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Rumpelstilzchen Eine Zusammenstellung von philosophischen Gedankengängen und zu artverwandten Märchen. Erstellt und erarbeitet von: www.wopeto.de / email:

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1 Rumpelstilzchen Eine Zusammenstellung von philosophischen Gedankengängen und zu artverwandten Märchen. Erstellt und erarbeitet von: /

2 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges König Frau Hochzeit Jungfrau Tochter Spinnen und Weben Spinnen Spinnwerkzeuge Spule Spindel Haspel Müller Vater Kammer Schloß Wald Feuer Zwerge Ricdin-Ricdon Tom Tit Tot Trillevip Spinnerin Quellenangabe Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf Kurt Stiasny "Was Grimmsche Märchen erzählen Band II erste Erwähnung und weitere Verbindungen ein paar ausgewählte Bilder Bilder Die Märchen Rumpelstilzchen 1812 & Ricdin-Ricdon Die drei Spinnerinnen Das Mädchen im Korb Das Strohbündel Die sieben Schwarten Die sieben Wahrheiten Habetrott mit der dicken langen Unterlippe Tom Tit Tot Trillevip Zistel im Körbel

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4 Cistl im Körbl Die drei Spinnerinnen

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7 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges im Rumpelstilzchen König Wenn auch selten der Held der Erzählung, so ist der König (Zar, Padischah) im Märchen doch eine zentrale, archetypische Figur. Das Motiv der Königserneuerung prägt die Zaubermärchen, hat C.G.Jung befunden. Der König ist der Inbegriff des Herrschers, repräsentiert das höchste Gut. Von Gold ist sein Thron und golden seine Krone; selbst bei der Jagd -- seiner Lieblingsbeschäftigung -- nimmt er sie nicht ab. Prächtige Kleider gehören ebenso zu seinem Habit wie vielspännige Kutschen und rauchende Feste im Schloß. Er regiert sein Land gerecht und in Frieden; Leitbilder in der Beziehung sind Salomo, Harun al-Raschid, in gewisser Hinsicht auch König Arthus. Sein vornehmstes Amt ist die Rechtsprechung; die Gerichtsbarkeit übt er selbst aus, häufig klug, gelegentlich unklug. Weise verhilft er verletztem Recht wieder zur Geltung. Hat er die Normen verletzt und ungerecht gehandelt, kann es ihm übel ergehen. Als der Edle ist er seinem Wesen nach bedroht. Ist er krank, vermag ihn nur das Wasser des Lebens oder der Gesang des Wundervogels zu heilen. Der Minister, der ihn um seine Position bringt, erweist sich als Nichtedler. Zahlreiche Heldenlaufbahnen beschreiben den Weg zur Königsherrschaft. Von Geburt oder Stand ist keiner so gering, daß er nicht den Aufstieg zum König -- meist durch Einheirat -- schaffen könnte. Andererseits ist der 'alte König' durchaus standesbewußt, wenn es darum geht, eine Einheirat von unten zu verhindern oder zumindest zu verzögern; den nicht genehmen Schwiegersohn bekämpft er mit allen Mitteln. König sein heißt: unumschränkte Herrschaft besitzen. Im Märchen deuten Beruf und Amt des Königs an, daß eine Höchststufe der inneren Entwicklung erreicht ist. Das Reich des Königs kann sowohl die Innenwelt des Geistes (z.B. der alte König -- der Vater, im Märchen vom Eselein) als auch die Innenwelt der Seele (z.B. der fremde König -- der Vater der Braut -- im selben Märchen) umfassen, also die Gesamtheit des inneren Menschentums. Im Wort 'Selbstbeherrschung' liegt bereits dieses innere Königtum. Der König kann auch seine Macht mißbrauchen und ein böser König werden. Wie Jung darlegt, stellt der König den dominanten Inhalt des kollektiven Bewußtseins dar und ist darum meist ein Symbol des Selbst, d.h. der seelischen Ganzheit des Menschen. Er ist jedoch nur dessen sichtbarer, im kollektiven Bewußtsein einigermaßen 'verstandener' Aspekt. Seite 1

8 Frau An dem Weitererzählen von Märchen sind Männer und Frauen gleichermaßen beteiligt. Man könnte darum zunächst darauf verfallen, die Märchen, deren Handlungsträger eine Frau ist, als Zeugnis der psychischen Vorgänge in der Seele des Mannes anzusehen; aber so einfach ist die Sache nicht. Viele Geschichten über die Leiden einer Frau sind nachweisbar von Männern verfaßt worden; es handelt sich in solchen Fällen um eine Projektion eines Problems, das ihre weibliche Seite betrifft. Wie erwähnt, können die Frauenfiguren in Mythen und Märchen sowohl Probleme der wirklichen Frau, als auch der weiblichen Seite des Mannes darstellen. Es gibt aber dabei doch unterschiedliche Nuancen, die vermutlich daher stammen, daß der ursprüngliche 'Erfinder' der Geschichte (der 'storyteller') ein Mann oder eine Frau war, oder davon, daß der Nacherzähler oder die Nacherzählerin mehr von ihrem Eigenen hineingelegt haben. Es werden nämlich leicht verschiedene Züge betont, je nach dem Geschlecht der Person, welche die Geschichte nacherzählt. Man kann daher die Hypothese aufstellen, daß in manchen Märchen der weibliche gestaltende Einfluß stärker gewirkt hat und in anderen der männliche, aber nur die Anima dargestellt ist. Zunächst müssen wir uns der Frage zuwenden, wer die Heldin eines Märchens ist oder was sie darstellt. Ist sie überhaupt eine wirkliche Frau? Es ist oft gesagt worden, daß der Mythos die Geschichte der Götter und das Märchen die von gewöhnlichen Menschen sei. Gegen diese Theorie spricht aber die Tastsache, daß in manchen Märchen die Namen der Handelnden eindeutig auch auf Götter hinweisen. In zahlreichen Versionen des Dornröschens z.B. heißen dessen Kinder 'Sonne' und 'Mond', oder 'Tag' und 'Dämmerung'. Nun kann aber die Mutter von Sonne und Mond kein gewöhnliches menschliches Wesen sein; man kann somit keine Theorie über Mythen und Märchen mit diesem Unterschied begründen. Psychologisch gesehen wissen wir, daß es sich sowohl im Mythos wie im Märchen um archetypische Gestalten handelt, die -- oberflächlich betrachtet -- wenig zu tun haben mit gewöhnlichen menschlichen Wesen, es handelt sich um symbolische Gestalten, deren Sinn wir erst noch ergründen müssen. Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges Seite 2

9 Jungfrau Die Jungfrau ist das Bild der dem Geiste entgegenreifenden Seele. Tochter Die Tochter ist Sinnbild der freiwerdenden, persönlichen, ich-haften Seele, die daraus hervorgeht. Spricht das Märchen von der 'einzigen' Tochter, so ist die Individualseele selbst gemeint. Hochzeit Die Einswerdung von Seele und Geist stellt sich dar im Bilde der Hochzeit. Ist die Ichwerdung in ihrem hohen Sinne erreicht, erscheint sie im Bilde der königlichen Hochzeit (auch im Evangelium). Wir erkennen in unseren Märchen, nach der Sprache des Mittelalters, die mystische und chymische Hochzeit. Wenn wir den König als Symbol betrachten, steht er für eine vorherrschende kollektive Geisteshaltung. Den König zu heiraten bedeutet daher, daß die Frau die gültigen Ansichten über Religion und Pflicht und Verhaltensweisen übernimmt und in Übereinstimmung mit den kollektiven Anschauungen lebt. Seite 3 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges

10 Spinnen und Weben Die Spindel, an der sich Dornröschen sticht, ist ein wichtiges Symbol des Weiblichen. Im mittelalterlichen Deutsch spricht man von der Kunkel-Seite der Familie, wenn die Verwandtschaft von mütterlicher Seite gemeint ist. Die Spindel war das Attribut von St.Gertrud, die viele Züge der heidnischen Muttergöttinnen wie Freja, Hulda, Perchta übernommen hat. Auch vom Flachs nahm man einen Zusammenhang mit dem Tun der Frauen an. In vielen Ländern entblößten die Frauen ihre Genitalien über dem wachsenden Flachs und sagten: 'Wachst so hoch wie mein Genitale jetzt ist.' Früher gehörte das Säen, das Spinnen und Weben des Flachses zur Essenz des Lebens einer Frau mit seiner Fruchtbarkeit und seinem Verwobensein in die Sexualität und Mutterschaft. Man kann wohl sagen, daß das Mysterium des Empfangens und Gebärens in der Tiefe die Vorstellung von Spinnen und Weben berührt -- kunstvolles weibliches Tun, durch das elementar Gegebenes in eine Ordnung gefügt wird. Spinnen Unter Spinnen versteht die Bildsprache die Aneinanderreihung der Gedanken zum Gedankenfaden, zum Faden der Logik. Jene Fähigkeit, die diese Fäden zum Gesamten zusammenfügt, heißt weben. Spinnen und Denken sind urverwandt. Wie sich der Faden aus der Wolle, aus dem Flachs entwickelt, so entwickelt sich ein Gedanke aus dem anderen und wird zum Gedankenfaden, zum Faden der Logik. Spinnwerkzeuge Mit Spindel und Spinnrad wird gesponnen. Diese deuten auf den Denkprozeß hin. Sie symbolisieren das Spinnen des Gedankenfadens, des Fadens der Logik. Spule Die Spule dient dem Aufspulen, dem Sammeln des gesponnenen Fadens. Spule und Knäuel weisen so auf mehr oder weniger vollendete Gedankenabläufe hin. Rollen sie sich ungeordnet zusammen, so deutet das auf eine Ver'wicklung' hin, entrollen sie sich, wickeln sie sich ab, so bedeutet dies eine Ent'wickelung'. Spindel Innerhalb der durchaus weiblichen Tätigkeit des Webens ist die Spindel ein eher phallisches Gebilde. Sie dringt ein, geht vor und zurück, und um sie dreht sich alles. In Platos Timaios heißt es, der Kosmos drehe sich um eine Achse, die sich als Spindel im Schoß der Göttin Nemesis dreht. Haspel Die Haspel dient dazu, die Fäden zum Bunde zusammenzuschlagen. Sie ist das Bild für die Fähigkeit, logische Gedankenfäden zur Gesamtheit, zur Idee, zu verbinden. Seite 4 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges

11 Müller Die Gestalt des Müllers wird vom Volk sehr zwiespältig beurteilt. Werner Danckert hat in seinem Buch 'Unehrlich Leute' gezeigt, wie nahe er im Volksglauben dem Prinzip des Bösen steht: Da das Geklapper der Mühle als störend empfunden wurde, mußten früher die Mühlen außerhalb des Dorfes gebaut werden. So wurden sie zum Ort von allerhand abgelegenen Stell-dich-eins, besonders auch für Liebende. Das Mahlen wurde dementsprechend mit sexuellen Anspielungen assoziiert. Auch Räuberwesen und Geisterspuk wurde in der Mühle vermutet. In der Sicht der Bauern muß sich ein Müller um das Korn nicht plagen. Er ist der einzige Mensch im Dorf, der 'nicht arbeitet' -- ein primitiver Merkurius, der den Trick herausgefunden hat, wie das Wasser die Arbeit für ihn tut. Das griechische Wort 'mechane', von dem unsere 'Mechanik' stammt, bedeutet 'ein Trick'; die Wassermühle ist ein solcher technischer Trick, der die Arbeit verkürzt. Es gibt zahllose Geschichten, in denen ein reicher Müller die schwer arbeitenden Bauern ausbeutet, indem er den Preis des Mehls hinaufsetzt. Der 'Teufel am Werk' und der mächtige Feind werden deshalb oft auf ihn projiziert. Der Müller ist aber auch ein 'Sohn des erfinderischen Gottes'; er gehört zu der mythischen Sippe des Hermes-Mercurius. Es gibt auch Geschichten über den freundlichen Müller: Er speichert das Korn in Zeiten des Überflusses und verteilt aus seinem Hort in Zeiten des Mangels; dann ist er wieder der Wohltäter für das Land. So kann man in ihm die merkuriale Qualität des menschlichen Bewußtseins sehen, die sich in den Dienst des Bösen ebenso wie des Guten stellen läßt. Vom Müller her gesehen stellt seine Tochter eine Animagestalt dar, d.h. einen Teil seines Gefühlslebens. Vom Standpunkt der weiblichen Psychologie aus gesehen, handelt es sich um eine Frau, die durch eine spezifische Konstellation ihres Vaterkomplexes in größte Gefahr geraten ist. Was bedeutet es, wenn ein Vater seine eigene Tochter hingibt, weil er nicht mehr weiter weiß? Entweder ist hier eine kollektive Katastrophe symbolisiert, aus der die Menschen in einer völlig asozialen Haltung ihre eigene Haut auf Kosten anderer retten wollen, oder aber, wenn es ein individueller Fall ist, müßte der Vater sich fragen, warum es um seine Geschäfte so schlecht steht. Eine Vaterfigur stellt im Märchen meistens den traditionellen Geist dar. Nun sind aber die intellektuellen Fähigkeiten des menschlichen Geistes so geartet, daß sie sich nach einer gewissen Zeit abnützen und zur Routine werden. Das führt zum Verlust der Seele. Daher könnte der Müller, dessen Brauchbarkeit langsam zu Ende geht, jede Art von Menschen symbolisieren, der seine Fähigkeiten zu lange routinemäßig aufgebraucht hat. Es könnte sich auch um eine Krankenschwester handeln, die ein lächelnder Automat geworden ist, der das Essen austeilt und Temperaturen mißt. Ihre 'gütige Pflege' ist nur noch Gewohnheit und mechanisches Können. Dann eignet sich eine (ungute) Wende: statt sich der inneren Armut zu stellen und zu suchen, was dahinter stehen könnte, möchte der Müller wie bisher weitermachen, und daher verkauft er seine Tochter. Wenn der, der so handelt, ein Vater ist, verkümmern seine Anima und sein Eros, und die Tochter wird bei einem seelenlosen Vater heranwachsen, der vielleicht als Wissenschaftler oder Geschäftsmann Erfolg, aber kein Herz hat. Seite 5

12 Vater Der Vater versinnbildlicht den alten, urtümlichen Menschen, das Selbst. Bevor sich die freie Persönlichkeit ausbildete, lebte dieses Selbst noch ganz im Blute, in der Sippe, in der Gebundenheit des Stammes. Darum wird der Vater in vielen Märchen verlassen. Kammer Will man der Fluchtkammer, Pubertätshütte und/oder dem Turmverlies atavistisch nachspüren, bieten sich die Riten der Naturvölker an; sie kannten nicht nur 'den Turm', die abgesonderte Pubertätshütte, sondern auch die Stammesalte, die die pubertierenden Mädchen erzog. Kann dann die Fluchtkammer, Pubertätshütte als Metapher für eine Reifungsphase, Ort väterlicher Verdammung, verstanden werden? Schloß Das Schloß, vom Haus sich durch Größe und Reichtum unterscheidend, ist Bild für die Behausung des Leibes. Es wird gebraucht, wenn der Leib bedeutsamer, fülliger und reicher erlebt wird; so lebt z.B. das Kind vorwiegend in einem Schloß, denn es kennt die Grenzen seiner Leiblichkeit nicht. 'Steinernes Schloß' deutet auf den Kopf als Behausung hin, hat doch der Schädel die härteste Knochenstruktur. Seite 6 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges

13 Wald Der Wald symbolisiert die Verdrängung in das Unbewußte und es ist jener Bereich, in dem vegetatives Leben wuchernder Wachstumskräfte in bedrängender Fülle wirkt. Es ist ein Grenzgebiet zwischen Sinnes- und Geisteswelt. Dort kann die Triebnatur besonders hervorbrechen (das Wild im Walde). Hier werden Entwicklungswege gesucht, man kann sich verirren, aber auch den sicheren Weg finden. Der Wald ist Bild jenes ambivalenten inneren Stadiums, das jeder Geistsucher durchmachen muß. Wald - Waldung - war ehemals ein Gebiet, das jenseits des Walles lag, der die Gehöfte unserer Vorfahren schützend umschloß. Waldung war ungeschütztes Land und voller Gefahren. Man mußte den Weg finden und konnte ihn verlieren und in die Irre gehen. Wilde Tiere drohten den Menschen anzufallen, auch Räuber und anderes Gesindel. Doch auch die weise Frau hauste darin, die Seherin, oder der fromme Einsiedler. Die Fülle der dort webenden Naturkräfte erquickt und stärkt und gesundet. Sein dämmeriges Dunkel, das geheimnisvolle Rauschen der Bäume erwecken im Menschen Ahnung und Schauer. Und so wurde der Wald zum Wahrbild für jenes innere Gebiet des Suchens und Irrens, der Ausweglosigkeit, aber auch der bedrängenden Fülle, die jeder durchmachen muß, der nach einem inneren Ziele sucht. War doch auch die Gralsburg sechzig Meilen weit von Wald umschlossen! Dante schildert den Wald in seiner Göttlichen Komödie als die Sphäre des Geheimnisses, die durchschritten werden muß. Wenn Kinder beispielsweise von Waldträumen bedrängt werden, gilt das als ein Zeichen, daß sie mehr Führung brauchen und man ihnen erzählen und den Geist beschäftigen muß, weil sie von ihrer eigenen Vitalität bedrängt werden und keinen Ausweg wissen. Feuer Feuer kann zweierlei bedeuten: 1. Feuer des Geistes, der zündende Funke, die lodernde Flamme der Begeisterung. 2. Feuer der Begierde, schwelendes oder aufloderndes Feuer der Leidenschaft, Hexenfeuer, magisch wirkendes Begierdenfeuer. Seite 7 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges

14 Zwerge Der Sage nach sind Zwerge als Erdgeister vorwiegend die Bewacher unterirdischer Schätze, sind Schatzheber, Schatzschenker, kunstfertige Schmiede. Sie sind als Hausgeister übermütige Kobolde, Kindsvertauscher, Wechselbalgunterschieber, bedenkenlose Ausleiher; und andererseits im Haus sehr hilfreiche Wesen, die sich aufs Kochen, Backen und Brauen verstehen. Sie rächen sich an Beleidigern und bestrafen die Hartherzigen. Außerdem sind sie Zukunftsweiser, Heiler -- und oftmals von ihrem Haus Vertriebene. Dem Namen nach sind Zwerge (althochdeutsch gitwerg, altnordisch dvergr) entweder mißgestaltete Wesen -- klein, häßlich, alt und grau, verwachsen, bucklicht, vogelfüßig -- oder 'Trugwesen'; von daher auch die Nebelkappe, die sie unsichtbar macht. Der älteste europäische Märchenzwerg ist Tom Thumb, er diente schon König Arthur. Auch 'Der gelbe Zwerg' aus den'Contes de fées' ist bereits seit 300 Jahren bekannt. Es hat nicht an Versuchen gefehlt, die 'Sieben Zwerge' für noch älter zu erklären; immerhin bezeugt eine Zwergenstatuette mit Kapuze und Bergmannslampe (Thermen-Museum, Rom) die schon im Hellenismus verbreitete Sitte, Kinder in Bergwerken zu beschäftigen. Eine Kapuzengestalt eigener Prägung ist das Sandmännchen, eine Art abgesunkener Schlafgott. In menschenähnlicher Gestaltung erscheinen im Märchenbilde die Zwerge. Sie sind Imaginationen jener elementaren Geistigkeit, die als Erd-Verstand, als Intelligenz im Irdischen, waltet. Ihr großer Verstand drückt sich in ihrem großen Kopf aus, ihr Alter in Bart und Gesicht. Die Kappe, die sie zumeist tragen, will besagen, daß sie sich nach oben abschließen und daß dieser Verstand nach unten, auf das Irdische gerichtet bleibt. Als Elementarwesen walten sie im Gestein und in den Metallen der Erde, aber auch im Wurzelwerk der Pflanze, die mit der Erde im Stoff-Austausch verbunden ist. Da der Mensch durch seinen Leib Anteil hat an der irdischen Natur, so treten Zwerge auch mit dem Menschen in Beziehung. Zwerge heißen in Grimms Märchen auch graue Männlein, klein Männken, Erdmänneken, Haulemänner. Am bekanntesten sind die sieben erzschürfenden Zwerge aus Schneewittchen, deren Haus auch als Jenseitshöhle gelesen werden kann, dann der Kobold Rumpelstilzchen und der boshafte Zwerg in Schneeweißchen und Rosenrot, ein ausgemachter Schatzräuber. Grimms Wörterbuch weist unter Rumpelstilz "lärmender, spukender 'Kobold' aus. Schon in Fischarts 'Gargantua' (1575) kam ein 'Rumpele stilt' oder der 'Poppart' vor - als Spiel. Auch 'Ricdin-Ricdon', die älteste Märchenfassung, bezog Spielelemente ein. Das Teufelskerlchen bei Grimm hörte zunächst auf 'Rumpenstünzchen', ritt auf einem Kochlöffel ums Feuer und flog, statt sich mitten entzweizureißen, auf selbigem Löffel zum Fenster hinaus. Im Erstdruck (1812) lief das Männchen bloß zornig fort (erzählt nach Dortchen Wild), und erst ab dem Zweitdruck (1819) wurde sein Abgang so drastisch-dramatisch, wie wir ihn kennen (erzählt nach Lisette Wild). Seite 8

15 Ricdin-Ricdon Die Figur des bösen Kobolds 'Rumpelstilzchen' findet sich zum erstenmal im französischen Feenmärchen "L'historie de Ricdin-Ricdon" der Madame L'Heritier de Villandon (1705). Dort tritt er allerdings als großer, dunkelblickender Mann auf, seinen Namen gibt er gleich bekannt, und anstatt sich dreimal abzumühen, überläßt er der Heldin einen Zauberstab, der alle Arbeit elegant verrichtet. Der Namensklang und auch die Verseinlagen deuten darauf hin, daß das Märchen mit einem alten Kinderspiel zu tun hat. Prinz Aymant-joye, einziger Sohn des Königs Prud'-homme und der 'Fleißigen Königin', sieht, wie eine Bäuerin ein junges schönes Mädchen, das Spinnrocken und Flachs bei sich hat, in ein Haus zerrt. Sie spinnt zuviel, sagt ihm die Alte. Der Prinz stellt seiner Mutter die junge Rosanie vor als die begabteste und fleißigste Spinnerin im Land (dabei haßt sie das Spinnen). Sie ist bezaubernd: blond ihr Haar, alabastern die Stirn, große blaue Augen, feine und hübsche Taille, leichter Gang. Auf die Spinnprobe gestellt, sieht sie Düsteres vor sich: entweder man jagt sie aus dem Palast, oder sie gibt sich selbst den Tod. Im Garten sich ergehend, stößt sie im Pavillon auf einen großen, braunen, gutgekleideten Mann, der nach dem Grund ihrer Tränen fragt. Er überläßt ihr ein graubraunes Stäbchen, mittels dessen sich Hanf und Flachs zu schönsten Fäden spinnen lassen. In drei Monaten soll sie es zurückgeben und ihn dabei mit Namen anreden, dann hätte sie weiter keine Verpflichtung. Rosanie scheint, sein Name 'Ricdin-Ricdon' läßt sich leicht behalten, und willigt ein. Das Stäbchen bewirkt all das, was sie sich ausbedungen hat, es webt feinste Tücher und Teppiche, es veredelt Kleider und Frisur. Die Liebe zwischen Rosanie und dem Prinzen wächst von Tag zu Tag. Zugleich nimmt ihre Furcht vor dem Tag der Übergabe zu, denn den wunderlichen Namen hat sie vergessen. Als ihr jedoch der Prinz von seinem Abenteuer mit dem 'dunklen Teufel' im öden, verfallenen Palast berichtet und dessen wüstes Tanzlied noch auswendig weiß, da hat sie ihn wieder, den Namen. Es naht der Moment, wo sie von ihrer vornehmen Abkunft erfährt, und daß Königin Riante-image, ihre wahre Mutter, auf dem Weg zu ihr ist. Nachdem sich alle bekanntgemacht und schon der Hochzeitstag anberaumt ist, wünscht ein schwarzgekleideter Mann Rosanie zu sprechen. Sie erkennt ihn sofort als 'Herrn des Stäbchens', und sobald sie es ihm unter Nennung seines Namens überreicht hat, verschwindet er -- unter gräßlichem Geheul. Das lautmalerische Ricdin-Ricdon-Lied ist uns samt Noten überliefert. Die Vorstellung, daß die Kenntnis des Namens Macht über die Person verleiht, entspricht altem Volksglauben. Seite 9 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges  zum Liedzum Märchen

16 Tom Tit Tot Das englische Pendant zu Rumpelstilzchen ist Tom Tit Tot, ein kleiner schwarzer Kobold, der unverschämt grinst und mit seinem langen Schwanz herumwirbelt. Trillevip Der dänische Trillevip ist ein rotbemützter Berggeist, der sich als Liebespartner aufdrängt, dem Mädchen nach der Namenspreisgabe aber noch zum Eheglück verhilft, indem er die alten drei Spinnerinnen anheuert. In der Tat erscheinen jene drei dämonischen Spinnhelferinnen, die durchweg gutmütig sind, wie eine ins Schwankhafte gekehrte Rumpelstilzchen-Variante; aus ihren Namen machen sie keinen Hehl. Spinnerin Schon in Johannes Praetorius' 'Abentheuerlichem Glückstopf' (1669) wird von einer faulen Spinnerin erzählt, die von ihrer Mutter für übermäßig fleißig und produktiv ausgegeben wird, worauf sie prompt einer heiraten will, ihr einen großen Vorrat Flachs mitbringt und die Braut dadurch in Verlegenheit setzt. In Grimms Märchen 'Die drei Spinnerinnen' (1819) winkt der faulen Spinnerin kein geringerer als der Königssohn, doch vorher muß sie für die Königinmutter drei Kammern voll Flachs wegspinnen Quelle: Who's who im Märchen von Ulf Diederichs Das weibliche im Märchen von Marie-Louise von Franz Bildsprache der Märchen von Friedel Lenz, Verlag Urachhaus Seite 10 Bilder, Symbole, Hintergr ü ndiges zum Märchen

17 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf Die vermutlich auf einer Zwergensage aufbauende Erzählung von dem Unterirdischen, der für seine Hilfe beim Gold- spinnen das Kind der Königin beansprucht, jedoch überlistet wird, haben die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm in mehreren Fassungen gekannt. Für den ersten Band der Erstausgabe 1812 ihrer Kinder- und Hausmärchen verwandten sie nicht die in der Urschrift enthaltene Aufzeichnung Rumpenstünzchen, deren Herkunft unbekannt ist, sondern zogen die von der damals 17jährigen Henriette Dorothea Wild ( ), der späteren Frau Wilhelm Grimms, am 10. März 1811 beigesteuerte Erzählung vor. Rumpelstilzchen wurde dann für die zweite Auflage von 1819 nach drei weiteren Erzählungen aus der Familie Hasenpflug und von Lisette Wild ergänzt. Ein Vater lobte seine Tochter aus dem Haus. Er prahlt vor dem König, sie könne aus Stroh Gold spinnen, und überant- wortet sie der unmöglichen Aufgabe. Der König verschärft das Ausgesetztsein und die Hilflosigkeit des Mädchens auf das äußerste: Er droht ihm den Tod an, wenn es bis zum nächsten Morgen das Stroh in der Kammer nicht zu Gold gesponnen habe. In seiner Angst und Ratlosigkeit beginnt das Mädchen zu weinen. Die Eingangslage ist verzweifelt -- und genau das ist dem Märchenzuhörer oder Leser nur allzu wohlbekannt. Doch gerade dem ganz und gar Verlassenen wird Hilfe zuteil - eine Erfahrung, die der Märchenerzähler immer wieder weitergibt und die seine Zuhörer auch von ihm erwarten. Märchenerzählen heißt: Bestätigung des eigenen Weges, Bestärkung des Vertrauens und schließlich des Glaubens an sich selbst. Freilich, der dämonische Helfer ist alles andere als uneigennützig. Seine Hilfe steigert die Bedrohung, denn der Erfolg macht den Herren über Leben und Tod, den König, immer gieriger. Für die erste Kammer Stroh, die der Dämon zu Gold spinnt, nimmt er des Mädchens Halsband, und für die zweite seinen Ring - wohlwissend, daß die arme Müllers- tochter mehr gar nicht besitzt. Für die dritte große Kammer Stroh, die in Gold verwandelt werden muß, hat die junge Frau schließlich das eigene Kind zu versprechen. Damit ist sie bereit zu wiederholen, was der eigene Vater ihr angetan hat. Sie erkauft sich so die Ehe mit dem König. Der Abschluß des ersten Erzählteiles bringt zwar das Ende der Proben auf Leben und Tod. Die eigene Sicherheit ist erreicht - aber es ist nur eine vordergründige Sicherheit. Wirklich zu sich selbst gefunden hat sie noch nicht, das hängt von ihrer Beziehung zu ihrem Kind ab. Seite 1

18 Als der Dämon nach Jahresfrist erscheint und der Königin das Kind wegnehmen will, trifft er auf einen anderen Menschen. Die junge Königin nimmt den Kampf um ihr Kind auf, und der Dämon räumt ihr auf der neugewonnenen Ebene eine zweite Auseinandersetzung ein. Die junge Frau muß seinen Namen erraten. Sie schickt Boten aus, sie hört sich um. Der dreifachen Steigerung des ersten Erzählteils folgt eine zweite dreifache Steigerung. Zuerst nennt sie alle ihr bekannten, beim zweiten Mal alle von der in Erfahrung gebrachten ungewöhnlichen Namen. Und kurz vor dem letzten Rätselkampf mit dem Dämon kommt ihr, wiederum auf eine unvoraussehbare Weise, Hilfe zu: Als ihr Bote sich anschickt, unverrichteter Dinge heimzukehren, belauscht er den Dämon, der in voreiliger Siegestrunkenheit um ein Feuer tanzt, sich unbelauscht glaubt, und dabei seinen Namen preisgibt. Nun wendet sich das Blatt, und als Zuhörer erlebt man die letzte Auseinandersetzung gleichsam auf einer Bühne. Man weiß, daß die Entscheidung gegen den Dämon gefallen ist, daß sie endgültig ist und daß auf seine Maßlosigkeit ein bodenloser Fall folgen wird. Der Dämon erkennt, daß er sich selbst vernichtet hat, und reißt sich mitten entzwei. Die junge Frau aber hat, weil sie den Kampf um ihr Kind aufnahm, ganz zu sich selbst gefunden. Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf Seite 2

19 Wer die Erzählung von dem Mädchen, das Gold aus Stroh spinnen muß, aus dem Vorgang zu erfassen sucht, der sich zwischen Erzähler und Zuhörer im Vorstellungserlebnis entwickelt, dem ist der Gedanke an Herkunft und Bedeutungs- entwicklung zweitrangig. Ob eine Zwergensage oder eine schwankhafte Erzählung vom geprellten Teufel den Ausgangs- stoff geliefert hat, ist für die Aufnahme der Erzählung in ihrer heutigen Gestalt belanglos: Das Rumpelstilzchen und mit ihm zahllose ähnlich reich ausgestattete Fassungen (Cistl im Körbl der Brüder Zingerle; Trillevip; Flickan, som kunde spinna gold utav ler och langhalm von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und George Stephens), haben einen vergleichbaren kunstvollen Aufbau und die gleiche Funktion wie alle anderen eigentlichen Zaubermärchen auch: Einladung und Spielmaterial zu sein zum unbewußten Durcharbeiten von Ablösungs- und Selbstfindungskonflikten. Das Rumpelstilzchen ist sogar ein Schulbeispiel in seiner Rückführung von äußeren auf innere Bewährungsproben -- und gerade deshalb mehrfach kraß mißdeutet worden. Dabei vertreten die Forscher oft auffällig gegensätzliche Standpunkte. Während Lutz Röhrich die Hauptgestalt als völlig passiv, hilflos, tränenreich und von Zufällen abhängig sieht, sieht Gontzhier-Louis Fink in ihr eine frühe, listenreiche Feministin, die sowohl ihren Mann als auch ihren Helfer (Liebhaber) zum Narren hält und beide gegeneinander ausspielt. Aber der Zuhörer (und auf ihn kommt es doch an) erlebt weder das eine noch das andere, nimmt vielmehr in rückhaltloser Identifikation an der Entwicklung eines Mädchens teil, das vom Vater über den König bis zum dämonischen Helfer mit wahrhaft unlösbaren Aufgaben belastet wird, vor denen es zugegebenermaßen zwar zunächst völlig hilflos steht. Aber als ihr in größter Not Hilfe zuteil wird, nimmt sie immer zuversichtlicher, trotz wachsender Bedrohung, ihr Geschick in die eigene Hand. Sie gibt ihren Ring und ihr Halsband hin, entäußert sich ihres kleinen Schmuckes, der eigentlich ein Stück von ihr selbst ist. Und als sie schließlich ihr Kind oder in anderen Fassungen sich selber verspricht, versucht sie nicht etwa des gesell- schaftlichen Aufstieges halber ihren Mann oder anderseits den Helfer zu täuschen, sondern sie nimmt die Herausforde- rung in dem wachsenden Vertrauen an, daß sie die Lage meistern wird. In einigen Fassungen ist sie es sogar selbst, die auszieht, den Namen des kleinen, aber gefährlichen Dämons zu erkunden. In anderen schickt sie ihren Diener aus. In einer dritten Gruppe wiederum erfährt sie den Namen von ihrem Mann, der auf der Jagd zufällig den tanzenden, singenden Kobold belauscht, aber nicht die geringste Ahnung hat, was das bedeutet und was für einen Kampf seine von einem hilflosen Mädchen herangereifte junge Frau, allein und auf sich gestellt, durchzufechten im Begriff ist -- so in der aus Suffolk stammenden, zu einer internationalen Berühmtheit gewordenen englischen Buchmärchenfassung Tom Tit Tot". Seite 3 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf

20 Gewiß, es gibt eine ganze Reihe Fassungen, in denen der Gegenspieler der Teufel ist. Aber derartige von einer gewissen Zeit beförderte Verengungen sind weder überall eingedrungen, noch können sie Ursprünglichkeit beanspruchen. Daß der Dämon, Kobold, Zwerg mit dem Teufel gar nichts zu schaffen hat, wird gerade in der Grimmschen Fassung deutlich. In seinem maßlosen Zorn über sein völlig unerwartetes Unterliegen in der Rätselwette ruft er aus: Das hat dir der Teufel gesagt. Dabei ist er es selbst, der sich in seiner unbedachten Siegesfreude verraten hat. Sehr weit von unserem Märchen entfernten sich jedenfalls die Sagen-Ableitungen, mit denen ein Beispiel dafür vorgetragen werden soll, wie gefährlich es ist, sich mit dem Teufel einzulassen. Und die Zusammenhänge mit dem wenig entwickelten, zweitklassigen Märchentyp, in dem der Teufel Rätsel aufgibt (Der Teufel und seine Großmutter), können die Ursprünglichkeit unseres Zauber- märchens ebenfalls nicht in Frage stellen. Deutlich verwandt mit unserem Märchen, vielleicht von ihm unmittelbar beeinflußt, ist die Gruppe der Baumeistersagen um den Riesen Finn. Darin soll der Baumeister dem Dämon verfallen, wenn er seinen Namen nicht herauszufinden vermag -- aber er erlauscht das Wiegenlied, das die Frau des Riesen singt, wobei sie den Namen ihres Mannes nennt (Vatter Fink, Strackerjan). Der Baumeisterriese und menschenfressende Troll hat auch in einer verschmitzt humor- vollen, bisher völlig unbeachteten dänischen Erzählung seinen Platz, einer Verschmelzung der Märchen vom Kater als Helfer und der Namenfindung. Bengt Holbek hat es in seine Dänischen Volksmärchen als Nr. 16 aufgenommen: Soen Vroen Vrimpetoen. Seite 4 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf

21 Der nächstverwandte Märchentyp, in der Grimmschen Sammlung als Die drei Spinnerinnen vertreten, ist indessen auffällig ähnlich aufgebaut, freilich stets ins Schwankhafte gewendet, so daß der Gedanke naheliegt, sie sei eine Schwank-Ableitung von Rumpelstilzchen und der Gruppe der Erzählungen von dem hinters Licht geführten törichten Freier zuzurechnen. Statt der Prahlerei des Vaters, die Tochter könne Geld spinnen, prügelt die Mutter ihre Tochter wegen ihrer Faulheit im Spinnen, fälscht diese Aussage jedoch sogleich um, als der junge König erscheint. Nun behauptet sie plötzlich, die Tochter sei so unerträglich fleißig im Spinnen, daß man es ihr gewaltsam austreiben müsse. Der König läßt sich beeindrucken. Er bringt das Mädchen zu seiner Mutter, und die Mutter gibt der Faulen erkleckliche Spinnaufträge, für deren Erfüllung sie ihr die Hochzeit mit dem Sohn verspricht. Die schwankhafte Spiegelung ist unverkennbar. Vielleicht ist sie als Abendunterhaltung in der Spinnstube entstanden. An die Stelle des dämonischen Helfers treten allerdings drei eher gutmütige, grotesk häßliche Weiber. Und an die Stelle der existentiellen Bedrohung durch den Dämon ist die harmlose Probe getreten, ob die zukünftige Königin bereit ist, die häßlichen Helferinnen als Verwandte auszugeben und zur Hochzeit einzuladen. Als Zuhörer begreifen wir sogleich, daß der ganze Spaß davon abhängt, ob die faule Spinnerin am Ende gewinnt oder ob sie auf die Nase fällt. Indessen, sie schämt sich ihrer häßlichen Helferinnen nicht -- aber ihr Mann erschrickt dermaßen über die angeblichen Folgen fleißigen Spinnens, daß er seiner jungen Frau ein für allemal verbietet, noch einmal Spinngerät in die Hand zu nehmen: ein wirksamer Schlußstrich. Die faule Spinnerin braucht keine Sorge mehr zu haben. Seite 5 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf

22 In vielen Fällen sind die beiden Märchentypen Rumpelstilzchen und Die drei Spinnerinnen miteinander verschmol- zen. Das ist vortrefflich gelungen in der ostholsteinischen Erzählung von den alten Spinnfrauen und der kleinen Schaumkelle und der nordfinnischen vom Trillevip. Im übrigen haben die beiden sehr lebendig erzählten Fassungen eingangs das schwankhafte Auf-den-Kopf-Stellen der Aussage und ausgangs das Namenraten gemeinsam: Im Osthol- steinischen sieht die Köchin den Kobold tanzen und hört seinen verräterischen Spruch, im Nordfinnischen hört ein Jäger aus einem erleuchteten Hügel das wild begeisterte Lied des Unterirdischen. Es gibt aber auch eine bisher unbeachtet gebliebene Verschmelzung des Märchens von der Schönen und dem Tier mit dem Rumpelstilzchen: im Harz- märchenbuch des Bergmannssohnes August Ey (Die goldene Rose) -- ein weiterer Hinweis auf den erheblichen Einfluß, den die um die Wende des 17. zum 18. Jahrhundert veröffentlichten französischen Märchen teils im Original, teils in Übersetzung auf die deutsche mündliche Überlieferung ausgeübt haben. Und damit wären wir bei der Geschichte der Buchmärchenfassungen. Die schwankhafte Schwesternerzählung (Die drei Spinnerinnen) erscheint zuerst in der neapolitanischen Sammlung des Giambattista Basile 1636 mit der vierten Erzählung des vierten Tages: Le sette cotenelle (Die sieben Schwarten). Dort zeigt sich ein Zug, der auch sonst häufiger auftritt. Das Mädchen ist nicht nur faul, sondern auch verfressen. Es hat seiner Mutter sieben Speckschwarten weggeputzt. Andernorts sind es fünf Pasteten. Aber als die Mutter schimpft und als dabei zufällig der König vorbeikommt, fälscht sie die Aussage um und klagt nunmehr, daß ihre überfleißige Tochter bereits fünf Pfund Flachs versponnen habe. Auch bei Johannes Praetorius, dem Herausgeber der vierbändigen Sammlung von Rübezahl-Sagen, findet sich eine Fassung in Schwankform (1669). Das eigentliche Zaubermärchen von der Spinnhilfe des koboldartigen Dämons erscheint zuerst in Marie Jeanne L'Héritiers de Villandon La tour ténébreuse et les jours lumineux, als: L'histoire de Ricdin Ricdon. Gewiß, Marie Jeanne L'Héritier hält sich an mündliche Überlieferung -- aber sie hat einen höfisch galanten Erziehungsroman daraus gemacht. So einfach war es in der französischen Gesellschaft ja nicht, eine musterhafte Prinzgemahlin zu werden wurde das Märchen von Johann Gottwerth Müller ins Deutsche übertragen, wobei aus dem Kobold nun endgültig ein Teufel geworden ist. Aber nicht genug damit. Sophie Albrecht griff neun Jahre später ebenfalls den Stoff auf und veröffentliche in Hamburg, an Marie Jeanne L'héritier angelehnt, Graumännchen oder die Burg Rabenbühl (1799) -- worin sie, möglicherweise als erste, das Mädchen nicht sich selbst, sondern ihr erstes Kind dem Dämon verschreiben läßt. Seite 6 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf

23 Zumindest in diesen drei Buchmärchenfassungen, die auch in anderen Sammlungen zu finden waren, wurden die stark zeit- und gesellschaftsbedingten französischen Bearbeitungen weithin in Deutschland bekannt. Und nicht genug damit. Als Seitentrieb ist wahrscheinlich auch Charles Perraults märchenhafte Erzählung Riquet à la houppe anzusehen (1697), die ihrerseits vermutlich mit Catherine Bernards Einschalterzählung in Inès de Cordue verbunden ist (Paris 1696), denn in der Pariser Gesellschaft war es üblich, die handschriftlichen Entwürfe rundgehen zu lassen. Ob aber Perraults Riquet von Catherine Bernards Fassung abhängig ist oder ob beide auf dieselbe Quelle zurückgehen, ist nicht so wichtig. Wichtig ist vielmehr der Beweis, daß zu jener Zeit die mündliche Überlieferung unseres Zaubermärchchens vom helfenden und fordernden Dämon noch recht lebendig war -- auch wenn, wie Carl Wilhelm von Sydow sagte, die Riquet-Erzählung von einer in Auflösung begriffenen Fassung abgeleitet und obendrein im Sinne damaliger gesellschaftlicher Vorstellungen von Charles Perraut erheblich umgewandelt worden ist. Seite 7 Lexikon der Zaubermärchen von Walter Scherf

24 Kurt Stiasny "Was Grimmsche Märchen erzählen", Band II Das ist ein wahrhaft kurioses Märchen, und zwar durch seine Hauptgestalt, die sich jeder sinnlich-konkreten Erfahrung entzieht; noch mehr durch den Verlauf. Denn ist es nicht so, daß sonst im Märchen das Böse durch das Gute besiegt wird, hier aber Rumpelstilzchen, der helfende Geist, sich selbst zerstört und die Müllerstochter scheinbar ohne große Anstrengung Königin wird? Überhaupt: Wie vergehen sich alle! Der Vater, 'um sich ein Ansehen zu geben', prahlt mit nicht vorhandenen Fähigkeiten der Tochter und bringt sie dadurch in äußerste Not; der König, der immer 'goldgieriger', erpreßt die Leidende mehr und mehr; und die Tochter, in Tränen aufgelöst, Mitleid erregend, verspricht nicht ohne Leichtigkeit und prellt am Ende das kleine Männchen um den verdienten Lohn. Solche Betrachtung befriedigt nicht. Man sollte das nicht falsch verstehen, als suche man in Märchen immer nur die heile Welt (es gibt schließlich genügend Gegenbeispiele). Doch Unredlichkeiten, mit denen hier jeder jeden ausnutzt und mißbraucht, sowie gewinnbringende Bequemlichkeiten entwickeln sich nicht schadlos in dieser Spähre. In der Urfassung wird kein Motiv angegeben, weshalb der Müller mit dem König über die Tochter spricht; der folgenschwere Satz in diesem Gespräch (nur dieser erscheint in direkter Rede und erhält dadurch Gewicht) lautet ursprünglich: "Ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln." Die Gebrüder Grimm verzichten auf das Wort 'Kunst' und ersetzen 'verwandeln' durch 'spinnen', die Redeeinleitung 'um sich ein Ansehen zu geben' fehlt. Der König seinerseits spricht auch hier von Tod, erscheint aber nicht unbedingt als der 'goldgierige' Machthaber. Bei Grimm lesen wir: "Aber sein Herz ward nur noch goldgieriger... war aber noch immer nicht Goldes satt"; im früheren Text steht ganz einfach: "Aber sein Herz wurde dudurch nur noch begieriger" (das letzte Wort besitzt durchaus auch positiven Charakter). Es fehlt ganz der Zusatz: "Wenn's auch eine Müllerstochter ist,... eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht." Vor allem: Nicht Diener werden ausgeschickt; die Königin selbst sinnt zwei Tage lang, welchen Namen das Männlein haben könnte, und nicht sie und nicht ein Diener entdecken das Geheimnis, sondern der König selbst auf der Jagd. Zudem gibt es kein dreifaches Rätselraten, sondern eine relativ schlichte Nennung beendet diesen Vorgang, worauf Rumpelstilzchen sich nicht höchst dramatisch selbst zerstört, sondern ausruft: "Das hat dir der Teufel gesagt", zornig fortläuft und nimmermehr wiederkommt, d.h. aber weiterhin als Potenz doch existiert. Seite 1

25 Angesichts dieser Tatsachen fallen einige Spekulationen fort, läßt sich eher der vertraute Märchencharakter entwickeln: Dieser Vater prahlt nicht, er spricht mit dem König über die besonderen Fähigkeiten seiner Tochter. Er ist 'Müller', als solcher gewohnt, Lebendiges aufzubrechen, damit es verändert werde. Von Verwandlung ist denn auch direkt die Rede, wie man Stroh in Gold verwandelt, aus scheinbar Unbedeutendem Bleibendes macht. Äußeres Bindeglied zwischen beiden Stoffen ist die Farbe, denn auch Stroh glänzt, wenn das Licht entsprechend fällt, wie Gold. Die Anlage ist da (ein armer Müller hat eine schöne Tochter); die Zeit ist offenbar reif, damit der Prozeß beginnen kann. Der König hört von dieser Kunst und befiehlt, mit der Verwandlung zu beginnen (auch er benutzt dieses Wort). Wieso eigentlich muß man diesen König als besessenen Machthaber ansehen, wenn er sagt, daß die Tochter sterben müsse, wenn ihr die Verwandlung nicht gelinge? Natürlich stirbt sie, wenn sie (sich) nicht verwandelt. Der Vater und der König führen das junge Mädchen in große Schwierigkeiten, in Todesangst; aber ohne sie käme es nicht zur Reifung, nicht in den Stand einer 'Königin'. Freilich erfordert jede grundsätzliche Veränderung, Verwandlung unsagbare Kräfte und Wissen, ohne die sich manchmal schnell Verzweiflung einstellt. Dies ist die momentane Situation der Müllerstochter, die noch nicht weiß, wie das alles geschehen soll, die sich ausgesetzt, verlassen, vereinsamt fühlt, die sich aber dennoch ablösen muß, zu ihrer höchst eigenen Person, Reifung geführt, ja gezwungen werden muß. Dieses Mädchen gerät jetzt in ein Spannungsfeld dreier verschiedener Kräfte: Da ist der Vater, der einen Prozeß in Gang setzt; da ist der König, mit dem sich die Tochter vermählen soll; da ist das Rumpelstilzchen, das bei diesem Werdegang hilft; Ziel ist das königliche Kind. Nicht leicht fällt, die Titelgestalt verstehbar zu machen; darauf kommt aber alles an: Es handelt sich um ein kleines, unscheinbares Männchen, das im Zustand sich steigender Hilflosigkeit, Ratlosigkeit und Ärger wie in ein Vakuum eindringt, ein flinker, quirliger, unruhiger Geist, der auftaucht, erpreßt und wieder verschwindet. Rumpelstilzchen wohnt im Dunkeln, stellt unkontrollierte, unterbewußte Mächte dar, das niedere Ich, das nicht ausgeschaltet werden kann und darf, da es entscheidenden Anteil hat an der Verwandlung, das dafür aber Tribut fordert, von Mal zu Mal größeren: Erst wird verlangt ein Halsband (es ist ersetzbar); dann ein Ring (der besitzt bereits sehr persönlichen Wert und stellt Verbindung dar) und schließlich Lebendiges, die Substanz. Die Müllerstochter muß diese Verbindung eingehen, weil, wie gesagt, ohne diese Basis keine lebendige Entwicklung denkbar ist, das Männlein versteht sich ja schließlich auf die Kunst des Verwandelns. Doch droht die Seele, da sie sich ihm immer mehr verbindet, unterzugehen. Das ist, vielleicht kann dieser Hinweis dienen, wie bei Faust, der Mephistopheles zu seiner Entwicklung braucht, auch wenn er als der Böse, Zerstörerische auftritt. Es kommt darauf an, diese Macht zu beherrschen, damit die Seele ihr Ziel erreicht. Seite 2 Kurt Stiasny "Was Grimmsche Märchen erzählen"

26 Der König beobachtet diesen Vorgang, wird begieriger nach weiterer Veränderung, Erweiterung, nicht im Sinne der Goldanhäufung, sondern einer Veredelung. Zum Schluß macht er die Müllerstochter zu seiner Gemahlin. Damit ist die Unruhe vernichtet, das 'Königskind' kann geboren werden. Hier endet gewissermaßen der erste Teil. Doch bald zeigt sich: Dieser Weg bringt keine wahre Hilfe, da sie entstanden ist nicht in Freiheit, sondern durch Bindung an untere, unruhig Mächte. Die letzte Stufe kann nicht erreicht werden. Das Prinzip 'Rumpelstilzchen' ist nicht aufgehoben, sondern in der Not verdrängt worden mit Hilfe eines abgründigen Versprechens. Plötzlich, zum Zeitpunkt höchsten Glanzes, höchster Freude, tritt in letzter Konsequenz die hartnäckige Forderung nach dem Kind zutage. Jetzt muß sich die junge Königin, dies ist der Untergang oder Wendepunkt oder die letzte Steigerung, mit dem Gedanken vertraut machen, das Kind zu opfern, einen entscheidenden Teil ihrer selbst, wenn nicht sogar sich selbst. Doch bleibt noch eine Chance, und sie wird genutzt: Die Königin, dies ist sicher eine der bedeutendsten Wendungen in diesem Text, be-sinnt sich. Das heißt: Sie hält inne, sucht den Sinn, denkt nach über das Geschehene, insbesondere über das eigenartige Wesen, für das sie noch keinen Namen hat, das ihr noch nicht zum Bewußtsein gekommen war, über das sie eine Zeitlang hinweglebte, als existiere es nicht... Aber es existiert, hat einen Namen, einen verborgenen allerdings, so lange verborgen und dadurch mit geheimnisvoller, anonymer Macht ausgestattet, wie der Bedrängte ihn nicht auszumachen versucht. Der Name ist hier das Wesen selbst (nomen est omen); wer den Namen kennt, hat Macht über das Wesen. Doch es ist nicht leicht, den Namen dieser Kraft zu erfahren. Wenn das Märchen von zwei Tagen spricht, dann darf hier nicht quantitativ, sondern muß qualitativ gedacht werden, besonders mit dem Blick auf den dritten, den letzten Tag. Daß die Königin von nun an unbeirrt sucht, fragt, sich fragt, nicht mehr passiv sich ihrem Leid und anderer Hilfe überläßt, sondern aktiv um ihr Kind kämpft, schafft entscheidene Voraussetzungen für ihre Erlösung. Mit dem Gedanken des Opfers jedoch muß sie sich trotzdem vertraut machen, das gehört zu diesem Weg. Es wird aber von ihr real nicht gefordert: Der König greift helfend ein. Spätestens jetzt wird klar, daß die Grimmsche Fassung diesmal auf falsche Wege führt. Wir müssen erkennen: Der König giert nicht nach Gold, er fordert Beweise für angebliche Fähigkeiten, stellt auf die Probe, hilft noch in letzter Minute zur Erkenntnis und belohnt die große Mühe. Er vergegenwärtigt eine höhere Kraft dem niederen Ich (Rumpelstilzchen) gegenüber, dem sich verwandelnden Menschen zur Seite gestellt, damit er nicht verlorengehe in Angst und Magie, sondern Herr werde über dunkle Mächte und schließlich zur letzten Reife gelange. Seite 3 Kurt Stiasny "Was Grimmsche Märchen erzählen"

27 Die Betrachtung wäre nicht abgeschlossen, ohne einen Blick auf das Verschen zu werfen, in dem sich, wie so oft, das Geschehen zusammenballt: Heute back ich weist hin auf eine Formung morgen brau ich auf Materielles & Geistiges, im Grunde Brot & Wein übermorgen hol ich der Königin ihr Kind auf ein letztes Opfer Dies ergibt den eigentlichen Sinn dieses Märchens: Daß aus Stroh Gold wird, aus Unscheinbarem Wertvolles, aus Vergänglichem Beständiges. Es scheint nicht zu weit gegriffen, wenn man hierin alchemistische Weisheit verborgen sieht: Man darf das nicht falsch verstehen, als wär es den Alchemisten darum gegangen, unedle Metalle in Gold zu verwandeln, um sich zu bereichern. Sie strebten vielmehr die Vollendung eines Wesens an, indem sie das Bewußtsein radikal veränderten und "von der gewöhnlichen (bleiartigen) Ebene der alltäglichen Erkenntnis zu einer subtilen (goldartigen) Erkenntnisebene" aufsteigen ließen, "so daß jedes Objekt in seiner vollkommenen Gestalt, die im Absoluten enthalten ist, wahrgenommen wird" (so in einem bekannten Buch über Alchemie). Der Verwandlungsprozeß ist der entscheidende und unerläßliche Bestandteil dieses "Großen Werkes", das sowohl materiell als auch geistig zu verstehen ist. "Für die Alchemisten ist das Gold wegen seiner Lauterkeit und seiner erstaunlichen physikalischen Eigenschaften die Sonne der Materie, ein Analogon zu jener letzten Vollkommenheit, die sie zu erreichen trachten, indem sie 'niedere' Metalle in den gesegneten Zustand des Goldes zu versetzen versuchen. Wie das Gold zudem gewissermaßen der Schatten der Sonne ist, so ist die Sonne der Schatten Gottes". Bevor dieser Endzustand erreicht wird, gibt es zahlreiche Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden (die auch tödlich enden können), sinnfällig gemacht durch Destillieren, Fixieren, verwandelndes Kochen, Zersetzen, Gären, bis schließlich eine feste, dauerhafte Form gefunden ist: Der Stein der Weisen, ein inneres Königtum. "Für den Alchemisten, der vom tiefgründigen Parallelismus zwischen der materiellen und der immateriellen Welt und von der Gleichartigkeit der natürlichen und spirituellen Gesetze überzeugt war, besaß diese Verwandlungsfähigkeit eine universale Bedeutung". Seite 4 Kurt Stiasny "Was Grimmsche Märchen erzählen"

28 Schon in Fischarts Gargantua (1575) kam ein Rumpele stilt oder der Poppart vor - als Spiel. Schon in Johannes Praetorius' (dem Herausgeber der vierbändigen Sammlung von Rübezahl-Sagen ) Abentheuerlichem Glückstopf (1669) wird von einer faulen Spinnerin erzählt, die von ihrer Mutter für übermäßig fleißig und produktiv ausgegeben wird, worauf sie prompt einer heiraten will, ihr einen großen Vorrat Flachs mitbringt und die Braut dadurch in Verlegenheit setzt. Felix Karlinger Der abenteuerliche Glückstopf, Märchen des Barock. München Flickan, som kunde spinna gold utav ler och langhalm von Gunnar Olof Hyltén-Cavallius und George Stephens. Es gibt aber auch eine bisher unbeachtet gebliebene Verschmelzung des Märchens von der Schönen und dem Tier mit dem Rumpelstilzchen: im Harzmärchenbuch des August Ey (Die goldene Rose). Deutlich verwandt mit unserem Märchen, vielleicht von ihm unmittelbar beeinflußt, ist die Gruppe der Baumeistersagen um den Riesen Finn. Darin soll der Baumeister dem Dämon verfallen, wenn er seinen Namen nicht herauszufinden vermag -- aber er erlauscht das Wiegenlied, das die Frau des Riesen singt, wobei sie den Namen ihres Mannes nennt (Vatter Fink, Strackerjan). Bengt Holbek hat es in seine Dänischen Volksmärchen als Nr. 16 aufgenommen: Soen Vroen Vrimpetoen. In vielen Fällen sind die beiden Märchentypen Rumpelstilzchen und Die drei Spinnerinnen miteinander verschmolzen. Das ist vortrefflich gelungen in der ostholsteinischen Erzählung von den alten Spinnfrauen und der kleinen Schaumkelle. Sophie Albrecht griff neun Jahre später ebenfalls den Stoff auf und veröffentliche in Hamburg, an Marie Jeanne L'héritier angelehnt, Graumännchen oder die Burg Rabenbühl (1799) -- worin sie, möglicherweise als erste, das Mädchen nicht sich selbst, sondern ihr erstes Kind dem Dämon verschreiben läßt. erste Erwähnung und weitere Verbindungen

29 Ricdin-Ricdon In einem schönen Königreiche Europas, von dem die Historienschreiber den Namen nicht festgehalten haben, regierte ein Fürst, der durch seine Rechtschaffenheit, die Biederkeit seiner Seele und die väterliche Liebe zu seinen Untertanen den gloreirechen Namen König Prud'homme erhalten hatte. Dieser König war vermählt mit einer Prin-zessin, die außer vielen anderen Tugenden eine lebhafte und fleißige Natur hatte, so daß sie sich zum Vergnügen immer irgendeine Arbeit suchte, weswegen sie vom Volk den Beinamen 'die fleißige Königin' erhalten hatte. Dieser König und diese Königin hatten nur einen einzigen Sohn, der von seiner Mutter zwar die Lebhaftigkeit, aber nicht die Arbeitsfreude geerbt hatte, sondern mehr den Vergnügungen nachjagte. Er war stets auf der Suche nach einem Plaisir, entwickelte großes Gefallen an Bällen, Spektakeln und Festen, an glänzenden Jagdpartien und ähnlichem, mit einem Wort: Er jagte so der Unterhaltung nach, daß man ihm den Namen Prinz Aymasnt-joye gab. Was nun alle Welt in Erstaunen setzte, war, daß ein so junger, schöner und lebhafter Prinz nicht verliebt war, noch die Vergnügungen der Liebe wollte. Eines Tages nun, als der Prinz wieder auf die Jagd ritt, wurde er von seinem Gefolge getrennt, und als er eine Ort- schaft durchquerte, die ganz verlassen schien, sah er aus einem ländlichen Garten ein Mädchen von blendender Schönheit treten. Dieses schöne Mädchen hatte ein Weib von sehr ungefälligem Äußeren zur Seite, welches das Mädchen in ein Bauernhaus zu zerren versuchte, das sich auf der anderen Seite der Straße befand. Das junge Mädchen hatte einen Spinnrocken mit Flachs bei sich und in ihrem geschürzten Rock lagen frischgepflückte Garten- blumen. Die Alte entriß ihr die Blumen und warf sie mitten auf die Straße, gab dem Mädchen einige derbe Stöße und faßte es dann wieder am Arm, indem sie mit einer wilden Stimme rief: "Vorwärts, vorwärts, kleiner widerborstiger Unglückswurm, komm du nur ins Haus! Dort will ich dir zeigen, was dem alles blüht, der mir nicht parriert!" Der Prinz, der haltgemacht hatte, um dieses Spektakel zu betrachten, näherte sich der Alten und sprach mit freund- licher Stimme: "Woher kommt es, gute Frau, daß Ihr dieses junge Mädchen so arg maltraitiert? Was hat es begangen, daß es Euren Zorn so sehr erregt hat?" Die Bäuerin, die natürlich sehr aufgebracht war, wollte nicht, daß man sich in ihre Affairen mische, und sie wollte schon dem Prinzen recht unverschämt herausgeben, als ihre Augen auf die Kleidung des Fremden fielen, und sie aus deren Pracht auf die Reichtümer des Besitzers schloß. Und da sie urteilte, einen Herrn von Rang vor sich zu haben, hielt sie sich zurück und begnügte sich, in scharfem Tone zu antworten: "Mein Herr, ich streite mit meiner Tochter, weil sie immer das Gegenteil von dem tut, was ich ihr sage. Ich will, daß sie nicht mehr spinnen soll, und sie spinnt dennoch vom Morgen bis zum Abend, und das mit einer Sorgfalt, die ihresgleichen sucht. Und ich schimpfe mit ihr nur Seite 1

30 Ricdin-Ricdon Seite 2 deswegen, weil sie zuviel spinnt." -- "Was?" sagte der Prinz, "Ist das auch ein Grund, mit einem armen Mädchen so zu schimpfen? Ach, wahrlich, meine gute Frau, wenn Ihr die Mädchen haßt, welche gern spinnen, so braucht Ihr Eure Tochter nur der Königin, meiner Mutter, zu übergeben, die sich ein Vergnügen daraus macht, viele Spinnerinnen bei der Arbeit zu sehen. Die Königin wird für das Glück Eurer Tochter sorgen." -- "Ach ja, hoher Herr," versetzte die Alte drauf, "wenn Ihr die Zierpuppe da mit ihrer Geschicklichkeit so geeignet findet für unsere gute Königin, so braucht Ihr sie nur zur Stunde mitzunehmen, denn sie belastet lange genug meine Schultern, und ich schicke sie ohne Schaden fort." Unter diesen Worten kam ein Teil vom Gefolge des Prinzen daher, und er befahl einem seiner Kammerherrn, das Mädchen hinter sich aufs Pferd zu setzen. Dem armen Geschöpf liefen die Tränen übers Gesicht, aber auch im Weinen verlor sie nichts von ihrem Liebreiz. Der Prinz suchte sie zu trösten und versicherte ihr, daß sie mit ihrer Geschicklichkeit sicher die Wohltaten der Königin erfahren werde. Das arme Ding war jedoch zu sehr von dem sie umgebenden Jagdgefolge verwirrt, so daß es kaum die Hälfte von dem verstand, was man zu ihr sprach. Die Mutter ließ sie abreisen, ohne den mindesten Anteil an ihrem Schicksal zu nehmen, aber die Bewohner des Dorfes fanden, daß ihre Augen zu klein seien, um sie inmitten all der Herren mit goldnen Gewändern ausreichend betrachten zu können. Sie wußten von den Kadetten des Prinzen, daß man sie zur Königin führen würde, und alle jungen Bäuerinnen beneideten sie. Unterwegs erfuhr der Prinz von der Schönen, daß ihr Name Rosanie sei. Und kaum war man beim Palast des Königs angekommen, da stellte der Prinz sie seiner Mutter als die begabteste und fleißigste Spinnerin des Landes vor. Die Königin nahm sie mit Güte auf, betrachtete sie aufmerksam und lobte sehr die bescheidene und rührende Anmut, mit der sie begabt war, was gewissen Hofdamen, die auf ihre vollendete Schönheit stolz waren, keine geringe Kränkung war. Die Königin ließ Rosanie in einem Flügel wohnen, der eine mit dem besten Flachs aus aller Welt gefüllte Flucht von Kammern enthielt. Dort gab es Hanf aus Syrien, Lein von der Insel Ithaca, dort sah man auch Flachs aus der Bretagne, aus der Picardie, Lein aus Flandern und auch jenen unbezahlbaren Flachs, den auch das glühendste Feuer nicht verzehren kann. Und man sagte zu Rosanie, als ob dies eine schöne Neuigkeit für sie sei, daß sie nur unter all dem Flachs auszuwählen brauche, um zu beginnen. Und man fügte hinzu, daß ihr das wohl gleichgültig sein könnte, weil sie ja jünger und geschickter sei als alle andern, und die Königin, die sie lange bei sich behalten und ihr viel Gutes tun wollte, wünschte, daß sie alles aufspänne.

31 Ricdin-Ricdon Seite 3 Als das arme Mädchen allein war, überließ es sich dem heftigsten Schmerz, denn sie hatte eine so unüberwindliche Abneigung gegen das Spinnen, daß sie die Verpflichtung, einige Stunden zu spinnen, bereits für eine entsetzliche Strafe hielt. Sie sah aber keinen Ausweg aus dieser Verlegenheit, in welche sie die Bosheit ihrer Mutter gebracht hatte, und doch war sie froh, den Händen dieser Mutter entrissen zu sein, die nichts als harte Schläge für sie übrig gehabt hatte. Auch verzauberte sie die gnädige Güte, mit der sie von der Königin empfangen worden war. Am nächsten Morgen schickte die Königin zu Rosanie und ließ ihr sagen, sie wolle sie sprechen. Man trug an jenem Tag gerade große Toilette, und als Rosanie kam, betrachteten sie die Damen im Umkreis und beneideten ihr Antlitz. Der König, der sie noch nicht gesehen hatte und der in jenem Augenblick bei der Königin war, beschaute die junge Schönheit mit Vergnügen und sang ihr Lob. Der Prinz, der sich ebenfalls an jenem Ort befand, und der an sie noch viel mehr dachte als sein Vater, machte ihr nicht weniger Komplimente. Und es ist wahr, daß Rosanie -- trotz der Einfachheit ihres veilchenblauen Mieders und der ländlichen Manier ihrer Frisur -- alle bezauberte, die sie betrach- teten. Man sah an ihr eine feine und hübsche Taille und einen so leichten Gang, daß sie trotz der Erziehung, die sie gehabt hatte, nichts von der ländlichen Luft an sich trug. Ihre Haare, die vom schönsten Blond waren, zierten eine alabasterne Stirn, unter der man zwei große, blaue Augen voller Süße und Lebhaftigkeit leuchten sah. Sie hatte eine schön geformte Nase und einen zierlichen Mund, und schließlich, wie es sich für eine vollkommenene Schönheit gehört, wunderbare Zähne. Ihre Haut war von einem betörenden Glanz; kurz und gut, sie strahlte einen pikanten Charme aus und offenbarte, was die Seele der Schönheit ausmacht. Alle Hofdamen, die beanspruchten, schön zu sein, wurden von einer heftigen Abneigung gegen Rosanie ergriffen, und sie suchten Schönheitsfehler bei ihr zu finden, sei es im Gesicht, sei es hinsichtlich der Figur. Sie beschuldigten Rosanie, daß sie durch tausend lächerliche Dinge die Aufmerksamkeit des Hofes errege. Der König riet der Königin im Gehen, der schönen Spinnerin ein anderes Kleid zu geben, weil sie sonst zu sehr von allen anderen Mädchen des Hofes abstäche. Die Königin antwortete, daß sie bereits daran gedacht habe, und in der Tat brachte man Rosanie einige Stunden später Kleider und Perücken ganz nach der neuesten Mode, die am Hofe des Königs Prud'-homme herrschte. Die Damen der Königin kämmten und kleideten sie nun mit großer Sorgfalt und brachten ihr bei, wie sie sich von nun an zu geben hätte. Mit diesem Staat angetan erschien sie dort, wo der Prinz sich aufhielt, und der fand sie so schön, wie er nie zuvor eine solche Schönheit gesehen hatte.

32 Ricdin-Ricdon Seite 4 Als Rosanie einige Tage am Hof verbracht hatte, ließ man ihr die Nachricht zukommen, daß die Königin nun die Früchte ihrer Arbeit sehen wolle. Es gelang dem Mädchen zwar, die verhaßte Arbeit durch allerlei Ausreden hin- auszuzögern, aber ihre Widersacherinnen hatten Argwohn geschöpft und drängten bei der Königin, eine Probe der Arbeit Rosaniens zu sehen. Das Mädchen wußte der Anfrage nichts zu entgegnen und verließ den Palast, um in den Garten zu gehen. Auf dem Wege bedachte sie ihr unglückliches Schicksal, und einige Male war sie nahe daran, zu ihrer harten und grausamen Mutter zurückzukehren. Aber sooft sie sich der Behandlung erinnerte, die sie seit dem Verlust ihres Vaters erfahren hatte, gab sie diese Idee auf. Da sie aber auch fürchtete, daß man binnen kurzem ihre Unfähigkeit entdecken würde und daß man sie dann aus dem Palast jagen könnte, wenn nicht gar bestrafen, wagte sie sich nicht zurück. So schien es der Verzweifelten keine andere Lösung zu geben als den Tod, und mit diesem Gedanken betrat sie einen Pavillon, der inmitten eines Waldes stand und den ihr die Hofdamen einen Tag zuvor gezeigt hatten; den wollte sie besteigen, um sich dann aus einem Fenster zu stürtzen. Als sie gerade einen Pfad überquerte, der zu jenem Pavillon führte, sah sie plötzlich einen großen, braunen, gut gekleideten Mann vor sich, der seine dunkle Miene zu einem freundlichen Lächeln wandelte und zu ihr sprach: "Wohin geht ihr, mein schönes Kind? Mir scheint, daß aus Euern Augen Tränen fließen. Sagt mir: was fehlt Euch? Es müßte seltsam zugehen, wenn ich Euch nicht sollte helfen können." -- "Ach", antwortete Rosanie, "es gibt kein Mittel gegen den Kummer, der mich drückt. Deshalb ist es sinnlos, Euch den Grund zu sagen." -- "Vielleicht", nahm der Unbekannte das Gespräch auf, "ist die Lage nicht so verzweifelt, wie ihr denkt, zumindest erleichtert man seinen Kummer, wenn man ihn erzählt. Erklärt mir daher, was Euch bedrückt! Ihr könnt keine Person finden, die mehr Anteil nehmen würde als ich." -- "Weil Ihr denn so drängt", erwiderte Rosanie, "so will ich Euch mein Schicksal erzählen. Ich habe das Unglück, unter sehr dunklen Umständen geboren worden zu sein. Mein Vater war ein guter, rechtschaffener Bauer, der das Vertrauen seines ganzen Dorfes genoß. Er liebte mich mit einer außergewöhnlichen Zärtlichkeit und bemühte sich, mir von Jugend auf eine möglichst gute Erziehung zu geben. Und wenn ich heute eine starke Neigung zur Tugend habe und wenn ich nicht ganz dumm bin, so verdanke ich es allein ihm. -- Meine Mutter zankte deshalb oft mit ihm und sagte, daß er mich verzöge und mir zusehr meinen Willen ließe. Aber trotz all dieser Vorwürfe behielt er mich lieb, zumal er sonst kein Kind hatte. Ach, leider sollte dieses Glück nicht lange währen. Er machte eine Reise, deren Grund wir nie erfahren haben, und wir warteten lange auf seine Rückkehr, aber es muß ihm ein Unglück zugestoßen sein, denn es ist zuviel Zeit vergangen.

33 Ricdin-Ricdon Seite 5 Sobald sich meine Mutter als Herrin des Hausees sah, begann sie, mich schlecht zu behandeln. Nachdem sie mich zwei Tage gequält hatte, weil ich nicht zu spinnen verstand, kam der Sohn des Königs vorbei, und als er sah, wie schlecht ich behandelt wurde und nach dem Grund fragte, sagte sie, das sei, weil ich zuviel spinnen würde. Der Prinz glaubte das allen Ernstes, und da die Königin sehr eifrig ist und Freude an fleißigen Spinnerinnen hat, bat er meine Mutter, mich zur Königin bringen zu dürfen. Man hat mich der Königin als die beste und geschickteste Spinnerin des ganzen Königreiches vorgestellt, aber noch niemand hat gesehen, daß ich diese Vorzüge wirklich besitze. Weil aber die Königin davon überzeugt ist, hat sie mir so eine schreckliche Menge an Arbeit zugewiesen, daß ich allein bei ihrem Anblick zu zittern anfange. Ihr seht gut, aufmerksamer Unbekannter" -- so schloß sie --, "daß es kein Mittel gibt, um mir in meinem Unglück zu helfen." -- "Seht hier", entgegnete der Unbekannte, "dieses Stäbchen, das ich in der Hand halte! Nehmt es in die Eure!" Rosanie nahm das Stäbchen und betrachtete es. Es war sehr klein, aus einem graubraunen, polierten Holz, dessen Name man nicht sagen konnte; es war mit einem glitzernden Stein verziert, der weder ein Achat noch ein Turmalin war, sondern den man ebenso wenig kannte wie die Art des Holzes. Nachdem Rosanie das Stäbchen eine Weile betrachtet hatte, gab sie es in die Hände des Unbekannten zurück, und er sprach: "Ihr seht wohl dieses Stäbchen. Es hat gar wunderbare Eigenschaften. Wenn Ihr damit den Hanf und den Flachs berührt, so wird jede beliebige Menge davon täglich abgesponnen, und das so fein, wie Ihr es wünscht. Ich will Euch dieses Stäbchen für drei Monate leihen, vorausgesetzt, daß ihr mit dem einverstanden seid, was ich Euch sage. Wenn Ihr mir, von heute an gerechnet, in drei Monaten dieses Stäbchen gebt, müßt Ihr sagen: "Nehmt hier, Ricdin-Ricdon, Euer Stäbchen!" Dann werde ich das Stäbchen nehmen, ohne daß Ihr irgendeine Verpflichtung mir gegenüber habt. Aber wenn Ihr Euch an dem bezeichneten Tage meines Namens nicht erinnern könnt, und wenn Ihr einfach sagt: "Nehmt hier Euer Stäbchen!", dann werde ich Herr Eures Schicksals sein und werde Euch führen, wohin ich will, und Ihr werdet verpflichtet sein, mir zu folgen." Rosanie überlegte einige Zeit, was sie antworten sollte; der Name "Ricdin-Ricdon" schien ihr so leicht zubehalten, daß sie glaubte, kein Risiko einzugehen, wenn sie die willkommene Hilfe des Stäbchens annähme. Es bereitete ihr insgeheim schon Freude und Vergnügen sich auszumalen, wie sie den Stolz ihrer Nebenbuhlerinnen mit Hilfe des schönen Fadens, den das Stäbchen spinnen würde, demütigen könnte. Und nachdem sie alles gegeneinander abgewogen hatte, sagte sie: "Herr Ricdin-Ricdon, ich bin mit der Vereinbarung einverstanden, die Ihr mit mir eingehen wollt, wenn Ihr noch eine Bedingung in den Vertrag aufnehmen könnt. Und zwar sollt Ihr das Stäbchen noch um die schöne Fähigkeit bereichern, daß es aus den schönenen Fäden die feinsten und vornehmsten Tücher und Teppiche zu weben vermag, die man sich vorstellen kann." ---

34 Ricdin-Ricdon Seite 6 "Ah, das ist ein Leichtes. Ich versichere Euch, daß das Stäbchen außerdem noch, wenn Ihr damit Eure Kleider und Eure Frisur berührt, Euch so schön machen wird, daß alle jungen Leute davon bezaubert sein werden." -- "Gut! Ich nehme also den Kontrakt an." -- "Ihr müßt ihn aber auch noch beschwören!" -- "Recht so, ich beschwöre es mit einem unbrechbaren Eid." -- "Das ist ein Wort", sagte Ricdin-Ricdon, "und es ist recht, daß Ihr es in einer so feier- lichen Form gegeben habt. Euer Diener, meine Schöne, bis zum Wiedersehen!" Mit diesen Worten legte er das Stäbchen in ihre Hände und ging davon. Das erste, was Rosanie machte, war, mit dem Stäbchen die Frisur und die Kleider zu berühren; dann bewunderte sie sich in dem nächsten Bach und fand sich so schön und hübsch, daß sie merkte, wie gut das mirakulöse Stäbchen alles erfüllen würde, was durch den Vertrag ausbedungen war. Die nächsten Wochen vergingen wie im Fluge damit, daß Rosanie das Stäbchen arbeiten ließ und mit den Gespinsten das größte Lob und den meisten Beifall errang. Nicht nur die Königin schenkte dem Mädchen ihre Zuneigung, sondern auch die Liebe des Prinzen zu dem hübschen Mädchen wurde von Tag zu Tag größer. Im gleichen Maße, in welchem die Liebe des Paares wuchs, vermehrte sich freilich auch die Furcht Rosanies vor dem Tage, da sie dem Unbekannten das Stäbchen zurückzugeben habe, denn sie hatte den verwunderlichen Namen vergessen. Vergeblich machte sie alle möglichen Anstrengungen, um sich den Namen ins Gedächtnis zu rufen. Dabei wußte sie, daß ein unverletzlicher Eid sie band, dem Besitzer des Stäbchens zu folgen, wohin er wollte, falls ihr nicht der Namen wieder ins Gedächtnis käme. Eines Tages ritt der Prinz auf die Jagd und verlor sein Gefolge, da er mehr mit seiner Träumerei als mit der Verfol- gung des Wildes beschäftigt war. Unter ständigem Grübeln über die Unruhe seiner Geliebten geriet er immer mehr in die Irre, so daß ihn die Nacht überraschte, ehe er zu seinem Gefolge zurückgefunden hatte. Als er durch eine öde Ebene ritt, erblickte er die Ruinen eines unbewohnt scheinenden Palastes, durch dessen Fensterhöhlen dennoch Lichtschein drang. Er näherte sich den Fenstern der Säle, welche alle offen standen und zerbrochen waren, und schaute durch die Äste der Bäume, die das Schloß umgaben, hindurch. Da erblickte er in einem bläulichen Schein mehrere Personen von abscheulichem Äußeren und in wunderlicher Kleidung. In ihrer Mitte war ein Mann mit dunkler, runzeliger Haut, der mit wilder Miene und finsteren Blicken dennoch sehr vergnügt zu sein schien. Er sprang und tanzte mit schier unübertrefflicher Gelenkigkeit. Der Prinz fühlte ein heimliches Zittern beim Anblick dieser schrecklichen Gestalten, und er zweifelte keinen Augenblick, daß er Bewohner der Unterwelt vor sich habe. Aber er erinnerte sich, daß er unter ihnen den Ring der Wahrheit finden könnte. Und er hörte den dunklen Teufel sprechen: "Ich hoffe, daß ich morgen zu dieser Stunde ein junges Mädchen herführen kann, der es ergehen wird wie vielen andern." Danach begann er wieder zu tanzen und sang dazu mit schrecklicher Stimme:

35 Ricdin-Ricdon Seite 7 Der Prinz fühlte sich versucht, sich zwischen die Teufel zu stürzen und sie selbst zu bestrafen, aber er hielt sich zurück und machte sich nach einer Weile auf den Heimweg. Er war aber noch nicht weit geritten, als sich plötzlich drei Männer auf ihn stürzten, die aus einem Walde hervorbrachen. Der Prinz verteidigte sich heldenhaft, und mit Geschick und Glück schlug er zwei zu Boden, während der dritte entfloh. Er wollte ihn verfolgen, aber er fühlte sich müde und hatte zudem eine Wunde am Arm erlitten, durch die er viel Blut verlor. Nachdem er seinen Weg ein Stück fortgesetzt hatt, stieß er glücklicherweise auf Leute seines Gefolges. Diese waren sehr überrascht, ihn verwundet und matt zu finden. Man verband sofort seine Verletzung, und sobald er konnte, ließ er sich auf sein Pferd setzen, um in seinen Palast zurückzukehren. Rosanie war unterdessen von Sorge und Unruhe er- griffen. Von Stunde zu Stunde sah sie den gefürchteten Augenblick näherkommen, da der Herr des Stäbchens vor sie treten würde, um das kostbare Holz zurückzufordern, und da sie nicht imstande war, sich des Namens der Unbe- kannten zu erinnern, sah sie sich verloren. Unterdessen hütete der Prinz das Bett, um seine Wunde auszukurieren, die er bei dem Kampf mit den drei Räubern erlitten hatte. Um ihn zu zerstreuen, versammelte sich die Hofgesellschaft an seinem Lager, und auch Rosanie leistete ihm einige Stunden des Tages Gesellschaft. Eines Tages, als Rosanie mit dem Prinzen allein war, begann er, ihr das seltsame Abenteuer zu erzählen, das er erlebt hatte. Er beschrieb ihr den alten verfallenen Palast, den Kreis der unheimlichen Gestalten und ihr wunderliches Gebaren. Aber als er in seinem Bericht soweit kam, von dem Tanz und dem Lied des dunklen Teufels zu sprechen, mußte er ihr die Verse wörtlich zitieren, so sehr waren sie in seinem Gedächtnis eingegraben: Als er diesen Vers vortrug, stieß Rosanie einen Schrei aus, daß der Prinz zunächst erschrak. Er beruhigte sich jedoch, als er sah, daß es ein Ausruf der Freude gewesen war. "Dem Himmel sei Dank für die unendlichen Wohltaten, die er mir erweist!" rief Rosanie. Der Prinz bat sie um eine Erklärung für diese Worte, und Rosanie erzählte ihm in wenigen Sätzen, welches Abenteuer sie mit dem Stäbchen gahbt hatte. Sie konnte sich kaum vor Schrecken fassen, als sie nun merkte, daß der Herr des Stäbchens ein Dämon sein mußte, dem sie zu folgen versprochen hatte. Der Prinz konnte nicht umhin, sie etwas wegen des Vertrages zu tadeln, den sie mit einem ganz Unbekannten geschlossen hatte. Aber wie ein Verliebter immer nach allen möglichen Entschuldigungen für seine Liebste sucht, so schob auch der Prinz die Schuld auf die Jugend und Unerfahrenheit des Mädchens. Außerdem war er entzückt darüber, daß er durch sein glückliches Gedächtnis den größten Schaden von dem Mädchen abhalten konnte, der ihr hätte passieren können. Er schrieb sogleich selbst den Namen Ricdin-Ricdon auf ein Täfelchen das er Rosanie reichte.

36 Ricdin-Ricdon Seite 8 Das schöne Mädchen konnte keine Worte finden, um ihm dzu danken: "Ach, hoher Herr", sagte sie, "Eure Groß- herzigkeit hat mich bereits einmal aus den Händen grausamer Entführer gerissen. Jetzt aber befreit mich Euer hervorragendes Gedächtnis von einem noch schlimmeren Feinde." Während man so die Zeit im Gespräch hinbrachte, trat in die Kammer des Prinzen ein erhwürdiger Alter ein, der sehr sorgsam gekleidet war, wenn er dadurch auch seinen einfachen Stand verriet. Kaum hatte Rosanie ihn gesehen, da lief sie auf ihn zu und warf sich ihm in die Arme. "Ach, mein lieber Vater", rief sie, "welche Freude, Euch umarmen zu können, nachdem wir Euch bereits tot geglaubt haben!" Und gegen den Prinzen fuhr sie fort: "Mein Herr, verzeihet die Aufwallung des Gefühls eines Mädchens, das den besten Vater der Welt wiedergefunden hat. Ihr erlaubt mir sicher, mein Prinz, daß ich ihn nach seinen Neuigkeiten und nach dem Ergehen meiner Mutter befrage, die ich nicht vergessen kann, so hart sie auch zu mir war." -- "Madame", antwortete der Alte, "Ihr seid nicht meine Tochter, Ihr habt zu hohe Qualitäten, um von einem Mann wie mir gezeugt zu sein; Ihr seid die Tochter eines großen Königs, der nicht mehr auf der Erde weilt. Aber die Königin, Eure Mutter, ist schon auf dem Weg zu diesem Palast, um Euch zu umarmen. Und sie wird Euch alles bestätigen, was ich gesagt habe." In der Tat kam bald danach die Königin Riante- image mit dem König Prud'-homme und seiner Gemahlin in die Kammer des Prinzen. Die Königin war entzückt, ihre Tochter so schön zu finden, und da sie keine Kraft hatte, auch nur ein Wort zu sprechen, schloß sie Rosanie sanft in ihre Arme. Und diese, ihre charmante Tochter, küßte ihr die Hände und benetzte sie mit Freudentränen. Dann erzählte ihr der König das Geheimnis ihrer Geburt. Nachdem man alle Fragen beantwortet und alle Dunkelheit geklärt hatte, erbat der König Prud'homme von der Königin Riante-image die Hand Rosaniens für seinen Sohn. Dieser Antrag wurde mit Freude angenommen und der Hochzeitstag sofort festgesetzt, was den beiden Liebenden wie den Müttern eine außerordentliche Befriedigung verschaffte.

37 Quelle: La Tour ténébreuse et les jours lumineux, Contes anglois. Par Marie-Jeanne L'Héritier de Villandon, Paris 1705 Darauf speiste man mit besonderer Pracht, und nach dem Mahl zog sich alles in seine Gemächer zurück, um sich auszuruhen. Rosanie war noch nicht lange in ihrer Kammer, als man ihr einen Mann in schwarzen Gewändern meldete, der sie zu sprechen wünsche. Sie gab Anweisung, ihn eintreten zu lassen. Auf den ersten Blick erkannte sie in ihm den Herrn des Stäbchens. Obwohl sie nun seinen Namen kannte, zitterte sie doch bei seinem Anblick, und wortlos ging sie, um das Stöckchen zu holen. Dann trat sie damit auf ihn zu, und indem sie es ihm überreichte, sagte sie: "Nehmt hier, Ricdin-Ricdon, Euer Stäbchen." Der böse Geist, der das nicht erwartet hatte, verschwand unter gräßlichem Geheul, da er sich betrogen sah, was ihm übrigens öfter passiert. Nun stand der Hochzeit nichts mehr im Wege, und Rosanie verlebte mit dem Prinzen eine lange Reihe von Jahren in friedlicher Vereinigung und außerordentlichem Glück. Ricdin-Ricdon Seite 9

38 Rumpelstilzchen erste Fassung der Gebr. Grimm von 1812 Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Und es traf sich, daß er mit dem König zu sprechen kam und ihm sagte: "Ich habe eine Tochter, die weiß die Kunst, Stroh in Gold zu verwandeln." Da ließ der König die Müllerstochter alsogleich kommen und befahl ihr, eine ganze Kammer voll Stroh in einer Nacht in Gold zu verwandeln, und könnt' sie es nicht, so müsse sie sterben. Sie wurde in die Kammer eingesperrt, saß da und weinte, denn sie wußte um ihr Leben keinen Rat, wie das Stroh zu Gold werden sollte. Da trat auf einmal ein klein' Männlein zu ihr, das sprach: "Was gibst du mir, daß ich alles zu Gold mache?" Sie tat ihr Halsband ab und gab's dem Männlein, und es tat, wie es versprochen hatte. Am andern Morgen fand der König die ganze Kammer voll Gold; aber sein Herz wurde dadurch nur noch begieriger, und er ließ die Müllerstochter in eine andere, noch größere Kammer voll Stroh tun, das sollte sie auch zu Gold machen. Und das Männlein kam wieder, sie gab ihm ihren Ring von der Hand, und alles wurde wieder zu Gold. Der König aber hieß sie die dritte Nacht wieder in eine dritte Kammer sperren, die war noch größer als die beiden ersten und ganz voll Stroh, "und wenn dir das auch gelingt, sollst du meine Gemahlin werden." Da kam das Männlein und sagte: "Ich will es noch einmal tun, aber du mußt mir das erste Kind versprechen, das du mit dem König bekommst." Sie versprach es in der Not, und wie nun der König auch dieses Stroh in Gold verwandelt sah, nahm er die schöne Müllerstochter zu seiner Gemahlin. Bald darauf kam die Königin ins Wochenbett, da trat das Männlein vor die Königin und forderte das versprochene Kind. Die Königin aber bat, was sie konnte, und bot dem Männlein alle Reichtümer an, wenn es ihr Kind lassen wollte, allein alles war vergebens. Endlich sagte es: "In drei Tagen komm' ich wieder und hole das Kind, wenn du aber dann meinen Namen weißt, so sollst du das Kind behalten!" Seite 1

39 Da sann die Königin den ersten und zweiten Tag, was doch das Männchen für einen Namen hätte, konnte sich aber nicht besinnen und ward ganz betrübt. Am dritten Tag aber kam der König von der Jagd heim und erzählte ihr: "Ich bin vorgestern auf der Jagd gewesen, und als ich tief in den dunklen Wald kam, war da ein kleines Haus, und vor dem Haus war ein gar zu lächerliches Männchen, das sprang als (immer) auf einem Bein davor herum und schrie: "Heute back' ich, morgen brau' ich, übermorgen hol' ich der Frau Königin ihr Kind, ach, wie gut, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß!"" Wie die Königin das hörte, ward sie ganz froh, und als das gefährliche Männlein kam, fragte es: "Frau Königin, wie heiß ich?" "Heißt du Conrad?" "Nein." "Heißt du Heinrich?" "Nein." "Heißt du etwa Rumpelstilzchen?" "Das hat dir der Teufel gesagt!" schrie das Männchen, lief zornig fort und kam nimmermehr wieder. Rumpelstilzchen Seite 2

40 Seite 1 Rumpelstilzchen Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er zu ihm ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen. Der König sprach zum Müller, das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt, wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, so bring sie morgen in mein Schloß, da will ich sie auf die Probe stellen. Als nun das Mädchen zu ihm gebracht ward, führte er es in eine Kammer, die ganz voll Stroh lag, gab ihr Rad und Haspel und sprach jetzt mache dich an die Arbeit, und wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben. Darauf schloß er die Kammer selbst zu, und sie blieb allein darin. Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben keinen Rat: sie verstand gar nichts davon, wie man Stroh zu Gold spinnen konnte, und ihre Angst ward immer größer, daß sie endlich zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Türe auf, und trat ein kleines Männchen herein und sprach guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr? Ach, antwortete das Mädchen, ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe das nicht. Sprach das Männchen was gibst du mir, wenn ich dirs spinne? Mein Halsband, sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf, und schnurr, schnurr, schnurr, dreimal gezogen, war auch die zweite voll: und so gings fort bis zum Morgen, da war alles Stroh versponnen, und alle Spulen waren voll Gold. Bei Sonnenauf- gang kam schon der König, und als er das Gold erblickte, erstaunte er und freute sich, aber sein Herz ward nur noch goldgieriger. Er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer voll Stroh bringen, die noch viel größer war, und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Türe auf, und das kleine Männchen erschien und sprach was gibst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne? Meinen Ring von dem Finger, antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring, fing an zu schnurren mit dem Rade und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick, war aber noch immer nicht Goldes satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen: gelingt dirs aber, so sollst du meine Gemahlin werden. Wenns auch eine Müllerstochter ist, dachte er, eine reichere Frau finde ich in der ganzen Welt nicht. Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach was gibst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne? Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte, antwortete das Mädchen. So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.

41 Wer weiß, wie das noch geht, dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Not nicht anders zu helfen; sie versprach also dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen spann dafür noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr, und die schöne Müllerstochter ward eine Königin. Über ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen: da trat es plötzlich in ihre Kammer und sprach nun gib mir, was du versprochen hast. Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte: aber das Männchen sprach nein, etwas Lebendes ist mir lieber als alle Schätze der Welt. Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß das Männchen Mitleid mit ihr hatte: drei Tage will ich dir Zeit lassen, sprach er, wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten. Nun besann sich die Königin die ganze Nacht über auf alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit, was es sonst noch für Namen gäbe. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an mit Kaspar, Melchior, Balzer, und sagte alle Namen, die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein so heiß ich nicht. Den zweiten Tag ließ sie in der Nachbarschaft herumfragen, wie die Leute da genannt würden, und sagte dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen vor heißt du vielleicht Rippenbiest oder Hammelswade oder Schnürbein? aber es antwortete immer so heiß ich nicht. Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie heute Back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind; ach, wie gut ist, daß niemand weiß, daß ich Rumpelstilzchen heiß! Da könnt ihr denken, wie die Königin froh war, als sie den Namen hörte, und als bald hernach das Männlein hereintrat und fragte nun, Frau Königin, wie heiß ich? fragte sie erst heißest du Kunz? Nein. Heißest du Heinz? Nein. Heißt du etwa Rumpelstilzchen? Das hat dir der Teufel gesagt, das hat dir der Teufel gesagt, schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich selbst mitten entzwei Grimms Märchen / Fassung von 1819 Rumpelstilzchen Seite 2

42 Die drei Spinnerinnen Grimms Märchen als eine Art Schwank vom 'Rumpelstilzchen Es war ein Mädchen faul und wollte nicht spinnen, und die Mutter mochte sagen, was sie wollte, sie konnte es nicht dazu bringen. Endlich übernahm die Mutter einmal Zorn und Ungeduld, daß sie ihm Schläge gab, worüber es laut zu weinen anfing. Nun fuhr gerade die Königin vorbei, und als sie das Weinen hörte, ließ sie anhalten, trat in das Haus und fragte die Mutter, warum sie ihre Tochter schlüge, daß man draußen auf der Straße das Schreien hörte. Da schämte sich die Frau, daß sie die Faulheit ihrer Tochter offenbaren sollte, und sprach. Ich kann sie nicht vom Spinnen abbringen, sie will immer und ewig spinnen, und ich bin arm und kann den Flachs nicht herbeischaffen. Da antwortete die Königin: Ich höre nichts lieber als spinnen, und bin nicht vergnügter, als wenn die Räder schnurren: gebt mir Eure Tochter mit ins Schloß, ich habe Flachs genug, da soll sie spinnen, soviel sie Lust hat. Die Mutter wars von Herzen gerne zufrieden, und die Königin nahm das Mädchen mit. Als sie ins Schloß gekommen waren, führte sie es hinauf zu drei Kammern, die lagen von unten bis oben voll vom schönsten Flachs. Nun spinn mir diesen Flachs, sprach sie, und wenn du es fertig bringst, so sollst du meinen ältesten Sohn zum Gemahl haben; bist du gleich arm, so acht ich nicht darauf, dein unverdroßner Fleiß ist Ausstattung genug. Das Mädchen erschrak innerlich, denn es konnte den Flachs nicht spinnen, und wärs dreihundert Jahr alt geworden und hätte jeden Tag vom Morgen bis Abend dabei gesessen. Als es nun allein war, fing es an zu weinen und saß so drei Tage, ohne die Hand zu rühren. Am dritten Tage kam die Königin, und als sie sah, daß noch nichts gesponnen war, verwunderte sie sich, aber das Mädchen entschuldigte sich damit, daß es vor großer Betrübnis über die Entfernung aus seiner Mutter Hause noch nicht hätte anfangen können. Das ließ die Königin gefallen, sagte aber beim Weggehen: Morgen mußt du mir anfangen zu arbeiten. Seite 1

43 Als das Mädchen wieder allein war, wußte es sich nicht mehr zu raten und zu helfen, und trat in seiner Betrübnis vor das Fenster. Da sah es drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß, die zweite hatte eine so große Unterlippe, daß sie über das Kinn herunterhing, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben vor dem Fenster stehen, schauten hinauf und fragten das Mädchen, was ihm fehlte. Es klagte ihnen seine Not, da trugen sie ihm ihre Hilfe an und sprachen: Willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schämen und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen, und das in kurzer Zeit. Von Herzen gern, antwortete es, kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an. Da ließ es die drei seltsamen Weiber herein und machte in der ersten Kammer eine Lücke, wo sie sich hinsetzten und ihr Spinnen anhuben. Die eine zog den Faden und trat das Rad, die andere netzte den Faden, die dritte drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und sooft sie schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde, und das war aufs Feinste gesponnen. Vor der Königin verbarg sie die drei Spinnerinnen und zeigte ihr, sooft sie kam, die Menge des gesponnenen Garns, daß diese des Lobes kein Ende fand. Als die erste Kammer leer war, gings an die zweite, endlich an die dritte, und die war auch bald aufgeräumt. Nun nahmen die drei Weiber Abschied und sagten zum Mädchen: Vergiß nicht, was du uns versprochen hast, es wird dein Glück sein. Als das Mädchen der Königin die leeren Kammern und den großen Haufen Garn zeigte, richtete sie die Hochzeit aus, und der Bräutigam freute sich, daß er eine so geschickte und fleißige Frau bekäme, und lobte sie gewaltig. Ich habe drei Basen, sprach das Mädchen, und da sie mir viel Gutes getan haben, so wollte ich sie nicht gern in meinem Glück vergessen: erlaubt doch, daß ich sie zu der Hochzeit einlade und daß sie mit an dem Tisch sitzen. Die Königin und der Bräutigam sprachen: Warum sollen wir das nicht erlauben? Als nun das Fest anhub, traten die drei Jungfern in wunderlicher Tracht herein, und die Braut sprach: Seid willkommen, liebe Basen. Ach, sagte der Bräutigam, wie kommst du zu der garstigen Freundschaft? Darauf ging er zu der einen mit dem breiten Platschfuß und fragte: Wovon habt Ihr einen solchen breiten Fuß? Vom Treten, antwortete sie, vom Treten. Da ging der Bräutigam zur zweiten und sprach: Wovon habt Ihr nur die herunterhängende Lippe? Vom Lecken, antwortete sie, vom Lecken. Da fragte er die dritte: Wovon habt Ihr den breiten Daumen? Vom Fadendrehen, antwortete sie, vom Fadendrehen. Da erschrak der Königssohn und sprach: So soll mir nun und nimmermehr meine schöne Braut ein Spinnrad anrühren. Damit war sie das böse Flachsspinnen los. Die 3 Spinnerinnen Seite 2

44 Das Mädchen im Korb Es war einmal ein Mann, der hatte einen Birnbaum. Jedes Jahr, wenn die Birnen reif waren, mußte er vier Körbe mit Birnen zum König bringen, denn darin bestand die Miete für seine Hütte. Es kam ein Jahr, in dem er alle Birnen erntete und verpackte, doch sie füllten nur dreieinhalb Körbe. Was tun? Der Mann holte seine kleinste Tochter, setzte sie in den halbleeren Korb und bedeckte sie mit Blättern. Dann stellte er die vier Körbe auf seinen Handkarren und schob ihn zum Palast. "Trage die Körbe in die Vorratskammer des Königs und leere dort die Birnen aus", sagte der königliche Koch. Der Mann tat genau das und ging wieder nach Hause. Das kleine Mädchen, namens Margaretina, blieb zwischen den Birnen versteckt zurück. Mit der Zeit wurde Margaretina hungrig und begann Birnen zu essen, aß sie immer mehr. Der Koch des Königs sagte: "Ich verstehe gar nicht, wieseo diese Birnen ständig weniger werden! Bestimmt gibt es irgendein Tier in der Vorratskammer, das sie auffrißt." Er machte sich auf die Suche und wühlte zwischen den Birnen herum. Was aber fand er? Margaretina! Der Koch begann zu schimpfen und Margaretina zu weinen. Sie war winzig klein und sehr hübsch. Also sagte der Koch: "Weine nicht! Du kannst mir in der Küche bei der Arbeit helfen." Und so begann Margaretinas Arbeit für den Koch. Als ihr Vater davon hörte, dachte er bei sich: "Margaretina hat eine gute Stelle gefunden. Also brauche ich mir keine Sorgen mehr machen." Und er machte sich auch keine Sorgen mehr. Margaretina arbeitete in der königlichen Küche ein Jahr, zwei Jahre, viele Jahre lang. Sie wuchs zu einem wunderschönen Mädchen heran. Sie tat ihre Arbeit so vorzüglich und war so freundlich und gut, daß jedermann am Königshof sie liebte, ja sogar der junge Prinz, der Sohn und Thronfolger des Königs. Aber es gab leider auch Dienstboten, die neidisch waren und sagten: "Wer ist den Margaretina, daß sie uns allen vorgezogen wird? Wir müssen sie auf irgendeine Weise loswerden." Sie traten vor den König und sagten: "Margaretina hat damit geprahlt, daß sie an einem einzigen Vormittag die ganze Palastwäsche waschen, trocknen, bügeln und zusammenfalten kann." Der König ließ Margaretina zu sich rufen und sagte: "Ich habe gehört, daß du an einem einzigen Vormittag die ganze Palastwäsche waschen, trocknen, bügeln und zusammenfalten kannst." "Aber nein, das könnte doch kein Mensch", erwiderte Margaretina. Seite 1

45 "Warum hast du dann behauptet, daß du es kannst?" fragte der König. "Ich habe es nie behauptet", sagte Margaretina. Darauf erwiderte der König: "Prahler müssen ihr Wort halten. Geh und tu, was du gesagt hast, oder ich lasse dich auspeitschen." Margaretina ging und weinte bitterlich. Als der Prinz, der Sohn und Thronfolger des Königs, sie weinend antraf, sagte er zu ihr: "Was ist denn passiert, liebe Margaretina, daß du so bitterlich weinen mußt?" Margaretina erzählte es ihm. Darauf sagte der Prinz: "Trockne dir die Tränen ab, denn ich werde dir helfen. Bitte den König, daß die ganze schmutzige Wäsche in das Badehaus gebracht wird." Margaretina tat es, und die ganze schmutzige Wäsche wurde in das Badehaus gebracht. Es war ein mächtig hoher Stapel. Dann kam der Prinz herein, zog einen Zauberstab aus seinem Gewand und schwang ihn über dem Stapel schmutziger Wäsche. Im Nu war der ganze Haufen von Handtüchern, Hemden, Bettlaken, Kopfkissenbezügen, Strümpfen und Tischdecken gewaschen, gebügelt und zusammengefaltet. Er mußte nur noch weggepackt werden. "Nun gib dem König Bescheid", sagte der Prinz. "Aber verrate ihm nicht, wer dir geholfen hat." Margaretina lief frohgemut zum König und erklärte, daß alles getan sei. Sie war schon zuvor in des Königs Huld gestanden, doch nun bevorzugte er sie noch viel mehr. Die Dienstboten aber brummten und murrten noch viel mehr. Auf der anderen Seite eines tiefen, schlammigen Flusses lebte eine schreckliche Menschenfresserin in einem Palast. Diese Menschenfresserin besaß einen großen Schatz, den sie dem König gestohlen hatte. Dieser Schatz war ein Kasten voller Musikinstrumente, die ganz von selbst spielten. Kein Mensch wagte es, diesen Schatz zurückzuholen, weil die Menschenfresserin alle verschlang, die sich ihrem Palast näherten. Die Bediensteten des Königs sagten zueinander: "Das ist unsere Gelegenheit, Margaretina für immer loszuwerden!" Sie liefen zum König und sagten: "Margaretina hat damit angegeben, daß sie keine Angst vor der Menschenfresserin habe. Sie behauptet, sie könne jederzeit Eure Musik- instrumente zurückholen, wenn sie Lust dazu habe. Aber das wird sie bestimmt nicht tun, die nicht!" Da schickte der König nach Margaretina und sagte: "Ich habe gehört, daß du damit angegeben hast, daß du meinen Kasten mit Musikinstrumenten zurückholen kannst. Nichts höre ich lieber. Mach dich auf den Weg und hol ihn mir zurück!" Seite 2 Das Mädchen im Korb

46 Es nützte der armen Margaretina gar nichts, daß sie beteuerte, nichts dergleichen gesagt zu haben. Der König blieb hart. Margaretina hatte es behauptet und mußte es also auch tun! Margaretina stieg zu ihrer Kammer hinauf und weinte. Der Prinz hörte ihr Weinen und kam herein. "Margaretina, liebe Margaretina, warum weinst du?" wollte er wissen. Margaretina erzählte es ihm, und er beruhigte sie. "Trockne deine Tränen. Ich werde dir helfen. Bitte den König, dir drei Liter Öl, drei Pfund Rindfleisch, drei Besen, drei weiche Bürsten und drei Wischtücher zu geben." Dann erklärte er ihr, was sie mit diesen Dingen zu tun habe und was sie sonst alles tun müsse. Margaretina ging zum König und sagte: "Da ich in den Tod gehen muß, gebt mir bitte drei Liter Öl, drei Pfund Rind- fleisch, drei Besen, drei weiche Bürsten und drei Wischtücher." Der König gab ihr alles Gewünschte, und Margaretina machte sich auf den Weg. Sie lief und lief und lief, bis sie zu dem tiefen, schlammigen Fluß kam. Dort bückte sie sich und schöpfte etwas schlammiges Wasser mit ihren beiden Händen und sagte: "Kleiner Fluß, schöner kleiner Fluß, wenn ich nicht so in Eile wäre, würde ich mich nackt ausziehen und in deinen kristallklaren Fluten baden. Aber ich habe etwas Wichtiges zu erledigen und muß mich sputen." (All das ging natürlich auf die Ratschläge des Prinzen zurück.) Der Fluß war ungeheuer geschmeichelt, denn er war bisher immer nur mit Schimpfworten bedacht worden. Er zog seine Wasser nach beiden Seiten zurück und sagte: "Lauf mit trockenen Füßen ans andere Ufer, schöne kleine Margaretina." Geschwind rannte Margaretina hinüber. Vor ihr ragte der Palast der Menschenfresserin auf. Es war der größte Palast, den man sich nur vorstellen kann, und er hatte einen riesigen Hof mit Marmorsäulen ringsum. Am Eingang zu diesem Hof stand der riesige Backofen der Menschenfresserin. Davor knieten drei Frauen, die sich die langen Haare ausrissen, um damit den Herd zu putzen, denn sie hatten weder Tücher noch Bürsten. Während sie sich die Haare ausrissen, schrien sie ununterbrochen vor Pein. Da trat Margaretina auf sie zu und sagte: "Schreit nicht und reißt euch nicht die Haare aus!" Mit diesen Worten gab sie ihnen die drei Besen, die drei weichen Bürsten und die drei Wischtücher. Als sie damit den Backofen putzten, stimmten sie ein Lied an. Margaretina wollte gerade den Hof überqueren, als zwischen den Marmorsäulen drei riesige Hunde hervorstürzten und wie Wölfe das Nackenfell sträubten, knurrten und heulten. Sie wollten Margaretina in Stücke reißen, doch sie warf ihnen die drei Pfund Rindfleisch hin, worauf sie mit dem Schwanz wedelten und sie vorbeiließen. Seite 3 Das Mädchen im Korb

47 Rasch überquerte sie den Hof und kam zu der hohen Eisentür des Palastes. Diese Tür öffnete und schloß sich so rasch, daß niemand hindurch konnte. Und die ganze Zeit über quietschten die Angeln, weil sie eingerostet waren. Da schüttete Maragerina ihre drei Liter Öl über die Angeln, worauf sich das Tor weit öffnete und auch offen blieb. Margaretina ging hindurch. Die Menschenfresserin lag noch im Bett, denn sie war faul und stand nie vor Mittag auf. Margaretina lief vom ersten ins zweite Zimmer und von dort ins dritte. Auf einem Tisch in diesem dritten Zimmer stand der Musikasten, der ganz von selbst spielte, der Schatz des Königs, den die Menschenfesserin gestohlen hatte. Margaretina ergriff den Kasten und rannte schnell den Weg zurück. Ihre Schuhe machten auf dem Marmorboden tripp, trapp, tripp, trapp... Dies hörte die Menschenfresserin, da sie nicht mehr schlief, und kam im Nachthemd die Treppe heruntergesaust. Als sie sah, daß Margaretina durch die Tür des Palastes laufen wollte, rief sie: "Tür, zerquetsche sie!" Die Tür aber antwortete: "Nein, ich werde sie nicht zerquetschen. Hundert Jahre lang haben meine Angeln vor sich hin gerostet, und du hast mir nie einen Tropfen Öl gegeben. Margaretina aber hat mir sogar drei Flaschen Öl gegeben." Die Tür stand weit offen, um Marageretina hindurch zu lassen, schlug aber dann der Menschenfresserin vor der Nase zu. Da versetzte die Menschenfresserin der Tür einen mächtigen Schlag mit der Faust und schlug sie kaputt. Sie sah Margaretina über den Hof rennen und rief ihren drei großen Hunden zu: "Hunde, tötet sie! Hunde, tötet sie!" Die Hunde aber sagten: "Nein, wir werden sie nicht töten. Hundert Jahre lang hast du uns nur mit Brotkrumen gefüttert. Margaretina aber hat uns saftiges Fleisch gegeben." Und sie fielen die Menschenfresserin an, knurrten und bissen sie. Die Menschenfesserin schlug mit ihren mächtigen Fäusten die Hunde zurück. Dann sah sie, daß Margaretina gerade am Backofen vorbeirannte. Sie rief den Frauen zu, die den Backofen putzten: "Stoßt sie in den Backofen! Stoßt sie in den Backofen und verbrennt sie!" Aber die Frauen antworteten: "Hundert Jahre lang mußten wir uns die Haare ausreißen, um den Backofen für dich zu säubern, weil du uns weder Bürsten noch Tücher gegeben hast. Margaretina aber gab uns alles Nötige. Warum sollen wir sie in den Backofen stoßen? Nein, das werden wir nicht tun!" Sie streckten ihr die Besen vor die Füße, so daß die Menschenfresserin darüber stolperte und der Länge nach hinfiel. Dadurch wurde sie für einen Moment aufgehalten. Doch sie raffte sich wieder auf und verfolgte im Laufschritt die arme Margaretina. Seite 4 Das Mädchen im Korb

48 Inzwischen hatte Margaretina den schlammigen Fluß erreicht, und die Menschenfresserin kreischte: "Schlammiger, schlammiger Fluß, ertränke Margaretina!" Doch der Fluß antwortete: "Warum socll ich sie ertränken? Sie hat mich mit schönen Namen angeredet. Sie sagte zu mir: 'Kleiner Fluß, schöner kleiner Fluß mit kristallklaren Fluten!' So etwas hast du noch nie zu mir gesagt!" Der Fluß zog sich nach beiden Seiten hin zurück und ließ Margaretina trockenen Fußes zum anderen Ufer hinüberlaufen. Als die Menschenfresserin ihr folgen wollte, da erhob sich der verärgerte Fluß in einer gewaltigen Woge und schlug die Menschenfresserin nieder und... ja, er ertränkte sie. Margaretina setzte sich ein wenig nieder, um sich auszuruhen. Nun war sie in Sicherheit! Doch dann kam ihr ein schrecklicher Gedanke. Wenn nun gar nichts in dem Kasten drin war? Er fühlte sich so leicht an. Wenn nun die Menschenfresserin alles herausgenommen hatte? Margaretina schüttelte den Kasten ein wenig und hielt ihn an ihr Ohr. Sie lauschte, doch es rührte sich nichts in dem Kasten, es ertönte kein einziger Klang. O weh! Sollte er wirklich leer sein? Dann würde der König gewiß furchbar zornig werden, so zornig, daß er sie töten würde... Also öffnete Margaretina den Kasten, um nachzuprüfen, ob alles darin in Ordnung sei. Gütiger Himmel! Was geschah? Aus dem Kasten flogen Geigen und Flöten, Zimbeln und Trompeten, Gitarren und Zittern, Banjos, Lyras, Harfen und Trommeln. Sie alle wirbelten um Margaretina herum und spielten wie verrückt drauflos. Margaretina rannte herum, bekam ein Instrument zu fassen, dann das nächste und steckte sie wieder in den Kasten zurück. Doch kaum hatte sie die beiden in den Kasten gelegt und wollte ein anderes erhaschen, da sauste das erste schon wieder aus dem Kasten heraus. Die Luft war erfüllt mit einem so irrwitzigen Durcheinander von Musik, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gehört hatte. "Oh, was soll ich bloß tun?" jammerte Margaretina. Schließlich setzte sie sich völlig erschöpft ins Gras, steckte die Finger in die Ohren und weinte. Und dann, ganz plötzlich, stand der Prinz, der Sohn und Thronfolger des Königs, neben ihr. Er machte nur eine Hand- bewegung; die lärmende Musik verstummte, und jedes einzelne Instrument wanderte in den Kasten zurück. Der Prinz schloß den Deckel und sagte: "Margaretina, süße kleine Margaretina, ich habe dir das Leben gerettet. Nun mußt du mich lieben und heiraten." Seite 5 Das Mädchen im Korb

49 "Ja, ich will Euch gern lieben und heiraten", erwiderte Margaretina. Darauf sagte der Prinz: "Wenn du mich wirklich liebst, hör auf meine Worte. Der König wird dich fragen, was du als Belohnung für das Zurückholen des Musikkastens haben willst. Sag ihm, daß du die große Kohlentruhe samt Inhalt haben möchtest, die im Keller des Palastes steht." Margaretina hielt dies für einen höchst merkwürdigen Rat. Was konnte schon anderes in der Kohlentruhe sein als Kohlen? Und was sollte sie mit einem Haufen Kohlen anfangen? Da der Prinz ihr jedoch gesagt hatte, sie solle um die Truhe bitten, wollte sie es auch tun. Nachdem sie dem entzückten König den Musikkasten gebracht hatte, sagte er zu ihr: "Suche dir eine Belohnung aus." Darauf erwiderte Margaretina: "Ich wünsche mir die große Kohlentruhe samt Inhalt, die im Keller Eures Palastes steht." Der König lachte und sagte: "Dein Wunsch sei dir gewährt." Die große Kohlentruhe wurde also aus dem Keller heraufgeschafft und geöffnet. Was aber befand sich im Innern der Truhe? Der Prinz, der Sohn und Thronfolger des Königs. Der König lachte und lachte. Als er ausgelacht hatte, sagte er: "Ein König darf sein königliches Versprechen nicht brechen! Außerdem verspürte ich auch gar nicht den Wunsch dazu, denn auf der ganzen Welt kann man doch kein süßeres, holderes Mädchen finden Quelle: "Märchen und Sagen aus aller Welt" von Ruth Manning-Sanders mit Illustrationen von Robin Jacques; ein italienisches Märchen Das Mädchen im Korb Seite 6

50 Das Strohbündel Es war einmal ein reicher Bauer, der viele Mägde und Knechte hatte. Marguerite, seine beste Magd, war im ganzen Lande dafür bekannt, wie sehr sie an ihrem Herrn hing und ihm in allen Dingen zu Diensten war. Sie wwar auch bekannt für ihre Mißachtung der Religion. Eines Sonntags befahl der Bauer allen seinen Mägden und Knechten, daß sie hinaus auf ein Feld gehen sollten, das mitten im Wald lag, um Mist darauf zu werfen. Die Leute aber weigerten sich und sprachen: "Der Sonntag ist der Tag, an dem der Herrgott ruhte. Der Sonntag ist ein heiliger Tag." Marguerite war die einzige, die sich anschickte, auf jenes Feld hinauszugehen und ihrem Herrn zu gehorchen. Dieser bot ihr eine große Belohnung an, um sie zu ermutigen und zu bestärken. Dann ging er zu dem Platz vor der Kirche, um sich, wie es Brauch war, nach der Messe mit seinen Freunden zu unterhalten. Währenddessen ging Marguerite auf jenes Feld, das sehr groß war. Sie zweifelte bald, ob sie dieses gewaltige Stück Arbeit wohl werde allein zu Ende bringen. Und endlich wurde sie sehr müde. Da sah sie plötzlich ein winziges Männchen aus dem Walde herauskommen. So klein es auch war, so hatte es doch einen Kopf, so groß wie ein Kürbis. Das Männchen pfiff durch die Zähne und alsbald kamen dreißig solcher Zwerge, einer kleiner und häßlicher als der andere, herbei. Siehe, sie begannen sogleich, den Mist auf das Feld zu werfen. Schneller, als Marguerite auch nur schauen konnte, war die ganze Arbeit getan. Als alles fertig war, sprach der erste Zwerg zu Marguerite: "Lebwohl. Sei heute abend um sechs Uhr in der Scheune. Ich werde dann kommen und mir meinen Lohn holen." Im selben Augenblick war das Männchen samt seinen Gehilfen verschwunden. Die arme Marguerite war nun voller Kummer und Angst, denn sie merkte wohl, daß dies alles nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Während sie gesenkten Hauptes heimwärts ging, hörte sie auf einmal ein Geräusch hinter sich. Sie wandte sich um und gewahrte eine ururalte Frau mit vielen Runzeln und Falten im Gesicht. Ihre Haut war fahl, und die Alte sprach zu Marguerite: "Du Unglückselige, soeben hast du dich dem Teufel übergeben. Wisse, ich bin schon lange Zeit im Fegefeuer, weil ich am Sonntag gearbeitet habe, anstatt in die Messe zu gehen. Ich kann dich aber vor dem Fegefeuer erretten, wenn du mir den Namen des sechsten Tages der Woche nennen kannst. Diesen Namen nämlich habe ich vergessen. Wenn ich ihn aber wieder weiß, so hat meine Pein ein Ende." Seite 1

51 Da sprach Marguerite: "Der sechste Tag, das ist der Freitag." Oh, hab Dank, du hast mich erlöst! Nun will ich dir auch sagen, wie du dem Teufel entkommen kannst. Gehe heute abend in die Scheune, wie es vereinbart ist. Hüte dich aber, eine Schnur oder einen Gürtel um deinen Leib zu tragen. Wenn nun der Teufel kommt, so werfe ihm ein Strohbündel ins Gesicht, aber rasch, bevor er sich dir nähern kann!" Noch ehe Marguerite der Alten danken konnte, war diese verschwunden. Marguerite ging nun auf den Hof zurück. Als es sechs Uhr schlug, ging sie in die Scheune. Sie trug keinen Gürtel um ihren Leib, wie es ihr die Alte geraten hatte. Pünktlich erschien der Teufel und wollte sie sogleich mit sich nehmen. Marguerite aber warf ihm ein Strohbündel ins Gesicht, bevor er sich ihr nähern konnte. Da floh der Teufel mit schrecklichen Flüchen aus der Scheune. Marguerite aber ging nie mehr auf jenes Feld, und sie hütete sich wohl, jemals wieder am Sonntag zu arbeiten. Sie fehlte nie mehr bei der Messe. So kam es, daß sie auch nie mehr den Teufel zu sehen bekam Märchen aus der Auvergne von Paul Sébillot aus "Littérature orale de l'Auvergne", Paris 1898 Originaltitel: On ne travaille pas le dimanche Das Strohbündel Seite 2

52 Die sieben Schwarten von Giambattista Basile Buch: Das Pentameron / 4.Tag, 4.Episode Alle lobten Menica, weil ihr Mund Ereignisse, die vor so langer Zeit vorgefallen waren, mit solcher Anmut erzählt hatte, daß die Zuhörer vermeinten, sie spielten sich vor ihren Augen ab. Das erweckte die Eifersucht Tollas, in der der Wunsch erwachte, es Menica gleichzutun. Darum räusperte sie sich und begann ihre Erzählung: Man kann kein Sprichwort anführen, das nicht ganz oder halb wahr ist. Und der Mann, der gesagt hat: "Ein krummer Blick führt geradenwegs zum Glück", verstand etwas von dem Lauf der Dinge, oder er hatte vielleicht die Geschichte von Antuono und Parmiero gelesen, wo es heißt: "Glück auf, Antuono, und zwinkere nicht mit den Augen, denn ohne Vogelleim fängt man die Feigenfresser"; kann man doch jeden Tag die Erfahrung machen, daß diese Welt ein getreues und vollkommenes Abbild des Schlaraffenlandes ist, wo, wer sich am meisten müht, den geringsten Nutzen zieht, und wo der sich am besten steht, der alles nimmt, wie es kommt, und jede Blume pflückt, die ihm am Wege blüht. Ja, man kann es mit den Händen greifen, daß die Beute und Schätze der Fortuna mit saumseligen Ruderbooten erjagt werden und nicht mit schnellen Galeeren. Und das will ich euch gleich beweisen. Es war einmal eine arme alte Frau, die zog mit dem Rocken in der Hand von Tür zu Tür, um Almosen zu heischen, und bespuckte dabei die Leute auf der Straße. Und da man mit Kunst und List verlebt des Jahres halbe Frist, so machte sie eines Tages einigen weichherzigen und leichtgläubigen Weiblein vor, sie wolle, ich weiß nicht welche, Fettsuppe für ihre magere Tochter kochen, und verschaffte sich auf diese Weise sieben Speckschwarten. Mit einem tüchtigen Bündel Holz, das sie im Walde aufgelesen hatte, brachte sie die Schwarten nach Hause, gab sie ihrer Tochter Saporita und trug ihr auf, sie aufs Feuer zu stellen, während sie wieder auf den Bettel gehe, um noch ein paar Kohlblätter bei einigen Gärtnern zusammen- zuschnorren und daraus eine Suppe zu kochen. Seite 1

53 Saporita nahm die Schwarten, schabte die Borsten ab, legte sie in ein Töpfchen und stellte das aufs Feuer. Kaum aber fingen sie an zu kochen, da lief ihr auch schon das Wasser im Munde zusammen, denn der ausströmende Duft war eine tödliche Herausforderung für sie auf dem Schlachtfelde des Appetits und eine citation ad informandum für die Bank des Gaumens. Sosehr sie auch am Anfang widerstand, so wurde sie doch mehr und mehr von dem leckeren Duft des Topfes gereizt, von der Naschhaftigkeit ihrer Natur gestachelt und von den Zähnen des Hungers, der an ihr nagte, gedrängt, so daß sie schließlich nachgab und ein Stückchen probierte. Das schmeckte ihr so gut, daß sie bei sich selber sagte: "Wer Angst hat, der soll unter die Häscher gehen! Jetzt bietet sich die Gelegenheit! Zugepackt, komme, was da wolle! Es handelt sich doch nur um eine Speckschwarte! Was kann mir schon daraus entstehen? Ich will die Schwarten schon mit meiner Pelle bezahlen!" Damit verzehrte sie die erste; und als sie fühlte, wie der Magen nach mehr verlangte, legte sie die Hand an die zweite; dann juckte es sie nach der dritten; und so verleibte sie sich nach und nach, eine nach der anderen, alle sieben Schwarten ein. Da hatte sie nun etwas Schönes angerichtet, und sie machte sich Gedanken über den Streich, den sie da ausgeführt hatte; und als sie sich vorstellte, wie schwer ihr die Schwarten im Magen liegen würden, kam sie auf den Plan, ihre Mutter zu überlisten. Sie nahm also einen alten Stiefel, zerschnitt die Sohlen in sieben Streifen und warf sie in den Topf. Darüber kam ihre Mutter zurück mit einem Kopf Blumenkohl, schnitt ihn, um auch nicht ein Blättchen zu verlieren, kurz und klein, und als sie das Wasser vom Rande bis zum Grunde des Topfes brodeln und sieden sah, warf sie den Kohl hinein und tat ein wenig Wagenschmiere hinzu, das bei einem Kutscher, der gerade eine Karosse schmierte, für sie abgefallen war. Dann mußte die Tochter ein verschlissenes Wischtuch über zwei alte Kisten aus Pappelholz breiten, die Mutter zog aus einem Quersack zwei Ranken schimmligen Brotes hervor, nahm von einem Schlüsselbrett einen hölzernen Napf, zerbröckelte das Brot darin und schüttete die Kohlsuppe mit den Sohlenstreifen hinein. Die 7 Schwarten Seite 2

54 Saporita verlegte sich aufs Leugnen. Als aber die wütende Alte immer heftiger in sie drang, gab sie dem Dampf des Kochtopfes die Schuld, der ihr die Augen getrübt und sie zu dem scheußlichen Streich verführt habe. Der Alten war nun die Mahlzeit völlig verdorben, sie ergriff einen Besenstiel und ließ ihn auf Saporitas Rücken tanzen. Wohl an die siebenmal setzte sie an und begann wieder von vorne und ließ die Schläge regnen, wohin sie immer fallen wollten. Zufällig ging ein Kaufmann draußen vorbei. Als er das Mädchen schreien hörte, trat er ins Haus, erblickte die Alte in ihrer wilden Wut, riß ihr den Prügel aus der Hand und sprach: "Was hat dir das arme Mädchen getan, daß du sie totschlagen willst? Heißt das strafen oder einen Menschen ums Leben bringen? Hast du sie vielleicht mit ihrem Schatz erwischt, oder hat sie dir den Spartopf erbrochen? Schämst du dich nicht, ein armes Kind so schnöde zu behandeln?" Du hast keine Ahnung, was sie mir angetan hat!" erwiderte die Alte. "Das unverschämte Ding weiß, daß ich ein altes Bettelweib bin, aber sie schert sich den Teufel darum und will mich mit Ärzten und Apothekern vollends auf den Hund bringen. Da habe ich ihr befohlen, wo es doch so heißes Wetter ist, sich nicht so abzuplacken, damit sie mir nicht krank wird, denn wie sollte ich sie wieder gesund kriegen? Da geht das eigensinnige Stück hin und setzt sich in den Kopf, mir zum Tort heute morgen sieben Spindeln vollzuspinnen, auf die Gefahr hin, sich einen Herzschaden zuzuziehen und sich zwei Monate ins Bett legen zu müssen." Als der Kaufmann das hörte, dachte er, die Tüchtigkeit dieses Mädchens könnte zur guten Fee seines Hauses werden. Daher sagte er zu der Alten: "Leg deinen Zorn an die Kette. Ich will dir diese Gefahr aus dem Hause schaffen, indem ich deine Tochter zum Weibe nehme und in mein Haus führe, wo sie wie eine Prinzessin gehalten werden soll. Denn ich ziehe, Gott sei gedankt, meine Hühner auf, füttere mein Schwein, besitze Tauben und kann mich kaum in meinem Hause umdrehen, so voll ist es. Der Himmel gebe mir seinen Segen, und der böse Blick möge mir nichts anhaben: aber ich habe die Speicher voll Korn, die Kisten voll Mehl, die Krüge voll Öl, die Töpfe und Tiegel voll Schmalz, die Haken voll Speckseiten, die Topfbretter voll Geschirr, die Schuppen voll Holz, die Keller voll Kohlen, die Schränke voll Wäsche, ein prächtiges Himmelbett; vor allem aber kann ich mit meinen Einkünften aus Mieten und Zinsen leben wie ein großer Herr. Außerdem handele ich mit manchem Dutzend Dukaten auf den Märkten, und wenn mir alles nach Wunsch gerät, so bin ich bald ein reicher Mann. Als sie aber zu essen begann, da merkte sie sofort, daß sie keine Schusterzähne hatte und daß die Schweinsschwarten durch eine neue ovidische Metamorphose zu Büffelleder geworden waren. Wütend fuhr sie auf die Tochter los: "Das hast du mir eingebrockt, verfluchte Sau! Was für einen Dreck hast du mir in die Suppe getan? Ist mein Pansen vielleicht ein alter Stiefel, der mit Lederflecken geflickt werden soll? Nun? Wird's bald? Bekenne auf der Stelle, wie das zuge- gangen ist, sonst wäre es besser, du wärest nie geboren, denn es wird dir kein Knochen im Leibe heil bleiben! Die 7 Schwarten Seite 3

55 Als die Alte diesen Glücksregen niederrieseln hörte, da sie es am wenigsten vermutete, nahm sie Saporita bei der Hand und übergab sie nach neapolitanischem Brauch und Ritus dem Kaufmann, wobei sie sprach: "Nimm sie hin, sie sei die Deine, viele Jahre Glück und Segen und schöne Kinder dazu!" Der Kaufmann schloß sie in die Arme und führte sie in sein Haus und konnte die Stunde nicht abwarten, bis der nächste Markttag erschien und er die erforderlichen Einkäufe machen konnte. Am Montag erhob er sich in aller Frühe und begab sich an die Stelle, wo die Bäuerinnen mit ihrer Ware stehen, kaufte zwanzig Gebund Flachs, überreichte sie Saporita und sprach: "Jetzt kannst du spinnen nach Herzenslust und brauchst keine Angst zu haben, daß ein verrückter Zornteufel über dich kommt wie deine Mutter, die dir die Knochen zerdrosch, weil du die sieben Spindeln gefüllt hattest. Ich will dir für jedes Gebund, das du mir spinnst, zehn Küsse geben, und für jede Strähne Flachs, die du mir spinnst, mein ganzes Herz. Drum setz dich frohen Mutes an die Arbeit, wenn ich in drei Wochen von der Messe heimkomme, möchte ich diese zwanzig Gebund Flachs gesponnen sehen, und dann lasse ich dir ein Paar schöne rote Ärmel machen mit grünem Samt besetzt." Du bist wohl nicht ganz bei Trost!" murmelte Saporita hinter den Zähnen. "Da machst du die Rechnung ohne den Wirt! Du sollst dich wundern! Wenn du denkst, du könntest ein Hemd tragen, das ich verfertigt habe, dann bist du schief gewickelt. Da kommst du gerade an die Richtige. Was? Kann ich denn hexen? In zwanzig Tagen soll ich die zwanzig Gebund Flachs spinnen? Verwünscht sei das Schiff, das mich in dieses Land getragen hat! Da kannst du lange warten! Eher bekommt die Leber Haare und der Affe einen Schwanz, ehe du den Flachs gesponnen finden sollst!" Der Mann reiste ab. Saporita aber, die ebenso naschhaft wie träge war, hatte nichts Eiligeres zu tun, als ein paar Beutel Mehl und ein paar Krüge Öl hervorzuholen und sich Kuchen und Torten zu backen. Von früh bis spät knabberte sie wie eine Maus und schlampampte wie ein Schwein. Als jedoch der Zeitpunkt seiner Heimkehr näherrückte, wurde sie unruhig und bekam es mit der Angst, als sie an den Krach und Spektakel dachte, der ihr bevorstand, wenn der Kaufmann den Flachs unberührt und die Kisten W as sollte sie nur tun? Sie nahm eine ellenlange Stange, wickelte ein ganzes Gebund Flachs darum samt allem Werg und allem Hanf, steckte einen indischen Kürbis auf eine große Heugabel und band die Stange an das Geländer des Balkons. Darauf fing sie an, die Obermeisterin aller Spindeln hinunterzulassen, und hielt einen großen Kessel mit Makkaronibrei als Wasserschale bereit, und während sie so feine Fäden wie Schiffstaue spann, besprengte sie jedesmal, wenn sie ihre Finger in den Kessel tauchte, die Vorübergehenden, wie es die Narren im Karnevalszuge machen. Die 7 Schwarten Seite 4

56 Zufällig kamen ein paar Feen des Weges. Der Anblick des seltsamen Schauspiels ergötzte sie so, daß sie vor Lachen schier platzen wollten. Und sie sprachen einen Zauberspruch über Saporita, nach welchem nicht nur aller Flachs, den sie im Hause hatte, gesponnen, sondern auch zu Leinwand gewebt und gebleicht werden sollte. Das geschah denn auch auf der Stelle, so daß Saporita in einem Meer von Freuden schwamm, da ihr vom Himmel ein solches Glück herniederregnete. Damit ihr aber nicht noch einmal von ihrem Gatten eine derartige Arbeit zugemutet werde, legte sie sich zu Bett, nicht ohne vorher einen Scheffel Nüsse unter die Bettdecke zu schütten. Als der Mann eintraf, begann sie zu wimmern, wobei sie sich von einer Seite auf die andere wälzte, so daß die Nüsse knarrten und es den Anschein hatte, als knackten ihr alle Knochen im Leibe. Der Gatte fragte sie, wie sie sich fühle, und sie erwiderte mit einem jämmerlichen Stimmchen: "Es kann mir nicht schlechter gehen, als es mir geht, denn ich habe keinen heilen Knochen mehr im Leibe. Oder scheint es dir wenig Futter für ein armes Stück Vieh, zwanzig Gebund Flachs in zwanzig Tagen zu spinnen und zu Leinwand zu verarbeiten? Geh doch, lieber Mann, du kannst die Hebamme sparen, und deinen Verstand hat der Esel gefressen. Aber wenn ich tot bin, dann brauchst du dich auch nicht hinzustellen und zu jammern: 'O Gott, o Gott!' Drum verschone mich in Zukunft mit dieser Hundearbeit, denn ich habe nicht die Absicht, mit dem Vollspinnen der Spindeln die Spindel meines Lebens abzuspinnen." Der Mann überschüttete sie mit Zärtlichkeiten und sprach: "Bleib mir doch ja gesund, liebe Frau, denn das Gewebe deiner Liebesfädchen ist mir tausendmal mehr wert als alle Leinwand der Welt. Jetzt erkenne ich, wie recht deine Mutter hatte, als sie dich züchtigte, weil du in der Arbeit kein Maß und Ziel kennst, und ich sehe ein, daß du dabei auf den Hund kommen mußt. Aber sei guten Muts, ich will eins von meinen Augen hergeben, wenn du mir nur wieder gesund wirst. Warte nur ein Weilchen, ich laufe sofort zum Arzt." Und eilenden Fußes ging er fort, den Meister Catruopolo zu holen. Die 7 Schwarten Seite 5

57 Inzwischen verzehrte Saporita die Nüsse und warf die Schalen zum Fenster hinaus. Und als der Arzt gekommen war, den Puls gefühlt, das Gesicht beobachtet, den Urin angesehen und den Nachttopf berochen hatte, kam er mit Hippokrates und Galen zu dem Schluß, ihre Krankheit bestehe in zuviel Blut und zuwenig Arbeit. Der Kaufmann, dem die Worte des Arztes wie ein grober Unfug vorkamen, drückte ihm einen Dukaten in die Hand und schickte ihn mit Schimpf und Schande fort und wollte einen anderen Chirurgen holen. Saporita aber erklärte, das sei nicht mehr notwenidg, denn das Wiedersehen mit ihm habe ihr die Gesundheit zurückgegeben. Da schloß der Mann sie in die Arme und ermahnte sie, fortan Arbeit Arbeit sein zu lassen, denn Griechenwein und Kohlköpfe ließen sich nicht auf derselben Stelle pflanzen. Fässer voll bis an den Rand: Mägde ausser Rand und Band. Die 7 Schwarten Seite 6

58 Die sieben Wahrheiten Ein Bauer war durch Mißwuchs und Viehsterben in Not geraten und wußte vor Sorgen nicht mehr aus und ein. In seiner Verzweiflung nahm er einen Strick und ging in den Wald, um sich zu erhängen. Als er so dahin schritt und nach einem Baum suchte, der für sein Vorhaben geeignet schien, kam unversehens ein fremder Jäger daher und fragte ihn, was er tue. "Aufhängen will ich mich", entgegnete er bedrückt, "denn meine Wirtschaft geht immer mehr zurück. Ich habe nicht einmal genug Geld, um einen Knecht zu bezahlen, und allein ist mir die Arbeit zu schwer." "Ich will dir helfen und auf deinem Hofe arbeiten", sprach der Fremde, "das tue ich ohne Lohn, aber nach sieben Jahren mußt du mir die sieben Wahrheiten nennen können." Sieben Jahre sind eine lange Zeit, dachte der Arme, bis dahin wird sich Rat schaffen lassen. So willigte er ohne viel Bedenken ein und ging beruhigt heim. Bald kam der Fremde daher und brachte noch sieben feiste Schweine mit. Damit war die Hungerszeit zu Ende, und sie hatten auf lange Zeit wieder Fleisch und Fett genug. Ein fleißiger Knecht war dieser Unbekannte! Die Arbeit ging ihm flink von der Hand, und der Bauer vermochte nach und nach alle Schulden zu bezahlen. Als aber das fünfte Jahr zu Ende ging, kam dem Hausherrn die seltsame Bedingung wieder in den Sinn, die sein Helfer gestellt hatte. "Was mag er wohl mit den sieben Wahrheiten meinen?" fragte er sich sorgenvoll, doch es fiel ihm nichts Rechtes ein, und neben dem Tagewerk verging rasch die Zeit. Mit einem Male war auch das sechste Jahr zu Ende, und die Bangigkeit ließ den Bauern nicht mehr los. Nun wußte er schon, daß er den Teufel als Knecht aufgenommen hatte, dem er verfallen würde, wenn er nicht antworten könnte. Vergeblich grübelte er nach, tagsüber während der Arbeit und nachts auf seinem Lager, indes er fand keinen Rat. Das siebente Jahr verflog, der letzte Monat brach an, aber er kannte die sieben Wahrheiten noch nicht. Es kam die letzte Woche, doch es fiel ihm nichts ein, der letzte Tag graute, aber der Bekümmerte wußte noch immer nicht, was er antworten solle. Beim Anbruch des letzten Abends ging er hinaus auf seine Felder und betete unterwegs zu Gott, es mögen ihm die sieben Wahrheiten einfallen. Der Knecht hatte ihm gesagt, daß er um zwölf Uhr nachts Auskunft fordern werde. Sorgenvoll schritt der Bauer über Feld und Flur, bis es stockdunkle Nacht war, aber er fand keinen Ausweg aus seiner not. Als er endlich müde und verzagt heimkehrte, kam ein altes Männlein daher und bat um Nachtlager. "Ja, mein Gott", entgegnete der Bauer, "dableiben kannst du wohl, aber zu essen haben wir nichts!", denn die Hungerszeit hatte schon wieder begonnen. "Ich brauche weder Speise noch Trank", sagte der Alte, "wenn ich nur ausruhen darf." Der späte Gast ließ sich nieder, merkte aber bald, daß der Bauer tief bekümmert dreinblickte. Teilnehmend fragte er ihn, was ihn bedrücke. "Um zwölf Uhr nachts kommt der Teufel zum Fenster. Wenn ich ihm dann die sieben Wahrheiten nicht nennen kann, so holt er mich!" Darauf erzählte der Arme, wie er vor sieben Jahren in seiner Verzweiflung auf den Vertrag eingegangen war, der ihm damals so harmlos erschien. "Sei unbesorgt", sprach jetzt das alte Männlein, "ich weiß die sieben Wahrheiten! Leg dich mit Weib und Kindern ruhig schlafen, ich aber warte auf den, der da kommen will!" Seite 1

59 Der Bauer konnte diese Worte gar nicht so rasch fassen. Er wollte dem Gast ein Bett bereiten, der aber sagte: "Laß nur, ich leg mich oben auf den Ofen, das ist für mich die rechte Liegestatt!" Der Hauswirt ließ dem Alten seinen Willen und begab sich bangen Herzens mit den Seinen zur Ruhe. Richtig, um Mitternacht kam jemand an das Fenster und rief: "Bauer, auf! Sag mir die sieben Wahrheiten!" Der fremde Gast aber schwieg. Jetzt schrie der Unheimliche wieder: "Bauer, auf! Sag mir die sieben Wahrheiten!" Der Alte sagte wieder nichts. Darauf schrie der andere noch lauter: "Bauer, auf! Sag mir die sieben Wahrheiten!" "Hehe", antwortete nun das Männlein, "laß mich erst vom Ofen herabkommen!" -- "Ich hab' nicht lange Zeit!" rief der vor dem Fenster. "Ich habe auch warten müssen, bis du gekommen bist", antwortete der Alte ruhig. Dann stieg er vollends vom Ofen herab und ging an das Fenster. "Nun", fragte der Teufel, "was ist das erste?" -- "Daß ich herinnen bin und du draußen", antwortete das Männlein. "Was ist das zweite?" -- "Daß zwei Verliebte gern beieinander sind!" -- "Und was ist das dritte?" -- "Drei Stecken hat der Schusterstuhl", entgegnete der Alte. "Was aber ist das vierte?" fragte der Teufel. "Vier Räder hat der Wagen, sonst kann man nicht fahren!" -- "Ja, weiß ich auch, weiß ich auch", murmelte betroffen der Schwarze. Dann fragte er weiter, was das fünfte sei. "Fünf Finger an der Hand", sprach das Männlein, "du wirst wohl auch fünf Krallen haben!" -- "Ja, weiß ich wohl, hab' ich auch", sprach der Teufel, und es verschlug ihm dabei schier die Stimme, doch er fragte weiter: "Was ist das sechste?" -- "Sechs Tage sind unter der Woche!" -- "Und was ist das siebente?" -- "Die sieben Jahre sind um, die sieben Schweine sind verspeist, und du, Teufel, gehst hin, wo du hergekommen bist!" Auf das verschwand der unheimliche Frager mit einem gewaltigen Krach. Am Morgen kam der Bauer daher und fragte, wie es seinem Gast ergangen sei. "Ganz gut", sprach das Männlein, "ich habe ihm die sieben Wahrheiten gesagt. Aber sieh dich nie mehr um solch einen Knecht um! Weißt du auch, wer ich bin?" Der Helfer in größter Not war dem Bauern unbekannt. Auf einmal wurde das Männlein immer schöner und schöner. Das kam dem Hauswirt so seltsam vor, daß er fragte: "Bist du vielleicht gar unser Herrgott?" -- "Der bin ich wohl", entgegnete der nächtliche Gast, "weil du immer rechtschaffen gelebt hast, bin ich gekommen, dir zu helfen." Nach diesen Worten fand sich der Bauer plötzlich allein. Die sieben Wahrheiten aber hat er niemals erfahren Quelle: "Österreichs Märchenschatz" von Karl Haiding, Märchen Nr.65 Autor: A.Schupfer ( geb. 1875), aufgezeichnet erst 1951 Seite 2

60 Habetrott, mit der dicken, langen Unterlippe In Selkirkshire lebte eine Frau, die hatte eine schöne, aber auch sehr faule Tochter, die lieber spielte als arbeitete, lieber über die Wiese spazieren ging und Gänseblümchen pflückte, als sich die Finger am Spinnrad wundzureiben. Die Frau ließ nichts unversucht, aus ihrer Tochter doch noch eine gute Spinnerin zu machen, denn in jenen Tagen hatte ein Mädchen, das nicht fleißig spinnen konnte, keine Chance, einen Mann zu bekommen. So redete die Mutter ihrer Tochter gut zu, schmeichelte ihr, bat sie, beschimpfte und bedrohte sie und schlug sie gar -- es war alles umsonst. Das Mädchen war und blieb, wie ihre Mutter sie nannte: "eine nichtsnutzige Transuse". Da gab die Mutter ihrer Tochter eines Morgens eine Tracht Prügel und warf ihr sieben Bund Flachs vor die Füße: "Die wirst du mir in drei Tagen zu Garn spinnen, oder es soll dir schlecht gehen!" Das Mädchen wußte, dieses Mal meinte die Mutter es wirklich ernst. Sie setzte sich an das Spinnrad und arbeitete den ganzen Tag. Sie hatte aber kein Geschick und keine Übung im Spinnen. Sie holte sich blutige Blasen an ihren zarten, weißen Fingern und hatte am Ende des Tages doch nicht mehr als ein, zwei Ellen knotiges, krumpeliges Garn versponnen. Es wurde Nacht. Das Mädchen weinte sich in den Schlaf. Am anderen Morgen, es war ein herrlicher Frühlingsmorgen, die Sonne schien und die Vögel sangen, besah sich das Mädchen ihr mißratenes Knäulchen Garn und warf die Arbeit zur Seite: "Ich kann nicht, ich will nicht und ich mag nicht", rief sie verzweifelt, "und verdammt und zugenäht, ich geh lieber spazieren!" Sie lief aus dem Haus und über die Wiese. Die Tautropfen hingen an den Gräsern und glänzten in der Morgensonne. Das Mädchen ging über die Felder und den Bach entlang. Sie kam an einen Erdhügel am Bachufer und setzte sich dort neben einen großen, vom Wasser ausgehöhlten Stein mit einem ausgewaschenen Loch in der Mitte. Sie legte ihren Kopf in die Hände und weinte. Sie saß lange da und war so in ihren Kummer versunken, daß sie niemanden kommen hörte, als sie aber endlich aufschaute, sah sie ein kleines, altes Weiblein neben sich auf dem gehöhlten Stein sitzen. Das kleine Weiblein zog gewaschenes Flachsgarn aus dem Bachbett und breitete es zum Trocknen und Bleichen in der Sonne aus. Die Alte hatte ein erdbraunes, runzeliges Gesicht und große Ohren. Das Erstaunlichste an ihr aber war ihre riesige, lange, dicke, bis zum Kinn herunterhängende Unterlippe. Das Mädchen war ein freundliches Kind, sie stand auf und ging zu dem absonderlichen Weiblein. Seite 1

61 "Guten Morgen", sagte sie und fragte, denn sie war auch ein sehr neugieriges Mädchen, "woher hast du, nimm's mir bitte nicht übel, so eine dicke, lange Unterlippe?" "Vom Spinnen, mein Liebchen, vom Flachsund Garnspinnen, mein Hühnchen", sagte das Weiblein und sah das Mädchen freundlich an. "Ich feuchte die Finger an meiner Lippe, wenn ich den Fadem vom Spinnrocken ziehe." "Oh!" rief das Mädchen, "und ich sollte auch spinnen. Aber ich kann es nicht und mag es nicht, und ich werde meine Arbeit nie zu Ende bringen!" Und sie erzählte der Alten ihren Kummer. "Hol mir deinen Flachs, und ich werde ihn rechtzeitig für dich gesponnen haben", sagte die freundliche Alte. Das Mädchen rannte überglücklich nach Hause und brachte die sieben Bündel Flachs. "Und wie ist dein Name, Großmütterchen?" fragte sie, "und wo kann ich das Garn abholen?" Aber das Mädchen bekam keine Antwort. Das Weiblein verschwand wortlos mit den sieben Flachsbündeln zwischen den Büschen und Bäumen. "Wie wenig doch das Mädchen weiß. Sie weiß nicht, daß ich Habetrott heiß!" Das Mädchen setzte sich an den Bach und wartete. Die Sonne schien warm. Sie wurde schläfrig und matt und legte den Kopf auf den gehöhlten Stein und schlummerte ein. Als sie wieder aufwachte, ging die Sonne schon unter und der Abendstern leuchtete sein silbernes Licht. Das Mädchen rieb sich die Augen und hörte surrende Geräusche und singende Stimmen -- direkt unter ihrem Kopf. Sie schaute durch das Loch im Stein und erblickte eine tiefe, große Höhle. In der Höhle saßen mehrere seltsame alte Jungfern und spannen. Jede von ihnen saß auf einem weißen, vom Wasser gerundeten Bachkiesel. Einige hatten einen Buckel, so groß wie ein Brot. Einigen hing die Zunge bis auf den Bauch, und alle waren mit riesenlangen, herunterhängenden Unterlippen geschmückt. Das kleine alte Weiblein wanderte zwischen ihnen auf und ab und gab ihnen Anweisungen. Das Mädchen legte ein Ohr auf das Loch im Stein und hörte sie sagen: Wie wenig doch das Mädchen weiß. Sie weiß nicht, daß ich Habetrott heiß. Seite 2 Habetrott

62 Eine der kleinen Spinnerinnen saß, etwas abseits von ihren Schwestern, in einer Ecke und wickelte das Garn. Und diese sah noch häßlicher aus. Sie hatte, außer der herunterhängenden Unterlippe, dem Buckel, groß wie ein Brot, und der langen Zunge auch graue, hervorquellende Augen und eine enorme Hakennase. Habetrott rief ihr zu: "Wickle, Scantlie Mab, wickle schön, das Mädchen muß heim zur Mutter gehn." Das Mädchen stand auf und machte sich auf den Nachhauseweg. Habetrott holte sie bald ein und legte ihr sieben wundervoll gesponnenen Bündel Garn in die Hände. "O Großmütterchen, wie kann ich dir das danken?" "Nichts, nichts, mein Vögelchen, brauchst mir nicht danken, aber erzähl der Mutter nicht, wer das Garn gesponnen hat!" Das Mädchen tanzte und sprang mit den sieben wundervollen Bündeln nach Hause. Sie war überglücklich, aber auch hungrig -- schließlich hatte sie den ganzen Tag nichts gegessen. Die Mutter lag schon im Bett und schlief. Sie hatte Blutwürste gemacht, sie zum Trocknen in den Rauchfang gehängt und war, müde von der Arbeit, früh zu Bett gegangen. Das Mädchen legte ihre Garnbündel auf den Tisch, blies das Herdfeuer an, holte die Bratpfanne herunter, machte die erste Blutwurst heiß und aß sie. Sie schmeckte ihr vortrefflich. Sie briet die zweite Wurst und aß sie, die dritte, die vierte, die fünfte... sie hatte wirklich großen Hunger, die sechste und -- weil sie ihr so sehr gut schmeckten, aß sie auch noch die letzte, die siebte Wurst. Dann stieg sie die Leiter hinauf, legte sich in ihr Bett und schlief auch gleich erschöpft ein. Früh am Morgen stand die Mutter auf. Sie sah die sieben wundervoll gesponnenen Garnbündel. Von den sieben Blutwürsten aber fand sie nur noch einen letzten Zipfel vor. Unsinnig vor Freude, unsinnig vor Ärger rannte sie vor die Haustüre und rief: Meine Tochter spann 7, 7, 7, meine Tochter aß 7, 7, 7, und noch vor Morgengrauen. Seite 3 Habetrott

63 Ein junger Lord ritt vorbei, hörte ihr Schreien und fragte sie nach dem Grund. Meine Tochter spann 7, 7, 7, meine Tochter aß 7, 7, 7, und wenn du mir nicht glaubst, so komm und sieh selber. Der junge (und natürlich sehr schöne) Lord folgte ihr in ihre Hütte und sah das weiche, wunderbar ebenmäßig gesponnene Garn. Da wollte er auch die kunstreiche Spinnerin sehen. Als er das Mädchen sah, so rosig und schön und mit zarten, weißen Händen, wollte er sie gleich zur Frau haben. Kurz und gut, der Lord war jung und hatte schwarze Locken, also sagte das Mädchen "ja". Die Hochzeit wurde vorbereitet, aber etwas machte der Braut große Sorgen, der junge Herr sprach immer wieder davon, wie schön das Garn gesponnen sei und wie sehr er sich freue, eine so tüchtige Spinnerin zur Frau zu bekommen. Eines Abends, kurz vor der Hochzeit, lief die Braut zu dem ausgehöhlten Stein am Bachufer und rief: Habetrott, hilf mir in meiner Not. Habetrott erschien und wußte auch schon Bescheid. "Hab keine Angst, Hühnchen, hab keine Angst. Bring deinen Jo her und laß uns nur machen!" Am nächsten Abend, die Sonne ging gerade unter, stand das verlobte Paar vor dem gehöhlten Stein. Aus der Tiefe hörten sie Habetrotts Stimme: Wir, die wir im Finstern leben, verborgen vor der Sonne Licht, grau und häßlich anzusehen, uns im Dunkeln sieht man nicht. Wir sitzen Nacht für Nacht allein, auf unserm weißen Kieselstein. Seite 4 Habetrott

64 Das Lied verstummte, und Scantlie Mab fragte aus ihrer Ecke, was das Lied bedeute. "Ich habe jemanden gebeten, zu dieser Stunde hierher zu kommen", sagte Habetrott, "und er hat mein Lied durch den gehöhlten Stein gehört." Habetrott öffnete eine unter den Wurzeln eines alten Weidenbaumes verborgene Tür und lud das Paar ein, einzutreten und ihre Familie kennenzulernen. Der junge Mann staunte nicht schlecht über die unheimliche Gesellschaft der Spinnerinnen und fragte sie laut heraus, woher sie so verunstaltet seien. Und eine Schwester nach der anderen murmelte und lispelte: Mi-mi-wi-di-sp-spin-ni. Wom schpom-schpom-mon. Dusch kumsch vumsch-schpunnen. "Vom Spinnen, junger Herr, vom Spinnen", übersetzte Habetrott. "O ja, sie waren auch einmal schöne Jüngferchen, meine Schwestern", fuhr sie fort. "Dein eigenes Frauchen wird auch einmal so aussehen, so hübsch sie jetzt auch noch sein mag, denn, lieber junger Herr, dein Liebchen ist wahrlich verrückt aufs Spinnen." "Nie wieder soll sie ein Spinnrad berühren!" schwor der junge Mann, und das Mädchen beugte sich seinem Willen. "Nun denn, wenn du darauf bestehst, so will ich mich fügen", versprach sie sanft. Und seit diesem Abend spazierte sie mit ihrem Mann über die Wiesen, frei wie ein Vogel, und jedes Bund Flachs, das auf ihrem Land wuchs, brachten sie der alten Habetrott zum Spinnen. (Diese erfreuliche Geschichte ist mehr als nur ein Märchen; denn Habetrott wurde wirklich als die Schutzherrin der Spinnerinnen verehrt. Man glaubte, ein Hemd, von ihr gewebt, sei ein Schutzmittel gegen alle Arten von Krankheiten.) Quelle: "Zwerge" von Helga Gebert Autor: Joseph Jacobs in "More English Fairy Tales", 1894 Habetrott Seite 5

65 Tom Tit Tot / Tom Klitzeklein Es war einmal eine Frau, die buk fünf Pasteten. Und als sie aus dem Backofen kamen, war die Kruste so scharf gebrannt, daß sie viel zu hart waren zum Essen. Darum sagte die Frau zu ihrer Tochter: "Stelle diese Pasteten auf das Sims und laß sie dort ein Weilchen stehen, dann werden sie schon wieder kommen." Sie meinte damit, die Kruste würde wieder weich werden. Aber das Mädchen dachte bei sich: "Schön, wenn sie wieder kommen, dann kann ich die hier ja essen." Und das tat sie denn und aß alle auf, von der ersten bis zur letzten. Ja, und als es dann Zeit zum Abendessen wurde, sagte die Frau: "Geh und hole dir eine von den Pasteten! Ich denke, jetzt sind sie wohl gekommen." Das Mädchen ging und schaute sich um, doch da stand nichts als der leere Teller. Also kam sie zurück und sagte einfach: "Nein, sie sind nicht gekommen. "Nicht eine einzige?" fragte die Mutter. "Nicht eine einzige", antwortete die Tochter. "Nun gut, ob gekommen oder nicht", sagte die Frau, "ich möchte aber eine zum Abendessen haben." "Aber das kannst du doch nicht, wo sie nicht gekommen sind", sagte das Mädchen. "Doch, ich kann es", sagte die Mutter. "Geh und bring mir die beste von ihnen!" "Ob gut oder schlecht", sagte drauf das Mädchen, "ich habe sie alle aufgegessen, und du kannst bestimmt erst eine kriegen, wenn eine neue herkommt." Da trug die Frau ihr Spinnrad vor die Tür, um zu spinnen, und während sie spann, sang sie immerzu: Meine Tochter hat fünf Pasteten gegessen,fünf Stück auf einen Schlag. Da kam der König gerade die Straße entlang und hörte sie singen, aber was sie sang, das konnte er nicht verstehen; so hielt er inne und fragte: "Was hast du da eben gesungen, gute Frau?" Seite 1

66 Die Frau schämte sich, ihm zu erzählen, was ihre Tochter getan hatte, und so sang sie statt dessen schnell: Meine Tochter spann fünf Strähnen,fünf Strähnen an einem Tag Meine Tochter spann fünf Strähnen,fünf Strähnen an einem Tag." "Ich habe noch nie von jemandem gehört, der das kann", meinte der König und sagte dann: "Paß mal auf, ich brauche eine Frau und will deine Tochter heiraten. Aber höre gut zu", fuhr er fort, "elf Monate des Jahres soll sie alles bekommen, was sie gern essen mag, und auch alle Kleider, die sie sich wünscht; aber im letzten Monat des Jahres muß sie jeden Tag fünf Strähnen spinnen, und wenn sie das nicht fertigbringt, werde ich sie töten." "Gut", sagte die Frau, denn sie dachte nur daran, was für eine großartige Heirat das nun wäre. Ja, und was die fünf Strähnen betraf, ach, bis die fällig würden, könnte gewiß irgendeine Ausrede gefunden sein; ja, und vielleicht hatte er die Sache bis dahin vergessen. Also heirateten die beiden. Und während der elf Monate konnte das Mädchen alles essen, worauf es Appetit hatte, und alles anziehen, was es gern tragen mochte, auch konnte es sich einladen, wen immer es nur bei sich sehen mochte. Doch als die Zeit vorrückte, begann sie schließlich an die Strähnen zu denken und sich zu fragen, ob er das wohl vergessen habe. Er aber sprach kein Wort davon. Also freute sie sich sehr, denn nun glaubte sie fest, er denke wirklich nicht mehr daran. Doch am letzten Tag des letzten Monats führte er sie in einen Raum, den sie nie zuvor gesehen hatte. Darin stand nichts als ein Spinnrad und ein Stuhl. Und er sprach: "Sieh, meine Liebe, hier wirst du morgen mit Lebensmitteln und dem nötigen Flachs eingeschlossen werden, und wenn du bis zum Abend nicht fünf Strähnen gesponnen hast, kostet es deinen Kopf." Und er verließ sie und ging seinen Geschäften nach. Oh, was für einen Schreck bekam sie da! Sie war immer schon so ein faules Mädchen gewesen, daß sie überhaupt nicht spinnen konnte. Was sollte sie nur morgen anfangen ohne irgend jemandes Hilfe? Sie setzte sich in der Küche auf einen Stuhl und jammerte und schüttelte sich vor Weinen. Seite 2 Tom Tit Tot

67 Plötzlich hörte sie ein leises Klopfen an der unteren Türhälfte. Sie sprang auf und öffnete. Da sah sie einen kleinen schwarzen Kerl mit einem langen Schwanz. Er blickte neugierig zu ihr auf und fragte: "Warum weinst du denn so jämmerlich?" "Was geht dich das an?" sagte sie. "Das kannst du gar nicht wissen", meinte er, "aber erzähl mir nur, weshalb du weinst!" "Das würde mir schlecht bekommen, wenn ich es dir sagte", erwiderte sie. "Wer weiß", sagte er und wirbelte seinen Schwanz. "Also gut", antwortete sie, "es kann nichts schaden, wenn es auch nichts nützen kann", und sie sprang auf und berichtete von den Pasteten und den Flachssträhnen und allem anderen. "Das will ich schon machen", erklärte der kleine schwarze Kerl. "Ich werde jeden Morgen an dein Fenster kommen und den Flachs mitnehmen und ihn dir am Abend gesponnen wiederbringen." "Was willst du dafür haben?" wollte sie wissen. Es blinkte tückisch in seinen Augenwinkeln, und er antwortete: "Du darfst jede Nacht dreimal raten, wie wohl mein Name ist, und wenn du ihn bis zum Ende des Monats nicht geraten hast, dann gehörst du mir." Nun, sie dachte natürlich, daß sie seinen Namen wohl erraten haben werde, bevor der Monat zu Ende ging. "Abgemacht", sagte sie, "ich bin einverstanden." "Abgemacht", rief auch er und wirbelte seinen Schwanz herum. Nun, am nächsten Tag führte ihr Mann sie in den Raum, in dem nur Flachs war und Essen für einen Tag. "Da liegt der Flachs", sagte er, "und wenn er bis heute abend nicht gesponnen ist, verlierst du deinen Kopf!" Dann ging er hinaus und schloß die Tür hinter sich ab. Seite 3 Tom Tit Tot

68 Kaum war er fort, da klopfte es auch schon am Fenster. Sie sprang auf und öffnete, und wahrhaftig saß da der kleine alte Kerl auf dem Fensterbrett. "Wo ist der Flachs?" fragte er. "Hier!" sagte sie. Und sie gab ihn dem kleinen Schwarzen. Als dann der Abend kam, klopfte es wieder an der Fensterscheibe. Sie sprang auf und öffnete, und da war das kleine alte Etwas mit fünf Flachssträhnen überm Arm. "Da hast du sie", sagte er und gab ihr die Strähnen. "Nun, wie heiße ich wohl?" fragte er. "Vielleicht Bill?" meinte sie. "Nein, falsch", sagte er und wirbelte seinen Schwanz um sich herum. "Oder Ned?" riet sie weiter. "Nein, falsch", sagte er und wirbelte seinen Schwanz noch mal um sich herum. "Heißt du vielleicht Mark?" fragte sie. "Nein, falsch", rief er, schleuderte seinen Schwanz noch eifriger und entschwand. Als dann ihr Mann kam, lagen die fünf Strähnen für ihn bereit. "Wie ich sehe, brauche ich dich heute abend nicht zu töten, meine Liebe", sagte er. "Morgen früh bekommst du wieder Essen und Flachs", und dann ging er davon. So wurde nun also jeden Tag Flachs und Essen gebracht, und jeden Tag, morgens und abends, kam auch das kleine Ungeheuer. Und den ganzen Tag über saß das Mädchen da und grübelte über Namen, die sie am Abend sagen könnte. Aber niemals erriet sie den richtigen. Und als der Monat sich dem Ende zuneigte, begann der Kobold immer heimtückischer zu grinsen, und jedesmal, wenn sie falsch riet, wirbelte er seinen Schwanz wilder und wilder um sich. Dann kam der vorletzte Tag. Der Kobold brachte am Abend die fünf Strähnen überm Arm und rief: Seite 4 Tom Tit Tot

69 "Weißt du jetzt wohl meinen Namen?" "Heißt du Nikodemus?" frage sie. "Nein, falsch geraten", sagte er. "Heißt du Samuel?" fragte sie. "Nein, falsch geraten", sagte er. "Oder heißt du Methusalem?" fragte sie. "Nein, alle sind falsch", rief er aus. Dann sah er sie mit Augen an, die wie feurige Kohlen glühten, und sprach: "Junge Frau, du hast nur noch bis morgen Zeit, dann gehörst du mir!" Und husch war er davon. Oh, wie elend war ihr zumute! Aber da hörte sie schon, wie der König den Gang entlangkam. Er trat ein, und als er die fünf Flachssträhnen sah, ja, da sprach er: "Schön, meine Liebe, ich denke, du wirst morgen abend deine Strähnen ebenso pünktlich bereit haben, und da ich annehmen darf, daß ich dich nicht zu töten brauche, will ich heute nacht hier bei dir bleiben." Und er ließ auch für sich Essen mitsamt einem Stuhl bringen, und beide setzten sich zur Abendmahlzeit hin. Doch hatte er erst ganz wenig gegessen, da hielt er inne und begann zu lachen. "Was ist?" fragte sie. Seite 5 Tom Tit Tot

70 "Ach, weißt du", sagte er, "ich war heute zur Jagd und kam im Wald auf einen Platz, den ich nie zuvor gesehen hatte. Und da war eine verfallene Kalkgrube. Und ich hörte ein Geräusch, das klang wie ein Summen. So ließ ich die Jagd, schlich ganz leise zu der Grube und äugte hinab. Ja, und da sah ich das seltsamste kleine schwarze Wesen, was mir je vor die Augen gekommen ist. Und was machte es da? Es hatte ein winziges Spinnrad und spann unglaublich schnell und wirbelte dabei seinen Schwanz um sich. Und beim Spinnen sang es: "Ich selber nur weiß es ganz allein,mein Name ist Tom Klitzeklein." Als das Mädchen das hörte, glaubte es, vor Freude hochspringen zu müssen, aber es sagte kein einziges Wort. Als der kleine Kerl am nächsten Tage den Flachs holte, blinzelte er sie spöttisch an. Und als es Abend wurde, hörte sie ihn an die Scheibe klopfen. Sie öffnete das Fenster, und er scchwang sich vom Fensterbrett herein. Er grinste von einem Ohr bis zum anderen und ach, sein Schwanz wirbelte toll herum. "Wie heiße ich?" fragte er, als er ihr die Strähnen gab. "Vielleicht Salomon?" antwortete sie und tat, als fürchtete sie sich sehr. "Nein, falsch!" rief er und kam näher. "Nun, ist es dann vielleicht Zebedäus?" fragte sie wieder. "Nein, falsch!" schrie der Kobold, und dann kreischte er und wirbelte derart schnell seinen Schwanz herum, daß man ihn kaum noch erkennen konnte. "Laß dir Zeit, junge Frau", schrillte er, "jetzt kommt deine letzte Antwort, und dann gehörst du mir!" Und seine schwarzen Klauen streckten sich schon nach ihr aus. Da machte sie ein, zwei Schritte rückwärts, sah ihn fest an, brach dann in Lachen aus und rief, während sie mit dem Finger auf ihn deutete: "Ich nur weiß es ganz allein,dein Name ist Tom Klitzeklein." Und wie er das hörte, schrie er furchtbar auf, entfloh in die Nacht hinaus und wurde nie wieder gesehen. Seite 6 Tom Tit Tot

71 Trillevip Ein Mädchen war eines Sonntags in der Kirche gewesen und ging auf dem Heimweg durch einen Wald, der zu einem großen Herrenhof gehörte. Sie ging in Gedanken und zählte bis zwanzig; aber wie sie sich umschaute, sah sie den Sohn vom Herrenhof mit der Büchse dicht hinter sich hergehen, und sie wurde rot, weil sie überzeugt war, daß er ihr Selbstgespräch gehört hatte. Er fragte sie auch gleich, was es bedeuten solle, daß sie so vor sich hinzähle; und in ihrer Verlegenheit antwortete sie ins Blaue hinein und sagte: "Ich habe mir nur ausgerechnet, wieviel Spindeln Garn ich jeden Abend spinnen kann. Er kam heim und erzählte seiner Mutter, mit was für einem Mädchen er im Wald gesprochen hätte; sie könne zwanzig Spindeln Garn an einem Abend spinnen; das sei eine andere als ihre Mädchen. Die Frau hatte nichts Eiligeres zu tun, als nach dem Mädchen zu schicken und ihr das Blaue vom Himmel herunter zu versprechen, wenn sie als Spinnmädchen zu ihr kommen wolle. Und das Mädchen sagte gleich zu, denn sie dachte nicht, daß die Frau jene verflogenen Worte kannte. Sie trat den Dienst an, und am Abend brachte die Frau Flachs für zwanzig Spindeln Garn. "Denn ich habe gehört, daß du so viele spinnen kannst." Das Mädchen spann und spann, soviel sie nur konnte, und es wurde spät, es ging auf Mitternacht, und sie war weder halb noch ganz fertig. Das arme Mädchen! Sie spann und weinte und kam doch zu keinem Ende. Um Mitternacht kam auf einmal ein kleiner Knirps mit einer roten Mütze und sagte: "Warum sitzest du denn und weinst? Kann ich dir helfen?" -- "Ja, das ist so und so", sagte sie, "alles das hätte ich heute abend spinnen sollen, und ich bin noch nicht einmal halb fertig; wenn du mir helfen könntest, so wäre ich sehr froh." -- "Damit hat es keine Not", sagte der Kleine, "wenn du fürs erste meine Liebste werden willst und später meine Frau." Und in ihrer Not gab das Mädchen das Versprechen mit angstvollen Gedanken an die Zukunft. Und eins, zwei, drei war die ganze Arbeit getan. Aber von da an half ihr der Kleine jeden Abend bei ihrer Arbeit. Seite 1

72 Die Frau konnte das Mädchen so gut leiden, daß sie gar nicht mehr als Magd gehalten wurde; sie sollte wegen ihrer Tüchtigkeit den Sohn zum Mann bekommen. Das war schlimm, denn sie hatte sich ja dem kleinen Knirps versprochen, und das wagte sie nicht zu sagen. Die Hochzeit wurde vorbereitet, aber je näher der bestimmte Tag kam, um so trauriger wurde das Mädchen, so daß der Knirps merken mußte, daß etwas nicht in Ordnung war. Sie erzählte ihm, wie die Geschichte stand, und er brummte ein wenig. Dann aber sagte er ihr, wenn sie seinen Namen raten könne, so wolle er sie freigeben. Sie dürfe dreimal raten und habe drei Tage Bedenkzeit. Sie wollte es probieren, abgleich sie durchaus nicht wußte, wie sie es anstellen sollte. Da traf es sich aber zum Glück, daß der Jäger vom Hof, der jetzt jeden Tag nach Wild für die Hochzeit jagen mußte, am Abend spät an einen nahen Hügel kam, und da sah er ganz unheimlich viel Lichter innen in dem Hügel, und das kleine Bergvolk tanzte. Ein Knirpschen war ganz besonders übermütig und sprang umher und sang: Ich spinn und hasple fleißig, Eine schöne Jungfrau weiß ich, Trillevip heiß ich! Inzwischen vertraute das Spinnmädchen einer anderen Magd ihr heimliches Verlöbnis an, auch ihre Verlegenheit, in der sie wegen des Bergmännchens war; und die andere Magd hatte gehört, wie der Jäger von seinem Erlebnis an jenem Abend erzählt hatte, und sie berichtete die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende wörtlich der Spinnerin. Als nun das Bergmännchen kam und sie raten sollte, wollte sie sich von vornherein nichts anmerken lassen und riet das erstemal "Peter" und das andere Mal "Paul", und der Kleine tanzte und glänzte vor Vergnügen wie ein neues Geldstück. Aber das Vergnügen sollte nicht lang dauern, denn als sie zum drittenmal raten sollte, sagte sie: "Trillevip bist du genannt." Und da war's vorbei mit des Knirpschens Freierei. Bekommen konnte er sie nun nicht mehr, aber er wollte ihr doch helfen, und er wußte wohl, daß sie es recht nötig haben würde. Denn der junge Herr hatte sie ja gewollt, weil sie so gut spinnen konnte, und er würde in helle Wut geraten und sie verstoßen, wenn er hinter den wahren Sachverhalt käme. Deshalb sagte das Bergmännchen im Weggehen zu ihr: "An deinem Hochzeitstag werden drei alte Weiber in die Stube treten, wenn ihr beim Mahle sitzt. Die erste mußt du Mutter nennen und die zweite Großmutter und die dritte Urgroßmutter, und wenn sie auch noch so greulich aussehen und dein Mann noch so ungehalten ist, so mußt du sie doch bewirten, so gut du nur kannst." Seite 2 Trillevip

73 Und es kam, wie er gesagt; sie tat, wie er ihr geraten hatte, obgleich sie durchaus nicht einsah, zu was das gut sein sollte. Die erste, die kam, war ein greuliches altes Weib mit zwei großen roten Augen, die ihr weit über die Wangen herunterhingen. Und als der junge Mann sie fragte, wie das gekommen sei, daß ihre Augen so rot seien, sagte sie: "Das kommt, weil ich nächtelang gesessen und gesponnen habe." Als diese gegangen war, kam die zweite, und das war auch ein häßliches altes Weib; sie hatte einen Mund bis fast zu den Ohren. "Von was kommt es denn, daß Ihr so einen großen Mund habt?" fragte der Junge Ehemann. "Ja, das kommt davon, weil ich so oft meinen Finger lecken mußte, wenn ich spann, denn sonst wäre der Faden nicht glatt geworden; und ich habe so viele Jahre gesponnen, Tag und Nacht, daß es ein Wunder ist, daß mein Mund nicht noch größer wurde." Schließlich kam die allergreulichste von den dreien; sie humpelte auf zwei Stöcken daher und konnte weder stehen noch gehen, so schwach waren ihre Beine. "Was fehlt Euch denn, Mütterchen?" sagte der Mann, "weil Ihr gar so mühsam daherschleicht?" -- "Ja, ich bin so schwach geworden vom Treten, ich spinne nun seit Menschengedenken, und ich möchte nicht wünschen, daß jemand das eggen sollte, was ich gepflügt habe, und auch so elend werden sollte wie ich." Als auch diese ihres Weges gehumpelt war, sagte der junge Herr zu der Spinnerin, die nun seine Frau war: "Du sollst von jetzt an nie mehr spinnen; denn ich möchte um keinen Preis, daß du so aussiehst wie deine Mutter oder deine Großmutter oder deine Urgroßmutter." Nun begriff sie, was das Bergmännchen bezweckt hatte, und war froh, daß sie s einen Weisungen so pünktlich gefolgt war. Seite 3 Trillevip

74 Zistel im Körbel Es lebte einmal ein armes, armes Mädchen, dem waren seine Eltern gestorben, und sie hatten ihm nichts hinterlassen als die Lumpen, die es am Leibe trug. Das Mädchen mußte aus der väterlichen Hütte fort, die jetzt verkauft wurde, um die Schulden zu bezahlen, und wußte nicht, wo aus und wo ein. Weinend ging es fort und in den dunklen Wald hinein, in dem es früher so oft Himbeeren und Schwämme gepflückt hatte, und dachte: "Wenn die Menschen mich verlassen, so werden die Hasen und die Rehe mir ein Winkelchen bei sich gönnen!" Wie das arme Kind so weiter und weiter ging und immer tiefer und tiefer in den dunklen Wald hineinkam, fing es an, Abend zu werden, und die alten Föhren und Tannen warfen gar unheimliche Schatten. Das Mädchen überkam eine unnennbare Furcht, und es fing an, so heftig zu weinen, daß die Tropfen auf das Heidrich und das weiße Moos niedertröpfelten, als ob Tau fiele. Wie das arme Mädchen nun so weinte, daß die kalten Felsen damit hätten Erbarmen haben mögen, stand plötzlich ein Jäger vor ihm und sprach: "Was weinst du, mein Kind?" Das Mädchen schlug die blauen Augen auf, ließ sie wieder sinken und sagte schluchzend: "Weil ich nichts habe und es mich so hungert und es hier so unheimlich ist!" Bei diesen Worten zitterte das arme, verlassene Kind und weinte noch bitterlicher als zuvor. Sei still!" fiel der Jäger tröstend ein. "Wenn nur das fehlt, so kann leicht geholfen werden. Geh mit mir, dann sollst du Wunderdinge sehen, und es soll dich nicht gereuen." Das Mädchen war damit zufrieden und folgte seinem Führer. Dieser ging, ohne ein Wort zu sprechen, immer weiter und weiter in den dunklen Wald hinein, bis er vor einer riesigen, bemoosten Eiche stehenblieb. Liebes Kind", unterbrach der geheimnisvolle Jäger die Stille, "wir sind zur Stelle; nun sei getrost und weine nicht mehr!" Das Mädchen wischte sich mit der Schürze noch zwei große Tränen aus den Augen und stand dann stille und war neugierig, was da kommen sollte. Seite 1

75 Graue Eiche, öffne dich!" sprach der Jäger gebieterisch. Sieh, da tat sich der breite Stamm auf, und innen glitzerte, glänzte und schimmerte es, daß einem hätte das Sehen vergehen mögen. Da waren silberne Kleider und goldene Münzen und prächtige Edelsteine, und alles funkelte und leuchtete um die Wette. Das arme Mädchen wußte vor Überraschung nicht, wie ihm geschah. Es hielt beide Hände unter die Schürze, riß vor Staunen Mund und Augen weit auf, schaute und schaute und konnte sich nicht satt sehen. Dies ist alles dein, und du kannst von diesen Dingen nehmen, so viel du willst", sprach der Jäger. "wenn du es vor den Menschen da draußen geheim hältst und dir meinen Namen merkst!" O ja!" antwortete das Kind, das sich vor Staunen und Freude kaum zu fassen wußte, und meinte, den Namen werde es sich schon merken, wenn es ihn nur erst wüßte. Der Jäger fuhr weiter fort: "Ich heiße Zistel im Körbel." -- "Zistel im Körbel", flüsterte das Mädchen vor sich hin und suchte sich den sonderbaren Namen fest einzuprägen. In sieben Jahren werde ich wiederkommen", sprach der Jäger, "bis dahin kannst du dir vom Baume holen, was du willst. Weißt du mir aber dann meinen Namen nicht zu nennen, so wirst du höchst unglücklich werden. Gebrauche die Schätze klug, denn davon hängt dein Glück ab." Das Mädchen wollte dem grünen Jäger danken, aber er war schon verschwunden, und die Eiche hatte sich geschlossen und stand ernst und ruhig vor ihm, nur in den Zweigen spielte hin und wieder der Wind. Das Mädchen wußte nicht recht, ob das Geschehene Wirklichkeit oder ein Traum sei, und sprach zaghaft: "Graue Eiche, öffne dich!" Sogleich öffnete sich der Baum wieder und zeigte all seine Herrlichkeiten wie beim ersten Male. Mit zitternden Händchen griff die arme Waise hinein und nahm sich einen blanken Zwanziger. Der dicke Stamm schloß sich wieder, und die Eiche stand so ernst da, als ob nichts geschehen wäre. Weil es schon zu dunkeln anfing, dachte sich das Mädchen: "Hier im Wald kann ich doch nicht übernachten, denn es könnte der Bär oder Wolf kommen und mich fressen." Es sah noch einmal den Baum an, schaute sich genau um, wo er stand, und ging der Seite zu, auf welcher der Wald sich zu lichten schien. Seite 2 Zistel im Körbel

76 Kaum war es einige Schritte gegangen, so kam es auf eine schöne, breite Straße, und auf dieser ging es weiter und weiter und wiederholte immer bei sich halblaut: "Zistel im Körbel", bis es plötzlich vor einem großen, schönen Schlosse stand, in dem es gar lustig herzugehen schien. Das Mädchen faßte sich ein Herz, ging in den Hof hinein und über die Stiege hinauf bis zur Küche. Dort war des Grafen Köchin gerade mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt, und der Braten brutzelte, daß es eine Lust war. Das Mädchen näherte sich schüchtern dem Herd und bat um eine Nachtherberge oder einen Dienst. Die Köchin sah aber das Mädchen vom Kopf bis zu den Zehen an und begann zu schmähen und zu schimpfen: "Pack dich fort aus der Küche! Wir können hier kein so schmutziges Bettelkind gebrauchen!" Das arme Mädchen schrak zusammen, fing an zu weinen und hörte nicht auf zu bitten. Endlich wurde das harte Herz der Wirtschafterin erweicht, und sie sprach barsch: "Nun, wenn du schon da bist, so kannst du die Hennen und Hühnlein hüten. Du mußt aber früh aufstehen und darfst dich erst spät niederlegen, und schlafen mußt du auch im Hühnerhäuschen. Hab aber acht! Denn geht ein Hühnlein verloren, so wirst du aus dem Haus gejagt." Das Mägdlein war darüber froh, ging bald hinunter in das Hühnerhäuschen und schlief dort auf dem Stroh. Frühmorgens trieb es seine Herde aus und flüsterte: "Zistel im Körbel", hütete den Tag durch, und abends trieb es die Hähne, die Hennen und die Hühnchen wieder ein und schlief in ihrer Mitte auf dem Stroh. So ging es eine Zeitlang, das Mägdlein fühlte sich wohl und dachte oft an die graue Eiche und das Zistel im Körbel. Als sie schon zu einer lieblichen Jungfrau herangewachsen war, aber in ihrer ärmlichen Gewandung und bei dem ständigen Umgang mit den Hühnern wenig Beachtung fand, wurde im Schlosse ein großes Fest veranstaltet. Es war ihr ganz weh ums Herz, als sie die Leute in schönen Gewändern zum Tanze kommen sah, sie selbst aber so schmutzig in dem grauen Kittel dastand. Jetzt kam ihr die graue Eiche wieder in den Sinn, und sie ging in den Wald hinaus, bis sie zu dem Wunderbaume kam, und sprach mit zitternder Stimme: "Graue Eiche, öffne dich!" Die Eiche tat sich auf, und ihn ihr waren die schönsten Kleider, wie sie noch niemand auf dieser Erde gesehen hatte. Das Mädchen nahm eines, das wie die Sonne am Mittag glänzte, wusch sich am Bächlein, zog das Sonnenkleid an und ging ins Schloß zum Fest. Seite 3 Zistel im Körbel

77 Als die Leute die Jungfrau in dem Sonnenkleide sahen, traten sie ehrerbietig zurück. Sie schritt an ihnen vorbei in den Saal, und alles staunte über ihre Schönheit. Am besten aber gefiel sie dem jungen Grafen, der sich erhob, ihr entgegentrat und ihr den Sitz an seiner Seite anbot. Er führte sie zum Tanze und wollte ihre Hand gar nicht mehr lassen, denn sie dünkte ihm gar zu schön. Als aber das Fest zu Ende ging, eilte die schöne Jungfrau aus dem Saale, daß es rauschte, und entschwand in den Wald. Dort zog sie das schimmernde Sonnenkleid ab, tat das arme schmutzige Kittelchen an und kehrte als Hennenmädchen wieder zum Schlosse zurück. Der Graf hatte aber seitdem keine frohe Stunde mehr, denn es fehlte ihm etwas, und er getraute sich nicht, es zu sagen. Er war verstimmt und sah oft lange zum Fenster hinaus. Endlich fiel es ihm ein, abermals ein Fest zu veranstalten, denn nur so konnte er hoffen, die schöne Jungfrau wiederzusehen. Als die ersten Gäste ankamen, ging das arme Mädchen wieder in den Wald hinaus zur Eiche und sprach: "Graue Eiche, öffne dich!" Alsbald tat sich der Baum auf, und sie erblickte die schönsten Kleider, die sie jemals gesehen hatte. Darunter war ein Kleid, das glänzte so licht und blaß und schön wie der Mond, wenn er am klaren Abendhimmel steht, und das gefiel ihr vor allen übrigen. Sie wusch sich im nahen Bache, legte das schöne Gewand an und eilte zum Fest. Als die Leute die Jungfrau in dem Mondkleide sahen, traten sie wieder ehrerbietig zurück. Der Graf ging ihr sogleich freudig entgegen, und sie mußte den ganzen Abend mit ihm tanzen. Sobald das Fest aber zu Ende ging, eilte die schöne Jungfrau wieder aus dem Saale. Doch dieses Mal folgten ihr auf Geheiß des Grafen die Diener auf dem Fuße nach, und obwohl sie aus Leibeskräften lief, blieben sie dicht hinter ihr. In ihrer Not holte sie aus ihrem Beutel silberne Zwanziger hervor, die sie aus der Eiche mitgenommen hatte, und warf sie aus. Jetzt machten sich die Verfolger gierig über die Silberlinge her, denn sie dachten, wenn sie genug Geld hätten, könnten sie auch woanders unterkommen. So entkam das Mädchen, gab das Mondkleid in die Eiche und kehrte in seinem grauen Kittelchen als Hennenmädchen zum Schlosse zurück. Der junge Graf aber hatte nun keine Ruhe und Rast mehr, denn es fehlte ihm die schöne Jungfrau im blassen Mondkleide, und das machte ihn verstimmt und unzufrieden, so daß seine Stirn nie mehr heiter war. Seite 4 Zistel im Körbel

78 Zum dritten Male veranstaltete er ein großes Fest, und die Gäste kamen in Scharen. Das Hennenmädchen aber ging wieder in den Wald hinaus zur grauen Eiche, wusch sich an der klaren Quelle und sprach mit hastiger Stimme: "Graue Eiche, öffne dich!" Der Baum tat sich auf, und die Jungfrau nahm dieses Mal das Sternenkleid. Das war blau und voll goldener Sterne, die glänzten aber wie wirkliche Sterne, die nachts am Himmel stehen, und es war, als ob sie sich sachte bewegten und bald mehr, bald weniger schimmerten. Zugleich steckte sie viele, viele Goldstücke in die Tasche und eilte zum Tanze. Der Graf war wieder froh und ließ sie den ganzen Abend nicht von seiner Seite. Schließlich wurde sein Herz so weich, daß er den Grafenring von der Hand zog und ihn seiner schönen Tänzerin an den Finger steckte. Als der Tanz zu Ende war und die schöne Jungfrau in dem rauschenden Sternenkleid aus dem Saale eilte, stürzten ihr auf den Wink des Grafen seine Diener nach und folgten ihr auf dem Fuße. Sie aber griff in den Beutel und war Goldstücke aus, daß es auf dem Boden glitzerte und funkelte, als hätte es Gold geschneit, und die Diener warfen sich auf die goldenen Füchse und dachten: "Wenn wir Geld genug haben, können wir auch anderswo unterkommen." So entkam das Mädchen abermals, ging zur grauen Eiche, zog das schimmernde Sternenkleid ab, tat wieder das arme, schmutzige graue Kittelchen an und kehrte als Hennenmädchen zum Schlosse zurück, wo es die Hähne, Hennen und Hühnlein auf dem Wiesengrund hinter dem Turme hütete. Der Graf hatte aber keinen frohen Tag mehr, so ging es ihm zu Herzen, und er sah täglich blässer aus und alterte zusehends. Auch die Ärzte, die herbeigeholt wurden, konnten ihm nicht helfen, denn für seine Krankheit war kein Kräutlein gewachsen. Die Freunde rieten daher dem kranken Herrn, er solle sich aufheitern. Sie ließen ein großes Mahl veranstalten, zu dem viele lustige Gesellen geladen wurden. Nun gab es in der Küche vollauf zu tun, und das Hennenmädchen mußte auch helfen und die Hühnlein und Hähnlein rupfen, die es früher auf dem Wiesengrunde draußen gehütet hatte. Und wie es damit fertig war, mußte es zum Herde und der Köchin, die gerade Krapfen buk, die Pfanne halten. Wenn die Krapfen recht hin und her wogten und das Schmalz aufbrodelte und wallte, kam das Hennenmädchen auch die Lust an, einen Krapfen hineinzugeben. Es bat die Köchin darum, aber diese schlug die Bitte mürrisch ab. Als aber das Hennenmädchen immer und immer von neuem bat, sagte die Köchin endlich: "Da, von diesem übrigen Teigstückchen kannst du einen Krapfen machen", denn sie dachte, dieser komme doch nicht mehr auf die Tafel. Seite 5 Zistel im Körbel

79 Das Mädchen war voller Freude und gab den Krapfen in die Pfanne, zuvor hatte sie aber schnell den Grafenring in den Teig gebracht. Wie der Krapfen nun im brodelnden Schmalz schwamm, wurde er immer größer und ging so auf, daß er der schönste unter allen war und auf einem Teller nicht einmal Raum genug hatte. Alle staunten über den schönen Krapfen, und die Köchin ließ ihn auf einer besonderen Schüssel zur Tafel tragen und vor den Grafen stellen. Als ihn dieser in trüben Gedanken aufschnitt, wurde er bis ins Innerste bewegt, denn er fand darin seinen Ring. Sogleich ließ er die Köchin rufen und fragte sie, wer den Krapfen gebacken habe. Mit Bangen gestand diese endlich, daß sie dem Hennenmädchen auf sein vieles Bitten erlaubt habe, den letzten Krapfen zu backen. Weil er aber so schön geworden sei, habe sie ihn zur Tafel bringen lassen. Jetzt erstaunte der Graf noch mehr, zeigte ihr den Ring und sagte, sie solle das Hennenmädchen in den Saal schicken. Sie ist doch viel zu garstig und schmutzig!" rief die Köchin, "die kann ich doch nicht hierher bringen." -- "Nun, so soll sie sich umkleiden!" befahl der Graf und schickte die Köchin wieder hinaus. Das Hennenmädchen hatte sich aber indessen gewaschen, und als die Köchin ihr den Befehl des Grafen gesagt hatte, ging sie weg und zog ein prächtiges Kleid an, das Morgenkleid, das so golden war wie der Morgenhimmel. Das hatte sie am Vortage von der grauen Eiche geholt und unter ihrem Strohlager verborgen. Als sie das Kleid angelegt hatte, war sie so schön wie der Morgen, und niemand kannte sie mehr. Wie sie in den Saal trat, standen alle Gäste auf und staunten über ihre Schönheit. Der Graf erkannte sie sogleich, eilte auf sie zu und führte sie hinauf zu seinem Sitz, wo sie neben ihm Platz nehmen mußte. Er nannte sie seine Braut, und die festliche Tafel wurde zum Hochzeitsmahl, denn noch am gleichen Abende wurden sie vermählt. Der Graf und seine schöne Gemahlin lebten nun glücklich mitsammen, hatten einander recht lieb und dachten an nichts anderes mehr. Die Zeit ging gar schnell vorüber, und die Gräfin hatte schon ein liebes Mädchen, das sie auf dem Schoße wiegen konnte. Wie sich alle recht glücklich fühlten, kam ihr plötzlich der grüne Jäger in den Sinn, dem sie ihr Glück zu verdanken hatte, und sie erinnerte sich ihres Versprechens, seinen Namen nicht zu vergessen. Plötzlich wurde ihr schwer, recht schwer ums Herz -- denn sie wußte nicht mehr, wie der Jäger geheißen hatte. Seite 6 Zistel im Körbel

80 Die sieben Jahre waren bald vorüber, und die Gräfin wurde immer ernster und trauriger, und bald war sie so bleich, daß sie die anderen fast gar nicht mehr erkannt hätten. Niemals lächelte sie mehr, und wenn das Kindlein auf ihrem Schoße kniete und mit den blonden Locken spielte oder ihr in die blauen Augen schaute und ihre Wangen streichelte, gingen ihr die Augen über, denn sie fing an zu weinen und dachte an das drohende Unglück. Wenn das Mädchen die Mutter weinen sah, weinte es auch, und es war sehr traurig auf dem Schlosse, doch niemand wußte, warum. Der Graf forschte nach und bot alles auf, um seine liebe Gemahlin zu erheitern, aber umsonst. Eines Abends saß die traurige Gräfin wieder auf dem Söller und sah in den Garten hinab, wo die Gärtnerknaben arbeiteten. So traurig war ihr noch nie zumute gewesen, denn morgen waren die sieben Jahre vorüber, und sie wußte nimmer den Namen des Jägers. Wie sie lange so saß und nachdachte, sah sie, wie die Gärtnerjungen ihre Gerätschaften zusammenpackten. Einer von ihnen hatte ein Zistel, und das warf er in seinen Körbel. Als das die Gräfin sah, lachte sie laut auf und rief: "Zistel im Körbel!", so daß der Graf und die Kammermädchen herbeikamen, und alle staunten, denn niemand wußte, was die Gräfin so froh gemacht hatte. Der Graf freute sich von Herzen und küßte seine Gemahlin, die so lange trüb und traurig gewesen war. Als die Gräfin am anderen Tag ausging, kam der grüne Jäger daher. Sie grüßte und nannte ihn beim Namen. Sobald er ihre Worte vernahm, lächelte er und legte den Finger an den Mund, zum Zeichen, daß sie niemandem von ihm erzählen solle, und verschwand auf immer. Die Gräfin und ihr Gemahl lebten aber lange recht glücklich und bekamen noch zwei Kinder, ein Büblein und ein Mädchen. Und die Geschichte ist wahr, denn der sie erzählte, lebt noch Quelle: Österreichs Märchenschatz' von Karl Haiding, Märchen Nr. 46 Autor: Ignaz Vincenz und Joseph (Gebrüder) Zingerle, Kinder- und Hausmärchen aus Tirol, Innsbruck 1852 Die eng zusammengehörigen Märchen von den "Drei Spinnerinnen" und "Rumpelstilzchen" sind hier verbunden mit Zügen, die zu "Allerleirauh" und "Aschenputtel" hinüberführen. In den vielen österreichischen Varianten ist zwar die Aufgabe, Gold oder eine große Menge Garn zu spinnen, fast gänzlich verlorengegangen, der Zusammenhang ist jedoch gewahrt. Zistel = kleiner Handkorb Seite 7 Zistel im Körbel


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