Die Präsentation wird geladen. Bitte warten

Die Präsentation wird geladen. Bitte warten

1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ a)Geschichtliche Entwicklung -„Liturgie“ leitet sich vom griechischen  ί  ab, einem Kompositum.

Ähnliche Präsentationen


Präsentation zum Thema: "1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ a)Geschichtliche Entwicklung -„Liturgie“ leitet sich vom griechischen  ί  ab, einem Kompositum."—  Präsentation transkript:

1 1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ a)Geschichtliche Entwicklung -„Liturgie“ leitet sich vom griechischen  ί  ab, einem Kompositum aus ἔ  (Werk) und  ός (Volk) -AT (Septuaginta): Dienst am Jerusalemer Tempel -NT: Verschiedene Bedeutungen - christliche gottesdienstliche Versammlung nur in Apg 13,2 -Nachapostolische Zeit: Liturgie = Eucharistie -Erst seit dem 18. Jh. steht der Begriff „Liturgie“ umfassender für alle gottesdienstlichen Vollzüge -Bedeutung des Kultes (CIC 1917): Öffentlicher Kult (und damit Liturgie) ist nur das, was die kirchliche Autorität hinsichtlich der handelnden Personen und der zu vollziehenden Handlungen festgelegt hat -Ludwig Eisenhofer (1941): „Die katholische Liturgie ist der äußere, öffentliche Kult, der in seiner Grundlage von Christus gegeben, in den Einzelheiten seiner Ausführung von der Kirche geregelt ist“.

2 1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ b) Liturgie im Spannungsfeld von Gott und Mensch, Tradition und subjektiver Aneignung, öffentlich und privat -Zwei wesentliche Begriffe im liturgischen Handlungsgeschehen sind „Katabasis“ (Herabstieg Gottes) und „Anabasis“ (Aufstieg des Menschen) -Bedeutung der Katabasis: Liturgie wird nicht in erster Linie als Werk des Menschen verstanden, sondern als Handeln Gottes am Menschen -Enzyklika Mediator Dei (1947): „Das ist Wesen und Sinn der heiligen Liturgie. Sie befasst sich mit dem Opfer, mit den Sakramenten, mit dem Gott darzubringenden Lob, aber ebenso bezweckt sie die Verbindung unserer Seelen mit Christus, ihre durch den göttlichen Erlöser zu erwirkende Heiligung.“ -II. Vatikanum (SC 7): Katabasis und Anabasis werden zusammengebunden; Primär ist Liturgie das Handeln Gottes am Menschen, woraus gleichsam als Konsequenz die Verehrung Gottes, die kultische Dimension der Liturgie, erwächst

3 1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ b) Liturgie im Spannungsfeld von Gott und Mensch, Tradition und subjektiver Aneignung, öffentlich und privat Als sinnstiftende Mitte der Liturgie nennt das Konzil das Pascha-Mysterium, d.h. Leiden, Tod, Auferstehung und Erhöhung Christi. Liturgie als Dialog zwischen Gott und Mensch (Lengeling), als Kommunikationsgeschehen oder Begegnungsereignis SC 7: „Jede liturgische Feier ist als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn heilige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht.“ Prinzip der tätigen Teilnahme (participatio actuosa): Nicht mehr nur die Priester, sondern alle Getauften tragen die Liturgie mit Liturgie ist zudem ein „Geschehen im Zeichen“: Sie korrespondiert mit der Sinnenhaftigkeit menschlicher Wahrnehmung. Verschiedene Formen der Liturgie: „hochoffiziell“ – regional – fromme Übungen Abstufung der Liturgie: Eucharistie – die übrigen Sakramente – Stundengebet – Sakramentalien – Liturgisches Leben: Andachten, Prozessionen etc.

4 1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ c) Vorläufige Definitionen - 1. „Die Liturgie ist der Inbegriff der sinnenfälligen, wirksamen Zeichen der Heiligung und des Gottesdienstes der Kirche.“ (C. Vagaggini) - 2. Liturgie „ist – unter dem Schleier heiliger Zeichen – eine persönliche Begegnung Gottes mit seiner Kirche und mit der ganzen Person jedes ihrer Mitglieder, in und durch Christus und in der Einheit des Heiligen Geistes.“ (A. Verheul) - 3. „Liturgie ist die von der kirchlichen Gemeinschaft durch Christus, den Mittler zwischen Gott und den Menschen, im Heiligen Geist und wirksamen Zeichen und in rechtmäßiger Ordnung vollzogene Aktualisierung des Neuen Bundes.“ (E.J. Lengeling) - Bedeutung der Termini mysterion, mysterium, sacramentum (bzw. mysteria, sacramenta) - Liturgie als Aktualisierung der Heilsgeschichte, des Christusmysteriums und des Mysteriums der Kirche zwischen Himmelfahrt und Parusie „in sacramento“ oder „in mysterio“ (J. Corbon)

5 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft a) Romano Guardini und die Entwicklung einer systematischen Liturgiewissenschaft – Aufsatz „Über die systematische Methode in der Liturgiewissenschaft“ von 1921 – Guardini differenziert darin zwischen der historisch arbeitenden und der systematischen Liturgiewissenschaft – Markierung der Liturgie als Theologie – Es geht in der Liturgie um Werden und Sein – Vorbild ist für ihn die mystisch-symbolische Erklärungsweise der Väter und des Mittelalters – Mystagogische Betrachtungsweise – Gegenstand der SLW: die konkreten, derzeit gültigen liturgischen Bücher (Missale, Brevier, Martyrologium, Rituale, Pontificale, Caeremoniale episcoporum, Graduale, Antiphonale etc.)

6 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft a) Romano Guardini und die Entwicklung einer SLW Begriff der „liturgischen Theologie“ taucht zum ersten Mal auf: SLW ist liturgische Theologie, insofern sie als Ausgangspunkt und Ziel „das System der kirchlichen Kultübung“ hat, und als ihren Inhalt die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus. Sie ist liturgisch, insofern es ihr um den Kult mit seinen Riten, Büchern, Geräten, Symbolen etc. geht; sie ist aber Theologie, insofern Gottesdienst nie etwas anderes sein kann als Gottes Begegnung mit den Menschen Methode der SLW: Sammlung des Stoffes – Ordnung des gesammelten Materials: dabei gilt in der Liturgie die katholische Weite des „Sowohl – als auch“, denn „die Liturgie ist keine Wissenschaft von abgezogenen Sätzen, wie die Mathematik, in der sich aus einer Voraussetzung recta linea eine Folgerung ergibt. … Sie steht vielmehr einem Lebendigen gegenüber, nämlich der betenden, opfernden Kirche.“ – Erhebung allgemeiner Begriffe – Dialog mit anderen Geisteswissenschaften, z.B. der Psychologie, Philosophie, Gesellschaftswissenschaften

7 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft a) Romano Guardini und die Entwicklung einer SLW Fazit: Guardinis Definition von Liturgie / Liturgiewissenschaft – Hinsichtlich ihrer Stellung innerhalb der Theologie ist die Liturgie von den anderen Fächern unterschieden, obwohl sie zu allen eine enge Beziehung hat – Wichtig ist Guardini, dass sie „nicht mit der Liturgik als Teil der Pastoraltheologie verwechselt werden“ darf – Aber auch von der Dogmatik, dem Kirchenrecht und der Exegese unterscheidet sie sich, denn es geht ihr nicht um ein System der Glaubens- oder Sittenlehre – Vielmehr kann sie definiert werden als „die methodische Erforschung der wirklichen Kirche in ihrem Gebetsleben“. – Damit wird zweierlei zum Ausdruck gebracht: die notwendige Rückbindung der SLW an das Dogma bzw. die Theologie und gleichzeitig die Notwendigkeit der lebendigen Entwicklung und Veränderbarkeit

8 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft b) Reinhard Meßner: Liturgiewissenschaft am Schnittpunkt zwischen historischer und systematischer Theologie Erfahrungsbezogen -Theologie ist von ihrem Ursprung her Doxologie, Lobpreis Gottes (vgl. A. Schmemann. Liturgie als „theologia prima“) -Wer keine gottesdienstliche Praxis besitzt, kann deshalb nicht verantwortlich Liturgiewissenschaft betreiben. -Die Glaubenserfahrung ist in dem Sinn also nicht der Inhalt, sondern die Bedingung der Möglichkeit für die Liturgiewissenschaft wie die Theologie überhaupt. Exegetisch -Die Methode der Liturgiewissenschaft ist der Kommentar -„Gottesdienst und Schrift legen sich in irgendeiner Weise gegenseitig aus.“

9 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft b) Reinhard Meßner: Liturgiewissenschaft am Schnittpunkt zwischen historischer und systematischer Theologie Metaphorisch-bildhaft -Bezug zur patristischen Mystagogie und der Allegorese der Väter -„Für eine sich als Theologie verstehende systematische Liturgiewissenschaft haben die Humanwissenschaften, die ja methodisch die Wahrheitsfrage ausblenden, nicht konstitutiven oder gar normativen Charakter, sondern sind Hilfswissenschaften.“ Aspektivisch -Wahrheit in verschiedenen Ansichten (= Aspekten) -LW hat nicht die Aufgabe, die einzelnen Ansichten der Liturgie in ein kohärentes System zu bringen -Daraus folgt die Ablehnung einer allgemeinen LW ( es geht um den Kommentar des liturgischen Vollzugs)

10 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft b) Reinhard Meßner: Liturgiewissenschaft am Schnittpunkt zwischen historischer und systematischer Theologie Fazit: Die Liturgiewissenschaft ist eine Schwesterdisziplin (keine Subdisziplin!) der Dogmatik und der Bibeltheologie. So wie die Dogmatik aus der Quelle der Offenbarung schöpft und die biblische Theologie ihre Ordnung vom biblischen Kanon erhält, so empfängt die Liturgiewissenschaft ihre Ordnung aus dem gottesdienstlich-pneumatischen Geschehen. Damit steht die liturgische Theologie gleichberechtigt neben der biblischen und dogmatischen Theologie.

11 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft c) Helmut Hoping: Liturgiewissenschaft als Theologie aus dem Geist der Liturgie - Theologie aus dem Geist der Liturgie: Liturgische Theologie versteht sich vom Mysterium her und ist von ihrem Wesen her symbolisch und pragmatisch. Gebet, Liturgie und Theologie gehören deshalb zusammen. Eine Theologie ohne Gebet und liturgischen Vollzug kann keine echte Theologie sein, und umgekehrt ist eine Theologie des Gebetes die beste liturgische Theologie. - Forderung einer „Theologie zweiten Grades“; Versuch, liturgietheologische Grundsätze aufzustellen und zu entfalten - Bedeutung und Problematik des Kultbegriffs Lengeling: „Liturgie ist also nicht nur Kult. Sie ist in ordine executionis nicht einmal primär Kult. Denn die Initiative des Dialogs liegt bei Gott. Liturgie ist zuerst opus Dei.“ Häußling: Kritik an der Abwehr kultischer Elemente

12 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft c) Helmut Hoping: Liturgiewissenschaft als Theologie aus dem Geist der Liturgie - Bedeutung und Problematik des Kultbegriffs Pieper: „Es gehört zur Natur des Kultes, daß er aus göttlicher Satzung seinen Ursprung nimmt. … Der Kult selbst also ist vorgegeben – oder es gibt ihn überhaupt nicht. Hier ist nichts erst noch zu stiften und zu gründen. Hoping: „Der christliche Kultbegriff umfasst an erster Stelle den soterischen Aspekt der Liturgie, ihre katabatische Dimension, sekundär ihren latreutischen Aspekt, die anabatische Dimension der Liturgie.“ - Frage nach der „doxologischen Qualität“ des Gottesdienstes (kritische Anmerkung zu konkreten Feierformen. Die praktische Umsetzung hat sich zu orientieren an der Theologie) - LW in enger Verbindung zur systematischen Theologie - LW im Schnittpunkt zwischen systematischer und mystagogischer Theologie (vgl. den fundamentalliturgischen Ansatz Joseph Ratzingers)

13 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft d) Albert Gerhards / Andreas Odenthal: Liturgiewissenschaft im Dialog Primäre Ansiedlung des Faches in der Praktischen Theologie Anthropologische Wende: Liturgie wird daher nicht in erster Linie als Einbruch der göttlichen Wirklichkeit oder pneumatisches Geschehen verstanden, sondern als „Deutehorizont in präsentativer Symbolik“ Damit ist nicht Gott der eigentlich Handelnde im Gottesdienst, sondern der Mensch bzw. die feiernde Gemeinde. Aufgabe der Liturgiewissenschaft als praktischer Disziplin ist die Reflexion der Liturgie als symbolischer Ort, an dem die Offenbarung Gottes mit der menschlichen Erfahrung vermittelt wird. Es geht um das „Widerfahrnis der Transzendenz Gottes“ (Josef Wohlmuth). Gleichberechtigung der Humanwissenschaften mit der Liturgiewissenschaft (Modell der „konvergierenden Optionen“)

14 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft d) Albert Gerhards / Andreas Odenthal: Liturgiewissenschaft im Dialog konkrete Gemeinde ist zwar aktuelle Trägerin, aber nicht autonome Gestalterin der Liturgie. Fazit: Die Feier der Liturgie ist „symbolischer Raum“, der sowohl für die Transzendenzerfahrung Gottes als auch für die menschlichen Lebenserfahrungen offen ist. Die Liturgie ist zum einen Ort theologischer Erkenntnis („locus theologicus“). Zum anderen ist der Liturgiewissenschaft aber der Mensch als Gott Feiernder zur Reflexion aufgegeben, weswegen es des Dialoges mit den Humanwissenschaften bedarf.

15 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft e) Martin Stuflesser / Stephan Winter: Liturgiewissenschaft in Einheit von systematischer, historischer und praktischer Theologie Hauptthese:„Liturgiewissenschaft zeichnet sich dadurch aus, daß sie erstens als Theologie mit einem ausgewiesenen systematischen Instrumentarium, zweitens an (historischen und/oder aktuellen) liturgischen Texten (liturgischen Quellen) arbeitet und drittens den Gebrauch dieser liturgischen Texte daraufhin befragt, ob er der Glaubensfeier heutiger Menschen angemessen ist. Liturgie ist gottmenschliches Kommunikationsgeschehen. „Christlicher Gottesdienst ist wirkliche Begegnung zwischen Gott und Mensch im Modus der Rede“. Weil dies so ist, kann Liturgie nur mystagogisch erschlossen werden. Liturgiewissenschaft lebt aus der konkreten Erfahrung mit dem Gottesdienst. Humanwissenschaften bleiben Hilfswissenschaften, da sie die Wahrheitsfrage ausblenden.

16 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft e) Martin Stuflesser / Stephan Winter: Liturgiewissenschaft in Einheit von systematischer, historischer und praktischer Theologie Fazit: Stuflesser / Winter fordern eine systematische Theologie der Liturgie, deren Aufgabe eine Systematisierung und Rekonstruierung von liturgischen Glaubenstexten ist. Neben der systematischen und historischen LW hat allerdings auch eine praktische Liturgiewissenschaft ihre Berechtigung.

17 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft f) Was bleibt von Guardini? – Versuch eines weiterführenden Fazits – Systematische Liturgiewissenschaft ist vor allem anderen eine theologische Wissenschaft – Wichtig ist die geistlich-mytagogische Komponente – Liturgie ist keine Lehre von Sätzen, die es zu lernen gilt, sondern Begegnung mit dem Geheimnis Gottes, die sowohl (aktiv) als „Dialog zwischen Gott und Mensch“ (Lengeling), als auch (passiv) als „Widerfahrnis einer einzigartigen Begegnung mit Jesus als dem Christus“ (Wohlmuth) beschrieben werden kann. – Zur Liturgiewissenschaft gehört nach Guardini eine gewisse Weite und damit verbunden eine Nicht-Systematisierbarkeit (Unterschied zur Dogmatik – aspektivischer Charakter der Liturgie) – Moment der Überraschung und des Staunens – Raum für eine individuelle Glaubenserfahrung

18 2. Die Diskussion um eine systematische Liturgiewissenschaft f) Was bleibt von Guardini? – Versuch eines weiterführenden Fazits – Eine allgemeine Liturgiewissenschaft kann nicht aufgegeben werden, d.h. es bedarf einer systematischen Darstellung liturgischer Grundbegriffe wie Opfer, Sakrament, Gebet etc. (Aufgabe einer „Theologie der Liturgie“) – Die „liturgische Theologie“, die mit einer systematischen Liturgiewissenschaft gleichgesetzt werden kann, hat hingegen von den gottesdienstlichen Texten und Riten auszugehen. – Der Dialog mit den Humanwissenschaften wird sicherlich in Zukunft immer wichtiger werden (Kenntnis psychoanalytischer, kulturanthropologischer und gesellschaftlicher Tendenzen); dennoch bleibt die „Orientierung am Dogma“. Humanwissenschaften sind nicht gleichberechtigte Partner, sondern Hilfswissenschaften. – Systematische Liturgiewissenschaft ist anzusiedeln im Spannungsfeld von historischer, mystagogischer und praktischer Theologie. Ihren eigentlichen Kern aber hat sie in der Mystagogie.

19 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi Hinführung – Besteht eine Vorrangigkeit der Liturgie oder der Theologie? – legem credendi lex statuat supplicandi (Prosper von Aquitanien) – Das Axiom bezieht sich ursprünglich nicht auf die gesamte Liturgie, sondern auf Fürbitten (später wurde es weiter interpretiert in dem Sinn, dass die Liturgie als ganze Norm für die Glaubenslehre sei) – Einordnung der Liturgie unter die loci theologici – Eigenart und Eigenwert der Liturgie sind stärker zu berücksichtigen, wenn ihre dogmatische Rezeption der Liturgie gerecht werden will – Obwohl 1854 Pius IX. und 1950 Pius XII. die marianischen Dogmatisierungen auch durch die Liturgie und deren Texte stützen, stellt Pius XII. in der Enzyklika Mediator Dei auch die Umkehrung des Axioms auf, um den Vorrang des Glaubens gegenüber der Liturgie herauszustellen (lex credendi legem statuat supplicandi)

20 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi a) Alexander Schmemann: Lex orandi est Lex credendi – Ausgangspunkt: Krise orthodoxer Theologie und Kirche – Krise der Liturgie korrespondiert mit einer Krise der Ekklesiologie in der Theologie – Krise der Theologie kommt durch ungesunden Pluralismus und die Unfähigkeit der Theologie zur Kommunikation mit der realen Kirche – Krise der Liturgie kommt durch Nominalismus liturgischer Praxis – Die doppelte Krise der orthodoxen Kirche kommt dadurch zustande, dass sie sich von ihren beiden Quellen, der lex orandi (Liturgie) und der lex credendi (Theologie) gelöst hat. – Verlust eines kirchlichen Erfahrungsbezuges bzw. einer kirchlichen Verortung der Theologie – Liturgie wurde aus dem Alltag der Welt isoliert: „Liturgy is confined to the temple, but beyond its sacred enclave it has no impact, no power.“

21 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi a) Alexander Schmemann: Lex orandi est lex credendi – Zusammenhang des liturgischen und des vernünftigen Gottesdienstes – Bestimmung der Liturgie, nicht nur cultus, sondern auch cultura mundi zu sein – Rückbesinnung auf den kosmischen und eschatologischen Ereignischarakter der Kirche – Im Gottesdienst der Kirche aktualisiert sich die Welterfahrung neuer Schöpfung – die Liturgie der Kirche wird zur leiturgia, zur Dienerin der Theologie oder zur schlechthinnigen, eschatologischen Möglichkeit der Theologie – Pointe des Axioms lex orandi – lex credendi liegt auf der Kongruenz beider, zugleich aber auch auf der Möglichkeit gegenseitiger Kritik

22 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi a) Alexander Schmemann: Lex orandi est lex credendi – Liturgie als Quelle und Ziel der Theologie – Die Liturgie der Kirche ist zwar nicht die einzige Quelle der Theologie, aber deren prominentester normativer Bezugspunkt, da hier am unmissverständlichsten der Glaube der Kirche greifbar wird, der der eigentliche Gegenstand der Theologie ist – Der dreieinige Gott wird als Handelnder erfahren – Theologie als „ganzheitliches Unternehmen“ – Theologie auf die Liturgie auszurichten, bedeutet nicht die Verifikation von Satzwahrheiten, sondern die Verifikation von Glaubenswahrheiten als authentischen Lebenswahrheiten im Sinn der Einladung zum Herrenmahl: „Kostet und seht, wie gut der Herr ist!“ (Ps 34,9)

23 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi a) Alexander Schmemann: Lex orandi est lex credendi – Liturgie als Gegenstand und Aufgabe der Theologie – Theologie hat die Aufgabe, den Sinn der Liturgie kritisch zu erschließen und zu hinterfragen, d.h. die Liturgie zum Gegenstand ihres Forschens zu machen – Gegen eine „westlich“ bestimmte Fixierung auf bestimmte Topoi wie Opfer und Transsubstantiation betont Schmemann die Wiederentdeckung der eschatologischen Dimension der Liturgie – die Liturgie muss theologisch erschlossen und die Theologie liturgisch geprägt und so beide wieder werden, was sie sind: Lebens- und Lehrquelle der Kirche („restoring to liturgy its theological meaning, and to theology its liturgical dimension“) – „Die Theologie muss die lex orandi als ihre Glaubensregel wiederentdecken, und die Liturgie muss sich wieder selbst als lex credendi erweisen.“

24 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi a) Alexander Schmemann: Lex orandi est lex credendi – Kritik an einer sich immer mehr „scholastisch“ spezialisierenden Theologie – Insistieren auf dem Welt- und Erfahrungsbezug der Liturgie – Liturgischer und vernünftiger Gottesdienst gehören als Erfahrungs- und Glaubenskontinuum zusammen – Liturgie als ein eschatologisches Ereignisses – Offen bleibt die Frage, wie die Theologie auch Kritik an liturgischen Missständen üben kann und soll, so dass man sich fragt, ob die Liturgie nicht doch an sich schon „sakrosankt“ ist

25 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi b) Geoffrey Wainwright: Wechselverhältnis von Lex credendi und Lex orandi – die beiden Aspekte lex orandi und lex credendi werden nicht identifiziert, sondert differenziert, wenn nicht sogar polarisiert und der Theologie dabei eine stärker regulativ-normative Aufgabe zugewiesen – Wainwrights Interesse ist dezidiert ökumenisch, sein Standpunkt nichtsdestotrotz „protestantisch“ oder zumindest „westlich“. – weit gefasstes Verständnis von Doxologie: Doxologie ist nicht nur eine bestimmte Sprachhandlung des Gottesdienstes (z.B. Gloria, Sanctus usw.) oder der Andacht, sondern das christliche Lebensprinzip schlechthin – Durch den Gottesdienst bekommt Theologie Anteil an der Offenbarungsgeschichte Gottes mit der Menschheit

26 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi b) Geoffrey Wainwright: Wechselverhältnis von Lex credendi und Lex orandi – Dogmatik soll aus liturgischer Perspektive geschehen: So bleibt die Theologie in Beziehung zu Gottes Heilsplan, bleibt bei ihrer Sache – Wainwright benutzt lediglich das offene Bezugspaar Lex orandi - lex credendi – Kritik: Damit hat er sich bereits von dem ursprünglichen Sinn der Formel entfernt – Sowohl das trinitarische als auch das christologische Dogma wurden im liturgischen Bereich vorgebildet und sind im Streit um die rechte Gottesverehrung dann tatsächlich entstanden – Die zahlreichen mittelalterlichen Konflikte um das Verständnis der Eucharistie sind ebenso auf dem Hintergrund gottesdienstlicher Praxis zu verstehen wie die am Bußsakrament aufgebrochene Reformation

27 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi b) Geoffrey Wainwright: Wechselverhältnis von Lex credendi und Lex orandi – in bestimmten Fällen Priorität der lex orandi gegenüber der lex credendi – Wie kann angesichts divergierender liturgischer Formulare in unterschiedlichen Denominationen die bleibende Lehrautorität einer Liturgie behauptet werden? – Welche Anforderungen muss eine Liturgie erfüllen, um zur Neuformulierung (oder gar Korrektur!) dogmatischer Lehre herangezogen zu werden? – Zwei unterschiedliche Gottesdienstdefinitionen: Dem lutherischen Verständnis des Gottesdienstes als eines dialogischen Wortgeschehens im Gefälle von Gottes Dienst an uns und unserem Dienst vor Gott wird eine orthodoxe Formulierung konfrontiert, nach der beim Gottesdienst die Initiative primär von Gott und nicht vom Menschen kommt

28 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi b) Geoffrey Wainwright: Wechselverhältnis von Lex credendi und Lex orandi – Der Gottesdienst wird als Ort der rettenden Selbstkundgabe Gottes und daher als Lehrautorität für Theologie und Kirche definiert – Das Lehramt hat eine Verantwortung für die Liturgie als doxologischem Ausdruck des Glaubens – Das Lehramt hat ebenso eine Verantwortung vor bzw. gegenüber der Liturgie: Es sollte die Erfahrung des christlichen Gottesdienstes so heranziehen, dass der doxologische Funke auf Lehrformulierungen überspringt und das Dogma durch das Gebet geformt wird. – Hierarchie der Gliederung: a) Einsetzung durch Jesus, die Apostel oder Zeugen der Schrift; b) Universalität (vgl. Vincenz von Lerins‘ „quod semper, quod ubique ab omnibus creditum est“); c) Ethische Integrität einer Kirche in Übereinstimmung mit ihrer Liturgie; d) Balance zwischen magistraler Kontrolle und kommunitärer Initiative

29 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi b) Geoffrey Wainwright: Wechselverhältnis von Lex credendi und Lex orandi – Folgerungen – Fruchtbares Zusammenspiel von Lex orandi und lex credendi – Christologievorlesung Bonhoeffers: „Der Gottesdienst wird Ausgangspunkt und Kriterium für die theologische Aufgabe christologischer Untersuchung und Reflexion. Dass (Jesus) Christus für mich im Gottesdienst geschichtlich wird, ist der Grund meines Interesses für den historischen Jesus. Seine Gegenwart im Gottesdienst impliziert ontologisch seine Einheit als Gott-Mensch.“ – Vernachlässigt die Theologie den Gottesdienst, verkommt sie zur „Archäologie“ und kann nicht mehr aus der Erfahrung des in der Verkündigung gegenwärtigen Herrn schöpfen.

30 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi c) Aidan Kavanagh: Lex orandi als theologia prima – Inhaltlich geht es ihm um eine radikale Neubestimmung des Verhältnisses von lex orandi und lex credendi – Dabei widerspricht er sowohl der geläufigen römisch-katholischen Position mit ihrer eindeutigen Vorordnung des Lehramts gegenüber der Liturgie als auch der Methode G. Wainwrights – Liturgie als Orthodoxie: die liturgische Tradition ist nicht als eine Quelle unter anderen anzusehen, sondern als „dynamische Bedingung“, in welcher „theologische Reflexion“ geschieht – Liturgie als theologia prima: Theologie der gottesdienstlichen Gemeinde verdient es, im eigentlichen, primären Sinn Theologie genannt zu werden, während jede Art akademischer oder klerikaler Theologie davon abzuleiten und als theologia secunda zu bezeichnen ist.

31 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi c) Aidan Kavanagh: Lex orandi als theologia prima – Verhältnisbestimmung von theologia prima und theologia secunda im Blick auf das Axiom Prospers v. Aquitanien – philologisch: Das Verb „statuat“ bestimmt Subjekt (lex supplicandi) und Objekt (legem credendi) des Satzes in gleicher Weise, mit der Pointe, dass beide nicht verschieden, sondern gerade im Gottesdienst, in dem Gebet (lex orandi) und Glaubensbekenntnis (lex credendi) vorkommen, deckungsgleich werden – Es gibt aber ein Gefälle, da das Subjekt, die lex supplicandi, das Objekt, die lex credendi, setzt – lex supplicandi und lex credendi verhalten sich zueinander wie Proklamation und Rezeption des Wortes Gottes, wie Zusage und Glaube, promissio und fides – Korrelation von promissio und fides, lex praedicandi und lex audiendi

32 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi c) Aidan Kavanagh: Lex orandi als theologia prima – Die lex supplicandi ist aber auch deshalb der lex credendi vorgeordnet, weil es hier um ein priesterliches Fürbittengebet für die Welt (vgl. 1 Tim 2,1 ff) geht, das den Glauben der Kirche begründet und trägt – Priorität der theologia prima ist lediglich Postulat. Die Realität ist von der einseitigen Dominanz und einer gewissen „Herablassung“ der akademisch-­klerikalen Theologie gegenüber der elementaren Theologie geprägt – Liturgie als Offenbarung: zentrale Frage, inwiefern der Gottesdienst in Analogie zur Inkarnation und zur Inspiration der Schrift als Offenbarung betrachtet werden kann – die Inkarnation des Logos, die Inspiration der Schrift und die Liturgie in ihrer sakramentalen bzw. soterisch-katabatischen Qualität werden gleichsam auf eine offenbarungstheologische Stufe gestellt

33 3. Liturgie als theologischer Ort – zum Verhältnis von lex credendi und lex orandi c) Aidan Kavanagh: Lex orandi als theologia prima – Kanonische Struktur der Liturgie -„Kanonizität“ der theologia prima – Christliche Liturgie beruht auf rhythmischer Wiederholung – Kanon der Schrift, Kanon des trinitarischen Taufbekenntnisses (Apostolicum) und Kanon des eucharistischen Gebetes sowie die kanonischen Gesetze als Normen, die innerhalb der Geschichte des Gottesdienstes eine autoritative Geltung bekommen haben – die ersten drei „canons“, Schrift, Taufbekenntnis und Eucharistiegebet, sind Primärformen des Gottesdienstes: Die Schrift gehört zur Wortverkündigung, das Credo ist Bekenntnis des Glaubens, das Eucharistiegebet enthält Lob des Schöpfers, Christus-Anamnese und Geistbitte (Epiklese) – Zum Gottesdienst und damit zu einer „primären Theologie“ gehören demnach Anrede (Proklamation der Offenbarung in Christus) und Antwort in Bekenntnis, Lob, Gedächtnis und Bitte.

34 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie a) Historisch: Organische Liturgieentwicklung Älteste Liturgiebeschreibungen – Justin der Märtyrer († 165) – Bericht der Pilgerin Egeria (4. Jh.) Kirchenordnungen – Didache – Hippolyt von Rom († 235): Apostolische Überlieferung – Apostolische Konstitutionen Liturgische Bücher – Sacramentarium Veronense (6. Jh.) – Sacramentarium Gelasianum (7. Jh.) – Sacramentarium Gregorianum – Diese römischen Liturgiebücher enthalten fast nur liturgische Texte, nicht aber Beschreibungen des liturgischen Ablaufs

35 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie a) Historisch: Organische Liturgieentwicklung Ordines Romani Römisch-Germanisches Pontifikale (um 950) mystagogische Liturgieerklärungen der Kirchenväter – Cyrill von Jerusalem († 386): Mystagogische Katechesen – Johannes Chrysostomos († 407) und Theodor von Mopsuestia († 428) – Ambrosius von Mailand († 397): „De mysteriis“ und „De sacramentis“ – Pseudo- Dionysius Areopagita (5. Jh.): „De ecclesiastica hierarchia“ Liturgieerklärungen der karolingischen Epoche und des Mittelalters – Amalar von Metz († um 850): allegorische Liturgieauslegung – Hrabanus Maurus († 856): „De institutione clericorum“ – Lehrbuch für den nachwachsenden Klerus – Wilhelm Durandus von Mende († 1296): „Rationale divinorum officiorum“

36 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie a) Historisch: Organische Liturgieentwicklung Mittelalter – Insgesamt ging es der Scholastik nicht um die liturgischen Vollzüge, sondern um das, was die Liturgie bewirken soll, um die „Gnadenfrüchte“, die sie für den Menschen hervorbringen, um das „rite et valide“ des gottesdienstlichen Tuns Reformationszeit bis zur Aufklärungsepoche – Erasmus von Rotterdam († 1536): übersetzt u.a. die Chrysostomusliturgie ins Lateinische – Georg Witzel († 1573): gibt in seiner Schrift „Von der heiligen Eucharisty“ (1534) positive Impulse aus der Alten Kirche (Gemeinschaftscharakter der Eucharistie, aktive Beteiligung der Gläubigen, die mystische Seite des Sakramentes, Eingliederung in Christus) – Ignaz Heinrich Karl von Wessenberg († 1860): Erneuerung des gottesdienstlichen Lebens

37 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie Historisch: Organische Liturgieentwicklung 19. und 20. Jahrhundert – Prosper Guéranger († 1875): Abt von Solesmes, Wegbereiter der Liturgischen Bewegung – Josef Andreas Jungmann († 1975): „Missarum sollemnia“ – Als wissenschaftliche Disziplin wurde die Liturgiewissenschaft als Teilgebiet der historischen Theologie begriffen – Daneben stand bis zu Anfang des 20. Jhs die als Teilgebiet des Kirchenrechts begriffene „Liturgik“; als „Rubrizistik“ beschäftigte sie sich mit der praktischen Anwendung der Rubriken in der Klerikerausbildung – Mit der liturgischen Bewegung wächst die Erkenntnis: LW ist mehr als ein historisches oder kirchenrechtlich-pastoraltheologisches Fach – Hauptrepräsentanten einer theologisch-systematischen LW: Romano Guardini († 1968) und Odo Casel († 1948)

38 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie a) Historisch: Organische Liturgieentwicklung Konzil und Nachkonzilszeit – Die Liturgiekonstitution des 2. Vatikanums erhebt die Liturgiewissenschaft zu den theologischen Hauptfächern. Die Liturgie ist „sowohl unter theologischem und historischem wie auch unter geistlichem, seelsorglichem und rechtlichem Gesichtspunkt zu behandeln“ (SC 16). – Emil Josef Lengeling: „kopernikanische Wende“, „Ende des Mittelalters“ – Klemens Richter: „Der entscheidende Schritt über Trient hinaus“ ist die Tatsache, dass das 2. Vatikanum zum ersten Mal seit Trient amtlich festgestellt hat, „dass nicht mehr der Priester allein, sondern dass die Gemeinde als ganze Subjekt und Trägerin des liturgischen Handelns ist.“ – Angelus Häußling: Die participatio actuosa aller Teilnehmer wird zum Formalkriterium für die Wesensgemäßheit von Liturgie überhaupt; Liturgiereform ist „grundsätzlich unabgeschlossen“

39 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie Historisch: Organische Liturgieentwicklung Widerstände gegen die Liturgiereform – Marcel Lefebvre und die Pius-Brüder – Balthasar Fischer: „Kinderkrankheiten“ der Reform - „Allergie gegen Feierlichkeit“, „Lateinallergie“, „missverstandener Ökumenismus“, „Machbarkeitsmentalität“, „Libertinismus“ und „Sermonitis“ Weiterführung der Reform – Häußling: permanente Liturgiereform, liturgiewissenschaftliche Aufgabenfelder, Paradigmenwechsel der Neuzeit, actuosa participatio – Heinrich Rennings: Grundsätzlich „offene“ Liturgie – Michael Kunzler: „‚Offene Liturgie‘ kann eine modische Worthülse sein für Bestrebungen, die ‚Leere‘ der Gottferne oder die gesellschaftliche Wirklichkeit zum gottesdienstlichen Zeichen zu erheben oder der Machbarkeitsmentalität unserer Zeit einen kirchlichen Ort zu geben. ‚Offene Liturgie‘ kann aber ebenso nötiger Bestandteil einer dem Menschen zugewandten Liturgiewissenschaft sein

40 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie Exkurs: Was meint „Participatio actuosa“? Der Begriff wurde zuerst von Papst Pius X. geprägt – Im Motu proprio „Tra le sollecitudini“ über die Kirchenmusik vom 22. November 1903 fordert der Papst eine „aktive Teilnahme an den Mysterien und dem öffentlichen und feierlichen Gebet der Kirche“ – An der Liturgie tätig teilzunehmen, dazu hat das christliche Volk nach SC 14 kraft der Taufe das Recht und besitzt dazu das Amt – Liturgie ist nicht „zeitenthobener Kult“, sondern „Sakrament des Heilswerkes“ – Festschreibung der „participatio plena, conscia et actuosa“ – Andererseits darf die „participatio actuosa“ nicht als einziges liturgieprüfendes Kriterium gelten: Aktive Teilnahme aller an der Liturgie kann nicht bedeuten, sie durch immer neue „Gestaltung“ durch irgendwelche Elemente der säkularen, bürgerlichen Umgangsformen aktionsreicher zu machen

41 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie Exkurs: Was meint „Participatio actuosa“ Joseph Ratzinger zur participatio actuosa – „Tätige Teilnahme“ bedeutet nicht die Ausdehnung der Aktion um ihrer selbst willen auf alle Teilnehmer, so dass „Liturgie“, einem ständigen Wechsel der Erwartungen folgend, stets neu entworfen werden müsste – „Tätige Teilnahme“ bedeutet wesentlich Interiorisierung der liturgischen Actio bei allen an ihr Teilnehmenden – Die Erziehung zu einer höchst aktiven Verinnerlichung des liturgischen Geschehens ist eine „Überlebensfrage der Liturgie als Liturgie“ – Es geht darum, die Gemeinde zum tätigen Mitvollzug der Liturgie zu führen, nicht darum, die Liturgie selbst nach dem Grundsatz der tätigen Teilnahme zu „gestalten“ – Participatio actuosa ist im tiefsten gemeinsame participatio Dei – die Befähigung zur inneren Aneignung der gemeinsamen Liturgie der Kirche

42 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie Exkurs: Was meint „Participatio actuosa“? Hans Urs von Balthasar zur participatio actuosa – „Norm und Maßstab für die Gestaltung unserer Gottesdienste“ ist „das Lob der Herrlichkeit seiner Gnade“ (Eph 1,6) – Das Kriterium der „Lebendigkeit“ eines Gottesdienstes ist höchst zweideutig – Eine Neigung, sich selber zu feiern statt Gott, wird sich unvermerkt, aber auch unbedingt steigern, wenn der Glaube an die Realität des eucharistischen Ereignisses verblasst. Mit dem Bewusstsein der eigenen Unwürdigkeit wächst die Würde der Liturgie – Ist die christliche Haltung der (Mehrzahl der) Gemeinde und des Priesters echt, so ist die Feier „würdig“ – Wenn wir kleine Leute geworden sind, sollten wir das Mysterium, das wir feiern, nicht auf unser Format zu reduzieren suchen; wir sollen uns „Gott gegenüber echt benehmen“ – Förderung der participatio actuosa ist die Aufgabe der Mystagogie

43 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie b) Rechtlich: Die Spannung zwischen festen Regeln und Veränderbarkeit Grundfrage: Widerspricht es nicht der Natur der Feier, die nach allgemeiner Erfahrung nicht ohne Spontaneität auskommt, wenn sie rechtlichem Reglement unterworfen wird? – Albert Gerhards erinnert an die „euchologische Freiheit“, die bei Hippolyt von Rom noch selbstverständlich gewesen sei und „die allein durch die Forderung der Rechtgläubigkeit des Betens begrenzt wird“ – Stefan Rau: Liturgische Ordnung sichert nicht Gottes Wirkungsmöglichkeiten, sondern die Verbindung der sichtbaren Kirche zu ihren mystischen Wurzeln in den liturgischen Feiern, vor allem der Eucharistie – Begründet wird das Bestehen fester Ordnungen damit, dass die Liturgie kein selbstmächtiges Handeln der Kirche, sondern ein von Christus gestiftetes und der Kirche übertragenes Tun ist, was „nach einer allem willkürlichen Zugriff entzogenen Grundordnung verlangt“

44 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie b) Rechtlich: Die Spannung zwischen festen Regeln und Veränderbarkeit Es geht um die Wahrung der Identität der Liturgie über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg Freiheit zur Spontaneität in der Liturgie und Beobachtung einer vorgegebenen Ordnung bilden die Pole eines Spannungsfeldes Dabei ist für die lateinische Kirche eine klar umschriebene Ordnungskompetenz gegeben: Der Heilige Stuhl ordnet durch die Herausgabe der amtlichen liturgischen Bücher und durch den Erlass sonstiger Normen die Liturgie der Gesamtkirche Unter Beobachtung der obersten Autorität ordnet und beaufsichtigt der Diözesanbischof die Liturgie seiner Teilkirche. Er besitzt bezüglich der Diözesanliturgie (SC 13) eine eigene Gesetzgebungsgewalt Den Bischofskonferenzen obliegt es, volkssprachliche Übersetzungen der liturgischen Bücher, erstellen zu lassen und nach Billigung durch den Apostolischen Stuhl herauszugeben

45 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie b) Rechtlich: Die Spannung zwischen festen Regeln und Veränderbarkeit Zwei Aufgaben der Bischofskonferenz – die amtliche Übertragung lateinischer Liturgietexte in die Landessprache – die Ergänzung oder Änderung gesamtlateinischer Gottesdienstordnungen Liturgie und Recht in der orthodoxen Kirche – Bei aller Verschiedenheit ist eine Einheit liturgischer Vollzüge in den einzelnen Kirchen gegeben; Überzeugung, dass keine einzelne orthodoxe Kirche die Gottesdienstordnung ändern darf, weil sie sonst die Einheit aller orthodoxen Kirchen in Gefahr brächte – Entscheidend für das Wachsen der Gottesdienstordnung war immer eine „Annahme von unten“; „Von oben“ initiierte Liturgiereformen konnten sich nie durchsetzen – gottesdienstliche Rechtsordnung eher als Rahmen zu verstehen

46 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie c) Geistlich: Die Himmelfahrt als Ursprung der Liturgie Jean Corbon: Liturgie aus dem Urquell (1981) – Die Himmelfahrt wird von der Mehrzahl der Gläubigen verkannt – Es entsteht der Eindruck, es sei ein Abschied – In Wahrheit beginnt die Liturgie der Endzeit: Die Himmelfahrt des Herrn ist der neue Spielraum der endzeitlichen Liturgie, und die Ikonographie der steinernen Kirche symbolisiert sie auf durchsichtige Weise Christus als der Allherrscher (Pantokrator) ist der Schlussstein In der Rundung der Apsis erblickt man die Frau mit dem Kind (Apk 12) Im Chorraum stehen die Engel oder andere Ausdrucksformen der Theophanien des Heiligen Geistes – Der auffahrende Christus verschwindet so wenig, dass er im Gegenteil zu erscheinen und zu kommen beginnt – Die Himmelfahrt ist eine progressive Bewegung, „vom Anfang zu je neuem Anfang“ (Gregor von Nyssa)

47 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie c) Geistlich: Die Himmelfahrt als Ursprung der Liturgie Jean Corbon: Liturgie aus dem Urquell (1981) – „Energie“ bzw. „Synergie“ ist eines der Schlüsselworte bei J. Corbon: „Wenn die Energie des Menschen, vom Geist erweckt, sich mit der Gottes verbindet, wird sie zur Synergie. Die Liturgie ist wesenhaft Synergie des Geistes und der Kirche.“ – Liturgie als Quelle, worin die Leben spendende Menschheit des inkarnierten Wortes zusammen mit dem Vater den Lebensstrom sprudeln lässt: das ist die himmlische Liturgie. – Die himmlische Liturgie verkennen heißt die eschatologische Spannung der Kirche ablehnen, weil man sich entweder in der Welt installiert (Säkularismus) oder sich aus ihr heraus stiehlt (Pietismus). Man trennt damit auch die Liturgie vom Leben. – So enthüllt uns die himmlische Liturgie alle Personen des Dramas: Christus und den Vater, den Heiligen Geist, die Engel und alles Lebendige

48 4. Historische, rechtliche und geistliche Aspekte der Liturgie c) Geistlich: Die Himmelfahrt als Ursprung der Liturgie Jean Corbon: Liturgie aus dem Urquell (1981) – Die himmlische Liturgie ist „apokalyptisch“ im ursprünglichsten Sinn des Wortes: sie offenbart alles, indem sie es vollbringt. Wenn das Ereignis Gegenwart wird, wird die Prophetie zur Apokalypse. – In diesem geistlichen Verständnis von Liturgie spielt die Rückkehr zum Vater eine große Rolle. Die Feier der himmlischen Liturgie hebt mit dieser Rückbewegung an – Liturgie als Rückstrom der Liebe, mit dem alles sich in Leben wandelt – Bedeutung der Doxologie: Die Liturgie ist wesenhaft doxologisch (Ausdruck der Glorie), sofern sie die Quelle feiert – Von ihrem Urquell aus und in alle ihre Entfaltungen hinein badet die Liturgie in Strahlen der Heiligkeit: Sie ist als ganze Anbetung – Die himmlische Liturgie feiert das ständige Ereignis der Rückkehr des Sohnes - und aller in Ihm - in das Haus des Vaters. Das ist Fest, Mahlzeit, Feier, Hochzeit des Geliebten mit seiner Gattin.

49 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift a) Die Einheit der beiden Testamente und der Heilsgeschichte – Zielgerichtetheit der Erlösung – Leitprinzip (Augustinus): „In Veteri Testamento Novum latet et in Novo Vetus patet.“ – „Im Alten Testament ist das Neue verhüllt und im Neuen das Alte enthüllt.“ – Die im Alten Bund vorbereitete und vorgebildete christliche Heilsordnung bereitet und bildet die kommende eschatologische Wirklichkeit vor – Problem heute: Manche Exegeten wollen das AT unabhängig vom NT gelesen wissen (vgl. „Theologie nach Ausschwitz) – Frage der Eigenwertigkeit des jüdische Heilsweges und damit des AT – Dagegen steht die Hermeneutik des christlichen Auslegers, der am Eigenwert des Alten Testamentes historisch, aber nicht mehr theologisch festhalten kann (vgl. II. Vatikanum, DV 16)

50 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift a) Die Einheit der beiden Testamente und der Heilsgeschichte Verwendung des AT in der Liturgie – 1. Sonntagslesung in der Regel immer aus den Schriften des AT – Auch im Kirchenjahr werden fast alle Bücher des AT an den Wochentagen gelesen – Bedeutung der Psalmen – A. A. Häußling: „theographische“ Auswertung des AT – „Die Theologie (ist) im ganzen auf ihre doxologische Qualität zu prüfen: Wird nun tatsächlich von Gott geredet…? Nur derart liturgiefähige Theologie ist Theologie.“ – Die christliche Überzeugung von der endgültigen Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus impliziert nicht, dass das nachbiblische Judentum abgetan und aus den Plänen Gottes entlassen wäre – Die Bezeichnung „Altes“ und „Neues“ Testament sind nicht suspendierbar: Es geht um das erwählende Handeln Gottes in zwei Stufen

51 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift b) Der vierfache Schriftsinn – Literarischer Sinn: Sinn, den diese Texte und das, wovon sie sprechen, in den Augen der Zeitgenossen hatten oder haben konnten – Christologischer Sinn: Sinn, der sich im Licht der Person Christi enthüllt – Christlicher Sinn: Sinn, der auf den Zusammenhang zwischen Christus und den Christen verweist Moralischer Sinn: mehr sozial ausgerichtet und auf die Gemeinschaft bezogen (Kirche, Sakramente, Liturgie) Mystischer Sinn: mehr bezogen auf den innersten Kern der Person, die geistliche Beziehung der Seele zu Gott – Anagogischer/Eschatologischer Sinn: endzeitlicher Sinn der Texte, d.h. der Vollsinn des AT und NT wird erst durch die künftigen Ereignisse bei der Wiederkunft Christi enthüllt werden – vier verschiedene Dimensionen des einen Schriftsinns

52 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift c) Der typologische Sinn – Grundprinzip der Typologie: Alles, was im AT vorbereitet, angekündigt und vorgebildet wurde, hat sich nun in der Person Christi und in den Christen erfüllt – Das NT macht in weitem Umfang von der typologischen Interpretation Gebrauch – Typus – Antitypus Adam – Christus (Röm 5, 14) Auszug aus Ägypten – christliches Leben (1 Kor 10, 1-13) Priestertum und Liturgie des Bundeszeltes und des Tempels – Priestertum und Opfer Christi (Hebr 9) Heiligtum des Tempels – Heiligtum des Himmels (Hebr 9, 24) Arche Noah – Taufe (1 Petr 3, 21)

53 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift c) Der typologische Sinn Weitere Typologien in der Hl. Schrift – 1. Das Manna (das Wasser aus dem Felsen) – die Eucharistie (Joh 6,48- 58; vgl. 1 Kor 10,3) – 2. Die drei Tage, die Jona im Bauch des Wals verbrachte – die Auferstehung Christi nach drei Tagen (Mt 12,39) – 3. Elias – Johannes der Täufer (Mt 17,12) – 4. Das Osterlamm – Christus (Mt 26,28 ; vgl. 1 Kor 5,7) – 5. Die in der Wüste erhöhte Schlange – Christus am Kreuz (Joh 3,14) – 6. Das irdische Jerusalem – die Kirche – das himmlische Jerusalem (Gal 4,25-27; Hebr 11,10; 12,22; 13,14; Offb 3,12; 11,2; 20,9) – 7. Der Alte Bund – das Neue Testament (Mt 26,28; 2 Kor 3,6.14; Gal 4,24) – 8. Mose – Christus (Joh 6,32; Apg 7,37; 1 Kor 10,2; Hebr 3,2f; 11,26) – 9. David – Christus (Apg 2,25-36) – 10. Jakob und Esau – Christen und Juden (Röm 9; 11)

54 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift c) Der typologische Sinn Bewertung der typologischen Interpretation – Wir dürfen einerseits die typologische Interpretation nicht so desavouieren, wie die moderne Exegese dies bisweilen tut, die dies als eine christliche Frömmelei abtut, andererseits aber auch nicht wie viele Kirchenväter und namentlich die mittelalterlichen Autoren das an und für sich richtige typologische Prinzip willkürlich überspannen – Die sicherste Regel besteht darin, sich an die von der Bibel klar bezeugten oder wenigstens angedeuteten Fälle von Typologie zu halten – Wohl macht die Liturgie von der Typologie reichen Gebrauch, aber bei näherem Zusehen ergibt sich, dass die römische Liturgie sich im allgemeinen an die schon im NT klar bezeugten Fälle von Typik hält

55 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift c) Der typologische Sinn Typologien in der Liturgie – Typologie Durchgang durch das Rote Meer – Taufe: Osternacht – Typologie Sündflut – Taufe: Präfation der Taufwasserweihe – Typologie der Eucharistie: Vergleiche mit dem Opfer Isaaks und Melchisedeks (1. Hochgebet) – Typologie Jeremia – Christus: Karmetten am Karfreitag / Karsamstag – Typologie irdisches Jerusalem – Kirche – himmlisches Jerusalem: Offizium der Kirchweihe. – Typologie erhöhte Schlange – Christus am Kreuz: Lesungen an Kreuzerhöhung – Typologie Eva – Maria: Lesung am Hochfest der unbefleckten Empfängnis Mariens – Die Typologien stammen sowohl aus der Hl. Schrift wie aus den Schriften der Kirchenväter

56 5. Die Grundlegung der Liturgie durch die Hl. Schrift d) Der tiefere Sinn des NT in der Liturgie – Das heilgeschichtliche Geschehen eines betreffenden Festes (Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt) wird zu einer mich persönlich berührenden Wirklichkeit, die sich in der liturgischen Handlung sakramental-mystisch an mir vollzieht – Beispiel Epistel in der Osternacht: Röm 6, 8 – Die spezifisch christliche Schriftlesung geschieht innerhalb der Liturgie (theologische Schriftlesung) – Liturgisches Schriftverständnis wirkte sich auch auf die ganze altchristliche und mittelalterliche Kunst aus – Einheit zwischen Theologie, Bibel, Liturgie, Kultur und Kunst – Fazit für den liturgischen Gebrauch der Hl. Schrift im christlichen Gottesdienst: das Verständnis der Beziehungen zwischen Bibel und Liturgie ist von entscheidender Wichtigkeit, um in die Welt der Liturgie einzudringen

57 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie a) Aspekte einer trinitarischen Theologie der Liturgie Trinitarische Durchsicht der Eucharistiefeier – In der Liturgie gibt es zahlreiche trinitarische Elemente, vom Kreuzzeichen über den liturgischen Gruß (2 Kor 1,2) bis hin zum Segen – An Christus gerichtete liturgische Gebete: Kyrie, Gloria, Benedictus und das Te Deum, die beiden Gemeindeakklamationen zum Mysterium fidei und nach dem Embolismus des Pater noster, Agnus Dei sowie Gebete im Kommunionkreis – Grundstruktur christlicher Liturgie seit den Anfängen der Kirche: ad Patrem per Christum in unitate Spiritus Sancti (patrozentrische Grundausrichtung) – Priesterliche Präsidialgebete (bis auf wenige Ausnahmen alle an Gott den Vater gerichtet) – das eucharistische Hochgebet - die Höchstform liturgischen Gebets und zentraler Akt der Anbetung und des Lobpreises Gottes - ist ebenfalls an Gott den Vater adressiert

58 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie a) Aspekte einer trinitarischen Theologie der Liturgie Trinitarische Durchsicht der Eucharistiefeier – Bipolarität des liturgischen Gebets ad Patrem und ad Christum – Anabatische Dynamik: in den Gebeten, besonders der prex eucharistica (Hochgebet) – Katabatische Dynamik: besonders in der Verkündigung des Evangeliums und in der Kommunion – Verba Testamenti nicht einfach Erinnerung an ein Ereignis der Vergangenheit (vorgesehene Kniebeuge) – Geistepiklese unterstreicht die pneumatologische Dimension der eucharistischen Liturgie – Kelchwort als Ausdruck der Christozentrik mit eschatologischer Ausrichtung (Mk 14, 25) – Kommunion als Vorgeschmack des „Hochzeitsmahles des Lammes“ – Teilhabe an Leib und Blut Christi als Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott

59 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie a) Aspekte einer trinitarischen Theologie der Liturgie Theozentrik und Christozentrik – Anabatische Bewegung des Gebets per Christum in Spiritu Sancto ad Patrem – Jesus Christus ist nicht nur auf der Seite der betenden Gemeinde. Als der göttliche Mittler des Heils wird er zugleich mit dem Vater und dem Geist angebetet und verherrlicht. – Prinzip der Homotimie (= Gleichverehrung) für Vater, Sohn und Geist ist weder gegen das von Gott zu seinem besonderen Eigentum erwählten Volk Israel gerichtet noch gegen die im Sh e ma Israel proklamierte Einheit und Einzigkeit Gottes – Canon 21 der Synode von Hippo Regius (393): „Et cum altari assistitur, semper ad Patrem dirigatur oratio“. – Durch die Liturgie werden wir immer wieder in das mysterium trinitatis hineingezogen, sub specie celebrandi

60 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Die kleine Doxologie: „Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist“ – Bereits im 6. Jahrhundert Abschlussgebet oder Teil des abschließenden Gebets nach den Psalmen – parataktische Nennung der drei Personen hat eine stärker statische denn dynamische Interpretation der Dreifaltigkeit (nicht ohne theologische Probleme) – Ergebnis innerkirchlicher Differenzen: die dogmatischen Streitigkeiten der Alten Kirche haben schließlich zu ihrer Formulierung geführt

61 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Die große Doxologie – Gloria in excelsis Deo – Klare Dreiteilung: Ruf der Engel nach Lk 2,14 – Lobpreis Gottes – Anrufungen Christi – Haltung der Gläubigen: „laudamus“, „benedicimus“, „adoramus“, „glorificamus“ – Ausdruck der Hoffnung: „qui tollis peccata mundi, miserere nobis; qui tollis peccata mundi, suscipe deprecationem nostram“. – In der liturgischen Feier - und das ist ein erstes und wichtiges Merkmal des trinitarischen Bekenntnisses in der Liturgie - kommt es zur Partizipation an der Heilsdynamik der Trinität. – Unterschiede zwischen den verschiedenen liturgischen Texten im Blick auf ökonomische und immanente Trinität

62 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Das Credo – Bekenntnistext der römischen Liturgie, erst spät etabliert – AEM 43 interpretiert diesen Text als Zustimmung zu und Antwort auf das Wort Gottes – Mit Blick auf die Geschichte wird man von einer Vieldeutigkeit gerade des Credo in der Messfeier sprechen dürfen: Vergegenwärtigung der Glaubensregel – Reinigungsritus – Beginn der Eucharistie – Ausdruck von Rechtgläubigkeit – Man wird das Credo in Anlehnung an Jungmann als Bekenntnis in hymnischer Gestalt bezeichnen dürfen

63 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Die Taufformel – Die Taufformel ist ein exzellentes Beispiel für performatives Sprechen: Es geht im Kern um ein „Zusprechen“ – Indem diese Formel mit der Handlung des Eintauchens oder Übergießens verbunden wird, vollzieht sich das Taufgeschehen und partizipiert der Täufling an der Heilsökonomie Gottes. Er erhält Gemeinschaft mit dem dreieinen Gott.

64 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Kreuzzeichen – Begegnet sowohl als Selbstbekreuzigung als auch als Segensgestus – Seit dem 4. Jahrhundert ist die Begleitung des Kreuzzeichens mit der trinitarischen Formel Praxis – Tauferinnerung: In der Taufe bin ich Kind des Vaters geworden, Bruder oder Schwester des für mich dahingegebenen Sohnes, Tempel des Heiligen Geistes (Balthasar Fischer) – In einer durch Körperlichkeit und Intuition geprägten Kommunikation wird das Erfasstsein des Menschen von der Dreifaltigkeit repräsentiert (vgl. in der griechischen und russischen Orthodoxie die Fingerhaltung beim Kreuzzeichen, die noch einmal auf die Trinität verweist) – Auf der Ebene des rituellen Vollzugs bringt die Performanz Emotionalität, Assoziation, auch beispielsweise Räumlichkeit und im weiteren Sinne Ästhetik ins Spiel

65 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Bilder und Räume – Bilder im Kirchenraum, die die Trinität entweder als Einheit oder als Dreiheit darstellen, sind keine Seltenheit – Auseinandersetzungen um bildliche Darstellungen der Trinität: Benedikt XIV. warnte vor Darstellungen der Trinität, die drei Personen zeigten und insbesondere den Heiligen Geist als jungen Mann abbildeten. Urban VIII. verbot den Tricephalos, Bilder, die einen Leib mit drei Köpfen zeigen – Geometrische Zeichen: Dreieck – Alttestamentliche Bilder: Begegnung Abrahams mit den drei Männern (Gen 18, 1-16) – Das ausdrucksstärkste und verbreitetste Bild aus neutestamentlichen Motiven ist im Westen der Gnadenstuhl – Architekturdetails wie drei Kirchenschiffe, drei Apsiden, drei Fenster als Hinweise auf die Dreifaltigkeit (Zisterzienser – Helfta)

66 6. Die christologisch-trinitarische Grundstruktur der Liturgie b) Dreieinheit Gottes in der Liturgie Votivmesse „Von der heiligen Dreifaltigkeit“ und Dreifaltigkeitsfest – Messformular bereits um 800 belegt, im Mittelalter stark verbreitet – wurde mit regionalen Unterschieden in allen Sonntagsmessen zwischen Pfingstoktav und Advent verwendet – Dreifaltigkeitsfest: Ideenfest, das bereits im 10. Jh. nachweisbar ist und erst 1334 durch Johannes XXII. gesamtkirchlich vorgeschrieben wurde – In Rom lange skeptisch, erst mit dem Missale Romanum 1570 endgültig festgelegt – Präfation ein dogmatisch geprägter Text, der der Liturgie wenig angemessen ist – wenig Brauchtum mit dem Fest verbunden – Missale 1570: immanente Trinität – Missale 1970: ökonomische Trinität

67 7. Die liturgischen Zeichensprachen 1. Wortsprachen: Sprach- und Schriftcode (Liturgiesprachen) sowie Sprechcodes (dazu gehören Lautstärke, Tonhöhe, Betonungen usw.) 2. Körpersprachen (Mimik, Gestik, Haltungen, Bewegungen durch den Raum, Stellungen im Raum, Berührungen, Geschmack und Geruch) 3. Klangsprachen (akustische Codes wie Klänge, Geräusche, insbesondere die musikalischen Codes) 4. Objekt-Sprachen (Kleider, Raumschmuck, liturgische Geräte und Gefäße, Bilder, Symbole von unterschiedlicher sinnlicher Wahrnehmbarkeit, insbesondere der Raum und seine Ausstattung) 5. Soziale Sprachen (Personen und Gemeinde als Repräsentanten Christi, Inszenierungen, Gliederung der Zeit, Festcode)

68 7. Die liturgischen Zeichensprachen a) Zeichensprache Wort – Sprach- und Sprechcodes, Schweigen – Das Wort ist das erste und hauptsächlichste Zeichen, dessen sich die Liturgie bedient – Augustinus: „Nimm weg das Wort, und was ist das Wasser als eben Wasser? Es tritt das Wort zum Element, und es entsteht das Sakrament – accedit verbum ad elementum et fit sacramentum –, selbst gleichsam sichtbares Wort.“ (In Ioh tract. 80, 3) – Thomas von Aquin: „Darum werden die Worte, durch welche die sakramentalen Elemente geheiligt werden, Form, und die geweihten Elemente Materie der Sakramente genannt.“ (De art. fid. et eccl. sacr., 614) – Im Wort manifestiert sich der Heilswille Gottes – Gott macht das hörbare Wort in der Heilsvermittlung zur Brücke zwischen ihm und den Menschen

69 7. Die liturgischen Zeichensprachen a) Zeichensprache Wort – Sprach- und Sprechcodes, Schweigen Formen des Gebetswortes: Anbetung, Danksagung, Bitte Sakramentalien: Weihen, Segnungen, Exorzismen Konkrete Ausdrucksformen – Einführung – Oratio / Hochgebet (priesterliche Gebete) – Lesungen – Evangelium – Antwortruf / Akklamation – Psalmengesang – Liedtexte – Kommentare – Ansprache

70 7. Die liturgischen Zeichensprachen a) Zeichensprache Wort – Sprach- und Sprechcodes, Schweigen Schweigen – Gefülltes Schweigen: mehr als Abwesenheit von Rede und Aktion – Vor dem Tagesgebet (Collecta) – Nach der Predigt – Nach dem Kommunionempfang: Augenblick für eine innere Zwiesprache mit dem Herrn – Gabenbereitung: Bereitung seiner selbst (dem äußerlichen Vorgang entspricht ein innerer Prozess) – Wandlungsstille – Stille Priestergebete (stark reduziert, aber weiterhin vorhanden): vor der Verkündigung des Evangeliums (1), bei der Gabenbereitung (5: über Brot und Wein; bei der Mischung des Kelches; als Gebet der Demut; bei der Händewaschung), vor dem Kommunionempfang (2), nach dem Kommunionempfang bei der Purifikation der Gefäße (1)

71 7. Die liturgischen Zeichensprachen b) Zeichensprache Körper – Gestus, Haltung und Bewegung Verneigungen Kniebeugen Prostrationen das Ausstrecken oder Falten der Hände die verschiedenen Arten des Kreuzzeichens das An-die-Brust-Schlagen die Auflegung der Hände die Anhauchungen die geordneten gemeinschaftlichen Bewegungen der an der Liturgie Beteiligten, sowohl im engeren Bereich des liturgischen Geschehens (Ministranten, Lektoren, Kommunionhelfer) als auch des ganzen Volkes

72 7. Die liturgischen Zeichensprachen b) Zeichensprache Körper – Gestus, Haltung und Bewegung Orantenhaltung – Urgebärde des zu Gott rufenden Menschen – christologische Bedeutung: Erinnerung an die ausgebreiteten Hände Christi am Kreuz – Radikale Form der Anbetung – Öffnung zu Gott, die vollständige Übereignung an ihn, ist zugleich untrennbar Zuwendung zum Nächsten Gefaltete Hände – Aus dem Lehenswesen (symbolischer Vorgang) – Ausdruck des Vertrauens ebenso wie der Treue – In der Priesterweihe erhalten geblieben – Christologische Bedeutung: Der Priester legt seine Hände in die Hände Christi, vertraut sich ihm an und gibt ihm die eigenen Hände

73 7. Die liturgischen Zeichensprachen b) Zeichensprache Körper – Gestus, Haltung und Bewegung Verneigung – 1. Hochgebet: „Supplices“ – tiefgebeugt – „flehen wir zu dir“ – der körperliche Ausdruck für das, was die Bibel Demut nennt (Demut als Grundhaltung christlicher Existenz) – Gebärde von großem Tiefgang Das Klopfen an die Brust – Gebärde des Zöllners (Lk 18, 9-14) – Sinnvolle Gebetsgebärde – Schuldbekenntnis: „Mea culpa“ – Agnus Dei: Wir schauen auf den hin, der der Hirte ist und für uns Lamm wurde, als Lamm unsere Schulden trug; so ist es nur richtig, auch in diesem Augenblick an die Brust zu klopfen

74 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst – Ästhetik der Liturgie hat verschiedene Dimensionen – Klang (Musik) – Mimik, Gestik, Tanz (Darstellende Kunst) – Gestaltete Materie (Bildende Kunst) – Ästhetik der Vergegenwärtigung – Der Modus des Wortes in der Liturgie ist ein dreifacher, festzumachen an den Vollzügen der (erzählenden) Anamnese, der (bittenden) Epiklese und der (preisenden) Doxologie – Anforderungen an eine liturgiegemäße Kirchenmusik sind erheblich gestiegen – Gemeinde ist nicht nur stumme Zeugin, sondern aktive Mitspielerin im Heiligen Spiel (participatio actuosa)

75 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst – Die Kirchenmusik bildet im Gottesdienst als Ort der Doxologie jenen Klangraum, in dem die Antwort in Freiheit erfolgen kann – Akustische Seite des symbolischen Raums gott-menschlicher Kommunikation – Musik im Gottesdienst ist Anwältin des Subjektiven, nicht um das „Objektive“ der göttlichen Vorgabe zu relativieren, sondern um es zu vergegenwärtigen – Wesentlicher Faktor des Gottesdienstes als Ereignis gott-menschlicher Begegnung Gregorianik – SC 116: „Die Kirche betrachtet den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang; demgemäß soll er in ihren liturgischen Handlungen … den ersten Platz einnehmen.“

76 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst Gregorianik – Zulässigkeit anderer Arten von Kirchenmusik, insbesondere der Polyphonie – Akklamationen, Antworten, Psalmengesang, Antiphonen (Rahmenverse zum Psalmengesang), Lieder – Der Gregorianische Gesang hat eine traditionelle Sonderstellung wegen seines Alters, doch werden prinzipiell alle anderen Formen musikalischer Verlautung zugelassen – Gregorianik ist demnach zwar der älteste, aber doch nur einer von vielen möglichen Stilen der Musica sacra – Entscheidend ist das mit dem Gregorianischen Choral verbundene Prinzip der Textbezogenheit – Liturgie ist von ihrem Wesen her niemals bloßer Textvollzug, sondern auch Verlautung, Klangrede – in der klassischen Liturgie gibt es keinen Textvollzug ohne Gesang

77 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst Gregorianik – poetische Stücke wie Hymnen und Sequenzen – litaneiartige Gesänge wie die Improperien (Klagegesänge) der Karfreitagsliturgie – Ordinariumsmesse (formale Geschlossenheit ist eher zufällig) Kyrie ist Relikt einer Fürbittlitanei östlicher Provenienz Gloria ist anfänglich ein griechischer Morgenhymnus der Tagzeitenliturgie aus der Zeit der Alten Kirche Credo gehört ursprünglich in den Kontext der Taufliturgie und ist eine mittelalterliche Zutat zum Ordo Missae Sanctus und Benedictus scheinen als Bestandteil des eucharistischen Hochgebets in die Zeit der Entstehung des römischen Ritus hineinzuweisen Agnus Dei ist ebenfalls eine orientalische Anleihe aus der Zeit um 700 – Troparien (Sammlungen von Texteinschüben, abgeleitet von „tropus“)

78 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst Weitere Formen kirchenmusikalischer Entfaltung – Tagzeitenliturgie: die feierliche Vesper, die Responsorien der Karmetten, Stücke aus der Komplet, das „Salve Regina“ – Litaneien sowie freie Motetten, die auch wiederum in der Hl. Messe Raum greifen konnten (z.B. bei der Elevation der eucharistischen Gestalten) – Instrumentalmusik (Sonderfall): Orgel, Bläser- und Streichermusik – Religiöser Volksgesang: Aus mittelalterlichen Cantiones und Leisen (d.h. Kyrie-Tropen) entwickelte sich das Kirchenlied, zunächst aus reformatorischem Impuls, bald aber auch in gegenreformatorischer Reaktion – von der katholischen Liturgie trotz mancher Teilerfolge in der Zeit des Barock und der Aufklärung systematisch meist ferngehalten (Grund dafür, dass in rein katholischen Ländern kaum eine Tradition des Kirchenliedes anzutreffen ist)

79 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst Weitere Formen kirchenmusikalischer Entfaltung – Kirchenmusikinstruktion „Musicam Sacram“ (1967): Leitprinzip der „tätigen Teilnahme“ – Ein bis heute ungelöstes Problem liegt in der Tatsache, dass die ältere Kirchenliedtradition außer- oder paraliturgisch geprägt war. Die Eucharistiefeier bietet im Grunde wenig Raum für das Strophenlied. – Spannung zwischen dem, was die kirchliche Liturgie vorschreibt und dem, was gern gesungen wird (Auseinandersetzungen um das „Neue Geistliche Lied“) – Spannung zwischen „objektiver“ Vorgabe und „subjektivem“ Empfinden – Fazit I: Im Singen kommen die Grundakte liturgischen Sprechens mit ihren vielfältigen Differenzierungen zum Ausdruck: Es handelt sich im Wesentlichen um die drei Vollzüge Anaklese (Anrede), Anamnese (Erinnerung) und Epiklese (Anrufung)

80 7. Die liturgischen Zeichensprachen c) Zeichensprache Klang – Musik im Gottesdienst Grundakte liturgischen Sprechens – Anrede (Anaklese): Im Stundengebet ist es der Ruf „Deus, in adiutorium meum intende!“ (O Gott, komm mir zu Hilfe!), bei der Hl. Messe der Introitusgesang; Die Funktion der Anrede haben aber auch das Eröffnungslied oder der Hymnus zu Beginn von Stundengebet oder Messe (Gloria) – Erinnerung (Anamnese): Lieder als Träger von Erinnerung (z.B. „Beim letzten Abendmahle“, GL 537) – Anrufung (Epiklese): O-Antiphonen der Adventszeit – eschatologische Dimension – Fazit II: In diesem umfassenden Sinn ist Kirchenmusik also Klang des Unsagbaren. Sie ist letztlich Dienerin, Klangbild des in uns seufzenden Heiligen Geistes (Röm 8,26), aber nicht Medium des von Menschen Gemachten

81 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder – Raum, besondere Orte, Gefäße und Geräte, Gewänder und Textilien – Nicht nur Äußerlichkeit, sondern Äußerung Raumdimension – traditionell etwas Statisches (Einführung der Kirchenbänke in der Reformationszeit, Versammlung für Glaubensunterweisung) – Tatsächlich dienten die Kirchenräume in der Spätantike und im Mittelalter aber vornehmlich Bewegungsabläufen – Die Wiederentdeckung der Bewegungsdimension als Bestandteil der Liturgie ist eine notwendige Folge des erneuerten Liturgieverständ- nisses. – Dabei ist zu bedenken, dass erst in der Phase der Liturgiereform vielfältige Elemente der Bewegungsdimension (z.B. Prozessionen, Umgänge u.Ä.) abgeschafft wurden.

82 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Raumdimension – Problem einer Raumantinomie zwischen Ausrichtung und Zentralisierung – Beide Dimensionen, die der zentrierten Versammlung und die der exzentrischen Ausrichtung, gehören im christlichen Gottesdienst zusammen und müssen im Gleichgewicht gehalten werden – Frage, ob die konzentrisch (um eine Mitte zusammengekommene) Versammlung der Gemeinde in sich geschlossen oder auch offen ist – Orientierung muss gewahrt werden: Dabei geht es um die Begegnung mit Gott, dem Vater, durch Jesus Christus im Heiligen Geist Altar – von Anfang an hat es sowohl feststehende als auch bewegliche Altäre gegeben – die Dimensionen Opfer und Mahl koexistierten dabei, wenn auch je nach Zeit und kulturellem Kontext mit unterschiedlicher Gewichtung

83 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Altar – Uneigentlichkeit: nicht eigentlich Opferstätte – aber doch Unterlage, auf welche die Gaben abgelegt werden – und nicht eigentlich Esstisch – aber doch Tisch, von dem die Mahlgaben empfangen werden – Ort gott-menschlicher Kommunikation – Vier Bewegungsrichtungen die zentripetale Richtung der Gabenprozession, deren Ziel der Altar darstellt; die deszendente des Ablegens der Gaben auf dem Altar bei der Gabenbereitung sowie im epikletischen Gestus während des Eucharistiegebetes; die aszendente beim zusammenfassenden Lobpreis unter Erhebung der Gaben am Ende des Eucharistiegebetes; die zentrifugale beim Ausspenden der eucharistischen Gaben bei der Kommunion vom Altar. – Aufgabe für die Zukunft: Ausgleich zwischen der Erfahrung der Gemeinschaft und der Öffnung der Gemeinde auf Gott hin – Frage des Aufbewahrungsortes für die konsekrierten Hostien

84 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Ambo – Frage der Platzierung des Ambos im Altar- bzw. Kirchenraum – ein zweiter Tisch neben oder gegenüber dem Altartisch (Tisch des Wortes nur eine Metapher)? – Ort des Verkündigungsgeschehens: Insofern sich am Ambo Anamnese und damit Vergegenwärtigung ereignet, ist er im Vollzug durchaus mit dem Altar als Ort der eucharistischen Anamnese vergleichbar – Eine Theologie des Ambos leitet sich vom anamnetischen Charakter des Wortgottesdienstes her – deutliche Unterscheidung zwischen Evangeliumsverkündigung und den anderen Schriftlesungen in der Topographie der römischen Basilika mit den beiden Ambonen (z.B. San Clemente) – Analogie zum Altar als Ort der Christusanamnese in der Eucharistie: analog zum Aufbewahrungsort für die Eucharistie (Tabernakel) sollte es auch einen Ort für die Aufbewahrung des Evangeliars geben

85 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Taufort – der dritte anamnetische Ort im liturgischen Feierraum – Aufwertung durch die Liturgiereform – Unterschiedliche Gestalt der Tauforte Taufe und Umkehr: Umkehrgedanke im Ritus der Apotaxis (Absage an Satan, nach Westen) und Syntaxis (Zusage an Christus, nach Osten) Taufe und Sterben: Kreuzförmige Taufbecken und Baptisterien verweisen auf die staurozentrische Interpretationsebene; Heraussteigen aus dem Taufbrunnen als Emporsteigen aus dem Grab Taufe und Rettung: Taufort wird als Durchzug durch das Rote Meer (in Richtung Osten) interpretiert und gestaltet – Die ursprünglich noch recht voluminösen romanischen Taufbecken (aus Stein oder Bronze) schrumpften mit der Zeit – Heute: neue Bedeutung im Zusammenhang mit der Wiedereinführung des Katechumentats (welche ntl. Typologie steckt dahinter?) – Frage nach einem angemessenen Aufbewahrungsort für die drei Heiligen Öle (Chrisam, Katechumenen- und Krankenöl)

86 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder – Kelchgefäße und Patene, Ziborium und Monstranz – Silber und Gold symbolisieren die Nähe zum Heiligen – Unterscheidung zwischen „Vasa Sacra“ und „Vasa non sacra“, je nach Nähe zum eucharistischen Geschehen; unter den „Vasa sacra“ sind in erster Linie Hostienschale und Kelch zu nennen – Kelch: Während der antike Kelch für das Weiterreichen und das Trinken durch eine größere Anzahl von Personen gedacht war, ist der Barockkelch mit seinem großen Fuß und der kleinen Kuppa für den Zeigegestus und als Trinkgefäß für nur eine Person konstruiert – Gefäß für das eucharistische Brot: Aus dem Brotteller (im Osten bis heute der „Diskos“) wurde das Ziborium für die Aufbewahrung der Hostien für die Kommunion außerhalb der Messfeier und die kleine Patene für die Priesterhostie – Im Hochmittelalter Gefäße für Zeigerituale: Pyxiden, Ziborien, Monstranzen

87 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Gefäße – Bestimmung, dass der Priester nach der Konsekration Daumen und Zeigefinger bis zur Händewaschung nach der Kommunion geschlossen halten muss, führte zu der Vorschrift, am Kelch eine Verdickung (Nodus = Knoten) anzubringen – Vorgabe des Konzils: „Glanz edler Einfachheit“ (SC 34) – Dennoch gilt: An erster Stelle steht die Eignung für die Funktion im liturgischen Handlungsgeschehen Gewänder und Textilien – nachlässiger Umgang mit Paramenten, Antependien oder der Altarwäsche in der zweiten Hälfte des 20. Jhs – Kreative Wiedergewinnung der Sinnlichkeit – Wiederentdeckung des Textils – Bedeutung der Johannes-Apokalypse, in die nach Meinung mancher Autoren konkrete liturgische Bräuche eingeflossen sind

88 7. Die liturgischen Zeichensprachen d) Zeichensprache Objekt – Kirchenraum, Geräte, Gewänder Gewänder und Textilien – Aus der Alltagskleidung entwickeln sich mit der Zeit liturgische Gewänder – Auf katholischer Seite ist nach einer reduktiven Phase eine Wiederentdeckung der textilen Dimension festzustellen – Wichtig ist die theologische Ebene: Mit dem paulinischen Motiv des Anziehens Christi bzw. des Überkleidetwerdens mit Unsterblichkeit bekommt das Gewand eine soteriologisch konnotierte Symbolik – Neue Fragen Sollen die liturgischen Dienste (Lektor, Kommunionhelfer) liturgische Kleidung tragen? Wie hat sich diese von Klerikergewändern zu unterscheiden? Taufschal? Verwechslung mit Priesterstola? Blick für die erforderte Qualität alter und neuer Paramente und Textilien – Fazit: Im Bereich der Zeichen und Symbole gibt es keine „Nebensachen“, da jedes falsch gesetzte Zeichen zum beherrschenden Störfaktor werden kann (z.B. auch Blumenschmuck im Altarraum)

89 7. Die liturgischen Zeichensprachen e) Zeichensprache Personen – die gegliederte Gemeinschaft – auch die Personen innerhalb des Gottesdienstes bilden ein liturgisches Zeichen – Symbolwert der „hierarchischen Liturgen“ (Vorsteher) – Ignatius von Antiochien: „Seid bestrebt, alles in Gottes Eintracht zu tun, wobei der Bischof an Gottes Stelle und die Presbyter an Stelle der Ratsversammlung der Apostel den Vorsitz führen und die mir besonders lieben Diakone mit dem Dienst Christi betraut sind.“ – Bedeutung des Gehörs- und Gesichtssinnes, vgl. Augustinus: „Von den Zeichen, wodurch sich die Menschen ihre Gefühle mitteilen, gehören einige zu dem Gesichtssinn, die meisten zum Gehörssinn, nur sehr wenige zu den übrigen Sinnen. Wenn wir z.B. jemandem zunicken, so geben wir nur den Augen desjenigen, dem wir dadurch unsere Absicht mitteilen wollen, ein Zeichen; auch die Schauspieler geben denen, die solche Zeichen verstehen, durch die Bewegung ihrer Glieder Zeichen und sprechen gleichsam mit deren Augen; all diese Zeichen sind sozusagen sichtbare Worte.“


Herunterladen ppt "1. Zur Frage der Begriffsbestimmung von „Liturgie“ a)Geschichtliche Entwicklung -„Liturgie“ leitet sich vom griechischen  ί  ab, einem Kompositum."

Ähnliche Präsentationen


Google-Anzeigen