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Ablösung Jugendlicher – Möglichkeiten und Chance für beide Seiten in noch zu findender Richtung Fachtagung Reflektierte Praxis: Systemische Therapie mit.

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Präsentation zum Thema: "Ablösung Jugendlicher – Möglichkeiten und Chance für beide Seiten in noch zu findender Richtung Fachtagung Reflektierte Praxis: Systemische Therapie mit."—  Präsentation transkript:

1 Ablösung Jugendlicher – Möglichkeiten und Chance für beide Seiten in noch zu findender Richtung Fachtagung Reflektierte Praxis: Systemische Therapie mit Kindern und Jugendlichen Fachsektion Systemische Familientherapie der ÖAGG Institut für systemische Therapie, Supervision, Ausbildung und Forschung Salzburg, Mai 2007 Dr. Kurt Ludewig Hamburg/Münster Eine Einladung zum Umgang mit unfertigen Gedanken bzw. mit Bodenlosigkeit!

2 Mai 2007Dr. K. Ludewig2 Vielen Dank für die Einladung! Zur Vereinfachung lese ich aus den Folien vor und lade Sie ein, mitzulesen oder wegzuschauen und zuzuhören.

3 Mai 2007Dr. K. Ludewig3 TEXT KANN HERUNTERGELADEN WERDEN BEI: Deutsch TEXTE

4 Mai 2007Dr. K. Ludewig4 Vorwort: Als Psychologe, der 30 Jahre mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien gearbeitet habe, war ich ganz und gar erstaunt, als ich bei der Vorbereitung dieses Vortrags Folgendes realisierte: Ich habe jahrelang den Begriff Ablösung höchst unproblematisch verwendet, ihn, wie ich meine, sogar erfolgreich eingesetzt, aber den Begriff selbst nie recht hinterfragt. Nun stand ich vor dem Dilemma: mehr-vom-selben oder kritisch zu überdenken? Ich entschied mich für das zweitere und werde Sie mit Blick auf das Thema dieser Tagung – Reflektierte Praxis - mit einer Mischung aus unfertigen Gedanken, Dekonstruktionen und Konstruktionen konfrontieren.

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7 Mai 2007Dr. K. Ludewig7 Ziele/Themen: 1) Bedeutung und Folgen des Konzepts Ablösung 2) Systemische Gedanken zum Selbst 3) Nutzen des Konzepts Ablösung für die Therapie und 4) Beispiele aus meiner Praxis

8 Mai 2007Dr. K. Ludewig8 1.Teil Semantisch-wissenschaftliche Fragen: Bedeutung und Folgen des Konzepts Ablösung.

9 Mai 2007Dr. K. Ludewig9 Bevor wir weitergehen, an diese Stelle eine kurze Blitzbefragung: Bitte, Ihrer/m Nachbarn/in in aller Kürze Ihre Stellungnahmen zu folgende Fragen mitzuteilen: 1)Was verstehe ich unter Ablösung 2)Was ist eine geglückte Ablösung 3)Was ist eine missglückte Ablösung 4)Bin ich abgelöst?, von was und/oder wem?, woran merke ich das? Ich garantiere für diskrete Behandlung – es folgt keine öffentliche Offenbarung!

10 Mai 2007Dr. K. Ludewig10 Meine Hypothesen zu Ihren Stellungnahmen: 1)Ablösung zu definieren war eher leicht 2)Eine geglückte Ablösung zu definieren, war eher schwerer 3)Eine missglückte Ablösung zu definieren, dürfte hingegen leichter gewesen sein, schließlich sind wir alle Familientherapeuten o.Ä. z. B. Eltern, die nicht loslassen, Kinder, die kleben bleiben…. 4)Mich dazu zu bekennen, dass ich wirklich abgelöst bin oder -an meiner Herkunftsfamilie hänge oder -mit der aktuellen Familie zu fest verkoppelt bin oder -an meiner Arbeitsstelle bzw. meinen PC o.Ä. klebe oder -meiner Vergangenheit nachhänge oder -mich sogar ziemlich uneigenständig erlebe usw., usf. Dies dürfte alles in allem am schwersten gewesen sein.

11 Mai 2007Dr. K. Ludewig11 Ablösen /Ablösung nach Wörterbuch Wahrig-Wörterbuch : - loslösen - von der Unterlage entfernen - Festgeklebtes vorsichtig abmachen In der Reflexivform: - sich ablösen => von selbst abgehen. Heyne-Wörterbuch : - absondern - sich von einer Verpflichtung befreien - an die Stelle von jemand treten - und medizinisch: Abnahme von Gliedern.

12 Mai 2007Dr. K. Ludewig12 Was davon ist hier gemeint: Trennen sich Jugendliche und Eltern von einer metaphorisch gedachten, klebrigen Unterlage? Geht der Jugendliche im Reifungsprozess von seiner Familie wie von selbst ab? Wer wird von welcher Verpflichtung befreit, die Eltern oder der Jugendliche? Wer tritt an Stelle von wem? Was stellt Ablösung im Alltag dar? Eine Selbstverständlichkeit (im Sinne Hofstätters)? Etwas, das jeder Schuljunge weiß…? Einen semantischen Attraktor, der Vieles bündelt, was sonst vielleicht nicht zusammen gehört? Einen nützlichen, in der Praxis brauchbaren Begriff?

13 Mai 2007Dr. K. Ludewig13 Wo und wann findet Ablösung auf welche Weise statt? - In der frühen Stammesgesellschaft galt die Ablösung, sprich: der Ausschluss aus dem Stamm als indirekte, aber sichere Todesstrafe. Junge Menschen wurden wiederum durch z.T. grausame Initiationsriten eingebunden. - In traditionsgeleiteten Gesellschaften (n. Riesman) führte der Auszug aus der Herkunftsfamilie oftmals nahtlos in die nächste familiäre Einbindung. - In asiatischen, afrikanischen und altamerikanischen Kulturen wird nicht die Ablösung der Jungen angestrebt, sondern die Veränderung ihres Status. - Erst die monotheistischen Religionen etablieren ein Ich-Du Verhältnis zur Gottheit und so auch die Basis für Individualität. - Die Ablösung als notwendiger Schritt zur Eigenständigkeit kommt aber erst in der Phase der gesellschaftlichen Innenleitung, nach Entdeckung des ICH auf. - Die damit einhergehende Industrialisierung unterstreicht dieses Verständnis. Fazit: Ablösung, Eigenständigkeit und Individualität stellen normative Konzepte der westlichen Moderne dar.

14 Mai 2007Dr. K. Ludewig14 Ein Wort zur Entwirrung: Systemisches Denken geht bei Lebewesen von biologischer Autonomie aus. Dies schließt instruktive Interaktion bzw. heteronome Bestimmung aus. Diese Eigenart von Lebewesen bedingt jedoch nicht, auf welche Weise die biologische Autonomie verwirklicht wird. Biologische Autonomie setzt weder soziale Selbstständigkeit noch psychische Eigenständigkeit voraus – diese Begriffe gehören jeweils anderen als dem biologischen Phänomenbereich an. Ein Extrembeispiel zur Verdeutlichung: Ein apallischer, hirntoter Mensch, der durch Schläuche am Leben erhalten wird, funktioniert so lange biologisch autonom, wie er vom Tod, d.h. vom Ende des autopoietischen Prozesses abgehalten wird.

15 Mai 2007Dr. K. Ludewig15 Sind Ablösung, Eigenständigkeit und Individuation Aspekte menschlicher Seinsweise oder stellen sie Werte dar? Beispiele zum Nachdenken: - In Chile wie in anderen spanisch-amerikanischen Gesellschaften stellte man sich bis in die 1960er Jahre nach altspanischer Tradition vor als Sohn von… oder Tochter von… Dort trägt man offiziell den väterlichen und mütterlichen Nachnamen zur amtlichen Kennzeichnung der Abstammung. - Vor einigen Jahren lernte ich einen 35-jährigen Kolumbianer kennen, der nach 15 Jahren des Studierens an verschiedenen Orten überlegte, ob es an der Zeit sei, in seine Heimat zurückzugehen und eine Arbeit anzunehmen. Bis dahin hatten ihn seine Eltern selbstverständlich finanziell unterstützt. - Vor Kurzem führte meine Frau ein Gespräch mit einer in Deutschland lebenden, in Frankreich ausgebildeten vietnamesichen Ärztin. Sie erzählte, dass sie unbedacht ein ihr bekanntes deutsches Kind auf den Arm nahm und über die Straße brachte. Die Mutter reagierte brüskiert, denn ein 4-Jähriger könne schließlich allein gehen.

16 Mai 2007Dr. K. Ludewig16 Zwei weitere Beispiele aus dem Jahr 1987: Zu Besuch bei Mapuche-Familien in Südchile mit dem Familienbrett.

17 Mai 2007Dr. K. Ludewig17 Beispiel A – Anthropologische Studie Eine Mapuche-Familie aus Südchile JETZT IDEAL

18 Mai 2007Dr. K. Ludewig18 Beispiel A – Anthropologische Studie Eine Mapuche-Familie aus Südchile Ursprüngliche Familie – spricht wenig Spanisch. Die 15-jährige Tochter ist in die Stadt gegangen. Jetzt- Aufstellung: 2 Subgruppen in Linie Hypothese einer bewanderten Kollegin: S3 ist Kind vom Vater und Tochter. Es wird von der Mutter groß gezogen, während Tochter Geld verdienen geht. Das Geld wird der Familie zugeschickt. Ideal-Aufstellung: vereinte Familie mit einem zusätzlichen erwünschten Sohn (S4) – S3 bleibt als einziger anders (Form). Fragen: Ist das eine besondere Form der Ablösung mit Hinterlassen eines Stellvertreters? Ist das eine besondere Form, Bindungen zu erhalten? Stimmt dies mit unserem Konzept von Ablösung überein?

19 Mai 2007Dr. K. Ludewig19 Beispiel B – Anthropologische Studie Eine Mapuche-Familie aus Südchile SCHRECKENS- VISION HEILUNG

20 Mai 2007Dr. K. Ludewig20 Beispiel B – Anthropologische Studie Eine Mapuche-Familie aus Südchile Traditionelle Familie mit gewisser chilenischer Anpassung. Der Großvater wird aufgestellt, obwohl er woanders wohnt. Er sei aber der Familienchef, und man orientiere sich an ihm. Schreckensvision: Alle treiben auseinander; die Tochter habe heiraten müssen und sei weg, der Vater weile in Argentinien auf der Suche nach Arbeit, der Großvater habe sich abgewandt und schaue in den Westen. Aber: Mutter und Sohn bleiben zusammen; das müsse so sein, damit er auf seine Mutter aufpasse und die Aufgabe übernehme, in der Familie zu bestimmen. Heilungsdarstellung: Die Machi (Medizinfrau) wird gerufen und in die Mitte der Familie mit Blick zum Osten gestellt. Um sie herum versammeln sich nun alle Familienmitglieder. Die normale Ordnung ist wieder hergestellt. Frage: Ist Ablösung hier als normaler, gesunder Prozess vorgesehen, oder bedeutet sie vielmehr nur Chaos und Trauer?

21 Mai 2007Dr. K. Ludewig21 1. Fazit: Ohne Entwicklungspsychologie betreiben zu wollen oder eine Literatur- übersicht über das Thema zu liefern, sollen die wenigen angeführten Beispiele aus meiner persönlichen Erfahrung exemplarisch zeigen, dass - Ablösung - Verselbständigung bzw. Eigenständigkeit - Individuation weitgehend variable, kulturell modulierte Prozesse darstellen, die daher als normativ und nur zu einem geringen Teil als biologisch determiniert als Folge körperlichen Wachstums aufzufassen sind. Diese Prozesse stellen jeweils aktuelle Antworten auf gesellschaftliche Problemen dar, die zur Norm werden und so auch als Selbstverständ- lichkeit verinnerlicht werden.

22 Mai 2007Dr. K. Ludewig22 Was heißt bei uns Ablösung? Ablösung weist in unserer Kultur üblichetweise auf den Prozess des Übergangs vom Kind zum Erwachsenen hin. Ziel dieses Prozesses mit Beginn mit der körperlichen Reifung soll Folgendes sein (vgl. Streeck-Fischer 2002 (!), nach Corey 1946): 1.Mit den körperlichen Veränderungen der Pubertät fertig werden, 2.sich von den Eltern loslösen, 3.neue Beziehungen zu Gleichaltrigen aufbauen und sexuelle Bedürfnisse in die Beziehungen integrieren, 4.Selbstvertrauen und ein neues Wertsystem entwickeln sowie 5.eine soziale und berufliche Identität gewinnen. Ein Beispiel für ein theoriegeleitetes Beschreiben einer Epoche - der Mitte des 20. Jahrhunderts. Es fasst Selbstverständlichkeiten der Epoche – das erstrebenswerte Gute – zusammen.

23 Mai 2007Dr. K. Ludewig23 Bezogene Individuation Helm Stierlin geht einen Schritt weiter und betrachtet Individuation als Prozess von Beziehungen, als Ko-Individuation fasst Stierlin seine Gedanken zur bezogenen Individuation als einen Prozess zusammen, der bereits im Säuglingsalter beginnt und sich vollzieht in einer Beziehungsdialektik von Individuation und Trennung einerseits und von immer neuen Form der Bezogenheit andererseits (Ich/Wir Dialektik). Bezogene Individuation oder Ko-Individuation geschieht in der Dialektik von Individuation mit und Individuation gegen. Beides stellt Aspekte einer gesunden Entwicklung dar. In psychopathologischer Hinsicht unterscheidet Stierlin im Einklang mit der Bindungstheorie zwischen Überindividuierung (starre Grenzen) und Unterindividuierung (diffuse Grenze).

24 Mai 2007Dr. K. Ludewig24 Obwohl Ko-Individuationsprozesse ein Leben lang stattfinden, werden sie vor allem der Adoleszenz, dem Jugendlichenalter zugeordnet. Was heißt nun Adoleszenz? Der Entwicklungspsychologe Flammer stellt 2002 fest: Die Entwicklungspsychologie der Adoleszenz muss immer wieder neu geschrieben werden. Zum einen verändern neue Erkenntnisse der Forschung das Bild der Adoleszenzentwicklung, zum anderen ist das Phänomen selbst eingebunden in historische und kulturelle Gegebenheiten Flammer teilt die Aufgaben der Adoleszenz auf folgende Bereiche: 1. Körperliche Entwicklung 2. Identitätsentwicklung 3. Kognitive Entwicklung 4. Autonomieentwicklung 5. Krisen des Übergangs bewältigen

25 Mai 2007Dr. K. Ludewig25 Konzeptioneller Vorschlag: Adoleszenz und das Säuglingsalter sind Zeiten größter Vervielfältigung. - Anzahl und Bedeutung der Mitgliedschaften wächst, dadurch auch die Menge und Qualität der Lebenserfahrungen - Die psychischen Systeme vermehren sich wild, d.h. zugleich ungeordnet und widersprüchlich und kraftvoll und zunehmend stabiler. -Die normativen Verpflichtungen nehmen gleichzeitig enorm zu: Verantwortung, Schuldfähigkeit usw. -Die Jugendlichen müssen ihr Repertoire an kognitiven, affektiven und Handlungsschemata stark erweitern, um die neuen Anforderungen zu bewältigen. Diese bauen auf früheren Erfahrungen, die verändert, erweitert, verstärkt oder gehemmt werden (v.a. Liebes- und Bindungs- erfahrungen). Also: Statt vom Übergang gehe ich lieber von Erweiterung aus.

26 Mai 2007Dr. K. Ludewig26 Vielfältige relationale SELBSTE Einzigartiges erwachsenes SELBST Adoleszenz-Entwicklung: Modelle

27 Mai 2007Dr. K. Ludewig27 2. Teil Systemische Gedanken zum Selbst

28 Mai 2007Dr. K. Ludewig28 Die Ausgangslage Ablösung soll zum Ziel und Zweck haben, Selbstständigkeit und Eigenständigkeit zu ermöglichen. Dies findet auf der Basis einer Identitätsentwicklung statt, die zu einer eigenen Identität führt, also zum Aufbau eines ICHs oder SELBSTs, das erlaubt, vom Nicht-Ich bzw. ANDEREM zu unterscheiden. Daher bietet sich aus systemischer Sicht an, einen Blick auf dieses Konstrukt - das SELBST - zu werfen.

29 Mai 2007Dr. K. Ludewig29 Nachdenkenswerte Gedanken zum «Ich» Die Kognitionswissenschaftler Francisco Varela und Evan Thompson berichten 1991: Wir traten also mitten ins Auge des Wirbelsturms der Erfahrung ein, konnten dort aber kein Selbst, kein «Ich» entdecken (S.117) … die Kognition (kann) als emergentes Phänomen selbstorganisierter, verteilter Netzwerke untersucht werden (S. 175) Die westliche Philosophie kreist überwiegend um das Problem, wo man eine letzte Grundlage finden könnte, hinterfragt aber nicht bewusst und achtsam die grundsätzliche Neigung zum Greifen nach einem Grund (S. 201) Als wir eine objektive Grundlage suchten, trafen wir eine Welt an, die durch unsere Geschichte der strukturellen Kopplung inszeniert wird (S. 295).

30 Mai 2007Dr. K. Ludewig30 Anstelle einer festen Grundlage für Kognition finden Varela und Thompson selbstorganisierte, hochgradig kooperativ arbeitende neuronale Netzwerke, also …eine interne Kohärenz komplexer Muster, die wir allerdings nicht genau erklären können (S. 135) Gegenüber der kartesianischen Angst, die daraus erwächst, dass unsere Erkenntnis entweder eine feste, stabile Grundlage hat, oder wir in Dunkelheit, Chaos und Verwirrung geraten, schlagen Varela und Thompson vor, einen mittleren Weg der Erkenntnis zu gehen: Erweitern wir unseren Horizont um eine transformative Sicht der Erfahrung, die nichts mit Weltflucht oder Suche nach einem verborgenen, wahren Selbst zu tun hat, sondern mit Loslassen, mit Überwinden des Anhaftens und der Sucht nach festen Grundlagen, gewinnen wir eine neue Weltperspektive, lernen wir, die Bodenlosigkeit in einer wissenschaftlichen Kultur als Erbarmen zu verkörpern (S. 344)

31 Mai 2007Dr. K. Ludewig31 Über psychische Systeme - Thesen Psychische Systeme stellen keine beständige, direkt beobachtbare Strukturen dar, sie sind nur in Kommunikation rekonstruierbar. Kognitiv-emotionale Kohärenzen, die wiederholt reproduziert und zur besonderen Kennzeichnung eines Menschen verwendet werden, resultieren aus der selektiven Rekonstruktion der Mitgliedschaften, die dieser Mensch in sozialen Systemen verkörpert. Diese Kohärenzen verweisen immer auf eine Relation zu einem speziellen oder generalisierten Anderen, der daran beteiligt ist oder nicht. Sie können also als relationale Kohärenzen bzw. relationale Identitäten bzw. Selbste oder psychische Systeme aufgefasst werden. Psychische Systeme stellen also variable, temporalisierte Prozesse dar, die immer neu als Reaktion auf innere oder äußere Ansprüche produziert und reproduziert werden. Sie stellen das psychische Korrelat zu den sozialen Mitgliedschaften eines Menschen dar. Die Vielfalt psychischer Systeme lässt sich als Polyphrenie (Vielgeistigkeit) bezeichnen. Polyphrenie ist Normalität.

32 Mai 2007Dr. K. Ludewig32 Psychische Systeme Systeme sind durch ihre Elemente, Relationen und Grenze definiert. Psychische Systeme stellen temporalisierte Prozesse dar, die körperliche Aktivitäten (Kognitionen, Emotionen, Handlungen) zu Bewusstsein verarbeiten. Sie entstehen im Zusammenhang mit tatsächlicher sozialer Interaktion oder als Reaktion auf innere Aktivität. Für psychische Systeme soll gelten: Elemente:= kognitiv-affektive Einheiten des Bewusstseins Relationen:= Anschlussbildung Grenze:= Sinngrenze (Sinnkontinuität)

33 Mai 2007Dr. K. Ludewig33 KIND MUTTER MUTTER KIND RELATIONALE MITGLIED MITGLIED IDENTITÄTEN INTERAKTIONSSYSTEM MUTTER / KIND MUTTER KIND KIND MUTTER Entwicklung relationaler Kohärenzen - Selbste – Iche – Identitäten – psychische Systeme KIND MUTTER MUTTER KIND

34 Mai 2007Dr. K. Ludewig34 Zusammenfassung: Jedes ICH – jede psychische Kohärenz bzw. jedes psychische System - bedarf einer Relation zu einem anderen ICH, also einem DU, um überhaupt im WIR entstehen zu können. Der Mensch beginnt mindestens zu zweit ! ICH/DU WIR ICH DU DU ICH

35 Mai 2007Dr. K. Ludewig35 Was heißt also hier jugendliche Ablösung? Ein interaktioneller Prozess, in dem bestimmte (ritualisierte) relationale Eltern/Kind Kohärenzen vernachlässigt oder aufgegeben werden, während andere erst entstehen. Jugendliche und ihre Eltern erzeugen untereinander zunehmend neue, vielfältigere Kohärenzen, die zum Teil regelmäßig reproduziert werden. Darüber hinaus gewinnen beide Seiten Freiheitsgrade, um andere relationale Kohärenzen untereinander oder mit anderen zu erzeugen. Jugendliche und Eltern »erzeugen sich« in dieser Phase gegenseitig immer neu. Gerade dieser Prozess der Entstehung neuer, ungeübter operationaler Kohärenzen macht diese Entwicklungsphase so anfällig für Krisen. Die Art und Weise, wie diese Krisen bewältigt werden, gestaltet den weiteren Entwicklungsprozess bei allen Beteiligten.

36 Mai 2007Dr. K. Ludewig36 Fazit. Der Mensch, systemisch gesehen Der Mensch kann aus operationaler Perspektive verstanden werden als das je aktuelle Ergebnis vielfältiger und gleichzeitig wirksamer Systeme, als je aktuelle Vernetzung der Operationen - polysystemischer Biologie - polyphrener Psychologie - multipler sozialer Mitgliedschaften. Alternativ dazu lässt sich der Mensch aus synthetisierender Perspektive als durch drei Systemtypen konstituiert (Körper, Psyche. Interaktion) oder überhaupt als Ganzheit betrachten. Je nach Betrachtungsfokus befasst man sich allerdings mit unterschiedlichen Phänomenen.

37 Mai 2007Dr. K. Ludewig37 3. Teil Nutzen des Konzepts Ablösung für die Therapie

38 Mai 2007Dr. K. Ludewig38 Hilfreiche Unterscheidung: Ontologische und lebenspraktische Realität Ontologisch bzw. rational gesehen, gibt es offenbar kein substanzielles Substrat, aus dem ein überdauerndes, übergeordnetes ICH emergieren könnte. Insofern ist hier das ICH ein immer neu entstehendes, variables Konstrukt. Lebenspraktisch gesehen, wonach alles real ist, was als real erlebt wird, gibt es kaum Realeres als das Erleben seiner selbst. Im Erleben stellen das SELBST bzw. ICH reale, konstante Größen dar. Sie antworten auf unsere emotionalen Bedürfnisse nach Konstanz und Gewissheit. Dabei erlebe ich mich unanzweifelbar als zeitlich überdauerndes, homogenes ICH.

39 Mai 2007Dr. K. Ludewig39 Was ist Systemische Therapie? Eine therapeutische Praxis, die aus der pragmatischen Umsetzung systemischen Denkens resultiert

40 Mai 2007Dr. K. Ludewig40 Was leistet Psychotherapie, systemisch gesehen? (hier ohne Berücksichtigung von Anleitung, Beratung, Begleitung) Einen Beitrag zur Herstellung - günstiger Randbedingungen - für die auftragsbezogene - Selbstveränderung des/der Klienten - durch eine nützliche, passende und respektvolle therapeutische Interaktion.

41 Mai 2007Dr. K. Ludewig41 Menschliche Probleme folgen der Logik einer konservativen emotionalen Dynamik: Angesichts der Ungewissheit von Änderungen gilt es, lieber auszuhalten als eine Veränderung zu riskieren, die alles noch verschlimmern könnte. Notwendige Veränderungen, die als riskant erlebt werden, erfordern daher ein Wagnis. Psychotherapie soll Bedingungen schaffen, die ein Wagnis begünstigen und so auch einen Wechsel der Präferenzen ( mehr-vom-anderen). Thesen zur therapeutischen Veränderung

42 Mai 2007Dr. K. Ludewig42 Systemische Therapie mit Adoleszenten I Grundsatz 1: Systemische Therapie ist immer Beziehungs- therapie, ob mit und ohne Anwesenheit aller Beteiligten. Grundsatz 2: Die Erarbeitung einer speziellen systemischen Therapie für Adoleszenten erscheint nicht notwendig. Denn: Systemische Therapie ist in erster Linie weder störungs- noch methodengeleitet, sondern klienten- /kundenorientiert. Sie wird den verschiedenen Klienten mit ihren immer einzigartigen Problemen angepasst.

43 Mai 2007Dr. K. Ludewig43 Dennoch ist bei Adoleszenten zu bedenken: ´ Sie sind Borderliners mit enorm vielfältigen Potenzial, jedoch geringer Erfahrung in der Umsetzung. Sie werden oft unter- oder überschätzt. In aller Regel lieben sie ihre Eltern, verleugnen dies aber aus der Furcht, als Kind behandelt zu werden und halten die Eltern lieber auf Abstand. Die Eltern reagieren oft verwirrt, ratlos, gekränkt oder ärgerlich. Die bisher erprobten Beziehungsmuster nutzen nicht mehr, neue sind noch nicht da.

44 Mai 2007Dr. K. Ludewig44 Systemische Therapie mit Adoleszenten II Sie soll einen interaktionellen Rahmen – eine therapeutische Beziehung - schaffen, in der die Beteiligten sich genügend gesichert fühlen, um das Risiko von Veränderungen einzugehen. Zu diesen Veränderungen können die gefürchtete gegenseitige Akzeptanz und die gefürchtete Trennung zählen, sowohl im Hinblick auf sich selbst als auch auf den geliebten Anderen.

45 Mai 2007Dr. K. Ludewig45 Hierzu lohnt sich Folgendes: Die Besonderheiten der Beziehungen in der Familie beachten und sich daran orientieren: was für einige weit ist, ist für andere eng. Achtsam mit normativen Vorgaben umzugehen: Man muss…! Weder Harmonie noch Veränderung von sich aus anzustreben. Ablösung weder zurückhalten noch erzwingen zu wollen.

46 Mai 2007Dr. K. Ludewig46 Zum Schluss Einige Beispiele aus der Praxis

47 Mai 2007Dr. K. Ludewig47 Beispiel 1. Eine 17jährige geistig behinderte junge Frau entwickelte ein zunehmend einschränkendes Zwangsverhalten. Sie blieb vor jeder Straßenkreuzung auf der Stelle treten und musste an die Hand genommen werden, um weiterzukommen. Wir erfuhren, dass sie beobachtet hatte, wie eine junge Frau mit einem Kinderwagen eine Straße unachtsam überquert hatte, und ein Auto musste stark bremsen, um sie nicht anzufahren. Im Gespräch mit ihr und ihrer Mutter war zu erarbeiten, dass die junge Frau gern Mutter werden würde, zugleich aber große Angst hatte, dieser Verantwortung nicht gewachsen zu sein. Im Ergebnis war die junge Frau sichtbar erleichtert, als die Mutter beschloss, die Sterilisierung doch zu beantragen, bevor ihre Tochter volljährig war. Wir hörten, dass die Zwanghandlungen sofort nach dieser einzigen Sitzung aufhörten.

48 Mai 2007Dr. K. Ludewig48 Beispiel 2. Susana, eine in Deutschland geborene und aufgewachsene 19jährige Südeuropäerin, litt unter vielfältigen Ängsten und war mehrmals stationär behandelt worden. Im Gespräch mit ihr und ihrer Mutter erfuhren wir von einer sehr engen Beziehung zwischen den Eltern und ihrer einzigen Tochter. Wir bezogen die Ängste auf die Sorge Susanas, dass ihre Fortentwicklung in Richtung auf Ablösung von der Familie zu einer Vereinsamung ihrer Eltern führen würde. Aus Liebe zu ihren Eltern würde sie daher auf ihre Entwicklung verzichten. Die Ängste dienten dazu, sie vom Fortbewegen zurückzuhalten. Nach zwei weiteren Familiengesprächen mit Beteiligung des Vaters waren die Eltern bereit, Susana zu erlauben, allein in die Heimat ihrer Eltern zu gehen. Jahre später hörten wir, dass die einen Jahrzehnt lang anhaltenden hinderlichen Ängste nicht mehr aufgetreten wären.

49 Mai 2007Dr. K. Ludewig49 Beispiel 3. Katy, jüngste Tochter freundlicher Eltern, wurde mit 17 Jahren schwer magersüchtig. Während der stationären Behandlung erfuhren wir von einer sehr engen Mutter-Tochter Beziehung. Auf unsere gezielten Fragen hin berichtete Katy in den Familiengesprächen, dass sie es ihrer Mutter nicht zutraue, ohne Tochter auszukommen und ihrem Vater noch weniger zutraue, sich so um seine Frau zu kümmern, dass er die Ablösung der Tochter bewältigen könnte. Die Trennung durch den stationären Aufenthalt verdeutlichte beiden Seiten, dass Kind und Eltern durchaus in der Lage waren, ohne einander zu leben. Gesichert durch den stationären Rahmen erlaubte sich Katy, den Aufstand gegen die Eltern zu proben. Sie überstanden ihn problemlos. Katy konnte mit ausreichendem Gewicht entlassen werden. Es gab nach unserer Kenntnis keinen Rückfall.

50 Mai 2007Dr. K. Ludewig50 Beispiel 4. Gesprächsausschnitt aus der 4. Sitzung einer Familientherapie. Anwesend sind beide Eltern. Der Sohn, der Probleme hat und macht, bleibt weg. Beide Eltern klagen über die Belastungen, die durch den Sohn entstehen. Mu:Ich könnte Klaus nicht ganz ad acta legen. Das kann ich nicht. Wir lieben ihn ja. Obwohl ich manchmal entsetzlich wütend auf ihn bin. Va: Ich weiß nicht einmal, ob es nutzt, sich zu sorgen und ihm zu helfen. Mu (weint): Wenn ich wüsste, wie ich besser damit umgehen kann … das Grundproblem ist und bleibt Klaus… Ich reagiere so empfindlich und er (ihr Mann) auch. Wir haben eben verschiedene Ansichten… und so bleibt jeder für sich und allein. Th zu Va: Woran würden sie erkennen, dass Ihre Frau besser damit umgeht? Va: Sie würde weniger weinen, weniger traurig sein. Mu: Ich wäre ausgeglichener, hätte mehr Verständnis für ihn (ihren Mann)

51 Mai 2007Dr. K. Ludewig51 Beispiel 4. (Forts.) Th:Woran würden Sie erkennen, dass das Problem vorbei ist? Mu:Als wenn uns eine Last abgenommen wäre. Als wären wir wieder mehr mit uns eins… Wir würden uns mehr in Arm nehmen… Aber wir tun es ja, wir sind uns einig, tun viel zusammen. Va (weint): … ja, wir tun viel zusammen… haben es immer getan. Therapeutische Intervention: Nach einigen Versuchen, das Ehepaar für Zurückhaltung zu gewinnen, stellt man beim dritten Reflecting Team fest, dass die Eltern offenbar nicht anders können: sie müssen dem Sohn helfen, ihm beistehen. Statt weiterhin Veränderung anzustreben, werden regelmäßige Begleitungs- gespräche zum besseren Ertragen des Unveränderlichen angeboten. Das Paar fühlt sich verstanden und geht zufrieden nach Hause. Zur Familie: Der Vater ist 79, die Mutter 75 Jahre alt. Der Sohn ist Mittlerer von 3 erwachsenen Kindern; er ist 42 Jahre alt, gelernter Koch und derzeit depressiv. Geht es hier um Ablösung?

52 Mai 2007Dr. K. Ludewig52 Zum Schluss Die Ablösung von Jugendlichen stellt in unserer westlichen Kultur eine komplexe Beziehungsproblematik dar. Sie läuft nicht homogen ab, sondern in jeder Familie anders. Eine adäquate Therapie passt sich diesen Besonderheiten an. Standardlösungen und ein standardisiertes Vorgehen greifen leicht daneben. Therapie mit Jugendlichen ist immer Familientherapie, ob mit oder ohne Anwesenheit der anderen Familienmitglieder. Mit Blick auf die Adoleszenz bietet sich an, statt vom einseitigen Übergang oder von Ablösung eher von beidseitiger Erweiterung zu sprechen. Das Konzept Ablösung (=> physikalische Analogie) bietet in der Therapie oft einen gangbaren Weg, gehemmte Entwicklungen zu entspannen. Die hinderliche Hemmung kann als Liebesopfer definiert werden. Das Kind ist nicht sicher, ob es seine Eltern sich selbst überlassen darf.

53 Mai 2007Dr. K. Ludewig53 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


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