Vom Zorn zur Wut. Zur historischen Entwicklung einer gewaltigen Emotion Johannes F. Lehmann (Bonn)

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 Präsentation transkript:

Vom Zorn zur Wut. Zur historischen Entwicklung einer gewaltigen Emotion Johannes F. Lehmann (Bonn)

Zorntheorie der Antike nach Aristoteles „Es sei nun der Zorn ein mit Schmerz verbundenes Verlangen nach offenbar werdender Rache wegen einer offenbar werdenden Geringachtung gegen einen Selbst oder einen der Seinen, wobei das Geringachten nicht angebracht ist.“ Aristoteles: Rhetorik. Übersetzt, mit einer Bibliographie, Erläuterungen und einem Nachwort von Franz G. Sieveke. 5. Auflage. München 1995, S. 85.

Zorntheorie der Antike nach Aristoteles „weil es eine Unverschämtheit ist, Offenkundiges zu leugnen, Unverschämtheit aber Kränkung und Verachtung bedeutet; denn nur solchen gegenüber, die wir gänzlich verachten, empfinden wir keine Scham.“ Aristoteles, Rhetorik, S. 91.

Zenon von Citium „Zorn ist Begierde nach Rache an einem, von dem man ungebührliches Unrecht zu haben glaubt“ Zenon von Citium, zit. n. Diogenes Laertius: Leben und Meinungen berühmter Gelehrter. Bd Auflage. Hamburg 1990, S. 60 (VII, 113).

Seneca: De ira „Des Aristoteles Bestimmung weicht nicht viel von unserer ab: er sagt nämlich, Zorn sei das Verlangen, Schmerz zu vergelten.“ Seneca, De ira, 1. Buch, 3,3, S. 103.

Zusammenfassung Der Zorn wird ausgelöst durch den Schmerz der Kränkung der eigenen Ehre und die Hoffnung auf Rache. Der Zorn ist ein Wunsch nach Rache (und darin liegt die Lust). Der Zorn ergibt sich aus und bezieht sich auf soziale Relationen. Der Zorn ist verkoppelt mit Macht, Gewalt und Herrschaft.

II. Zur Transformation der alteuropäischen Modells des Zorns zur modernen Wut

Justus Georg Schottel „Widerfähret uns Beleidigung oder Schimpf / so pflegt sich bei uns der Zorn und Entpfindung bald einzustellen.“ Justus Georg Schottel Ethica. Die Sittenkunst oder Wollebenskunst. Wolfenbüttel 1669, S. 105f. Und: „Der Zorn ist eine begierliche Herzneigung / sich alsofort zu rächen wegen einer zugefügten Beleidigung.“ Justus Georg Schottel Ethica. Die Sittenkunst oder Wollebenskunst. Wolfenbüttel 1669, S. 232.

Johann Christoph Gottscheds: Ausführliche Redekunst Wer die Affekte „aufs vollständigste wissen will, der muß Aristoteles Rhetorik mit Fleiß durchgehen, sonderlich sein ganzes zweytes Buch, als welches durchaus davon handelt.“ Gottsched: Ausführliche Redekunst. Zit. n. Ueding, Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Artikel: »Affektenlehre«, Sp. 229.

Christian Westphal „Das hassen wir, wogegen bey uns unangenehme und übelwollende Empfindungen entstehen, weil es unserem Wunsch und Verlangen zuwider. Geschieht es mit Aufbrausen ist der Zorn da. Hier braucht keine Beleidigung, keine pflichtswidrige Handlung eines anderen vorhanden zu seyn.“ Christian Westphal, Grundsätze von rechtlicher Beurtheilung der, aus Hitze des Zorns unternommenen, erlaubten und unerlaubten Handlungen. Halle 1784, S. 8.

Ernst Platner: Philosophische Aphorismen „Zorn ist ein lebhafter Verdruß über Personen, die uns unangenehme Ereignisse verursachen, z.B. Verlust, Beleidigung, Hindernis u.s.w.“ Ernst Platner: Philosophische Aphorismen nebst einigen Anmerkungen zur philosophi- schen Geschichte. Anderer Theil. Leipzig 1782, S. 397.

Ernst Platner: Philosophische Aphorismen „Obwohl der Zorn allzeit auf Personen gerichtet ist, so ist doch die erste Ursache, die ihn erreget, nicht allzeit Verdruß über die Personen, welche die unangenehme Begebenheit verursachen, sondern oft nimmt er diese Richtung nur zufälliger Weise, um einen Gegenstand zu haben, an dem er sich äußere.“ Ebd.

Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht „Der Zorn ist ein Schreck, der zugleich die Kräfte zum Widerstand gegen das Übel schnell rege macht.“ Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Stuttgart 1983, S. 197.

Johann Christoph Hoffbauers Untersuchungen über Krankheiten der Seele „Denn die Anlässe zum Zorn hat schon das Kind, so bald es einen Widerstand empfindet, gegen welchen es seine Kräfte aufzubieten sich versucht fühlt.“ Johann Christoph Hoffbauer: Untersuchungen über die Krankheiten der Seele und die verwandten Zustände. Dritter Theil: Psychologische Untersuchungen über den Wahn- sinn, die übrigen Arten der Verrückung und die Behandlung desselben. Halle 1807, S. 312.

Albert Mathias Vering: Psychische Heilkunde „Jenes Gefühl, welches aus dem Abscheu eines Objects entspringt, und mit einer heftigen Tätigkeit, dasselbe zu entfernen, begleitet ist, heißt Zorn;“ Albert Mathias Vering: Psychische Heilkunde. Erster Band. Leipzig 1817, S. 58.

Karl Friedrich Burdach: Handbuch der Pathologie „Zorn ist das lebhafte Gefühl einer Unvollkommenheit, wobey die dagegen reagierende Bestrebung gegen den Urheber dieser Unvollkommenheit gerichtet ist.“ Karl Friedrich Burdach: Handbuch der Pathologie. Leipzig 1808, S. 165.

Karl Friedrich Burdach: Handbuch der Pathologie „Unvollkommenheit“ ist eine „Beeinträchtigung unseres eigenen Ichʼs oder jede Beschränkung einer andern Kraft, deren Zusammenhang mit uns wir fühlen“. Ebd., S. 164.

III. Konsequenzen des Umbaus in der Moderne

Friedrich Theodor Vischer: Auch einer „Der böse Geist kam mit neuer Gewalt über ihn, er schoß wütend im Zimmer hin und her und ergoß eine Flut von Schimpfwörtern auf die arme Brille.“ Vischer: Auch einer. Eine Reisbekanntschaft. Frankfurt am Main 1987.

Friedrich Theodor Vischer: Auch einer „… ließ sie von da fallen, rief mit feierlicher Stimme: ‚Todesurteil! Supplicium!‘ hob den Fuß und zertrat sie mit dem Absatz, daß das Glas in kleinen Splittern und Staub umherflog.“

Definition von ‚Zorn‘ im 18. Jahrhundert Zorn als „Aufregung des Selbstgefühls aufgrund eines vereitelten Zwecks“. Karl Friedrich Burdach: Handbuch der Pathologie. Leipzig 1808, S. 165.

Johann Christoph Reil „ Daher ist auch sein blinder Drang nicht blos auf Mordlust beschränkt, sondern er zerstört todte und lebendige Wesen. Er zerreißt seine Kleider und Betten, zerschlägt die Fenster und zertrümmert die Geräthe seines Zimmers.“ Johann Christoph Reil: Rhapsodien über die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geisteszerrüttungen. Halle 1803, S. 369.

Johann Christoph Hoffbauer »dass der Zorn, der Anfangs nur gegen den Widerstand, als Widerstand, entrüstet ist, bald dasjenige, was ihm Widerstand leistet, personificirt, wenn es kein Wesen ist, das frey handelt.« Johann Christoph Hoffbauer: Untersuchungen über die Krankheiten der Seele und die verwandten Zustände. Dritter Theil: Psychologische Untersuchungen über den Wahn- sinn, die übrigen Arten der Verrückung und die Behandlung desselben. Halle 1807, S. 313.

Johann Christoph Hoffbauer „dass der Zorn, der Anfangs nur gegen den Widerstand, als Widerstand, entrüstet ist, bald dasjenige, was ihm Widerstand leistet, personificirt, wenn es kein Wesen ist, das frey handelt.“ Ebd.

Fritz Zorn: Mars (1977) „ Das Leben sind die anderen.“

Fritz Zorn: Mars „Die Zerstörung meiner sexuellen Fähigkeiten ist sicher mein größter Schaden. Ich bin seelisch kastriert, ich habe keinen sexuellen Regungen, ich kann weder Frauen noch Männern gegenüber sexuelle Gefühle empfinden.“ Ebd., S. 194.

Fritz Zorn: Mars „Zur Bezeichnung solcher Unfähigkeiten verwendet man heute das Wort Frustration, wobei von allen Frustrationen die sexuelle ohne Zweifel die tödlichste ist. Diese Frustration ist eben ethischer Natur, denn sie betrifft die Ehre des Menschen. Die menschliche Ehre besteht aus Sexualität; die Sexualität ist der Stoff, aus dem die Ehre gemacht ist, und es gibt keine andere Ehre außer der sexuellen. Ich glaube, die Begriffe ›Ehre‹ und ›Sexualität‹ sind sogar identisch; es sind Synonyme für denselben Begriff. Ich jedenfalls empfinde es so. Wenn ich fragen würde, aus welchem Stoff die sexuelle Frustration besteht, so weiß ich keine andere Antwort als ›Unehre‹, ›Schande‹. Das aber ist das tödlichste Element der sexuellen Frustration: die sexuelle Schande, unter der ich leide. Auch dieses Gefühl drückt sich bei mir oft in einer körperlichen Sensation aus: Ich empfinde den Zwang, den Kopf senken zu müssen, weil ich mir das Recht nicht anmaßen kann, erhobenen Hauptes dazustehen.“ Ebd., S. 194/195.

Fritz Zorn: Mars „Mein Leben besteht nicht nur aus dem Aufheulen eines von der Zürcher Bourgeoisie zu Tode erzogenen Individuums; es ist auch Teil des Aufheulens des ganzen Universums, in dem die Sonne nicht mehr aufgegangen ist.“ Ebd., S. 237.

Fritz Zorn: Mars „Wer sind denn meine Feinde? Das ist schwer zu sagen, obwohl es eine Menge Wörter dafür gibt: meine Eltern, meine Familie, das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin, die bürgerliche Gesellschaft, die Schweiz, das System.“ Ebd., S. 197.

Fritz Zorn: Mars „Man muss sie hassen, die einen töten; es nicht zu tun, wäre eine Schande.“ Ebd., S. 217.

Fritz Zorn: Mars „Ich erkläre mich als im Zustand des totalen Krieges“ Ebd., S. 253.

Fritz Zorn: Mars „Ich bin das Karzinom Gottes“ Ebd., S. 246.

Fritz Zorn: Mars „Ich bin das Karzinom Gottes“ Ebd., S. 246.