Die Präsentation wird geladen. Bitte warten

Die Präsentation wird geladen. Bitte warten

Aufbau der Vorlesung Die Bundesrepublik Deutschland in der Geschichte der deutschen Regierungssysteme Die normativen Grundlagen des deutschen politischen.

Ähnliche Präsentationen


Präsentation zum Thema: "Aufbau der Vorlesung Die Bundesrepublik Deutschland in der Geschichte der deutschen Regierungssysteme Die normativen Grundlagen des deutschen politischen."—  Präsentation transkript:

1 Aufbau der Vorlesung Die Bundesrepublik Deutschland in der Geschichte der deutschen Regierungssysteme Die normativen Grundlagen des deutschen politischen Systems Verfassungsrechtliche Bestimmungen und reale Funktionsweise Überblick Bundesinstitutionen Bundesrat Bundestag Bundesregierung Bundespräsident Rechtswesen und Bundesverfassungsgericht Länder und Bund Kommunen intermediäres System Interessengruppen Parteien Medien Deutschlands Einordnung in supranationale Regierungsstrukturen Themen im Kontext – über herunterladbare Foliensätze erschließbar Geschichte deutscher Staatlichkeit Die Gründung der Bundesrepublik Deutschland: Umstände und Folgen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland Sozioökonomische Grundlagen: Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland Deutschlands politische Kultur TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

2 Grundzüge des Aufbaus des politischen Systems der BRD
verschiedene, teils sehr intensiv wechselwirkende Systemebenen Kommunen mit Selbstverwaltung Länder als Staaten eigenen Rechts Bund als politische Organisation des Gesamtstaats EU als supranationale Herrschaftsordnung mit innerstaatlich unmittelbar oder mittelbar wirksamen Herrschaftsrechten Einbettung in ein für Deutschlands Politik überaus prägendes System internationaler Organisationen (etwa: UNO) und Regime (etwa: WTO) ebenenabhängig verschiedene Regierungssysteme ‚präsidentielle Regierungssysteme‘ in Gestalt der ‚süddeutschen Ratsverfassung‘ in den meisten Ländern auf kommunaler Ebene parlamentarische Regierungssysteme mit Ein-Kammer-Parlament auf Landesebene parlamentarisches Regierungssystem mit überaus starker, da parteipolitisch überformter föderaler Kammer auf Bundesebene inkohärentes, wenig parlamentarisiertes und stark staatenbündisches Regierungssystem auf europäischer Ebene regierungsdominierte und störungsanfällige ‚governance without government‘, ohne nennenswerte Anlaufstellen für gesellschaftliche Mitbeteiligung, oberhalb der Ebene von Nationalstaat und EU TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

3 intermediäre Strukturen
Das politische System der Bundesrepublik Deutschland: schematischer Überblick Regierung sozioökonomische Basis: Gesellschaft Wirtschaft politische Kultur Parlament Massenmedien zentrales politisches Entscheidungssystem 598 intermediäre Strukturen Parteien Interessengruppen Verwaltung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

4 Die Notstandsverfassung
Das politische System der Bundesrepublik Deutschland: ‚Wanderkarte‘ entlang GG Bundesinstitutionen Bundesrat Bundestag Bundesregierung Bundespräsident Rechtswesen und Bundesverfassungsgericht Länder und Bund Kommunen intermediäres System Interessengruppen Parteien Medien Deutschlands Einordnung in supranationale Regierungsstrukturen Ein wie gut oder wie schlecht konstruiertes politisches System ist das nun? Die Notstandsverfassung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

5 Massenmedien Art. 5 (1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

6 weitere rechtliche Bestimmungen zu den Medien
Auskunftspflicht der Behörden gegenüber publizistischen Organen Zeugnisverweigerungsrecht für Journalisten, die ihre Informanten auch vor Gericht nicht nennen müssen Unzulässigkeit wirtschaftlicher Boykottmaßnahmen gegen Presseunternehmen oberhalb der Schwelle politischer Boykottaufrufe, die nicht von wirtschaftlichen oder gewalttätigen Pressionen begleitet sind) Binnenpluralität (‚inhaltliche Ausgewogenheit‘) im Rundfunk: Herkunft: Rundfunkurteile des BVerfG von 1961 und 1971 zu den – früher monopolartigen – öffentlich-rechtlichen Medien Folge: Parteien- und Gruppenproporz in den Rundfunkgremien; parteipolitisches ‚Austarieren‘ journalistischer Spitzenpositionen seit BVerfG-Urteil von 1981 auch für private Sender verlangt: Progammangebot entsprechend der bestehenden Meinungsvielfalt, Mindesmaß inhaltlicher Ausgewogenheit verlangt allerdings mit reduzierten Pluralitätsforderungen im Vergleich zu den für die ‚Grundversorgung‘ zuständigen öffentlich-rechtlichen Anstalten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Außenpluralismus‘ bei den Printmedien

7 (politische) Funktionen von Massenmedien
zentrale politische Rolle gerade in einer Demokratie ! Information über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur Hilfestellung für persönliche Meinungs- und Urteilsbildung Kontrolle politischer Akteure Unterhaltung (‚Infotainment‘) Über die Wirklichkeit außerhalb der eigenen Lebenswelt erfährt man etwas nur über die Medien oder vom Hörensagen ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

8 politisch folgenreichste Medien
für jedermann: Hörfunknachrichten (Reichweite: 73% der Deutschen) Fernsehnachrichten (Reichweite: 62% der Deutschen) Lokalzeitung / sonstige Tageszeitung (Reichweite: 54% der Deutschen) zusätzlich für politisch Aktive und für politische Meinungsführer: politische Qualitätspresse (FAZ, SZ, FR, WELT, ZEIT ...) politische Wochenmagazine (SPIEGEL, FOCUS, STERN) politische Fernsehmagazine Weiterwirkung des Informations-verhaltens und der Informations-quellen von Meinungsführern im zweistufigen politischen Kommunikationsprozeß TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

9 Mediennutzung der Bürger
hochgradig selektiv: meist nur eine einzige Zeitung (in der Regel: die Lokalzeitung) hauptsächliche allgemeine politische Information aus Hörfunk- und Fernsehnachrichten überwiegend so, daß vor allem der eigenen Meinung Entsprechendes zur Kenntnis und ernstgenommen wird akzeptiert und behalten werden eher Bilder als Argumente und Fakten (‚Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast!‘) reale Pluralität der Medien kommt beim Großteil der Bürger nicht an deren Konstruktionsmerkmale prägen das Bild von der Politik – und die eigene Reaktion darauf ! Darstellungsdifferenziertheit der Qualitätsmedien kommt beim Großteil der Bürger nicht an TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

10 Das ‚Thomas-Theorem‘ = ‚Gesetz‘ von der wirklichkeitskonstruktiven Rolle bloßer Situationsdefinitionen „Wenn Menschen eine Situation als so-und-nicht-anders-beschaffen definieren und von dieser Situationsdefinition ausgehend handeln, dann sind die Folgen dieses Handelns real, ganz gleich, wie irreal die Situationsdefinition war.“ Ideologie, gerade auch als falsches Bewußtsein reale Handlungsfolge einer irrealen Ursache TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

11 Beispiel zum ‚Thomas-Theorem‘
Eine Bank ist wirtschaftlich gesund. Dennoch wird in den Medien berichtet, sie stehe vor dem Bankrott. Viele Einleger glauben den Medien. Sie ziehen darum ihre Einlagen von der Bank ab. Die Bank kommt in Liquiditätsprobleme. Jetzt erleben die Einleger, daß die Bank wirklich Liquiditätsprobleme hat. Auch die Zweifler ziehen nun ihre Einlagen ab. Die Bank geht in Konkurs. Operationswirklichkeit Medienwirklichkeit Perzeptionswirklichkeit  Situationsdefinition Handeln auf der Grundlage der Situationsdefinition Beglaubigung der zunächst irrealen Situationsdefinition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

12 medienspezifische Darstellungszwänge
Massenmedien ‚desinformieren‘ auch ohne Absicht und aus guten Gründen! Platzmangel in Printmedien, Zeitmangel in Fernsehen und Hörfunk Komplexes wird fragmentarisch dargestellt und bleibt darum in seiner Gesamtstruktur unverstanden Trivialisierung des verläßlich Mitgeteilten und Verstandenen unterschiedliche Darstellungschancen selbst gleichermaßen des Berichtenswerten gute Chancen: Skandalisierbares, Dramatisierbares, Personalisierbares, Visualisierbares schlechte Chancen: Strukturelles, langfristig Wirkendes, nur anhand systematisch-abstrakter Begriffe angemessen Beschreibbares; darunter auch: Sachpolitik Sonderproblem dessen im Fernsehen: Bild/Ton-Schere adressatenorientierte Darstellungsgrenzen bei nötiger Zielgruppenbindung reale Wichtigkeit der Kenntnisnahme meist genau anders herum! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

13 Selbstbezüglichkeit von Massenmedien
Politiker richten sich genau darauf ein: ‚aufschaukelnde‘ Rückkopplung nur wenige Medien unterhalten ausgedehnte Korrespondentennetze, was sie überwiegend abhängig macht von einer recht kleinen Gruppe von Nachrichtenagenturen und Bilder- bzw. Filmdiensten Journalisten sind oft nicht weniger unsicher als ihr Publikum in ihren Prioritätensetzungen und Bewertungen, was dazu führt, daß sie sich überaus stark orientieren ... an der ‚herrschenden Meinung‘ unter Journalisten an (nationalen) Leitmedien (etwa: SPIEGEL, BILD). wirtschaftlicher Wettbewerb der Medien führt dazu, daß sich immer wieder die meisten Redaktionen und Journalisten denselben Themen widmen, um nicht der Konkurrenz ein wirkungsvolles Thema zu überlassen (‚Rudeljournalismus‘) Gefahr: Entkoppelung von Medienwirklichkeit und Operationswirklichkeit Bevölkerung sieht die (politische) Welt durch die (politische) Brille der Meinungsführer unter den Journalisten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

14 Entkoppelung von Realentwicklung und Nachrichtengebung: BSE
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt MedienTenor 112 / 2001, S. 60

15 Entkoppelung von Realentwicklung einerseits und Nachrichtengebung sowie öffentlicher Meinung andererseits: Arbeitsmarkt TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt MedienTenor 100 / 2000, S. 6

16 typische Verzerrungsquellen der Medienwirklichkeit
Nachrichtenwerte Vorrang des Außer- gewöhnlichen Negativismus Neophilie Eigendynamik von Themenkarrieren Agenda setting und Agenda cutting (verschärft durch anwaltschaftlichen Journalismus) Linksverschiebung des politischen Einstellungsspektrums von Journalisten im Vergleich mit dem Bevölkerungsdurchschnitt medienspezifische Darstellungszwänge ins Negative und sich rasch Wandelnde verzerrtes Bild der Operationswirklichkeit Thema verschwindet – Problem bleibt Problem gelöst – niemand erfährt‘s Thema wird entwunden - wem zum Vorteil? Thema wird aufgedrängt – zu Lasten eines anderen Themas ungleiche Ausgangslage im Kampf um die diskursive Hegemonie bei den Meinungsführern Nötig: ‚Dekodierungskompetenz‘ (durch Medienpädagogik) Risse zwischen öffentlicher und privater Kommunikation folgenreich für die Wahrnehmung von Politik und die Reaktion auf sie ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

17 Negativismus: Bewertung von Regierungsmitgliedern
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt MedienTenor 122 / 2002, S. 14

18 Negativismus: Bewertung von Parteien 2002/I
MedienTenor 122 / 2002, S. 40f TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

19 Negativismus: Bewertung der wirtschaftlichen Lage 1995-1997
MedienTenor 70 / 1998, S. 13 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

20 Negativismus: Medien im Vergleich
‚Jedermanns-Medien‘ ‚Eliten-Medien‘ Frage: Wenn sich Entscheidungsträger und Elitenangehörige über Deutschland und seine Lage weniger erregen als das ‚gesunde Volksempfinden‘ – worauf mag das unter anderem rückführbar sein? MedienTenor 104 / 2001, S. 23 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

21 Selbsteinschätzung im politische Links - Rechts -
‚Linksverschiebung‘ der deutschen Journalisten Vergleich: Bevölkerung und Journalisten in Deutschland Selbsteinschätzung im politische Links - Rechts - Spektrum mittlere ‚Linksverschiebung ‘ der Massenmedien Quelle: ** Internationale Journalistenumfrage 1991 * Allensbacher Archiv, IfD Untersuchung * Einstufung gemessen auf einer 100er - Skala: 0: links; 50: mitte; 100: rechts ** Einstufung gemessen auf einer 7er Skala: 1: links; 4: Mitte; 7: rechts 1 21,1 37,3 24,7 11,7 3,9 0,3 0,6 1,3 4,4 10,7 16,1 33,5 13 8,7 6,5 2,2 2 3 4 5 6 7 10 20 30 40 50 Prozent Bevölkerung* Journalisten** 0* 50* 100* 25* 75* SELFDTL.PRS völlig einflußlos auf die politischen Ansichten und auf die politische Selbstverortung der Deutschen? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

22 Parteipräferenzen der deutschen Journalisten
Es ist unwahrscheinlich, daß dies bei gemäß ihren Überzeugungen berichtenden und kommentierenden Journalisten ganz ohne Folgen bleibt! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

23 Nah- und Fernbild I: innerhalb und außerhalb der Lebenswelt
allgemeine wirtschaftliche Lage = Summe der persönlichen wirtschaftlichen Lagen !! zur persönlichen wirtschaftlichen Lage Wie erklärt sich der Widerspruch? Lebenswelt = Information aus eigener Erfahrung zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage Operationswirklichkeit außerhalb der eigenen Lebenswelt = Information aus Massenmedien Massenmedien: geprägt durch ‚Negativismus‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

24 Nah- und Fernbild II: innerhalb und außerhalb der Lebenswelt
allgemeine wirtschaftliche Lage = Summe der persönlichen wirtschaftlichen Lagen !! zur allgemeinen wirtschaftlichen Lage Wie erklärt sich der Widerspruch? Lebenswelt = Information aus eigener Erfahrung Operationswirklichkeit außerhalb der eigenen Lebenswelt = Information aus Massenmedien zur persönlichen wirtschaftlichen Lage Massenmedien: geprägt durch ‚Negativismus‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

25 Worin besteht die politische Macht von Massenmedien?
sind (Mit-) Konstrukteure von politischer Wahrnehmungs- und Redewirklichkeit formen öffentliche Meinung – und zwar weitgehend ‚hinter dem Rücken‘ der Öffentlichkeit Mediennutzung, Medienkompetenz ändern ‚normale‘ politische Prozesse allein schon durch ihre Existenz durch ‚Medialisierung‘ (auch: ‚Mediatisierung‘) der Politik entsteht Pseudo-Politik graduelle Abkoppelung des wechselbezüglichen Medien- und Politiksystem von realen Problemlagen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

26 Effekte der Formung öffentlicher Meinung durch Massenmedien
Prägung der Wahrnehmung dessen, was ein Problem ist (‚Themenkarriere‘) was wie zu bewerten wäre was andere denken (‚sozialoptische Täuschungen‘) wirklichkeitskonstruktiver Anschlußmechanismus: Schweigespirale / Redespirale Negativismus bei der Wahrnehmung von Wirklichkeit außerhalb der eigenen Lebenswelt (= negativeres Fernbild, positiveres Nahbild) d.h.: von jenem Teil Operationswirklichkeit, für dessen Ausgestaltung die Verantwortung nicht bei einem selbst, sondern bei ‚den Politikern‘ liegt! Folgen: Politik- und Politikerverdrossenheit, abnehmendes Systemvertrauen, Entlegitimierung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

27 Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung: Arbeitslosigkeit
MedienTenor 107 / 2001, S. 60 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

28 Berichterstattung und Bevölkerungsmeinung: Wirtschaftslage III
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt MedienTenor 110 / 2001, S. 60

29 Prägung politischer Bewertungen durch Massenmedien: Gerhard Schröder
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt MedienTenor 100 / 2000, S. 7

30 Beispiel einer sozialoptischen Täuschung
Abschlußmechanismus: Schweigespirale TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

31 Die Schweigespirale Menschen wollen sich nicht gerne isolieren.
Zusammenwirken von individuellen psychischen Prozessen und massen medialer Wirklichkeitskonstruktion Die Schweigespirale Menschen wollen sich nicht gerne isolieren. Sie haben gutes Gespür für Mehrheitsmeinungen in der sie umgebenden Redewirklichkeit (‚Meinungsklima‘, ‚Meinungsdruck‘). Redewirklichkeit speist sich stark aus Medienwirklichkeit. Letztere kann falsche Eindrücke von Minderheits- und Mehrheitsmeinung vermitteln (‚sozialoptische Täuschung‘). Wer seine Meinung in der Minderheit empfindet, wird sich mit deren Äußerung eher zurückhalten, um sich nicht (weiter) zu isolieren. Wer sich auf unabsehbare Zeit isoliert fühlt, wird er seine Minderheits-meinung oft in Richtung auf die Mehrheitsmeinung ‚korrigieren‘. Zunächst nur vermeintliche Minderheitsmeinungen werden so zu realen Minderheitsmeinungen. Über diese realen Meinungsveränderungen können die Massenmedien objektiv informieren, was den Meinungswandel verstärkt und besiegelt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

32 politische Veränderungswirkungen von Massenmedien I
... nur bei Fehlen von Zensur! Allein schon das Aufkommen und die Existenz freier und kritischer Massenmedien wirkt(e) verändernd auf Politik: der öffentlichen Erörterung entzogenes Regierungshandeln ist seither nicht mehr möglich bzw. gilt nicht mehr als rechtens (‚legitim‘) Einbeziehung eines (großen) Teils der Regierten in den politischen Diskurs die Regierenden haben auch kein Monopol mehr auf die Ausgestaltung politischer Kommunikation, sondern konkurrieren mit Journalisten um Darstellungs- und Deutungsmuster Ende ‚obrigkeitlichen‘ Politikerverhaltens dergestalt entsteht unabweisbare öffentliche Verantwortlichkeit der Regierenden in Verbindung mit dem Wiederwahlmechanismus: wirksame demokratische Kontrolle in deren Folge wird es rational, Handlungen zu unterlassen, die man vor Journalisten oder Öffentlichkeit nicht überzeugend rechtfertigen kann. Überdies werden Versuche rational, Journalisten und Massenmedien für die eigenen politischen Zwecke zu funktionalisieren. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

33 politische Veränderungswirkungen von Massenmedien II
... nur bei Fehlen von Zensur! erhöhte Notwendigkeiten politischer Kompromißbildung, da die Medien politischem Pluralismus und seinen Vetogruppen eine massenwirksame Plattform schaffen gute Folge: besonders breite und belastungsfähige Basis für Politik, die aus solcher Kompromißbildung hervorgeht (‚Legitimation durch Kommunikation‘) schlechte Folge: Politikstillstand (‚Politiker-Mikado‘), wo solcher öffentlich vermittelbarer Kompromiß nicht erreichbar scheint besondere Wichtigkeit von Wahlkämpfen als Verdichtung aktiver politischer Kommunikation seitens von Politikern gute Folge: Im Zusammenhang mit Wahlkämpfen steigt das Politiker- und Systemvertrauen meist an, weil die politische Kommunikation sich aus rein journalistischer Prägung löst. schlechte Folge: Vor Wahlen unterbleibt viel sinnvolle Politik, sofern sie als ‚den Medien und dem Wähler nicht vermittelbar‘ gilt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

34 Medialisierung / Mediatisierung
= politische Klasse paßt sich den neuen Rahmenbedingungen an, welche das Mediensystems setzt, zumal in demokratischen Systemen - Differenzierung nach Arbeits-, Durchsetzungs- und Darstellungskommunikation Selektion von Personen und Positionen nach Gesichtspunkten massenmedialer Vermittelbarkeit (‚Ersetzung von Demokratie durch Demoskopie‘) Politiker/Journalisten-Symbiosen Erscheinungsform abhängig vom (zu erwartenden) Rangplatz in der Kommunikationshierarchie TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

35 idealerweise bewerkstelligt ... So entsteht: ‚Mediokratie‘
Pseudo-Politik Folge: Zeit und Kraft werden vom Umgang mit Realproblemen abgezogen! geplantes Kommunikationsmanagement und bewußte, nicht selten überlegt gestylte Kommunikationsdramaturgie (‚spin doctoring‘) von vorbereitenden Hintergrundgesprächen über ein vereinbartes Timing von Artikeln und Interviews bis hin zur ‚Lichtregie‘ auf Parteitagen Schaffung von Pseudoereignissen von ‚Sommerreisen‘ über als wichtig avisierte Pressekonferenzen bis hin zu Gipfeltreffen als Medienspektakeln Inszenierung symbolischer Politik Ersetzung (nicht nur Begleitung) instrumentell wirksamen Handelns durch kommunikativ beeindruckendes Handeln idealerweise bewerkstelligt ... - auf demoskopischer Grundlage So entsteht: ‚Mediokratie‘ - durch ‚bestellte‘ journalistische Begleitung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

36 Medienmacht als Faktum
Medienmacht ist – wie wirtschaftliche Macht – zwar große, doch keine demokratisch legitimierte Macht. ‚Macht ohne entziehbares Mandat‘ – ganz im Unterschied zur politischen Macht! Im freiheitlichen Staat ... verbieten sich ... Zensur zensurähnliche Journalistenkontrolle gibt es keine massenwirksam kontrollierende Gegengewalt, weil die zu kontrollierenden Journalisten doch selbst den Zugang zur ihnen Macht spendenden Öffentlichkeit kontrollieren funktionales Äquivalent zur fehlenden ‚Kontrolle der Kontrolleure‘: ‚Geschäfte auf Gegenseitigkeit‘ zwischen Politik und Journalismus: gute Behandlung gegen gute Information wirtschaftliche und administrative Einflußnahme von (gewählten!) Politikern auf Medienunternehmen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

37 Medienmacht als Problem
Medienmacht verzerrt den politischen Willensbildungsprozeß... durch die Eigentümlichkeiten der Konstruktion von Medienwirklichkeit durch eher anwaltschaftlichen als moderierenden Journalismus Dennoch gibt es keine ... mit Pluralismus und Freiheit vereinbaren institutionellen Mechanismen zur Korrektur jener Verzerrungen sinnvolle Alternative zu jener Rolle, die Massenmedien derzeit spielen. einzige ‚Aushilfen‘: politische Bildung der Bürgerschaft mit Medienkompetenz als Ziel Pflege eines journalistischen Professionsethos, welches die behandelten Probleme ernstnimmt und gering hält TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

38 Struktur des deutschen Mediensystems
Außenpluralismus aus historischen Gründen im Besitz umfangreicher Beteiligungen: SPD Vielfalt privatrechtlich verfaßter Druckerzeugnisse (Tageszeitungen, Wochenschriften usw.) dabei: Zielkreis ist meist die gesamte Bürgerschaft, nicht ein einziges politisches Lager kleinere Gruppen der … öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten privaten Rundfunkanstalten Konkurrenz und ‚Ausbalancierung‘ der öffentlich-rechtlichen Anstalten Entstehungsgrund: früher knappe Frequenzen und hohe Investitionen ließen es geboten erscheinen, den Rundfunk weder allein in die Hand von finanzkräftigen Privaten in die des Staates gelangen zu lassen Folgen: Vertreter von Parteien, kommunalen Spitzenverbänden, von gesellschaftlichen Organisationen und aus dem Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturbereich in den Aufsichtsgremien; politische Ausbalancierung journalistischer Spitzenpositionen Binnenpluralismus TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

39 Struktur der deutschen Presse
erhebliche Konzentrationsprozesse, politisch problematisch v.a. im Bereich der Lokalpresse (‚Ein-Zeitungs-Kreise‘) überregionale Tageszeitungen mit akzentuierter politischer Linie und anspruchsvollem Niveau (Frankfurter Rundschau, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt …) regionale Tageszeitungen mit hoher Auflage und landespolitischem Gewicht; meist politische Mitte oder flaches politisches Profil lokale Tageszeitungen; zentral für Abgeordnete und Kommunalpolitik Boulevardblätter mit magerem Informationsgehalt und großer Wirkung (v.a.: BILD) politische Wochenschriften mit akzentuierter politischer Tendenz (SPIEGEL / Focus, ZEIT / Rheinischer Merkur) Illustrierte mit speziellen Zielgruppen; darunter politisch relevant: STERN (linksorientiert) Tagesschau und Tagesthemen heute und heute-Journal ‚Flaggschiffe‘, an denen sich Journalisten orientieren TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

40 Interessengruppen Art. 9
(1) Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden. (2) Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten. (3) Das Recht, zur Wahrung und Förderung der Arbeits- und Wirtschaftsbedingungen Vereinigungen zu bilden, ist für jedermann und für alle Berufe gewährleistet. Abreden, die dieses Recht einschränken oder zu behindern suchen, sind nichtig, hierauf gerichtete Maßnahmen sind rechtswidrig. Verbot ausgesprochen von ... Landesinnenminister, wenn Tätigkeit der Vereinigung in nur einem Bundesland Bundesinnenminister, wenn Tätigkeit der Vereinigung in mehreren Bundesländern Mitglieder der verbotenen Vereinigung können sich gerichtlich wehren! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

41 Interessengruppen sind ...
Vereinigungen von Bürgern zur Artikulation und Durchsetzung selbstdefinierter Interessen gegenüber anderen Interessengruppen, der Öffentlichkeit und dem politischen System TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

42 Gliederung von Interessen
Interessen = „verhaltensorientierende Ziele und Bedürfnisse von einzelnen oder Gruppen in einem sozialen Feld“ Gliederung von Interessen machtpolitisch wichtig: ‚Disparität der Lebensbereiche‘ Bedeutung des Interesses für das politische System: zentral vs. peripher konkrete Inhalte der vertretenen Interessen wirtschaftliche und soziale Interessen z.B. Arbeitgeberinteresse an flexiblem Arbeitsmarkt z.B. große Bedeutung z.B. Förderung musikalisch hochbegabter Jugendlicher allgemeine ideelle Interessen z.B. geringe Bedeutung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

43 Gliederung von Interessengruppen I
Breite des Spektrums vertretener Interessen Zeithorizont des Engagements Organisationsgrad ‚ein einziges Anliegen‘ Vielzahl verwandter Anliegen kurzfristig langfristig gering (relativ) hoch ‚Bürgerinitiativen‘ Vereine, Verbände TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

44 Gliederung von Interessengruppen II
Organisationsmerkmale Handlungsfelder bevorzugte Handlungsstrategien spontan-informell institutionalisiert-formell z.B. Wirtschafts- und Arbeitswelt, Wohlfahrt, Kultur ... institutionalisierter Dauereinfluß massenmedial attraktive Aktionen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

45 Arten deutscher Interessengruppen
Unternehmen und Selbständige freie Branchenverbände (BDI, Bauernverband, Zentralverband des Deutschen Handwerks …): Einfluß auf wirtschafts-, steuer- und sozialpolitische Entscheidungen Arbeitgeberverbände: Interessenvertretung gegenüber den Gewerkschaften öffentlich-rechtliche Kammern (Anwaltskammer, Handwerkskammer …): Zugehörigkeit kraft Gesetz gesetzlich vorgegebene Aufgaben: Stellungnahmen und Informationen zur Lage ihrer Wirtschaftszweige bzw. Berufsgruppen, Kontrolle der Berufsausbildung, Abnahme berufsqualifizierender Prüfungen usw. abhängig Beschäftigte Gewerkschaften im DGB Beamtenbund, DAG, Flugleiterverband usw. Verbraucherverbände schwach entwickelt, z.B. Verbraucherzentralen Verbände im sozialen Bereich etwa Rotes Kreuz, Caritas, Haus- und Grundbesitzerverbände, Bund der Steuerzahler, Arbeitslostenverband, Anonyme Alkoholiker … Freizeitvereinigungen, etwa ADAC (vor allem Binnenorientierung) ideelle Vereinigungen, darunter Kirchen Umweltschutzverbände TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

46 Organisatorische Merkmale von Interessengruppen
häufig territoriale Gliederung (z.B. Kreis-, Landes-, Bundes-, übernationale Gliedverbände) Mitglieder in der Regel interessiert an ... Mitmachen auf niedriger Organisationsebene (Sportverein, Feuerwehr, Kulturverein ...) Dienstleistungen der Verbandsführung oder des professionellen Verbandsapparats Aus genau diesem Grund: verbandspolitische Initiative und Gestaltungsaktivität in der Regel von oben nach unten (‚ehernes Gesetz der Oligarchie‘): Weichenstellungen für Entscheidungen in kleineren und oft mitgliederfernen Gremien (Präsidien, Vorstände, Ausschüsse) Eigengewicht der Verbandsbürokratie (Geschäftsführungen, hauptberufliche Funktionäre) Willensbildung und Entscheidungsfindung in der Regel nach informellem Proporzprinzip ( Vetomöglichkeiten), nicht nach offenem Mehrheitsentscheid ‚Apathie‘ ‚Vollversammlungen‘ von Mitgliedern funktionieren nicht; ‚Delegierte‘ sind meist Funktionäre TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

47 Interessengruppen in Deutschland
politische Wichtigkeit laut Lobbyliste des Bundestages: unter den dort eingetragenen Interessengruppen vertreten … 64,5% wirtschaftliche I. 16,2% soziale I. 11,4% kulturelle I. 3,1% ökologische I. 2,9% politische I. 2% Freizeitinteressen Interessengruppen in Deutschland eingetragene Vereine: ca Berufsverbände: rund 6800 echte Interessenverbände (ohne Freizeitvereine): ca überaus wichtige Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation unterschiedlichste Organisationsgrade Anlaufstellen (vor-) politischer Beteiligung ‚vorpolitischer‘ Raum: zentrales ‚Wurzelwerk‘, das die politischen Organisationen und Institutionen im engeren Sinn (Parteien, Parlamente) mit der deutschen Gesellschaft verbindet TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

48 Organisationsgrade deutsche Interessengruppen
Organisationsgrad = Anteil der Mitglieder von Interessenorganisationen an der Zahl derjenigen, die vertreten werden sollen Bauern-, Ärzte- und Handwerkerorganisationen: über 90% Unternehmensverbände der Industrie: 70-85% Arbeitnehmerorganisationen: knapp 40%, mit drastisch mit abnehmender Tendenz bei Gewerkschaften (derzeit an die 18%) am stärksten: Beamte, Großbetriebe in der Industrie am schwächsten: Angestellte nicht wenige Interessen werden ohnehin ‚advokatorisch‘ vertreten, nämlich von Personen, die vom entsprechenden Problem gar nicht selbst betroffen sind: etwa Sozialhilfeempfänger, vielfach auch Arbeitslose Ursachen geringer Organisationsgrade: unterschiedliche Organisierbarkeit: Verhältnis von nötigen Anstrengungen, aufbringbarem Sozialkapital und Honorierung von Engagement ‚Trittbrettfahrer-Effekt‘: Nutzen wird auch ohne Einsatz realisiert TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

49 Strategien des Verbandseinflusses
wichtig: Organisationsfähigkeit Konfliktfähigkeit Einwirken auf die Öffentlichkeit normale Öffentlichkeitsarbeit symbolische und spektakuläre Aktionen Handlungsdruck entfaltende Aktionen: Demonstrationen, Streiks, ‚ziviler Ungehorsam‘ Vernetzung mit politischen Entscheidungsträgern Allianzen von Interessengruppen Vernetzungen und Beziehungspflege in Parteien, Parlamenten, Regierungen und deren Verwaltungen ‚Neokorporatismus‘ (Runde Tische, ‚Bündnis für ...‘, ‚Konzertierte Aktion‘, Tripartismus usw.) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

50 Öffentlichkeitsarbeit von Verbänden
Wege: Kontaktpflege zu Journalisten (Presseerklärungen, Einladungen zu Veranstaltungen …) eigene Publikationen aller Art Demonstrationen Einflußnahme in den Aufsichtsgremien öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten typische Argumentationsfigur: ‚Die Verbandsinteressen dienen dem Gemeinwohl; sie zu erfüllen, entspricht allgemein akzeptierten Werten!‘ Folge: Duktus von Heuchelei und rhetorischem Kitsch zentral: langfristig angelegte Meinungspflege! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

51 Verbände und Parteien wechselseitige Nähe von einzelnen Verbänden und Parteien aufgrund gemeinsamer Geschichte oder gemeinsamen Überzeugungen: SPD und Gewerkschaften, Union/FDP und Unternehmensverbände, GRÜNE und BUND Spezialverhältnis Gewerkschaften-SPD: Rekrutierungsbasis ‚Hand- und Spanndienste‘ im Wahlkampf versuchte Einflußnahme auf Wahlverhalten ‚Wahlprüfsteine‘ der Gewerkschaften Wahlhirtenbriefe der katholischen Bischöfe TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

52 Verbände und Parlamente
beim Bundestag rund 1700 Verbände mit Tausenden (1990er: rund 9000) von Vertretern registriert, teils hauptamtlich oder als Selbständiger, teils im Nebenerwerb oder als Angestellter einer ‚Lobby-Firma‘ was Anspruch auf Anhörung durch Organe des Bundestages und der Bundesregierung begründet weniger wichtig: Verbandsmitgliedschaften von Abgeordneten viel wichtiger: dauerhafter Kontakt zwischen den Verbandsvertretern und den Fachpolitikern der Fraktionen (Arbeitskreise, Sprecher für Politikbereiche, Obleute in Ausschüssen) Zweck: informiert sein & (zielgerichtet) Informationen geben dabei: mitunter einander neutralisierende ‚cross pressures‘ auf Fraktionen und einzelne Abgeordnete wichtig für Urteil: ‚Lobbyismus‘ ist nicht illegitim, sondern die Nutzung des ganz selbstverständlichen Rechts, seine Interessen im Kontakt mit Politikern zu voranzubringen! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

53 traditionelles ‚Verbandsherzogtum‘ ‚Fleischtöpfe des Sozialstaats‘
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt ‚Fleischtöpfe des Sozialstaats‘

54 Verbände und Regierungen
zentraler Einflußadressat der Verbände: Ministerien 1985/86 gingen von 232 BDI-Eingaben 67% an die Bundesregierung, knapp 16% an den Bundestag, 8% an EG-Kommission Ziele: Kontakt halten: informiert sein & (zielgerichtet) Informationen geben Einflußnahme auf Gesetzentwürfe möglichst schon im ‚Referentenstadium‘ Wege: Beiräte der Ministerien (Expertengremien, dicht besetzt mit Vertretern von Verbänden) leichter Zugang der wichtigsten Verbände zu Regierungschefs und Ministern (Gewerkschaften, BDI …); (neo-)korporatistische Politikmuster persönliche Vernetzungen zwischen Ministerialbürokratie und (nahestehenden) Verbänden mißlich für Parlament: wird zwischen (federführendem) Ministerium und Verbänden ein Gesetzentwurf schon ‚verbandsfest‘ gemacht, dann sind das schwer zu ignorierende Vorentscheidungen für die parlamentarische Phase des Gesetzgebungsverfahrens Reaktion von Parlamenten: Versuch einer Verdichtung der Kommunikation mit (relevanten) Verbänden TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

55 (Neo-) Korporatismus kennzeichnend für Deutschland! Ausgestaltung des Verhältnisses zwischen Staat und gesellschaftlichen Verbänden dergestalt, daß … Produzenten-/Arbeitgeberinteressen in starken Dachverbänden organisiert sind, Gewerkschaften eine politische Schlüsselstellung besitzen, diese Verbände intern hierarchisch strukturiert sind und – innerhalb ihrer funktional differenzierten Zuständigkeit – ein faktisches Repräsentationsmonopol haben, Parteiensystem und – so ausgestaltetes – Verbändesystem eng miteinander vernetzt sind, die Beziehungen zwischen Verbänden und Regierung(en) institutionalisiert sind (z.B. ‚konzertierte Aktion‘, ‚Bündnis für …), die Regierung eine Art Gewährsträgerschaft für die ausgehandelten Ergebnisse übernimmt. d.h.: Bürger werden in ihrer Eigenschaft als Träger spezifischer Interessen kontinuierlich und wirksam, wenn auch in funktionaler Engführung, gegenüber Parlament und Regierung vertreten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

56 Außenfunktionen von Interessengruppen
Entdecken und Bewußtmachen von Mitgliederinteressen Widerspiegelung gesellschaftlicher Interessenheterogenität Interessenselektion Setzung von Prioritäten für den politischen Streit Interessenaggregation Bündelung von Interessen zu plausiblen Handlungsprogrammen und entscheidbaren Alternativen Interessenartikulation Gang an die Öffentlichkeit, Herantreten an Entscheidungsträger Ringen um die Durchsetzung von Interessen Herbeiführen und Durchstehen von Konflikten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

57 Nutzen von Interessengruppen für ein pluralistisches politisches System
Einbringen von Initiative, Sachverstand und Kontrolle in den politischen Prozeß Erzwingen von Responsivität des politischen Systems, mit verbesserter gesellschaftlicher Integration als Folge Beitrag zur Problemerkennungs- und Steuerungskapazität des politischen Systems durch … gesellschaftliche Problemdiagnose und Ausarbeitung politischer Therapievorschläge Mitwirkung an Rechtsetzung, Rechtsanwendung und Rechtsauslegung Akzeptanzsicherung und Legitimitätssteigerung des politischen Systems durch ... Wirken als ‚Frühwarnsystem‘ Einbindung in politische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse und somit in die Führungsverantwortung (‚delegierte Führungsleistungen‘) Steigerung der Lernfähigkeit und Lernleistung des Systems aber nur, wenn die jeweils machtvollsten Interessengruppen selbst lernfähig sind! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

58 Verbände als ‚mitregierende Korporationen‘
Verbandsbeteiligung an … Rechtsetzung: Beiräte der Ministerien, Verwaltungsräte von Behörden … Ausführung von Gesetzen: TÜV bei Überwachung technischer Einrichtungen, Wohlfahrtsverbände in der Sozialhilfe … freie Wohlfahrtsverbände unterhalten – mit öffentlichen Zuschüssen – die Mehrheit der Kindergärten, Jugend- und Erziehungsheime, zahlreiche Krankenhäuser; insgesamt rund Sozialeinrichtungen mit rund 1,1 Millionen Beschäftigten Auslegung von Recht: Benennung der Beisitzer in Arbeits- und Sozialgerichten durch Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

59 Rechtsgrundlagen der deutschen Parteien und deren Regelungsbereiche
Grundgesetz BVerfG-Entscheidungen Parteiengesetz Wahlgesetze = Partei (anders als eine sonstige Vereinigung) darf nur vom BVerfG, also einem unabhängigen Gericht, und nicht von einem Innenminister, also von der – von einer konkurrierenden Partei geführten – Exekutive verboten werden TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

60 Parteien Parteiengesetz erst 1967 beschlossen zuvor: wichtige Urteile des BVerfG, v.a. zur Parteienfinanzierung Art. 21 (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung muß demokratischen Grundsätzen entsprechen. Sie müssen über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft ablegen. (2) Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht. (3) Das Nähere regeln Bundesgesetze. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

61 Aufgaben der Parteien (laut Parteiengesetz)
faktisches Monopol: ohne Aufstellung durch eine Partei so gut wie keine Chance auf ein Wahlamt oberhalb der kommunalen Ebene! Parteien = ‚Selektorat‘, Volk = ‚Elektorat‘ Beteiligung an Wahlen durch Kandidatenaufstellung Personalmarktsfunktion: Rekrutierung, Kandidatenpräsentation Formulierung politischer Ziele in Gestalt von Programmen Einfluß auf die öffentliche Meinung und die politische Willensbildung Einflußnahme auf die Politik in Parlament und Regierung in Konkurrenz mit Interessengruppen, Medien, Unternehmen, angesehenen Einzelnen als die demokratisch AM BESTEN von allen legitimierte Institutionen! Führungsfunktion angehalten zur Erfüllung der Responsivitätsfunktion Vernetzungsfunktion TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

62 Wahlrecht für Bundestagswahlen (Wahlgesetz von 1956)
in den meisten Bundes- ländern: grob analog ! ‚personalisiertes Verhältniswahlrecht‘ mit zwei Stimmen pro Wähler: 299 Bundeswahlkreise je ein ‚Direktabgeordneter‘ Gewinn des Mandats nach relativem Mehrheitswahlrecht (‚Erststimme‘) 299 Abgeordnete ziehen über die Landeslisten der Parteien in den Bundestag ein (‚Listenmandate‘, vergeben durch ‚Zweitstimme‘) Sitzverteilung im Bundestag insgesamt (Listenmandate plus Direktmandate) bestimmt sich proportional zum Zweitstimmenanteil (Hare-Niemeyer-Verfahren) eine Partei, die weniger als 5% der gültigen Stimmen erhält, kann keine Abgeordneten in den Bundestag entsenden (‚Sperrklausel‘) erhält eine Partei mindestens drei Direktmandate, so gilt für sie jene Sperrklausel nicht wer ein Direktmandat erhält, zieht auf jeden Fall in den Bundestag ein erhält eine Partei mehr Direktmandate, als ihr nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren zustehen, so behält sie diese ‚überzähligen‘ Direktmandate (‚Überhangmandate‘) theoretische Chance für Einzelbürger, als erfolgreiche Direktkandidaten in den Bundestag einzuziehen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

63 Folgen für Abgeordnete
Nur ‚große‘ Parteien haben Chancen auf Direktmandate. Wer ein Direktmandat hat und Chancen hat, renominiert und wiedergewählt zu werden, ist von der Basis seiner Wahlkreispartei und vor allem von der Wählerschaft im Wahlkreis abhängig. nötig: Absicherung ‚nach außen‘ (= Wählerschaft) und gegenüber der regionalen Parteibasis Wer ein Listenmandat hat und keine Chancen besitzt, ein Direktmandat zu erringen, ist von den landesweiten Nominierungsgremien seiner Partei abhängig, insbesondere davon, einen guten Listenplatz zu erhalten, und ferner vom Abschneiden seiner Partei insgesamt. nötig: Absicherung ‚nach innen‘ (d.h.: gegenüber der Gesamtpartei) Die meisten ‚Listenabgeordneten‘ sind unterlegene Direktkandidaten. bei CDU/CSU und SPD, in den neuen Bundesländern auch bei der PDS, verhalten sich Listenabgeordnete bezüglich ihrer Wahlkreisbetreuung wie Direktabgeordnete Rechtlich gibt es keinerlei Unterschiede zwischen Direkt- und Listenabgeordneten. Wiederwahlmechanismus ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

64 Die Bindeglied- bzw. Netzwerkfunktion von Parteien
vertikale Vernetzung in / über ... Sozialmilieus, in denen die Parteien (noch) wurzeln vorpolitischen Raum der Bürgerinitiativen, Vereine und Verbände Gliederungsebenen der Parteien: Ort – Kreis/Unterbezirk – Land – Bund – Europa horizontale Vernetzung mit / von ... (auf der jeweiligen Ebene) Lebenswelten der Bürger Kommunen Interessengruppen Medien Verwaltungsbehörden anderen Parteien Parlamenten Regierungen Mittel: Mehrfachmitgliedschaft von Parteiführern in unterschiedlichsten Gremien, v.a.: Verbindung von Parteiamt und Parlamentsmandat! Nicht jede Partei muß alles leisten – doch alle zusammen sollten das schaffen! Ohne diese Leistungen fehlt es einem komplexeren politischen System an den Voraussetzungen für effiziente, responsive politische Führung! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

65 Personalmarktsfunktion von Parteien
Parteien sind in einem modernen politischen System die zentralen Institution der ... Rekrutierung Ausbildung Vermittlung politischen Führungspersonals zu jenen Stellen, die einer Partei – aufgrund ihres Wahlergebnisses – zur Machtausübung auf Zeit zufallen. Parteien sind also Karrierevehikel für Personen, die sich dauerhaft politisch betätigen wollen. Es hängt von der Struktur des Gesamtsystems ab, in welchem Grad diese ‚Personalmarktsfunktion‘ von Parteien zu übernehmen ist. in Deutschland: zentral ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

66 Kandidatenpräsentationsfunktion von Parteien
Parteien wirken als Selektorat für Personen, die sich mit Aussicht auf Erfolg dem Elektorat stellen wollen Wer politische Macht ausüben will, muß zunächst einmal Gleichgesinnte hinter sich bringen! (Parteien = erste ‚Filterstelle‘ für politisches Personal) Parteien präsentieren den Wählern Kandidaten, für die sie selbst eine Art ‚Qualitätskontrolle‘ garantieren und sozusagen die ‚Produkthaftung‘ übernehmen Parteien werden zu Recht nach jenen (Spitzen-) Kandidaten beurteilt, über welche sie jene Inhalte ‚personalisieren‘, für die sie stehen Parteien übertragen ihr eigenes Ansehen als ‚eingeführte Marken‘ auf ihre Kandidaten Wer gewählt ist, verdankt das in der Regel eher dem Ansehen seiner Partei als seiner Person – weswegen er sein Amt meist verlieren wird, sobald sich seine Partei nicht länger mit ihm identifiziert: funktionslogische Grenze des ‚freien Mandats‘! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

67 Die Führungsfunktion von Parteien
Zielfindungsfunktion: zu lösende Probleme erkennen lohnenswerte Ziele vorschlagen Programmentwicklungsfunktion: Interessen und Problemlösungsmöglichkeiten so bündeln, daß – durch Versuch und Irrtum a posteriori zu erkennen – auf das Gemeinwohl ausgerichtete und zugleich die Wiederwahl der Partei sichernde Politik entstehen kann Programmdurchführungsfunktion: Umsetzung des Programms in konkrete Entscheidungen nach Maßgabe der Mehrheitsverhältnisse Lernen aus der Praxis samt nötiger Programmveränderung Erklärungs- und Werbungsfunktion (‚explaining policy‘): Erläuterung der ergriffenen Maßnahmen gegenüber Bürgern Auseinandersetzung mit Kritik Maßstäbe für Parteienkritik ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

68 Die Responsivitätsfunktion von Parteien
(klientelspezifische) Aufnahme von Problemen, Sorgen, Wünschen Anregungen aus der Gesellschaft Im Unterschied zu Interessengruppen müssen Parteien die Interessen verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen bündeln, wenn sie mehrheitsfähig werden oder bleiben wollen! Einbringung all dessen in den Prozeß der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung durch ... Programmbildung der Parteien Verschränkung der innerparteilichen Willensbildung mit der innerstaatlichen Willensbildung in Parlament und Regierung Erfüllung der Netzwerkfunktion erzeugt Responsivitätsketten Funktionale Äquivalente zur staatlichen Responsivitätssicherung durch politische Parteien: ‚aufgeklärte Obrigkeit‘ Revolten, Revolutionen = Verbindung von Parteiamt und Parlamentsmandat wenig wünschenswert, da viel höhere Transaktionskosten! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

69 Mittel der Responsivitätssicherung
bezüglich Parteien und Parteiführern: periodische freie Wahlen in Verbindung mit dem ‚Wiederwahlmechanismus‘ öffentliche Meinung und Demoskopie bezüglich politischem System insgesamt: staatliche Ämter erreicht man nur getragen von einer bei den Wahlen erfolgreichen Partei ( Verbindung von Parteiamt und öffentlichem Amt). aufgrund der Verbindung von staatlichem Amt und Parteiführungsfunktion rechnen die Bürger (Fehl-)Leistungen des politischen Systems stark jenen Parteiführern und deren Parteien zu, die jeweils wichtige Ämter innehaben. Wessen Politik zu Wahlniederlagen führt, verliert nicht nur sein öffentliches Amt, sondern wird meist auch als Parteiführer abgelöst. Darum haben Parteiführer große Anreize, die Parteipolitik so auszugestalten, daß die parteipolitisch geprägte Staatspolitik im großen und ganzen für jene Wählergruppen akzeptabel ist, von denen die machtpolitische Stellung der Partei abhängt. Immer wieder persönliches und institutionelles Lernen nötig / aufgezwungen! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

70 Entstehung und Ende einer Partei
durch Anmeldung zu einer Landtags-, Bundestags- oder Europawahl beim zuständigen Wahlleiter, i.d.R. dem Präsidenten des Landes- oder Bundesamtes für Statistik vorzulegen: Parteiprogramm; Kandidatenliste; eidesstattliche Erklärung, daß die Kandidaten in geheimen Abstimmungen bei Delegierten- oder Mitgliederversammlung aufgestellt wurden; eine (geringe) Mindestanzahl von Unterschriften, die diesen Wahlvorschlag unterstützen Ende: Parteiengesetz: „Eine Vereinigung verliert ihre Rechtsstellung als Partei, wenn sie sechs Jahre weder an einer Bundestagswahl noch an einer Landtagswahl mit eigenen Vorschlägen teilgenommen hat“. Verbot durch BVerfG TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

71 schematischer Aufbau einer deutschen Partei
zentrale Sorgen: attraktiv für Wähler und aktive Mitglieder sein Geschlossenheit bewahren regierungsfähig sein Tätigkeitsbereich der (vollberuflichen) Spitzenpolitiker auf Landes- und Bundesebene machtpolitische Basis der Partei i.d.R. geführt von Abgeordneten wichtig für Kommunalpolitik und Verankerung im vorpolitischen Raum ferner: Jugend-, Senioren- und Fachvereinigungen, TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

72 Innerparteiliche Demokratie ?
Ergebnis: ‚ehernes Gesetz der (informellen) Oligarchie?‘ Innerparteiliche Demokratie ? Partizipations- und Interessemängel der meisten Parteimitglieder (nur 20-25% aktiv, Rest ‚Karteileichen‘, wobei nur jeder zweite Beitretende überhaupt die Absicht hat, persönlich aktiv zu werden) viel Partizipationspotential gebunden durch kommunalpolitische Tätigkeit Parteiarbeit ab Kreis- oder Unterbezirksebene: faktische Vollzeitaufgabe von Berufspolitikern Abgeordnete, hauptamtliche Parteiangestellte, hauptamtliche Verbandsfunktionäre gute Parteiführung = antizipatives Eingehen auf Meinungen und Wünsche der Parteibasis Wer ist ‚Basis‘? Wähler, Karteileichen, Aktivisten, Hauptamtliche … ? Wissens- und Vernetzungsvorsprünge der Aktiven, was nur fallweises Engagement wenig wirkungsvoll macht Kommunikationshierarchien: Spitzenpolitiker beherrschen über die Massenmedien die innerparteiliche Diskussion Ventil: Mitgliederbefragungen, ‚Abstrafungen‘ auf Mitgliederversammlungen und Parteitagen – sowie deren Vorauswirkung in Normalzeiten ‚lose verkoppelte Anarchien‘ mit mehr oder minder heftigen Richtungskämpfen eher: zeitweise: dominante Parteiführer Bevölkerung wünscht: Geschlossenheit ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

73 Parteienfinanzierung
ein objektiv schwieriges Labyrinth mit pfiffigen Parteischatzmeistern und einem wankelmütigen BVerfG als Pfadfindern Zweck: Parteien sollen auch finanziell in der Gesellschaft verankert sein : wenig regulierte Verfahren ab 1952 sammeln Fördergesellschaften Spenden aus Wirtschaft und Gesellschaft, um sie nach wenig transparenten Schlüsseln auf die Parteien zu verteilen besonderer Anreiz ab 1954: unbegrenzte steuerliche Abzugsfähigkeit von Parteispenden 1958 erklärt BVerfG unbegrenzte steuerliche Abzugsfähigkeit für verfassungswidrig; Folge: unregulierte staatliche Finanzierung der Parteien : BVerfG erklärt 1966 globale Staatsfinanzierung der Parteien für verfassungswidrig und führt die Rechtsfiktion der ‚Wahlkampfkostenerstattung‘ ein, 1968 mit Absenkung des dafür zu erringenden Mindestanteils der gültigen Stimmen (0,5%) Finanzbedarf der Parteien steigt weiter; Ausweg: Spenden werden über gemeinnützige Organisationen, Berufsverbände, Parteistiftungen steuerlich abzugsfähig gemacht und über diese ‚Geldwaschanlagen‘ an die Parteien weiter geleitet : komplexe Neuordnung mit Wahlkampfkostenpauschale, Sockel- und Chancenausgleichsbeiträgen, Ausweitung der Steuerfreiheit von Spenden und Mitgliedsbeiträgen und erhöhten Publizitäts- und Rechenschaftspflichten 1993: nach Klage der GRÜNEN erklärt BVerfG so gut wie alle Regelungen für verfassungswidrig und bestimmt: absolute Obergrenze für staatliche Zuwendungen an Parteien: 230 Mio DM, nur der Preisentwicklung angepaßt Senkung von Grenzen für Anzeigepflicht und steuerliche Begünstigung Bindung der staatlichen Zuwendungen sowohl an Wählerzahl als auch an Spenden- und Beitragseinnahmen (an Stelle der früheren Wahlkampfkostenerstattung) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

74 Die Einnahmen der Parteien
Parteien mit Spendenaffären im Jahr 2000, in Millionen € GRÜNE 9,5 4,3 8,3 Union 65,9 35,4 49,2 PDS 9,0 3,5 7,1 FDP 5,6 8,5 7,4 SPD 77,6 12,6 47,8 Mitgliedsbeiträge Spenden staatliche Mittel ferner indirekt: Fraktionsfinanzierung Abgeordnetenfinanzierung Parteistiftungen Adenauer Stiftung: 98,3 Mio € Naumann-Stiftung: 35,1 Mio € - Wessen politische Schlagkraft beeinträchtigt eine Rechtslage, die vor Parteispenden abschreckt, am klarsten? - Sind diese Beeinträchtigungen ‚politisch ausgewogen‘? - Kann es einen Zusammenhang zwischen Vorschlägen zur Regelung von Parteispenden und den Konkurrenzinteressen der Parteien geben? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

75 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

76 Staatliche Mittelzuweisungen an die Bundestagsparteien
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

77 Entwicklung des Spendenaufkommens
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

78 Leitgedanken der Rechtsstellung der Parteien
sind zwar integrierende Bestandteile des Verfassungsaufbaus, aber keine Staatsorgane haben eine vermittelnde Stellung zwischen Staat und Gesellschaft müssen innerparteiliche Demokratie praktizieren sollen dazu angehalten werden, sich um intensive gesellschaftliche Verankerung zu bemühen müssen staatsunabhängig sein, letzteres möglichst auch finanziell sollen ökonomisch funktionsfähig sein müssen nach Vermögen und Finanzierung transparent sein müssen gleiche Wettbewerbschancen haben müssen unterschiedliche Macht je nach Wahlergebnissen haben (‚Demokratieprinzip‘) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

79 ein von starken Parteien getragener Staat !
Ein ‚Parteienstaat‘? Abgeordnete sind die FÜHRER ihrer Parteien ! Parteien werden (meist) von ihren Parlamentsfraktionen aus geführt ! Begriff von Gerhard Leibholz, Staatsrechtler und langjähriger Bundesverfassungsrichter Grundgedanken: Parteien sind die zentralen und unmittelbar demokratisch legitimierten politischen Handlungseinheiten Abgeordnete sind „gebundene Parteibeauftragte“, die im Parlament die in den Parteien getroffenen Entscheidungen ‚nachvollziehen‘ Parteienstaat = „rationalisierte Erscheinungsform der plebiszitären Demokratie“ Ja ! Nein ! Nein ! in Person von Abgeordneten als für den Wahlerfolg ihrer Parteien persönlich haftenden Parteiführern: VERSCHRÄNKUNG der Willensbildung in Parlament, Partei und Wahlvolk den Abgeordneten macht – wann immer er die Folgen seines Handelns tragen will – UNABHÄNGIG von den ‚höheren Parteiführern‘ … Art. 38 GG (imperatives Mandat funktionierte auch bei den GRÜNEN nicht!) die Unterstützung der ihn (re-)nominierenden Parteiorganisation TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

80 Entstehung und Entwicklung des deutschen Parteiensystems
geht zurück auf 19. Jhdt: Liberale – Konservative – Sozialisten Zäsuren der NS-Diktatur (Einheitspartei) und der Besatzungszeit (Lizensierung von Parteien) Diskreditierung der Weimarer Extremlager: der Rechten durch das Scheitern des Nationalsozialismus, der Linken durch das abschreckende Beispiel des osteuropäischen und ostdeutschen Realsozialismus Restbestände von rechts- und linksradikalen Parteien werden ‚weggewählt‘ oder (wie SRP und KPD) verboten im neuen Gewand: Fortbestand und alsbaldige Monopolstellung der ‚Weimarer Koalition‘: SPD  SPD Zentrum (um protestantische und [liberal-] konservative Gruppen erweitert)  CDU und CSU Liberale  FDP : Zwei Parteigruppen-System nach Aufkommen der GRÜNEN und deren Akzeptanz durch SPD 1990 – heute: Hinzutreten eines andersartigen ostdeutschen Parteiensystems (‚Pseudo-West plus PDS‘) Konzentration eingespieltes Zweieinhalb- Parteiensystem ab und zu: Protestparteien TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

81 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

82 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

83 Parteimitglieder (in tausend)
Generell: Höhepunkt der Parteimitgliedschaft in den 1970ern und frühen 1980ern bis auf GRÜNE: allgemeiner Rück- gang der Mitglieder- zahlen nach der Wiedervereinigung sehr geringe Mitgliedschaften in den neuen Bundesländern SPD: Höhepunkt in Brandt-Zeit Zuwächse ‚abge- schöpft‘ von den GRÜNEN TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

84 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

85 Probleme von Parteien Sicherung ihrer Verankerung in der Gesellschaft bei Erosion von deren soziomoralischen Milieus: wessen Interessen dauerhaft vertreten? auf wen die Wahlprogrammatik ausrichten? Rekrutierung leistungsfähiger und leistungswilliger Mitglieder mangelnde Attraktivität speziell parteipolitischen Engagements Mobilität von Leistungsträgern vs. Territorialität von Parteistrukturen gegebenenfalls: geringe Chancen für qualifizierte Quereinsteiger mangelnde Bürgerakzeptanz jenes pluralistischen Streits, den die Parteien arbeitsteilig für die Gesellschaft austragen Kritik am ‚Streiten statt Handeln‘ vs. Kritik an der ‚Austauschbarkeit‘ parteipolitischer Positionen (Selbst-) Überforderung von Parteien Politikillusion vs. Politikverdrossenheit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

86 Begriffe Gemeinde: reichend von einer kleinen ländlichen Gemeinde über eine Stadt und eine kreisfreie Stadt bis zu Großstädten und Stadtstaaten (Berlin, Bremen, Hamburg) Gemeindeverband: Landkreise (von ihnen ausgenommen: kreisfreie Städte, wie das stets auch die Großstädte sind) Kommunalverbände … mit eigenen Selbstverwaltungsaufgaben, etwa: die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe in NRW spezifische Kommunalverbände, etwa der Umlandverband Frankfurt/M oder der Kommunalverband Ruhrgebiet Zweckverbände, etwa für Wasserversorgung oder Abfallwirtschaft TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

87 Grundzüge der deutschen Kommunalverfassungen
GG Art. 28 (1) … In den Ländern, Kreisen und Gemeinden muß das Volk eine Vertretung haben, die aus allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgegangen ist. Bei Wahlen in Kreisen und Gemeinden sind auch Personen, die die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates der Europäischen Gemeinschaft besitzen, nach Maßgabe von Recht der Europäischen Gemeinschaft wahlberechtigt und wählbar. In Gemeinden kann an die Stelle einer gewählten Körperschaft die Gemeindeversammlung treten. (2) Den Gemeinden muß das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. Auch die Gemeindeverbände haben im Rahmen ihres gesetzlichen Aufgabenbereichs nach Maßgabe der Gesetze das Recht der Selbstverwaltung. Die Gewährleistung der Selbstverwaltung umfaßt auch die Grundlagen der finanziellen Eigenverantwortung. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

88 Anzahl und Größen der Gemeinden
Zahl der Ratsmitglieder durch Gebietsreform halbiert Ausgleich: plebiszitäre Elemente Zielkonflikt: Partizipationschancen der Bürger vs. Leistungsfähigkeit der Verwaltung Maßnahmen: Gemeindezusammenlegungen 1967 noch Gemeinden in (West-) Deutschland, nach den Gebietsreformen zwischen 1967 und 1985 noch Gemeinden in (West-)Deutschland, also Reduktion auf ein Drittel im gleichen Zeitraum Reduktion der (west-)deutschen Landkreise von 425 auf 237, der Stadtkreise von 139 auf 91 nach Wiedervereinigung: Ähnliches in den neuen Bundesländern Stand 1997: Gemeinden (davon = 42% in den neuen Bundesländern) 444 Landkreise und kreisfreie Städte Bevölkerungszahlen: unter 500 Einwohner haben Gemeinden, davon = 63% in den neuen Bundesländern in diesen Zwerggemeinden leben 1,5% der Bevölkerung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

89 Typen von Kommunalverfassungen in Deutschland
reichlichst plebiszitäre Elemente! Sind die Deutschen von ihren Kommunalstrukturen begeistert? ‚präsidentielles Regierungssystem‘ überaus machtvolle, oft sehr volksverwurzelte Bürgermeister TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

90 Aufgaben der Gemeinden
unterliegen bei der Aufgabenerfüllung seitens höherer staatlicher Ebenen einer ... Aufgaben der Gemeinden Rechtsaufsicht Fachaufsicht Finanzaufsicht Selbstverwaltungsangelegenheiten (‚Eigener Wirkungskreis‘) nach Art. 28 GG (weisungsfreie) Pflichtaufgaben: Gemeindestraßen, Bebauungspläne, Schulbauten usw. Pflichtaufgaben nach Weisung: Feuerschutz, Landesvermessung, Ordnungsangelegenheiten freiwillige Aufgaben: Theater, Museen, Sportanlagen, Jugendheime, Verkehrsbetriebe, Wirtschaftsförderung usw. ‚Übertragener Wirkungskreis‘: Ausführung von Landes- und Bundesgesetzen als allgemeine untere Verwaltungsinstanz etwa Personenstandswesen, Jugendhilfe, Sozialhilfe, Wohngeld, Seuchen- und Immissionsschutz, Naturschutz, Lebensmittelrecht, Baurecht usw. Kosten für Pflichtaufgaben strangulieren die Gemeinden so, daß die Spielräume für freiwillige Aufgaben immer mehr schrumpfen! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

91 Aufbau einer Stadtverwaltung
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

92 bislang eher Lippenbekenntnis!
Kommunalfinanzen bislang eher Lippenbekenntnis! GG Art. 106 (5) Die Gemeinden erhalten einen Anteil an dem Aufkommen der Einkommensteuer, der von den Ländern an ihre Gemeinden auf der Grundlage der Einkommensteuerleistungen ihrer Einwohner weiterzuleiten ist. Das Nähere bestimmt ein Bundesgesetz. … (6) Das Aufkommen der Realsteuern [v.a. Gewerbesteuer, Grundsteuer] steht den Gemeinden, das Aufkommen der örtlichen Verbrauch- und Aufwandsteuern [Bagatellsteuern wie Getränkesteue, Hundesteuer …] steht den Gemeinden oder nach Maßgabe der Landesgesetzgebung den Gemeindeverbänden zu. Den Gemeinden ist das Recht einzuräumen, die Hebesätze der Realsteuern im Rahmen der Gesetze festzusetzen. … Bund und Länder können durch eine Umlage an dem Aufkommen der Gewerbesteuer beteiligt werden. Das Nähere über die Umlage bestimmt ein Bundesgesetz. … (7) Von dem Länderanteil am Gesamtaufkommen der Gemeinschaftssteuern [Einkommens-, Körperschafts- und Umsatzsteuer] fließt den Gemeinden und Gemeindeverbänden insgesamt ein von der Landesgesetzgebung zu bestimmender Hundertsatz zu. Im übrigen bestimmt die Landesgesetzgebung, ob und inwieweit das Aufkommen der Landessteuern den Gemeinden (Gemeindeverbänden) zufließt. (8) Veranlaßt der Bund in einzelnen Ländern oder Gemeinden (Gemeindeverbänden) besondere Einrichtungen, die diesen Ländern oder Gemeinden (Gemeindeverbänden) unmittelbar Mehrausgaben oder Mindereinnahmen (Sonderbelastungen) verursachen, gewährt der Bund den erforderlichen Ausgleich, wenn und soweit den Ländern oder Gemeinden (Gemeindeverbänden) nicht zugemutet werden kann, die Sonderbelastungen zu tragen [Konnexitätsprinzip]. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

93 > > > Was tun ??  Basis des politischen Systems zerbirst
Kostendeckung durch Gebühren in Städten: 90% bei Abfall, Abwasser, Rettungsdiensten 73% bei Straßenreinigung 29% bei Volkshochschulen 13% bei Theatern 12% bei Kindertagesstätten 7% bei Museen 4% bei Büchereien > Was tun ?? > >  Basis des politischen Systems zerbirst TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

94 kommunale Politikmuster
Parteien sind wichtig, doch – zumal in kleineren Gemeinden – ebenfalls Gruppen ‚Freie Wähler‘ / ‚Freier Bürger‘ plebiszitäre Elemente entfalten vor allem Vorauswirkung, werden unmittelbar aber eher selten genutzt in Baden-Württemberg in über 1000 Kommunen durchschnittlich gerade vier Bürgerentscheide pro Jahr, in Schleswig-Holstein seit 1990 bei über 1000 Gemeinden jährlich rund 11 Bürgerentscheide Überlastung der ehrenamtlichen Ratsmitglieder Folge: veränderte Rekrutierungsmuster. Überrepräsentation der Selbständigen geht zurück (Abkömmlichkeitsproblem!), öffentlich Bedienstete erobern auch die Rathäuser wichtig weiterhin: Landtagsabgeordnete und hauptamtliche Partei- und Gewerkschaftsmitarbeiter Kommunalpolitik unter exekutiver Führerschaft, in der ‚süddeutschen Ratsverfassung‘ unter völliger Dominanz des Bürgermeisters TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

95 Kommunalpolitik ? häufige These: „Kommunalpolitik ist Sachpolitik, nicht Parteipolitik!“ harter Kern der These: Nirgendwo sieht man deutlicher als auf der kommunalen Ebene, ob eine bestimmte Politik ‚funktioniert‘. (‚Abfall muß weg – gleich ob sozial- oder christdemokratisch!‘) aber: seit Ende des Überflusses: Verteilungskonflikte müssen nach Prioritäten entschieden werden hinter kommunalen Prioritätensetzungen liegen politische Präferenzen gesellschaftliches Engagement auf kommunaler Ebene immer öfter auch durch Bürgerinitiativen, die politisierter sind als jene örtlichen Vereine (‚vorpolitischer Raum‘), aus dem sich traditionell das Personal der Kommunalpolitik rekrutiert je größer die Kommune, um so mehr genuine Parteipolitik TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

96 Die Länder der Bundesrepublik Deutschland
Länderstruktur unterscheidet sich sehr von jener der Weimarer Republik, da … Auflösung Preußens samt Abtrennung seiner östlichen und südlichen Provinzen von Deutschland Vier-Mächte-Status Berlins Neuschaffung von Ländern nach den Verwaltungsbedürfnissen der Besatzungsmächte (halbwegs) territoriale Kontinuität als Land: Hansestädte Bremen und Hamburg Freistaaten Bayern und Sachsen (letzterer seit Wiedervereinigung) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

97 verfassungsmäßiges Homogenitätsgebot
GG Art. 28 (1) Die verfassungsmäßige Ordnung in den Ländern muß den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Sinne dieses Grundgesetzes entsprechen. In den Ländern, Kreisen und Gemeinden muß das Volk eine Vertretung haben, die aus allgemeinen, unmittelbaren, freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgegangen ist. … (3) Der Bund gewährleistet, daß die verfassungsmäßige Ordnung der Länder den Grundrechten und den Bestimmungen der Absätze 1 und 2 entspricht. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

98 Regierungssysteme der Länder
konsumierte oder schwindende Kompetenzen der Landesparlamente ! überall direkt gewählte Parlamente, teils auf vier Jahre, teils auf fünf Jahre überall – spätestens seit den Jahren nach der Wiedervereinigung – ‚plebiszitäre Elemente‘ in Gestalt von Volksgesetzgebung überall parlamentarische Regierungssysteme, mit einigen Modifikationen: Regierungsbildung durch Wahl des Ministerpräsidenten durch Parlament (und durch Auswahl der Minister durch den MP) in Brandenburg, Me-Vo, NRW, Sachsen, Sa-Anh, S-H Bremen und Hamburg: Parlament wählt alle Regierungsmitgliederer (‚Senatoren‘); diese wählen aus ihren Reihen den Bürgermeister Berlin: Parlament wählt alle Regierungsmitglieder, die letzteren auf Vorschlag des zuerst gewählten Regierenden Bürgermeisters übrige Länder: nach Wahl des Ministerpräsidenten nochmals Bestätigung des Kabinetts durch das Parlament erforderlich konstruktives Mißtrauensvotum in B-W, Brandenburg, Me-Vo, NS, SRW, Sa, Sa-Anh, S-H; in Hamburg auch konstruktives Mißtrauensvotum gegen einzelne Senatoren möglich; sonst: Regierungssturz durch einfaches Mißtrauensvotum möglich Richtlinienkompetenz: in Flächenstaaten bei Ministerpräsident, in den Stadtstaaten bei Bürgermeister und Senat (Berlin), bei Senat (Hamburg) oder bei Parlament (Bremen) Staatsoberhauptsfunktionen: in Hansestädten bei Senat insgesamt, in den übrigen Ländern bei Regierungschef, teils unter Einbeziehung der Landesregierung überall Verfassungsgerichte TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt in Hansestädten: ‚Inkompatibilität‘ mit ‚ruhendem Mandat‘

99 Grundregeln des Bund/Länder-Verhältnisses
Art. 30 Die Ausübung der staatlichen Befugnisse und die Erfüllung der staatlichen Aufgaben ist Sache der Länder, soweit dieses Grundgesetz keine andere Regelung trifft oder zuläßt. Art. 31 Bundesrecht bricht Landesrecht. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

100 Abgrenzung der Gesetzgebungs-kompetenzen: normale Gesetze
Art. 70 (1) Die Länder haben das Recht der Gesetzgebung, soweit dieses Grundgesetz nicht dem Bunde Gesetzgebungsbefugnisse verleiht. (2) Die Abgrenzung der Zuständigkeit zwischen Bund und Ländern bemißt sich nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes über die ausschließliche und die konkurrierende Gesetzgebung. Art. 75 (1) Der Bund hat das Recht, unter den Voraussetzungen des Artikels 72 [konkurrierende Gesetzgebung] Rahmenvorschriften für die Gesetzgebung der Länder zu erlassen [Rahmengesetzgebung] (2) Rahmenvorschriften dürfen nur in Ausnahmefällen in Einzelheiten gehende oder unmittelbar geltende Regelungen enthalten. (3) Erläßt der Bund Rahmenvorschriften, so sind die Länder verpflichtet, innerhalb einer durch das Gesetz bestimmten angemessenen Frist die erforderlichen Landesgesetze zu erlassen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

101 ausschließliche Gesetzgebung des Bundes
Art. 71 Im Bereiche der ausschließlichen Gesetzgebung des Bundes haben die Länder die Befugnis zur Gesetzgebung nur, wenn und soweit sie hierzu in einem Bundesgesetze ausdrücklich ermächtigt werden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

102 ausschließliche Gesetzgebung des Bundes: Katalog laut Art. 73
Auswärtiges, Verteidigung und Zivilschutz Staatsangehörigkeit, Freizügigkeit, Paßwesen, Ein- und Auswanderung, Auslieferung Währung, Maße und Gewichte, Zeitbestimmung Handel und Verkehr, Telekommunikation gewerblicher Rechtsschutz, Urheberrecht, Verlagsrecht Zusammenarbeit von Bund und Ländern im Bereich von Kriminalpolizei, Schutz der fdGO Statistik für Bundeszwecke TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

103 Außenpolitik und das Bund/Länder-Verhältnis
Art. 32 (1) Die Pflege der Beziehungen zu auswärtigen Staaten ist Sache des Bundes. (2) Vor dem Abschlusse eines Vertrages, der die besonderen Verhältnisse eines Landes berührt, ist das Land rechtzeitig zu hören. (3) Soweit die Länder für die Gesetzgebung zuständig sind, können sie mit Zustimmung der Bundesregierung mit auswärtigen Staaten Verträge abschließen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

104 Bund, Länder und EU Art. 23 [Europäische Union]
(2) In den Angelegenheiten der Europäischen Union wirken der Bundestag und durch den Bundesrat die Länder mit. Die Bundesregierung hat den Bundestag und den Bundesrat umfassend und zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu unterrichten. (4) Der Bundesrat ist an der Willensbildung des Bundes zu beteiligen, soweit er an einer entsprechenden innerstaatlichen Maßnahme mitzuwirken hätte oder soweit die Länder innerstaatlich zuständig wären. (5) Soweit in einem Bereich ausschließlicher Zuständigkeiten des Bundes Interessen der Länder berührt sind … berücksichtigt die Bundesregierung die Stellungnahme des Bundesrates. Wenn im Schwerpunkt Gesetzgebungsbefugnisse der Länder, die Einrichtung ihrer Behörden oder ihre Verwaltungsverfahren betroffen sind, ist bei der Willensbildung des Bundes insoweit die Auffassung des Bundesrates maßgeblich; dabei ist die gesamtstaatliche Verantwortung des Bundes zu wahren. (6) Wenn im Schwerpunkt ausschließliche Gesetzgebungsbefugnisse der Länder betroffen sind, soll die Wahrnehmung der Rechten, die der Bundesrepublik Deutschland als Mitgliedstaat der Europäischen Union zustehen, vom Bund auf einen vom Bundesrat benannten Vertreter der Länder übertragen werden. Die Wahrnehmung der Rechte erfolgt unter Beteiligung und in Abstimmung mit der Bundesregierung; dabei ist die gesamtstaatliche Verantwortung des Bundes zu wahren. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

105 konkurrierende Gesetzgebung von Bund und Ländern
Art. 72 (1) Im Bereich der konkurrierenden Gesetzgebung haben die Länder die Befugnis zur Gesetzgebung, solange und soweit der Bund von seiner Gesetzgebungszuständigkeit nicht durch Gesetz Gebrauch gemacht hat. (2) Der Bund hat in diesem Bereich das Gesetzgebungsrecht, wenn und soweit die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse im Bundesgebiet oder die Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit im gesamtstaatlichen Interesse eine bundesgesetzliche Regelung erforderlich macht. (3) Durch Bundesgesetz kann bestimmt werden, daß eine bundesgesetzliche Regelung, für die eine Erforderlichkeit im Sinne des Absatzes 2 nicht mehr besteht, durch Landesrecht ersetzt werden kann. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

106 konkurrierende Gesetzgebung von Bund und Ländern: Katalog laut Art. 74
... ist die Masse der innenpolitisch interessanten und wichtigen Gesetzgebung ! konkurrierende Gesetzgebung von Bund und Ländern: Katalog laut Art. 74 Bürgerliches Recht und Strafrecht, Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht Grundstücksverkehr und Bodenrecht Vereins- und Versammlungsrecht Waffenrecht Verhinderung des Mißbrauchs wirtschaftlicher Machtstellung Enteignungs- und Vergesellschaftungsrecht; Formen der Gemeinwirtschaft Förderung von Land- und Forstwirtschaft und Fischerei Verkehrswesen Gesundheitswesen öffentliche Fürsorge Verbraucherschutz Kernergiewesen Abfallbeseitigung und Umweltschutz Ausbildungsbeihilfen, Forschungsförderung Künstliche Befruchtung, Genforschung, Transplantation Je mehr Gesetze der Bund hier erließ, um so mehr Gesetze – und deren Novellierungen – wurden im Bundesrat zustimmungsbedürftig! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

107 Rahmengesetzgebung des Bundes
Katalog laut Art. 75,1 allgemeine Grundsätze des Hochschulwesens allgemeine Rechtsverhältnisse der Presse Jagdwesen, Naturschutz, Landschaftspflege Bodenverteilung, Raumordnung, Wasserhaushalt Melde- und Ausweiswesen Schutz deutschen Kulturgutes gegen Abwanderung ins Ausland. dabei gilt Art. 72, 3: Durch Bundesgesetz kann bestimmt werden, daß eine bundesgesetzliche Regelung, für die eine Erforderlichkeit … nicht mehr besteht, durch Landesrecht ersetzt werden kann. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

108 Ausdünnung der Landeskompetenzen
Machtzugewinn des Bundesrates = mehr Macht der Ministerpräsidenten und ihrer Koalitionspartner Ausdünnung der Landeskompetenzen erzeugt durch: konkurrierende Gesetzgebung des Bundes, Rahmengesetzgebung des Bundes, Gemeinschaftsaufgaben, enge Bund/Länder-Kooperation verbliebene Landeskompetenzen: Kultur- und Wissenschaftspolitik: Schulen und Hochschulen Theater, Museen, Film usw. Gesetzgebung über Presse, Funk, Fernsehen Verwaltungsgliederung Kommunalwesen gesamtes Polizeirecht große Teile des Wasser-, Forst- und Wegerechts, Teile des Baurechts, Bestimmung von Feiertagen Prärogative der Landesregierungen Aushöhlung der legislativen Parlamentsfunktionen Akzentsetzung auf parlamentarischer Verwaltungskontrolle ‚Exekutiv-Föderalismus‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

109 Ausführung der Bundesgesetze
Art. 83 Die Länder führen die Bundesgesetze als eigene Angelegenheit aus, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt oder zuläßt. Art. 37 (1) Wenn ein Land die ihm nach dem Grundgesetze oder einem anderen Bundesgesetze obliegenden Bundespflichten nicht erfüllt, kann die Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates die notwendigen Maßnahmen treffen, um das Land im Wege des Bundeszwanges zur Erfüllung seiner Pflichten anzuhalten. (2) Zur Durchführung des Bundeszwanges hat die Bundesregierung oder ihr Beauftragter ein Weisungsrecht gegenüber allen Ländern und ihren Behörden. über 60% der Bundesgesetze bedürfen – aufgrund entsprechender Bestimmungen des Grundgesetzes – der Zustimmung des Bundesrates, d.h. der Landesregierungen, welche diese Gesetze dann ausführen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

110 Ausführung von Bundesgesetzen durch die Länder
Art. 84 (1) Führen die Länder die Bundesgesetze als eigene Angelegenheit aus, so regeln sie die Einrichtung der Behörden und das Verwaltungsverfahren, soweit nicht Bundesgesetze mit Zustimmung des Bundesrates etwas anderes bestimmen. (2) Die Bundesregierung kann mit Zustimmung des Bundesrates allgemeine Verwaltungsvorschriften erlassen. (3) Die Bundesregierung übt die Aufsicht darüber aus, daß die Länder die Bundesgesetze dem geltenden Rechte gemäß ausführen. Die Bundesregierung kann zu diesem Zwecke Beauftragte zu den obersten Landesbehörden entsenden, mit deren Zustimmung und, falls diese Zustimmung versagt wird, mit Zustimmung des Bundesrates auch zu den nachgeordneten Behörden. (4) Werden Mängel, die die Bundesregierung bei der Ausführung der Bundesgesetze in den Ländern festgestellt hat, nicht beseitigt, so beschließt auf Antrag der Bundesregierung oder des Landes der Bundesrat, ob das Land das Recht verletzt hat. Gegen den Beschluß des Bundesrates kann das Bundesverfassungsgericht angerufen werden. (5) Der Bundesregierung kann durch Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, zur Ausführung von Bundesgesetzen die Befugnis verliehen werden, für besondere Fälle Einzelweisungen zu erteilen. Sie sind, außer wenn die Bundesregierung den Fall für dringlich erachtet, an die obersten Landesbehörden zu richten. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

111 Ausführung von Bundesgesetzen durch den Bund selbst
GG, Art. 86 Führt der Bund die Gesetze durch bundeseigene Verwaltung oder durch bundesunmittelbare Körperschaften oder Anstalten des öffentlichen Rechts aus, so erläßt die Bundesregierung, soweit nicht das Gesetz Besonderes vorschreibt, die allgemeinen Verwaltungsvorschriften. Sie regelt, soweit das Gesetz nichts anderes bestimmt, die Einrichtung der Behörde. Gegenstände bundeseigener Verwaltung (Katalog laut GG, Art ) Auswärtiger Dienst Bundeswehr und Bundeswehrverwaltung Bundesgrenzschutz, Bundesnachrichtendienst, Bundesverfassungsschutz, Bundeskriminalamt Bundesfinanzverwaltung Bundesbank Verwaltung der Bundeswasserstraßen und der Schiffahrt, Luftverkehrsverwaltung, Verwaltung der Eisenbahnen des Bundes, Verwaltung von Bundesautobahnen und Bundesstraßen Verwaltung des Postwesens und der Telekommunikation TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

112 wechselseitige Hilfe von Bund und Ländern
Art. 35 (1) Alle Behörden des Bundes und der Länder leisten sich gegenseitig Rechts- und Amtshilfe. (2) Zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung kann ein Land in Fällen von besonderer Bedeutung Kräfte und Einrichtungen des Bundesgrenzschutzes zur Unterstützung seiner Polizei anfordern, … Zur Hilfe bei einer Naturkatastrophe oder bei einem besonders schweren Unglücksfall kann ein Land Polizeikräfte anderer Länder, Kräfte und Einrichtungen anderer Verwaltungen sowie des Bundesgrenzschutzes und der Streitkräfte anfordern. (3) Gefährdet eine Naturkatastrophe oder der Unglücksfall das Gebiet mehr als eines Landes, so kann die Bundesregierung, soweit es zur wirksamen Bekämpfung erforderlich ist, den Landesregierungen die Weisung erteilen, Polizeikräfte anderen Ländern zur Verfügung zu stellen, sowie Einheiten des Bundesgrenzschutzes und der Streitkräfte zur Unterstützung der Polizeikräfte einsetzen. Maßnahmen der Bundesregierung nach Satz 1 sind jederzeit auf Verlangen des Bundesrates, im übrigen unverzüglich nach Beseitigung der Gefahr aufzuheben. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

113 Gemeinschaftsaufgaben
Art. 91a (1) Der Bund wirkt auf folgenden Gebieten bei der Erfüllung von Aufgaben der Länder mit, wenn diese Aufgaben für die Gesamtheit bedeutsam sind und die Mitwirkung des Bundes zur Verbesserung der Lebensverhältnisse erforderlich ist (Gemeinschaftsaufgaben): 1. Ausbau und Neubau von Hochschulen einschließlich der Hochschulkliniken, 2. Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur, 3. Verbesserung der Agrarstruktur und des Küstenschutzes. (2) Durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates werden die Gemeinschaftsaufgaben näher bestimmt. Das Gesetz soll allgemeine Grundsätze für ihre Erfüllung enthalten. (3) Das Gesetz trifft Bestimmungen über das Verfahren und über Einrichtungen für eine gemeinsame Rahmenplanung. Die Aufnahme eines Vorhabens in die Rahmenplanung bedarf der Zustimmung des Landes, in dessen Gebiet es durchgeführt wird. (4) Der Bund trägt in den Fällen des Absatzes 1 Nr.1 und 2 die Hälfte der Ausgaben in jedem Land. In den Fällen des Absatzes 1 Nr.3 trägt der Bund mindestens die Hälfte; die Beteiligung ist für alle Länder einheitlich festzusetzen. Das Nähere regelt das Gesetz. Die Bereitstellung der Mittel bleibt der Feststellung in den Haushaltsplänen des Bundes und der Länder vorbehalten. (5) Bundesregierung und Bundesrat sind auf Verlangen über die Durchführung der Gemeinschaftsaufgaben zu unterrichten. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

114 Abgrenzung der Gesetzgebungs-kompetenzen: Steuergesetze
Art. 105 (1) Der Bund hat die ausschließliche Gesetzgebung über die Zölle und Finanzmonopole. (2) Der Bund hat die konkurrierende Gesetzgebung über die übrigen Steuern, wenn ihm das Aufkommen dieser Steuern ganz oder zum Teil zusteht oder die Voraussetzungen des Artikels 72 Abs. 2 vorliegen [Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse, Wahrung der Rechts- oder Wirtschaftseinheit]. (2a) Die Länder haben die Befugnis zur Gesetzgebung über die örtlichen Verbrauch- und Aufwandsteuern, solange und soweit sie nicht bundesgesetzlich geregelten Steuern gleichartig sind. (3) Bundesgesetze über Steuern, deren Aufkommen den Ländern oder den Gemeinden (Gemeindeverbänden) ganz oder zum Teil zufließt, bedürfen der Zustimmung des Bundesrates. Macht des Bundesrates ‚Bagatellsteuern‘ d.h.: keine nennenswerte Einnahmenautonomie der Länder ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

115 Verteilung des Steueraufkommens laut Art. 106
Bund: Zölle Verbrauchssteuern, sofern sie nicht den Ländern zustehen Straßengüterverkehrssteuer, Kapitalverkehrssteuern, Versicherungssteuer, Wechselsteuer einmalige Vermögensabgaben sowie Ergänzungsabgaben zur Einkommens- und Körperschaftssteuer Abgaben im Rahmen der Europäischen Gemeinschaften Länder: Vermögenssteuer Erbschaftssteuer Kraftfahrzeugssteuer Verkehrssteuern, sofern sie nicht dem Bund und den Ländern gemeinsam zustehen Biersteuer Abgaben von Spielbanken Bund und Länder gemeinsam, wobei Anteile den Gemeinden zugewiesen werden: Einkommenssteuer: hälftig Körperschaftssteuer: hälftig Umsatzsteuer: durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates festgesetzt TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

116 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

117 ein Durcheinander, in dem alles mit allem zusammenhängt !
Versickern der Verantwortung für die Pflege und Sicherung der durch Steuern und Abgaben belastbaren ökonomischen Basis ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

118 Grundsätze der Finanzaufteilung zwischen Bund und Ländern
Art. 106, Abs. 3 1. Im Rahmen der laufenden Einnahmen haben der Bund und die Länder gleichermaßen Anspruch auf Deckung ihrer notwendigen Ausgaben. Dabei ist der Umfang der Ausgaben unter Berücksichtigung einer mehrjährigen Finanzplanung zu ermitteln. 2. Die Deckungsbedürfnisse des Bundes und der Länder sind so aufeinander abzustimmen, daß ein billiger Ausgleich erzielt, eine Überbelastung der Steuerpflichtigen vermieden und die Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse im Bundesgebiet gewahrt wird. Art. 107 (1) Das Aufkommen der Landessteuern und der Länderanteil am Aufkommen der Einkommenssteuer und der Körperschaftssteuer stehen den einzelnen Ländern insoweit zu, als die Steuern von den Finanzbehörden in ihrem Gebiet vereinnahmt werden. … (2) Durch Gesetz ist sicherzustellen, daß die unterschiedliche Finanzkraft der Länder angemessen ausgeglichen wird; hierbei sind die Finanzkraft und der Finanzbedarf der Gemeinden (Gemeindeverbände) zu berücksichtigen. … Es [das Gesetz] kann auch bestimmen, daß der Bund aus seinen Mitteln leistungsschwachen Ländern Zuweisungen zur ergänzenden Deckung ihres allgemeinen Finanzbedarfs (Ergänzungszuweisungen) gewährt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

119 Finanzausgleich horizontaler Finanzausgleich
Leitgedanke: ‚reiche Länder‘ helfen den ‚armen Ländern‘ ‚reich‘ sind: Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, auch – mitunter – Hamburg und Schleswig-Holstein ‚arm‘ sind: (fast) alle übrigen Länder, vor allem die neuen Bundesländer Folgen: ‚reichen‘ Ländern bleibt wenig Nutzen von ihrer für gutes Steueraufkommen sorgenden Wirtschaftspolitik ‚arme‘ Länder haben wenig Anreiz, sich in eine ‚Nettozahler-Position‘ zu bringen vertikaler Finanzausgleich Bund zahlt finanzschwachen Ländern allgemeine ‚Ergänzungszuweisungen‘ Systemfehler ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

120 Grundsätze von Finanzverwaltung und Haushaltswirtschaft in Bund und Ländern
Art. 108 (1) Zölle, Finanzmonopole, die bundesgesetzlich geregelten Verbrauchssteuern einschließlich der Einfuhrumsatzsteuer und die Abgaben im Rahmen der Europäischen Gemeinschaften werden durch Bundesfinanzbehörden verwaltet. … (2) Die übrigen Steuern werden durch Landesfinanzbehörden verwaltet. Der Aufbau dieser Behörden und die einheitliche Ausbildung der Beamten können durch Bundesgesetz mit Zustimmung des Bundesrates geregelt werden. Die Leiter der Mittelbehörden sind im Einvernehmen mit der Bundesregieren zu bestellen. Art. 109 (1) Bund und Länder sind in ihrer Haushaltswirtschaft selbständig und voneinander unabhängig. (2) Bund und Länder haben bei ihrer Haushaltswirtschaft den Erfordernissen des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts Rechnung zu tragen. (3) Durch Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, können für Bund und Länder gemeinsam geltende Grundsätze für das Haushaltsrecht, für eine konjunkturgerechte Haushaltswirtschaft und für eine mehrjährige Finanzplanung aufgestellt werden. … TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

121 Kostenteilung bei der Erfüllung der Staatsaufgaben
weitere ‚Hospitalisierung‘ . der Länder ! Dennoch: : Kostenteilung bei der Erfüllung der Staatsaufgaben Art. 104a (1) Der Bund und die Länder tragen gesondert die Ausgaben, die sich aus der Wahrnehmung ihrer Aufgaben ergeben, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt. (2) Handeln die Länder im Auftrage des Bundes, trägt der Bund die sich daraus ergebenden Ausgaben. ... (4) Der Bund kann den Ländern Finanzhilfen für besonders bedeutsame Investitionen der Länder und Gemeinden (Gemeindeverbände) gewähren, die zur Abwehr einer Störung des gesamtwirtschaftlichen Gleichgewichts oder zum Ausgleich unterschiedlicher Wirtschaftskraft im Bundesgebiet oder zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums erforderlich sind. Das Nähere, insbesondere die Arten der zu fördernden Investitionen, wird durch Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, oder auf Grund des Bundeshaushaltsgesetzes durch Verwaltungsvereinbarung geregelt. (5) Der Bund und die Länder tragen die bei ihren Behörden entstehenden Verwaltungsausgaben und haften im Verhältnis zueinander für eine ordnungsgemäße Verwaltung. Das Nähere bestimmt ein Bundesgesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf. Personal = in Deutschland vor allem Ländersache Anteil der ‚oberstaatlichen‘ Ausgaben an den gesamten Staatsausgaben: Deutschland 48%, USA 55%, Frankreich 79%, Großbritannien 84% TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

122 Unterschiedliche Leistungskraft der Bundesländer
faktisch sind … größere Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen wirtschaftlich leistungsfähiger als viele andere europäischen Staaten kleinere Bundesländer hingegen von den Aufgaben eigener Staatlichkeit wirtschaftlich überfordert Aushilfe: vertikaler und horizontaler Finanzausgleich wichtigste ‚Gefälle‘: von Süd nach Nord: entwickelt seit 1950er Jahren durch Aufschwung im Süden von West nach Ost: entwickelt seit 1950er Jahren durch das schlechte Wirtschaftssystem der DDR Dauerdiskussion: Neugliederung des Bundesgebietes TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

123 Länder und Bund: Neugliederung des Bundesgebietes
Art. 29 (1) Das Bundesgebiet kann neu gegliedert werden, um zu gewährleisten, daß die Länder nach Größe und Leistungsfähigkeit die ihnen obliegenden Aufgaben wirksam erfüllen können. Dabei sind die landsmannschaftliche Verbundenheit, die geschichtlichen und kulturellen Zusammenhänge, die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit sowie die Erfordernisse der Raumordnung und der Landesplanung zu berücksichtigen. Maßnahmen zur Neugliederung des Bundesgebietes ergehen durch Bundesgesetz, das der Bestätigung durch Volksentscheid bedarf. (2) Die betroffenen Länder sind zu hören. (3) Der Volksentscheid findet in den Ländern statt, aus deren Gebieten oder Gebietsteilen ein neues oder neu umgrenztes Land gebildet werden soll. einzig erfolgreicher Fall bislang: Schaffung Baden-Württembergs aus zwei völlig mißlungen geschaffenen Ländern der französischen Besatzungszone TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

124 ‚funktionaler Föderalismus‘
jetzt: ‚Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse‘ ‘ Politikverflechtung ‚funktionaler Föderalismus‘ gehört zum Föderalismus, zumal wenn er, wie in Deutschland, als ‚Mischföderalismus‘ entfaltet ist (konkurrierende Gesetzgebung, Finanzverbund, Gemeinschaftsaufgaben) und nicht, wie in den USA, als ‚Trennföderalismus‘, in dem Gliedstaaten und Oberstaat getrennte Aufgaben und getrennte Finanzmittel haben in Deutschland verschärft durch … die – frühere – Formulierung des Art. 72, 2 (‚konkurrierende Gesetzgebung‘), wonach der Bund Gesetzgebungsrecht überall dort besitzt, wo es um die ‚Einheitlichkeit der Lebensverhältnisse‘ im Bundesgebiet geht den gewaltigen Finanzreichtum des Bundes der späten 1960er und mittleren 1970er Jahre, an dem teilzuhaben die Länder lockte neuer Trend: Rückbau der Bundeszuständigkeiten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

125 Formen föderaler Politikverflechtung in Deutschland
Resultat: Politikblockaden, Reformunfähigkeit Über den Bundesrat und die Berliner Landesvertretungen wirken die Landesregierungen an der Gesetzgebung und Verwaltung des Bundes mit, ferner an Finanzhilfeprogramme und Haushaltskoordinierungen. Konferenzen der Regierungschefs (seit 1969) und regelmäßige Fachministerkonferenzen. Obwohl staatsrechtlich rein informelle Zusammenkünfte mit einstimmigen Absprachen ohne Rechtsverbindlichkeit, wirken die Beschlüsse faktisch für alle Länder bindend, etwa jene der Kultusministerkonferenz zu den Schulsystemen. zahlreiche Bund/Länder-Ausschüsse unterhalb der Ministerebene für nachgerade alle Politikfelder der konkurrierenden und Rahmengesetzgebung. gemeinsame Planungsräte von Bund und Ländern, etwa Wissenschaftsrat. Verschiebung von einem ‚Föderalismus der getrennten Verantwortung‘ zu … ‚kooperativem Föderalismus‘ ‚unitarischem Bundesstaat‘ entzieht dem System die meisten Vorteile von Föderalismus TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

126 Der Bundesrat I Ministerpräsidenten, Bevollmächtige der Länder beim Bund, Landesminister Art. 50 Durch den Bundesrat wirken die Länder bei der Gesetzgebung und Verwaltung des Bundes und in Angelegenheiten der Europäischen Union mit. Art. 51 (1) Der Bundesrat besteht aus den Mitgliedern der Regierungen der Länder, die sie bestellen und abberufen. Sie können durch andere Mitglieder ihrer Regierungen vertreten werden. (2) Jedes Land hat mindestens drei Stimmen, Länder mit mehr als zwei Millionen Einwohnern haben vier, Länder mit mehr als sechs Millionen Einwohnern fünf, Länder mit mehr als sieben Millionen Einwohnern sechs Stimmen. (3) Jedes Land kann so viele Mitglieder entsenden, wie es Stimmen hat. Die Stimmen eines Landes können nur einheitlich und nur durch anwesende Mitglieder oder deren Vertreter abgegeben werden. = sein Plenum TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

127 systematisch wenig zufriedenstellender ‚Kompromiß‘ zwischen …
Demokratieprinzip: Proportionalität zur Bevölkerungszahl Gleichheitsprinzip der Länder: jedes Land hat gleich viele Stimmen vgl. Stimmengewichte im Minsiterrat der EU! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

128 Der Bundesrat II Arbeitsweise des Bundesrates Art. 52 (1) Der Bundesrat wählt seinen Präsidenten auf ein Jahr. (2) Der Präsident beruft den Bundesrat ein. Er hat ihn einzuberufen, wenn die Vertreter von mindestens zwei Ländern oder die Bundesregierung es verlangen. (3) Der Bundesrat faßt seine Beschlüsse mit mindestens der Mehrheit seiner Stimmen. Er gibt sich eine Geschäftsordnung. Er verhandelt öffentlich. Die Öffentlichkeit kann ausgeschlossen werden. (3a) Für die Angelegenheiten der Europäischen Union kann der Bundesrat eine Europakammer bilden, deren Beschlüsse als Beschlüsse des Bundesrates gelten; Art. 51 Abs. 2 und 3 Satz 2 gilt entsprechend. (4) Den Ausschüssen des Bundesrates können andere Mitglieder oder Beauftragte der Regierungen der Länder angehören. d.h.: stets ist die absolute Mehrheit erforderlich ! ‚Enthaltung‘ wirkt immer als ‚Nein‘ ! hohe Beamte – wie im Weimarer Reichsrat TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

129 Der Bundesratspräsident
Amt wechselt – bei darum rein formalen Wahlen – jährlich in einem vorbestimmten Rhythmus (‚Königsteiner Abkommen‘ von 1950): vom kleinsten zum größten Land; dann wieder von vorne Amtsinhaber vertritt den Bundespräsidenten Präsident führt Amt – von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen – unparteiisch TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

130 Arbeitsweise Art. 53 GG Die Mitglieder der Bundesregierung haben das Recht und auf Verlangen die Pflicht, an den Verhandlungen des Bundesrates und seiner Ausschüsse teilzunehmen. Sie müssen jederzeit gehört werden. Der Bundesrat ist von der Bundesregierung über die Führung der Geschäfte auf dem laufenden zu halten. gewaltiger Zeitdruck: nur etwa 11 Plenarsitzungen pro Jahr alle drei Wochen am Freitag; langfristig terminiert gewaltiger Koordinierungsbedarf: 16 Länder auf den unterschiedlichsten Politikfeldern Überlastung der Mitglieder: als Regierungsmitglieder der Länder können sie ihr Amt im Bundesrat nur ‚strategisch‘, nicht ‚operativ‘ ausüben Bewältigung dieser Probleme: zentrale Willensbildung und Entscheidungsfindung in den Sitzungen der 16 Ausschüsse des Bundesrates auf Beamtenebene (unter Leitung jeweils eines Landesministers) dort hat jedes Land nur eine einzige Stimme! Steuerungsrolle der Bevollmächtigten der Länder beim Bund politische Absprachen in den Reihen der SPD-regierten ‚A-Länder‘ und der unionsregierten ‚B-Länder‘ bei politisch sich zuspitzenden Themen: Interaktion der Staatskanzleien bzw. der Ministerpräsidenten in der Regel: Verbindlichkeit der in den Ausschüssen getroffenen Absprachen im Ausnahmefall: Abstimmungsverhalten wird in letzter Minute festgelegt – ggf. unter Einbeziehung des Bundeskanzlers oder von Parteivorsitzenden in die Gespräche der Ministerpräsidenten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

131 Kompetenzen des Bundesrates
‚Synthese‘ aus kaiserlichem Bundesrat und republikanischem Reichsrat Mitwirkung bei Gesetzgebung, Verordnungstätigkeit und Verwaltung des Bundes Gesetzesinitiative absolutes Vetorechtorecht bei an die 60% der Gesetze (‚zustimmungsbedürftige Gesetze‘) suspensives Veto bei allen anderen Gesetzen, ggf. durch die Regierungsmehrheit im Bundestag nur schwer zu überwinden Veto durch absolute Mehrheit im Bundesrat: überwunden durch absolute Mehrheit im Bundestag Veto durch Zweidrittel-Mehrheit im Bundesrat: überwunden durch Zweidrittel Mehrheit im Bundestag dem Bundestag gleicher Einfluß auf die Gesetzesinhalte, und somit auf politische Grundentscheidungen, im Vermittlungsausschuß wählt die Hälfte der Bundesverfassungsrichter ‚Gesamtverantwortung‘ für die Gesetze, ‚allgemeine politische Zuständigkeit‘ gestaltet die ‚politische Landschaft‘, welche die Regierungsmehrheit durchqueren muß TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

132 Gesetzesinitiative (1949-2000)
3,6% 75,7% 18,4% Anteile an den tatsächlich verabschiedeten Gesetzen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

133 zustimmungsbedürftige Gesetze
absolutes Veto Rest: ‚Einspruchsgesetze‘; suspensives Veto laut GG nach Enumerationsprinzip Verfassungsänderungen alle, die das Bund/Länder-Verhältnis berühren, nämlich Bundesgesetze, … die durch die Länder auszuführen sind und Regelungen zur Behördenorganisation, zum öffentlichen Dienst oder zum Verwaltungsverfahren enthalten (Art. 74a, 80-85, 104a, 108, 120a GG) die Steuern mit Länderanteilen, den Finanzausgleich, die Finanzverwaltung, im übrigen die Finanzen der Länder betreffen (Art , 134, 135 GG) oder die für Bund und Länder gemeinsamen Haushaltsgrundsätze (Art. 109 GG) zu den Gemeinschaftsaufgaben (Art. 91 GG) welche die Ausübung von Bundesgerichtsbarkeit durch die Gerichte der Länder regeln (Art. 96 GG) die Gebietsstände verändern (Art. 27,7 GG), Hoheitsrechte übertragen oder die Ländermitwirkung an der EU betreffen (Art. 23 GG) die Regelungen für den Verteidigungsfall oder den Gesetzgebungsnotstand vorsehen (Art. 115 und 81 GG) ferner: Ausübung des Bundeszwanges; Liste der ‚verfolgungsfreien‘ Staaten im Sinne des Asylartikels (16a GG) auch Novellierungen von zustimmungsbedürftigen Gesetzen gelten als zustimmungsbedürftig, selbst wenn die novellierte Norm selbst nicht zustimmungsbedürftig wäre !  Streit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

134 Dauerstreit um die Zustimmungsbedürftigkeit
Reaktion der Regierungsmehrheit: Aufspaltung von Gesetzgebungs-vorhaben in zwei ‚Pakete‘: - zustimmungsbedürftig - nicht zustimmungsbedürftig Folge: inkonsistente Rechtslagen ergibt sich … einesteils aus der Natur der Sache: nicht restlos klare Abgrenzungen andernteils aus der Nutzung des Bundesrates als ‚zweite Opposition‘ durch das Wahlvolk: bei ‚oppositioneller Mehrheit‘ im Bundesrat ist es schon wichtig, ob diese Institution im konkreten Gesetzgebungsfall ein absolutes oder nur ein suspensives Vetorecht hat! faktisch seit 1949 rund 10% aller Gesetze hinsichtlich ihrer Zustimmungsbedürftigkeit umstritten Was dann tun? Entscheidungskette: Bundestag: beschließt ggf. Gesetz wie ein nicht zustimmungsbedürftiges Bundespräsident: unterzeichnet ggf. Gesetz auch ohne Zustimmung des Bundesrates Bundesverfassungsgericht (nach Klage des Bundesrates): entscheidet ‚verfestigter Schwebezustand‘ seit Verfassungsgerichtsurteil von 1974: Bundesrat kann Zustimmung zu einem Gesetz auch dann verweigern, wenn „er nur mit der materiellen Regelung nicht einverstanden ist“ ein Änderungsgesetz, das Durchführungsregeln unberührt läßt, die das ursprüngliche Gesetz eines zustimmungsbedürftig machten, ist seinerseits schon dann zustimmungsbedürftig, „wenn durch die Änderung materiell-rechtlicher Normen die nicht ausdrücklich geänderten Vorschriften über das Verwaltungsverfahren bei sinnorientierter Auslegung ihrerseits eine wesentlich andere Bedeutung und Tragweite erfahren“ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

135 Der Vermittlungsausschuß
pro Land ein weisungsfreier (!) Vertreter, also 16 (oft: Ministerpräsidenten selbst) ebenso viele Bundestagsabgeordnete, zu Beginn der Wahlperiode proportional zu Fraktionsstärken gewählt jedes Mitglied hat nur einen Stellvertreter Vertreter der Bundesregierung können – und müssen das auf Verlangen des Vermittlungsausschusses – an dessen Sitzungen teilnehmen Vorsitz im vierteljährlichen Wechsel bei einem Bundestags- bzw. Bundesratsmitglied Möglichkeit, mehrere Gesetze in zeitlichem Zusammenhang zu beraten und dergestalt ‚Geschäfte auf Gegenseitigkeit‘ zu ermöglichen am Schluß des Verfahrens: Einigungsvorschlag ‚unechter‘ Einigungsvorschlag dann, wenn die Mehrheit des Vermittlungsausschusses von der Bundestagsopposition gestellt wird und der von ihr beschlossene ‚Einigungsvorschlag‘ keine Chance hat, im Bundestag eine Mehrheit zu finden. scheiterten von 493 Gesetzesvorlagen, derentwegen der Vermittlungsausschuß angerufen wurde, nur 54 (ca. 11%); zwischen 1990 und 1998 von 43 hingegen 19 (ca. 44%) ! (‚Zeit des Kohl‘schen Stillstands‘) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

136 Der Bundesrat – ein Parlament?
föderaler Parlamentarismus: eine von mehreren Formen von Parlamentarismus! ‚imperatives Mandat‘ der Bundesratsmitglieder? Kann man sich selbst ein ‚imperatives Mandat‘ geben? Abstimmungsverhalten wird im Landeskabinett von genau denen festgelegt, die im Bundesrat dann als Stimmführer auftreten! Zwang zur einheitlichen Stimmabgabe – eine Form des imperativen Mandats? ‚Imperativität‘ des Stimmführers oder Kalkül der Koalitionsdisziplin? parlamentarische Funktionen: Gesetzgebung, Regierungskontrolle, Repräsentation; im Notstandsfall sogar Mitwirkung bei Regierungsbildung! parlamentarische Arbeitsweise: Plenum Ausschüsse Trennung von A- und B-Ländern als ‚Fraktionen‘ Erteilte bei der Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz Ministerpräsident Stolpe seinem Innenminister Schönbohm ein imperatives Mandat ? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

137 Der Bundesrat – eine zweite Opposition?
‚antizipierende Reaktion‘: ‚Bundesratsklauseln‘ in Koalitionsverträgen auf Landesebene allerdings: ‚Enthaltung‘ wirkt stets als ‚Nein‘! machtvolle Stellung im Gesetzgebungsverfahren mit realen Möglichkeiten, die Politik der Regierungsmehrheit zu blockieren bzw. zu korrigieren Neigung der Deutschen, über Landtagswahlen als ‚bundespolitischen Protestwahlen‘ den Bundesrat mit einer ‚Oppositionsmehrheit‘ auszustatten (‚Bundesratswahlen‘) antizipierend: Neigung von Oppositionspolitikern, das Wahlvolk in den Ländern um die Billigung und Unterstützung einer auch über den Bundesrat betriebenen Oppositionspolitik zu bitten ‚gegnerische‘ Bundesratsmehrheit macht jeder Bundesregierung das Regieren schwerer Veränderung der politischen ‚Großwetterlage‘ Notwendigkeit für die Bundesregierung, auf ‚gewinnbare‘ Landesregierungen mit Kompromiß- und Finanzangeboten zuzugehen folglich erhöhte Chancen von ‚mehrheitsbeschaffenden‘ Landesregierungen, landespolitische (!) Interessen durch bundespolitisches Entgegenkommen zu fördern selten wirklich systematisch als oppositionelles Blockadeinstrument genutzt; wichtigster Fall: SPD-Länder vor 1998 unter Führung Lafontaines Ausnutzung von Konflikten zwischen den Ländern bei Blockadeversuchen im Bundesrat hängt alles vom ‚Verkaufsgeschick‘ der Spitzenpolitiker ab: Wem glaubt das Volk, ‚das Richtige‘ zu wollen? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

138 Zeiten von ‚divided government‘
anfangs: wenig parteipolitische Spannung zwischen Bundestag und Bundesrat Zeiten von ‚divided government‘ ohne Große Koalition, erster Schritt zum ‚Machtwechsel‘ verläßliche Bundesratsmehrheit für die Bundestagsmehrheit? nein ja 54 Jahre Bundesrepublik Bundesregierung Union/FDP/… Union/FDP Union/SPD SPD/FDP SPD/Grüne Juni 1990 1990: Juni - November 1990 Nov Juni 1991 Juni -1998 heute rund 30,5 Jahre mit ‚gegnerischer Mehrheit‘ Union: 19,5 von 33 Jahren SPD: 11 von 18 Jahren Wiedervereinigungsturbulenzen rund 23,5 Jahre mit ‚eigener Mehrheit‘ Union: 13,5 von 33 Jahren SPD: 7 von 18 Jahren offenbar lieben es die Deutschen inzwischen, ihre Bundes- regierungen gegen die Wand des Bundesrates laufen zu lassen ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

139 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

140 ‚parteipolitischer Mißbrauch‘?
Beschwert hat sich bislang immer die vom Bundesrat ‚belästigte‘ Regierung: nach 1972 SPD/FDP nach 1990 Union/FDP nach 2002 SPD/GRÜNE Tatsachen: Systemkonstruktion läßt Systemblockaden, Politikstillstand und Reformstau zu – und zwar nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Der Bundesrat ist ein Organ der Bundespolitik, nicht ein zentrale Bühne der Landespolitik. Die Rollen von Regierungsmehrheit und Opposition werden auf Bundes- und Landesebene von denselben Parteien (wechselnd) übernommen, deren demokratische Legitimation als Landesparteien nicht schwächer ist denn ihre demokratische Legitimation als Bundesparteien. Es sind die Wähler in den Ländern selbst, welche – und oft ganz bewußt – die ‚Bundesratsmehrheit‘ kippen. Bewertung: Auch im Bundesrat wird die demokratische Legitimation nur über Parteien vermittelt. Die ‚Parteipolitisierung‘ des Bundesrates ist darum nichts anderes als die Ergänzung von dessen föderaler Legitimität durch zusätzliche – und nötige – demokratische Legitimität. parteipolitische ‚Blockadepolitik‘ ist somit allenfalls sachpolitisch kurzsichtig und strategisch töricht (‚gemeinwohlschädigend‘), doch keineswegs ‚illegitim‘. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt … und überdies sehr selten !

141 Fazit zum Bundesrat weltweit einzigartiges Organ
mächtig im Föderalorgan sind die Regierungen der verbündeten Staaten, nicht deren Parlamente ! weltweit einzigartiges Organ nächster Verwandter: Ministerrat der EU Organ des Bundes – nicht der Länder: nimmt für sich in Anspruch … ein allgemeines politisches Mitwirkungsrecht, nicht allein die ‚Wahrung von Länderinteressen‘ die ‚Gesamtverantwortung‘ für die Zustimmungsgesetze wirkt faktisch – nicht normativ! – hin auf … Unitarisierung Deutschlands: Gerade weil der Bundesrat der parlamentarischen Regierungsmehrheit im Bund Schranken setzt, sorgt sich diese um eine ihr freundliche Bundesratsmehrheit – weswegen Landtagswahlen oft auch zu für oder gegen die Bundesregierung gerichtete ‚Bundesratswahlen‘ werden Verstärkung der konkordanzdemokratischen Züge des deutschen Regierungssystems alles hängt irgendwie mit allem zusammen, jeder ist irgendwie von jedem abhängig Nicht der Bundesrat ‚ist das Problem‘, sondern die Ausgestaltung des Bund/Länder-Verhältnisses insgesamt! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

142 Der Bundestag: Grundsätzliches
Legitimität = Geltung von Herrschaft als rechtens Der Bundestag: Grundsätzliches Demokratieprinzip ‚Legitimationsmonopol‘ einziges unmittelbar demokratisch gewähltes Bundesorgan vermittelt seine Legitimität weiter an … Bundesregierung Bundespräsident (gemeinsam mit gewählten Vertretern der Landesparlamente in der Bundesversammlung) Hälfte des Bundesverfassungsgerichts verschiedene vom Bundestag gewählte Amtsträger (Wehrbeauftragter usw.) zentrales Repräsentationsorgan des deutschen Volkes vernetzt mit den anderen Institutionen im zentralen politischen Entscheidungssystem vernetzt mit der Gesellschaft, ihren Interessengruppen und Medien Legitimation = glauben machen, daß Herrschaft zu Recht ausgeübt wird TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

143 Wahlrecht für Bundestagswahlen (Wahlgesetz von 1956)
‚personalisiertes Verhältniswahlrecht‘ mit zwei Stimmen pro Wähler: 299 Bundeswahlkreise je ein ‚Direktabgeordneter‘ Gewinn des Mandats nach relativem Mehrheitswahlrecht (‚Erststimme‘) 299 Abgeordnete ziehen über die Landeslisten der Parteien in den Bundestag ein (‚Listenmandate‘, vergeben durch ‚Zweitstimme‘) Sitzverteilung im Bundestag insgesamt (Listenmandate plus Direktmandate) bestimmt sich proportional zum Zweitstimmenanteil (Hare-Niemeyer-Verfahren) eine Partei, die weniger als 5% der gültigen Stimmen erhält, kann keine Abgeordneten in den Bundestag entsenden (‚Sperrklausel‘) erhält eine Partei mindestens drei Direktmandate, so gilt für sie jene Sperrklausel nicht wer ein Direktmandat erhält, zieht auf jeden Fall in den Bundestag ein erhält eine Partei mehr Direktmandate, als ihr nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren zustehen, so behält sie diese ‚überzähligen‘ Direktmandate (‚Überhangmandate‘) theoretische Chance für Einzelbürger, als erfolgreiche Direktkandidaten in den Bundestag einzuziehen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

144 Merkmale einer Repräsentationsbeziehung
Die Repräsentanten handeln im Interesse der Repräsentierten und dabei responsiv. Repräsentanten und Repräsentierte können unabhängig voneinander handeln, so daß es jederzeit zu Konflikten zwischen ihnen kommen kann. Es gelingt den Repräsentanten, durch Responsivität und Führung jenes Konflikpotential ziemlich befriedet zu halten. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

145 Die Repräsentationsfunktion
umfaßt seitens von Parlament und Abgeordneten die ... Vernetzungsfunktion Responsivitätsfunktion Darstellungsfunktion (‚Öffentlichkeitsfunktion‘) kommunikative Führungsfunktion TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

146 Vernetzungsfunktion Aufgabe: Die Vertretungskörperschaft muß ein in alle Zweige der Gesellschaft hinein reichendes Kommunikations- und Interaktionsgeflecht aufbauen und pflegen. Zweck: Das ist die Vorbedingung für die Erfüllung der Responsitivitäts- und Führungsfunktion. Besondere Rolle von Parlamenten und Parlamentariern: Keine andere Institution kann diese Vernetzungsfunktion ebenso gut erfüllen! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

147 Erfüllung der Vernetzungsfunktion durch ...
Bindeglied- und Netzwerkfunktion der Parteien, deren regionale und nationale Führer meist Mitglieder der Parlamente sind Vernetzung der Ausschüsse und Arbeitsgruppen der Parlamente sich mit Interessengruppen und mit Experten auf ihren Arbeitsgebieten regelmäßige Kontakte der Abgeordneten auf ihren Arbeitsgebieten zu den einschlägigen Institutionen, Organisationen und Experten Vernetzung der Abgeordneten im Rahmen ihrer Wahlkreisarbeit: Kommunen, regionale Wirtschaft, vorpolitischer Raum TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

148 Responsivitätsfunktion
Ziel: Anliegen und Sorgen, Wünsche und Meinungen, Informationen und Hinweisen aus allen Kreisen der Bevölkerung aufnehmen für Problemlösungen und Interessenverwirklichung sachdienliche Informationen aus allen Bereichen der Gesellschaft sammeln das alles einbringen in den vom Parlament (mit-) gestalteten politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozeß Hinweis: Im von starken Parteien getragenen massendemokratischen Staat setzt sich hier auf der Ebene staatlicher Willensbildung und Entscheidungsfindung die Responsivitätsfunktion der Parteien fort. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

149 Darstellungsfunktion
Es genügt nicht, Responsivität und die übrigen Parlamentsfunktionen ‚nur‘ erfolgreich zu praktizieren. Vielmehr müssen ... alle vom Parlament und seinen Abgeordneten erbrachten Leistungen den Bürgern immer wieder vor Augen geführt werden die Geltungsansprüche und Ordnungsprinzipien von Parlament und Abgeordneten immer wieder auch symbolisch zum Ausdruck gebracht werden Repräsentationsglaube und Legitimationsglaube immer wieder neu gestiftet werden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

150 Erfüllung der Darstellungsfunktion durch ...
Öffentlichkeitsarbeit von Parlamenten, Fraktionen und einzelnen Abgeordneten Selbstdarstellung des Parlaments in öffentlichen Debatten, vor allem im Plenum durch parlamentarische Rituale durch die Parlamentsgebäude und deren Ausgestaltung durch das Zustandekommen und die Zusammensetzung eines Parlaments  Schaffung der emotionalen Tiefenschicht von Repräsentation durch institutionelle Selbstsymbolisierung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

151 kommunikative Führungsfunktion
Es reicht nicht, der Bevölkerung einfach darzustellen, was man als Abgeordneter oder Fraktion im Parlament tut, etwa bei der Gesetzgebung, der Regierungskontrolle oder dem Zusammenhalten der Regierungsmehrheit. Abgeordnete, Fraktionen und Parlamente müssen vielmehr unablässig auch ... die mitgestaltete oder unterstützte Politik der eigenen (Oppositions-) Fraktion oder Regierung erläutern für die eigene Politik werben. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

152 Elemente der kommunikativen Führungsfunktion
die eigenen Problemwahrnehmungen mitteilen die eigenen Präferenzen offenlegen den Bürgern als sinnvoll und realistisch erachtete Entscheidungsalternativen vor Augen führen getroffene Entscheidungen plausibel begründen für die – von einem selbst oder von der eigenen Mannschaft – durchgeführte Politik nachhaltig eintreten, vor allem dann, wenn diese Politik auf Widerspruch trifft (noch) keine Wirkung zeitigt unerwartete oder unvorteilhafte Nebenwirkungen nach sich zieht Ergebnisse von eigenem ‚Lernen aus Erfahrung‘ den Bürgern eindringlich vermitteln ‚parteipolitischer Alltag‘ ‚Parteiideologie‘ als Hemmnis TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

153 ‚neuer Dualismus‘ ‚alter Dualismus‘
Verständnisgrundlagen: Präsidentielles und parlamentarisches Regierungssystem Präsident präsidentielles Regierungssystem parlamentarisches Regierungssystem Präsident ‚alter Dualismus‘ ‚neuer Dualismus‘ Regierung Regierung Parlament Parlament Wahlvolk Wahlvolk TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

154 Ein Parlament versteht (nur), wer folgendes begreift:
(Machtvolle) Parlamente sind sehr arbeitsbelastete und arbeitsteilige Organisationen, in denen man sich aufeinander verlassen muß. Sacharbeit und Führungsarbeit im Parlament stehen unter scharfer Beobachtung und strenger Leistungskontrolle. Im Parlament geht es um Wichtiges: um Sieg oder Niederlage, um Aufstieg oder Abstieg, um Einflußgewinn oder Machtverlust. Parlamentarische Arbeit vollzieht sich unter dem Druck von Wahlterminen und gegebenenfalls von plebiszitären Elementen. Parlamentarische Arbeit hängt von vielen Rahmenbedingungen ab, die man vom Parlament aus nicht kontrollieren kann.  Vor allem: Eigenlogik des Wirtschaftssystems, Funktionslogik des Mediensystems, Eigendynamik öffentlicher Meinung, Entwicklungen auf internationaler Ebene Ferner: Im (deutschen) parlamentarischen Regierungssystem agiert das Parlament so gut wie nie als ‚Parlament‘ insgesamt, sondern so gut wie immer auf der Ebene seiner Fraktionen, vor allem im Gegenüber von Regierungsmehrheit und Opposition ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

155 Funktionen der Opposition
Kontrolle der Regierungsmehrheit inner- und außerparlamentarisch geleistet durch vor allem durch öffentliche Kritik Bereitstellung von Alternativen Sachalternativen, Programmalternativen, Personalalternativen Thematisierung von Problemen, welche die Regierung lieber liegenlassen würde (‚Initiativfunktion‘), v.a. durch ... öffentlichkeitswirksame symbolische Aktionen Nutzung plebiszitärer und quasi-plebiszitärer Elemente, etwa Unterschriftensammlungen Integration derer, welche die Regierung und ihre Politik ablehnen, doch ... der Regierungsmehrheit Schranken ihrer Gestaltungsmacht setzen können darauf hoffen dürfen, eines Tages selbst oder mittels ihrer Parteien wieder (mit-) regieren zu können TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

156 Herausbildung des bundesdeutschen Dualismus von Regierungsmehrheit und Opposition
Problem: Die deutsche Öffentlichkeit versteht und akzeptiert die Rolle der Opposition nicht recht heute 1982 1998 klare Ablehnung der unionsgeführten Regierungspolitik durch die SPD; klare Opposition mit grundlegenden Alternativen (Wirtschaftspolitik, Außen- und Verteidigungspolitik) Einschwenken der SPD auf Politik der Unionspositionen; Rolle der ‚grundlegenden Alternative‘ wird frei Große Koalition: Opposition im Parlament schwach und wenig sichtbar; Attraktivität der Rolle einer ‚außerparlamentarischen Opposition‘, die sich zugleich als ‚grundlegende Alternative‘ verstand faktische Durchsetzung der Praxis, daß Regierungsmehrheit und Opposition als zwar beiderseits systemtragende, doch inhaltlich verschieden ausgerichtete Alternativen einander gegenüberstehen rein parlamentarisch bewirkter Machtwechsel wie 1966; ‚nachholende Legitimation‘ durch Bundestagswahlen systematische oppositionelle Blockadepolitik über den Bundesrat erster allein durch Bundestagswahlen bewirkter Machtwechsel scheiterten von 493 Gesetzesvorlagen, derentwegen der Vermittlungsaus- schuß angerufen wurde, nur 54; zwischen 1990 und 1998 von 43 hingegen 19 ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

157 Oppositionsstrategien in Deutschland
einstimmig verabschiedete Gesetze zwei Drittel über die Hälfte ,6% ,3% fundamental 1983 ff GRÜNE als ‚Anti-Parteien-Partei‘ 1990ff PDS, mit Unklarheit darüber, wo entweder die fundamentale Systemkritik oder die Akzeptanz des Systems zum Lippenbekenntnis wird konfrontativ-konfliktorientiert bis zur eigenen Regierungsbeteiligung: GRÜNE durchgehend: PDS 1949ff SPD bei Einführung der Marktwirtschaft und Westintegration lehnte in 1. WP 57% der hochpolitischen, 14 % aller Gesetzesvorlagen ab 1969 ff Union bei ‚Neuer Ostpolitik‘ 1995ff SPD unter Lafontaine kooperativ 1960ff SPD (‚Godesberger Wende‘) 1969ff Union außerhalb der ‚Neuen Ostpolitik‘ stimmt % aller Gesetzesvorlagen zu 2002f Union bei wirtschafts- und sozialpolitischen Reformmaßnahmen themenbezogen und ad hoc Union, SPD und FDP in den weitaus meisten Fällen scheiterten von 493 Gesetzesvorlagen, derentwegen der Vermittlungsausschuß angerufen wurde, nur 54; zwischen 1990 und 1998 von 43 hingegen 19 ! 86 % : 93 % - ein großer oder ein kleiner Unterschied? Gegen eine rein konfliktorientierte Oppositionsstrategie wirken: föderale Staatsstruktur: Bundesrat Erwartungen der Öffentlichkeit: 60% meinen, die Opposition solle die Regierung UNTERSTÜTZEN ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

158 Der Bundestag – Wahl Art. 39
(1) Der Bundestag wird auf vier Jahre gewählt. Seine Wahlperiode endet mit dem Zusammentritt eines neuen Bundestages. Die Neuwahl findet frühestens 45, spätestens 47 Monate nach dem Beginn der Wahlperiode statt. Im Falle einer Auflösung des Bundestages findet eine Neuwahl innerhalb von sechzig Tagen statt. (2) Der Bundestag tritt spätestens am dreißigsten Tag nach der Wahl zusammen. (3) Der Bundestag bestimmt den Schluß und den Wiederbeginn seiner Sitzungen. Der Präsident des Bundestages kann ihn früher einberufen. Er ist dazu verpflichtet, wenn ein Drittel der Mitglieder, der Bundespräsident oder der Bundeskanzler es verlangen. Art. 40 (1) Der Bundestag wählt seinen Präsidenten, dessen Stellvertreter und die Schriftführer. Er gibt sich eine Geschäftsordnung. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

159 Abgeordnete I BVerfG verpflichtete 1976 die Abgeordneten in einem Urteil, ihre Bezüge stets selbst festzulegen Art. 38 (1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen. (2) Wahlberechtigt ist, wer das achtzehnte Lebensjahr vollendet hat; wählbar ist, wer das Alter erreicht hat, in dem die Volljährigkeit eintritt. Art. 48 (1) Wer sich um einen Sitz im Bundestag bewirbt, hat Anspruch auf den zur Vorbereitung seiner Wahl erforderlichen Urlaub. (2) Niemand darf gehindert werden, das Amt eines Abgeordneten zu übernehmen und auszuüben. Eine Kündigung oder Entlassung aus diesem Grunde ist unzulässig. (3) Die Abgeordneten haben Anspruch auf eine angemessene, ihre Unabhängigkeit sichernde Entschädigung. Sie haben das Recht der freien Benutzung aller staatlichen Verkehrsmittel. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz. Selbstbedienung? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

160 Das ‚freie Mandat‘ ... ermöglicht es dem Abgeordneten, gegenüber Bürgern, Parteien, Verbänden und auch Kollegen jederzeit ‚nein‘ zu sagen zwingt andere dazu, um seine Stimme zu werben gibt ihm dadurch persönliches Gewicht – insbesondere dann, wenn es bei knapper Mehrheit gerade auf seine Stimme ankommt stellt den Abgeordneten nicht von den Folgen seiner eigenverantwortlich unternommenen Handlungen frei wirkt sich in der Regel so aus, daß der Abgeordnete in seinem rechtlich gesicherten Freiraum genau das tut, was er – als Mitglied oder regionaler Führer seiner Partei – ohnehin tun will, erschließt ihm aber jederzeit Konfliktpotential. … meint nicht, einem Abgeordneten sei es verboten, deutlich aufgezeigte Mannschaftsinteressen seiner Fraktion hinter seinen persönlichen Ansichten zurückzustellen ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

161 Das Amtsverständnis der Abgeordneten
vermittelt über die eigene Partei und die Arbeit in ihr als (regionaler) Parteiführer Konflikte zwischen ‚Gewissen‘ und ‚mannschaftsdienlichen Entscheidungen‘ sind extrem selten ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

162 Zusammensetzung der MdB
rund 15% aus den neuen Bundesländern Frauenanteil: derzeit knapp ein Drittel; deutlich steigende Tendenz Durchschnittsalter zu Beginn einer Wahlperiode: 49,3 Jahre rund 16% der MdB gehörten zuvor einem Landtag an Anteil der neuen Abgeordneten zu Beginn einer Wahlperiode: im Durchschnitt um die 30% mittlere Zugehörigkeitsdauer zum Bundestag zu Beginn einer Wahlperiode: um die 6,5 Jahre rund jeder zweite war zu Beginn einer Wahlperiode nicht länger als zwei Wahlperioden im Bundestag, rund 70% sind in ihrer dritten Wahlperiode ‚Vorberufe‘: gut ein Drittel: Beamte (darunter dominierend: Lehrer) rund 10%: Angestellte im öffentlichen Dienst gut 10%: Angestellte von Parteien, Gewerkschaften, sonstige gesellschaftliche Organisationen rund 10%: Angestellte in der Wirtschaft knapp 10%: Selbständige Knapp 10%: Freiberufler Rest: Diverses TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

163 Abgeordnete II historisch und aktuell wichtige Schutzbestimmungen
Art. 46 (1) Ein Abgeordneter darf zu keiner Zeit wegen seiner Abstimmung oder wegen einer Äußerung, die er im Bundestage oder in einem seiner Ausschüsse getan hat, gerichtlich oder dienstlich verfolgt oder sonst außerhalb des Bundestages zur Verantwortung gezogen werden. Dies gilt nicht für verleumderische Beleidigungen. [Indemnität] (2) Wegen einer mit Strafe bedrohten Handlung darf ein Abgeordneter nur mit Genehmigung des Bundestages zur Verantwortung gezogen oder verhaftet werden, es sei denn, daß er bei der Begehung der Tat oder im Laufe des folgenden Tages festgenommen wird. [Immunität] … (4) Jedes Strafverfahren … gegen einen Abgeordneten, jede Haft und jede sonstige Beschränkung seiner persönlichen Freiheit sind auf Verlangen des Bundestages auszusetzen. Art. 47 Die Abgeordneten sind berechtigt, über Personen, die ihnen in ihrer Eigenschaft als Abgeordnete oder denen sie in dieser Eigenschaft Tatsachen anvertraut haben, sowie über diese Tatsachen selbst das Zeugnis zu verweigern. Soweit das Zeugnisverweigerungsrecht reicht, ist die Beschlagnahme von Schriftstücken unzulässig. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

164 Wie macht man ein Parlament funktionstüchtig?
Sicherung der Arbeitsfähigkeit durch Einsetzung von Ausschüssen, Unterausschüssen usw. Sicherung des Zusammenwirkens der so entstandenen Einzelgremien durch übergreifende Steuerungsstrukturen, z.B. Ältestenrat Sicherung der Handlungsfähigkeit der politischen Gruppierungen durch deren Zusammenschluß in ‚Clubs‘, Fraktionen usw. Systematische Verschränkung innerfraktioneller mit innerparlamentarischer Willensbildung durch weitere Steuerungsstrukturen, z.B. Runde der Parlamentarischen Geschäftsführer Schaffung geeigneter parlamentarischer Infrastruktur TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

165 Der Bundestag – Arbeitsweise laut GG und GO
Handzeichen, Aufstehen … Namentlich mit Stimmkarten Hammelsprung Der Bundestag – Arbeitsweise laut GG und GO = sein Plenum, nicht die Ausschüsse (anders: Bayern, Berlin, Rheinland-Pfalz) Art. 42 (1) Der Bundestag verhandelt öffentlich. Auf Antrag eines Zehntels seiner Mitglieder oder auf Antrag der Bundesregierung kann mit Zweidrittelmehrheit die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Über den Antrag wird in nichtöffentlicher Sitzung entschieden. (2) Zu einem Beschlusse des Bundestages ist die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erforderlich, soweit dieses Grundgesetz nichts anderes bestimmt. Für die vom Bundestages vorzunehmenden Wahlen kann die Geschäftsordnung Ausnahmen zulassen. (3) Wahrheitsgetreue Berichte über die öffentlichen Sitzungen des Bundestages und seiner Ausschüsse bleiben von jeder Verantwortlichkeit frei. Art. 43 (1) Der Bundestag und seine Ausschüsse können die Anwesenheit jedes Mitgliedes der Bundesregierung verlangen. (2) Die Mitglieder des Bundesrates und der Bundesregierung sowie ihre Beauftragten haben zu allen Sitzungen des Bundestages und seiner Ausschüsse Zutritt. Sie müssen jederzeit gehört werden. Beschlußfähigkeit gilt solange als gegeben, wie sie nicht bezweifelt und nicht vom Präsidenten als fehlend festgestellt wird auch mit verdecktem Stimmzettel, d.h. geheim historisches Relikt aus Zeiten der Zensur TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

166 Der Bundestag – Ausschüsse
Muß-Ausschüsse: Ausschuß für Angelegenheiten der Europäischen Union (Art. 45) Ausschüsse für Auswärtiges und für Verteidigung (Art. 45a) Petitionsausschuß (Art. 45c) Kann-Ausschüsse: jeder andere Ausschuß Speziell: Untersuchungsausschüsse Art. 44, 1: Der Bundestag hat das Recht und auf Antrag eines Viertels seiner Mitglieder die Pflicht, einen Untersuchungsausschuß einzusetzen, der in öffentlicher Verhandlung die erforderlichen Beweise erhebt. Die Öffentlichkeit kann ausgeschlossen werden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

167 Der Aufbau des Bundestages
Steuerungsstrukturen steuern Arbeit Ausschüsse Fraktionen, unterteilt in Arbeitsgruppen prägen politisch Plenum TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

168 Parlamentarische Steuerungsstrukturen
Präsident und Stellvertreter ‚Sitzungspräsident‘ Ältestenrat Runde der (ersten) Parlamentarischen Geschäftsführer Koalitionsrunden (formell und informell) informelle Runden, vor allem innerhalb der Fraktionen informelle Begegnungen aller Art TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

169 Das Plenum Ort der gesamtstaatlich verbindlichen Abstimmungen und Wahlen Arena der für die Öffentlichkeit bestimmten politischen Konfrontation zwischen Regierungsmehrheit und Opposition Stätte symbolischer Akte nur im Ausnahmefall einer nicht zuvor schon abgeschlossenen innerfraktionellen Entscheidungsfindung: Forum der politischen Willensbildung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

170 Die Ausschüsse Ort der parlamentarischen Arbeit am Gesetz
Forum der fachpolitischen Auseinandersetzung der Fraktionen Stätte der oppositionellen Regierungskontrolle proportional zu den Fraktionen besetzt Abgeordnete von Fraktionen entsandt auf der Grundlage von … akzeptierten Wünschen, im bisherigen Ausschuß weiterzumachen ‚Fragebogen‘ mit Austarierung der Wünsche durch Fraktionsführung mitunter Einrichtung von Unterausschüssen Ausschußvorsitze proportional zur Fraktionsstärke zwischen den Fraktionen: Vereinbarung oder Zugriffsverfahren in den Fraktionen: Senioritätsprinzip, Aushandelung und / oder Kampfabstimmungen gemeinsame Präsenz von Parlamentariern, Ministerialbeamten und Regierungsmitgliedern TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

171 Fraktionsvollversammlung
Die Fraktionen Führung (geschäftsführender) Fraktionsvorstand (erweiterter) Fraktionsvorstand Einfluß regionale, soziale und politische Gruppierungen Arbeitsgruppen, oft spiegel- bildlich zu den Ausschüssen Fraktionsvollversammlung Wahlen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

172 Arbeitsgruppen / Arbeitskreise
zentrale Stätte parlamentarischer Arbeit arbeitsteilige innerfraktionelle Willensbildung Vorbereitung aller Ausschußtätigkeit Vorbereitung aller Beschlüsse der Fraktionsvollversammlung Stätte wirksamer Regierungskontrolle, vor allem im Fall regierungstragender Fraktionen im parlamentarischen Regierungssystem zentrale Ausbildungs- und Auslesestätte für den parlamentarischen Führungsnachwuchs TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

173 zentrale Akteure im Deutschen Bundestag
zentrale Stätten der Bundestagsarbeit Teil der ‚parlamentarischen Infrastruktur‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

174 Parlamentarische Infrastruktur
persönliche Mitarbeiter der Abgeordneten: durch Aufsplitterung von ganzen Stellen auf Teilzeitstellen: im Jahr 1991 insgesamt 4008 persönliche Hilfskräfte von MdB, darunter 22,7% (= 910) als Wissenschaftliche Mitarbeiter davon: mindestens einer in Berlin, einer im Wahlkreis; Angestellte der Fraktionen: waren das … CDU/CSU: 321 (davon 109 akademisch ausgebildete im höheren Dienst) SPD: 292 (davon 106 akademisch ausgebildete im höheren Dienst) GRÜNE: 92 (davon 47 akademisch ausgebildete im höheren Dienst) FDP: 77 (davon 27 akademisch ausgebildete im höheren Dienst) unterstützen die Fraktionsführung, weniger die einzelnen Abgeordneten Ausschußsekretariate unterstützen die Ausschußvorsitzenden Wissenschaftliche Dienste des Bundestages Teil der gesamten Bundestagsverwaltung mit ihrerseits rund 2300 Beschäftigten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

175 Wichtigkeit von Fraktionen
groß im parlamentarischen Regierungssystem: Wo einander Regierungsmehrheit und Opposition konkurrierend gegenüberstehen, ist Politik eine ‚Mannschaftssportart‘! gering in den Legislativen des präsidentiellen Regierungssystems: Ohne Wettstreit von Regierungsmehrheit und Opposition, braucht es keine konkurrierenden ‚Mannschaften‘! gering in Minimalparlamenten: Wo ein Parlament nichts zu sagen hat, gibt es für Parlamentarier ohnehin keinen Grund, sich nach politischen Gesichtspunkten zusammenzuschließen! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

176 Fraktionszwang? Was hält eine Fußballmannschaft oder ein Team von Profiradfahrern zusammen und sichert eine gemeinsame taktische Linie? ‚Mannschaftszwang‘? ‚Mannschaftsdisziplin‘? ‚Mannschaftssolidarität‘? Was hält im parlamentarischen Regierungssystem wohl eine Fraktion zusammen? ‚Fraktionszwang‘? ‚Fraktionsdisziplin‘? ‚Fraktionssolidarität‘? TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

177 Wie entsteht Fraktionsdisziplin?
törichter, an der Sache ganz vorbeigehender Begriff: ‚Fraktionszwang‘ Arbeitsteilung mit immer wieder überprüftem Vertrauen in die Sachkompetenz und politische Urteilskraft der Kollegen jederzeitige Möglichkeit interner Einflußnahme und Kritik in Arbeitsgruppen und Fraktionsvollversammlung innerfraktionelles ‚Geben und Nehmen‘ führt meist zu Kompromissen üblicherweise Fortsetzung interner Diskussion, bis Konsens oder klare Mehrheitsmeinung erreicht sind falls kein Konsens: Abstimmung in Fraktion samt Erwartung, daß die unterlegene Minderheit der Mehrheit folgt falls letzteres für Minderheit inakzeptabel: Befolgung der Spielregeln für schadlosen Dissens nur wenige Entscheidungen berühren ‚Gewissensfragen‘! ferner: Kein Abgeordneter gehört seiner Partei oder Fraktion an, wenn er nicht im großen und ganzen deren Ziele und Anliegen teil ! Abgeordnete sind Parteiführer mit entsprechenden Verhaltensmustern ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

178 Kohäsionswerte nach Rice-Index
Absolute Differenzwerte (X% - Y%) zwischen dem Anteil der Fraktionsmehrheit (X%) und dem Anteil der dissentierenden Fraktionsminderheit (Y%) an der Gesamtheit der an einer Abstimmung teilnehmenden Fraktionsmitglieder. Einstimmigkeit: 100% - 0% = 100; völlig gespaltenes Stimmverhalten: 50% - 50 % = 0 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

179 Kohäsionswerte nach Rice-Index
Absolute Differenzwerte (X% - Y%) zwischen dem Anteil der Fraktionsmehrheit (X%) und dem Anteil der dissentierenden Fraktionsminderheit (Y%) an der Gesamtheit der an einer Abstimmung teilnehmenden Fraktionsmitglieder. Einstimmigkeit: 100% - 0% = 100; völlig gespaltenes Stimmverhalten: 50% - 50 % = 0 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

180 Arbeitsbelastung im Bundestag
Gesetzentwürfe Sitzungen von Gremien Zeitbudget der Abgeordneten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

181 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

182 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

183 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

184 Sitzungstätigkeiten im einzelnen
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

185 Arbeitsbelastung von MdB
Schriftgut : im Jahresdurchschnitt 1320 Bundestagsdrucksachen, darunter 163 Gesetzesvorlagen nicht enthalten: sonstige Informationsmaterialien und Zusendungen Arenen der Abgeordnetenarbeit: Parlament: v.a. fachpolitische Spezialisierung; etwa Hälfte der Arbeitszeit Wahlkreis: vorpolitischer Raum, Kommunen, Wirtschaft; etwa ein Drittel der Arbeitszeit Partei: Kreis- oder Unterbezirksverband, Fachvereinigungen; Rest der Arbeitszeit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

186 < < < Tretmühle
knapp Hälfte des Jahres ist ‚sitzungsfrei‘, d.h. ohne Verpflichtungen am Sitz des Bundestages < Sitzungswoche: [Mo, vorm.: Parteivorstände] Mo, abend: Landesgruppen o.ä. Di, vorm.: Arbeitskreise Di, nachm.: Fraktionsvollversammlung Mi, vorm.: Ausschüsse Mi, nachm. – Fr., Mittag: Plenum Fr, abend – Mo, vorm.: ‚Wahlkreiswochendende‘ < < Tretmühle Wenig Zeit für innovative Tätigkeiten und systematische persönliche Weiterbildung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

187 Die Funktionen des Bundestages
Reihenfolge (1) – (4): strukturbildende Bedeutung geschichtliche Entwicklung Repräsentationsfunktion (4) Vernetzungsfunktion Responsivitätsfunktion Darstellungsfunktion (‚Öffentlichkeitsfunktion‘) kommunikative Führungsfunktion Kontrollfunktion (2) Gesetzgebungsfunktion (3) Wahlfunktion (1) im parlamentarischen Regierungssystem zentral und systemprägend: Regierungsbildungsfunktion alles geprägt vom Dualismus zwischen Regierungsmehrheit und Opposition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

188 Wahlfunktionen des Bundestages
Diese Kernfunktion des Parlaments im parlamentarischen Regierungssystem hat der Bundestag bislang stets gut erfüllt: wegen klarer Mehrheits- verhältnisse dank gutem Wahlrecht wegen stets ausreichender Koalitionsbereitschaft der Bundestagsparteien Wahl des Bundeskanzlers Wahl des Bundespräsidenten, gemeinsam mit einer gleich großen Anzahl von Vertretern der Landtage, in der Bundesversammlung Wahl der Hälfte der Bundesverfassungsrichter, vorgenommen durch nach Fraktionsproporz zusammengesetztes Wahlmännergremium Personelle Besetzung der Hälfte der Sitze im Vermittlungsausschuß Besetzung von zwei Dritteln der Sitze im ‚Gemeinsamen Ausschuß‘ (= Notparlament), gemäß Fraktionsproporz Wahl des Präsidenten und der Vizepräsidenten des Bundesrechnungshofes auf zwölf Jahre Wahl des Bundesbeauftragten für Datenschutz auf Vorschlag der Bundesregierung, des Wehrbeauftragten, von Mitgliedern der Aufsichtsgremien von Deutschlandfunk, Bundesausgleichsamt usw. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

189 Gemeinsamer Ausschuß I (‚Notparlament‘)
Art. 53a (1) Der Gemeinsame Ausschuß besteht zu zwei Dritteln aus Abgeordneten des Bundestages, zu einem Drittel aus Mitgliedern des Bundesrates. Die Abgeordneten werden vom Bundestage entsprechend dem Stärkeverhältnis der Fraktionen bestimmt; sie dürfen nicht der Bundesregierung angehören. Jedes Land wird durch ein von ihm bestelltes Mitglied des Bundesrates vertreten; diese Mitglieder sind nicht an Weisungen gebunden. … (2) Die Bundesregierung hat den Gemeinsamen Ausschuß über ihre Planungen für den Verteidigungsfall zu unterreichten. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

190 Gemeinsamer Ausschuß II (‚Notparlament‘)
Art. 115e (1) Stellt der Gemeinsame Ausschuß im Verteidigungsfalle mit einer Mehrheit von zwei Dritteln der abgegebenen Stimmen, mindestens mit der Mehrheit seiner Mitglieder fest, daß dem rechtzeitigen Zusammentritt des Bundestages unüberwindliche Hindernisse entgegenstehen oder daß dieser nicht beschlußfähig ist, so hat der Gemeinsame Ausschuß die Stellung von Bundestag und Bundesrat und nimmt deren Rechte einheitlich wahr. (2) Durch ein Gesetz des Gemeinsamen Ausschusses darf das Grundgesetz weder geändert noch ganz oder teilweise außer Kraft oder außer Anwendung gesetzt werden. Zum Erlaß von Gesetzen nach Artikel 23 [EU] Artikel 24 [zwischenstaatliche Einrichtungen] oder Artikel 29 [Neugliederung des Bundesgebiets] ist der Gemeinsame Ausschuß nicht befugt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

191 Wahl des Bundeskanzlers
Art. 63 Der Bundeskanzler wird auf Vorschlag des Bundespräsidenten vom Bundestage ohne Aussprache gewählt. Gewählt ist, wer die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich vereinigt. Der Gewählte ist vom Bundespräsidenten zu ernennen. Wird der Vorgeschlagene nicht gewählt, so kann der Bundestag binnen vierzehn Tagen nach dem Wahlgange mit mehr als der Hälfte seiner Mitglieder einen Bundeskanzler wählen. Kommt eine Wahl innerhalb dieser Frist nicht zustande, so findet unverzüglich ein neuer Wahlgang statt, in dem gewählt ist, wer die meisten Stimmen erhält. Vereinigt der Gewählte die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages auf sich, so muß der Bundespräsident ihn binnen sieben Tagen nach der Wahl ernennen. Erreicht der Gewählte diese Mehrheit nicht, so hat der Bundespräsident binnen sieben Tagen entweder ihn zu ernennen oder den Bundestag aufzulösen. absolute Mehrheit Entscheidungen des Bundespräsidenten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

192 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

193 Bestellung der Bundesregierung
Art. 64 (1) Die Bundesminister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers vom Bundespräsidenten ernannt und entlassen. Art. 69 (2) Das Amt des Bundeskanzlers oder eines Bundesministers endigt in jedem Falle mit dem Zusammentritt eines neuen Bundestages, das Amt eines Bundesministers auch mit jeder anderen Erledigung des Amtes des Bundeskanzlers. (3) Auf Ersuchen des Bundespräsidenten ist der Bundeskanzler, auf Ersuchen des Bundeskanzlers oder des Bundespräsidenten ein Bundesminister verpflichtet, die Geschäfte bis zur Ernennung seines Nachfolgers weiterzuführen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

194 Parlamentarische Regierungsbildung: ein nicht endender Prozeß
vor dem Wahlkampf: Klärung grundsätzlicher Koalitionsmöglichkeiten im Wahlkampf: Koalitionsmöglichkeiten werden dem Wähler vor Augen geführt; für oder gegen sie wird geworben Parlamentswahl: Bürger legen (ggf. unabsichtlich) fest, welche Regierungsmehrheiten überhaupt zustande kommen können nach der Wahl: Grundentscheidung ist nötig, welche Partei die Initiative zur Regierungsbildung übernehmen kann bzw. muß Koalitions- oder Tolerierungsverhandlungen, abgeschlossen ggfs. durch einen formalen Vertrag und dessen Billigung durch zentrale Parteigremien der künftigen Koalitions- oder Tolerierungspartner formale Prozesse der Regierungsbildung – je nach Verfassungslage Sicherung des Zusammenhalts der Regierungsmehrheit durch formelle Koalitionsgremien oder sonstige informelle Gremien Folge: ‚Mannschaftsbildung‘, Fraktionsdisziplin TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

195 Typische Inhalte eines Koalitionsvertrags
zentrale gemeinsame Gestaltungsabsichten, v.a. Gesetzesvorhaben, ggf. mit Arbeits- und Zeitplan Nennung jener Themen, bei denen unvereinbare Positionen bestehen, samt Vereinbarung, sie bei der Zusammenarbeit weitestgehend auszuklammern Verfahrensregeln für die Sicherung der Zusammenarbeit und für die Beilegung von Streit (z.B. Vereinbarung über einen ‚Koalitionsausschuß‘) wechselseitige Zusicherung, daß nicht mit wechselnden Mehrheiten abgestimmt wird Aufteilung der Ministerien und sonstigen Regierungsämter TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

196 Grundsätze für die Zusammenstellung einer parlamentarischen Regierung
Regierungschefs entstammen meist der größten Koalitionsfraktion. Ein Großteil der machtpolitisch wichtigsten Parlamentarier wird ins Kabinett aufgenommen (‚eingebunden‘). Die Koalitionspartner sind in der Regel frei, die ihnen zufallenden Kabinettspositionen mit Ministern ihrer Wahl zu besetzen. Möglichst Berücksichtigung innerparteilich anerkannter Fachleute für die Aufgaben des jeweiligen Ministeriums. Wichtig: Politische ‚Ausbalancierung‘ des Kabinetts nach politischer Grundhaltung (links/rechts, Reformer/Konservativer usw.), nach innerparteilicher Gefolgschaft, regionaler Herkunft, Geschlecht, ggf. auch nach ethnischer Gruppe und Religion. Hilfreich zur Beilegung von Interessenkonflikten: Vergrößerung des Kabinetts um Parlamentarische Staatssekretäre o.ä. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

197 ‚Inkompatibilität‘ von Parlamentsmandat und Regierungsamt
oft gefordert, um – wie im Alten Dualismus von konstitutioneller Monarchie und präsidentiellem Regierungssystem – eine ‚wirkliche‘ Gewaltenteilung zwischen Parlament und Regierung herbeizuführen dem parlamentarischen Regierungssytem, wie schon der Name sagt, ganz unangemessen schwächt den Minister gegenüber dem Regierungschef: keine eigenständige Machtbasis im Parlament! führt in der Regel zu Umgehungsstrategien (etwa: ein ‚Ersatzbewerber‘ übernimmt den frei gewordenen Parlamentssitz, tritt ‚im Bedarfsfall‘ zurück, und ‚Nachwahlen‘ bringen den ehemaligen Minister wieder ins Parlament). in einigen Staaten verlangt, in anderen hingegen unterbunden TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

198 Ursprünge der Forderung nach Unvereinbarkeit von Parlamentsmandat und Regierungsamt
Entstehung der neuzeitlichen Gewaltenteilungsvorstellungen während des noch unabgeschlossenen Machtaufstiegs der Parlamente:  Popularisierung von Montesquieus Lehre, das im England des 18. Jhdts. erreichte Gleichgewichtsverhältnis von Parlament und Regierung solle für jedes politische System vorbildlich sein: ‚Exekutive gegen Legislative‘ US-Regierungssystem, entstanden als republikanische Version der englischen Verfassung im späten 18. Jhdt., als Referenzmodell:  vorbildliche ‚Übereinstimmung von normativer Theorie und gelebter Praxis‘ im Fall des präsidentiellen Regierungssystems Theorie und Prägewirkung des Deutschen Konstitutionalismus als monarchischer Form des präsidentiellen Regierungssystems:  Pointe: Für Inkompatibilität waren die Monarchisten – um nämlich die Volksvertretungen von der realen Exekutivmacht fernzuhalten! ‚Natürliche Plausibilität‘ der liberalen Repräsentationsvorstellung:  ‚Der‘ Regierung steht ‚die‘ Vertretung der Regierten gegenüber TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

199 Vertrauensfrage und konstruktives Mißtrauensvotum
Art. 68 [Vertrauensfrage] (1) Findet ein Antrag des Bundeskanzlers, ihm das Vertrauen auszusprechen, nicht die Zustimmung der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages, so kann der Bundespräsident auf Vorschlag des Bundeskanzlers binnen einundzwanzig Tagen den Bundestag auflösen. Das Recht auf Auflösung erlischt, sobald der Bundestag mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen anderen Bundeskanzler wählt. Zwischen dem Antrage und der Abstimmung müssen achtundvierzig Stunden liegen. Art. 67 [konstruktives Mißtrauensvotum] (1) Der Bundestag kann dem Bundeskanzler das Mißtrauen nur dadurch aussprechen, daß er mit der Mehrheit seiner Mitglieder einen Nachfolger wählt und den Bundespräsidenten ersucht, den Bundeskanzler zu entlassen. Der Bundespräsident muß dem Ersuchen entsprechen und den Gewählten ernennen. (2) Zwischen dem Antrage und der Wahl müssen achtundvierzig Stunden liegen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

200 Nutzung der Vertrauensfrage
Der Kanzler kann die Regierungsmehrheit zwingen, sich … allgemein-symbolisch bei einer bestimmten Vorlage, mit der er die Vertrauensfrage verbindet hinter ihn zu stellen. institutioneller Mechanismus: Wer nicht den Sturz der Regierung und Neuwahlen riskieren will, kann sich jetzt dem Bekenntnis zum Kanzler nicht verweigern Zweitfunktion, jedenfalls bis 1983: Mittel, um vorgezogene Neuwahlen herbeizuführen d.h. als Ersatz für ein – nicht gegebenes – ‚Selbstauflösungsrecht‘ des Bundestages TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

201 Anwendung der Vertrauensfrage
politisch erzwungen durch die damals geschürte und seither nicht mehr verschwundene Überzeugung, Koalitionswechsel bedürften einer Legitimierung durch Neuwahlen Oktober / November 1966 – FDP hatte Bundesregierung verlassen – indirekt: SPD stellt Antrag, Bundeskanzler Erhard zur Stellung der Vertrauensfrage aufzufordern; Geschäftsordnungsantrag der CDU/CSU, diesen Antrag für unzulässig zu erklären; dieser Antrag scheitert mit 246 zu 255 Stimmen – womit Erhard faktisch das Mißtrauen ausgesprochen war. Folge: Große Koalition September 1972: Austritt von Abgeordneten aus den Fraktionen von FDP und SPD führt zum Mehrheitsverlust der SPD/FDP-Regierung; konstruktives Mißtrauensvotum war gescheitert; Kanzler Brandt stellt Vertrauensfrage – und die Regierungsmitglieder beteiligen sich nicht an der Abstimmung. Folge: Neuwahl des Bundestages Anfang 1982: schwindender Zusammenhalt in SPD/FDP-Regierung; Kanzler Schmidt stellt Vertrauensfrage; gewinnt – aber der innere Auflösungsprozeß der Koalition war dadurch nicht gestoppt. Folge: Koalitionswechsel der FDP, Regierungswechsel Ende 1982: Kanzler Kohl stellt Vertrauensfrage, bei welcher sich die Abgeordneten der Regierungsmehrheit der Stimme enthalten, um so die der SPD versprochene Neuwahl des Bundestages herbeizuführen. Folge: Quasi-plebiszitäre Bestätigung des Regierungswechsels November 2001: Bundeskanzler Schröder verbindet die Vertrauensfrage mit der Bundestagsabstimmung über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, um die Abgeordneten der Regierungsmehrheit hinter sich zu zwingen und sich nicht auf eine von der Opposition geschaffene Mehrheit stützen zu müssen. Folge: Disziplinierung der eigenen Koalition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Weg zu Neuwahlen Koalitionszerfall

202 Folgen des konstruktiven Mißtrauensvotums
Hürde für Regierungssturz ist sehr hoch: Es muß sich erst eine neue regierungsfähige Mehrheit zusammengefunden haben Konsequenz: Große Regierungsstabilität – ganz anders als in der Weimarer Republik dort in vierzehn Jahren ( ) 17 Kabinette mit durchschnittlicher Amtsdauer von 287 Tagen, und während 58% ihrer Amtszeiten ohne parlamentarische Mehrheit Anwendung: 1972, Rainer Barzel gegen Bundeskanzler Brandt: gescheitert, weil DDR-Geheimdienst zwei Abgeordnete der Union ‚gekauft‘ hatten 1982, Helmut Kohl gegen Bundeskanzler Schmidt: gelungen, weil zuvor die FDP die bisherige Koalition verlassen und mit der Union ein Regierungsbündnis gegründet hatte TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

203 Grundzüge politischer Kontrolle
Kontrollmöglichkeiten werden geschaffen durch ... Organisation von Verantwortlichkeit Gewährleistung des Wirkens von Antizipationsschleifen (Schaffung von ‚Reaktionsstabilität‘ und ‚Erwartungssicherheit‘) durch Einrichtung entsprechender ‚institutioneller Mechanismen‘ Kontrolle funktioniert im wesentlichen ... über ‚Antizipationsschleifen‘, d.h. durch ‚Vorauswirkung‘ (also mittels ‚Vorzeigen der Folterinstrumente und Wissen um deren Folgen, wenn ...‘) auf der Grundlage berechenbarer Interessen durch informelle Prozesse, deren Verläßlichkeit durch formale Regeln und Positionen sichergestellt wird (‚institutionelle Mechanismen‘) unter demokratischen Bedingungen: durch Vorauswirkung der nächsten Wahl oder Abstimmung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

204 ‚Verantwortlichkeit‘
ist die Grundlage von politischer Kontrolle besteht aus folgenden Wirkungszusammenhängen: A muß B auf seine Fragen antworten; er ist ihm ‚verantwortlich‘. B ist völlig frei, mit A‘s Antworten und damit, was er dabei hört, zufrieden zu sein – oder mit den Antworten bzw. mit dem unzufrieden zu sein, was er von A hört . B kann als Reaktion auf A‘s Antworten Dinge tun, die A wünscht oder fürchtet. Also wird A solche Reaktionen antizipieren und – wenn er schon B‘s Fragen nicht ausweichen kann – solche Dinge möglichst unterlassen, über die zu berichten sich für A nachteilig auswirken kann (‚Antizipationsschleife‘, ‚Vorauswirkung der Kontrolle‘) Grundsatz: ‚Verantwortlichkeit darf nicht versickern!‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

205 Institutionelle Mechanismen
sind verläßlich auslösbare und zielgerichtet einsetzbare Handlungsketten, die angeleitet von Interessen entlang von Regeln beruhend auf Positionen und den mit diesen verbundenen Ressourcen in und zwischen Sozialorganisationen zur Erreichung von Zielen genutzt werden können, sofern Interessen-, Struktur- und Verhaltensstabilität für Erwartungssicherheit und verläßlich wirkende Antizipationsschleifen sorgen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

206 ‚Antizipationsschleifen-Politik‘
Wenn ... die Adressaten einer Handlung wissen, daß diese Handlung eintreten und sicher ganz bestimmte Folgen haben wird oder wenn ... der Autor einer Handlung weiß, daß die Adressaten seiner Handlung (darum) ganz sicher auf eine bestimmte Weise reagieren werden dann reicht es für den Autor der Handlung meist aus, seine Handlung nur anzudeuten oder zu symbolisieren, aber nur solange wie ... TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

207 Beispiele für Antizipationsschleifen
Folter: Vorzeigen der Folterwerkzeuge reicht meistens! MAD: ‚Mutual Assured Destruction‘ als zentrales sicherheitspolitisches Konzept im Kalten Krieg ABV: unübersehbare Präsenz von Polizisten im Wohnviertel und auf der Straße zur Prävention von Rechtsverstößen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

208 Grundformen parlamentarischer Regierungskontrolle
öffentlich (meist) schlecht sichtbar unmittelbar effizient (Regierungsmehrheit) Handeln der Regierung Regierungsmehrheit Formen von Kontrolle: Regierungsmehrheit Kontrolle durch Mitregieren ‚optische Täuschung‘ Opposition rechtliche Kontrolle Bürger Opposition Medien / Öffentlichkeit Leistungskontrolle öffentlich gut sichtbar Opposition Medien / Öffentlichkeit Richtungskontrolle effizient (nur) über Antizipation Aufsicht über fremde Amtsführung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

209 Aufsicht über fremde Amtsführung
besteht darin, das Handeln eines anderen an selbstgewählten Maßstäben zu messen anhand dieser Maßstäbe gegebenenfalls (intern oder öffentlich) Kritik zu üben gegebenenfalls auf Korrekturen des kontrollierten Handelns zu drängen möglicherweise angemessene ‚Bestrafungen‘ für Fehlverhalten zu verlangen (‚Sanktionen‘) möglicherweise die Entfernung des Kontrollierten aus dem Amt zu verlangen oder zu bewirken. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

210 Kontrolle durch Mitregieren
Funktionsweise: Wenn A die Unterstützung oder das ‚Mitziehen‘ von B braucht, B solche Unterstützung oder ‚Mitziehen‘ aber auch verweigern kann, dann muß A ‚um B werben‘ und B kontrolliert somit (mehr oder minder weitgehend) A! Einrichtung geeigneter ‚institutioneller Mechanismen‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

211 Richtungskontrolle Die politische Gesamtlinie der Regierung wird kontrolliert. Verläuft unterschiedlich, je nach dem ob vorgenommen von ... Regierungsmehrheit Opposition Öffentlichkeit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

212 Richtungskontrolle durch die Regierungsmehrheit
Die regierungstragende Fraktionen bzw. die einzubeziehenden (Veto-) Gruppen überprüfen, ob der Kurs der Regierung auf dem jeweiligen Politikfeld so ist, wie man ihn für richtig oder wenigstens akzeptabel hält. Falls nicht: In der Fraktion wird signalisiert, daß sich die erwünschte Geschlossenheit nicht herstellen lassen oder die nötige Mehrheit nicht finden wird ( freies Mandat). Folge: Richtungsänderung der – auf Mehrheitsbeschlüsse angewiesenen – Regierungspolitik, oder: Regierungskrise (Rücktritte, Zerfall einer Koalition usw.) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

213 Richtungskontrolle durch Opposition und / oder Öffentlichkeit
Kurs der Regierung wird verglichen mit ... Absichtserklärungen und bekundeten Wertvorstellungen der Regierung eigenen Vorstellungen vom politisch Richtigen Ist besonders wirkungsvoll, wenn ... die Regierung von ihren bekundeten Absichten und Wertvorstellungen abweicht, etwa weil ... die Ziele unrealistisch waren unzureichende Mittel zur Verfügung gestellt wurden ohnehin die Mittel verfehlt waren TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

214 Leistungskontrolle Die konkreten Auswirkungen der Regierungstätigkeit werden kontrolliert: Erreicht die Regierung ihre Ziele wirklich? Arbeitet der Regierungsapparat so zuverlässig und fehlerfrei, wie die Gesellschaft das erwartet? Gibt es unerwünschte, doch unbedachte, Nebenwirkungen der getroffenen Maßnahmen? Verläuft unterschiedlich, je nach dem ob vorgenommen von ... Regierungsmehrheit Opposition Öffentlichkeit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

215 Leistungskontrolle durch die Regierungsmehrheit
Modus: Intern werden die Schwierigkeiten, Probleme, Unzulänglichkeiten und Fehler der Regierungsarbeit erörtert mit dem Versuch, das alles zu verbessern. Zentrales Anliegen: Mißstände abstellen, bevor die Opposition sie an die Öffentlichkeit bringt. Stätten interner Leistungskontrolle: Arbeitsgruppen der Fraktionen, leitende Fraktions- und Parteigremien, Koalitionsausschuß usw. Nach außen: Zurückweisung der Kritik; Bestreiten oder Relativieren der Schwierigkeiten und Mißstände Verweis auf ‚Sündenböcke‘ – idealerweise die frühere, von der Opposition gestellte Regierung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

216 Leistungskontrolle durch die Opposition / Öffentlichkeit
Modus: Möglichst viele (echte und vorgebliche) Schwierigkeiten, Probleme, Unzulänglichkeiten und Fehler der Regierung werden möglichst aufsehenerregend an die Öffentlichkeit gebracht. Doppeltes Anliegen: der Öffentlichkeit und Wählerschaft vor Augen führen, was alles die Regierung falsch macht – weswegen deren Abwahl ratsam wäre; die Regierung zum Unterlassen von für falsch gehaltener Politik zu drängen. Stätte externer Leistungskontrolle: Die Öffentlichkeit – erreicht über Massenmedien, Plenarreden, Wahlkreisarbeit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

217 rechtliche Kontrolle Leitgedanke: Das Handeln der Regierung ist nicht einfach nur – nach eigener Ansicht – in der Sache falsch, sondern widerspricht auch den zu beachtenden Rechtsvorschriften. Stätten der Kontrolle: Verwaltungsgerichte, Verfassungsgericht Formen: altertümlich: Ministeranklage (‚impeachment‘) heute üblich: ‚abstrakte Normenkontrolle‘ ‚Stimmt ein von der Regierungsmehrheit durchgesetztes Gesetz mit der Verfassung überein?‘ Nutzung: für Opposition nicht selten: Fortsetzung des verlorenen parlamentarischen Kampfes in einer anderen Arena für Regierungsmehrheit mitunter: Abwälzung der Verantwortung für eine (unpopuläre) Entscheidung auf das Verfassungsgericht, indem man eine politische Frage in eine Rechtsfrage umwandelt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

218 konkrete parlamentarische Kontrollinstrumente
Haushaltsrecht Nutzung des ‚innerparlamentarischen Pressionspotentials‘ Einforderung von Verantwortung durch ‚Gang an die Öffentlichkeit‘ rechtliche Kontrolle Wichtig: Die Rechte 3 und 4 müssen als Minderheitenrechte (‚Oppositionsrechte‘) ausgestaltet sein! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

219 Haushaltsrecht Ältestes parlamentarisches Kontrollmittel, aus dem alle Macht moderner Parlamente entstand. Funktionsweise: Regierung braucht für ihre Politik Geld. An dieses Geld kommt sie nicht ohne Zustimmung Parlaments in Gestalt von ... Gesetzen über Steuern und Abgaben (‚Steuergesetze‘) jährlichen oder für mehrere Jahre geltenden Haushaltsgesetzen. Alles für ihre Arbeit nötige Geld muß die Regierung darum vom Parlament in Gestalt eines detaillierten Haushaltsplans erbitten, in dem sich somit ihre Politik ‚in Zahlen ausdrückt‘. Folglich besitzt das Parlament einen starken Hebel, um die Regierung verantwortlich zu halten und zu kontrollieren. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

220 Haushaltskontrolle Generell: Vollzug des Bundeshaushaltsplans mit mehreren tausend Seiten und Tausenden von Einzeltiteln überfordert die Kapazität jeder Kontrollinstanz Speziell dafür geschaffenes Organ: Bundesrechnungshof schafft im Jahresdurchschnitt gut 400 Prüfungen – die jedoch für die betroffenen Behörden überaus folgenreich sind nachlaufende Kontrolle, Berichte beziehen sich meist auf vorvergangenes Jahr Beurteilt wird nicht nur die Übereinstimmung der Ausgaben mit dem Haushaltsplan, sondern zunehmend auch deren Wirtschaftlichkeit Kontrolle durch Haushaltsausschuß nachlaufende Kontrolle bei Erteilung der Entlastung für die Haushaltsführung ganz formal ansonsten: mitwirkende Kontrolle bei Haushaltsvorbereitung und Haushaltsdurchführung eigene Rollendefinition: ‚Ausgabenbremse‘ – sowohl gegenüber der Regierung als auch gegenüber den Fachausschüssen, die für ihre Politikfelder ‚viel herausholen wollen‘ Problem: Haushaltspläne der Bundesregierung werden immer wieder verspätet verabschiedet, so daß es zur vorläufigen Haushaltsführung nach Art. 111 GG kommt unerwartete Veränderungen bei Einnahmen und Ausgaben führen zu Dauerrevision des Haushaltsplans TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

221 innerparlamentarisches Pressions-potential: Voraussetzungen
Institutioneller Mechanismus mit folgenden Komponenten: Regel: Es braucht in den Gremien des Parlaments (Arbeitsgruppe und Fraktion, Ausschuß und Plenum) für alle Wahlen und Abstimmungen eine Mehrheit. Position: Jeder Abgeordnete hat ein freies Mandat, das heißt: Seine Stimme kann ihm nicht abgezwungen werden – erst recht nicht bei geheimen Wahlen oder Abstimmungen! Interessen: Individuelle Abgeordnete wollen zumindest die Achtung ihrer Kollegen, in der Regel die Wiederwahl und oft innerfraktionellen Aufstieg. Gruppen von Abgeordneten (etwa: Fraktionen) wollen in der Konkurrenz mit anderen Gruppen lieber gewinnen als verlieren. Parteien – und Abgeordnete als Parteiführer – wollen die nächste Wahl lieber gewinnen als verlieren. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

222 Mehrheitsanforderungen und Pressionspotential
einfache Mehrheit der Abstimmenden (=Normalfall) privilegiert gut organisierte Gruppen erzeugt Mannschaftsgeist absolute Mehrheit der Abstimmungsberechtigten sehr wichtig im parl. Reg.System: ‚Kanzlermehrheit‘! zwingt eine behauptete Mehrheit zum ‚Offenbarungseid‘ Zwei-Drittel-Mehrheit der Abstimmungsberechtigten (Drei-Viertel Mehrheit, Vier-Fünftel-Mehrheit ...) privilegiert in wachsendem Maße Minderheiten und gibt ihnen leicht nutzbare Veto-Macht Einstimmigkeit (in abgeschwächter Form: ‚geschlossenes Abstimmungsverhalten‘ einer Fraktion oder Koalition) führt bis zur Herrschaft von Minderheiten über die Mehrheit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

223 Der ‚Gang an die Öffentlichkeit‘
ohnehin: Pflicht der Bundesregierung, den Bundestag – und damit die Öffentlichkeit – über ihre Amtsführung auf dem laufenden zu halten Der ‚Gang an die Öffentlichkeit‘ sonst … Nirgendwo wird der Kern von ‚Verantwortlichkeit‘ deutlicher: Man braucht auf unangenehme Fragen ‚gute Antworten‘ – oder man verliert an Ansehen und Macht. Formen: ‚Kleine Anfragen‘, sonstige schriftliche und mündliche Fragen an die Regierung Herbeiführung öffentlichkeitswirksamer Plenardebatten (Große Anfragen, Aktuelle Stunden) (skandalisierende Einsetzung von) Untersuchungsausschüssen Öffentlichkeitsarbeit von Abgeordneten, Fraktionen und Parteien: Pressekonferenzen, Presseerklärungen, Auftritte in den Massenmedien medial aufsehenerregende (symbolische) Aktionen Rolle der Massenmedien ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

224 Wie hält die Bundesregierung den Bundestag auf dem laufenden ?
gegenüber regierungstragenden Fraktionen Kanzler und Minister stehen in der Fraktionsvollversammlung, Minister auch in den Arbeitsgruppen der Fraktion Rede und Antwort gegenüber dem Plenum des Bundestages Regierungserklärungen Halbstündige ‚Aktuelle Informationen‘, die auf Wunsch der Bundesregierung auf die Tagesordnung des Bundestages zu setzen sind 10 Minuten Berichterstattung, 20 Minuten Abgeordnetenfragen halbstündige Regierungsbefragung nach der Kabinettssitzung am Mittwoch gegenüber Spitzenpolitikern Informelle, doch offizielle Treffen des Kanzlers mit den Fraktionsvorsitzenden gegenüber der Öffentlichkeit allgemein regelmäßige Auftritte von Regierungsmitgliedern vor der Bundespressekonferenz Öffentlichkeitsarbeit von Regierungsmitgliedern TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

225 Kleine Anfragen schriftlich einzubringen von mindestens fünf Prozent der Abgeordneten, also der Mindeststärke einer Fraktion, oder von einer parlamentarischen Gruppe müssen kurz gefaßt sein und sich auf konkrete Gegenstände beziehen werden von der Regierung binnen 14 Tagen schriftlich beantwortet, als Drucksache veröffentlicht; führen zu keiner Debatte ist der Fragesteller mit der Antwort unzufrieden, so kann die Frage als mündliche Frage oder als Große Anfrage neu gestellt werden die allermeisten Kleinen Anfragen gehen auf Oppositionsabgeordnete zurück. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

226 Opposition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

227 schriftliche Fragen Jeder Abgeordnete kann – über den Bundestagspräsidenten – pro Monat bis zu vier schriftliche Fragen an die Bundesregierung stellen. Ist die Antwort nicht binnen einer Woche eingegangen, kann der Abgeordnete verlangen, daß die Frage in der nächsten Fragestunde des Bundestages zur mündlichen Beantwortung aufgerufen wird. Antwort wird in einer Bundestagsdrucksache veröffentlicht. Gegenstände: meist von regionaler und lokaler Bedeutung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

228 Mündliche Fragen Mittwochs, donnerstags, bisweilen auch freitags findet eine 60- oder 90minütige Fragestunde statt. dort kann jeder Abgeordnete bis zu zwei Fragen stellen, die jeweils in zwei Unterfragen unterteilt sein können. Diese Fragen müssen bis zum Freitag der vorangehenden Woche über den Bundestagspräsidenten eingereicht werden Bei Fragen dringenden öffentlichen Interesses kann der Bundestagspräsident auch Fragen zulassen, die bis 12 Uhr des vorangehenden Tages eingegangen sind. In der Fragestunde nicht erledigte Fragen werden schriftlich beantwortet. Gegenstände: meist von untergeordneter Bedeutung, auf die Wahlkreise der Abgeordneten bezogen und der persönlichen Profilierung dienend. Bei Unzufriedenheit mit der Beantwortung einer mündlichen Frage kann von 5% der Abgeordneten eine Aktuelle Stunde zum Thema durchgesetzt werden. 60-70% der mündlichen Fragen gehen auf Oppositionsabgeordnete zurück. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

229 Opposition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

230 Große Anfragen schriftlich einzubringen von mindestens fünf Prozent der Abgeordneten, also der Mindeststärke einer Fraktion, oder von einer parlamentarischen Gruppe müssen kurz und bestimmt sein; außerdem sind sie zu begründen Bundesregierung hat schriftlich innerhalb von drei Wochen zu antworten (auf Antrag Fristverlängerung möglich) Antwort wird auf die Tagesordnung des Bundestages gesetzt; eine Debatte muß stattfinden, wenn 5% der Abgeordneten das verlangen. Zweck: Herbeiführung möglichst öffentlichkeitswirksamer Debatten über politisch bedeutsame Sachbereiche, wobei … die Opposition die Versäumnisse der Regierung betonen, die Regierungsmehrheit die Leistungen der Regierung herausstellen will. Die allermeisten Großen Anfragen gehen auf Oppositionsfraktionen zurück TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

231 Opposition TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

232 Aktuelle Stunden Kann durch Vereinbarung im Ältestenrat oder auf Verlangen von 5% der Abgeordneten zu Fragen von allgemeinem politischen Interesse auf die Tagesordnung gesetzt werden. Kann im Anschluß an die Behandlung einer mündlichen Frage von der gleichen Minderheit durchgesetzt werden. Dauer: 60 oder 90 Minuten Abgeordnete haben nur 5 Minuten; auch Regierungsmitglieder halten sich an diese Zeit. Mittels ihrer kann das Plenum aktuelle Themen rasch zum Gegenstand seiner Debatten machen. Große Zunahme ihrer Zahl seit 1983. Sind eine der politisch wichtigsten Formen einer Plenardebatte. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

233 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

234 rechtliche Kontrolle Leitgedanke: Das Handeln der Regierung ist nicht einfach nur – nach eigener Ansicht – in der Sache falsch, sondern widerspricht auch den zu beachtenden Rechtsvorschriften. Stätten der Kontrolle: Verwaltungsgerichte, Verfassungsgericht Formen: altertümlich: Ministeranklage (‚impeachment‘) heute üblich: ‚abstrakte Normenkontrolle‘ ‚Stimmt ein von der Regierungsmehrheit durchgesetztes Gesetz mit der Verfassung überein?‘ Nutzung: für Opposition nicht selten: Fortsetzung des verlorenen parlamentarischen Kampfes in einer anderen Arena für Regierungsmehrheit mitunter: Abwälzung der Verantwortung für eine (unpopuläre) Entscheidung auf das Verfassungsgericht, indem man eine politische Frage in eine Rechtsfrage umwandelt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

235 Formale Gesetzesinitiative
Art. 76 (1) Gesetzesvorlagen werden beim Bundestage durch die Bundesregierung, aus der Mitte des Bundestages oder durch den Bundesrat eingebracht. (2) Vorlagen der Bundesregierung sind zunächst dem Bundesrat zuzuleiten. Der Bundesrat ist berechtigt, innerhalb von sechs Wochen zu diesen Vorlagen Stellung zu nehmen. Verlangt er aus wichtigem Grunde, insbesondere mit Rücksicht auf den Umfang einer Vorlage, eine Fristverlängerung, so beträgt die Frist neun Wochen. Die Bundesregierung kann eine Vorlage, die sie bei der Zuleitung an den Bundesrat ausnahmsweise als besonders eilbedürftig bezeichnet hat, nach drei Wochen oder, wenn der Bundesrat ein Verlangen nach Satz 3 geäußert hat, nach sechs Wochen dem Bundestag zuleiten, auch wenn die Stellungnahme des Bundesrates noch nicht bei ihr eingegangen ist; sie hat die Stellungnahme des Bundesrates unverzüglich nach Eingang dem Bundestag nachzureichen. … (3) Vorlagen des Bundesrates sind dem Bundestag durch die Bundesregierung innerhalb von sechs Wochen zuzuleiten. Sie soll hierbei ihre Auffassung darlegen. … [analoge Fristenregelung] TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

236 Gesetzesvorlagen (1949-2000) 3,6% 75,7% 18,4%
Anteile an den tatsächlich verabschiedeten Gesetzen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

237 Gesetzesvorlagen im Zeitverlauf
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

238 Warum liegt die faktische Gesetzes-initiative meist bei der Regierung?
‚Wesentlichkeitstheorie‘ des BVerfG zwingt die Regierung zur aktiven Gesetzgebung bei der Erfüllung der politischen Steuerungsfunktion ! Der Regierung obliegt die Gesamtleitung aller staatlichen Tätigkeiten, keineswegs nur die ‚Ausführung‘ der von einer anderen Institution beschlossenen Gesetze. Regierung ≠ Exekutive! In Deutschland besteht die Regierung u.a. aus den wichtigsten Führern der Parlamentsmehrheit. Darum geht die Gesetzesinitiative nur formal von der Regierung aus, praktisch aber von der parlamentarischen Regierungsmehrheit. Die Regierung arbeitet mit ihrer fachkundigen Ministerialbürokratie das bei der parlamentarischen Regierungsbildung im Koalitionsvertrag festgelegte Gesetzgebungsprogramm ab. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

239 typische Erarbeitung einer Gesetzesvorlage in Deutschland
Beschlußlage der regierungstragenden Partei(en) (Partei- oder Wahlprogramm): Was soll erreicht oder veranlaßt werden? Festlegung im Koalitionsvertrag: Welches Ministerium bringt wann was auf den Weg? Anweisung des zuständigen Ministers an sein Haus, einen entsprechenden Gesetzentwurf unter Beachtung von X und unter Einbeziehung von Y zu erarbeiten idealtypischer Weg: Minister – beamteter Staatssekretär – Abteilungsleiter – Referatsleiter – Referent Erarbeitung des Gesetzesentwurfs im zuständigen Referat (‚Referentenentwurf‘), üblicherweise unter informeller Einbeziehung von … anderen mit dem Gesetzentwurf zu befassenden Referaten und Abteilungen des eigenen Ministeriums oder anderer Ministerien zuständigen Fachpolitikern der regierungstragenden Fraktionen Vertretern der vom Gesetzentwurf betroffenen Verbänden formelle Abstimmung des Gesetzentwurfs mit den anderen einzubeziehenden Ministerien (stets Justizministerium, in der Regel auch Finanzministerium) idealtypischer Weg: Referent  Staatssekretär A-Ministerium  Staatssekretär B,C,D-Ministerium  zuständige Referatsleiter  Staatssekretäre B,C,D-Ministerium  Staatssekretär A-Ministerium  Minister informelle Abstimmung des Gesetzentwurfs mit den regierungstragenden Fraktionen formelle Anforderung von Stellungnahmen der zuständigen Spitzenverbände zum Gesetzentwurf gegebenenfalls Veränderungen des Textes im o.a. Verfahren Verabschiedung der ‚kabinettsreifen‘ Gesetzesvorlage im Kabinett Übersendung der Gesetzesvorlage an den Parlamentspräsidenten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

240 Wann gehen Gesetze auch in Deutschland formal vom Parlament aus?
Einzelne Abgeordnete oder Gruppen von Abgeordneten wollen sich profilieren.  seltenes, meist aussichtsloses symbolisches Handeln eine Oppositionsfraktion will sich profilieren. regierungstragende und oppositionelle Fraktionen bringen einen gemeinsamen Gesetzentwurf ein (‚Gruppenantrag‘). Teile von regierungstragenden und oppositionellen Fraktionen bringen gemeinsame, wechselseitig konkurrierende Gruppenanträge ein. Regierungstragende Fraktion bringt nach Absprache mit der Regierung einen Gesetzentwurf ein, um die von der Verfassung verlangten Beratungsfristen zu verkürzen. Denn: bei Gesetzesinitiative aus der Mitte des Bundestags entfällt der ‚Erste Durchgang‘ im Bundesrat ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

241 Warum legen Oppositionsfraktionen selten Gesetzentwürfe vor?
Sie legen sie nur selten vor, weil ... die Opposition ihren Gesetzentwurf ohnehin nicht durchsetzen kann, die Niederlage also absehbar ist; gerade ein Gesetzentwurf, welcher der Regierungsmehrheit sinnvoll erscheinende Regelungen enthält, zunächst einmal in den Ausschüssen solange angehalten wird, bis die Regierungsmehrheit alles ihr gut Erscheinende in einen eigenen Gesetzentwurf übernommen hat, den sie nach einiger Zeit ihrerseits einbringt, und zu welchem sie dann auch noch öffentlichkeitswirksam die Zustimmung der Opposition einfordert (‚Eigentor‘); ein sorgfältig erarbeiteter Gesetzentwurf sehr viel Arbeitskraft bindet. Sie legen mitunter dennoch Gesetzentwürfe vor, um die eigenen Anliegen konkret und positiv zu formulieren. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

242 Wann kommt es zu unumstrittenen Gruppenanträgen?
bei stark symbolisch aufgeladenen Gesetzesmaterien, bei welchen der parteipolitisch unumstrittene Charakter der zu treffenden Regelung zum Ausdruck gebracht werden soll; bei gesetzlichen Regelungen, die das Parlament als ganzes betreffen, so daß es ein mißliches Symbol wäre, legte ausgerechnet die Regierung einen solchen Gesetzentwurf vor. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

243 Wann kommt es zu konkurrierenden Gruppenanträgen?
Sie kommen vor, wenn ... ein Problem gesetzlich zu regeln ist, dessen Lösungsvorschläge quer zu den von den Parteien / Fraktionen repräsentierten Spannungslinien liegen, es darum nicht möglich ist, in den regierungs-tragenden Fraktionen eine verläßliche Mehrheit zu schaffen, es aber die Chance gibt, quer über die Fraktionen eine Parlamentsmehrheit zu erzielen, sich die gesetzliche Regelung nicht aufschieben läßt. Sie führen stets zu spannenden Debatten und Abstimmungen im Plenarsaal. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

244 Mißverständnisse ‚In solchen Fällen wird der Fraktionszwang aufgehoben!‘ Es gibt gar keinen ‚Fraktionszwang‘! In Wirklichkeit erkennen die Fraktionen nur, daß sich ein Problem nicht anhand der üblichen und bewährten Spielregeln lösen läßt, vor allem nicht anhand der folgenden: ‚Erst Herstellung von Konsens innerhalb der Regierungsmehrheit, dann geschlossenes Auftreten nach außen!‘ Also setzt man akzeptierte Spielregeln für einen konkreten Fall einvernehmlich außer Kraft. ‚Solche Fälle sind Sternstunden des Parlamentarismus!‘ In Wirklichkeit gerät hier die normale parlamentarische Arbeit aus den Fugen und wird äußerst zeitaufwendig. Arbeitete man immer so, ließe sich die Parlamentsarbeit nicht mehr erledigen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

245 Gesetzesberatung durch den Bundesrat
nur bei … Vorlage eines Gesetzesentwurfs seitens der Bundesregierung ‚erster Durchgang‘ im Bundesrat: Beratung und Stellungnahme Text geht über Bundesratspräsidenten an die Bevollmächtigten der Länder beim Bund, die mit ihren Regierungen sowie innerhalb der Gruppen der unions- oder SPD-regierten Länder die Ausschußberatungen vorbereiten in den Ausschüssen Formulierung der Stellungnahme des Bundesrates unter ständiger Rückkoppelung mit den Landesregierungen. Stellungnahme geht an die Bundesregierung, wo sie mitunter zu Änderungen an der Gesetzentwurf führt Überstellung des Gesetzentwurfs – samt der Stellungnahme des Bundesrates an den Bundestag; dort Gesetzesbeschluß. Überstellung des beschlossenen Gesetzes vom Bundestag an den Bundesrat ‚zweiter Durchgang‘ im Bundesrat: Beratung und Gesetzesbeschluß Ausschußarbeit im engen Zusammenwirken mit den Landesregierungen und im Rahmen der unions- und SPD-regierten Länder Plenarbeschluß: gegebenenfalls Anrufung des Vermittlungsausschusses oder Einspruch Zustimmungs- oder Ablehnungsbeschluß TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

246 Beschluß der Bundesgesetze
Art. 77 (erster Teil) (1) Die Bundesgesetze werden vom Bundestage beschlossen. Sie sind nach ihrer Annahme durch den Präsidenten des Bundestages unverzüglich dem Bundesrate zuzuleiten. (2) Der Bundesrat kann binnen drei Wochen nach Eingang des Gesetzesbeschlusses verlangen, daß ein aus Mitgliedern des Bundestages und des Bundesrates für die gemeinsame Beratung von Vorlagen gebildeter Ausschuß einberufen wird. [Vermittlungsausschuß] Die Zusammensetzung und das Verfahren dieses Ausschusses regelt eine Geschäftsordnung, die vom Bundestag beschlossen wird und der Zustimmung des Bundesrates bedarf. Die in diesen Ausschuß entsandten Mitglieder des Bundesrates sind nicht an Weisungen gebunden. Ist zu einem Gesetze die Zustimmung des Bundesrates erforderlich, so können auch der Bundestag und die Bundesregierung die Einberufung verlangen. Schlägt der Ausschuß eine Änderung des Gesetzesbeschlusses vor, so hat der Bundestag erneut Beschluß zu fassen. ‚zweiter Durchgang‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

247 Gesetzesberatung durch den Bundestag
informell: Referentenentwurf mit Fachpolitikern der regierungstragenden Fraktionen bereits abgestimmt ‚Erste Lesung‘ im Plenum bei wichtigen Gesetzen: Grundsatzdebatte, dann … Überweisung an die Ausschüsse (federführender Ausschuß, mitberatende Ausschüsse); in der Regel: nur Überweisung an Ausschüsse ‚Ausschußphase‘ Beratung in den zuständigen Arbeitsgruppen der Fraktionen Ausschußberatungen, meist in zwei ‚Lesungen‘ pro beteiligter Ausschuß Beschlußfassung in den Fraktionsvollversammlungen über das Abstimmungsverhalten in den Ausschüssen und im Plenum nötigenfalls: Beratungen im Koalitionsausschuß Beschlußfassung im Ausschuß über die dem Plenum vorzulegende Fassung des Gesetzentwurfs ‚Zweite Lesung‘ im Plenum Bericht des Berichterstatters über Ausschußberatungen und Beschlußempfehlung Abstimmung über den Gesetzentwurf Artikel für Artikel Möglichkeiten für Änderungsanträge ‚Dritte Lesung‘ im Plenum (meist gleich im Anschluß an die zweite) verschärfte Anforderungen an die Zulässigkeit von Änderungsanträgen Schlußabstimmung über das gesamte Gesetz TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

248 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

249 Der Vermittlungsausschuß
pro Land ein weisungsfreier (!) Vertreter, also 16 ebenso viele Bundestagsabgeordnete, zu Beginn der Wahlperiode proportional zu Fraktionsstärken gewählt jedes Mitglied hat nur einen Stellvertreter Vertreter der Bundesregierung können – und müssen das auf Verlangen des Vermittlungsausschusses – an dessen Sitzungen teilnehmen Vorsitz im vierteljährlichen Wechsel bei einem Bundestags- bzw. Bundesratsmitglied Möglichkeit, mehrere Gesetze in zeitlichem Zusammenhang zu beraten und dergestalt ‚Geschäfte auf Gegenseitigkeit‘ zu ermöglichen am Schluß des Verfahrens: Einigungsvorschlag ‚unechter‘ Einigungsvorschlag dann, wenn die Mehrheit des Vermittlungsausschusses von der Bundestagsopposition gestellt wird und der von ihr beschlossene ‚Einigungsvorschlag‘ keine Chance hat, im Bundestag eine Mehrheit zu finden. scheiterten von 493 Gesetzesvorlagen, derentwegen der Vermittlungsausschuß angerufen wurde, nur 54; zwischen 1990 und 1998 von 43 hingegen 19 ! (‚Zeit des Kohl‘schen Stillstands‘) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

250 Zustimmung oder Einspruch des Bundesrates
Art. 77 (zweiter Teil) (2a) Soweit zu einem Gesetz die Zustimmung des Bundesrates erforderlich ist, hat der Bundesrat, wenn ein Verlangen nach Absatz 2 Satz 1 [Vermittlungsverfahren] nicht gestellt oder das Vermittlungsverfahren ohne einen Vorschlag zur Änderung des Gesetzesbeschlusses beendet ist, in angemessener Frist über die Zustimmung Beschluß zu fassen. (3) Soweit zu einem Gesetze die Zustimmung des Bundesrates nicht erforderlich ist, kann der Bundesrat, wenn das Verfahren nach Absatz 2 beendigt ist, gegen ein vom Bundestage beschlossenes Gesetz binnen zwei Wochen Einspruch einlegen. … (4) Wird der Einspruch mit der Mehrheit der Stimmen des Bundesrates beschlossen, so kann er durch Beschluß der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages zurückgewiesen werden. Hat der Bundesrat den Einspruch mit einer Mehrheit von mindestens zwei Dritteln seiner Stimmen beschlossen, so bedarf die Zurückweisung durch den Bundestag einer Mehrheit von zwei Dritteln, mindestens der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

251 zustimmungsbedürftige Gesetze
absolutes Veto Rest: ‚Einspruchsgesetze‘; suspensives Veto laut GG nach Enumerationsprinzip Verfassungsänderungen alle, die das Bund/Länder-Verhältnis berühren, nämlich Bundesgesetze, … die durch die Länder auszuführen sind und Regelungen zur Behördenorganisation, zum öffentlichen Dienst oder zum Verwaltungsverfahren enthalten (Art. 74a, 80-85, 104a, 108, 120a GG) die Steuern mit Länderanteilen, den Finanzausgleich, die Finanzverwaltung, im übrigen die Finanzen der Länder betreffen (Art , 134, 135 GG) oder die für Bund und Länder gemeinsamen Haushaltsgrundsätze (Art. 109 GG) zu den Gemeinschaftsaufgaben (Art. 91 GG) welche die Ausübung von Bundesgerichtsbarkeit durch die Gerichte der Länder regeln (Art. 96 GG) die Gebietsstände verändern (Art. 27,7 GG), Hoheitsrechte übertragen oder die Ländermitwirkung an der EU betreffen (Art. 23 GG) die Regelungen für den Verteidigungsfall oder den Gesetzgebungsnotstand vorsehen (Art. 115 und 81 GG) ferner: Ausübung des Bundeszwanges; Liste der ‚verfolgungsfreien‘ Staaten im Sinne des Asylartikels (16a GG) auch Novellierungen von zustimmungsbedürftigen Gesetzen gelten als zustimmungsbedürftig, selbst wenn die novellierte Norm selbst nicht zustimmungsbedürftig wäre !  Streit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

252 Dauerstreit um die Zustimmungsbedürftigkeit
Reaktion der Regierungsmehrheit: Aufspaltung von Gesetzgebungs-vorhaben in zwei ‚Pakete‘: zustimmungsbedürftig nicht zustimmungsbedürftig Folge: inkonsistente Rechtslagen Dauerstreit um die Zustimmungsbedürftigkeit ergibt sich … einesteils aus der Natur der Sache: nicht restlos klare Abgrenzungen andernteils aus der Nutzung des Bundesrates als ‚zweite Opposition‘ durch das Wahlvolk: bei ‚oppositioneller Mehrheit‘ im Bundesrat ist es schon wichtig, ob diese Institution im konkreten Gesetzgebungsfall ein absolutes oder nur ein suspensives Vetorecht hat! faktisch seit 1949 rund 10% aller Gesetze hinsichtlich ihrer Zustimmungsbedürftigkeit umstritten Was dann tun? Entscheidungskette: Bundestag: beschließt ggf. Gesetz wie ein nicht zustimmungsbedürftiges Bundespräsident: unterzeichnet ggf. Gesetz auch ohne Zustimmung des Bundesrates Bundesverfassungsgericht (nach Klage des Bundesrates): entscheidet ‚verfestigter Schwebezustand‘ seit Verfassungsgerichtsurteil von 1974: Bundesrat kann Zustimmung zu einem Gesetz auch dann verweigern, wenn „er nur mit der materiellen Regelung nicht einverstanden ist“ ein Änderungsgesetz, das Durchführungsregeln unberührt läßt, die das ursprüngliche Gesetz eines zustimmungsbedürftig machten, ist seinerseits schon dann zustimmungsbedürftig, „wenn durch die Änderung materiell-rechtlicher Normen die nicht ausdrücklich geänderten Vorschriften über das Verwaltungsverfahren bei sinnorientierter Auslegung ihrerseits eine wesentlich andere Bedeutung und Tragweite erfahren“ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

253 Ausfertigung der Bundesgesetze
zuvor: Grobe Prüfung auf prozedurale und inhaltliche Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes (= ‚staatsnotarielle Funktion‘) Ausfertigung der Bundesgesetze Art. 78 Ein vom Bundestage beschlossenes Gesetz kommt zustande, wenn der Bundesrat zustimmt, den Antrag gemäß Artikel 77 Abs. 2 [Vermittlungsverfahren] nicht stellt, innerhalb der Frist des Artikels 77 Abs. 3 keinen Einspruch einlegt oder ihn zurücknimmt oder wenn der Einspruch vom Bundestage überstimmt wird. Art. 82 (1) Die nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes zustande gekommenen Gesetze werden vom Bundespräsidenten nach Gegenzeichnung ausgefertigt und im Bundesgesetzblatte verkündet. Rechtsverordnungen werden von der Stelle, die sie erläßt, ausgefertigt und vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung im Bundesgesetzblatte verkündet. (2) Jedes Gesetz und jede Rechtsverordnung soll den Tag des Inkrafttretens bestimmen. Fehlt eine solche Bestimmung, so treten sie mit dem vierzehnten Tage nach Ablauf des Tages in Kraft, an dem das Bundesgesetzblatt ausgegeben worden ist. Dauer des Gesetzgebungsverfahrens? In ganzen sechs Fällen unterzeichnete der Bundespräsident ein Gesetz nicht TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

254 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

255 Beispiele für nicht unterzeichnete Gesetze
1991 v. Weizsäcker: Privatisierung der Flugsicherung, da – dem öfffentlichen Dienst vorbehaltene – hoheitliche Aufgabe 1962 Lübke: Gesetz zum Belegschaftshandel wegen inhaltlichen Verstoßes gegen das Grundrecht auf freie Berufswahl 1976 Scheel: Gesetz zur Wehrdienstverweigerung wegen fehlender Zustimmung des Bundesrates Begründungen: Verstoß gegen grundgesetzliche Verfahrensvorschriften Verstöße gegen die vom GG gesetzte Verfassungsordnung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

256 Rechtsverordnungen Art. 80
(1) Durch Gesetz können die Bundesregierung, ein Bundesminister oder die Landesregierungen ermächtigt werden, Rechtsverordnungen zu erlassen. Dabei müssen Inhalt, Zweck und Ausmaß der erteilten Ermächtigung im Gesetze bestimmt werden. Die Rechtsgrundlage ist in der Verordnung anzugeben. … (2) Der Zustimmung des Bundesrates bedürfen … Rechtsverordnungen auf Grund von Bundesgesetzen, die der Zustimmung des Bundesrates bedürfen oder die von den Ländern im Auftrage des Bundes oder als eigene Angelegenheit ausgeführt werden. (3) Der Bundesrat kann der Bundesregierung Vorlagen für den Erlaß von Rechtsverordnungen zuleiten, die seiner Zustimmung bedürfen. (4) Soweit durch Bundesgesetz oder auf Grund von Bundesgesetzen Landesregierungen ermächtigt werden, Rechtsverordnungen zu erlassen, sind die Länder zu einer Regelung auch durch Gesetz befugt. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

257 Grenzen der Macht des Bundestages
Haushaltswesen Bundesregierung hat Vetorecht gegen Parlamentsbeschlüsse, die Einnahmen mindern oder Ausgaben erhöhen 1969 ins Grundgesetz eingefügt, nachdem zuvor die FDP-Opposition zusammen mit Teilen des Regierungslagers mehrfach populäre und ausgabenträchtige Beschlüsse durchgesetzt hatte Internationale Beziehungen Recht auf Abschluß von Verträgen liegt bei der Regierung Bundestag kann nur bei der – zur Gültigkeit eines Vertrags führenden – Ratifikation mitsprechen dabei allerdings reduziert auf Annahme oder Ablehnung; Änderungen des Vertrages selbst sind unmöglich; ggf. Voranstellung einer interpretierenden Präambel Es hängt vom Willen der Regierung ihrer Parlamentsmehrheit ab, wie und wie stark bei der Aushandelung eines internationalen Vertrags die Sichtweisen des Bundestages einbezogen werden Gesetzgebungsnotstand Unwilliger Bundestag wird für begrenzte Zeit durch den Bundesrat ‚ersetzt‘ Notstandsfall An die Stelle des versammlungsunfähigen Bundestages tritt der ‚Gemeinsame Ausschuß‘ der Notstandsverfassung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

258 Gesetzgebungsnotstand
Art. 81 (1) Wird im Falle des Artikels 68 [verneinte Vertrauensfrage] der Bundestag nicht aufgelöst, so kann der Bundespräsident auf Antrag der Bundesregierung mit Zustimmung des Bundesrates für eine Gesetzesvorlage den Gesetzgebungsnotstand erklären, wenn der Bundestag sie ablehnt, obwohl die Bundesregierung sie als dringlich bezeichnet hat. Das gleiche gilt, wenn eine Gesetzesvorlage abgelehnt worden ist, obwohl der Bundeskanzler mit ihr den Antrag des Artikels 68 verbunden hatte. (2) Lehnt der Bundestag die Gesetzesvorlage nach Erklärung des Gesetzgebungsnotstandes erneut ab oder nimmt er sie in einer für die Bundesregierung als unannehmbar bezeichneten Fassung an, so gilt das Gesetz als zustande gekommen, soweit der Bundesrat ihm zustimmt. Das gleiche gilt, wenn die Vorlage vom Bundestage nicht innerhalb von vier Wochen nach der erneuten Einbringung verabschiedet wird. (3) Während der Amtszeit eines Bundeskanzlers kann auch jede andere vom Bundestage abgelehnte Gesetzesvorlage innerhalb einer Frist von sechs Monaten nach der ersten Erklärung des Gesetzgebungsnotstandes gemäß Absatz 1 und 2 verabschiedet werden. Nach Ablauf der Frist ist während der Amtszeit des gleichen Bundeskanzlers eine weitere Erklärung des Gesetzgebungsnotstandes unzulässig. (4) Das Grundgesetz darf durch ein Gesetz, das nach Absatz 2 zustande kommt, weder geändert noch ganz oder teilweise außer Kraft oder außer Anwendung gesetzt werden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

259 Aufgaben einer Regierung
Steuerungsfunktion = Regierung als Ausübung allgemeiner politischer Führung hier insbesondere: Pflicht zur Prärogative, d.h.: zum staatlichen Handeln, wann immer solches Handeln nötig ist Durchführungsfunktion = Anwendung und Durchsetzung jener allgemein verbindlichen Regelungen und Entscheidungen, die ein politisches System hervorgebracht hat hier: Regierung als ‚Verwaltungsführung‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

260 politische Führung … … verlangt im einzelnen:
den politischen Willen der Parlamentsmehrheit in die Form von Gesetzesvorschlägen zu bringen und diese durchzusetzen den meist nur in Form allgemeiner Überzeugungen bestehenden Willen der Parlamentsmehrheit konkretisierend mitzuformen über Einzelfallentscheidungen hinaus eine konsistente Politik zu entwickeln, bei der die eine Maßnahme nicht dem entgegenwirkt, was eine andere Maßnahme bezweckt den Rahmen der finanziellen Möglichkeiten nicht zu sprengen auf Nachhaltigkeit (‚aufrechterhaltbare Entwicklung‘) auszugehen für das alles Unterstützung zu sichern in … Parteien Interessengruppen Medien Bevölkerung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

261 Die Bundesregierung: Zusammensetzung
Kanzlerprinzip i Ressortprinzip i Kabinettsprinzip i Art. 62 Die Bundesregierung besteht aus dem Bundeskanzler und aus den Bundesministern Art. 65 Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung. Innerhalb dieser Richtlinien leitet jeder Bundesminister seinen Geschäftsbereich selbständig und unter eigener Verantwortung. Über Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bundesministern entscheidet die Bundesregierung. Der Bundeskanzler leitet ihre Geschäfte nach einer von der Bundesregierung beschlossenen und vom Bundespräsidenten genehmigten Geschäftsordnung. i TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

262 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland
36 Jahre CDU-Kanzler, 18 Jahre SPD-Kanzler Konrad Adenauer, 14 Jahre Ludwig Erhard, 3 Jahre Kurt Georg Kiesinger, 3 Jahre Willy Brandt, 5 Jahre Helmut Schmidt, 8 Jahre Helmut Kohl, 16 Jahre Gerhard Schröder („Acht Jahre sind genug!“) TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

263 ‚Verantwortlichkeit‘
ist die Grundlage von politischer Kontrolle besteht aus folgenden Wirkungszusammenhängen: A muß B auf seine Fragen antworten; er ist ihm ‚verantwortlich‘. B ist völlig frei, mit A‘s Antworten und damit, was er dabei hört, zufrieden zu sein – oder mit den Antworten bzw. mit dem unzufrieden zu sein, was er von A hört . B kann als Reaktion auf A‘s Antworten Dinge tun, die A wünscht oder fürchtet. Also wird A solche Reaktionen antizipieren und – wenn er schon B‘s Fragen nicht ausweichen kann – solche Dinge möglichst unterlassen, über die zu berichten sich für A nachteilig auswirken kann (‚Antizipationsschleife‘, ‚Vorauswirkung der Kontrolle‘) Grundsatz: ‚Verantwortlichkeit darf nicht versickern!‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

264 Anzahl der Bundesminister
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

265 der Bundesminister TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

266 der Bundesminister TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

267 Kanzlerprinzip Bundeskanzler …
stilbildend für Deutschland: Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler Kanzlerprinzip entsteht als Organisationstyp gemeinsam mit dem parlamentarischen Regierungssystem Bundeskanzler … schlägt dem Bundespräsidenten die Bundesminister zur Ernennung oder Entlassung vor niemand wird oder bleibt Minister gegen den ausdrücklichen Willen des Kanzlers große Gestaltungsmöglichkeiten innerhalb der eigenen Partei bzw. Fraktion allerdings: Notwendigkeit, das Kabinett nach Regionen, Parteiflügeln, Geschlechterproporz, Verdiensten und Kompetenzen usw. auszubalancieren (sehr) geringe Einflußmöglichkeiten auf die Ministerauswahl beim Koalitionspartner hat die Organisationsgewalt über die Bundesregierung: legt Zahl und Zuschnitt der Ministerien durch Erlaß fest Richtlinienkompetenz – wirksam dann, wenn nicht ausdrücklich davon Gebrauch gemacht; unnütz dann, wenn der Kanzler sich auf sie ausdrücklich beruft tatsächlicher Spielraum des Kanzlers hängt ab von … Machtposition des Kanzlers in seiner Partei Koalitionskonstellation persönliche Autorität des Kanzlers: Arbeitsfähigkeit und ‚Händchen‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

268 Kabinettsprinzip (‚Kollegialitätsprinzip‘)
Herkunft: Absolutismus nicht der Bundeskanzler, sondern nur das Bundeskabinett als ganzes agiert förmlich nach außen als ‚Bundesregierung‘ Gesetzgebung, Erlaß von Rechtsverordnungen Anrufung des Bundesverfassungsgerichts Änderung des Haushaltsplans (Mehrheits-) Entscheidung bei Meinungsverschiedenheiten zwischen Ministern Befassung mit den Vorschlägen zur Ernennung politischer und höherer Beamter des Bundes TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

269 Ressortprinzip in den Ministerien spiegeln sich die Handlungsfelder des Staates Minister hat Gestaltungsmöglichkeiten für das Staatshandeln auf diesen Gebieten politisch wichtigste Ministerien: Finanzen Wirtschaft und Soziales Inneres Auswärtiges Verteidigung Vernetzung von Ministerien mit gesellschaftlichem Sachverstand bzw. Interessengruppen: rund 300 Beratungsgremien der Ministerien mit knapp 3000 Mitgliedern, davon besonders viele im Bereich Wirtschaft, Soziales und Forschung ! hinzu kommen aber, die Ressortzuständigkeit oft überlagernd, … eine Vielzahl von ‚Beauftragten‘ der Bundesregierung (Ausländerwesen, Behinderte, Frauen, Menschenrechte …): symbolische Repräsentation von Problembereichen Kommissionen (‚Hartz‘, ‚Rürup‘ …), ferner bei einzelnen Ministerien oder beim Bundeskanzleramt angesiedelte Räte (‚Nationaler Ethikrat‘), die öffentliche Aufmerksamkeit und praktizierte Verantwortung von den Ressorts abziehen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

270 Die Bundesregierung: besondere Rollen
Art. 69 (1) Der Bundeskanzler ernennt einen Bundesminister zu seinem Stellvertreter. Art. 65a Der Bundesminister der Verteidigung hat die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte. Art. 115b Mit der Verkündigung des Verteidigungsfalles geht die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte auf den Bundeskanzler über. Geschäftsordnung der Bundesregierung: Justizminister prüft die Vereinbarkeit aller Gesetze und Rechtsverordnungen mit Bundesrecht vor deren Vorlage im Bundeskabinett Finanzminister hat Vetomöglichkeiten gegen alle finanzwirksamen Regelungen und kann darin nur vom Bundeskanzler überstimmt werden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

271 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

272 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J
TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

273 Was ist davon zu halten? Wofür gibt die Regierung unser Geld aus?
‚Warum fangen wir mit dem Sparen nicht bei den Abgeordneten an?‘ ‚kapitalistischer Ausbeuterstaat!‘ ‚Öffentliche Investitionen stärken!‘ ‚Lieber Butter als Kanonen! Und wo bleibt die Friedensdividende?‘ ‚Soziale Kälte geht durch diese Ellenbogengesellschaft!‘ ‚Man kann doch soziale Gerechtigkeit nicht vom verfügbaren Geld abhängig machen!‘ „Kohls Schulden?“ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

274 Nettoneuverschuldung und Bundeshaushalt
Paradigmenwechsel in der deutschen Finanzpolitik Ölpreiskrisen Keynesianismus (‚deficit spending‘) Entstehung des Ziels ‚ausgeglichenes Budget‘ Wiedervereinigung Schmidt Brandt Kohl I Kohl II TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

275 Staatsverschuldung seit 1981 in Anteilen des Bruttoszozialprodukts
verschuldungsbegrenzende Reformen: Wahlen verloren! ‚Kohls Schulden‘ Was tun? Finanzierung von Wiedervereinigung und Aufbau Ost Kritik damals: ‚Die Regierung tut zu wenig!‘ Konsolidierung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

276 Leitungsstruktur einer bundesdeutschen Regierung
Kabinett Staatskanzlei, Kanzleramt o.ä. Regierungs- chef Minister Leitungsebene Arbeitsebene Ministerien nachgeordnete Verwaltungsbehörden TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

277 Aufbau eines Ministeriums
rein (partei-) politischer Bereich ‚Leitungsebene‘ Minister Ministerbüro Regierung als politische Führung pers. Büro Beamteter Staatssekretär pers. Büro Parlamentarischer Staatssekretär Abteilung I Abteilung II Abteilung III Referat I1 Referat I2 Referat I3 politische Beamte normale Beamte ‚Arbeitsebene‘ Referenten Regierung als Verwaltungsführung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

278 Herausforderungen bei der Leitung des Regierungsapparats
zentrale Einheit: Referate derzeitige Anzahl der Referate innerhalb der Bundesregierung: ca. 1800 Wie lassen diese sich zur Durchführung einer in sich schlüssigen Politik vernetzen? aktive Rolle nach ‚Auftragstaktik‘ bei Referatsleitern Koordinierungs- und Kontrollfunktion auf den Leitungsebenen formelle Einhaltung des Dienstwegs (= ‚Querkommunikation‘ nur über die Vorgesetzten), um die jeweils zuständige Leitungsebene einzubeziehen und Verantwortlichkeit zu sichern informelle Querverbindungen in der praktischen Arbeit Setzung von Anreizen durch gezielte Beförderungspolitik TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

279 Das Bundeskanzleramt Reichskanzlei von 1918: ganze 25 Personen, darunter nur vier höhere Beamte Bundeskanzleramt: seit Brandt und Schmidt im Umfang eines mittleren Ministeriums 1994: 510 Mitarbeiter Aufgabe: Information des Kanzlers, Vorbereitung seiner Entscheidungen, Koordinierung der Bundesministerien, Sekretariat der Bundesregierung Struktur: ‚Spiegelreferate‘ zu den einzelnen Ministerien Querschnittsreferate und Stäbe regelmäßige Konferenz der Staatssekretäre der Ministerien unter Leitung des Chefs des Kanzleramtes ferner dem Kanzler unterstellt: Bundesnachrichtendienst Presse- und Informationsamt der Bundesregierung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

280 Aufgaben eines Regierungschefs
nachhaltige Ausrichtung der Regierungstätigkeit auf selbst gesetzte, sich aus aktuellen Entwicklungen oder aus der Natur der Sache ergebende Ziele Koordination der gesamten Regierungstätigkeit rechtzeitiges Erkennen und Entschärfen von Sach-, Finanz- und Personalkonflikten zwischen den Ressorts in Demokratien überdies: Sicherstellung der politischen Unterstützung der Regierungsarbeit in ... regierender Partei / Koalition Parlament Medien Bürgerschaft vielfältige, auch unauflösbare Widersprüche möglich! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

281 Aufgaben eines Ministers
Kenntnis der Regelungsmaterien seines Hauses und ihrer realen Funktionszusammenhänge Überblick zu aktuellen Problemlagen und Reaktionsbereitschaft Führung der Mitarbeiter im Ministerium mit persönlicher Autorität unterstützungssicherndes Kontakthalten mit ... anderen Ministern und Regierungschef fachlich und allgemein wichtigen Parlamentariern eigener Partei einschlägigen Interessenverbänden Medien und Öffentlichkeit Durchsetzung der seinem Ministerium anvertrauten Interessen gegenüber den anderen Ministerien, ohne es an Mannschaftsgeist fehlen zu lassen das alles unter den Augen der Opposition, innerparteilicher Konkurrenten sowie kritischer Massenmedien! Scheitern ist wahrscheinlicher als Erfolg! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

282 Amtszeitbegrenzungen wirklich nötig?
1/4 Amtszeitbegrenzungen wirklich nötig? 1/4 1/4 1/4 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

283 Arbeitsweise der Bundesregierung
Prägefaktor: große Komplexität der Themen bei drückender Zeitnot der Regierungsmitglieder Umlaufverfahren zwischen Ministerien und Kanzleramt ‚Plenarsitzungen‘ des Kabinetts, jeden Mittwochvormittag Teilnehmer: Mitglieder der Bundesregierung Chefs von Bundespräsidialamt, Bundespresseamt usw. auf Einladung des Kanzlers: Mitglieder der Koalitionsfraktionen (Vorsitzende, Fachpolitiker …) fallweise längere Klausursitzungen für die Beratung größerer Sachkomplexe Kabinettsausschüsse interministerielle Ausschüsse Koalitionsausschüsse, ‚Elefantenrunden‘ Vorklärung und Vorentscheidung TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

284 dort auch Kabinettsmitglieder persönlich anwesend und nicht durch Staatssekretäre oder Ministerialbeamte vertreten TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

285 Merkmale einer Kabinettssitzung
Ablauf Beschluß von Gesetzes-, Verordnungs-, Berichts- und Antwortvorlagen, die keiner mündlichen Erörterung bedürfen Erörterungen und Entscheidungen zu diskussionsbedürftigen Gesetzentwürfen, Personalangelegenheiten, zur internationalen Lage und zur Situation im Bundesrat Art und Ausmaß der Beratungen hängt vom Leitungsstil des Kanzlers ab Beschlüsse in der Regel einhellig; Zustimmung gilt als gegeben, wenn kein Widerspruch laut wird Grund 1: Erst dann wird etwas zur Beschlußfassung auf die Tagesordnung der Bundesregierung gesetzt, wenn Meinungsverschiedenheiten zwischen Ministerien und Kanzleramt ausgeräumt sind (‚Kabinettsreife einer Vorlage‘) Grund 2: Da kleinere Koalitionspartner stets überstimmt werden können, wollen sie genau das vermeiden. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

286 Schwächen des Kabinetts
aus der Oppositionsrolle oft kritisiert – und dann, nach Zahlung von Lehrgeld, selbst nachgeahmt Schwächen des Kabinetts eher Ratifikationsorgan als Stätte der Führungsdiskussion, weil … Doppelfunktion als ‚Versammlung selbständiger Behördenleiter‘ und als politisches Führungsorgan Stars/Leistungsträger vs. ‚Quotenfüller‘ zu viele Mitglieder andere parallele, oft sogar weichenstellende Machtzentren: Führungsorgane der regierungstragenden Fraktionen bzw. Parteien Koalitionsgremien: Koalitionsausschuß, Koalitionsgespräche, ‚Elefantenrunden‘ informelles Regieren effektiver, da ... keine Zuständigkeitsregeln: nichts Zweitrangiges, alles mit allem verknüpfbar und verhandelbar keine Geschäftsordnung: ungezwungen und flexibel keine Gewaltenteilung: optimale Bündelung der einflußreichsten Politiker und zielführendsten Maßnahmen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

287 Instrumente des Regierens
rechtliche Maßnahmen Änderung von alten oder Erlaß von neuen Verwaltungsvorschriften, Rechtsverordnungen, Gesetzen, Verfassungsbestimmungen Förderprogramme Bereitstellung von Geldern erhältlich auf Antrag ‚nur die Zielgruppe des Programms erfüllt die für die Antragstellung qualifizierenden Merkmale‘ zweckgebunden ausgereicht für jene Handlungen der Antragsteller, die durch das politisch gewollte Förderprogramm bewirkt werden sollen typische Probleme jener Instrumente rechtliche Maßnahmen: Unübersichtlichkeit, Widersprüchlichkeit, schwierige Anwendbarkeit der neuen oder veränderte Vorschriften Förderprogramme: Mitnahmeeffekte, Subventionsdoping, Unterschwelligkeit TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

288 Der Prozeß des Regierens
besser: Lernen aus ‚Versuch und Irrtum‘ Der Prozeß des Regierens Programmbildung Programmvollzug Ideologie Vorabschätzung der Handlungsalternativen Wirkungskontrolle Problemwahrnehmung politisches Lernen Wirtschaft Verkehr Bildung Gesellschaft und ihre ‚Politikfelder‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt Ergebnis: schlechtes Regieren (‚bad governance‘)

289 typische Probleme beim Regieren
Mißverhältnis zwischen Bedarf und Verfügbarkeit öffentlicher Problemwahrnehmung: ‚Erst muß alles noch schlimmer werden, bevor man die Leute für eine Lösung hinter sich bekommt!‘ Mißverhältnis zwischen Langfristigkeit des Problems und Kurzfristigkeit der Lösungserwartung Mißverhältnis zwischen den erforderlichen und den verfügbaren Mitteln widersprüchliche Expertenmeinungen und deren taktische Nutzung ungeplante Folgen geplanter Handlungen ideologisch-voluntaristische Wirklichkeitskonstruktion (‚Plastilin-Theorie‘) vs. Biotop-Theorie der Politik Mißverhältnis zwischen den Erfordernissen von Interessenausgleich und Mehrheitsbildung einerseits und zielführenden Handlungsmöglichkeiten andererseits Reibungsverluste zwischen politische Unterstützung sichernder symbolischer Politik und problemlösender instrumenteller Politik TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

290 ‚Plastilin-Theorie‘ der Politik
Der Gegenstand politischer Gestaltung ist die Operationswirklichkeit. z.B.: eine Volkswirtschaft Die Operationswirklichkeit ist formbar wie Plastilin. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich so zum Funktionieren bringen, wie man will Politiker sind jene Leute, welche das Plastilin der Operationswirklichkeit zu formen haben. z.B.: Die Politiker haben eine Volkswirtschaft so auszuformen, daß die Wirtschaftssubjekte nicht mehr auf eigenen Vorteil ausgehen. Wenn sich das Plastilin nicht so formen läßt, wie man das gerne hätte, dann liegt das daran, daß man sich nicht ausreichend angestrengt und noch nicht ‚den richtigen Dreh‘ gefunden hat. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich sehr wohl so ausgestalten, daß die Wirtschaftssubjekte nicht mehr auf eigenen Vorteil ausgehen. Wir wissen nur noch nicht, wie man das genau macht – und brauchen darum ein neues, energisch vorangetriebenes Gesellschafsexperiment! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

291 ‚Biotop-Theorie‘ der Politik
Der Gegenstand politischer Gestaltung ist die Operationswirklichkeit. z.B.: eine Volkswirtschaft Die Operationswirklichkeit ist wie ein Biotop. z.B.: Eine Volkswirtschaft ist wie ein Biotop. Sie hat eingespielte Regelkreisläufe, in die man sehr wohl eingreifen kann, doch dabei ganz unerwartete Nebenwirkungen erzeugen und möglicherweise das ganze Biotop ‚zum Umkippen‘ bringen mag. Politiker sind jene Leute, welche das Biotop der Operationswirklichkeit zu kultivieren haben, d.h.: Sie sollen es gemäß den Wertvorstellungen seiner menschlichen Mitbewohner modifizieren, doch nicht zerstören! z.B.: Sie haben eine Volkswirtschaft so auszuformen, daß die Wirtschaftssubjekte zwar wie immer auf eigenen Vorteil ausgehen, doch daraus für möglichst viele etwas möglichst Nützliches entsteht. Wenn sich das Biotop nicht so verändern läßt, wie man das gerne hätte, dann liegt das möglicherweise daran, daß das aufgrund der funktionslogischen Zusammenhänge im Biotop eben nicht geht. z.B.: Eine Volkswirtschaft läßt sich vielleicht gar nicht so ausgestalten, daß die nach einer bestimmten Zeit realisierten Vorteile der einzelnen Wirtschaftssubjekte sich gleich oder gerecht verteilen. TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

292 Prägefaktoren des Regierens – nicht nur in Deutschland
Takt und erwartete Ergebnisse von Wahlen Antizipation von Wählerreaktionen auf Regierungshandeln ‚Durchwursteln‘ bis zum nächsten wichtigen Wahltermin Vorliegen und Ausgestaltung bundesstaatlicher Strukturen Mischföderalismus und Politikverflechtungsfalle Politikblockaden im bundesstaatlichen Institutionensystem Gepflogenheiten massenmedialer Berichterstattung sowie Struktur und Eigendynamik öffentlicher Meinung Negativismus und personalisierende Skandalisierung Themenkarrieren und Rede- bzw. Schweigespiralen transnationale Verflechtung im Zeitalter der Globalisierung Ende nationalstaatlich wirksamer Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik Migration von Kapital und Menschen – je nach Rahmenbedingungen wünschenswerter Übergang zu ‚global governance‘ mittels ‚internationaler Regime‘ TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

293 Warum ist politische Führung so schwierig?
kontroverse Lagebeurteilungen kontroverse Zielvorgaben ( Pluralismus) Notwendigkeit von Interessenausgleich und Mehrheitsbildung als Folge von Interessenausgleich: einander praktisch ausschließende Zielvorgaben (‚Butter UND Kanonen‘!) Reaktionsverzögerungen und komplexe, unerwartete und neues Handeln erfordernde Nebenwirkungen Handeln unter den Bedingungen der Mediendemokratie Handeln und dem Damokles-Schwert von Renominierung und Wiederwahl ‚Genies sind selten‘ – und nicht umsonst! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

294 Gehälter von Managern FAZ Nr. 198, , S. 11 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

295 Jahresgehälter ausgewählter politischer Amtsträger (Stand 2000, in DM)
Amtsgehalt: Grundgehalt plus Dienstaufwands-entschädigung Einkommen aus Mandat: Diäten plus Aufwandspauschale Gesamt-einkommen in DM Bundeskanzler Bundesminister Ministerpräsident Sachsen 97.164 Parlamentarischer Staatssekretär (Bund) Minister Sachsen Abteilungsleiter Bundesministerium (Ministerialdirektor) Zahlen sind nicht ganz exakt! Von wem erwartet man eigentlich die Lösung ‚aller Probleme‘? Chef SIEMENS: Dollar im Jahr 2001 TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

296 Der Bundespräsident: Wahl
kein präsidentielles Regierungssystem KEINE starke Stellung des Präsidenten Art. 54 (1) Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. Wählbar ist jeder Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat. (2) Das Amt des Bundespräsidenten dauert fünf Jahre. Anschließende Wiederwahl ist nur einmal zulässig. (3) Die Bundesversammlung besteht aus den Mitgliedern des Bundestages und einer gleichen Anzahl von Mitgliedern, die von den Volksvertretungen der Länder nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt werden. (4) Die Bundesversammlung tritt spätestens dreißig Tage vor Ablauf der Amtszeit des Bundespräsidenten, bei vorzeitiger Beendigung spätestens dreißig Tage nach diesem Zeitpunkt zusammen. Sie wird von dem Präsidenten des Bundestages einberufen. … (6) Gewählt ist, wer die Stimmen der Mehrheit der Mitglieder der Bundesversammlung erhält. Wird diese Mehrheit in zwei Wahlgängen von keinem Bewerber erreicht, so ist gewählt, wer in einem weiteren Wahlgang die meisten Stimmen auf sich vereinigt. keine direkte demokratische Legitimation durch das Volk keine Programmvorstellung oder Rechenschaftslegung vor dem Wahlgremium TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

297 alle waren aktive (Partei-)Politiker !
inzwischen: ‚Bundespräsidentenwahlkampf‘ in Verbindung mit Forderungen, den Präsidenten vom Volk wählen zu lassen und ihm mehr Befugnisse zu geben alle waren aktive (Partei-)Politiker ! TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

298 Bundespräsident: Aufgaben I
‚Reservefunktionen‘ – wie im Fall des Königs in einem parlamentarischen Regierungssystem Bundespräsident: Aufgaben I zentral: Zeremoniell und Symbolik Art. 59 (1) Der Bundespräsident vertritt den Bund völkerrechtlich. Er schließt im Namen des Bundes die Verträge mit auswärtigen Staaten. Er beglaubigt und empfängt die Gesandten. (2) Verträge, welche die politischen Beziehungen des Bundes regeln oder sich auf Gegenstände der Bundesgesetzgebung beziehen, bedürfen der Zustimmung oder der Mitwirkung der jeweils für die Bundesgesetzgebung zuständigen Körperschaften in der Form eines Bundesgesetzes. Art. 60 (1) Der Bundespräsident ernennt und entläßt die Bundesrichter, die Bundesbeamten, die Offiziere und Unteroffiziere, soweit gesetzlich nichts anderes bestimmt ist. (2) Er übt im Einzelfalle für den Bund das Begnadigungsrecht aus. (3) Er kann diese Befugnisse auf andere Behörden übertragen. Art. 82 (1) Die nach den Vorschriften dieses Grundgesetzes zustande gekom- menen Gesetze werden vom Bundespräsidenten nach Gegen- zeichnungausgefertigt und im Bundesgesetzblatte verkündet. Art. 63, 64 und 69 Rolle bei der Bestellung der Bundesregierung Art. 67 und 68 Rolle bei Mißtrauensvotum und Vertrauensfrage ‚staatsnotarielle Funktionen‘ nur im Ausnahmefall: echte politische Entscheidungen TU Dresden – Institut für Politikwissenschaft – Prof. Dr. Werner J. Patzelt

299 Bundespräsident: Aufgaben II
‚Reservefunktionen‘ – wie im Fall des Königs in einem parlamentarischen Regierungssystem Bundespräsident: Aufgaben II Art. 58 Anordnungen und Verfügungen des Bundespräsidenten bedürfen zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung durch den Bundeskanzler oder durch den zuständigen Bundesminister. Dies gilt nicht für … die Ernennung und Entl