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Europäische Literatur und deutsche Wanderbühne 3. Die Stücke und ihre vermutlichen Vorlagen.

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1 Europäische Literatur und deutsche Wanderbühne 3. Die Stücke und ihre vermutlichen Vorlagen

2 Textsammlungen 1620 Engelische Comedien und Tragedien Leipzig: Gottfried Große Auflage 1630 Liebeskampff 1670 Schaubühne englischer und frantzösischer Comödianten 1694 in Nürnberg drei Bände durch Johannes Velten: Histrio Gallicus comicosatyricus sine exemplo, oder die überaus anmuthigen und lustigen Comödien des fürtrefflichen frantzösischen Comödianten Molière.

3 Repertoire englische Truppen : religiöse Stücke → Shakespeare Green 1626 in Dresden:  Tragödie von Hamlet, Prinz von Dänemark  Tragödia von Romeo und Julietta  Kaufmann von Venetien  Tragödia von Lear, König in Engeland  Julius Caesar spanische Stücke von Calderòn oder Lope de Vega meist über holländische oder französische Bearbeitungen Shakespeare oder Molière immer umgearbeitet:  Monologe gestrichen  spektakuläre Geister- und Teufelserscheinungen eingefügt  effektvolle Aktionen gesteigert

4 Pomp und Aufregung Schul- und Bürgertheater: Heilsgeschichte, Legenden, Allegorien, propagandistische Reformationsstücke wenig ereignisreiche Handlung, kaum Unterhaltung Neugierde nach höfischer Welt bürgerliche Figuren (die Parabel vom verlorenen Sohn) → Adelswelt Haupt- und Staatsaktion Skala menschlicher Affekte: Wut, Leidenschaft, Verzweiflung, Wahnsinn Rasen der Triebkräfte Psychologie von Descartes meist rührend-tröstlicher Ausgang

5 Neue Faszination der Schauspielkunst unvorhersehbare Ereignisse Göttin Fortuna Spaßmacher durchbricht die Tragik auf der niedrigen Ebene Froschperspektive der Trivialität nicht Katharsis durch Gleichsetzung im verkleinerten Format, sondern Schranke zwischen zwei Welten extreme Manieriertheit der galanten Welt des Hofes derbe Ausdrucksweise der ungehemmten Triebwelt zwei sprachliche Ebenen im 16. Jh. stilisiertes Vortragen von Versen nun lebendige Prosa

6 Ein effektvolles Spiel expressive Prosa heftige Gestik Handlung aufregend, nicht ergreifend grausige Szenen Zweikämpfe, Wahnsinnsszenen, Selbstmord, Folter, Hinrichtungen Pracht – Kostüme gravitätische Aufzüge Chor der Untertanen und Musik

7 Die Bühne Ritualhandlungen (Krönungen, Audienzen) Saal mit Thron Handlungsebenen: vorne niedrige hinten hohe Ebene Mittelgardine

8 Das erste Stück Bearbeitung von Nobody and Somebody 1608 von John Green: Niemand und Jemand Ein warhafftige unndt glaubwirdige History unnd Geschicht, wie es sich vor villen Jarrn in Engllandt mit Khünig Artzngall und seinen dreyen Prüder zu getragen. aus der Stadt an den Hof 1620 noch verstärkt

9 Niemand und Jemand Gerichtstag vor dem König: Streit um eine Grafschaft Klage gegen Niemand Hertzngal: Schweig du schtill, eur Rat bederfen wir nicht. Waß finden wir hie für ein Suplication gegen Niemantß wegen sein Parmherzigkheit, Frombheit, Freigibigkheit, Kheischheit vnd fiell ander deß gleichen? Sag mir, wer khent in? Elidor: Genedigster Herr und Prueder, ich khen in woll, er ist from und erlich; Wukherei, Unkheischheit, Veraterey und Trunkenheit thuet er von Herzen hassen. Niemantß ist euer getreuer Unterthan, ja Niemantß hat eur Meyestet von Herzen lieb. Hertzngal: Eß gieldt geleich, wir wollen in verbanen, weill er ein Liebhaber ist aller Tugent; laß in verbanet sein; aber wo fint man in?

10 Niemand und Jemand der höfische Schmarotzer: Van Schmaroz: Ich hab eine Fraindt, großmehtigster Khenig, der im veriagen soll; einer, der Schellmerey, Wucherey, Trunkenheit, Unkheischheit, und alle Sündt von Hertzen lieben thuet; dem selbigen will ich bevelchen, daß er im auß disen Landt vertreiben solt. Hertzngal: Wie ist er genenet? wie heist man in? Van Schmaroz: Er ist Jemandtß genenet großmechtigister Khenig. Hertzngal: Ich bin eß woll zufriden, laß Jemantß in vertreiben und veriagen, wir sein gerecht, dan Niemantß hat über unß zukhlagen.

11 Niemand und Jemand absurde Wortspiele: (Ein Paur khombt ein mit ein Par Hörner unnd sein Weib.) Paur: Holla, holla, Frau wo seit ihr solang gewest die gancze Nacht, bei wem seit ihr gewesen? Frau: Ich, ich bin peim Niemantß gewesen. Niemantß: Straf mich der Teufl, eß ist erlogen, sie ist bei mir nit gewesen. Paur: Khumb, sagt mir die rehte Warheit, wer hat mir daß Par Herner auf geseczt, sagt mir, wer solcheß verursacht hat? Frau: Ich sag nacheinmall und nacheinmall, Niemantß hatß verursacht. Niemantß: Daß dich Paczschlaperment, sie werden mich balt zum Huernjager machen.

12 Niemand und Jemand König gestürzt – Elidor auf den Thron Martianus: Daß Unrecht, so du uns beweist hast, soll dir dein Leben costen Herczngall; mein Graffschafft hastu mit Gewalt und Unrecht eingenamben und durch Gewalt solstu dein Leben enden. Elidors Gemahlin: Sein Graffschaft dein Grab verursacht Herzngall, darumb praeparir dich; dan hie var unser khöniglich Augen solstu dein Leben enden. Elidor: Solang allß ich die khöniglich Khron regirn thue, soll mein herzlieber Prueder bei Leben bleiben. Du unbarmhercziges Weib vexier in nit, dan er ist rehter Erb und die khoniglich Khron gehert im zue; darumb es gebürt dir nit, sein khöniglichen Nam mit schantlosen Worten zu beflekhen. Ich sag nach eins, mein Prueder Herczngal ist rehter Khönig, und durch Gewalt, und nit mit Reht habt ihr die Khron genamen.

13 Niemand und Jemand Rivalität zwischen den beiden Königinnen Wechsel zwischen den zwei Ebenen: die Staatsebene mit dem Komplott gegen den König die untere Ebene mit Niemand und seinem Diener Samuel Beckett: En attendant Godot (1952)

14 Niemand und Jemand (Gehen alle ab, Niemandts khambt ein mit villn Püchern undt mit ein Rosnkhrancz, und sein Jung mit im.) Jung: Herr, warumb habt ihr sovil Bueher gekhaufft, ich will gern die Ursach wissen. Niemantß: Jung, du weist Niemantß ist gottßferhtig, darumb hab ich vill Gelt außgeben ehe ich diese heylige Puecher bekhamen hab; geldt, Niemantß ist gottsferhtig, ecce signum, hie ist mein Paternoster, Niemantß wirt sich bekhern van allen Sünden, Niemantß wirdt Pues thuen, Niemantß will fasten und beten und alle Tag wirt Niemantß 6 mall zum wenigsten in der Khirchen erscheinen auf gebognen Khnie. Jung: Und Niemantß Diener wirt sein Herrn Gesellschafft leisten.

15 Niemand und Jemand Staatsebene – mehrere Umschwünge: Elidors Gemahlin: Secz mir die khönigliche Cron auf mein Haubt und laß mich sterben. Khönigin: Ja frailich, das gebürt sich; vor langer Zeit hab ich solcheß geordinirt: Da hastu eine; ein schlechte Cron und ein schlecht Khönigin accordirn gar woll zusamen. (Sie seczt ihr ein papirene Cron auf.) Schmarocz: Ha, ha, Gott behiet eur khöniglich Meiestet! ein papirn Cron stehet ihr gar woll an. Khönigin: Jeczt praeparir dich, dan jeczunder muestu sterben. (Zeucht ihr Messer aus, sie zu erstehen. Cornuel khombt ein.)

16 Niemand und Jemand Situationswechsel unvorhergesehen die Strafe Gottes Hertzngall stirbt überraschend Elidor rechtmäßig auf den Thron sinnvolles Gewebe – überirdische Mächte eine herbe Sozialkritik: (Jemantß khlopfft an und ain fürnemer Herr khombt aus.) Herr spricht: Was begert ihr? Jemantß: Ich beger ein halbß Pfundt Gerechtigkheit, genediger Herr. Niemantß: Mein Seel, er hat nit Geldt genueg umb ein halbs Quintling; ein halbes Pfundt! ist nit sovil Gerehtigkheit in der ganczen Welt zubekhamen.

17 Niemand und Jemand Jemantß: Mein Herr, khan ich ain halbeß Pfundt Gerechtigkheit umb Gelt bekhamen oder nit? Herr: Umb Gelt meht ihr vill Gerehtigkheit bekhamen; ober mein Sell, ich hab nit sovil bei mir, und wen ich gleich sovil bei mir het, ich glaub nit, daß der Herr sovil khauffen wurdt, dan Gerechtigkheit ist gar ein teureß Khleinoth; ein ½ Loth, mein Herr, cost fünffhundert Taller. Niemantß: Ha, ha, ha, hab ich nit zuvor gesagt. Jemantß: Fünfhundert Taller? Hei, eß ist gar zuvill. Herr: Mein Seel, wen ihr nit van Adl wert, ihr khundt eß nit so gueten Khauf bekhamen, dan sowahr ich leb, die Pauern mueßen sibenhundert Taller für ein halbß Lodt bezollen, die Purger sechshundert und die Edlleidt fünffhundert Taller.

18 Niemand und Jemand Monolog von Niemand captatio benevolentiae des Autors Handschrift aus Stift Rein 1620 veränderte Version in Engelische Comedien Gerichtsszene gestrichen Handlung beginnt mit Komplott gegen den König und Rivalität der beiden Frauen pompöser im Ton Unterteilung in 5 Akte wesentlich längere Monologe

19 Niemand und Jemand Jetzt kömpt J EMANDT. Jemandt jemandt bin ich geheissen/ in der Welt durch und durch wol bekandt/ und ziehe durch alle Königreich und Fürstenthümber/ die ärgesten Schelmstücken/ bring ich zu wegen und auff die Bahn/ ich bin ein heimlicher Mörder/ Brenner/ ein Rauber/ viel Jungfrawen thu ich schenden/ doch geschicht es alles heimlich. In Summa alle Schelmerey/ so auff Erden heimlich geschicht/ darin bin ich der Autor. Es ist aber ein ander Schelm/ der heist Niemand/ auff den ich alle meine Schuld werffe/ der muß alles was ich thue entgelten/ derselb Schelm machet mir viel Unruh/ denn er wil kein Schuldt haben/ sondern thut sich verantworten. Derhalben gehe ich jetzt allenthalben/ und suche den ehrvergessenen Schelm/ den Niemandt/ und wo ich ihn antreffe/ wil ich in anklagen/ und an den höchsten Galgen hencken lassen.

20 Niemand und Jemand A LTER. Fraw dich sol bald der Teuffel holen/ sag wo bistu diese gantze Nacht uber gewesen? F RAW. Wie nun sachte/ ich mag ja gehen wo ich hin wil? Ich bin bey Niemande gewesen. A LTER. Ja ja bey Niemandt/ so offt du Hure auß dem Hause bleibest/ sagstu du seyst bey Niemand gewesen/ solches wolt ich dir wol vergönnen/ denn Niemand ist ein außbündiger ehrlicher Mann/ den ich meine Frawe wol hundert Nacht auß guter Freundschafft lehnen wolte. Aber ich erfahre andere Possen/ daß du bey Jemandt des Nachts seyn sollest/ und bey ihn schlaffen/ dieses ist mir vor eine Warheit gesagt worden/ höre/ du weist daß derselbe Jemandt mein ärgester Feind ist/ und daß ich dir niemalen gestatten wollen mit ihm zu reden. Ich schwer es dir zu bezahlen/ denn ich dich/ mit sampt den Huren Jäger Jemandt wil an den Kack außstreichen lassen.

21 Niemand und Jemand sozialkritische Szene im 2. Akt Streitgespräch von Niemand und Jemand vor dem neuen König Ellidorus Jemand als Betrüger entlarvt literarische Stilisierung (für den Druck) auf Kosten der theatralischen Effekte

22 Engelische Comedien geistliche Spiele 2. Comoedia von dem verlornen Sohn in welcher die Verzweiffelung und Hoffnung gar artig introduciret werden allegorische Stücke 3. Comoedia von Fortunato und seinem Seckel und Wünschhütlein/ darinnen erstlich drey verstorbenen Seelen als Geister/ darnach die Tugendt und Schande eingeführet werden Auftritte von Pickelhering Comoedia = positiver Ausgang

23 1. Comoedia von der Königin Esther und hoffertigen Haman Geschlechterkonflikt auf zwei Ebenen Königin Vasthi ungehorsam Frau von Hans Knappkäse tyrannisch Jetzt kömpt H ANS K NAPKÄSE hat ein Schwerdt in seiner Hand mit einem Schilde. Nun nun sol mein Fraw potz schlapperment auff den Kopff bekommen/ denn nun hab ich mir erst ein Hertz gefasset/ ho ho ich bin so toll als ein Bull/ potz schlapperment wie werde ich das Weib schlagen. Nun wird sie bald kommen als ein Teufel und mich wieder schlagen wollen/ aber laß sie nur ankommen. Ho ho ich bin nun so nicht mehr als ich war. Sieh da/ sieh da/ kömpt der Teufel.

24 Königin Esther Das Weib kömpt hat einen Korb. W EIB. Daß dich loser Schelm potz schlappermen/ wor bistu so lang gewesen. H ANS. Ho ho du Hure kömpstu/ gehe zu rücke oder ersteche dich. Machet ein hauffen Fechterstreiche. W EIB. Sieh hie du Schelm trage mir den Korb. H ANS. Du faule Hur trag ihn selber.

25 Königin Esther Hans wieder überlistet Königin verstoßen – Suche nach neuer Königin Esther Komplott gegen den König Mardocheus, Ziehvater von Esther Judenverfolgung Esther deklariert sich

26 Königin Esther K ÖNIG. Esther und Mardochee in ewrem Geschlecht sol keinem kein Leid widerfahren/ darumb Mardochee/ laß schreiben nach deinem Willen/ also/ daß das vorige Gebot nicht gelten sol/ sondern all ewerm Geschlecht sicher Geleite zu geben/ auch daß die Jüden sich praepariren sollen/ alle die/ so sie hassen/ mit der Scherffe des Schwerts umbzubringen. Nim unser Secret, und bestetige es damit. M ARDOCHEUS. Allergnädigster König/ hiefür werden sie täglich umb Ihrer Majestät langes Leben/ und glückselig Regierung bitten.

27 Königin Esther König schlichtet auch Ehekonflikt K ÖNIG. Ihr zwey albern Leut/ ihr meynet gäntzlich/ daß eines kein rechter Herr im Hause sey/ er müsse denn zuschlagen. Nein ihr irret. Aber ich sehe wol/ ihr werdet euch nimmer können vertragen. Darumb seynd wir resolviret, euch von einander zu scheiden. Mann du solt bey uns am Hofe seyn/ damit wir was kurtzweil an dir haben/ und Fraw/ dich gebe ich meiner Königin. Königin Esther nembt sie zu euch/ damit ihr ein ZeitVertreiber habet.

28 4. Eine schöne lustig triumphirende Comoedia von eines Königes Sohne auss Engellandt und des Königes Tochter auss Schottlandt Krieg zwischen England und Schottland ein Jahr Waffenstillstand Sohn als Hofnarr nach Schottland Zauberer: Tochter wird einen Narren heiraten Prinz kommt als Mohr verkleidet Sohn und Tochter vom anderen König gefangen große Versöhnungsszene

29 5. Eine kurtzweilige lustige Comoedia von Sidonia und Theagene CALARISIS Jungfrawen Vater.CNEMON Bawr. CHRASILLA Jungfrawen Mutter.THEAGENES Jüngling. NAUSICLES Ein alter Buler.Knabe oder Jung. SIDONIAJungfraw.Aleke der Jungfraw Magt. Theagenes, Sidonia aus hellenistischen Romanen SIDONIA. Lieber Herr/ ob schon das Glück an zeitlichen Gütern mich arm und gering geschaffen/ und ich darzu euch nicht zu einen Mann bekom/ hoffe ich doch darumb nit nackend zu gehen/ darzu wenn ich schon alles uberflüssig hette/ und ihr leget bey mir an meiner Seiten wie ein Klotz/ mich deucht ich solte gefischet haben/ die Herrligkeit würde mir ubel gnug belohnet werden.

30 Sidonia und Theagene N AUSICLES. Ob ich denn schon von Jahren alt bin/ weiß ich doch wol was einer Braut gebühret/ es kömpt mich ja auch noch zu zeiten an. S IDONIA. Zu zeiten nur? O so gehet/ es ist nichts mit euch/ ich muß ein wackern jungen Cavallier haben/ mit welchen ich mich besser erlüsten kan/ darumb gehet nur/ bey mir erlangt ich ewer Lebtag nichts. Abit. N AUSICLES. Solus secum. O Gott/ Gott muß ich denn umb Liebe willen so erbärmlich sterben/ Ach/ ach/ Amor ist dieses der Lohn/ den du deinen Dienern giebest/ O Tugendt und Großmütigkeit/ musset ihr so schändlich von einem Weibe verachtet werden/ O Gott/ O Gott. Tacitus paululum obambulat.

31 Sidonia und Theagene Cnemon auf derbe Art Theagenes wirbt edel Lectis his ait. Ach Iupiter ach Venus was seynd das für Wort? Ach Theagenes mein Trost mein Auffenthalt/ bistu der Schreiber? O Mein Schatz/ O mein Hertz/ dir hab ich mich für langer Zeit ergeben/ sey willkommen O süsser Brieff/ nach dir hab ich offt und viel gewünschet/ ach den Göttern sey danck/ daß du es gewaget/ und mir deines Hertzen Creutz und Anliegen eröffnet. lange Monologe mit rhetorisierter Liebesklage Cnemon Ad spectatores

32 7. Tragaedia von Julio vnd Hyppolita höfisches Milieu mit Pickelhering Romulus – Hyppolita – sein Freund Julius: JULIUS. Ziehe daß du mögst den Halß brechen/ und nicht wieder kommen. Jetzt muß ich auff Practicken dencken/ Romule Romule getrewer Freundt bistu wol/ aber jetzt muß ich dir untrewe Brüderschafft beweisen. O schon Hyppolita was kan dein schön Gestalt/ nicht zu wegen bringen/ O was solte LiebesBrunst nicht außrichten. O Hyppolita du Wunder unter allen Weibespersonen/ du must mein seyn/ oder ich muß nicht leben/ nun muß ich gedencken wie ichs wolle anfahen/ man sagt Practica est multiplex, nun ich muß auch eins darvon versuchen. Gehet ab.

33 Julio vnd Hyppolita Julius gewinnt die verzweifelte Hyppolita Die M USICANTEN machen auff/ J ULIUS tantzet mit der Braut/ unter dessen giebt sich R OMULUS zu erkennen/ zeucht die Kappen ab/ und mit blossen Dolch spricht er zu J ULIO. Sieh du untrewer verrähterlicher Mensch kennestu mich noch wol. Siehe hie diese Tragaediam hastu getantzet. Ersticht ihn mit den Dolchen und wirfft ihn hernach auff die Erden/ der F ÜRST und seine Tochter erzitern für schrecken/ R OMULUS spricht zu ihr. Und du untreweste Creatur/ warumb bistu mir so untrew worden/ ist die recompens/ meiner getrewen beständigen Liebe. O Hyppolita Hyppolita, ist deine Liebe so gering kegen mir gewesen/ und hast dich von mir deinen getrewen Liebhaber zu dem Schandtfleck aller Manspersonen/ den ungetrewen Julio gewandt.

34 Julio vnd Hyppolita HYPPOLITA. Ist noch in der Meynung/ das ROMULUS die Brieffe geschrieben. O weh/ O weh/ wie angst ist meinen jungen betrübten Hertzen/ O weh/ O weh/ sol dann nun umb meinet willen ungestrafft/ ein solcher Mordt geschehen/ Nein nein das muß nicht seyn/ sondern hiemit wil ichs büssen. Nimpt den Dolch von der Erden auff/ und ersticht sich. FÜRST. O du Mörder/ eines schrecklichen Todes mustu sterben.

35 8. Eine sehr klägliche Tragaedia von Tito Andronico und der hoffertigen/ Käyserin/ darinnen denckwürdige Actiones zu befinden fälschlich Titus Andronicus von Shakespeare Very Lamentable Tragedy of Titus Andronicus and the Haughty Empress Feldherr Vespasianus – Vater Titus Andronicus zum Kaiser T. A. verzichtet und gibt Tochter Andronica zur Frau Kaiser verliebt sich in Aetiopia Liebhaber Morian und 2 Söhne

36 Tragaedia von Tito Andronico Jetzt kömpt herauß H ELICATES und S APHONUS / welche zuvor mit der A NDRONICA in den Walde gangen/ ihre Wollust mit sie gebrauchet/ und sie jämmerlich zugerichtet/ beyde Hände haben sie ihr abgehauen/ und die Zunge auß dem Munde gerissen/ haben sie zwischen sich. Also muß man es machen/ wenn man bey schönen Frawen geschlaffen/ daß sie es nicht können nachsagen/ die Zungen muß man ihr außschneiden/ damit sie es nicht sagen/ auch ihre beyde Hände abhawen/ daß sie es auch nicht schreiben/ gleich wie es hier mit dieser gemachet/ aber was sol man nun weiter mit ihr anfahen/ wir müssen sie hie im wilden Walde gehen lassen/ daß sie nur zu letzt doch den wilden Thieren zu Theil werden. So kom lieber Bruder laß uns gehen. Nun ade ade Andronica. Gehen weg. A NDRONICA bleibet alleine seufftzen/ siehet kläglich kegen Himmel: Nicht lange darnach kömpt V ICTORIADES / und siehet sie/ da sie ihn aber siehet leuffet sie ins Holtz.

37 Tragaedia von Tito Andronico Ovids Metamorphosen: Io (I) und Tereus – Philomela (VI) Ja warlich ihr sollet mir solche willkommene Gäste seyn/ wie ich nimmermehr gehabt/ Holla Soldaten/ kommet eilends herausser. Kommen ihrer zween herausser. Kompt hie/ und haltet mir diese beyde steiff und feste. Nun ihr ehrvergessene und mörderliche Schelme/ meynt ihr daß ich so gar von sinnen kommen bin/ daß ich euch nicht kennen solte. Ziehet ihn die Kappe vom Angesichte. Seyd ihr nicht der Keyserinnen Söhne/ und meynet mich verrätherlich umb mein Leben zu bringen. Aber jetzt habe ich/ woran ich mich rechnen kann/ bringt mir da alßbald ewer ein/ ein scharffes Scheermesser und ein SchlachtTuch herausser. Ja jetzt hab ich ein heimlichen Rath bey mir erdacht/ worin ich alle meine Feinde fangen wil/ und meinen Muth wiederumb genugsam an sie kühlen. Jetzt kömpt einer/ bringet ihm ein scharffes Scheermesser und SchlachtTuch/ er macht das Tuch umb/ gleich als wenn er schlachten will.

38 Tragaedia von Tito Andronico Gehe auch geschwinde hin/ und hole ein Gefäß. Gehet hin. Und du kom mit demselben Mörder/ den du hast hieher und halte ihm seine Gurgel herüber/ daß ich sie kan abschneiden. Bringt Gefäß. Und du kom hie mit deinem Gefäß/ halt es ihme unter die Gurgel/ und fange alles Blut darein. Der elteste Bruder wird erstlich herüber gehalten/ er wil reden/ aber sie halten ihm das Maul zu. Titus schneidet ihm die Gurgel halb abe. Das Blut rennet in das Gefäß/ legen ihn da das Blut außgerennet/ todt an die Erden. Nun kom du ander auch heran. Helt ihn eben so die Gurgel herüber. Er weigert sich hefftig zum Tode/ wil reden/ aber sie halten ihm das Maul zu. Titus schneidet ihm in die Gurgel/ das Blut wird auffgefangen/ darnach todt an die Erden gelegt. Nun habe ich ihnen die Gurgel beyde halb abgeschnitten/ was ich aber nun geschlachtet/ darüber wil ich selber Koch seyn/ die Häupter wil ich gar klein zuhacken/ und sie in Pasteten backen/ worauff ich denn den Keyser sampt ihrer Mutter zu gaste bitten wil/ und alßbald ein Friedes Boten nach dem Keyer schicken/ ihr aber nempt alßbald die Cörper/ und bringet sie mir in die Küchen. Gehet hinein. Bringen die Cörper weg.

39 Engelische Comedien, 1620 performative Ankündigungen des Handelns komische Person in Zwischenspielen Nach- und Singspiele Pickelhering die Zentralfigur 9. Lustig Pickelherings Spiel/ von der schönen Maria und alten Hanrey … können nach Belieben zwischen die Comödien agiret werden Sinnlichkeit das gesprochene Wort als Reizträger

40 Engelische Comedien, 1620 Fischer: Den Großteil der weltlichen Stücke bildet die sogenannte ‚Haupt- und Staatsaktion‘. Das eine bezieht sich auf die Stellung des Stückes im Spielplan und bei der Vorstellung, das andere auf den Inhalt. Die ‚Hauptaktion‘, nur dieser Teil erscheint auf dem Komödienzettel, ist das Hauptstück der Vorstellung, darauf folgt meist ein ‚Nachspiel‘. Es heißt ‘Staatsaktion‘, weil es um politische Ereignisse, Staatsangelegenheiten geht, um Krieg und Frieden, Landesverrat, um die Gegenüberstellung von ‚Staatsraison‘ und menschlichem Empfinden. [...] Die Haupt- und Staatsaktion ist idealistisch in ihrer Anlage: gefeiert werden Edelmut, Opferbereitschaft, Charakter, Selbstbeherrschung. Das Gute siegt, das Böse wird verdammt. [... vgl. Titus Andronicus] Das ‚Nachspiel‘ soll den Zuschauer von der Wirkung lösen, der tiefen Erschütterung befreien, die die Tragödie der Hauptaktion auf ihn ausübte. Das ‚Nachspiel‘ ist daher ein Stück leichter Natur, ein Ballett, meist jedoch eine Burleske.

41 Liebeskampff belehrende Absicht: Etliche aber durch liebliche Comoedien und Tragoedien sich unterfangen/ dem Menschen dadurch lust zu schaffen/ die auch nützlichen und rühmlich seyn/ denn fürnemlich an jetzo von den Comoedien und Tragoedien allein zu reden/ ist ihr intent darmit gewesen/ uns Menschen dahin zu wenden/ und gleich lebendige Exempel der Lust fürzustellen/ damit wir lernen/ sehen und erkennen/ welcher massen wir unser Leben Bürgerlich/ züchtig und ehrlich/ zu erhaltung allerhand Tugenden/ und meidung den Lüsten anrichten sollen. Vorrede zu Liebeskampff, 1630 Ludwig Tieck: Anfänge des deutschen Theaters, 1817

42 Liebeskampff Deß Streitbaren Helden/ Amadis auß Franckreich sehr schöne Historien Darinnen fürnemblich gehandelt wird von seinem Ursprung Ritterlichen vnd Ewiggedenckwürdigen Thaten/ deßgleichen seines gantzen Stammens (in glück vnd Unglück/ auch freud vnd leyd) außbündige vnd vber Menschlichs verstandt Tapfferkeit/ sampt außführung trefflicher/ seltsamer Abentheuren vnd Zaubereyen/ so sich mit jme/ seinen Sönen/ Enckeln/ vnd andern auch Rittermessigen Königen/ Fürsten/ Herren vnd vom Adel/ verloffen und zugetragen haben. [...]

43 Liebeskampff Alles auß Frantzösischer in vnser allgemein Teutsche Sprach transferiert. [...] Gedruckt zu Franckfurt am Mayn/ In verlegung Sigmund Feyerabends. M. D. LXXXIII. Auszüge aus Kapitel XXXIV von Antonio de Guevaras Ander Theil. Der guldenen Sendtschreiben Übersetzung von Ägidius Albertinus (München 1615) Verteidigung des Schauspielerstandes – Kapitel I.28 von Petrarcas De remediis utriusque fortunae

44 1. Comoedia und Macht des kleinen Knabens Cupidinis 1. Venus, Eine stumme Person.4. Florettus Liebhaber Kan auch gar außgelassen werden.5. Balandus Betrieger. 2. Cupido.6. Corcillana Kuplerin. 3. Jucunda Jungfraw.7. Hans Worst. Handlung in Rom lange Monologe Corcillana. Ja wol eine Nonne werden/ und des Ewigen Fewers hüten/ wann das galanisiren nicht vorhanden wer. Bey Tage könt man sich noch wol keusch stellen/ wann man nur bey Nacht dürffte. So möchte es heissen/ bey Tag heilig und rein/ bey Nacht nicht gerne allein.

45 Macht des kleinen Knabens Cupidinis zumindest halb gebildetes Publikum Hans Wurst. Ich suche meinen Herren/ und kan ihn nicht finden, sintemahl ich ihn hier finden soll und sol zu im sagen/ Tu generis feminini, Marcus Tullius Cicero, Marco Tullio Cicerone & Tulliae, dicit salutem plurimum filiis clarissimis salutem plurimum dicit. Es sol kommen. Jucunda. Ihr redet nerrische sprachen/ die ich nicht verstehen/ aber hier habt ihr einen Groschen/ und lauff mit hin.

46 Macht des kleinen Knabens Cupidinis Gabriel Rollenhagen: Amantes amentes. Das ist Ein sehr Anmutiges Spiel von der blinden Liebe/ oder wie mans Deutsch nennet von der Leffeley (Magdeburg 1610) Jakob Ayrer: Von der schönen Phoenicia und Tugend- und Liebesstreit (1618) Samuel Israel von Straßburg: Pyramus-Thisbe (ca. 1601) Monolog Cupidos am Beginn des vierten Aktes – Heinrich Kornmann: Mons Veneris, Fraw Veneris Berg: das ist, Wunderbare und eigentliche Beschreibung der alten Heydnischen und Newen Skribenten Meynung von der Göttin Venere (Frankfurt 1614)

47 2. Comedia von den Aminta und Silvia Torquato Tasso: Aminta Pastorales Drama in 5 Akten 1573 auf der Po-Insel Belvedere Venedig 1580 Hirte Aminta liebt Schäferin Silvia Vergewaltigungsversuch eines Satyrs Aminta stürzt sich von einem Felsen französische Vorlage ? Aminte Pastorale du Sieur Torquato Tasso traduite en prose Française par Cathérin le Doux [Catharinus Dulcis]. A Francfort chez Jean Charles Unckel [1618].

48 Aminta und Silvia Vorrai dunque, pur, Silvia, da i piaceri di Venere lontana menarne tu questa tua giovanezza? Né ’l dolce nome di madre udirai, né intorno ti vedrai vezzosamente scherzar i figli pargoletti? Ah cangia, cangia, prego, consiglio, pazzarella che sei. Wollet ihr dann nun allezeit vielgeliebte Silvia ewer zarte Jugendt von der Venus lieblichen Wohlgefallen und ergetzlichkeiten gantz abgewendet vollenden/ und niemals mit dem süssen Mutternahmen euch rufen lassen/ noch umb euch herumb lieblich spielen sehen/ zarte liebe Kinderlein? Ach endert doch ewren Sinn/ Vielgeliebte Silvia.

49 Aminta und Silvia Altri segua i diletti de l’amore, se pur v’è ne l’amore alcun diletto: me questa vita giova; e ’l mio trastullo è la cura de l’arco e de gli strali, seguir le fere fugaci, e le forti atterrar combattendo; e se non mancano saette a la faretra o fere al bosco, non tem’io che a me manchino diporti. Ein ander mag der Lust der Liebe folgen/ do anderst einige lust und frewde darinnen ist/ mir beliebet diß Leben/ und ist dis meine höchste Frewde/ das ich mich umb das Nehpult und spinrad bekümmere und so fern mir es nit an Neh- und Stricknadeln/ Zwirn/ Garn/ Seiden/ und allerley subtiler Leinwandt gebrechen thut/ besorge ich mich auch nicht/ daß mir an Kurtzweil und Frewde im geringsten etwas mangeln werde.

50 Aminta und Silvia provinzadeliges Milieu Tirsi. Silvia t’attende a un fonte, ignuda e sola. Silvia wartet dein bey einem Brunnen gantz nackent und gantz allein/ Ardirai tu d’andarvi? wilstu dich wol wagen dahin zu gehen? Aminta. Oh che mi dici? Was sagestu? Silvia m’attende, ignuda e sola? Wartet Silvia mein bey einem Brunnen gantz nackent und alleine? Tirsi. Sola: Gantz alleine/se non quanto v’è Dafne che è per noi. es sey dann das Dafne bey ihr were/ so auff unser seiten ist. Aber: Aminta. Ignuda ella m’aspetta? Tirsi.Ignuda, ma...!

51 Aminta und Silvia Satiro → Komikerfigur Schrämgen Botenberichte meist in Dialogen dramatisiert Silvia. Felt zu dem Aminta auffs Beth. Ligstu hier du verblichener Aminta/ liegstu hier/ du Kennzeichen aller Treuen/ bestendigen Liebhaber? O hat dir dann die Tyrannische Fortun keine andere recompens deiner standthafftigen Liebe praesentire können/ als den unglückseligen Todt/ den Todt/ so auch meines Todes ein Ursach. Gehet wieder. Ad spectatores. O ich nichtige und untüchtige WeibesPerson/ ein Spectacul der Barbarischen Gemüter/ ich unwürdige einiger Gaben/ der wunderlichen Natur? [...] im Original Bericht an den Chor hier immer Praeludia

52 3. Comoedia und Prob getrewer Liebe Liebes- und Zauberkomödie in 5 Akten Matteo Bandello: Narra il signor Scipione Attellano come il signor Timbreo di Cardona essendo col re Piero di Ragona in Messina s’innamora di Fenicia Lionata, e i varii e fortunevoli accidenti che avvennero prima che per moglie la prendesse (Novelle I.22) François de Belleforest / Pierre Boaistuau: Nouvelles tragiques, 1568 Moritz Brandt: Phönicia, Eine schöne züchtige, liebliche und gedechtnißwürdige History was maßen ein Arragonischer Graff de Colisan sich in eine edle tugentreiche sicilianische Jungfraw Phoenicia genannt, verliebt (Danzig 1594) Wolfgang Seidel 1624 Handlung in England

53 Prob getrewer Liebe Liebesklage des Prinzen Florisel vergebliche Zuneigung zu Floriana Freund Lotharius – die schöne Jucunda Lotharius. Gehe stracks hin zu Gironden/ meinem guten Freunde/ sage ihm/ daß er also bald zu mir komme. Pickelhering. Verwundert sich. Ad spectatores. Sihe da du Narr/ was machstu hier/ du solt hin gehen zu Gironden meinem guten Freunde/ und solt sagen/ daß er zu mir komme. Zum Lothario. Wann ich nun zu ihm gehe/ so bin ich jo schon bey ihm/ wie sol ich dann sagen daß er zu mir komme?

54 Prob getrewer Liebe Lotharius selbst in Floriana verliebt Briefe an Floriana Pickelhering sihet sich erst wol umb: Ad spectatores. Ist der Narr weg? Den hab ich gekriegt/ So muß man die Narren fangen/ da bekam ich einen Thaler daß ichs sagte wem das Schreiben solte/ zwey Thaler daß ichs ihn lies lesen/ 10 Thaler daß ichs ins Wasser werffen solte/ Ja wol ins Wasser wolt ichs werffen/ Ich glaube er will Florianen haben/ aber nicht recht/ die ist für meinen Herrn. Nun wil ich hin zur Jungfrawen gahn/ und ihr das Schreiben bringen/ Ja ich weis wol/ es gehöret auch noch mehr dazu/ Ich muß auch Paselmanus machen/ darinn ich exelent gut bin/ Fein lustig wil ich die Knie steltzen/ und auch sie reden an/ sol das nicht gravitetisch stahn.

55 Prob getrewer Liebe Lucilia → Liebesprobe (Suchen einer Blume) Liebesprobe von Pickelhering mit einer Bäuerin der Zauberer Arctus entführt Floriana Allhier müssen acht oder sechs Persohnen in TrawerHabit ein TrawerLied singen/ Und vor ihn hero muß ein heydnischer Pfaffe gehen/ ein schwartz Tuch unter den Armen tragende/ und in der Hand eine ReucherPfanne/ Und unter dem singen muß er/ der Pfaffe/ den Stuel mit dem schwartzen Tuch bedecken/ und wann sie außgesungen/ vor denselben nieder knien/ das Räucherfaß zwischen sich setzen/ und sich stellen/ wie er redete/ Hernach wann solches geschehen/ müssen zwey von denen im Trawerhabit den Stul hinter dem Pfaffen her tragen/ wiederumb singen/ und also vom Platze gehen.

56 4. Comoedia von König Mantalors unrechtmessigen Liebe und derselben Straff Amadis de Gaula, Buch IX in Frankreich Serienerfolg über 75 Jahre Garcia Rodriguez Ordoñez de Montalvo Mambrino Roseo da Fabriano 1540 von Nicolas Herberay Handbuch der höfischen Moral Newe Historia/ Vom Amadis auß Frankreich/ seer lieblich und kurtzweilig/ auch den jungen nuetzlich zu lesen/ mit viel angehefften gueten Leeren/ newlich auß Frantzösischer/ in unser allgemeine/ geliebte Teutsche sprach gebracht. Franckfurt am Mayn: Hieronymus Feyrabend Bücher in 40 Teilbänden

57 König Mantalor Joachim Caesar – Matteo Bandello: Odoardo terzo, re d’Inghilterra, ama la figliuola d’un suo soggetto e la piglia per moglie Pierre Boaistuau 1559 ? höfisches Milieu in Epirus höfische Liebeskasuistik ↔ grobe Lebenskasuistik Schambitasche. Ich will euch fragen/ wann man so ein Strick euch zum Maul hinein steckte/ und unten zum Arß wider herauß zöge/ binde aber an das oberste Ende ein Bawren Treck/ an das unterste einen Brand oder glüende Kolen/ welchen wolt ihr wol/ daß man euch durch den Leib zöge/ den Treck durchs Maul oder den Brandt durch den Hinderen. Arpilior. Schambitasche du bist ein grober Gesell darumb weiß ich dir die Frage nicht zu beantworten.

58 König Mantalor Arpilior – Cousine Galathea Vorrede des Zauberers → Unglück durch Galathea: Aber wird doch sich nach außgestandener langer Pein/ durch mein Fürsichtigkeit das Unglück widerumb in Glück verkehren. Darumb lernet hierauß die ihr diese Historiam von Anfang biß zum Ende anschawen werdet/ das Frewd und Menschliches Wolergehen ein weil weret/ und das Unglück auch ein Ziel hab/ wann man es mit Bescheidenheit weiß in acht zu nehmen/ welches auch die praxin des wolhergehenden Evens haben will. König Mantalor und sein Sohn Arpilior verlieben sich beide in Galathea Liebesklagen

59 König Mantalor Schambitasche. Ach/ ach die Liebe wird meinem Herrn gar auffressen. Arpilior. O du grimmiger Amor, wie kanst du so schädlich und voller Hochmuth seyn/ daß du nicht das Königliche geblüte/ von dem ich entsprungen/ achten thust? Ja viel weniger auff mein zarte Jugendt/ in der du mich ubermessiglich bezwingest/ ansehen thust/ in massen das zu erachten ist/ du wollest deine Macht mich algemach in der Hitze deiner lebendigen Flammen verzehrende/ an mir erzeigen. Schambitasche. Das ich ihm nur nicht gar ins Wasser hinnein werffen sol/ daß doch die Flamme vorleschen möchte. Geplänkel Schambitasche-Rosina Zauberer: Statuen exekutieren

60 König Mantalor Pannus. Und daß ihr die Warheit erfahret/ so sehet hier den Cörper des ertödteten Arpiliors. Ziehet einen Vorhang auff hinder welchem Arpilior stehet/ doch oben mit dem Kopf vermacht/ das man denselbigen nicht sehen kan/ auff der Erde muß aber ein gemachter Kopff liegen. Galathea. Leufft zu Arpiliorn nimbt den Kopff in die Hand. O mein warer Freund Arpilior/ der ihr so ein grausamen Todt umb meinet willen erlitten/ wo ist jetzo ewer getrewe Seele? Ach warlichen glaube ich/ die noch in dieser Kammern umbschweben/ auch der meinen wartent/ biß sie deren an das seligen Ende/ so ihr/ ehe sie erschaffen worden/ für sehen gewesen/ Gesellschaft leisten thue?

61 König Mantalor Schambitasche: zwei Liebhaber bei Rosina Florisel stürzt Mantalor Florisel. Daß hab ich gern gethan/ wil auch bey den Göttern wol zeigen/ daß mir der Arm noch nicht entschlaffen ist. Hier fangen sie an zu streiten da der König in Kopff gehauen wird/ daß er nieder fellet welches so in dem Hut gemacht werden kan/ daß es Blut giebet/ so bald solches Mannus und Victor sehen/ fallen sie Floriseln auch an. Täuschung aufgedeckt Arpilior und Galathea übernehmen die Macht

62 5. Tragi Comedia Boccaccio: Decameron II.7 und Motive aus V.3 Namen der Personen aus Amadis Dardanus und Morohn – Listanus Braut Rosalina Schiffbruch erlitten und tot am Hof von Barquinus Barquinus. Herziges Lieb auch etwas nur lustig und trincket mir eins zu. Rosalina. Ich wolt viel lieber edler Ritter/ daß ihr mich in meiner Kammer allein bleiben liesset/ meine Zeit biß auff besser Glück zubringende/ als hier sitzende bey diesem starcken Geträncke.

63 Tragi Comedia [...] ed ella, che di ciò non si guardava, dalla piacevolezza del beveraggio tirata, più ne prese che alla sua onestà non si sarebbe richiesto; di che ella, ogni avversità trapassata dimenticando, divenne lieta, e veggendo alcune femine alla guisa di Maiolica ballare, essa alla maniera alessandrina ballò. [...] Pericone non diede indugio a seguitarla, ma spento ogni lume, prestamente dall’altra parte le si coricò allato, ed in braccio recatalasi senza alcuna contraddizione di lei, con lei incominciò amorosamente a sollazzarsi. Il che poi che ella ebbe sentito, non avendo mai davanti saputo con che corno gli uomini cozzano, quasi pentuta del non avere alle lusinghe di Pericone assentito, senza attendere d’essere a così dolci notti invitata, spesse volte se stessa invitava, non con le parole, ché non si sapea fare intendere, ma co’ fatti.

64 Tragi Comedia Argantes, Bruder von Barquinus Barquinus auf offener Bühne erwürgt lustiger Diener Orgon Schiffskapitän Dardanus findet sie zufällig Ja verflucht sey ich selber/ der ich deß elenden Weibesstücks halber/ so etwan mit mehrer Schönheit als andere mir vorkemmen/ so viel Blut auff mich geladen/ darvon mir bey den Göttern Rechenschafft zu geben unmüglich/ drumb bin ich verdampt/ verdampt bin ich. Fellt in Verzweifflung/ leufft mit dem Kopf an die Wand daß das Blut unter dem Hut herfür tringet/ welches mit einer Blase gar wol gemacht werden kan. Ja nimmermehr werde ich selig. Laufft wider an die Wandt. Ich bin verflucht in Ewigkeit. Laufft stöst sich an die Wandt/ damit fellt er nieder als todt.

65 Tragi Comedia Soldaten, ein Einsiedler und ein Satyr Listanus. Mein Lieb/ Blum/ Cron meines Hertzen/ es wird ihr gefallen/ daß wir uns nach langgepflogenem Unglück nach Hause begeben/ da wir mit guter Gelegenheit einander unser Unglück erzehlen können/ und du Morpheus wirst uns Gesellschafft leisten. Di ciò fece il re del Garbo gran festa, e mandato onorevolmente per lei, lietamente la ricevette; ed essa, che con otto uomini forse diecimilia volte giaciuta era, allato a lui si coricò per pulcella, e fecegliele credere che così fosse, e reina con lui lietamente poi più tempo visse. E per ciò si disse: «Bocca baciata non perde ventura, anzi rinnuova come fa la luna.»

66 6. Tragoedi Unzeitiger Vorwitz Miguel de Cervantes: El curioso impertinente Novelle aus Don Quixote I., Kap deutsche Übersetzung der französischen Ausgabe von N. F. Baudouin (1608): Unzeitiger Fürwitz, eine Newe und schöne Historia, darinnen etlicher Männer unzeitiger Eifer und der Weiber schwachheit auf beyder außgang abgemahlet wird, Nützlich und lustig zu lesen. Jetzo aus Spanischer Sprach in die deutsche bracht. Gedruckt im Jahre Drama von Guillén de Castro Las mocedades del Cid anonyme englische Version: The second maid’s tragedy Ludwig Tieck: Shakespeares Vorschule – Der Tyrann

67 Unzeitiger Vorwitz Auff dieses Vertrawen/ thue ich dirs zu wissen/ daß die Begierde so mich engstiget/ sind allein diese Gedancken/ ob Juliana meine Vertrawete ihrer Frömmigkeit so vollkommen sey/ wie ich mir einbilde/ und dessen kann ich ehe und zuvor ich sie probiere nicht vergewissern/ die Frömmigkeit wird allein die Probe wie das Fewer das Goldt bewehren müssen/ dann ich halte dafür/ daß ein Weib frömmer nicht ist/ dann so fern sie von andern umb ihre Liebe nicht angesprochen worden. [..] y con esa confianza te hago saber, amigo Lotario, que el deseo que me fatiga es pensar si Camila, mi esposa, es tan buena y tan perfeta como yo pienso, y no puedo enterarme en esta verdad, si no es probandola de manera, que la prueba manifieste los quilates de su bondad, como el fuego muestra los del oro. Porque yo tengo para mi¡ oh amigo!, que no es una mujer más buena de cuanto es, o no es, solicitada, [...]

68 Unzeitiger Vorwitz Freund Mannus warnt Amandus alter Freier, junger Dandy (Monsour Schoßwitz), Diener Schan und Schwarzkünstler Zauberspiegel – Corneille: L’Illusion comique Juliana wehrt sich zuerst überzeugend Juliana – fingierter Selbstmord Cervantes: Flucht von Camila und Lotario, der Selbstmord mit Abschiedsbrief von Anselmo, Camila geht ins Kloster, Lotario in den Krieg Wanderbühne: Belehrung von Amandus durch die allegorische Figur der Desperatio

69 Unzeitiger Vorwitz «Un necio e impertinente me quitò la vida. Si las nuevas de mi muerte llegaren a los oidos de Camila, sepa que yo la perdono, porque no estaba ella obligada a hacer milagros, ni yo tenia necesidad de querer que ella los hiciese; y pues yo fui el fabricador de mi deshonra no hay para que...» Amandus. Weil ich dan so unrecht gethan/ als ich nun bekennen mus/ so sage ich/ eine unsinnige und vorwitzige Begierde hat mich meines Lebens beraubet und meine Seele ins Verderben bracht. Desperatio, ad spectatores. Recht recht also. Amandus. Aber dieses lasse ich zuletzt: Juliana, wann du meines Todes verstendiget wirst werden/ so soltu wissen/ das ich dir gerne verzeihe und vorziehen habe/ dann du warest nicht verpflichtet/ und mir verbunden/ Wunderwerck tu thun/ und mich trang nichts als Vorwitz dieselben von dir zu begehren/ und dieweil ich selbsten der Werckmeister meiner Unehr gewesen bin/ so hab ich nicht Ursach lenger zu leben/ sondern mich billich zu straffen/ Aber wehe mir.

70 Liebeskampff Singe-Comedien mit langen Wechselgesängen zwischen Possen-Figuren Vor-, Zwischen- und Nachspiele Max Wolff: Schon im Liebeskampff verschwinden die englischen Stücke und die italienischen überwiegen bei weitem. italienische und spanische Novellen über französische und englische Bearbeitungen

71 Der Kaufmann von Venedig Giovanni Fiorentino: Il Pecorone (~ 1378, EA Mailand 1558) Kaufmann Gianetto: 2 Mal in Belmonte ganze Schiffsladung abgenommen 3. Schiffsladung: Stiefvater Ansaldo Gulden Kredit Garantie von 1 Pfund Fleisch von seinem Körper Gianetto wird Herrscher von Belmonte Angebot von Gianetto über Gulden mysteriöse Frau kommt inzwischen als Richter das Fleisch ohne einen Tropfen Blut William Painter: The Palace of Pleasure, Beautified, adorned and well furnished, with pleasaunt Histories and excellent Nouelles, selected out of diuers good and commendable authors, 2 Bde, London

72 Der Kaufmann von Venedig William Shakespeare: The Comical History of the Merchant of Venice, or Otherwise Called the Jew of Venice, 1596 als Freier in Belmont bei Portia Bassanio – Antonio – Dukaten von Shylock Tochter von Shylock mit dem Christen Lorenzo Portia als verkleideter Rechtsgelehrter wegen Bedrohung eines Venezianers Konfiskation der Güter von Shylock Kompromiss gegen Zustimmung zur Heirat seiner Tochter

73 Der Jude von Venetien 1604 Köln und 1611 Halle: Teutsche Comödia der Jud von Venedig 1608 Graz und 1651 Prag: Von einem König von Cypern und einem Herzog von Venedig 1626 und 1674 Dresden: Comödia von Josepho Juden von Venedigk Comoedia Benandt, Daß Wohl gesprochene Urtheil Eynes Weiblichen Studenten oder Der Jud von Venedig (ÖNB Cod ) Comoedia Genandt der Jude von Venetien Componirt von Christoph Blümel studioso Silesiensi 1649 als Student an der Uni Frankfurt/Oder später Innsbrucker Hofcomödianten – Handschrift von 1669 höfisches Milieu: König aus Cypern, Prinz, Herzog von Venedig Rat über Judenfrage in Zypern Christopher Marlowe: The Jew of Malta (1592, EA 1633)

74 Der Jude von Venetien Jude: Du und dein H. sollet alle beyder erfahren, waß ich für ein Kerl bin, wie wol ist mir mein anschlag gelungen? der Printz hat in dieser verkleidung den iuden nicht erkönnen können, welchen er allererst unangesehen seines demüthigen fußfals mit seinem gantzen geschlechte aus dem lande verbannet hat. ich bin in aller eyl nach meiner behausung gelauffen, frembde kleider angelegt, und so viel von gold und kleinodien als ich verbergen können zu mir gesteckt, und nun mus mich der Printz zu seinem aygenen unglückh mit uber nach Venedig nehmen, meinem weib und Kindern aber hab ich orthe ertheilet nach zufolgen. Gieb dich zufrieden du Tyrannischer Christ, hastu mir schon meine güter genommen, so habe ich doch noch so viel bey mir, Banditen damit zu kauffen, dir dein Leben zubenehmen, wofern ich auff keine andere weise an dich gerathen kan. Vermeinestu das Jüdische geschlechte gantz auszutilgen? nein, es kan nicht seyn, wen man uns an einem orthe vertreibet, so kommen wir an einem andern desto haüffiger hervor, ich werde schon wider zu meinen gütern gelangen, du aber wirst den tod aus meiner hand empfangen. (exit)

75 Der Jude von Venetien Prinz und Pickelhering in Venedig → Ancilletta und ihre Dienerin: Printz: O himmel, welch ein Dam. Pickelhering: O hell welch ein schönes mensch! Printz: Was war das für ein gesicht? Pickelhering: Was war das vor ein gosche? Printz: Welch ein wol formierter leib? Pickelhering: Welch ein wol proportionierter arsch? Jude Josephus unerkannt in Venedig Prinz als berühmter französischer Doktor Machiavelli: La Mandragola

76 Der Jude von Venetien Printz: Bon jour, Bon jour, mein H. min kranck Juffro, seyt du Malada, courage ick sal helffe zu besser seyn. [...] Mit der Gotteshülff, ich will gesunder machen als vor ist gewest. Pickelhering: Ja, wan mein H. fleissig ist, so können 2. Gesunde iungfrauen aus einer werden. Printz: Lang mir recht hand, schön dochter, dein puls gar geschwind schlagen, nicht gut seyn, gar groß hitz haben. Ancilletta: Freylich habe ich unaussprechliche hitze, und sonderlich umbs hertze. Kredit von Dukaten – Garantie 1 Pfund Fleisch Ancilletta als Student verkleidet Gerichtsverhandlung vor dem Herzog von Venedig Ancilletta in Vertretung

77 Der Jude von Venetien Jude: Wart Christ, ietz will ich dir eine alte schuld bezahlen, welche du vielleicht schon vergessen hast. (er will in die seitten schneiden und Pickelhering ihm in arsch.) Pickelhering: Willstu meinen Herrn die seitten verderben, so will ich noch ein grösser stücke aus deinem poder kriegen. Jude: Was machstu Pickelhering? Laß mich zufrieden. Ancilletta: Halt ein.

78 Tragoedia von Orbetcha und Orontes ÖNB Cod : Johann Christoph Werneger (Pernegger ?) zu Cölln am Rhein 1841 von Ignaz Franz Castelli Regieanweisungen: Enter Pickelhering unabhängig nur im Possenspiel Giovan Battista Giraldi Cinthio: Tragödie Orbecche (1541; EA 1543, und zahlreiche Folgeausgaben) Novelle II.2 der Hecatommithi (1565, 2 Teile in 4 Bänden)

79 Orbetcha und Orontes Modell bei Seneca (Thyestes) Prolog von Nemesis und Furien Schatten der Königin Seline → Fluch über Orbecche weitschweifende Monologe Orbecche und Oronte seit 4 Jahren heimlich verheiratet Parther-König Selin scheinbare Beschwichtigung von Sulmone Massaker an Oronte und den Kindern – Botenbericht Tötung von Sulmone durch Orbecche Selbstmord von Orbecche vor der Amme Novelle = Grundlage der deutschen Bühnenfassungen

80 Orbetcha und Orontes IOANNIS BAPTISTAE| Gyraldii, Cynthii,| NOVELLAE| Oder| Außerlesene/ liebliche/| newe Historien vnd Ge=|schichten:| Darinnen so wol in Ritterlicher| Adelicher Tugend/ beständiger/ ehrlicher| als auch Bulerischer Liebe/ hoher vnd nidern| Stands Personen/ lieblichen vnd Abendtheu=|werlichen Exempeln Menschlichen Le=|bens Zustand vor Augen gebildet.| Männiglichen/ jeden Stands Personen| zu Adelicher Tugend=reitzenden| Erquickung:| Auß dem Jtalianischen in die Hoch=|teutsche Spraach versetzet. Getruckt zu Franckfurt am Meyn/| durch Wolffgang Richtern/ in Ver=|legung Simon Schambergers.| ORONTES.| Das ist| Lieb vnd Hoff-| Lebens Spiegel, darin| das vnbeständige Glück,| warer vnd getrewer Liebhaber| vnd Liebhaberinnen, wie auch der er-|bermliche außgang getrewer Hoff-|diener, geleich als in einem Spiegel| für Augen gestellet wird, in ei-|ner Tragoedien verfasset| Vom| NICOLAO MEINIO| IC. et P.L.| -| Gedruckt zu Hamburg,| Im Jahr 1631.

81 Orbetcha und Orontes Bolte: Man könnte beinahe vermuten, daß er lediglich die deutsche Übersetzung der Novelle Giraldis benutzt habe; allein der zweite Akt verrät Kenntnis der Tragödie; auch begegnet man ein paar italienischen Zitaten. Verlauf der Novelle + Inhalt der zweiten Szene des ersten Akts Novelle: Fu ella da Sulmone col suo figliuolo maggiore uccisa, per averli ritrovati insieme disonestamente. Bolte: Sulmos Gattin lebt in Blutschande mit ihrem ältesten Sohne. Und als die junge Prinzessin Adelphomisia dies zufällig entdeckt und laut ihre Entrüstung kundgibt, schneidet der Bruder ihr Zunge und Hände ab [...] Als Sulmo mit seinem Gefolge von der Jagd heimkehrt und das verstümmelte Mädchen erblickt, fällt er vor Wut in Ohnmacht, läßt den armenischen Gesandten, der zufällig im Garten spaziert, fesseln und nach kurzer Gerichtssitzung hinrichten.

82 Orbetcha und Orontes Werneger: Vorgeschichte am Beginn des Stückes Luchino. O Zauberische Fortuna! Seline. Die Gedult wird hierzu das beste seyn, weil das allzu grausame Vnglück seine Freude hat, mit uns also zu spielen. Luchino. Panther, Beeren, Lewen, und Tiger arth laßen sich zähmen und sind barmhertzig. Man hört niemaln, daß sie gebehren, und ihre jungen wieder freßen, aber dieser Tyrann wil nicht nachlaßen, bis er das Fleisch seiner Gemahlin und Sohns roh auf seiner Tafel begierig verschluckt, und sich ersättiget hat. Gefangen Meister. Ich bitte die Königin sambt den Printzen, sie wollen hierin gehorsamen, oder ich werde unglückseelig seyn. Seline. Vnd was vor einen Gehorsamb? Gefangen Meister. Auf des Königs Befehl in die Gefängnis gehen.

83 Orbetcha und Orontes Goldschmit: Die hervorstechendste Eigenschaft dieses Stückes ist seine vollständige Zusammenhanglosigkeit. Das tragische Geschick der Königin Seline und ihres Sohnes hat mit der Handlung des eigentlichen Dramas gar nichts zu tun. Ebenso unmotiviert ist die königliche Abstammung des Orontes. Würde dieser als der Prinzessin ebenbürtig von deren Vater in Gnaden aufgenommen, so wäre sie Voraussetzung für ein happy end des Stückes. So aber bleibt der Stand des Orontes, dem der König seine Tochter ohnedies keinesfalls gönnt, ziemlich gleichgültig. Sulma in Scena 3 das Todesurteil die Abstammung von Orontes Steigerung des schrankenlosen Charakters von Sulmone/Sulma äußerst unklare Zeitverhältnisse

84 Der spanische Einfluss Richter : Fast jedes französische, aber auch die meisten holländischen und eine Anzahl in Betracht kommender italienischer Dramen lassen sich in letzter Linie auf spanischen Ursprung zurückführen. Michael Daniel Treu 1666 Von Carel und Cassandra El perseguido von Lope de Vega Bandello (Novelle IV,6) 1666 Treu: Der Streit zwischen Arragonien und Cicilien Lope: Don Lope de Cardona

85 Schaubühne

86 I.1. Comoedia Amor der Artzt Molière: L’amour médecin (1665) Sganarelle. Ah! L’étrange chose que la vie! Et que je puis bien dire avec ce grand philosophe de l’antiquité, que qui terre a guerre a, et qu’un malheur ne vient jamais sans l’autre! Je n’avais qu’une seule femme, qui est morte. ACh! was vor ein elendes Ding ist es doch umb das Leben! und ich kann wol mit dem grossen Philosopho sagen/ daß auch die Erde unser Feind/ und daß niemals ein Unglück allein seye. Ich habe nur eine einige Frau gehabt/ und die ist nun todt.

87 Amor der Artzt M. Guillaume. Et combien donc en voulez-vous avoir? Wie viel wollt ihr deren dann haben? Sganarelle. Elle est morte, Monsieur mon ami. Cette perte m’est très sensible, et je ne puis m’en ressouvenir sans pleurer. Je n’étais pas fort satisfait de sa conduite, et nous avions le plus souvent dispute ensemble; mais enfin la mort rajuste toutes choses. Sie ist todt/ mein lieber Freund/ dieser Verlust ist sehr empfindlich/ und kann nicht ohne Threnen daran gedencken. Ich war nicht gar wol mit ihr zu frieden/ und wir haben offt miteinander gezanckt; aber der Todt schlichtet alles.

88 Amor der Artzt wohlhabender Bürger Sganarelle – Melancholie seiner Tochter M. Macroton. Ce n’est pas qu’a-vec tout ce-la, vo-tre fil-le ne puis-se mou- rir, mais, au moins, vous au-rez fait quel-que cho-se et vous au-rez la con-so-la-tion qu’el-le se-ra mor-te dans les for-mes. Nicht. als. wann. euer. Tochter. deßwegen. nit. sterben. könnte./ sondern. ihr. werdet. auffs. wenigst das. eurige. gethan./ und. einigen. Trost.haben. wann. sie. in. der. Form. gestorben. ist. M. Bahys. Il vaut mieux mourir selon les règles quede réchapper contre les règles. Es ist besser/ daß man nach den Regeln sterbe/ als daß man wider die Regeln darvon komme.

89 Amor der Artzt Clytandre als Arzt verkleidet und heilt Lisette. Ils sont allés achever le reste du mariage. Sie seynd hingangen/ den Rest de Copulation zu führen. Sganarelle. Comment, le mariage? Wie/ die Copulation? Lisette. Ma foi! Monsieur,la bécasse est bridée, et vous avez cru faire un jeu, qui demeure une vérité. Warliche Herr/ der Vogel hat einen Zaum an/ habt zwar gemeynt/ ihr spielt/ aber es ist die pur lautere Warheit darauß worden.

90 Nach Molière I.3. Comoedia Die köstliche Lächerlichkeit Les précieuses ridicules, 1659 Komödie in 17 Szenen I.4. Comoedia Sganarelle, Oder Der Hanrey in der Einbildung Sganarelle, ou Le cocu imaginaire, 1660 II.4. Der Geitzige L’avare, 1668 Plautus: Aulularia II. 5. Georg Dandin Oder Der verwirrete Ehemann. Comoedia George Dandin, 1668

91 I.2. Comoedia Die Comoedie ohne Comoedie 1. Akt Beratung über Komödie und ihre Eigenschaften 4 Kurzkomödien Commedia dell’arte (Isabella – Dottore) Pastorale (Aminta und Pastor fido) Gerusalemme liberata (Tancredi und Erminia, Armida und Rinaldo) Und damit wir uns auch mit verschiedenen Versen belustigen/ so wollen wir auch viererley Materien vorstellen: Erstlich ein Pastoral, darauß kan man sehen/ wie die Liebe offtermals ein Schäferkleid liebt; wie sie so wol zu Feld/ als an der Fürsten Höfe/ kan Gesetze vorschreiben/ daß sie eben so wol die Schäfer/ als die Fürsten trifft. Darnach wollen wir durch einkurtzweilig Spiel die Mängel/ so man an gemeinen Gemütern findet/ abmahlen.

92 Die Comoedie ohne Comoedie Nach diesem wollen wir eine Tragoedi, mit einer herrlichen Art zu reden/ vorstellen/ was vor Ubel unzimliche Begierden/ auch in den größten Hertzen/ so sie verblendet/ verursachen können. Endlich/ wann wir nach solchem Versuch ein Hertz gefast/ wollen wir eine Tragicomoedi anstellen/ und zu mehrer Zierde/ Machinen in der Luft/ und Liebreitzende Concerten darein bringen; hierdurch eurer gefangenen Seel zu weisen/ daß alle Macht der Stärcke der Meriten weichet/ und möge einer so starck angegriffen werden/ als er will/ so hab doch die Tugend die gröste Gewalt. wie in Novellentradition Mode der Salon-Theater

93 I.5. Comoedia Die Liebes-Geschicht des Alcippe, und der Cephise: Oder Die Hanreyin nach der Einbildung Paris Geronte: sein Sohn Alcippe + Hippolita Missverständnisse um ein Porträt von Cephise Eifersucht von Paquette ihr Mann Spadarille mit Cephise am Schluss glückliche Aufklärung

94 Komödien I.6. Comoedia Die Eyfernde mit Ihr selbst Paris Leander – Angelique Serie von Verwechslungen und Komplikationen I.8. Comoedia Die Bulhafftige Mutter der alte Cremante – die junge Isabelle Mutter Ismene eifersüchtig Acante, der junge Liebhaber ihrer Tochter Cremante der tot geglaubte Vater von Isabelle

95 I.9. Comoedia Damons Triumph-Spiel/ Darinnen die Laster verworffen/ die weisheit und Tugenden rühmlichst auff- und angenommen werden in Versen – Schäferspiel mit allegorischen Szenen Der Schauplatz wird eröffnet/ und sitzet die Pallas auff einem sehr prächtigen Stuhl/ hat einen schönen Krantz von Vergiß mein nicht auff ihrem Haupt. Justitia, welche ein weiß-gläntzendes Schwerd in Händen/ und Virtus, die ein köstliches Buch in der linken Hand hält/ stehen ihr zur Rechten: Irene, welche einen Palmzweig in der rechten Hand/ und Patientia, welche ein weiß silbern Creutz/ welches in einem roth daffeten Band verknüpfft/ auff ihrer Brust trägt/ sitzen ihr zur Lincken. Pallas aber fängt folgender gestalt an zu reden.

96 II.1. Der Verliebten Kunstgriffe. Eine Comödia Lysander und Yante → Damons Erbschaft Diener Marot Marot Es ist wahr/ ich habe gelogen/ Herr/ ich gestehe es euch/ dan ich bin ein Mensch/ und alle Menschen sind Lügner. Aber ich lüge zur rechten Zeit als ein guter Diener/ der seinem Herren und Frauen wohl dienet: Wan ich nicht gewesen wäre/ so hättet ihr bey meiner Treu einen groben Fehler begangen/ da ihr mit dem alten Damon redet: ihr hättet ihm entdeckt. Aufdeckung des Schwindels durch Seline Lysander und Yante heiraten

97 II.2. Comoedia. Der Unbesonnene Liebhaber Lisippus und Cleander – Lucretia Lucretia. Ich will euch auch nicht weiter nöthigen/ ich mus gehen/ und sehen/ was meine Frau Mutter macht. Sie redt mit Cleandro. Dissimulire liebe und hoffe/ so wirstu geliebt werden. Lisippus. Mein Freund was hat sie gesagt? Laß michs doch wissen. Philippin. Ich habs wol verstanden/ ich war nahe genug bey ihr. Sie hat ihm einen trefflichen Verweiß gegeben: Sagt ja. Cleander. Ja Lisippe.

98 II.3. Taliclea die Großmüthige Ferrante Pallavicino: La Taliclea, 1636 deutsche Übersetzung 1668 Diego de San Pedro: Carcel de amor, 1492 italienische Übersetzung 1515 deutsche Übersetzung 1625 von Georg Adam von Kuefstein Richter: Die bisherige Betrachtung hat mehrfach angedeutet, wie die italienische Dramatik der Zeit durchaus von der spanischen beeinflusst ist. Sie hat sich vollgesogen mit spanischen Motiven und trägt gerade in der Übertreibung und Häufung erborgter Züge völlig den Charakter des Epigonentums. So kommt es, daß die Stücke der Wanderbühne in ihren Motiven selbst oft genug auf Spanien zurückdeuten, dennoch aber in Aufbau und Anordnung sich vom Drama der Spanier weit entfernen.

99 Taliclea die Großmüthige Z OTIRENO in Weibskleidern. O Amor/ was ist dir zu schwer/ das du nicht unterfangen soltest: ich habe mich aus der Schoß meines Vaters weggestohlen: ich verlasse den Stand/ der nahe an dem Scepter ist; ich verlasse die Ruh/ deren ich in meinem Vatterland genosse: ich betrübe einen alten und lieben Vatter/ alles umb euretwillen/ o Taliclea/ deren grosser Nahm und Vollkommenheit mir mein junges Hertz schon längsten in unauslöschliche Flammen gesetzt. Ich habe mich anhero begeben/ meine Kleider verwechselt/ mein Geschlecht verhälet/ und das Glück hat mir gewolt/ daß ich nach Hoff in der Taliclea Dienst auffgenommen worden: Ich habe den Nahmen Ebirilia an mich genommen. So fahre dann fort/ Fortuna/ und vollende den Faden/ den du zu spinnen angefangen/ dan du bists allein/ die der Liebe diesen Handel regieren hilft.

100 Taliclea die Großmüthige Reihe von Verwechslungen wegen der Verkleidungen T ALICLEA. [...] Printz Ocanimedo soll die Tochter des Königs aus Pamphilien unsers Vetters zu einem Ehegemahl auff unsere Werbung bekommen. Zu Zotireno. Ihm aber/ durchleuchtigster Printz/ schencke ich mich selbsten/ also erfordern es seine Verdienste: also befilht die Standhafftigkeit seiner Liebe gegen mich: solches gebührt ihm auß vielen Grund-Ursachen: so soll die alte Feindschafft unserer Cronen geendigt/ aller Anstoß weggethan/ welcher den Frieden dieser Reiche und der benachbarten Landschafften hätte verliehren mögen. Ich zweiffele nicht unsere Könige und Vätter werden mit dieser vernunfftmässigen Erwehlung zu frieden seyn.

101 I.7. Antiochus Niccolò Minato: Il Seleuco (Venedig 1666) Breslau 1669 Johann Christian Hallmann, Breslau 1684 König Seleucus + Stratonica sein Sohn + Arsinoe Seleucus verzichtet nach einigen Komplikationen auf Stratonica 1652, Joris Joliphus in Frankfurt Pastorellen und Singspiele nach italienischer Art 1655 Innsbrucker Komödianten in Wien

102 Der italienische Einfluss Johannes Velten: Tragikomödie von Guiscardo und Sigismunda Giovanni Boccaccio: Decameron Wolff: 1677 war in Deutschland die Oper ‚Das tödliche Liebesglück oder Freudentrauerspiel von Guiscardo und Sigismunda‘ gegeben worden. Dessen Text entstammt dem englischen Original. keine klare Trennung zwischen Hoftheater und Wanderbühne Richter: Die italienische Oper wird auch zuletzt das Bindeglied zwischen dem Kunstdrama und dem Schauspiel der Wandertruppen.

103 Die Oper Speyer zur Truppe Hoffmann-Schwarz: Besonders ein Aufenthalt in Wien in den Jahren 1663 und 1664 scheint verbessernd auf ihre Tätigkeit gewirkt zu haben. Die Possenreißerei trat in den Hintergrund, dafür pflegte sie musikalische Stücke nach italienischer Art. Es sind dies die ersten zaghaften Ansätze, die jetzt aufkommende italienische Oper nach Deutschland zu verpflanzen. Hamburger Oper am Gänsemarkt, 1678 Johann Christian Hallmann – Stranitzky übernimmt von ihm 1683 in Ansbach – Teilverzeichnis der Eggenbergischen Hofkomödianten

104 Ansbacher Verzeichnis, 1683 Specification, der Newen Comoedien, welche wir, ausser den andern, so reisende Comoedianten agiren, bey vnß haben. 1. Der fall des weltschrökens Attila. 2. Das 1.te Brüder Paar Romulus vnd Remus. 3. Der grosse Pyrrhus. 4. Der Assyrische Majestäts:Sclav. 5. Das beneüdte glik. 6. Die Entführung der Sabinerinnen. 7. Die Ehrliche verrätherey. 8. Die beständige Crisella. 9. Die eyfersichtige libestyrann Tristifidus.

105 Ansbacher Verzeichnis, Die beständige Pfalzgräfin Genoveva. 11. Die großmüthige freundtschafft. 12. Des Liebes wettstreit: oder Pharanges. 13. Der grosse Kayser Conradus. 14. Das gröste vngehewer. 15. Die weisse mohrin. 16. Die mayestätische glickes vnd Liebes-Verwirrung. 17. : Zwey theil: 18. Die verwechselte lieb.

106 Der Welt Erschröckende Attila ÖNB Cod Matteo Noris – Pietro Andrea Ziani: Attila. Dramma recitato nel Teatro de’ S.S. Gio. e Paolo di Venezia l’anno : Attila. Ein Singspiel nach dem Italiänischen – Johann Wolfgang Franck in der Hamburger Gänsemarkt-Oper Lucas von Bostel ? Streichung der allegorischen Figuren des Prologs Hinzufügung von Ondego Lerianna – zusätzliche Dramatisierung durch die Eifersuchtsszenen

107 Der Welt Erschröckende Attila

108 Attila – Singspiel Namenstausch von Irene als Honoria Theodoricus und Torismondo die schrankenlose Hybris des Hunnen-Königs: Der Schauplatz zeiget an einer Seiten ein Korn=Feld und Bauer=Häuser/ an der andern Seiten Weinberge/ etc. An dem Himmel siehet man einen feurigen Cometen mit einem grossen Schweiff. Attila in seiner Sieges=Pracht/ auff einem Triumph=Wagen/ welcher von vielen Gekrönten Königen und Schlaven gezogen wird/ unter welchen Theodoricus. Viele Persohnen mit Fähnlein und andern feindlichen Waffen/ worunter auch etliche mit Fackeln; Orontes; die Trompeter auffmunterend.

109 Attila – Singspiel Aria. O RONTES. Ihr Vandalischen Trompeten Braucht itzt einen frischen Thon/ Last die holen Lüffte reden/ Was vor ein so grosser Lohn Vor dergleichen Held gehört/ Den die gantze Welt verehrt. [...] A TTILA. Diese Königliche Schlafen Die meinen güldnen Wagen ziehn Bauen mir des Glückes Hafen/ Die Welt wird sich umsonst bemühn Meiner Krafft zu wiederstehen Was mein Blitz auch nur berührt/ Muß so bald zu Grunde gehen/ [...]

110 Attila – Singspiel Aria. Ihr tapfersten Krieger/ verwüstet verheeret Was Ceres und Bachus der Erden verehret Die Wendischen Götter die spielen mit Strahlen/ Wo vormahls die schönsten Palläste gestanden/ Sind nunmehr nur Trümmer und Steine vorhanden/ Die sollen die Kräffte der Hunnen abmahlen. Die Verheerung. Filistenes von weiten mit einem Globo.

111 Der Welt Erschröckende Attila Attila auf einem triumph wagen. welchen 6 Gefangene Könige mit umgekehrten Cronen in Sclavens kleidern ziehen. unter welchen auch Theodoricus alß König in Franckreich ist. Orontes, Philistenes und Staat. A TTILA. Im herauß fahren. Also müßen gleich diesem alle Könige der Welt, Attilae Sclauen werdten, also muß die gesamte Erden Kugel unsere Irrdische gottheit anbeten und ob unserer Tapfferkeit erbeben, aber du Theodoricus, warum siehestu dich umb? was betrachtestu an unsern triumph wagen so genau?

112 Der Welt Erschröckende Attila T HEODORICUS. Ich betrachte, an den lauff dieser Räder den lauff deß menschlichen Glückes, und verspühre, das, gleichwie an einen Rade, das, waß am niedrigsten ist, bald empor kömbt, und das, waß emporstehet in die tieffe fället: also auch die alleruerächtlichsten offt auß den Staub der Niedrigkeit biß an den höchsten Ehren gipffel empor steigen, hingegen die allerwürdigsten von den glückes thron in den abgrund alles Ellendes fallen. A TTILA. Unter diese würdigste rechnestu dich sonder Zweiffel auch mit, ist dem nicht also? T HEODORICUS. Ja tÿrann, und wenn die scharff stehende gerechtigkeit anstatt des blinden Glickes zwischen unß beÿden eine Richterin gewesen wäre, so würdestu anjetzo mein Sclave, und nicht ich der deinige seÿn.

113 Attila – Singspiel Mordszene (Actus III. Scena 18 bzw. fol. 72v) Sie [Irene] wird gewahr/ daß er schläfft/ machet sich sachte von ihm loß/ stehet auff/ und siehet sich überall um. Wolan er schläfft sehr feste! Doch wo muß mein Liebster bleiben? Fasse Muth Irene! Es ist das Beste Du must ihn selber tödten. Nun es wird die Nachwelt reden Und mich soll der Fama prächtiges Gethöne In das Buch der Ewigkeit einschreiben.

114 Attila – Singspiel Sein eigen Schwert Ists/ daß mir meinen Wunsch gewährt. Der Hunnen Holofern/ soll itzo für mich sterben/ Damit ich/ Judith den tapffren Ruhm erwerben. Sie setzet ihm mit den Dolch auff die Stirne/ druckt ihn ein/ er sincket hin. N EUNZEHENDER A UFFTRITT. Valentinianus, Theodoricus, Torismundus kommen mit bloßen Schwerten. I RENE. Seht hier ist der Tyrann! T HEODORICUS / T ORISMUNDUS / V ALENTINIANUS A 3. Er sterbe. I RENE. Es thut nunmehr nicht Noth/ das Attila verderbe. [...]

115 Der Welt Erschröckende Attila I RENE. Schlaffet der wüttrich? Nein, doch ia er schlaffet; vnd zwar einen schlaff, von welchen er nimmermehr erwachen soll. Wo bleibet nun mein gemahl, mein Sohn vnd der kaÿser mir dises Vngehewer Tödten zu helffen, doch was worte ich? Ihre ankunfft mächte allzu spatt fallen, ich will als eine andere Judith disen gottischen Holofernen mit seinen eÿgenen schwert entädern. A TTILA. Im schlaff. Wie grausame suchestu dessen Todt der dich mehr als sein eÿgnes Leben liebet? I RENE. Er redet im schlaff. Aber seine worth bewegen mich nicht. Behertzt Irene! Nimbt ihme den degen von der seithen. Der himmel als ein ertz feind aller laster vnd Tÿranneÿen stärckhe meine hand wider den höllen=hund. Hier wütrich, empfange von meiner handt den lohn für deine grewelthaten. Stost auf ihn.

116 Der Welt Erschröckende Attila ATTILA. Wehe mir. Was ist dises? Bin ich verwundet? Sprizet bluet aus meinen leib, wer ist so kühn gewessen sein verfluchtes gewehr in Attilens Brust zu stossen, vnd dem welcher vnsterblich zu sein, schäme eine Tödliche wunden zuzufügen? IRENE. Dein vermeinte Brauth ist es geÿlsichtiger Erztÿrann, welche vnter denen betrüglichen Liebkosungen nichts als deinen Todt gesuchet, vnd nun mehro durch dein eÿgenes gewehr dich verwundet. ATTILA. Vnd was hat zu einer so meichelmörderischen rachsucht dich verleittet, ô verteuffeltes weibes=bild?

117 Der Welt Erschröckende Attila IRENE. Das Vnglickh meines gemahls, welchen du vnrechtmässig seinen Thron vnd seine freÿheit geraubet hast. Ich bin nicht Honoria, wie du geglaubet, sondern Irene des gefangenen Königs Theodorici gemahlin. ATTILA. Eÿ du verfluchte Hur, so hastu dan so verräterisch mich betrogen, ô schande, so soll ich dan, der ich dennen beherzisten helden iederzeit ein schröckhen gewessen, durch die hand eines verächtlichen weibes=bilds sterben? O Filistenes, deine weissagung ist allzu wahrhafft erfüllet, vnd du bist genugsam an mir gerochen. O das ich doch so vill kräfften hette dich verdambte Furj nach der höllen zu schickhen. Orontes, Ondego. Leibwacht wo bleibet ihr? Warumb verweillet ihr ewren könig zu beschitzen?

118 Attila – Singspiel das Gefühl der Befreiung von der Tyrannenherrschaft: I RENE / H ONORIA / T ORISMUNDUS / T HEODORICUS. Vergnügt euch ihr Seelen und lachet ihr Hertzen/ Verlachet das Qvälen der sorgenden Schmertzen/ Kommt eilet zum Schertzen. Wir sind nun im Hafen/ der Sturm ist vorbey. Wir leben nun frey/ In ewiger Treu.

119 Der Welt Erschröckende Attila Verteilung von ‚fürstlichen‘ Geschenken V ALENTINIANUS. Theodoricus soll wie vor als ein König über Gallien herrschen, vnd sein Königreich mit dem Hertzogthumb Burgundien vergrössert werden. L ISO. Hier müssen die Königreich wohl feÿl sein, das mann gleich so eines nach den anderen weckhschenckhet, ich will ein wenig gedult tragen, villeicht kombt auf mich auch eines?

120 Der Welt Erschröckende Attila THEODORICUS.Der ist heut staub vnd schatten Der gestern sternen=an wolt nehmen seinen flug. TORISMONDO. Der einen Erden=Gott vor kurtzen sich liß nennen Würd selbsten nun zur erd, vndt der würmer speiß. IRENE. Den das er sterblich seÿ nüe hat gewolt erkennen Mus endlich schwizen doch den Todten=schweiß. HONORIA. Der schröckhen diser welt wird keinen mehr erschröckhen. ONDEGO. Sein nahm wird keinem mehr hinfüro forchtsam sein. ORONTES. Es würd ein handvoll erd den ienigen bedeckhen, Dem so vill erde must bis hero Zinßbahr sein.

121 Der Welt Erschröckende Attila MAXIMUS. Dem gestern folgen muest fast alles was da lebet Der folgt den Todten heuth. LISO.Der mich so brügeln liess Auf Türckisch vnd auf Teu sch, das mir das herz noch bebet Der ist Todt wie ein mauß, rührt weder händ, noch füeß. THEODORICUS. Wie bald verfallet doch der bracht vnd stoltz auf erden TORISMONDO. Wie ist so gar kein mensch vom Sterbens=Joch befreÿt Was von der erden kombt, mus erde wider werden, Der Tugend bleibt allein die Cron der Ewigkeit.


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