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Prof. Dr. Ludwig Siep Praktische Philosophie der Neuzeit 10. Jean-Jacques Rousseau, Ungleichheit unter Menschen und volonté générale.

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Präsentation zum Thema: "Prof. Dr. Ludwig Siep Praktische Philosophie der Neuzeit 10. Jean-Jacques Rousseau, Ungleichheit unter Menschen und volonté générale."—  Präsentation transkript:

1 Prof. Dr. Ludwig Siep Praktische Philosophie der Neuzeit 10. Jean-Jacques Rousseau, Ungleichheit unter Menschen und volonté générale

2 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I2 Jean-Jacques Rousseau geb in Genf (Uhrmachersohn, Mutter stirbt) 1722 Vater verläßt Genf, R. unter Vormundschaft, Erziehung durch Pfarrer 1728 R. verlässt Genf. Konversion zum Katholizismus in Turin. In den kommenden 14 Jahren verschiedene Aufenthalt bei Mme. de Warens (Annecy). Autodidaktische Bildung (Antike, Musik, Staatsrecht) Hauslehrer (Lyon), Musiklehrer, Wanderjahre (1730), kurze Parisaufenthalte (1731). 1742/43 Paris (Erfindung einer neuen Notenschrift, der Akademie vorgelegt und als Buch veröffentlicht) 1743/44 Botschaftssekretär in Venedig (Dépêches de Venice) Von in Paris gefördert durch den Hochadel und seine Damen (d`Epinay etc.). Zusammenarbeit mit den Enzyklopädisten (Diderot, d`Alembert etc.) seit Erster Discours über die Wissenschaften und Künste, Preis der Akademie von Dijon 1752 Singspiel (Le devin du village, der Dorfzauberer) vor Ludwig dem XV. aufgeführt

3 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I in Genf Wiederaufnahme in die calvinistische Kirche 1755 Zweiter Discours über die Ungleichheit 1756 Kritik Voltaires, 1757 Bruch mit den Enzyklopädisten, 1758 Brief an d´Alembert 1761 Neue Héloise 1762 Du Contrat Social, Émile (vom Pariser Parlament verurteilt wg. Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars) Reise nach Genf (dort Emile und CS verurteilt und verbrannt) und dann nach Neuchatel/Môtiers (preußisch) 1763/64 Briefe an Christoph de Beaumont (Erzbischof von Paris) und Briefe vom Berge (an die Genfer Regierung), Verzicht auf das Genfer Bürgerrecht 1765 Verfassungsentwurf für Korsika (unveröffentlicht) 1765/66 Flucht durch verschiedene Orte und Aufenthalt in England bei David Hume (Streit)

4 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I anonym in Frankreich, 1768 (nach 23 Jahren) Heirat mit Therèse Levasseur 1770 bis 1776 wieder in Paris, 1770 Confessions (Autobiographie als Lebensbeichte) 1772 Verfassungsschrift für Polen (Considérations sur le Gouvernement de Pologne), weitere autobiographische Schriften (posthum veröffentlicht 1782) 1778 Tod in Ermenonville 1794 Überführung ins Pantheon

5 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I5 Rousseau, Zweite Abhandlung (Über den Ursprung und die Fundamente der Ungleichheit unter den Menschen) Methode: Rekonstruktion der kulturgeschichtlichen Formation des gegenwärtigen Menschen der hochzivilisierten Konkurrenzgesellschaft aus seinen ersten Anfängen als Menschenaffe (homme sauvage). Vergleichbar ist wie in der Stoa (und in der modernen Entwicklungspsychologie) die Individualentwicklung (Kindheitsgeschichte etc.).

6 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I6 Hauptstufen: 1. Der wilde Mensch (evtl. heute noch als Urwaldaffe erhalten) lebte einzeln. Er hatte keine Sprache, kein Zeitbewusstsein und kein explizites Selbstbewusstsein (verglich sich nicht mit anderen), sondern ein einfaches Gefühl seiner selbst (sentiment de l´existence) und der Selbstsorge (amour de soi). Er war stark, gesund, gutmütig (Abneigung, Artgenossen leiden zu sehen) und mit sich selbst zufrieden (konnte alle seine Bedürfnisse befriedigen). Er war ohne tierische Konkurrenz und lebte in fruchtbaren Regionen. Fortpflanzung war ein vorübergehender Vorgang ohne Affekt und ohne Familienbildung. 2. Das erste Vergleichsbewusstsein entstand durch das Überlegenheitsgefühl gegen die Tiere (wegen seiner Vielseitigkeit, seiner Lernfähigkeit – perfectibilité – und der Fähigkeit zum Gebrauch einfacher Waffen).

7 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I7 3. Das erste Bewusstsein von der Vergleichbarkeit mit anderen Menschen und von der Nützlichkeit der Gemeinschaftsbildung entstand in Jagdgruppen. 4. Dadurch und durch äußere Umstände (Vulkanausbrüche, Inselbildung etc.) rücken die Menschen näher zusammen und bilden lockere Familien- und Dorfgemeinschaft (Häuser, rudimentäre Arbeitsteilung zwischen Sammlern und Jägern). 5. In diesem lockeren Zusammensein entsteht die Sprache und erste Formen der Kunst (Musik, Tanz). Der wilde Mensch beginnt sich zu vermenschlichen (l´homme de l`homme) und auch die Tiere zu hegen (Hirten). 6. In dieser lockeren Vergesellschaftung der frühen Jäger-, Sammler und Hirtenkulturen besteht die stabilste und glücklichste Phase der menschlichen Entwicklung, die noch heute (18. Jh.) bei den Eingeborenen (Wilden) der subtropischen und tropischen Weltgegenden anhält. Es ist das Stadium der Jugend der Menschheit, eine Art goldenes Zeitalter.

8 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I8 7. Auch diese Kulturstufe hat aber Momente innerer Instabilität: Durch den Vergleich und die Gefallsucht der einfachen Menschen entsteht die zweite Form des Bewusstseins der Ungleichheit (nach der Überlegenheit über die Tiere): das Bewusstsein unterschiedlicher Geschicklichkeit und sozialen Ansehens. Das Selbstgefühl hängt vom Bewusstsein anderer ab, gesellschaftlicher Schein tritt an die Stelle des natürlichen Werts der Menschen. Es entstehen Frustrationen, Verletzungen (emotional und körperlich) und das Bedürfnis nach Rache. Daraus folgen blutige Konflikte, die nicht durch eine akzeptierte Instanz überwunden werden können. 8. Die Entdeckung von Erzen, die Erfindung der Metallverarbeitung und die Zucht von Haustieren ermöglicht systematischen Ackerbau. Es kommt zu einer ersten Arbeitsteilung zwischen Werkzeugherstellern, Viehzüchtern und Bauern. Sie haben unterschiedlichen Erfolg, Reichtum und Ansehen. Zunächst die Früchte, dann der Boden wird zum dauerhaften Eigentum. Das ist der historische Sündenfall, der das goldene Zeitalter beendet und die Entwicklung zur arbeitsteiligen Konkurrenzgesellschaft irreversibel macht. Von da ab zivilisiert und perfektioniert sich der Einzelne auf Kosten der Harmonie der Gemeinschaft und seiner Selbstübereinstimmung.

9 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I9 9. Die Konflikte um Eigentum und Ansehen führen zur Notwendigkeit erster Gesetzes-, Staats und Regierungsbildungen (Ackerbau als Ursprung der Gesetze – vgl. antike Mythen von Ceres und Themis). 10. Die Arbeitsteilung führt zu wachsender Abhängigkeit, zu Konkurrenz und Eigenliebe (amour propre). Die Unsicherheit des Besitzes veranlasst die Reichen zu einem listigen Gesellschaftsvertrag mit den Armen: Alle vereinigen sich zur Verteidigung des Privateigentums und verzichten auf private Gewalt. Der Vorteil liegt allein bei den Reichen. 11. Die Reichen und Mächtigen usurpieren immer mehr die Staatsgewalt. Sie benutzen sie zu weiterer Bereicherung und unterlaufen die Gesetze. Das gemeinsame Interesse verschwindet im permanenten Konkurrenzkampf der Individuen und Klassen. Es entsteht zunächst Despotismus, dann die Anarchie eines Kampfes aller gegen alle (die moderne Gesellschaft als Hobbesscher Naturzustand).

10 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I Die gesellschaftliche Entwicklung beginnt entweder wieder von vorne (neue Staatsbildung) oder der Verfall kann in kleinen, noch nicht ganz pervertierten Staaten durch Erziehung, ausgeglichene Eigentumsverteilung und einen nicht betrügerischen Gesellschaftsvertrag (Contrat Social) noch aufgehalten bzw. verzögert werden.

11 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I11 Wichtigen Zitate: "Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: "Das ist mein" und so einfällige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Gründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen. Der betrügerische Gesellschaftsvertrag zerstört "unwiderruflich die angeborene Freiheit, setzt für immer das Gesetz des Eigentums und der Ungleichheit fest, macht aus einer listigen Usurpation ein unaufhebbares Recht und zwingt von nun an das gesamte Menschengeschlecht für den Gewinn einiger Ehrgeiziger zur Arbeit, zur Knechtschaft und zum Elend"

12 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I12 Es gibt Probleme mit der Konzeption der 2. Abhandlung, die Rousseau teilweise selber reflektiert (vor allem in der Urfassung des Contrat Social, dem Genfer Manuskript ). Er reagiert damit auch auf die Kritik der Enzyklopädisten und auf seine Debatten mit Diderot über Naturrecht und gerechten Gemeinwillen (volonté générale). 1.Die Begriffe Glück, Selbstsicherheit, Natürlichkeit etc. für den wilden Menschen sind zweideutig. Er konnte sein Glück nicht selber empfinden. Friede und Unschuld sind uns für immer entgangen, bevor wir ihre Wonnen genossen haben. Den beschränkten Menschen der ersten Zeiten war es nicht fühlbar und den aufgeklärten Menschen der späteren Zeiten war es entglitten: So blieb das glückliche Leben des Goldenen Zeitalters der Menschenrasse stets ein fremder Zustand, entweder weil sie ihn verkannt hat, als sie ihn genießen konnte, oder weil sie ihn verloren hatte, als sie ihn hätte kennen können".

13 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I13 2. Die vorreflexiven Zustände sind keine Orientierung für den modernen Menschen (nicht zurück zur Natur bzw. nach Voltaire der Versuch, auf allen Vieren zu gehen). Der natürliche Mensch braucht keine Orientierung, der moderne kann sie in der Vergangenheit nicht finden. Er muss vielmehr "in der vollkommensten Kunst die Behebung der Übel zeigen, welche die Kunst anfangs der Natur zufügte" (Genfer Manuskript, Schriften zur Kulturkritik, Ausg. K. Weigand, PhB 341, S. 301).

14 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I14 3. Der Mensch besteht (nach Descartes) aus zwei Substanzen, einer körperlich materiellen und einer geistig-immateriellen. In der Vervollkommnung letzteren besteht sein eigentliches Wesen und seine eigentliche Bestimmung. Daher muss er sein Gewissen und seine Moralität entwickeln. Im wilden Zustand gäbe es weder Güte in unserem Herzen noch Moral in unseren Handlungen und wir hätten niemals das herrlichste Gefühl der Seele, die Liebe zur Tugend genossen" (GM, 289). Anstelle der natürlichen und geschichtlichen Entwicklung seiner körperlichen und emotionalen Triebe muss die Kultivierung eines allgemeinen Willens (volonté générale) im moralischen Wollen und in der gesellschaftliche Ordnung treten. Rousseau veröffentlicht daher 7 Jahre nach der 2. Abhandlung den großen Erziehungsroman des Emile und sein staatsphilosophisches Hauptwerk, den Gesellschaftsvertrag (Du Contrat Social).

15 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I15 Wichtige Quellen für den Begriff der volonté générale (im Gegensatz zur volonté particulière): 1. Im handlungstheoretischen Sinne ist die volonté générale, z.B. bei Fontenelle und Malebranche der Wille zum Ziel - im traditionellen Sinne des für den Menschen Guten überhaupt (Malebranche: "bien générale de l'ame"). Dagegen ist die volonté particulière der Wille zu den Mitteln - oder auch bei Malebranche der Wille zu bestimmten Gütern. Insofern der Wille zum für den Menschen Guten überhaupt für den theologischen Cartesianer Malebranche der Wille zu Gott ist, ist der besondere Wille auch als gottvergessener Wille zu den weltlichen Gütern (volonté particulière) böse bzw. sündig.

16 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I16 2. Naturrechtlicher Ursprung ist die Konstruktion des Hobbes, durch Übertragung der ursprünglichen unbegrenzten Individualrechte auf den Souverän eine Rechtsperson zu konstruieren, deren Wille für den Willen aller gilt. Die Gesetze des Souveräns werden befolgt, weil wir sie als Äußerungen des gemeinsamen Willens aller betrachten müssen. 3. Theologisch ist die volonté générale der gesetzgeberische Wille Gottes, der sich in den Naturgesetzen äußert. Auch dies über das Mittelalter bei Malebranche (Gott will nicht das Einzelne, sondern das Allgemeine, Notwendige). Wichtig ist, dass sich für den Cartesianer dieses Gesetz auch in der inneren Stimme des Menschen, dem Bewusstsein bzw. dem Gewissen findet. Es ist das moralische Gesetz in uns.

17 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I17 4. Zu seiner "konkreten" Erkenntnis ist es wichtig, sich außerhalb seiner selbst zu stellen, den Gesichtspunkt anderer Menschen, ja anderer Völker und Kulturen einzunehmen. Dies ist in der Französischen Aufklärung, bei Pierre Bayle und Diderot besonders betont worden. Bayle empfiehlt als Richtschnur der moralischen Entscheidung, von seinen besonderen Interessen und Zielen abzusehen und zu prüfen, ob man diese Zwecke per Gesetz in einem fremden Land einführen könnte (ein Gedankengang, der sich dann zu Kants kategorischem Imperativ fortentwickelt hat). Diderot kontrastiert den allgemeinen Willen mit dem privaten, besonderen, als das, was die Menschengattung als ganze will bzw. wollen kann.

18 Prof. Dr. Ludwig Siep - Praktische Philosophie der Neuzeit I18 Rousseau ist aber der Auffassung, dass man den allgemeinen Gattungswillen nur im Gewissen und in den positiven Gesetzen eines am Gemeinwohl orientierten Staates finden kann. Anstelle des Kosmopolitismus der Aufklärung tritt die Orientierung an republikanischen Kleinstaaten. "Wir begreifen die Gesellschaft im allgemeinen nach dem Vorbild unserer Gesellschaft im besonderen. Die Gründung der kleinen Republiken läßt uns von der der großen träumen. Wir beginnen erst eigentliche Menschen zu werden, nachdem wir Bürger geworden sind" (297). Das, was alle wollen können, ist nicht die Regel für die Überprüfung des Wollens in den Staaten (Diderot, Kant), sondern die Bildung von gemeinsamen Gesinnungen und Gesetzgebungen in den Staaten ist die Bedingung und Vorstufe einer Menschheitsmoral. (Quellen zur volonté générale nach Bertrand de Jouvenel, Vorwort zu Du Contrat Social, Genf 1947, referiert bei Irving Fetscher: Rousseaus politische Philosophie, Neuwied/Berlin 1968, S. 111f, übernommen auch bei Maximilian Forschner, Rousseau, Alber Verlag, Freiburg/München 1977 etc.)


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