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Der Islam in der deutschen Literatur 8 Islamische Mystik und deutsche Dichtung: Daumer, Rückert, Platen Heinrich Detering, WS 2015/16.

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1 Der Islam in der deutschen Literatur 8 Islamische Mystik und deutsche Dichtung: Daumer, Rückert, Platen Heinrich Detering, WS 2015/16

2 (erweitert 1827)

3 Joseph von Hammer-Purgstall ( )

4 Georg Friedrich Daumer ( ) Ich preise Gott, der Tag und Nacht gemacht, Den Tag, dein Antlitz und dein Haar, die Nacht. (aus Hafis, Spruchgedichte)

5 Komm, Sofi, komm, und laß uns aus der Heuchler Befleckt Gewand zieh‘n, Uns über ihre freche Lügentafel Die nasse Hand zieh‘n! Laß, öder Zelle Dunkelheit verfluchend, Den Weinpokal uns Aufstecken als Panier und also jauchzend Durch‘s weite Land zieh‘n! … Laß uns der Liebe süße Fackel schleudern! In jede Seele Soll ein die Lust und aus Entbehrungstrauer Und Unverstand zieh‘n! Glanz helle von Pallaste zu Pallaste Von Hütte lodernd Zu Hütte soll der weltreformatorisch Entfachte Brand zieh‘n.

6 Hafis / Hafez ( ) Klassische Dichter der persischen Mystik: Saadi ( ) Dschelaleddin Rumi ( )

7 Wollt ihr kosten Reinen Osten, Müßt ihr gehn von hier zum selben Manne, Der vom Westen Auch den besten Wein von jeher schenkt‘ aus voller Kanne. Als der West war durchgekostet, Hat er nun den Ost entmostet; Seht, dort schwelgt er auf der Ottomane. Abendröten Dienten Goethen Freudig als dem Stern des Abendlandes; Nun erhöhten Morgenröten Herrlich ihn zum Herrn des Morgenlandes. Wo die beiden glühn zusammen, Muß der Himmel blühn in Flammen, Ein Diwan voll lichten Rosenbrandes. […] Friedrich Rückert ( ): Östliche Rosen (1822): Zu Goethes westöstlichem Diwan

8 An Göthe Dein Name steh zu jeder Frist Statt eines heiligen Symboles Auf allem, was mein eigen ist, Weil du mir Stern des Dichterpoles, Weil du mir Schacht des Lebens bist. Der Orient sei neubewegt, Soll nicht, nach dir, die Welt vernüchtern; Du selbst, du hast‘s in uns erregt: So nimm hier, was ein Jüngling schüchtern In eines Greisen Hände legt. August von Platen ( ): Epilog zu Ghaselen (1821)

9 Goethes Divan – im ‚deutschen‘ Spiel mit der Ghasel-Form In tausend Formen magst du dich verstecken, Doch, Allerliebste, gleich erkenn‘ ich dich; Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken, Allgegenwärtige, gleich erkenn‘ ich dich. An der Zypresse reinstem, jungem Streben, Allschöngewachsne, gleich erkenn‘ ich dich; In des Kanales reinem Wellenleben, Allschmeichelhafte, gleich erkenn‘ ich dich. Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet, Allspielende, wie froh erkenn‘ ich dich; Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet, Allmannigfaltige, dort erkenn‘ ich dich. An des geblümten Schleiers Wiesenteppich, Allbuntbesternte, schön erkenn‘ ich dich; Und greift umher ein tausendarmiger Eppich, [Efeu] O Allumklammernde, dort erkenn‘ ich dich.→

10 Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet, Gleich, Allerheiternde, begrüß‘ ich dich, Dann über mir der Himmel rein sich ründet, Allherzerweiternde, dann atm‘ ich dich. Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne, Du Allbelehrende, kenn‘ ich durch dich; Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne, Mit jedem klingt ein Name nach für dich. (Abschluss des Suleika Nameh)

11 Die Form des Ghasels Die neue Form, die ich zuerst in deinem Garten pflanze, O Deutschland, wird nicht übel stehn in deinem reichen Kranze. Nach meinem Vorgang mag sich nun mit Glück versuchen mancher So gut im persischen Ghasel wie sonst in welscher Stanze. (Friedrich Rückert, Vorspruch zu Newlana Dschelaleddin Rumi: Ghaselen, 1819) „Die Übersetzung floß mir so aus der Feder, daß ich vermute, ich habe es schon einmal übersetzt – aber wo könnte es sein?“ Rückert „Im Osten tagt‘s von unsres Feuereifers Licht.“ J. v. Hammer

12 Chasside (Kasside): Heldenpreis-Gedicht, Reimschema aa ba ca da… Ghasel: zumeist acht Verse umfassend, oft aber auch kettenhaft fortgesetzt, Reimschema der Kasside, jedoch mit erweiterten Reimen (Zusatz als „Überreim“, radîf), Vorliebe für überraschende (europäisch: ‚disharmonische‘) Motivverkettungen Rubâi (Pl.: Rubâjât): vierzeilig-epigrammatisches Kurz-Ghasel

13 Der Orient ist abgethan, Nun seht die Form als unsre an. (August von Platen, Motto zu Neue Ghaselen 1822) Rückert: Ghaselen nach Dschelaleddin Rumi (1819) weitere eigene Ghaselen-Dichtungen Östliche Rosen (1822) Platen: Der Spiegel des Hafis (1821) Ghaselen (1821) Ghaselen. Zweite Sammlung: Lyrische Blätter (1822) Neue Ghaselen (1823) Ghaselen aus Neapel (1832)

14 [Platens Motto-Gedicht:] Ghaselen Du, der nie gewagt zu fliegen Nach dem Orient, wie wir, Laß dies Büchlein, laß es liegen, Denn Geheimniß ist es dir. August von Platen, Ghaselen (1821) In die Süße meines Liedes sei die Feder eingetaucht, Ambra streue dieses Buch, von meiner Liebe Duft behaucht. Nur ad-Din Abdur Rahman Dschami ( )

15 Mystische Erotik, erotische Mystik 1. Der sich schaffend hat erwiesen siebenmal, Wohnt in sieben Paradiesen siebenmal; Adler, siebenmal umkreise du den Fels, Krümme, Bach, dich durch die Wiesen siebenmal; Feuer schürt am Stamm der Zeder, und sein Duft Wind‘ als Rauch sich um den Riesen siebenmal; Schenke, nimm die beiden Becher, beide nimm, Fülle jenen mir und diesen siebenmal; Siebenfach ist deine Locke schön geteilt, Deine Locke sei gepriesen siebenmal!

16 6. Du bist der wahre Weise mir, Dein Auge lispelt‘s [flüstert‘s] leise mir: Du bist ein Gastfreund ohne Hehl Auf dieser langen Reise mir; Dein Leben wird, daß Liebe noch Lebendig, zum Beweise mir; Du bringst der Liebe Moschusduft, Du bringst der Wahrheit Speise mir; Es wird so licht, es wird so warm In deinem lieben Kreise mir; Du bist die Perle, deren Wert Hoch über jedem Preise mir!

17 Sufisische Mystik und christlicher Trinitätsglaube 2. Entspringen ließest du dem Ei die Welt; Dein reiner Wunderspiegel sei die Welt; Es schaut nach dir, wiewohl dich keiner schaut, Voll liebesüßer Schwärmerei die Welt; Du atmest Leben, und du atmest aus Mit jedem Atemzuge frei die Welt; Du siehst dich selbst, und dir am Auge geht In jedem Augenblick vorbei die Welt; Der einzig Eine bist du, doch du lenkst Als eine mystischgroße Drei die Welt.

18 August von Platen: Ghaselen. Zweite Sammlung. Dem Dichter Friedrich Rückert zugeeignet. (1821) Entremos más adentro en la espesura! San Juan de la Cruz 8. Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir; Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir, Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg Mit ew‘gen Küssen ich den Tod vertreibe dir? Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang, Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir; Was willst du noch? was blickt die Sehnsucht noch umher? Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir! „Welch Geisterlaut namenloser Liebe!“ (Thomas Mann, Platen)

19 Heinrich Heine: Reisebilder – Die Bäder von Lucca Ich bin wie Weib dem Manne – – Graf August v. Platen Hallermünde aus dem VIII. Kapitel: Dieses brillante Buch aber hatte auf dem Vorderblatte folgenden Titel: Gedichte von Au- gust Grafen von Platen […]. Auf dem Hinterblatte stand zierlich geschrieben: „Geschenk warmer brüderlicher Freundschaft“. Dabei roch das Buch nach jenem seltsamen Parfüm, der mit Eau de Cologne nicht die mindeste Verwandtschaft hat, und vielleicht auch dem Umstande beizumessen war, daß der Marchese die ganze Nacht darin gelesen hatte. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zutun können“ – klag-te er mir – „ich war so sehr bewegt, ich mußte eilfmal aus dem Bette steigen, und zum Glück hatte ich dabei diese vortreffliche Lektüre, woraus ich nicht bloß Belehrung für die Poesie, sondern auch Trost für das Leben geschöpft habe. Sie sehen, wie sehr ich das Buch geehrt, es fehlt kein einziges Blatt, und doch, wenn ich so saß wie ich saß, kam ich manchmal in Versuchung –“ „Das wird mehreren passiert sein, Herr Marchese.“ […]

20 Während der Marchese diese Worte mit warmem Gefühl deklamierte, und der glatte Mist ihm gleichsam auf der Zunge schmolz, schnitt Hyazinth die widersprechendsten Gesichter, zugleich verdrießlich und bei- fällig, und endlich sprach er: „Herr Marchese, Sie sprechen wie ein Buch, auch die Verse gehen Ihnen wieder so leicht ab wie diese Nacht, aber ihr Inhalt will mir nicht gefallen. Als Mann fühle ich mich ge-schmeichelt, daß der Graf Platen uns den Vorzug gibt vor den Weibern, und als Freund von den Weibern bin ich wieder ein Gegner von solch einem Manne. So ist der Mensch! Der eine ißt gern Zwiebeln, der andere hat mehr Gefühl für warme Freundschaft […].“

21 Ohne auf dieses Geschwätz zu achten, fuhr der Marchese fort im Dekla- mieren von Gaselen und Sonetten, worin der Liebende seinen Schön- heitsfreund besingt, ihn preist, sich über ihn beklagt, ihn des Kaltsinns beschuldigt, Pläne schmiedet, um zu ihm zu gelangen, mit ihm äugelt, eifersüchtelt, schmächtelt, eine ganze Skala von Zärtlichkeiten durch- liebelt, und zwar so warmselig, betastungssüchtig und anlockend, daß man glauben sollte, der Verfasser sei ein manntolles Mägdlein – Nur müßte es dann einigermaßen befremden, daß dieses Mägdlein beständig jammert, ihre Liebe sei gegen die „Sitte“ daß sie gegen „diese trennende Sitte“ so bitter gestimmt ist, wie ein Taschendieb gegen die Polizei, daß sie liebend „die Lende“ des Freundes umschlingen möchte, daß sie sich über „Neider“ beklagt, „die sich schlau vereinen, um uns zu hindern und getrennt zu halten“, daß sie über verletzende Kränkungen klagt von seiten des Freundes, daß sie ihm versichert, sie wolle ihn nur flüchtig erblicken, ihm beteuert „Nicht eine Silbe soll dein Ohr erschrecken!“ und endlich gesteht: „Mein Wunsch bei andern zeugte Widerstreben […]“

22 Kapitel XI Wer ist denn der Graf Platen, den wir im vorigen Kapitel als Dichter und warmen Freund kennenlernten? Ach, lieber Leser, diese Frage las ich schon lange auf deinem Gesichte, und nur zaudernd gehe ich an die Beantwortung. […] Ich will dazu beitragen, daß er zweckmäßig bekannt, und gewissermaßen berühmt werde, ich will ihn literarisch gleichsam herausfüttern, wie die Irokesen tun mit den Gefangenen, die sie bei späteren Festmahlen verspeisen wollen. […] Vergebens versicherte der arme Graf, daß er einst der berühmteste Dichter werde, daß schon der Schatten eines Lorbeerblattes auf seiner Stirne sichtbar sei, daß er seine süßen Knaben ebenfalls unsterblich machen könne, durch unvergängliche Gedichte. Ach! eben diese Zele- brität war keinem lieb, und in der Tat, sie war keine beneidenswerte. Ich erinnere mich noch, mit welchem unterdrückten Lächeln ein Kandidat solcher Zelebrität von einigen lustigen Freunden, unter den Arkaden zu München, betrachtet wurde. Ein scharfsichtiger Bösewicht meinte sogar, er sähe zwischen den Rockschößen desselben den Schatten eines Lor- beerblattes.

23 Was mich betrifft, lieber Leser, so bin ich nicht so boshaft, wie du denkst, ich bemitleide den armen Grafen, wenn ihn andere verhöhnen, ich zweif- le, daß er sich an der verhaßten „Sitte“ tätlich gerächt habe, obgleich er in seinen Liedern schmachtet, sich solcher Rache hinzugeben; ich glaube vielmehr an die verletzenden Kränkungen, beleidigenden Zurücksetzun- gen und Abweisungen, wovon er selbst so rührend singt. … Der arme Junge … hockte damals, wenn ich nicht irre, auf der Universität in Erlan- gen, wo man ihm einige Beschäftigung angewiesen hatte; doch da diese seinem hochstrebenden Geiste nicht genügte, da mit den Lustren auch die Lüsternheit nach illüstrer Lust ihn mehr und mehr stachelte, und der Graf von seiner künftigen Herrlichkeit täglich mehr und mehr begeistert wurde, gab er jedes Geschäft auf, und beschloß, von der Schriftstellerei, von ge- legentlichen Gaben von oben und einigen sonstigen Verdiensten zu leben. … Wenn ihm auch die Musen nicht hold sind, so hat er doch den Genius der Sprache in seiner Gewalt, oder vielmehr er weiß ihm Gewalt anzutun; – denn die freie Liebe dieses Genius fehlt ihm, er muß auch diesem Jungen beharrlich nachlaufen, und er weiß nur die äußeren Formen zu erfassen, die trotz ihrer schönen Ründung sich nie edel aussprechen …

24 Platens Antwort schon auf die ersten Angriffe Heines (1827), …den herrlichen Petrark des Laubhüttenfests… Welch einen Anlauf nimmst du, Synagogenstolz! Gewiss, es ist dein Busenfreund des sterblichen Geschlechts der Menschen Allerunverschämtester. Sein Freund, ich bin‘s; doch möcht‘ ich nicht sein Liebchen sein; Denn seine Küsse sondern ab Knoblauchsgeruch. (Der Romantische Oedipus. Ein Lustspiel.)

25 Hans Mayer: Außenseiter. Frankfurt/M Frauen, Homosexuelle, Juden als Verlierer der bürger- lichen Aufklärung: „existenzielle Außenseiter“, denen das „Abseits und Außen durch Geburt auferlegt“ war. Höhe- oder Tiefpunkt: „Der Streit zwischen Heine und Platen.“

26 I Sieh, du schwebst im Reigentanze; doch den Sinn erkennst du nicht; Dich beglückt des Dichters Stanze; doch den Sinn erkennst du nicht; Du beschaust die Form des Leibes, undurchschaulich abgestrahlt Von des Marmors frischem Glanze; doch den Sinn erkennst du nicht; Als Granate blinkt die Sonne golden dir, die goldne Frucht, Und der Mond als Pomeranze; doch den Sinn erkennst du nicht; Ihr Geblüt, das heilig dunkle, das in Trunkenheit dich wiegt, Bietet dir die Rebenpflanze; doch den Sinn erkennst du nicht; Sieh, die Palme prangt als Kragen um des ird’schen Rockes Rand, Sieh, die Fichte hangt als Franze; doch den Sinn erkennst du nicht; Sterngezelte, Blütenharnisch, blendet und erfreut den Blick, Taleslager, Bergesschanze; doch den Sinn erkennst du nicht; Bebend in der Mutter Busen, der gesäugt den ew’gen Sohn, Siehest du des Schmerzes Lanze; doch den Sinn erkennst du nicht.

27 XXVI Wenn du gegen Feinde Gottes, welche dich bedräu’n, Deine fromme Waffe zückest, seh’ ich gerne zu; Wenn du deine reinen Schläfe, gleich dem Herrn der Welt Mit der Dornenkrone schmückest, seh’ ich gerne zu; […] Wenn dir alle Herzen Liebe stammeln, weil du sie Hochentzückest, hochbeglückest, seh’ ich gerne zu.

28 XI. Wenn ich hoch den Becher schwenke, süßberauscht, Fühl’ ich erst, wie tief ich denke süßberauscht; Mir wie Perlen runden lieblich Verse sich, Die ich schnüreweis verschenke, süßberauscht; Voll des Weines knüpf’ ich kühn des Zornes Dolch An der Liebe Wehrgehenke, süßberauscht; Hoffen darf ich, überhoben meiner selbst, Daß ein fremder Schritt mich lenke süßberauscht; Staunend hören mich die Freunde, weil ich tief In Mysterien mich senke süßberauscht; Weil mein Ich sich ganz entfaltet, wenn ich frei Keiner Vorsicht mehr gedenke, süßberauscht; Wehe, wer sich hinzugeben nie vermocht, Wer dich nie geküßt, o Schenke! süßberauscht.

29 [Schellings Erlanger Vorlesungen 1820/21 beschreiben den] nothwendigen Widerspruch, in den das erwachende Bewußt- seyn, die erwachende Reflexion geräth, von den ersten Wurzeln an durch alle seine Verzweigungen bis zur Ver- zweiflung zu verfolgen, wo dann der Mensch gleichsam gezwungen ist, die Idee jenes höheren Ganzen zu fassen, in welchem die widerstreitenden Systeme durch ihr Zusam- menbestehen jenes höhere Bewußtseyn erzeugen, in dem er wieder frei ist von allem System, über allem System. […] Also die ganze Bewegung ist nur Bewegung zur Selbst- erkenntniß. Der Imperativ, der Impuls der ganzen Bewe- gung, ist das Gnothi Seautón, Erkenne dich selbst, dessen Ausübung allgemein als Weisheit angesehen wird. Erkenne, was du bist, und sey, als was du dich erkannt hast, dieß ist die höchste Regel der Weisheit. O wie ist dieser Widerspruch in mein Wesen gekommen? Wenn die Natur diese Liebe verbeut, warum hat sie mich also gebildet? (Platen, Tagebuch, )

30 Friedrich Rückert über Hafis, unter dem Eindruck von Goethes Divan: Hafis, wo er scheinet Übersinnliches nur zu reden, redet über Sinnliches; oder redet er, wo über Sinnliches er zu reden scheint, nur Übersinnliches? Sein Geheimnis ist unübersinnlich, denn sein Sinnliches ist übersinnlich.

31 Dschelaleddin Rumi begegnet zum ersten Mal seinem Geliebtem, dem wandernden Heiligen Šami („die Sonne“)

32 August von Platen: Ghaselen. Zweite Sammlung. Dem Dichter Friedrich Rückert zugeeignet. (1821) Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir; Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir, Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg Mit ew‘gen Küssen ich den Tod vertreibe dir? Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang, Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir; Was willst du noch? was blickt die Sehnsucht noch umher? Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir! Umdeutung des Stigmas zur Auszeichnung: Aufhebung der Geschlechterdifferenz, Aufhebung des Leib-Seele-Gegensatzes, Aufhebung des Gegensatzes von erotischer und religiöser Mystik: Homoerotische ‚Überbietung‘ des Goethe‘schen Divan, existenzielle Nachfolge von Hafis und Rumi.

33 An Göthe Dein Name steh zu jeder Frist Statt eines heiligen Symboles Auf allem, was mein eigen ist, Weil du mir Stern des Dichterpoles, Weil du mir Schacht des Lebens bist. Der Orient sei neubewegt, Soll nicht, nach dir, die Welt vernüchtern; Du selbst, du hast‘s in uns erregt: So nimm hier, was ein Jüngling schüchtern In eines Greisen Hände legt. (Epilog zu Ghaselen, 1821)

34 Johann Peter Eckermann: Platen, Neue Ghaselen (1823), in Goethes Über Kunst und Alterthum, IV Es haben uns diese Ghaselen schönen Genuß gewährt und es läßt sich von ihnen viel Gute sagen. … Falsche geistige Bestrebungen und übertriebene sittliche Anforderungen ablehnen, der Gegenwart und ihrer Freuden sich versichern, das Künftige einer höheren Leitung überlassen [Goethes „Islam“!], das Ungemach mit männlichem Sinn ertragen und dabey immer voll Lebenslust und immer verliebt und nie befriedigt, stets in Sehnsucht, auch als Mensch offen und verwegen bis zum wohlkleidenden Selbstruhm, dieses Alles bildet durchgreifend die Denkungs- und Gesinnungsweise des Dichters, und so erinnert er uns an Horaz wie an Hafis, singt was wir alle gerne hören, und bringt nie etwas, das uns lästig oder zuwider seyn könnte. … →

35 Was die Darstellung betrifft, so haben diese Gedichte das Eigene, daß man bey ihnen auf ein ruhiges Verweilen und Ausbilden Verzicht leisten muß. Vieles drängt sich herzu und Alles wird nur leise berührt und flüchtig angedeutet. Es sind luftige Wesen, will man sie fassen, so sind sie fort; sieht man sie wieder, so erscheinen sie uns neu und als hätte man sie noch nicht gesehen. Und deshalb lassen sich diese Gedichte auch immer von neuem lesen und man fängt erst an sie zu besitzen, wenn man sich mit ihnen durch häufigen Umgang recht vertraut gemacht hat.

36 Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts, Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts; Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt, So gäb’s Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts! Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod, Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts; Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut, Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts; Dies wissen alle, doch vergisst es jeder gerne jeden Tag, So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts! Vergesst, dass euch die Welt betrügt und dass ihr Wunsch nur Wünsche zeugt, Lasst eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts! Es hoffe jeder, dass die Zeit ihm gebe, was sie keinem gab, Denn jeder sucht ein All zu sein, und jeder ist im Grunde nichts.


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