohnen oder zu bestrafen verlässliches Belohnen oder Bestrafen, sobald Anlass dafür gegeben ist. Besteht erst einmal Erwartungssicherheit, so müssen Bestrafungen meist gar nicht mehr durchgeführt werden, weil jenes Verhalten, das sie nach ziehen würde, seitens rationaler Akteure von vornherein unterbleibt. Grundsätzliche Asymmetrie: Erwartungssicherheit hinsichtlich von Bestrafungen braucht meist nur die Demonstration der Möglichkeit, zu bestrafen. Erwartungssicherheit hinsichtlich von Belohnungen lässt sich nur erhalten durch tatsächliches Belohnen. ‚Vorauswirkung‘ von Ursachen

18 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Antizipationsschleifen Folter: Vorzeigen der Folterwerkzeuge reicht meistens! MAD: ‚Mutual Assured Destruction‘ als zentrales sicherheitspolitisches Konzept im Kalten Krieg ABV: unübersehbare Präsenz von Polizisten im Wohnviertel und auf der Straße zur Prävention von Rechtsverstößen

19 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Grundproblem bei Politikgestaltung über ‚vermiedene Bestrafung‘ Ausgangslage: Bestimmtes Verhalten unterbleibt, weil die Akteure eine andernfalls eintretende Bestrafung erwarten. Schlussfolgerungen eines unbedarften Beobachters: (a) „Da Bestrafungen ja nicht erfolgen, gibt es keinen Grund, jenes Verhalten zu unterlassen!“ (b) „Bestimmtes Verhalten unterbleibt doch; deswegen gibt es keinen Grund, mit Strafen zu drohen und in zum Strafen geeignete Zwangsmittel zu investieren!“ Reale Folgen, falls solche Schlussfolgerungen die Politik zu prägen beginnen: Fall (a): Es wird die Glaubwürdigkeit der Strafandrohung getestet. Erweist diese sich als unglaubwürdig, bricht ihre gesamte verhaltensprägende Vorauswirkung zusammen. Fall (b): Bislang unterbliebenes Verhalten breitet sich aus, sobald klar wird, dass es am Willen oder der Fähigkeit zum Strafen fehlt!

20 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Der ‚Wiederwahlmechanismus‘ Er verdankt sein Amt freien Wahlen. Er möchte so gerne wiedergewählt werden. Er ist aber abhängig von der freien Entscheidung der Wähler. Er kann wiedergewählt werden. Also fühlt er starken Anreiz sein Amt so führen, dass ihn die Wähler wirklich wiederwählen wollen.... hat ein Amt auf Zeit. Und darum kann er während seiner Amtszeit nicht allzu lange oder allzu weit von dem abweichen, was die Wähler zu akzeptieren bereit sind!

21 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Der ‚Mehrheitsmechanismus‘ möchte Mehrheit will solche Mehrheit verhindern sucht Schwachpunkte in der Argumentation des Gegner appelliert an mehrheits- verhindernde Interessenlagen ausnutzbare Schwachpunkte zu vermeiden so viele Interessen zu berücksichtigen, wie für eine Mehrheit nötig sind führt nachteilige Folgen der Politik des Gegners vor Augen Nachteile für möglichst wenige zu verursachen entscheiden Lernen (aufgezwungenes) Vorteil antizipiert mehrheitsverhindernde Argumente des Gegners und versucht darum... im Optimalfall: kenntnisreich und kritisch weniger Nachteile verursacht mehr Interessen berücksichtigt Konflikt

22 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Institutionelle Mechanismen sind verlässlich auslösbare und zielgerichtet einsetzbare Handlungsketten, die angeleitet von Interessen entlang von Regeln beruhend auf Positionen und den mit diesen verbundenen Ressourcen in und zwischen Sozialorganisationen zur Erreichung von Zielen genutzt werden können, sofern Interessen-, Struktur- und Verhaltensstabilität für Erwartungssicherheit und verlässlich wirkende Antizipationsschleifen sorgen.

23 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Wirkungen der Handlungskette ‚Institutioneller Mechanismus‘ Position Ressourcen Macht ausgelöste Handlungskette - beabsichtigte - unbeabsichtigte erzeugt durch Organisations- und Institutionenbildung formal oder informal Regeln persönlich definiert Grundlage: Erwartungssicherheit (‚Antizipationsschleifen‘) Interessenverwirklichung Zielverwirklichung Position Regeln Interessen Regeln Interessen ?

24 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für politisch wichtige institutionelle Mechanismen Gegenseitigkeitsmechanismus Verantwortlichkeitsmechanismus Gegenzeichnungsmechanismus Mannschaftsmechanismus Kopplungsmechanismus Überlagerungsmechanismus Kommissionsmechanismus

25 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gegenseitigkeitsmechanismus Funktion: Sorgt für Geben und Nehmen mit Erwartungssicherheit einer fairen Leistungsbalance Beispiel: Budgetrecht von Ständevertretungen im dualistischen Fürstenstaat Mechanismus: Regel: Monarch bekommt gesellschaftliche Ressourcen (Geld, Naturalien, Dienstleistungen, Soldaten) nur gegen Zweckbindung oder gegen die Zusicherung von Gegenleistungen. Positionen und Ressourcen: Monarch: Hat Vollmacht und Aufgabe zu regieren; kann das aber mit Eigenmitteln nicht leisten. Ständevertreter: Verfügen über jene Ressourcen, die der Monarch benötigt – als Vertreter bzw. Besitzer reicher Städte, Stifte oder Herrschaften Interessen: Monarch: Will in der Regel seine – auch: selbstdefinierten! – Aufgaben erfüllen, dafür nötige Ressourcen, doch möglichst wenige Konflikte mit seinen Ständen. Ständevertreter: Wollen die unverzichtbaren öffentlichen Aufgaben zwar erfüllt sehen, doch den Monarchen nicht übermächtig machen, vielmehr ihre eigene Machtstellung sichern oder ausbauen und im Grunde von den von ihnen kontrollierten Ressourcen möglichst wenig abgeben. Allgemeine Anwendung: Etablierung von Kontrolle über ressourcenschwache (!) Machtinhaber – wobei Ressourcenschwäche relativ ist

26 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Verantwortlichkeitsmechanismus Funktion: Sorgt für Einfluss von Regierten auf Regierende Beispiel: Verantwortlichkeit eines Regierungschefs vor dem Parlament Mechanismus: Regel: Parlament (möglicherweise auch dessen Minderheit!) darf Regierungschef auch gegen seinen Willen zur Rede stellen, dessen Antworten politisch bewerten und an die Bewertung Konsequenzen knüpfen. Positionen und Ressourcen: Regierungschef: Kann kritischen Nachfragen nach seinen Handlungen nicht entgehen und muss darum entweder schwer verteidigbares Handeln unterlassen oder vertuschen, was letzteres mit einem großen Risiko verbunden ist Parlament: Hat die Möglichkeiten (ggf. als Minderheitenrechte ausgestaltet), den Regierungschef zur öffentlichen Rechenschaftslegung zu zwingen und kann ihn kritisieren, seinen Rücktritt fordern, sein Budget kürzen, seine Gesetzesvorlagen ablehnen oder ihn gar abwählen Interessen: Regierungschef: Will in der Regel Amt behalten und öffentlich angesehen sein. Parlament: Wünscht entweder gute Arbeit des Regierungschefs oder dessen Sturz. Allgemeine Anwendung: Etablierung von Kontrolle über Amtsinhaber

27 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Gegenzeichnungsmechanismus Funktion: Institutionalisiert Kontrolle (‚Zwei-Schlüssel-System‘) Beispiel: Kontrasignatur in konstitutioneller Monarchie (= ‚Erster Minister unterzeichnet Rechtsakte des Monarchen und übernimmt die Verantwortung‘) Mechanismus: Regel: Rechtsakt des Monarchen braucht Gegenzeichnung durch Ersten Minister Positionen und Ressourcen: Monarch: materielle Herrschaftsbefugnis, symbolische Macht Parlament: Seine Zustimmung für Haushaltsvorlagen ist sowohl nötig als auch aus rein politischen Motiven verweigerbar Erster Minister: stets suspensives Veto-Recht; dann ein quasi-absolutes Vetorecht, wenn er sich auf eine Parlamentsmehrheit stützen kann, mit der sich im Wahlkampf anzulegen der Monarch scheut Interessen: Monarch: Will seine Wünsche von Erstem Minister durchgesetzt sehen, aber Streit mit Ersten Minister / Parlament vermeiden Erster Minister: Will seine Wünsche vom Monarchen durchgesetzt sehen, aber Streit mit ihm vermeiden Parlament: Mehrheit will ihre Wünsche durchgesetzt sehen, scheut aber meist Neuwahl Allgemeine Anwendung: Institutionalisierung eines Veto-Spielers – den man dann seinerseits mit weiteren institutionellen Mechanismen kontrollieren kann

28 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Mannschaftsmechanismus Funktion: Sorgt für die Bildung stabiler, konkurrenzfähiger politischer ‚Kampfgemeinschaften‘ Beispiel: Fraktionenbildung im parlamentarischen Regierungssystem Mechanismus: Regel: Parlamentsmehrheit kann Regierungschef abwählen Positionen und Ressourcen: Parlament: Bei Mehrfraktionenparlament in der Regel parteipolitische Konkurrenz um die Regierungsrolle; also Auseinandertreten von Regierungsmehrheit und Opposition Regierungschef: Kann sich schadlos mit Opposition anlegen, nur unter großem Risiko aber mit Regierungsmehrheit Regierungsmehrheit: Kann jederzeit Regierungschef auswechseln Opposition: Kann Ansehen des Regierungschefs zu mindern versuchen und so Druck auf Regierungsmehrheit ausüben Interessen: Regierungsmehrheit und Regierungschef: Wollen an Macht bleiben Opposition: Will die politische Stellung des Regierungschefs und seiner Mehrheit schwächen Allgemeine Anwendung: Sicherung eines Gefolgschaftsverhältnisses und von Mannschaftsdisziplin unter einem als stark geltenden politischen Führer

29 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kopplungsmechanismus Funktion: Sorgt für die Verkoppelung ansonsten getrennter Handlungs- und Verantwortungsketten Beispiel: Selektion von – auch informellen – Parteiführern für Abgeordnetenmandate Mechanismus: Regel: Nur der erlangt eine aussichtsreiche Kandidatur, der sich zuvor als Parteiführer durchgesetzt hat. D.h.: Parteiamt und Parlamentsmandat werden faktisch gekoppelt Positionen und Ressourcen: Abgeordneter-Parteiführer: Hat als Abgeordneter ein freies Mandat, braucht als Parteiführer aber innerparteiliche Unterstützung Partei / Selektorat: Kann zwar nicht auf den Abgeordneten Einfluss nehmen, sehr wohl aber auf den Parteiführer Interessen: Abgeordneter-Parteiführer: Will in der Regel Abgeordneter bleiben und kann darum als Parteiführer nicht die Grenzen der Zustimmungsbereitschaft seiner Partei ignorieren Partei / Selektorat: Wünscht Einfluss auf das parlamentarische Verhalten des ‚eigenen‘ Abgeordneten – weiß es aber zu schätzen, wenn dieser unpopuläre Entscheidungen in Ausübung seines ‚freien Mandats‘ auf die eigene Kappe nimmt Allgemeine Anwendung: Etablierung von effektiven principal-agent-Verhältnissen, wo rechtlich Unabhängigkeit besteht; u.a.: Verbindung von Repräsentation mit Demokratie

30 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Überlagerungsmechanismus Funktion: Sorgt für die starke Führung ‚hinter den Kulissen‘ oder in Abweichung von formalen Normen Beispiel: Führung des politischen Systems der DDR durch die SED Mechanismus: Regel: Entscheidungen formal zuständiger Institutionen oder Amtsträger bedürfen der Bestätigung durch einen ‚Hintergrundakteur‘ (‚herrschende Partei‘ oder ‚graue Eminenz‘, ‚Pate‘) Positionen und Ressourcen: formaler Akteur: entscheidet gemäß formalen Normen Hintergrundakteur: hat jederzeit Veto-Möglichkeit, die ihrerseits durch Antizipation vorauswirkt Interessen: formaler Akteur: Will seine Aufgaben erfüllen, ohne sich vom Hintergrundakteur Ärger einzuhandeln Hintergrundakteur: Will seine Ziele durchsetzen – bisweilen ganz offen, bisweilen ohne erkannt zu werden Allgemeine Anwendung: Sicherung von erwünschten realen Machtverhältnissen selbst dann, wenn – aus gleich warum ins Gewicht fallenden Gründen – andere Machtverhältnisse simuliert werden sollen / müssen.

31 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kommissionsmechanismus Funktion: Sorgt für das Versickern von Verantwortung Beispiel: Berufung einer Expertenkommission, wenn ein politisches Problem akut wird, aber nicht sofort nach einer Führungsentscheidung verlangt Mechanismus: Regel: Es ist möglich, Kommissionen zur Vorbereitung von Entscheidungen zu bilden Positionen und Ressourcen: Einberufender: Legt Personenkreis, Beratungsgegenstand und Zeitrahmen für Kommission fest Kommissionsmitglieder: Können beraten und die (Zwischen-) Ergebnisse ihrer Beratungen ggf. an die Öffentlichkeit tragen Interessen: Einberufender: Kann Handlungserwartungen an ihn verringern, Zeit gewinnen, Versuchsballons starten (lassen) und Politikvorschläge vorlegen lassen, beim Umgang mit welchen ihm eine Reihe von Handlungsoptionen bleibt Kommissionsmitglieder: Selbstbestätigung, Einflussmöglichkeit, loyales Mannschaftsspiel Allgemeine Anwendung: ‚Wenn du nicht mehr weiter weißt, gründe einen Arbeitskreis!‘

32 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Institutionen und ihr Wandel Politische Systeme bestehen in ihrem Kern aus Institutionen.  Institution = ein Rollengefüge, dass sich durch symbolische Repräsentation und emotionale Vermittlung seiner Ordnungsvorstellungen und Geltungsansprüche selbst stabilisiert ‚Politische Systembaukunst‘ (‚political engineering‘) braucht darum ein gründliches Verständnis dessen, wie Institutionen zustande kommen und aufrechterhalten werden welche Rahmenbedingungen die ‚Architektur‘ einer Institution ihrer Weiterentwicklung setzt. Grundzüge institutioneller Analyse und des Evolutorischen Institutionalismus

33 Institutionen sind soziale Strukturen, bei denen … komplexe Rollen(gefüge) anhand von wechselseitig erwarteten Sinndeutungen und Regelbefolgungen stabil aufeinander bezogen sind (‚institutionelle Form‘) effektive Symbolisierung von deren Ordnungsprinzipien und Geltungsansprüche dieses Sozialarrangements weiter stabilisiert sind die zentralen ‚Bausteine‘ von sozialer bzw. politischer Wirklichkeit einesteils: ‚Personeninstitutionen‘ wie Kirchen, Verwaltungen, Armeen … andernteils: ‚Sachinstitutionen‘ wie Eigentum, Rechtsstaatlichkeit, Glaubensfreiheit … sind Gebilde mit einem komplexen ‚Bauplan‘ bzw. ‚Bauprogramm‘: ‚am Anfang‘ / ‚unten‘: tragende handlungsleitende Selbstverständlichkeiten bzw. Strukturen zur Erfüllung von Grundfunktionen (= Träger von auf ihnen auflastenden Bürden) ‚am Ende‘ / ‚oben‘: ‚abhängige‘ Regeln/Sinndeutungen bzw. ‚abhängige‘ Strukturen zur Erfüllung von Sonderfunktionen (= memetische bzw. funktionelle Bürden) sind in evolutionstheoretischer Perspektive: auf der (höheren) Wirklichkeitsschicht komplexer sozialer Figurationen das Gegenstück zu den ‚Arten‘ auf der (niedrigeren) Wirklichkeitsschicht komplexer biologischer Figurationen mit … … folgenden analytischen Äquivalenzen: Mem  Gen, Memotyp  Genotyp, Phämotyp  Phänotyp, Mitglied  Individuum, epimemetisches System  epigenetisches System usw. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt = aufgebaut durch soziales Handeln, das seinerseits durch wechselseitig erwartete ‚kulturelle Muster‘ (= Meme / Memplexe) gesteuert / geprägt wird.

34 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt LI (1) Menschen … beziehen ihre Handlungen sinnhaft aufeinander und bauen Rollenstrukturen auf Grundlage: ‚natürliche Sozialität‘ (d.h. ange- borene Kompetenzen) (2) Es ist möglich, dass Menschen ein gemeinsames Ziel verfolgen oder sich gemeinsam abgrenzen: Leitidee (LI), Leitdifferenz (LD) Leitideenbündel, Leitdifferenzenprofil Dabei: Wechselwirkungen von vorgeblen- deter und real befolgter Leitidee möglich! LILD LI (3) Dann entstehen von dieser Leitidee usw. geordnete Strukturen, nicht selten in hier- archischer Schichtung, und sorgen für Hand- lungssicherheit / erwartbare Handlungsmuster (4) Menschen können die Ordnungsvorstellun- gen und Geltungsansprüche dieser Leitidee usw. auch noch für sich und andere symbolisch zum Ausdruck bringen (‚Ästhetisierung‘) und so in der Tiefenschicht emotionaler Bindung verankern. (5) Genau dadurch entsteht eine Institution und wird – möglicherweise – verfestigt durch eine Reihe von Mechanismen = ‚Dresdner institutionelle Analyse ‘ (6) Anschließend prägt eine Institution (teilweise) einesteils die sie tragenden Menschen (‚Subjektformierung‘), andernteils die ‚Umwelt‘ der Institutionen / der sie tragenden Menschen Achtung Achtung: Keineswegs sind soziale Strukturen ‚Naturtatsachen‘ wie chemische oder physiologische Strukturen. Sie sind vielmehr höchst störungsanfällige ‚Kulturtatsachen‘, die allenfalls dem Alltagsdenken als ‚ganz natürlich‘ erscheinen, jenseits von dessen Grenzen aber einer gesonderten theoretischen Erfassung und Erklärung bedürfen. Institutionenbildung

35 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Die ‚Architektur‘ einer Institution

36 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Die ‚Architektur‘ einer Institution = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) wegbrechender Teil der Institution Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe z.B.: ein Parlament im parlamen- tarischen Regierungssystem Abschaffung der Regel, wonach das Parlament die Regierung stürzen kann Wegfall parlamentarischen Rückhalts für die Regierung Wegfall von Fraktionsdisziplin  Wandel der Institution dieses Parlaments

37 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe  Was geschieht, wenn z.B. ein Parlament keine gesetzgebenden Mehrheiten mehr zustande bringt?

38 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe wegbrechender Teil der Funktionserfüllung Träger ‚funktioneller Bürden‘: Müssen bestehen bleiben, damit die jeweilige Funktion erfüllt werden kann keine Gesetzgebungs- mehrheit reduzierte rechtsstaatliche Problemlösungsmöglichkeiten reduzierte Möglichkeiten ‚guten Regierens‘

39 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt = Institution, d.h.: ein verfestigter ‚Aggregatzustand‘ sozialer Wirklichkeit, der dauerhaft sein, sich wandeln oder wieder ‚entfestigen‘ kann. Systemaufgabe A Systemaufgabe A: Aufbau und Sicherung tragfähiger Strukturen dabei: ‚Unten‘ müssen sehr belastungsfähige grundlegende Regeln und Positionen bestehen, da ihr Wegbrechen ihren ganzen ‚Überbau‘ ebenfalls wegbrechen ließe Träger ‚struktureller Bürden‘: Müssen gebildet sein, bevor sich weitere Strukturschichten auf ihnen aufbauen können, und müssen diese dauerhaft tragen können (d.h. ‚verkoppelt sein‘) Umwelt der Institution Leistungsanforderungen (‚funktionelle Anforderungen‘) aus der Umwelt an die Institution (… sonst keine Ressourcen!) Funktion der Institution für ihre Umwelt (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch) Systemaufgabe B Systemaufgabe B: Sicherung funktionserfüllender Strukturen dabei: In der Regel bestehen ‚Funktionsketten‘, weshalb die Entfernung von tragenden Kettengliedern auch die ganze folgende Funktionskette reißen ließe Träger ‚funktioneller Bürden‘: Müssen bestehen bleiben, damit die jeweilige Funktion erfüllt werden kann Veränderungen an den Trägern struktureller oder funktioneller Bürden werden weitestreichende Folgen haben für die … - Stabilität der Institution - Funktionsfähigkeit der Institution Je ‚tiefer‘ eine Veränderung (z.B. durch Reformen) ansetzt, um so schwerer vorhersehbar werden ihre Auswirkun- gen auf den ‚oberen‘ Schichten der Institution sein. - ‚oben‘: wenig Risiko / viele Freiheitsgrade beim ‚Experimentieren‘ - ‚unten‘: großes Risiko / wenig Freiheits- grade beim ‚Experimentieren‘ Veränderungen bei den funktionellen Anforderungen an eine Institution kön- nen die bisherigen Träger funktioneller Bürden nutzlos (‚bürdelos‘) machen.  eröffnet strukturelle Freiheitsgrade des ‚Experimentierens‘

40 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚funktionelle Bürden‘ Eine Struktur, welche eine Funktion erfüllt, trägt eine ‚funktionelle Bürde‘ z.B.: Fundamente eines Hauses tragen die Mauern z.B.: disziplinübende Fraktionen im parlamentarischen Regierungssystem tragen eine Regierung Üblich sind Schichten von funktionellen Bürden: z.B.: Fundamente eines Hauses tragen die Mauern, die Mauern tragen das Dach, das Dach trägt im Winter den Schnee z.B.: disziplinbereite Abgeordnete tragen die Fraktionsführung, die Fraktionsführung die Regierung, die Regierung eine berechenbare Position in einer internationalen Organisation Folglich wird es fatale Folgen haben, an den tieferen Trägerschichten funktioneller Bürden etwas zu verändern, solange nicht funktionelle Äquivalente zur verlässlichen Erfüllung der bisherigen Trageleistung bereitstehen. z.B. ist es fatal, eine stabile Regierung eines Landes zu stürzen, solange nicht eine alternative stabile Regierung zur Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung verfügbar oder wenigstens verlässlich in Aussicht ist; siehe Irak! Achtung: Die funktionserfüllenden Strukturen müssen zu den realen Funktionsanforderungen der Umwelt passen!

41 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚memetische Bürden‘ Ein ‚Mem‘ ist... ein Informations- oder Sinndeutungsmuster, das weitergegeben werden kann (z.B. eine Aussage darüber, wie Fraktionsdisziplin entsteht oder wie sie zu verstehen ist) eine Regel, die befolgt werden kann (z.B. eine Geschäftsordnungsregel) eine Handlung, die nachgeahmt werden kann (z.B. ein Führungsstil) Ein Mem, von dem folgendes abhängt, trägt eine ‚memetische Bürde‘: Plausibilität einer weitergehenden Argumentation oder Interpretation (z.B.: ‚Es ist gut, dass es Fraktionsdisziplin gibt!‘) Gültigkeit bzw. Überzeugungskraft einer Regel (z.B. wird eine Rechtsverordnung ungültig, wenn das sie begründende Gesetz außer Kraft tritt) Nachahmungswahrscheinlickeit einer Handlung (z.B. werden Handlungen charismatischer oder angesehener Politiker eher nachgeahmt als die von für ganz unbegabt gehaltenen Politikern) Üblich sind Schichten von memetischen Bürden; siehe oben! Folglich wird es fatale Folgen haben, an ‚tieferliegenden‘ Memen etwas zu verändern, solange nicht funktionelle Äquivalente zur verlässlichen Erfüllung der bisherigen Trageleistung bereitstehen. z.B. ist es fatal, das Verbot von Kinderpornographie aufzuheben, wenn man einen Markt für Kinderprostitution gerade nicht will; analog: Drogen, Gewalt... Hinweis: ‚Meme‘ sind in der kulturellen Evolution die Seitenstücke zu den Genen der biologischen Evolution ‚memetische Replikation‘ Wichtig neben den funktionellen Bürden:

42 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Strukturbildung und Meme Strukturen werden über Prozesse aufgebaut, bei denen die Replikation von Memen eine große Rolle spielt.  z.B. Mem ‚Frauen gehören zu Haushalt und Kindern!‘ Ändern sich Meme, so ändern sich auch Strukturen – vor allem dann, wenn grundlegende Meme verändert werden  z.B. Mem ‚Frauen sollen gleiche Rollen spielen wie Männer!‘

43 Meme unterliegen dem evolutionsbewirkenden Variations-, Selektions- und Mutationsprozess;  ‚memetische Fitness‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Memetik ( Richard Dawkins, Susan Blackmore, Evolutorischer Institutionalismus …) Ist die Weiterführung der Einblicke in den (rein chemisch ablaufenden) genetischen Replikationsmechanismus ins Verständnis kultureller Replikationsmechanismen deren Grundeinheit: kulturelle Muster, die – gewiss auf biologischer Grundlage;  Schichtenbau der Wirklichkeit! – nachgeahmt und auf diese Weise tradiert werden können (Verhalten, Reden, Denken …; Begriff: Mem bzw. Memplex), und zwar … entweder unmittelbar durch Nachahmung, z.B. durch Nachsingen einer Melodie oder Befolgen eines Rollenmodells (sprachliche Nähe: Memetik – Mimetik; ‚lamarckistische Replikation‘) oder mittelbar durch Erlernen von Regeln, bei deren Anwendung das zu tradierende Muster neu entsteht, z.B. durch Erlernen der Notenschrift und der Fähigkeit, die in Notenschrift codierte Melodie auf einem Instrument zum Klingen zu bringen, oder durch Erlernen und Befolgen jener Regeln, die eine soziale Rolle konstituieren (‚darwinistische Replikation‘) Meme/Memplexe sind die Durchführungsmittel sämtlicher Prozesse kultureller sowie sozialer Struktur-, Rollen-, Organisations- und Institutionenbildung. begriffliche Schnittstelle: biologische Evolutionstheorie: Weitergabe jener Informationen, aus welchen (biologische) Strukturen reproduziert werden, in chemisch codierter Form, nämlich in Genen kulturwissenschaftliche sowie soziologische Evolutionstheorie: Weitergabe jener Informationen, aus welchen Strukturen reproduziert werden, in kulturell codierter Form, nämlich in Memen Es zeigt sich: Alle Theoreme der Evolutionstheorie, in denen der Begriff des ‚Gens‘ bzw. dessen Derivate (Genpool und Genotyp, epigenetisches System; sowie Phän, Phänpool und Phänotyp) eine Rolle spielen, bleiben empirisch sinnvoll, wenn in sie der parallele Begriff des ‚Mems‘ und dessen Derivate eingesetzt werden (Mempool und Memotyp, epimemetisches System; sowie Phäm, Phämpool und Phämotyp). Meme werden getragen / geborgen von ‚Vehikeln‘ (Menschen, Institutionen, Informationsträger …), die ebenfalls dem Evolutionsmechanismus unterliegen (Variation, interne und externe Selektion, Fitness …)

44 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt funktionelle und memetische Bürden Strukturen erfüllen Funktionen  z.B. Parteien die Funktion politischer Rekrutierung Veränderte Strukturen werden bisherige Funktionen manchmal besser, häufiger schlechter und bisweilen überhaupt nicht mehr erfüllen.  z.B. verächtlich gemachte, wenig attraktive Parteien die Funktion politischer Rekrutierung Zu genau solchen nicht verlässlich vorhersagbaren Effekten werden also veränderte Meme führen.  z.B. ein gesellschaftlich kultivierter ‚Anti-Parteien-Affekt‘ Es gibt keine Garantie dafür, dass memetisch attraktive Veränderungen zu funktionell besser geeigneten Strukturen führen.  z.B. die Schwächung der Stellung von Parteien zur Rekrutierung besseren politischen Personals Besonders dramatische Konsequenzen können darum Veränderungen an Trägern solcher memetischer Bürden haben, die zu funktionell stark bebürdeten Strukturen führen.  z.B. die Verächtlichmachung von Parteien für das Funktionieren eines von starken Parteien getragenen politischen Systems Achtung: ‚memetische Attraktivität‘ ≠ ‚funktionelle Tauglichkeit‘; und somit scheitern viele plausibel anmutende Reformen!

45 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚starre‘ Strukturen vs. Freiheitsgrade von Wandel meist schwer zu ändern, ganz gleich ob zufällig oder absichtlich: die fundamentalen Träger struktureller (= letztlich ‚memetischer‘) oder funktioneller Bürden Beispiele: Träger struktureller (‚memetischer‘) Bürden: Verfassung eines Staates, Konstitutionen (oder gar die Regel) eines Ordens Träger funktioneller Bürden: ein Parlament als Organ der Gesetzgebung, das Amt des Ordensoberen als Leitungsorgan seiner Institution oft leicht zu ändern, sowohl zufällig als auch absichtlich: die ‚äußeren‘ bzw. ‚oberen‘, weder strukturell noch funktionell schwer bebürdeten Strukturschichten einer Institution Beispiele: Detailvorschriften in einem Ministerium zur Abrechnung von Reisekosten funktionelle Details am Habit eines Ordens (Art des Stoffes, Länge des Gewands …) Folgen: Eingriffe an fundamentalen Trägerschichten struktureller oder funktioneller Bürden … werden entweder in der Praxis verpuffen oder zu dramatischen Veränderungen der Institution führen – möglicherweise bis hin zu Krisen mit für die Institution selbstzerstörerischen Folgen Eingriffe an den ‚oberen‘ bzw. ‚äußeren‘ Strukturschichten einer Institution … werden leicht möglich sein, am ‚Bauplan‘ und an der grundsätzlichen Funktionslogik der Institution nur wenig ändern. Das heißt: In der Regel werden Institutionen … hinsichtlich ihres ‚Grundbauplans‘ sich nur sehr langsam durch Überbauung und Umnutzung ihrer Grundstrukturen verändern, dabei ggf. auch ‚transformiert‘ werden oder aber, bei im Wortsinn ‚tief greifenden‘ Reformen, in Krisen geraten und im Anschluß an solche Krisen … entweder einen Teil der Reformen rückgängig machen oder sich durch Veränderung ihrer Leitidee(n) auf eine andere memetische (d.h.: soziale Strukturen erzeugende) Grundlage stellen und / oder sich auf andere Funktionen ausrichten oder einen ‚Niedergang‘ erleiden bzw. zerfallen. aber: keinerlei Garantie, daß sich nach strukturellen Veränderungen weiterhin die funktionellen Bürden tragen lassen! große Starrheit  wenig Freiheitsgrade Genau das gibt der Entwicklung von Institutionen ihre ‚Richtung‘! dann: Krise der Institution‘ Wandel dennoch leicht aus- gelöst durch epimemetische Variation und Mutation geringe Starrheit  viele Freiheitsgrade Prägefaktoren und Formen von historischen Verlaufsmustern: ‚epimemetisches System‘ = alles, was auf jene Verkoppelung von Memen hinwirkt, deren Resultat eine bestimmte – und keine andere – institutionelle Form ist (  Machtstrukturen). ‚Restabilisierung‘

46 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt institutionelle ‚Fitness‘, Passungs- mängel und Reformen = ‚institutionelles Lernen‘ = aufgezwungener, mitunter nicht mehr zu bewältigender Institutionenwandel institutionelle Reformen = Chancen und Risiken von institutionellen Reformen Grundlage: von den ‚institutionellen Weltbildapparaten‘ (‚Lageinformationszentren‘) vermittelte Lagebilder, welche (eher) zutreffend oder (eher) falsch sein können. weitere Ursachen typischer geschichtlicher Verlaufsmuster: stabiler Zustand einer Institution: Sie erbringt für ihre Umwelt / Nische solche Leistungen, in Austausch für welche sie jene Ressourcen erhält, die für ihr Weiterbestehen ausreichen. Begriffe: ‚Passung‘; Fähigkeit, diese zu sichern: ‚Fitness‘ Veränderungen dieses stabilen Zustands ergeben sich bei … Wegbrechen wichtiger Träger von strukturellen oder funktionellen Bürden durch faktisch – auch unabsichtlich! – falsch ansetzenden inner-institutionellen Wandel Veränderungen der funktionellen Anforderungen der Umwelt an die Institution, so daß bisherige Funktionsketten leerlaufen und Ressourcenentzug einsetzt Turbulenzen in der Umwelt, welche die bisherige funktionelle oder strukturelle Passung der Institution an ihre Umwelt beeinträchtigen. Folgen: entweder … korrigiert die Institution Pathologien inner-institutionellen Wandels verändert sie ihre Leitidee(n) und Strukturen so, daß sie den neuen funktionellen Umweltanforderungen ressourcensichernd gerecht werden kann schafft sie es, durch Mobilisierung von Ressourcen Umweltturbulenzen abzupuffern oder die Institution gerät in eine Krise mit für die Institution möglicherweise selbstzerstörerischen Folgen

47 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Eine Institution zieht neue Mitglieder an (‚Novizen‘) und sozialisiert sie (‚memetische Replikation‘). Dabei kommt es zu Variation im Mempool: Die Novizen haben unterschiedliche Hintergründe, weswegen sie die vermittelten ‚kulturellen Muster‘ nicht völlig identisch, sondern auch mehr oder minder unterschiedlich auffassen und sich diese variantenreich anverwandeln. Immer wieder kommt es auch zu Mutationen (‚Weitergabefehlern‘) bei der memetischen Replikation: Meme werden – auch aufgrund von Problemen mit ihren ‚Trägern‘ (‚Vehikeln‘) – fehlerhaft weitergegeben; Meme werden kreativ neu- oder missverstanden bzw. in neue, anderen Sinn stiftende Kontexte gerückt; Meme werden in bisher unbekannter Art neu kombiniert; neue Meme werden aus Negationen oder Abwandlungen bisheriger Meme erzeugt. Viele Memvariationen oder Memmutationen (‚Memvarianten‘) werden … folgenlos sein nicht zu nachhaltig stabilen Verhaltensmustern und sozialen Strukturen führen, da sie nicht zu den handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten in der Institution oder zu den zu erfüllenden funktionellen Anforderungen passen (‚Fitness‘; ‚innere‘ Selektionsfaktoren vs. ‚äußere‘ Selektionsfaktoren). Manche Memvarianten werden aber so gut zu den bisherigen ‚handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten‘ (= inneren Selektionsfaktoren) in der Institution und zu den von der Institution zu erfüllenden Funktionen (= äußere Selektionsfaktoren) passen, dass ihre Träger (= entsprechend sozialisierte Mitglieder) in Konkurrenz mit anders sozialisierten Institutionsmitgliedern größere Durchsetzungs- und Karrierechancen haben (= memetische Reproduktionsvorteile). Diese Memvarianten werden dann auch besonders große Chancen weiterer Weitergabe haben, womit sich im Lauf der Zeit der Mempool der Institution verändert und es zur Memdrift kommt. Diese mag im Nachhinein wie ein ‚logischer‘ oder ‚notwendiger‘ Prozeß anmuten, verdankt ihre Richtung aber nur dem Wechselwirken von zwei Faktoren: zufällige Memvariationen und Memmutationen (  Kontingenz) größere Durchsetzungschancen solcher Memvarianten, die (1) zu den wirksamen ‚kulturellen Mustern‘ einer Institution und (2) zu den von ihr zu erfüllenden funktionellen Anforderungen passen, also: welche die Filterwirkung sowohl der inneren (=1) als auch der äußeren (=2) Selektionsfaktoren überstehen. Auf genau diese Weise sind die kulturellen Voraussetzungen (= intern) einer Institution sowie die funktionellen Anforderungen an sie (= extern) höchst folgenreich für institutionelle Evolutionsprozesse. ‚Generation‘ bei Institutionen = die Kohorte der zu einem gemeinsamen Zeitpunkt eintretenden Novizen – mit den gleichen Überlappungen, wie sie sich bei einer biologischen Art im Zusammenleben von Großeltern, Eltern und Kindern ergeben. Grundzüge von Institutionenevolution  soziale Strukturen werden durch soziales Han- deln anhand kultureller Muster (‚Meme‘) aufgebaut

48 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Umwelt / Nische der Institution Institution Ursache III: Wandel in der Umwelt/Nische ‚Turbulenzen‘, d.h. mehr oder minder chaotische Veränderungsprozesse außerhalb der Institution veränderte funktionelle Anforderungen an die Institution (manifest oder latent, instrumentell oder symbolisch)  ggf. Folge von beiden Faktoren: wandel- erzeugendes Zutagetreten bislang unwich- tiger Schwächen der institutionellen Form Wandel von Institutionen Ursache II: zufällige Veränderungen wirklich- keitskonstruktiver (Replikations-) Prozesse phämotypische Variation und Mutation memetische Variation und Mutation epimemetische Variation und Mutation Ursache I: Wechselwirkungen zwischen Generationenwechsel und Institutionalität veränderte biographische Prägungen von Novizenkohorten führen zu ‚überzufälligen‘ (= systematischen) Variationen im Phäm- und Mempool überzufällige Mutationen bei (epi-) memetischer Replikation im Sozialisationsverlauf Generationen, welche in die Institution eintreten, sie durchlaufen und aus ihr ausscheiden; mit ggf. spezifischen Kohortenprägungen und darum systematisch akzentuierten kollektiven Lernprozessen  Sieben unabhängig voneinander auftretende und dann komplex zusammenwirkende Ursachen von Wandel, die besonders weitreichenden, beschleunigten oder sich verdichtenden institutionellen Wandel genau dann nach sich ziehen werden, wenn es zu Veränderungen an den Trägern struktureller ( ⇋ memetischer) oder funktioneller Bürden kommt. = Ursachen und Formen typischer Verlaufsmuster Reaktion / Begleiterscheinung: institutionelles Lernen / Reformen

49 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Zusammenfassung: Verlaufsmuster von Institutionenwandel Wandel einer Institution im Generationenwechsel  entsteht durch Variationen im Phäm- und Mempool bei veränderten biographischen Prägungen von Novizenkohorten und / oder durch Mutationen / Rekombinationen bei der memetischen Replikation im Sozialisationsverlauf Krise, ggf. auch Niedergang einer Institution  entsteht durch inner-institutionellen Wandel, der zum Wegbrechen von wichtigen Trägern struktureller (‚memetischer‘) und funktioneller Bürden führt (= pathologischer Wandel); durch Veränderung der funktionellen Anforderungen der Nische an die Institution; oder durch Umweltturbulenzen Restabilisierung einer in die Krise geratenen Institution  kann gelingen durch freiwilliges oder aufgezwungenes institutionelles Lernen (d.h. durch Reformen in Gestalt einer Veränderung von Leitidee(n) und / oder von funktionserfüllenden Strukturen) sowie – zeitweise – durch die Erschließung (weiterer) krisenabpuffernder Ressourcen (z.B. solchen zur Verdichtung von Symbolisierung und/oder Repression) Verdichtung institutioneller Wandlungsprozesse  ergibt sich auf den ‚oberen‘ oder ‚äußeren‘ Strukturschichten einer Institution, sobald die mit ihnen stukturell (‚memetisch‘) oder funktionell bebürdeten Trägerstrukturen aufgrund pathologischer Wandlungsprozesse wegbrechen und an unerwartet vielen Stellen auch ganz unerwartete Wandlungsprozesse auslösen. Zeitlich wird das als ‚Beschleunigung von Geschichte‘ erfahren.  spiegelbildlich: ‚Ausdünnung‘ bzw. ‚Entschleunigung‘ bei zunehmender Stabilität von Trägerstrukturen institutionelle Transformation oder Typogenese  Entstehung einer neuen Variante der sich wandelnden Institution oder überhaupt einer neuen Art von Institution entweder durch Ausrichtung der bisherigen Institution an einer neuen Leitidee bzw. Leitdifferenz oder durch Austausch bisheriger Träger strukturelle (‚memetischer‘) und funktioneller Bürden aufgrund kontinuierlichen Struktur- und Funktionswandels regulative Katastrophe  eine Institution ist in einer evolutionären Sackgasse gelandet und bricht zusammen Hier schließen sich weitere, für Typologiebildungen grundlegende Theoriebereiche an, v.a. zur homologen und analogen Ähnlichkeit von institutionellen Strukturen sowie zur Morphologie und Genealogie von Institutionen … neben Primärgenese, Pfadabhängigkeit und TeleonomiePfadabhängigkeitTeleonomie  Achtung: Alles ist verallgemeinerbar auf Wandlungsprozesse kultureller Ordnungen schlechthin!

50 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Pfadabhängigkeit t 4 : zwei längst getrennte Pfade kommen wieder zusammen!  nur im Nachhinein, bei der historischen Analyse, klar erkennbare Entwicklungen Geschichte t4t4 t 2 : Pfade A und B trennen sich von C A B C D t3t3 t2t2 t1t1 t 1 : noch ist alles möglich! t 3 : Pfade A und B trennen sich „kein Weg führt mehr von A nach D, und doch....!“  nicht vorhersehbare Ergebnisse  kontingente Abzweigungenkontingente man schleppt mit, was man wurde  Prägekraft ‚der Evolution‘ offene Zukunft – irreversibler Ablauf Forschungsaufgabe: durch Vergleichen herausfinden, wie aus homologer Ähnlichkeit durch kontingente Entwicklungen, die zu anderen Umweltbedingungen führten, analoge Verschiedenheit wurde!

51 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiel für Pfadabhängigkeit  Notwendigkeit, geschichtliche Abläufe nachzuvollziehen  Zusammenwirken von homologer Ähnlichkeit und analoger Verschiedenheit  Zusammenwirken von homologer Verschiedenheit und analoger Ähnlichkeit Landman, Comparative Politics, S. 66

52 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Kontingenz Gottfried Wilhelm Leibniz ( ): „Contingens est quod nec impossibile nec necessarium“ deutsch: „Kontingent ist, was weder unmöglich noch notwendig ist“ D.h.: ‚Kontingenz‘ meint, daß den Lauf der Dinge verändernde Ereignisse und Prozesse auftreten, und zwar... aus gleich welchen Gründen mit gleich welchen Wahrscheinlichkeiten zwischen 0 (= unmögliches Ereignis) und 1 (= sicher auftretendes Ereignis) in einem System oder in dessen Umwelt und dergestalt die Entwicklung eines Systems, oder von dessen Umwelt, in wenig vorhersehbarer Weise beeinflussen. Folgenreich für Systementwicklung und Systemgeschichte: ‚doppelte Kontingenz‘ – einesteils im System, andernteils in dessen Umwelt.

53 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Teleologie und Teleonomie Unterschied zu verstehen analog zu dem zwischen Astrologie und Astronomie Teleologie: ein System trägt sein Ziel in sich d.h.: es hat eine notwendige Entwicklungsrichtung und Geschichte Teleonomie: ein System hat eine bestimmte Struktur und Funktionslogik die Freiheitsgrade seiner Weiterentwicklung sind darum eingeschränkt, d.h.: es kann nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt alles werden anders formuliert: seine Entwicklung ist nicht notwendig, sondern kontingent, und dabei pfadabhängig

54 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Grundzüge des Evolutorischen Institutionalismus = ‚Meme‘ „Alles, was bei der Hervorbringung sozialer Strukturen benutzt wird, ist ein Mem.“ Institutionen haben eine ‚Architektur‘: ‚grundlegende‘ handlungsleitende Selbstverständlichkeiten / grundlegende kulturelle Muster tragen – über viele aufeinander aufbauende Schichten – ihrerseits recht kontingente handlungsleitende Selbstverständlichkeiten / kulturelle Muster als ihre Bürde(n) von der ungestörten Erfüllung ‚grundlegender‘ Funktionen hängt ab, daß – über gewiß im Einzelfall sehr lange und weitverzweigte Funktionsketten – alle für die Ressourcensicherung erforderlichen Funktionen erfüllt werden können (  ‚abhängige Funktionen’ = funktionelle Bürden). An je tiefer liegenden Schichten solcher ‚Trägerstrukturen‘ von handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten sowie routinemäßiger Funktionserfüllung institutionelle Wandlungsprozesse ansetzen, um so folgenreicher werden diese Wandlungsprozesse auf den von den tieferen Schichten getragenen ‚höheren‘ bzw. ‚äußeren‘ Schichten von handlungsleitenden Selbstverständlichkeiten bzw. routinemäßiger Funktionserfüllung sein, also im Bereich der kulturellen und funktionellen Bürden. Also werden rein zufällige Veränderungen an den ‚tieferen‘ Trägerschichten oft nicht die bisherige Trageleistung weiterhin erfüllen können, weswegen sie entweder ohnehin nicht nachhaltig zustande kommen bzw. rasch beseitigt werden – oder aber große Risiken für den Bestand der Institution bewirken, etwa Krisen oder eine anhaltende Labilität.  Folge: meist Beibehaltung von ‚Grundbauplänen‘ institutioneller Formen – oder aber Niedergang bzw. Verfall der einst geformten institutionellen Ordnung und nicht selten auch deren Ende Umgekehrt werden sich an den ‚höheren‘ bzw. ‚äußeren‘ handlungsleitenden Selbstver- ständlichkeiten bzw. routinemäßigen Funktionserfüllungen, also im Bereich der getragenen Bürden, auch rein zufällige Veränderungen vergleichweise leicht durchhalten lassen.  Folge: großer Vielfalt in der konkreten Ausgestaltung einer einmal geprägten und in ihren Grundzügen beibehaltenen ‚institutionellen Form‘. = grundlegendes Erklärungsmodell der Systemtheorie der Evolution Schnittstelle zu den Kulturwissenschaften : Mem = ein ‚mächtiger‘ Begriff, der sich evolutionstheoretisch ganz parallel zum Begriff ‚Gen‘ verwenden läßt; vgl. Occam: Categoriae non sunt praeter necessitatem multiplicandae!

55 „Sozial- und kulturwissenschaftliche“ Evolutionstheorie? inzwischen weitestgehend unproblematisch: Evolutionstheorie als erklärende Theorie des Ursprungs und der Entwicklung biologischer Formen inzwischen halbwegs unproblematisch: biologische Evolutionstheorie als ‚Hilfstheorie‘, um die biologische Basis sozialer und kultureller Wirklichkeit sowie deren Auswirkungen auf den ‚höheren‘ (d.h. sozialen und kulturellen) Schichten unserer Wirklichkeit zu erklären (  Theorie des ‚Schichtenbaus‘ der Wirklichkeit) Dabei – nicht durchschlagender! – Standardeinwand: Was bringt das – wenn bei der abhängigen Variablen (psychische Prozesse, soziales Verhalten, kulturelle Manifestationen …) vielleicht gerade einmal 5-10% Varianz ‚evolutionsbiologisch erklärbar‘ sind? erst noch durchzusetzende These: Alle Prozesse des Wandels einmal geprägter Formen (biologische Strukturen, soziale Institutionen, kulturelle Formen von architektonischen über literarische bis hin zu musikalischen Formen …) ‚funktionieren auf die gleiche Weise‘. Eine ‚Allgemeine Evolutionstheorie‘ beschreibt und erklärt diese Prozesse des Wandels in abstrakter Weise, wobei … die bekannte biologische Evolutionstheorie nur einen Sonderfall darstellt, dem Theoriebereiche wie Evolutorische Ökonomik, Evolutorischer Institutionalismus oder kulturwissenschaftliche Evolutionstheorien – je nach forscherischen Anstrengungen – zur Seite zu stellen sind. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

56 Was ist die ‚Allgemeinen Evolutionstheorie‘? Entwicklung der Arten (= biologischer Strukturen) Entwicklung von Institutionen (= sozialer Strukturen) erfaßt durch die biologische Evolutionstheorie: von Darwin über die Synthetische Theorie weiterentwickelt zur Systemtheorie der Evolution ‚Allgemeine Evolutionstheorie‘ gegenstandsspezifische Konkretisierung durch gegenstandsangemessene Anwendung ihrer Konzepte und Theoreme auf nicht- biologische empirische Referenten Entwicklung von Kompositions- und Maltechniken, Baustilen, Dichtungsformen, Denkgebäuden … (= kultureller Strukturen) Abstraktion vom biologischen empirischen Referenten unter Beibehaltung der bewährten Konzepte und Theoreme kulturwissenschaftl. Evolutionstheorie sozialwiss. Evolutionstheorie KEINE bloße ‚Heuristik‘ oder ‚Analogie‘ !! Konzeptuelle Schnittstelle: „Meme, nicht Gene dienen zum Aufbau und zur Tradierung kultureller Strukturen!“

57 Grundlage aller Evolution sind rein zufällige Variation, Mutation oder Rekombination von Genen / Memen, die ihrerseits ‚Programme‘ zur Bildung biologischer / sozialer / kultureller Strukturen sind. Im Lauf von Generationenfolgen werden (nämlich über Mutationen und Rekombinationen) Gene / Meme miteinander gekoppelt, wobei Gene / Meme ‚höherer Ordnung‘ (in der Fachsprache der biologischen Evolutionstheorie: ‚Strukturgene‘, ‚Regulatorgene‘) ihrerseits für solche Kopplungen sorgen, desgleichen für den Einbau der verkoppelten Meme / Gene in komplexe Programmsequenzen (‚epigenetisches‘ System / ‚epimemetisches System‘).  Auch an den Struktur- und Regulatorgenen/memen setzt das Spiel des Zufalls in Form von Variation, Mutation und Rekombination an, diesmal aber gleich ganze ‚Baugruppen‘ von biologischen / sozialen / kulturellen Formen bzw. Systemen betreffend – und somit ggf. von gewaltiger Umformungswirkung (  ‚Beschleunigung‘ von Evolution). Nur solche Variationen, Mutationen und Rekombinationen von Genen / Memen aller Art werden sich durchhalten und verbreiten, welche zu den funktionellen Anforderungen aus der Umwelt an das mittels ihrer produzierte biologische oder soziale Gebilde passen, d.h. ‚fit sind‘ / ‚Fit(ness) aufweisen‘ (= äußere Selektionsbedingungen).  Folge: Bleibt die Umwelt stabil, so werden über viele Generationen bestehende Arten / Institutionen / kulturelle Formen die funktionellen Anforderungen ihrer Umwelt gleichsam in ihrer eigenen Gestalt ‚abbilden‘ – so wie die Flosse des Fisches die hydrodynamischen Eigenschaften des Wassers ‚abbildet‘ oder Microsoft die Nachfragewünsche von PC-Benutzern (= Kerngedanke der Evolutionären Erkenntnistheorie; siehe Lorenz 1973). Im Vorfeld dessen werden nicht alle beliebigen Variationen, Mutationen und Rekombinationen von Genen / Memen zu einem nachhaltig tradierbaren biologischen, sozialen oder kulturellen Gebilden führen, sondern nur solche, die den Grundbauplan jenes Gebildes nicht zerstören, an dem sie – es wandelnd – ansetzen. Dieser Grundbauplan setzt dem Spiel des Zufalls somit ‚innere Selektionsbedingungen‘. Folge: Biologische, soziale und kulturelle Gebilde entwickeln sich in Form von immer weiterer Überschichtung und Modifikation ihres einst entstandenen Grundbauplans bzw. durch funktionell äquivalente Ersetzung und anschließende Verkümmerung ihrer einst tragenden Elemente. Eben macht ihre Entwicklung zu einer – obwohl zufallsgetriebenen – gerichteten, pfadabhängigen und dennoch ergebnisoffenen Entwicklung (  unterschiedliche Wahrscheinlichkeitsdichten, ‚geordnete Kontingenz‘). Zentralaussagen der Allg. Evolutionstheorie zweistufiger Selektionsprozess Dabei gilt: solche Veränderungen haben größere Bestands- und Verbreitungschancen, die ‚an der Oberfläche‘ (und nicht an den tragenden Teilen) von Strukturen bzw. ‚am Ende von Funktionsketten‘ (und nicht bei unbedingt zu erfüllenden Grundfunktionen) ansetzen (  folgenreiche Bebürdungsstrukturen). Es evolvieren: Strukturen & Gene / Meme (sowie deren Vehikel) als Durchführungsmittel der Strukturbildung

58 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Funktionslogik‘ = die Logik des Funktionierens eines Systems (oder Systemteils) geprägt von … Antriebsursachen: ‚Was bringt das System zum Ticken?‘ Zweckursachen: ‚Auf welchen Zweck sind die Aktivitäten des Systems ausgerichtet?‘ Materialursachen: ‚Wie prägt die materielle Beschaffenheit des Systems sein Funktionieren?‘ Formursachen: ‚Wie prägt die Form des Systems sein Funktionieren?‘ ‚Ursachenformen des Aristoteles‘ i ii i Achtung: ‚Zwecke‘ (= Funktionen) entstehen gemeinsam mit den sie erfüllenden Systemen bei der Ausdifferenzierung von zusätzlichen Systemteilen!

59 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Zweckursachen Ursache eines Hauses ist der Zweck, Schutz vor der Witterung oder vor anderen zu haben. Ursache der Hörfunknachrichten ist der Zweck, Zuhörer zu informieren. Ursache von Regierung ist der Zweck, verläßlich wirksame Institutionen mit der Herstellung allgemein verbindlicher Entscheidungen betrauen zu können.

60 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Antriebsursachen Ursache eines Hauses sind menschliche Possessivität (= Drang, etwas haben zu wollen) und menschliche ‚Territorialität‘ (= Drang, einen Raum für sich und die Seinen zu haben). Ursache von (Hörfunk-) Nachrichten ist der menschliche Drang, Dinge zu erzählen und zu hören. Ursache von Regierung ist, daß immer wieder Menschen gerne Macht über andere ausüben.

61 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Materialursachen Ursache, daß ein Haus so und nicht anders beschaffen ist, sind die verfügbaren Materialien: Eskimos bauten Iglus (vorhanden: Schnee, Eis), in der Südsee baute man Häuser aus Holzstangen und großen Blättern. Ursache dafür, daß (Hörfunk-) Nachrichten typischerweise die Inhalte A-E, nicht aber V-Z haben, sind die wirksamen Nachrichtenfaktoren (z.B. besonderer Berichtswert des Dramatisierbaren, Personalisierbaren und Skandalisierbaren). Ursache von Regierung ist, daß es in halbwegs komplexen menschlichen Gruppen immer wieder einen Bestand an gemeinsam zu bewältigenden Aufgaben gibt (d.h.: an ‚politischen Materien‘): grundlegende Aufgaben: Sicherheit im Inneren, Schutz nach außen speziell zugewiesene Aufgaben: Sicherung von persönlicher Freiheit, von Teilhabemöglichkeiten, gar auch von sozialer Sicherheit (‚Sozialstaat‘)

62 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Beispiele für Formursachen Ursache, daß ein Iglu runde Gestalt und eine Kuppelkonstruktion besitzt, ist, daß sich Eis am besten so zu einer selbsttragenden Konstruktion zusammenfügen läßt. Ursache der sprachlichen Form von Hörfunknachrichten sind journalistische Regeln des Textaufbaus: Wichtiges am Anfang, kurze Sätze usw. Ursache von (Institutionen einer) Regierung sind bewährte Möglichkeiten, Prozesse der Willensbildung und Entscheidungsfindung genau so auszugestalten, daß sie sogar unter Zeit- und Problemdruck effektiv sind.

63 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Zuvor: In welchem Rahmen entfalten sich überhaupt ‚politische Grundmechanismen‘?  Staatslehre Damit sollte klar sein, was man sich unter ‚politischen Grundmechanismen‘ vorstellen sollte; welches besonders wichtige politische Grundmechanismen sind; was die ‚Funktionslogik‘ eines Systems ist und wie man das sie konstituierende Zusammenwirken von unterschiedlichen Ursachenformen zu verstehen hat; welche Probleme sich aus dem Zusammenwirken von memetischer Attraktivität und funktioneller Tauglichkeit ergeben; wie sich die Entwicklung politischer Systeme evolutionsanalytisch verstehen lässt was das alles mit der Konstruktion und Analyse politischer Systeme zu tun hat. Aber: Woher weiß man das alles? Aus vergleichenden Studien – weswegen die Logik und Methodik des Vergleichens ein weiteres Thema ist!

64 TU Dresden - Institut für Politikwissenschaft - Prof. Dr. Werner J. Patzelt Noch Fragen? - Bitte!


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